Mittwoch, 29. Mai 2019

Der trügerische Zauber der Illusion

Mit Illusionen täuschen wir uns über Wirklichkeiten hinweg, die uns unangenehm oder unbequem sind. Wir malen uns aus, wie es besser sein könnte, wie sich Umstände zu unseren Gunsten wandeln, Probleme auf magische Weise verschwinden oder eine Person, mit der wir unzufrieden sind, zu einem neuen und viel besseren Menschen wird. Illusionen wirken oft bezaubernd auf ein betrübtes Gemüt, das sich mit der Fantasie aus der misslichen Situation befreien will. Es ist die Flucht in eine bessere und schönere Welt, die uns von unserem Gehirn und seinem Fantasiereichtum angeboten wird. Wir vermeiden die aktuelle Realität mit ihren Ecken und Kanten, um nicht noch mehr Schrammen abzubekommen und versinken in der Welt der Illusionen. Dort ist alles geschmeidig, weich und ideal, und unsere Wünsche gehen leicht in Erfüllung.

Illusionen formulieren Erwartungen an die Realität: sie soll sich gefälligst unseren Wünschen und Träumen entsprechend gestalten. In unserer Fantasie tun wir so, als wäre es schon eingetreten, was wir uns ausdenken. Obwohl wir wissen, dass wir nur in der Fantasie unterwegs sind – und deshalb haben wir es nicht mit Halluzinationen zu tun –, kann uns unsere selbstproduzierte Kopfrealität wichtiger und bedeutsamer werden als die äußere, von uns viel weniger kontrollierbare Realität. Denn diese Welt können wir uns so einrichten, wie sie sein soll, ohne dass uns wer dreinredet und ohne dass sich irgendwelche unliebsame Umstände querlegen.

Im Vergleich zur Wirklichkeit ist die Illusion dumpf und schal. Denn die Wirklichkeit ist immer lebendig voller Überraschungen und neuer Einfälle. Die Illusionen, in die wir uns immer wieder flüchten, sind im Wesentlichen immer die gleichen und kreisen im Kopf in wiederkehrenden Schleifen. Sie stammen aus Gewohnheiten unseres Denkens und Fühlens und nähren sich aus unbewussten Ängsten. Wie wir aus der Trennungstheorie wissen, stammen diese Fluchttendenzen insbesondere aus unverarbeiteten Beziehungsabbrüchen aus der frühen Kindheit. 

Das Leben fließt in Mäandern und unvorhersehbaren Wendungen, manchmal schneller, manchmal langsamer. Es kennt unendlich viele Schattierungen und Nuancen. Es steht nie still und wiederholt sich nicht. Allerdings, wenn wir uns überfordert fühlen vom beständigen Fluss der Veränderungen, flüchten wir in eine Welt, die ganz unserer Kontrolle unterliegt und in der wir das Tempo und die Themen bestimmen können. Diese Welt können wir nach unseren Wünschen und Bedürfnissen einrichten und perfektionieren. Ihr einziger Nachteil besteht darin, dass sie künstlich und irreal ist, ohne eigene Dynamik.

Die perfekte Welt gibt es nur für einen perfekten Verstand, und diesen gibt es nicht, und selbst wenn wir ihn hätten, könnten wir ihn nicht kontrollieren. Deshalb werden wir auf diesem Weg nie zur Zufriedenheit finden. Er stellt zwar einen gewohnten Ausweg zur Verfügung, doch führt uns der scheinbare Ausweg immer wieder zu der Unzufriedenheit zurück, von der er ausgeht und der er abhelfen möchte. 


Viele Spielwiesen der Illusion


Es gibt praktisch keinen Lebensbereich, in dem wir uns nicht einer Illusion hingeben könnten. Häufig mischen sich Illusionen in Liebesdinge ein. Sie gaukeln uns vor, dass wir in den vollkommensten Menschen auf der ganzen Welt verliebt sind. Zusätzlich nähren wir dabei die Illusion, dass wir allein dadurch glücklich sein können, wenn wir genug von diesem vollkommenen Wesen geliebt werden. Also setzen wir alles in unserer Macht Stehende in Gang, um abzusichern, dass wir ausreichend geliebt werden. Auch hier laufen wir Gefahr, unsere Illusion mit der Wirklichkeit der Liebe zu verwechseln.

In beruflichen Zusammenhängen neigen wir zu Illusionen, wenn wir unsere Fähigkeiten überschätzen oder laufend wunderbare Ideen entwickeln, ohne uns um ihre Verwirklichung zu kümmern. Oder wir kümmern uns nicht um die realen Marktbedingungen und Absatzchancen, wenn wir eine neue Geschäftsidee entwickeln, sondern glauben an die an unsere eigene Großartigkeit. Umgekehrt fallen wir manchmal auf Leute herein, die uns bewusst oder unbewusst mit ihrer eigenen Selbstüberschätzung täuschen.

Viele Raucher und andere Substanzabhängige reden sich ein, dass sie zu denen gehören, denen das Gift nichts ausmacht und die damit steinalt werden können, ohne die Suchtgewohnheit verändern zu müssen. Sie beruhigen mit dieser Strategie ihre kognitive und emotionale Dissonanz, was vor allem dann notwendig ist, wenn im eigenen Umfeld Menschen an Lungenkrebs sterben und wenn sie bei jedem Arztbesuch daran erinnert werden, dass sie die Sucht beenden sollten.

Auch in Bezug auf die ökologische Situation neigen viele zu Naivität und Wunschdenken: Jene, die die „Klimahysterie“ anprangern und darauf hoffen, dass sich Tausende Wissenschaftler in ihren Berechnungen geirrt haben, geben sich der Illusion hin, dass schon alles irgendwie gehen wird, ohne dass wir Eingriffe in unsere bequemen Lebensweisen vornehmen müssten. Sie suchen alle halbseidenen und windigen Argumente zusammen, die im Netz herumgeistern, um ihre Illusion zu bekräftigen, wie in dem Witz von den beiden Dinos, wo der eine sagt: „Du glaubst doch auch, dass das mit dem Meteoriten ein Hoax ist“.

In der Nachbarschaft der „Klimaleugner“ treiben sich auch mannigfaltige Verschwörungstheorien herum. Sie sind von der Illusion angetrieben, dass sich komplexe Dinge einfach erklären lassen: Geht die Wirtschaft schlecht, sind die Bilderberger, Freimaurer, Illuminaten oder wer auch immer gerade dabei, noch mehr Geld in ihre Taschen zu schaufeln; geht die Wirtschaft gut, passiert das Gleiche. Sie pflegen den Glauben, dass ein paar Menschen (Männer) die gesamte Weltwirtschaft und Weltpolitik steuern. Dabei schaltet doch James Bond in jedem Film einen dieser Giganten aus, eine gefährdete Spezies. 

Karl Marx hat in seiner Kritik an der Religion den Begriff der Illusion verwendet: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusion über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf.“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 1844) Das jenseitige Glück, das den Menschen vor allem vom Christentum und vom Islam versprochen wird, sei nur eine Illusion, und sobald die Wirklichkeit entsprechend umgestaltet ist, sodass das Glück im Diesseits erfahrbar wird, würde sich die Illusion erübrigen, die Religionen sterben aus. 

Marx selber hing der Illusion an, dass sich die ökonomischen Umstände durch revolutionäre Aktivitäten so umgestalten ließen, dass alle zum Glück fänden. Obwohl sich seither für viele Menschen der Wohlstand verbessert hat, ist nicht unbedingt das Ausmaß an Glück gestiegen.

Schließlich spielen die Illusionen in spirituellen Zusammenhängen eine wichtige Rolle. So schreibt z.B. Jiddu Krishnamurti: „Entweder sind Sie sich des chaotischen Zustands der Welt bewusst, oder Sie schlafen nur, leben in einer Phantasiewelt, einer Illusion.“ (Total Freedom, 1996) Das hinduistische Konzept von Maya besagt, dass wir alle eingesponnen sind in eine Illusion des begrenzten und abgetrennten Ichs, das nichts mit der wahren, befreiten Natur des Menschen zu tun hat. Aufgabe des spirituellen Weges ist es, die Illusionen zu durchschauen und aufzulösen und zur Wahrheit über das Sein vorzudringen. 


Von der Scheinwelt zur Wirklichkeit


In all diesen Zusammenhängen geht es darum, den trügerischen Zauber der Illusionen zu durchschauen. Nur dann können wir diese Scheinwelten hinter sich lassen, um der Wirklichkeit zu begegnen, die unser eigentliches Leben ist. Wir sind aus Fleisch und Blut, im Hier und Jetzt, in diesem Feld spielt sich unser Leben ab. Sobald wir uns Illusionen hingeben, weichen wir diesem unseren Leben aus. Manchmal brauchen wir das scheinbar, weil wir uns überlastet und überfordert fühlen. Das sollte uns einfach nur bewusst werden, dann bleibt das Illusionieren harmlos. „Ich spinne jetzt ein wenig vor mich hin, wie einfach und angenehm das Leben sein könnte, um mich dann wieder den Aufgaben zu widmen, die mir das Leben stellt.“

Manchmal allerdings merken wir gar nicht, dass wir in unseren Illusionen unterwegs sind, in einem Ersatzleben, das wir aus unseren Fantasien zusammenzimmern. Das geht oft lange gut, bis wir auf eine Wirklichkeit stoßen, die stärker ist als unser Wunschdenken und uns mit tragischer Wucht aus unserer Traumwelt reißt.

Wie entkommen wir unserer Tendenz zum Illusionieren? Wie können wir rechtzeitig in die Realität zurückfinden, ohne dass uns das Leben die Lektion erteilen muss? Die einfachste Möglichkeit besteht darin, uns über den Bezug zu unserem Körper in die Gegenwart zu bringen. Unser Körper ist die nächste, greif- und begreifbare Realität für uns, und wenn wir uns auf den Atem fokussieren, sind wir ganz bei uns. Sind wir auf diese Weise in Kontakt mit uns selbst, spüren wir auch die Kraft, dass wir uns der Komplexität unserer Lebenswelt stellen können und ihre Herausforderungen meistern können. 

Der Seelenkenner Arthur Schnitzler hat geschrieben: „Eine Illusion verlieren, heißt um eine Wahrheit reicher zu werden. Doch wer den Verlust beklagt, ist auch des Gewinnes nicht wert gewesen.“ Es geht also zunächst darum, zu erkennen, dass die Wahrheit bedeutsamer und wichtiger ist als die Illusion, sodass wir uns immer verbessern und in unseren Möglichkeiten erweitern, wenn wir mehr Wahrheit und Wirklichkeitsbezug erfahren, mag es auch zeitweilig unangenehmer und belastender erscheinen. Diese Tatsache sollten wir wissen und anerkennen. Damit entgehen wir der Falle, der Illusion nachzutrauern, was nur dazu führen kann, dass wir uns die nächste Illusion suchen.

„Die Wahrheit wird euch frei machen“, heißt es im Johannes-Evangelium. Die Bereitschaft, dass wir uns unserer inneren und der äußeren Wahrheit stellen, ist die Voraussetzung für die Freiheit. Das Einspinnen in Illusionen lässt uns in der Unfreiheit beharren und schwächt unsere Kraft, unsere Lebenswirklichkeit kreativ zu gestalten.

Zum Weiterlesen:
Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik
Wahrheit und Illusion

Die Illusion des bewussten Selbst
Erzeugen wir unsere Gedanken?


Samstag, 25. Mai 2019

Privileg Flugreisen

Fliegen wir, solange es noch so billig ist, und nutzen wir dabei die Großzügigkeit der Unterstützung durch die öffentliche Hand! Zählen wir uns zu den Privilegierten, die in den Genuss von Förderungen kommen, ohne irgendeinen Finger dafür rühren zu müssen. Alles, was notwendig ist, ist einen Flug zu buchen, und schon fällt der Geldsegen auf uns.

Aber was, wir müssen ja auch bezahlen, und die Fluglinien und Reiseanbieter werden immer unverschämter. Sie verrechnen Gepäckstücke, Sitzplatzwahl und jede Kleinigkeit zum Essen und Trinken zu überhöhten Preisen. Wo ist da irgendeine Begünstigung? Die angepriesenen Billigstpreise kriegt man ja ohnehin nie, also zahlt jeder Fluggast einen angemessenen Preis für die Leistung. 

Hochsubventioniertes Verkehrsmittel


Auch in diesem Bereich ist alles relativ. Die gesamte Branche des Passagierfluges ist hochsubventioniert. Im Chicagoer Abkommen kam es im Jahr 1944 zu einer Einigung, dass der Flugzeugstreibstoff Kerosin von der Mineralölsteuer ausgenommen wird. Seither hat sich daran nichts geändert, das Privileg wurde beibehalten und wird von der fliegenden Minderheit und der nichtfliegenden Mehrheit aller Länder stillschweigend toleriert. Für Österreich ergibt das für die Flugbranche eine jährliche Ersparnis von knapp einer halben Milliarde Euro pro Jahr, die als Steuereinnahme in den Staatssäckel fließen könnte, wenn es in diesem Bereich die entsprechende Gerechtigkeit gäbe. Dazu kommt, dass Tickets für Auslandsflüge von der Mehrwertsteuer befreit sind, was eine weitere versteckte Subvention für diesen Bereich in der Höhe von 185 Millionen Euro jährlich bedeutet. Außerdem müssten in Österreich alle Regionalflughäfen (außer Wien-Schwechat) schließen, wenn sie nicht mit öffentlicher Unterstützung über Wasser gehalten würden. Selbst bei der Errechnung der Klimaziele, zu denen sich die Staaten verpflichtet haben, werden die CO2-Emissionen von Flugzeugen nicht mitberechnet.

Es findet also fortwährend eine Umverteilung von den Nichtfliegern zu den Fliegern statt, die hingenommen wird und offenbar niemanden stört, weil es nicht auffällt und alle, die fliegen, die günstigen Preise genießen. In Österreich beträgt allerdings der Anteil der Nichtflieger ein Drittel der Bevölkerung, und nur 17% fliegen öfter als einmal pro Jahr. Während Geschäftsreisen zurückgehen, sind die Kurzstreckenflüge in Europa stark im Zunehmen, in dem Kontinent mit den stärksten Flugbewegungen überhaupt. Weltweit werden 4 Milliarden Fluggäste gezählt, die vor allem aus den reichen Ländern kommen, während etwa 97% der Inder nie ein Flugzeug bestiegen haben. 

Ein gravierender Aspekt, der immer mehr Menschen bewusst wird, liegt darin, dass auf diese Weise nicht irgendeine Verkehrsart gefördert wird, sondern gerade jene, die am umweltschädlichsten und unwirtschaftlichsten ihre Geschäfte macht. Man stelle sich ganz einfach vor, wieviel Energie es benötigt, den eigenen Körper mit seinem Gewicht auf 10 000 Meter hochzubringen und dort mit 800 Stundenkilometern vorwärts zu bewegen. Dagegen ist jede Fortbewegung auf der Erde im Vorteil, weil sie nur in der Horizontalen erfolgt. 

Deshalb ist klar, dass wir mit einem einzigen Kurzurlaub das gesamte klimaverträgliche Jahresbudgets eines Menschen verbrauchen können, z.B. durch einen Flug Wien-Lissabon retour. Alles, was wir darüber hinaus noch verbrauchen, ist gewissermaßen eine Hypothek auf die Zukunft, in der radikal gespart werden müsste, um wieder auf Gleich zu kommen. Der durchschnittliche Jahresverbrauch eines PKW mit 12 000 gefahrenen Kilometern entspricht in etwa dem Verbrauch eines Fluges Wien-Madrid-Wien. Dazu kommt noch, dass sich die CO2-Emissionen von Flugzeugen in großer Höhe für die Atmosphäre um das 2,7 fache schädigender auswirken als die Emissionen auf dem Boden. 

Mit Preisschnäppchen Wochenenden um Wochenenden Städte wie Bratislava, die an Billig-Airlines angeschlossen sind, zu besuchen, reizt viele, die Abwechslung in ihren Alltag bringen wollen. Wären wir nicht blöd, wenn wir nicht nutzen, was sich anbietet, solange es eben noch geht? Spätere Generationen, die den möglichen Schaden, den wir durch unser Verhalten anrichten, ausbaden müssen, werden uns allerdings nicht unsere Blödheit vorwerfen, sondern unsere Verantwortungslosigkeit und unseren Egoismus, unsere Gier und Kurzsichtigkeit. Wie sollen wir da zur Verantwortung gerufen werden?

Verhaltens- und Systemänderungen


Aus der Sicht der Umweltverträglichkeit, deren eminente Bedeutung uns immer klarer wird, ist es dringend notwendig, dass sich in diesem Bereich etwas grundlegend ändert. Einerseits müsste alles darangesetzt werden, die Flugzeuge emissionsärmer und ressourcenschonender zu bauen, andererseits müssten die Konsumenten selber mehr zum Klimaschutz beitragen, indem die Kostenwahrheit bei den Flugpreisen eingeführt wird. Und schließlich geht für jeden Menschen auch darum, dieses klimaschädliche Verkehrsmittel möglichst selten oder überhaupt nicht zu nutzen.

Es geht also um Änderungen im individuellen Verhalten und um Änderungen in den Systemen. Dass es wirklich im Großen signifikante Verbesserungen gibt, erfordert die Umgestaltung der Systeme –   aber Systeme ändern sich dann, wenn viele Einzelne Signale geben, die dann einen Trend bilden, der die Politik zu Systemänderungen motiviert. Jede individuelle Verhaltensänderung ist ein Signal, das unterbleiben kann, und dann ist der Beitrag null, sprich die Verschlechterung geht ungebremst weiter; ändert jemand das Verhalten, so ist der Beitrag irgendwo knapp über null, und das macht schon einen wichtigen Unterschied. Systeme können nur von der Politik umgebaut werden, die Politik verändert aber nur dann, wenn genügend Einzelne anders handeln. Die öffentliche Verwaltung beginnt erst dann mit dem Bau von Radwegen, wenn genügend Menschen mit dem Rad fahren. Sobald Radwege gebaut werden, steigt die Zahl der Radfahrer usw.

Gewohnheiten ändern


Bei uns als Individuen geht es um die Änderung von Gewohnheiten. Gewohnheiten sorgen dafür, dass wir bei unseren Einstellungen und Handlungsweise verbleiben, oft auch wider besseres Wissen. Es ist ökonomischer, wenn wir uns nichts Neues überlegen müssen. Deshalb braucht es starke Motive, um aus einer Gewohnheitsschleife auszusteigen. 

Unter der kognitiven Dissonanz versteht man die psychologische Spannung zwischen unserem Verhalten und unseren Einstellungen oder Werten. Wir haben z.B. die Einstellung, dass das Fliegen umweltschädlich ist. Aber zugleich haben wir die Lust, bequem einen anderen Ort zu erreichen, um dort ein nettes Wochenende oder einen Urlaub zu verbringen. Um die Spannung zu unseren Werten zu verringern, sagen wir uns, dass wir im Vergleich zu anderen nur selten fliegen oder dass, wenn wir nicht fliegen, jemand anderer an unserer Stelle fliegen würde oder dass wir uns in anderen Bereichen sehr für Umweltschutz und Klima engagieren. Wir suchen also Argumente, die unsere innere Dissonanz schwächen und damit verringern, und sie dienen uns bei der Beruhigung unseres ökologischen Gewissens. 

Auf diese Weise manipulieren wir uns selber. Wir tricksen uns aus, indem wir alle möglichen Ausreden suchen und finden. Unser Verhalten bleibt aber umweltschädlich, gleich welche Entkräftungen wir uns einfallen lassen. Wir tragen die Verantwortung für dieses Verhalten und seine Konsequenzen, niemand sonst. Das schlechte Gewissen, das uns dabei plagt, bleibt, und wir müssen es immer wieder mit unseren Gegenargumenten abstellen.

Widersprüche aushalten


Statt durch Rationalisierungen und Gedankenoperationen unsere kognitive Dissonanz aufwändig zu reduzieren, können wir bewusst die Widersprüche aushalten, in die wir durch unser wertinkonsistentes Verhalten geraten. Wir reden uns nicht ein, dass das, was wir tun, in Ordnung oder ohnehin nicht schlimm ist, sondern anerkennen, dass wir mit unserem Verhalten Schaden anrichten und dass wir in Widerspruch zu dem handeln, was uns wichtig ist. Statt uns kognitiv aus dem Dilemma herauszuwursteln, bleiben wir drin und gestehen uns ein, was wir tun, obwohl wir es eigentlich nicht wollen, bzw. Obwohl wir die Schäden, die wir damit anrichten, verhindern wollen.

Das Aushalten der kognitiven Dissonanz, ohne in heuchlerische Ausreden zu flüchten, lässt uns unsere Selbstverantwortung spüren. Und dann kommt es vielleicht da oder dort zu Verhaltensänderungen, indem wir zu unseren Werten stehen. Wir merken, dass es nicht mit Verzicht, sondern mit Gewinn verbunden sein kann, die Gewichte in unserem Handeln zu verschieben, indem wir z.B. ein freies Wochenende nicht in einer Stadt verbringen, die wir nur mit dem Flugzeug erreichen können, sondern in einer anderen, in die wir bequem mit dem Zug kommen.

In Schweden macht der Begriff der Flugscham die Runde: Wer das Flugzeug ohne triftigen Grund nutzt, soll sich schämen. Doch ein schlechtes Gewissen, das dadurch entsteht, dass wir mit dem Finger aufeinander zeigen, bringt uns nicht weiter, weil es Spannungen und inneres Leid verursacht und statt Verhaltensänderungen nur die Abwehrmechanismen stärkt. Wissenschaftliche Studien haben herausgefunden, dass Menschen, die beschlossen haben, nicht mehr zu fliegen, vor allem durch andere Nicht-Flieger inspiriert waren. Eine Studie ergab, dass etwa die Hälfte der Befragten seltener mit dem Flugzeug reist, weil sie jemanden kennen, der gar nicht mehr fliegt. Drei Viertel sagten, es habe ihre Haltung zum Fliegen verändert und nur sieben Prozent meinten, es habe sie gar nicht beeinflusst.

Wir können also ein Beispiel geben und andere beeinflussen, das führt einerseits dazu, dass ein bestimmtes Verhalten nicht mehr als die gewohnte und unhinterfragte Norm gilt, sondern auch anders sein könnte. Andererseits regt es zur Nachahmung an und hilft beim Abbauen der kognitiven Dissonanz. Durch unser Verhalten schicken wir Signale aus, die andere, die unsicher sind, was gut ist und was nicht, aufgreifen. Niemand will negativ auffallen und statt dessen das tun, was viele andere tun. Wenn es das Nicht-Fliegen in der eigenen Umgebung gibt, wird es zu einer lebbaren Alternative, die dann im eigenen Leben eine Chance bekommen kann.

Alternativen braucht es auch auf der Ebene der politischen Systeme, und auch dort wirkt die Nachahmung. Ein Land beginnt mit der Verbannung der Plastiktaschen oder mit der Besteuerung von Finanztransaktionen, und andere nehmen sich ein Beispiel, weil sie sehen, es geht ja doch. Solche Initiativen bräuchte es auch im Bereich des Flugverkehrs. 

Quellen:
Darf ich noch fliegen? (Falter 15.5.2019)
Flieg doch einfach und nerv mich nicht! (DerStandard, 21.5.2019)

Zum Weiterlesen:
Nachhaltigkeit in der Demokratie

Ökologie und Ausreden
Nachhaltiger Konsum - aber echt
Klimaabgabe für mehr Verantwortung


Samstag, 18. Mai 2019

Die Trennungstheorie und wie wir wieder eins mit uns werden

Die Trennungstheorie (separation theory) ist ein psychologisches Modell, das die US-Psychologen Robert und Lisa Firestone entwickelt haben. Es geht dabei um die Erfahrung als selbstständige und getrennte Wesen, die wir alle im Lauf unserer Entwicklung machen müssen. In diesem Prozess kann es leicht dazu kommen, den intimen Bezug zu sich selbst zu verlieren, weil die mit den Trennungserfahrungen verbundenen Ängste zu stark sind. 

Der Trennungstheorie liegt ein Menschenbild zugrunde, das sich weitgehend mit der humanistischen Psychologie deckt und hier in einer kurzen Übersicht vorgestellt wird.

Jedes Individuum wird mit grundlegenden Qualitäten geboren, die unsere Gattung von den anderen Tieren unterscheiden, nämlich die einzigartige Fähigkeit, Mitgefühl für sich selbst und andere zu empfinden, die Fähigkeit zu abstraktem Denken und Schaffen, die Fähigkeit, sich Ziele zu setzen und Strategien zu deren Erreichung zu entwickeln, ein Bewusstsein für existentielle Themen, die Suche nach Sinn und sozialer Zugehörigkeit und das Potenzial, die Heiligkeit und das tiefere Geheimnis des Lebens zu erkunden. 

Viele von diesen in den Menschen angelegten Qualitäten gehen im Lauf der Entwicklung verloren oder verkümmern mangels Förderung und emotionaler Bestätigung. Nach Ansicht der Trennungstheorie wird das Leben als eine Abfolge von Trennungserfahrungen verstanden, die uns mit Einsamkeit und mit dem Tod konfrontieren. Trennungserfahrungen sind immer mit Angst verbunden. Die Strategien, diese Ängste zu bewältigen, und die Abwehrmechanismen, die sich daraus ableiten, bestimmen die weitere emotionale Entwicklung.  

Irgendwann verstehen Kinder, dass ihre Eltern sterben werden, und das ist eine erschreckende Einsicht, aus der heraus sie sich an ihre Eltern anklammern, physisch und emotional. Denn sie können sich realistischerweise nicht vorstellen, ohne Eltern zu überleben.

In einem weiteren Entwicklungsschritt erkennen sie schließlich, dass alle Menschen sterblich sind, sie selber also auch. Das ist eine erschreckende und zutiefst beunruhigende Einsicht. Damit geht auch die Vorstellung von einer dauerhaften Welt verloren. Die Existenzängste, die dadurch ausgelöst werden, führen zu einem Kernkonflikt: Die Gefühle zu spüren und mit Mitgefühl für sich zu bewältigen, oder eine Strategie zu wählen, um sich vor den Gefühlen zu schützen.

Jeder Mensch hat die Alternative, angstvolle oder schmerzhafte Empfindungen zu unterdrücken oder sich ihnen zu stellen. Die Trennungstheorie weist auf diesen Gegensatz hin. Im einen Fall werden im Leben Fantasien und Illusionen vorherrschen, während im anderen Fall das Leben mit Gefühlen und Zielen gestaltet wird. In dem Maß, in dem Menschen ihre Beziehungen hauptsächlich aus der Fantasie leben, erleben sie sich selbst weitgehend als Objekte und behandeln sich so, wie sie von ihren Eltern oder Lehrern behandelt wurden.

Wenn wir uns diese Alternative bewusst machen, erkennen wir, dass wir in jedem Moment vor der Wahl stehen, vor den negativen Aspekten der eigenen internen Programmierung zu kapitulieren oder uns in Richtung Individuation und Selbstwerdung zu bewegen. 

Grundkonzepte der Trennungstheorie 

Die Fantasie-Bindung - Die primäre Verteidigung 


Das Kind kompensiert emotionale Traumata, Trennungserfahrungen und existentielle Angstzustände, indem es eine Fantasiebindungen oder imaginäre Beziehung zu einer Erziehungsperson herstellt. Dieser Fantasieprozess baut Stress ab und kann zunehmend süchtig machen. Der Grad, in dem Kinder von dieser illusorischen Verbindung abhängig werden, entspricht dem Ausmaß an Schmerz, Frustration und Angst, das sie beim Aufwachsen erlebt haben.  

Auf einer unterbewussten Ebene bietet die Fantasiebindung ein wenig Erleichterung von der Angst vor dem Tod und hilft, eine Illusion von Unsterblichkeit aufrechtzuerhalten.  

Es gibt laut der Trennungstheorie vier wichtige Dynamiken im Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung der Fantasiebindung:  
(1) Die Idealisierung der Eltern,  
(2) die Verinnerlichung der negativen Einstellungen der Eltern,  
(3) die Projektion der Eigenschaften der Eltern auf andere, und  
(4) die Identifizierung mit den negativen Persönlichkeitsmerkmale der Eltern und deren Umsetzung im eigenen Leben. 

Die Fantasiebindung beinhaltet notwendigerweise eine gewisse Verzerrung der Realität; je mehr sich jemand auf diese Form der Fantasiebefriedigung verlässt, desto mehr ist er im Umgang mit der realen Welt und ihren Herausforderungen eingeschränkt.  Wenn diese defensive Fantasiewelt extreme Ausmaße annimmt, wird die Fähigkeit, effektiv zu funktionieren, ernsthaft beeinträchtigt. 


Die Stimme 


Unter „Stimme“ wird in der Trennungstheorie ein gut integriertes Muster von negativen Gedanken verstanden, das die Fantasiebindung unterstützt und den Kern des fehlangepassten Verhaltens in einem Individuum bildet. Es ist nicht wirklich eine Halluzination, sondern ein System von kritischen und destruktiven Gedanken, das die Persönlichkeit infiltriert und überlagert. Die Person kann dann nicht natürlich oder harmonisch aus sich selbst heraus handeln, sondern wird von Antrieben gelenkt, die von außen gelernt oder aufgezwungen werden. Es stellt die Verinnerlichung kritischer, ablehnender, feindseliger und traumatischer Einstellungen dar, die das Kind erlebt hat. 

Die Stimme kann als eine sekundäre Verteidigung betrachtet werden, die die Fantasiebindung unterstützt. Die Stimmen reichen in ihrer Intensität von kleiner Selbstkritik bis hin zu großen Selbstangriffen und fördern selbstberuhigende Gewohnheitsmuster, Isolation und einen selbstzerstörerischen Lebensstil. Stimmangriffe richten sich sowohl gegen andere als auch gegen sich selbst. Beide Arten von Stimmen – diejenigen, die das Selbst herabsetzen und diejenigen, die andere Menschen angreifen – leisten der Selbstentfremdung Vorschub.

Aus den Erkenntnissen der Trennungstheorie hat das Ehepaar Firestone eine eigene Stimmtherapie entwickelt, eine kognitive Verhaltensmethodik, die solche verinnerlichten Denkprozesse an die Oberfläche bringt und es den Klienten ermöglicht, sich mit den fremden internalisierten Komponenten der Persönlichkeit produktiv auseinanderzusetzen. Es wird dadurch unterscheidbar, was zum Kern der eigenen Person gehört und was von äußeren Instanzen entlehnte Anteile sind. 
Wenn Klienten lernen, ihre selbstkritischen Gedanken in der grammatikalischen Form der zweiten Person auszudrücken, werden starke Emotionen geweckt und zuvor unterdrückte Gedanken, Gefühle und Erinnerungen kommen ans Licht. Das Ausmaß an Selbsthass und Zorn auf sich selbst, das zum Ausdruck kommt, weist auf die Tiefe und Durchgängigkeit dieses selbstzerstörerischen Prozesses hin.

Nachdem sie den Inhalt ihrer destruktiven Gedanken identifiziert haben, lernen die Klienten, diese antagonistischen Einstellungen von einer realistischeren Sicht auf sich selbst zu unterscheiden. Sie werden objektiver und, was noch wichtiger ist, sie beginnen zu verstehen, wo die eigentliche Quelle ihrer Selbstangriffe zu finden ist. 


Fazit 


Als Folge der uralten Wunden, die wir in unserer persönlichen Entwicklung abbekommen haben, verstärkt durch existentielle Angst, entwickeln wir psychologische Abwehrkräfte, die ein Minimum an Komfort bieten, aber auch ein beträchtliches Maß an Fehlanpassung zur Folge haben. Statt unsere Realitätserfahrung weiterzuentwickeln, glauben wir mehr an unsere Fantasien, die aber nur Manifestationen unserer Abwehrversuche darstellen.  

Bis zu einem gewissen Grad sind wir alle von solchen Fantasieprozessen abhängig und verlassen uns auf sie. Wir leben mit einem verdeckt destruktiven Blickwinkel, der sich zutiefst negativ auf unsere Persönlichkeit und die allgemeine Anpassung im Leben auswirkt. Leider sind wir uns weitgehend nicht bewusst, dass wir gespalten oder gegen uns selbst eingestellt sind. Wir sind uns nur teilweise bewusst, dass wir einen feindlichen, selbstverleugnenden und selbstaggressiven Aspekt unserer Persönlichkeiten besitzen und weitgehend durch dessen Einfluss eingeschränkt und kontrolliert werden. 

Die Stimmtherapie, in der die Klienten ihre negativen Gedanken oder Stimmen enthüllen, die befreiende Wirkung erkennen und Einblicke in die Ursprünge gewinnen, modifizieren sie allmählich ihr Verhalten, verbessern ihre Anpassung und bewegen sich auf die Erfüllung ihrer Ziele zu. Der Prozess beinhaltet die Abkehr von restriktiven Abwehrmaßnahmen und fehlangepassten Reaktionen und den Übergang zu Unabhängigkeit und Autonomie. 

Die Trennungstheorie bietet keine Lösung für die Grundfragen unserer Existenz oder für die unvermeidlichen Wechselfällen des Lebens; sie beschreibt jedoch, wie Menschen ein Leben voller Mut und Integrität wählen können, in dem Gefühl und Selbstwahrnehmung wirklich geschätzt werden. Wir lernen, das existenzielle Dilemma zu verstehen, ohne auf falsche Lösungen zurückzugreifen und den Konflikt durch Schmerzmittel und andere Abwehrmechanismen abzuschwächen.  Wir können ein wahrhaftiges und gefühlvolles Leben führen, das unserem wahren Selbst und den Menschen in unserer Umgebung gerecht wird. Das Bewusstsein unserer endlichen Existenz kann das Leben und Leben umso wertvoller machen und bietet ein echtes Potenzial, persönliche Freiheit und ein Leben mit Sinn und Mitgefühl zu erlangen. 

Für Eltern und Erziehungspersonen ist es wichtig zu verstehen, wie sensibel das Thema Trennung, Endlichkeit und Tod für Kinder ist und dass sie in diesen Fragen eine kompetente und verständnisvolle Gesprächsbegleitung brauchen, um mit ihren Ängsten zurecht zu kommen.

Literatur:
Robert Firestone: The Enemy Within: Separation Theory and Voice Therapy. Zeig, Tucker, and Theisen 2017 

Montag, 13. Mai 2019

Der Terrorismus und unser Kopf

Viele sehen im Terrorismus die Hauptbedrohung unserer Zeit und die größte Herausforderung. Die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache. Seit 2001 gibt es in der EU durchschnittlich 50 Todesopfer im Jahr – jede Ermordung durch Terroristen ist zuviel und eine schreckliche Tragödie. Aber verglichen mit 80 000 jährlichen Verkehrstoten in der EU und Todesfällen durch Luftverschmutzung und ungesunde Lebensweisen (z.B. Zuckerkonsum) sind die Zahlen verschwindend klein. Offenbar haben wir viel mehr Angst vor dem Terror als vor Zucker und wir erwarten uns vom Staat, dass er uns vor dem einen zuverlässig schützt, während er sich in den Zuckerkonsum nicht einmischen sollte. Die Staaten investieren auch große Beträge in die Terrorbekämpfung und vergleichsweise sehr wenig in die Gesunderhaltung der Bevölkerung.

Der Terrorismus ist, im Gesamten betrachtet, eine sporadische Randerscheinung. Dennoch nimmt er in unseren Köpfen einen beträchtlichen Raum ein, in dem Bilder von zusammenbrechenden Türmen, vermummte Gestalten, Blut und Waffen gespeichert sind. Alle diese Bilder lösen Ängste aus und erzeugen Gefühle von Unsicherheit und Schutzbedürftigkeit, aber auch von Hilflosigkeit, weil wir denken, dass es uns jederzeit selber treffen könnte und wir nichts tun könnten, wenn neben uns eine Bombe explodierte. Wir reagieren auf Bilder des Schreckens mit unserem Angstzentrum, gegen das der rationale Verstand eine schwache Rolle einnehmen kann. Unser Angstzentrum ist so eingerichtet, dass es solche Bilder besonders dauerhaft abspeichert, ohne zu wissen, dass sie direkt mit unserem Leben gar nichts zu tun haben. 

Terrorakte sind Zeichen von Hilflosigkeit


Terroristische Aktionen sind militärisch betrachtet schwache Maßnahmen. Sie üben eine schwache zerstörerische Wirkung aus. Selbst die 9/11-Angriffe, mit 3000 Todesopfern die größten im Westen verübten, haben auf das Funktionieren des US-Staates in der Wirtschaft und in der Verteidigung kaum einen störenden Einfluss ausgeübt, nicht vergleichbar mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour 1941. Terrorakte sind keine Kriegshandlungen, sie zielen auch gar nicht darauf ab, den Gegner zu besiegen, sondern sie wollen ihn im Inneren destabilisieren. 

Terrorakte setzen militante Gruppen, die sonst keine anderen Möglichkeiten haben, um ihre Ziele zu erreichen. Sie sind für die Angreifer äußerst riskant, und sie müssen deshalb ideologisch hoch motiviert sein. Terrorgruppen reagieren aus einer Situation der totalen Unterlegenheit gegenüber Militär und Polizei.  Ihre Attacken wirken wie Verzweiflungsaktionen, als gäbe es keine andere  Chance, auf aus eigener Sicht unhaltbare Zustände aufmerksam zu machen.

Der autoritäre Überwachungsstaat als Frucht des Terrorismus


Wirklich verändert hat die Welt noch kein einziger Terrorüberfall an sich. Nur die indirekten Folgen waren gravierend. Was sich verändert hat, ist die Rigorosität der Maßnahmen, die die Regierungen ergreifen, um den Terror möglichst weitgehend auszuschalten. Vor allem die gekränkten US-Amerikaner haben zwei relative erfolglose Kriege angezettelt, um den Terrorismus an der Wurzel auszurotten. Seither gilt der Terrorismus als Kriegsgrund, so als wäre er ins Völkerrecht aufgenommen worden. Fühlt sich ein Staat durch Terrorismus bedroht, kann er einen Krieg anzetteln; diese Norm hat die größte Supermacht der Welt gesetzt. Viele kleinere Machthaber haben die Idee aufgegriffen, und der „Kampf gegen den Terrorismus“ wird als Mäntelchen über die Unterdrückung von Minderheiten gebreitet. Die Diktatoren haben schnell gelernt, dass sie jeden, der gegen sie ist, als Terroristen bezeichnen können, und damit sind alle Mittel erlaubt.

An vieles haben wir uns schon gewohnt und haben vergessen, dass es Zeiten gegeben hat, wo wir uns nicht Kontrollen und Leibesvisitation aussetzen mussten, um in ein Flugzeug steigen zu können. Oft hat man den Eindruck, die Politiker und Beamten nehmen den Terror zum Anlass, um ihre Überwachungsvorstellungen samt Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte widerspruchslos durchsetzen zu können. Der gläserne Bürger und Videokameras an allen Ecken und Enden ist damit  die hauptsächliche reale Auswirkung des Terrorismus. Bald wird uns auch die Dauerüberwachung nicht mehr stören, weil wir ja annehmen, dass sie zu unserem Besten ist. Wir werden uns auch daran gewöhnen, dass Menschen schon auf Verdacht hin verhaftet werden, und in nicht allzu langer Zeit wird ein Algorithmus ausrechnen, wer mit welcher Wahrscheinlichkeit einen Terrorakt begehen könnte und deshalb vorsorglich eingesperrt werden muss.

Der Terror im Kopf


Terrorakte wirken also psychologisch und wollen auch psychologisch wirken, auf die eigenen Anhänger und auf die Gegner. Die Anhänger sollen motiviert werden, selber Anschläge zu verüben und die Gegner, die meist nicht Staaten sind, sondern „Kulturen“, „Gesellschaften“ oder Religionen, sollen verunsichert werden und das Gefühl bekommen, dass sie von ihrem Staat nicht geschützt werden können. 

Diese destablisierende und demoralisierende Wirkung wird von den Medien noch zusätzlich gestärkt, die sich damit an die Seite der Angreifer stellen. Terrorakte haben den Charakter von Sensationen, sie liefern meist eindrucksvolle Bilder und sorgen für spannende Momente in den Nachrichtensendungen. Kriege, die wesentlich mehr Menschenopfer und materielle Zerstörungen anrichten, kommen meist nur am Rand vor, weil ein permanentes Sterben in einer der von Krieg überzogenen Regionen keinen Neuigkeitswert mehr hat als wenn irgendwo, von wo wir sonst nichts hören, eine Bombe hochgeht oder ein Attentäter mit einem Fahrzeug in die Menge fährt.

Der Terror wird also in den Angstzentren in unseren Köpfen am Leben gehalten und steigert den Angstpegel, unter dem wir durch unser gestresstes Leben ohnehin schon leiden. Wir wissen vielleicht, dass wir in den sichersten Ländern der Welt leben, fühlen uns aber mit jeder Meldung von Terrorüberfällen in unserer Unsicherheit und Hilflosigkeit bestätigt. Damit geschieht genau das, was die Terroristen erreichen wollen. 

Es würde genügen, mit den Opfern und ihren Angehörigen Mitgefühl zu empfinden und die eigenen Ängste mit der Realität zu konfrontieren, um sie zu beruhigen. Wir sind nicht verpflichtet, den Terrorismus in unseren Köpfen zu füttern und zu pflegen. Wir wissen um unsere Endlichkeit und können nicht ausschließen, dass unser Ende durch einen Terrorakt eintritt; es ist aber eine der unwahrscheinlichsten Möglichkeiten. 

Zum Weiterlesen:
Der Terror und die Gewalt in uns allen
Der Terror und das Ende des Islam
Braucht es einen Krieg?


Mittwoch, 8. Mai 2019

Links-Rechts – Versuch einer Unterscheidung

Die Etikettierung “links” und “rechts” wird immer wieder in der politischen Diskussion vorgenommen, in letzter Zeit verschärft um die Variante “linkslinks” (gerne von rechter Seite für die Wochenzeitung “Der Falter” verwendet). In diesem Artikel soll es darum gehen, ein paar Aspekte dieser Gegenüberstellung näher zu beleuchten. Es ist klar, dass es bei dieser Erörterung nicht ohne Pauschalierung geht; es mag “Rechte” oder “Linke” geben, die sich in dieser Charakterisierung nicht wiederfinden. Es gibt Rechte und Linke, die sich selber nicht so einschätzen, aber von vielen anderen so wahrgenommen werden, und es gibt auch das Gegenteil. Ich verhehle nicht, dass ich mehr Sympathien für die linke als für die rechte Orientierung empfinde, aber keinen Bedarf habe, mich irgendwo einzuordnen. Ein Resümee dieser Überlegung liegt darin, dass beide Seite lernen müssen, kognitiv und emotional, wenn sie daran interessiert sind, die Gesellschaft insgesamt zu verbessern, und dass jedes Mitglied der Gesellschaft lernen muss, von beiden Seiten. 

Die klassische Zuordnung und die aktuelle Problematik


Seit der französischen Revolution gibt es die Unterscheidung von links und rechts im Spektrum der politischen Orientierungen. Linker Veränderungswille gegen rechten Wunsch zur Bewahrung des Bestehenden – diese Zuordnung stand am Anfang. Gilt sie auch heute noch?  

Ich schlage hier eine Neudefinition von links und rechts vor, bei der es um die aktuellen Debatten um die weitere Entwicklung der westlichen Gesellschaftsordnungen geht, also in jenen Ländern, die die reichsten der Welt sind. Die Wohlstandssättigung ist zwar relativ, denn nach oben gibt es immer noch Zuwachsmöglichkeiten. Dennoch ist in diesen Ländern der Wohlstand bei so vielen Menschen angekommen wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Dazu kommen noch die hohen sozialen Standards in den west- und mitteleuropäischen Ländern und die weitgehende öffentliche Sicherheit. Was hat die Unterteilung der politischen Landschaft in links und rechts unter diesen Umständen noch zu sagen? 

Links bedeutete seit dem 18. Jahrhundert, auf der Seite der sozial Benachteiligten zu stehen und sich für eine sozialen Ausgleich einzusetzen. Im 19. und 20. Jahrhundert ging es dabei vor allem um die Verbesserung der Rechte der Lohnarbeiter. Je nach Spielart ging es um die Verstaatlichung der Produktionsmittel oder zumindest um eine hohe Besteuerung der Kapitalisten. Die Linken glaubten an den Fortschritt und an eine bessere Zukunft. Rechts war, wer Gott und Vaterland ehrte, alte Werte, Sitten und Hierarchien bewahren wollte, dem Fortschritt nicht traute und sich lieber auf die gute alte Zeit berief und deshalb auch keine grundlegende soziale Veränderung wollte. Dann gab es noch den Liberalismus, der mehr Freiheitsrechte für die Staatsbürger, für die Wirtschaft und die Nationen einforderte. Der Nationalismus, der die eindeutige Zuordnung von Sprach- und Kulturgemeinschaft und Staatsgebiet vertrat, wanderte schon im 19. Jahrhundert von den Liberalen zu den Konservativen und fand dann nach dem 1. Weltkrieg in den faschistischen Bewegungen eine gewaltbereite Form, die in den 2. Weltkrieg mündete. Scheinbar hatte damit der Nationalismus an Anziehungskraft verloren. Ein neuer Konservativismus konzentrierte sich auf den Wiederaufbau und das Vergessen der Schrecknisse und Brutalitäten. Der Liberalismus orientierte sich zunehmend über die Einzelstaatlichkeit hinaus zur Überstaatlichkeit (Gründung der europäischen Gemeinschaft) und wirtschaftlichen Globalisierung. 

Mittlerweile haben sich die Bedeutungen der politischen Zuordnung neulich gewandelt. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari schreibt in seinem Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ davon, dass sämtliche seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlichen „Erzählungen“, also die vorherrschenden Ideologien, ausgedient haben: Die nationalistisch-faschistische hat sich mit dem Nationalsozialismus, dem Holocaust und den Trümmern des 2. Weltkriegs diskreditiert, die kommunistische ist 1989 in sich zusammengebrochen und die liberale hat durch die Abspaltung der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin und schließlich durch die Erfolge des Populismus verloren.  

Die „Sieger“ dieser Bewegung, der US-Präsident Trump, der russische Präsident Putin und die Brexiteers haben zwar wichtige Machtpositionen gewonnen, sie können aber keine Erzählung vorweisen, außer die der Korruption, Selbstbereicherung und Machtgier. Sie haben keine Visionen für die Zukunft mit ihren Verteilungs- und Nachhaltigkeitsproblemen und für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit. Sie bedienen Emotionen, die die Probleme mit einem einfachen „Raus“ lösen wollen: Raus aus der EU, ohne zu wissen, was dann kommt, raus mit den Ausländern, ohne zu wissen, wie das Bevölkerungsproblem gelöst werden kann, raus mit den Liberalen, ein Hauptanliegen des ungarischen Ministerpräsidenten, raus mit den 68ern, ein Hauptanliegen der europäischen Rechtsparteien, usw. Die Idee dabei ist es, dass wenn das „Raus“ gelungen ist, alles besser wird. In Hinblick auf den Brexit ist es mittlerweile für jeden Beobachter einsichtig, welche Chaotik mit einer blinden, verantwortungslosen und kurzsichtigen Entscheidung, hinter der keine Strategie und keine Vision steckt, anrichtet werden kann. Und die Demagogen in all den anderen Ländern, in denen sie an die Macht gekommen sind, haben außer patzigen Reden und Besetzen von einflussreichen Posten keine besonderen politischen Erfolge noch inspirierende Zukunftsvisionen vorzuweisen. 

Psychologie der einfachen Rezepte 


Die Psychologie findet ein reichhaltiges Betätigungsfeld in diesem komplexen Szenario. Allein die Narzissmusforschung bekommt tagtäglich neues Futter durch die Äußerungen und Taten der diversen Potentaten. Nicht selten gehen Menschen in die Politik, um ihre Komplexe ausagieren zu können. 

Hier ein weiteres Beispiel zum Verständnis der “Raus”-Dynamik: Die Vorstellung, etwas, was da ist und den eigenen Vorstellungen im Weg steht, zu beseitigen, um damit Freiheit zu gewinnen, ist emotional einleuchtend und psychologisch verständlich. Vergegenwärtigen wir uns einfach diesen Zusammenhang: Wir alle haben eine Geburt hinter uns und wollten da natürlicherweise die Probleme, vor allem die räumliche Enge gegen Ende der Schwangerschaft, durch das Raus aus der Enge der Gebärmutter lösen. Wir haben uns nicht überlegt, wie es dann weitergeht, warum auch. Wenn wir dieses simple Muster nun auf die komplexen Situationen der Erwachsenenwelt umlegen, können wir nur Schiffbruch erleiden. Denn zum Unterschied von der Geburtssituation haben wir eine Verantwortung für das, was nach unseren Entscheidungen kommt und sollten uns vorher überlegen, was die Resultate sind. Schnellschüsse gehen meist nach hinten los, vor allem wenn sie von Emotionen angetrieben sind. 

Prä- und Postfaschisten 


Der Faschismus markiert aus vielen Gründen eine Zäsur in der europäischen Geschichte. Ich schlage deshalb die folgende erneuerte Unterscheidung von links und rechts vor, in Hinblick auf die Geschichtstherapie, die auf diesen Seiten mehrfach angesprochen wurde. Geschichtstherapie heißt, dass das Potenzial zur Gestaltung der Zukunft aus der Aufarbeitung der kollektiven Traumatisierungen und Belastungen aus der Vergangenheit erwächst. Es geht in unserer Geschichte bei der Einteilung von links und rechts im politischen Sinn vor allem um die Aufarbeitung der Erfahrungen des Faschismus vor 80 Jahren: Links sind Menschen, die eine postfaschistische Gesellschaft wollen und rechts die, die eine präfaschistische Gesellschaft wollen. An den Extremen gibt es dann Auffassungen, die entweder eine neue Form des Faschismus propagieren und die alte verherrlichen oder die Sehnsucht nach der Rückkehr einer kommunistischen Diktatur. Das sind Randphänomene, die aus eben diesem Grund verstärkt zur Gewalt als Mittel der Durchsetzung ihrer Ideen setzen, nach allen Statistiken der letzten Jahre weitaus häufiger auf der rechten als auf der linken Seite. 

Linke sind in der politischen Diskussion jene Menschen, die für eine tiefgehende Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit eintreten, damit die Gesellschaft frei wird von den Lasten der Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft, die zu mehr Gerechtigkeit und Gleichheit führen soll. Rechte sind solche, die eine Aufarbeitung der Vergangenheit für unnötig halten und ihren Sprachschatz aus dieser Zeit beziehen und deren Ideen für die Gestaltung der politischen Ziele nutzen. Von ihrer Seite ist häufig zu hören, man solle endlich aufhören, in der Vergangenheit herumzugraben; andererseits werden die Rechten immer wieder dabei ertappt, dass sie sich genau dieser Vergangenheit im Denken und Reden bedienen. Abgeändert auf die aktuelle Situation, werden die alten Vorurteile des Antisemitismus auf den Islam übertragen, dessen Vertreter mit einem Hass und einer Angstmache bedacht werden, der jenem ähnelt, der die Juden in Nazi-Deutschland der Vernichtung auslieferte. Feindbilder werden aus solchen Ängsten abgeleitet und aufgebaut, um der Politik die Kampfziele vorzugeben. 

Die Einseitigkeit des Diskurses 


Der eklatante Mangel an Intellektualität auf der rechten Seite macht die Linke hilflos, weil es keine ebenbürtige Diskursebene mit den Rechten gibt. All ihre Überzeugungskraft, all ihr humanistisches Engagement trifft auf keine Resonanz, die Antworten kommen statt dessen oft unter der Gürtellinie. Die Linke kann sich auf eine lange Tradition von Dichtern und Denkern berufen, und auf die Nähe zu den Liberalen, mit denen “ein Stück des Weges” gemeinsam gegangen werden kann. Die Linke hat viele wegweisende Intellektuelle hervorgebracht, und viele prominente Intellektuelle hegten und hegen Sympathien für die Linke. Dennoch kann sie dieses geistige Potenzial nicht für Erfolge bei der Masse der Wähler nutzen. 

Auf der rechten Seite herrscht eher gähnende Dumpfheit in diesem Bereich. Manche der Rechten berufen sich auf Friedrich Nietzsche als Ahnherrn für ein rassistisches Denken und müssen bei näherer Beschäftigung mit dem Philosophen des Hammers schnell die Segel streichen. Die Identitären beziehen sich auf Carl Schmitt, einen nationalsozialistischen Staatsrechtler, und Ernst Jünger, einem nationalistischen Schriftsteller der Zwischenkriegszeit. Auch Antonio Gramsci, ein italienischer marxistischer Schriftsteller, der von den Faschisten eingesperrt wurde, wird mit seiner Theorie der kulturellen Hegemonie verwendet, aus der die in vielerlei Hinsicht absurde Idee der völkischen Einheit destilliert werden soll. Auf diesen Zusammenhang möchte ich noch in einem späteren Blogbeitrag eingehen. 

Dieser traurige Befund des Denkmangels in der rechten Theorielandschaft führt zu einem Ungleichgewicht. Die Linken argumentieren und streiten über Argumente, die Rechten einigen sich hinter vereinfachenden und emotionalisierten Feindbildern: “Wir sind alle gegen ...”, “Wir wollen alle, dass endlich...”, denn: ”Wir sprechen für das Volk”.  

Gefühlsmenschen gegen Denkmenschen? 


Die unvermeidliche Position der linken Überlegenheit in Theorie und Reflexion wird von den Rechten als Arroganz wahrgenommen, der mit Emotionen begegnet wird. Dort, wo Rechte an der Macht sind, beginnt sehr schnell ein Kulturkampf, indem mit gewaltsamen Mitteln der “linken Ideologisierung” Einhalt geboten werden soll, sei es, indem kritische Medien zuerst als links gebrandmarkt und dann stillgelegt, Bücher verbrannt oder einfach alle Gebildeten umgebracht werden. Die Intellektuellen zu vernichten, war das erste Ziel der Nazis im besetzten Polen. Die kritischen Journalisten mundtot zu machen, wird heute in Polen ebenso wie in Ungarn versucht. Die Rechte in Österreich versucht sich ebenfalls an dieser Front. Wo die Argumente fehlen, wollen die Machthaber die öffentliche Meinung ans Gängelband nehmen, notfalls mittels Fake-News und Social-media-Shitschwemmen. Die simple Argumentation der Rechten: Recht hat, wer die Mehrheit mit welchen Mitteln auch immer hinter sich versammeln kann. Die Macht definiert richtig und falsch. 

Die Kehrseite liegt in der Verachtung der Linken gegenüber den beschränkten Rechten. Beides, die Verachtung auf der einen und die Minderwertigkeitsgefühle auf der anderen Seite können sich zu Hass auf die Gegenseite auswachsen. Eine sinnvolle Auseinandersetzung oder gar ein Dialog wird dadurch nicht mehr möglich. 

Geht es also um die Konfrontation zwischen Denkmenschen und Gefühlsmenschen? Und wer soll die Richtung in der Politik vorgeben und damit die Zukunft der Gesellschaften gestalten? Sollen wir uns nach dem Denken oder nach den Gefühlen orientieren? 

Lernen auf beiden Ebenen von beiden Seiten 


Wie stets, geht eines ohne das andere nicht. Wir können keine ausgedachte und durchgeplante Welt gestalten, sie muss uns auch gefallen, und dafür brauchen wir die Gefühle. Und wir brauchen ein tiefgreifendes Verständnis für die Emotionen, die den Veränderungen im Weg stehen, die nach aller Vernunft schon längst hätten stattfinden müssen. 

Gefühle spielen die Hauptrolle bei unseren Entscheidungen, gerade deshalb müssen wir unsere Gefühlswelt genauso weiterbilden wie unsere kognitiven Fähigkeiten. Viele unserer Gefühlsmuster und emotionalen Gewohnheiten stammen aus unserer Kindheit; wie sollen wir aber mit dieser Ausstattung in einer Erwachsenenwelt leben? Die Herrschaft der Gefühle bedeutet dann nur, dass kindliche Antriebe, Bedürfnisse und Frustrationen maßgeblich sind, und mit diesem Repertoire können keine der Herausforderungen der Menschheit gemeistert werden, vielmehr kommen viele, wenn nicht alle unserer Probleme aus der kindlichen Gefühlswelt der Menschen - Ängste, Gier, Arroganz, Hilflosigkeit, Machtstreben. Eine ausreichende “Bildung des Herzens” ist die Voraussetzung dafür, dass Gefühle einen konstruktiven Platz in der politischen Arena einnehmen können. Erwachsene Gefühle sind mit Selbstverantwortung verbunden; aus dieser Perspektive wissen wir, wie sehr die emotionale Ebene auf das Denken mit seinem Abwägen von Risiken und Chancen angewiesen ist.  

Unser Lernen, das wir brauchen, um die Gesellschaft menschenwürdig und naturachtend weiterzuentwickeln, muss auf beiden Ebenen erfolgen. Wir brauchen ein elaboriertes Denken, das die wissenschaftlichen Befunde und die ethischen Imperative in planerische Szenarien einbinden kann, und ein bewusstes Fühlen, das die Entscheidungen treffen und in Handlungen umsetzen kann. Wir brauchen die vorausschauende und historisch erfahrene Intelligenz der Linken und ein Verständnis für die Emotionalität der Rechten. Dazu muss die linke Seite ihr Besserwissen, ihre Überheblichkeit und Verachtung überwinden und lernen, die Menschlichkeit im politischen Feind zu erkennen und zu verstehen.  

Entscheidend wird sein, ob es nicht nur den Linken, sondern einer noch breiteren Öffentlichkeit gelingt, den Ängsten, die von den Rechten verbalisiert werden, so viel Verständnis und Sicherheit zu vermitteln, dass sich diese Gefühle in konstruktive und verantwortungsvolle Impulse umwandeln können.  

Natürlich darf in diesem Zusammenhang der geniale Dichter Ernst Jandl mit seinem Gedicht „lichtung“ nicht fehlen: 

manche meinen 
lechts und rinks 
kann man nicht velwechsern 
werch ein llltum 

Zum Weiterlesen: