Dienstag, 12. Dezember 2017

Die Illusion des bewussten Selbst

Die zentrale exekutive Struktur
(CES nach Oakley/Halligan)
Wie im vorigen Blogbeitrag beschrieben, nehmen viele Forscher an, dass unser Gehirn in uns eine fortlaufende Geschichte aufzeichnet, mit allen Erfahrungen, die wir so machen. Aus diesem Datenmaterial werden dann nach bestimmten Filterkriterien Vor-Gedanken ausgewählt, die uns dann als Gedanken bewusst werden. Diese Filter sind nach Überlebenskriterien ausgerichtet und sind deshalb auch mit Gefühlen verbunden. Sie berücksichtigen auch unsere aktuellen Wahrnehmungen und versuchen, relevante Informationen für die jeweilige Situation zu liefern.

Wir sehen in der Entfernung die Person X und fühlen uns zu ihr hingezogen. Es kommen gleich die Gedanken, was wir mit der Person reden könnten und ein paar Erinnerungen an das letzte Treffen, das so nett war. Schon bewegen wir uns in die entsprechende Richtung. Im anderen Fall bemerken wir Person Y auf der anderen Straßenseite, und ein unangenehmes Gefühl kommt auf, begleitet von Gedanken an eine schwierige Situation mit dieser Person. Wir wenden uns ab und tun so, als würden wir die Person nicht bemerken.

All das spielt sich in unserem Bewusstsein ab, aber wird gelenkt von gespeicherten Erfahrungen, die unsere Stimmungslage beeinflussen, ob wir wollen oder nicht. Die Stimmungslage wiederum lenkt unsere Handlungen, und wir sind dabei noch davon überzeugt, dass wir, also unser bewusstes Selbst, diese Handlungen gewählt hat.

Mit dieser Illusion machen die Gehirnerforschungen der letzten Jahrzehnte langsam, aber sicher Schluss. Unser bewusstes Selbst, auf das wir so selbstbewusst stolz sind, ist im besten Fall eine zeitweilig aktive Instanz, die den Impulsen, die aus dem Unterbewussten kommen, nachhinkt und, nachdem schon alles entschieden ist,  so tut, als wäre sie der große Macher.

Die zentrale exekutive Struktur 


Zum näheren Verständnis der Theorie gehe ich hier etwas genauer auf die Zusammenhänge ein. Der Oakley-Halligan-Ansatz, von dem hier die Rede ist, geht von einer in den unbewussten Hirnarealen operierenden Struktur aus, an der viele Systeme beteiligt sind, und die den laufenden Betrieb verwaltet. Sie heißt zentrale exekutive Struktur (CES) und trifft alle Entscheidungen nach Prüfung und Bewertung der einlangenden Informationen. In dieser exekutiven Struktur laufen die Informationen zusammen, um sie in sinnvolle Handlungen zu übersetzen.

Ein Teil dieser Struktur heißt „persönliches oder individuelles Narrativ“, und dort sind die Erlebnisse der betreffenden Person aufgezeichnet und werden laufend ergänzt (genauer gesagt: Es werden nicht Ereignisse aufgezeichnet, sondern eine personalisierte Erzählung von diesen Ereignissen) . Die Konstrukte des Selbst (für wen oder was wir uns halten) sind auch in dieser Struktur enthalten, ebenso wie Landkarten des Körpers (die mentalen Repräsentationen unserer Körperteile) und vieles andere mehr. Die Speicherung umfasst den Inhalt, aber nicht dessen Herkunft. Nicht enthalten sind die Regelkreise für die grundlegenden Lebensvorgänge: Atmung, Verdauung, Schlafrhythmen und individuelle Muskelkontrolle.

Die Schaffung eines stimmigen persönlichen Narrativs bietet nach der Theorie einen evolutionären Vorteil für das einzelne Individuum, weil dadurch ausgewählte Inhalte geteilt werden können, die dann allen dienen. Dieser soziale Vorteil entsteht, wenn private Inhalte wie Gedanken, Ideen, Konzepte, Glaubensannahmen, Abstraktionen, Empfindungen, Gefühle, Triebe und Sorgen aus dem eigenen Narrativ mitgeteilt werden, implizit durch Körpersprache und explizit verbal und über andere Kanäle wie das Schreiben oder die verschiedenen Formen der Kunst. Auf diese Weise prägen die Inhalte der unbewussten Kontrollsysteme die gesamte Kultur.

Was folgt daraus?


Soweit die Theorie in Umrissen. Was bedeutet sie nun für die Praxis? Macht es einen Unterschied, wenn wir davon ausgehen, dass unsere bewusste Mitwirkung in unserem Leben relativ bedeutungslos ist? Und macht es dann überhaupt noch Sinn, an unserer „Bewusstheit“ zu arbeiten? Der Ansatz von Oakley und Halligan beruht auf  einer klaren Unterordnung des Bewusstseins unter das Unbewusste. Er geht aber nicht darauf ein, dass durch die Tatsache, dass sich das Unbewusste laufend fortbildet, auch das eigene Bewusstsein mit seinen Intentionen zu einer Beeinflussungsquelle für das Unbewusste werden kann, also in der Weise kausale Einflüsse ausübt, in der auch andere Informationsquellen aus der Umwelt der zentralen exekutiven Struktur Wirkungen erzeugen und Veränderungen hervorrufen.

Die Rolle des Bewusstseins als Instanz der Verhaltenssteuerung hat möglicherweise ausgedient. Die Konsequenzen dieser Desillusionierung vor allem in Hinblick auf die persönliche Verantwortung und den freien Willen werden heiß diskutiert, darum geht es aber hier im Moment nicht.

Wie steht es um die Kontrolle von oben nach unten?


Vielmehr interessiert mich die Frage, ob die wissenschaftlich gut abgesicherte Erkenntnis, dass die unbewusste Handlungsplanung alles Nötige für die Entscheidungsprozesse erledigt, bevor wir uns dessen bewusst werden, zur Folge hat, dass wir keinen bewusst gesteuerten Einfluss auf die vorausliegenden unbewussten Entscheidungsprozesse nehmen können. Gibt es nach diesen Befunden noch so etwas wie eine Top-Down-Kontrolle, also die Einwirkung von bewusst gewählten Intentionen auf die unbewusst ablaufenden Selektions- und Festlegungsmechanismen? Können wir uns z.B. „echt“ entscheiden, Gewohnheiten, die wir nicht mehr haben wollen, zu beenden und stattdessen andere Verhaltensweisen zu wählen? Liegt es in unserer Macht, mit dem Schokonaschen oder Fernsehgewohnheiten aufzuhören oder geht das nur, wenn unser Unterbewusstsein das schon längst so entschieden hat, ohne dass wir wissen können, wie wir diese Disposition in unseren Tiefen herstellen können?

Wir alle kennen zweierlei Erfahrungen: Einmal, dass es schwer ist, alte und liebgewonnene Gewohnheiten zu ändern, auch wenn wir diese Liebesbeziehung unbedingt beenden wollen, und zum anderen, dass es doch gelingt, mit dem Rauchen, Kaffeetrinken oder Computerspielen aufzuhören, manchmal in Etappen, manchmal auf einen Schlag. Wir können auch auf Erfolge der Selbstüberwindung zurückblicken – vielleicht wollten wir um keinen Preis in die Schule gehen und haben es dann doch viele Jahre lang ausgehalten; vielleicht hatten wir Angst vor dem Wasser und können jetzt mit Begeisterung schwimmen; vielleicht konnten wir uns nie vorstellen, jeden Tag zu meditieren und missen es jetzt, wenn wir einmal wirklich keine Zeit finden. Wir haben immer wieder mal einen inneren Schweinehund überwunden, und zu anderen Zeiten war es partout nicht möglich. Wir können genügend Beispiele aus unserem Leben aufzählen, die davon zeugen (und uns selber überzeugen), dass unser Wille unser Leben steuert, je nachdem, ob er stark oder schwach ist.

Gibt es dennoch so etwas wie Selbstbeeinflussung?


Wären wir unserem Unterbewusstsein gegenüber machtlos, hätten alle Appelle an Selbstverantwortung, Ich-Stärkung, Zusammenreißen usw. keinen Sinn. Die Prediger der Willensstärkung und der Manifestation aller Wünsche mit der Kraft des Wollens würden nur leere Floskel verbreiten und illusionäre Versprechen verkaufen. Joe Dispenza z.B. schreibt: „Zwei unserer besonders einzigartigen menschlichen Leistungen sind, dass wir über die Fähigkeit von Selbstreflexion und Willensfreiheit verfügen.“ Alles, was dieser Seminarleiter, der mit Gruppen von über 1000 Leuten arbeitet, schreibt und anbietet, beruht auf der Annahme, dass wir in der Lage sind, mittels unseres Bewusstseins unsere inneren Abläufe in eine von uns gewünschte Richtung zu lenken.

Was hätte auch psychotherapeutisches Arbeiten für einen Sinn? Wozu sollte ein Ich gestärkt werden, damit es Gefühle meistern und das Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten kann? Schließlich wären es ja doch die Kräfte des Unbewussten, die Regie führen, gleich was das Ich sich einbildet. Dennoch zeigen viele Beispiele aus der praktischen Arbeit mit Klienten, wie sie mehr und mehr das Gefühl bekommen, ihr Leben selber, unabhängig von Prägungen und Ängsten, führen können. Sie können sich von Zwängen befreien und innere Blockaden überwinden.

All diese Beispiele setzen offensichtlich voraus, dass es eine effektive Kontrolle von oben, von den bewussten exekutiven Funktionen der Großhirnrinde, nach unten, in die limbischen Gefühlsregionen geben muss. Es gibt auch wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass durch Übungen in dieser Form der Einflussnahme die entsprechenden Vermittlungszentren im Gehirn nachhaltig gestärkt werden, während z.B. die Angstspeicher im limbischen System geschwächt und verkleinert werden. Es gibt die einfachen Messungen mit dem Autogenen Training, die belegen, dass der selbstsuggestive Satz: „Der rechte Arm ist schwer“ den Muskeltonus in diesem Arm verändert. Es gibt zahllose Belege dafür, dass langsames und regelmäßiges Atmen, das vom Bewusstsein gesteuert wird, die Herzschlagvariabilität verbessert usw.

Allerdings, so werden die Vertreter der erörterten Theorie einwenden, benötigen wir für alle Impulse zur Verhaltensänderung entsprechende neuronale Voraussetzungen – Hormone, Botenstoffe, Dispositionen unseres vegetativen Nervensystems usw., die alle einer unbewussten Steuerung und Verwaltung unterliegen.

Dreht sich hier die Argumentation im Kreis? Handelt es sich um ein Henne-Ei-Problem? Oder lesen die Forscher einer Richtung nichts von den Forschern der anderen Richtung? Wie können wir die Forschungen auf der einen Seite verbinden mit denen, die gegenläufige Beweise aufstellen? Und wie können wir all diese Erkenntnisse mit unserer Lebenspraxis verbinden? Dazu mehr im nächsten Blog.


Zum Weiterlesen:
Erzeugen wir unsere Gedanken?
Geistwanderung und mentale Autonomie

Donnerstag, 30. November 2017

Erzeugen wir unsere Gedanken?

Erzeugen wir unsere Gedanken oder erzeugen uns unsere Gedanken? So könnten wir fragen, wenn wir uns mit den Schlussfolgerungen auseinandersetzen, die immer mehr Forscher aus verschiedenen neurophysiologischen Befunden ziehen.

Lange Zeit waren die Denker und Denkforscher der Meinung, dass Gedanken, Bewertungen, Glaubensannahmen und all die anderen Denkinhalte, die tagtäglich unseren Kopf füllen, Teile dessen sind, was man mit Bewusstsein bezeichnet. Deshalb nehmen wir auch an, dass wir diese Gedanken bewusst erzeugen, indem wir sie denken. Dem widersprechen nun Forscher, die Belege dafür gefunden haben, dass die Gedanken nicht aus unserer persönlichen Bewusstheit stammen, sondern dass sie in unbewusst ablaufenden Systemen entstehen, die im Hintergrund laufen.

Das würde bedeuten, dass wir unsere Gedanken nicht bewusst auswählen, sondern dass wir uns ihrer nur bewusst werden, wenn sie schon fabriziert sind und nachdem sie sich von sich aus in unser Bewusstsein gedrängt haben. Solche Ansichten widersprechen der großen Tradition des Denkens, die vom autonomen Denk-Subjekt ausgeht, das seine Gedanken steuern, formen, entwickeln und verändern kann. Was heißt dann noch „Nachdenken“, „Hinterfragen“, „Reflektieren“?


Innenschau


Wenn wir nach innen in unseren Kopf spüren, mit dem Ziel, unseren Gedanken beim Entstehen „zuzuschauen“, werden wir leicht erkennen, dass sie „von irgendwo her“ kommen. Wir beginnen damit, uns den Kopf als leer vorzustellen und merken dann, dass die Gedanken vom Rand dieses leeren Raumes in ihn eindringen und dabei Gestalt annehmen, wie Personen, die aus dem Dunkel langsam ins Licht treten. Es wird in dieser Innenschau ganz offensichtlich, dass es die Gedanken schon geben muss, bevor sie ins Bewusstsein treten. Sie werden aber erst durch dieses vom Hintergrund in den Vordergrund-Kommen zu Gedanken. Wir „wissen“ ja nicht, was sie vorher – oder im Hintergrund waren.


Studien und Schlussfolgerungen


Zwei britische Forscher, David A. Oakley vom University College London und Professor Peter Halligan von der Cardiff University, haben aus verschiedenen Untersuchungen den Schluss gezogen, dass wir unsere Gedanken nicht bewusst und absichtlich wählen, sondern dass sie uns einfach nur bewusst werden. So zeigen Experimente, dass unser Gehirn gleichermaßen reagiert, wenn der Arm von einem Flaschenzug gehoben wird oder als Folge einer hypnotischen Suggestion, während beim absichtlichen Armheben ganz andere Hirnareale aktiv werden. Andere Studien und viele praktische und klinische Erfahrungen mit Hypnose belegen, dass unsere Stimmungen und Gedanken durch Suggestionen, also durch die Beeinflussung des Unbewussten verändert werden können. 


Daraus folgern die Wissenschaftler, dass die unbewusst operierenden Systeme unseres Gehirns in der Lage sind, „alle psychologischen Aktivitäten durchführen können, von denen traditionellerweise angenommen wurde, dass sie vom ‚Bewusstsein' abhängen. In Übereinstimmung mit dieser letzteren Ansicht wurde auch argumentiert, dass die bewusste Kontrolle des Verhaltens eine reine Illusion darstellt.“


Diese Annahme wird dadurch gestützt, dass auch Bewegungsabläufe zunächst in den unbewussten Systemen vorbereitet werden und „dass die Bewusstheit über die Absicht zum Bewegen erst dann erfahren wird, wenn die Vorbereitung Teil eines fortlaufenden, unbewusst erzeugten persönlichen Narrativs wird.“ 


Zusammenfassend heißt das, dass das persönliche Selbst-Bewusstsein ein Erzeugnis von vorher unbewusst ablaufenden Prozessen des Gehirns ist und dass es deshalb für sich keine funktionale Rolle in der Beeinflussung der nachfolgenden Gehirnzustände hat. Deshalb kann die Erfahrung der Bewusstheit als ein Epiphänomen bezeichnet werden, als etwas, das kausal entstanden ist, ohne selbst eine kausale Wirkung auszuüben, also ein Randphänomen mit geringer Bedeutung in der unendlichen Vielfalt der Vorgänge.
(Hier zur Quelle der Zitate - Übersetzung WE)


Die persönliche Erzählung


Woher kommen all diese Gedanken? Sie kommen aus der gleichen Quelle, die auch unsere Gefühle steuert. Wir verfügen über ein autobiografisches Gedächtnis, in dem unsere Lebensgeschichte abgespeichert ist. Der Speicher wird laufend auf den neuesten Stand gebracht. Diese persönliche Erzählung, die uns darüber Auskunft gibt, wer wir sind und was wir erlebt haben, existiert parallel zur persönlichen Bewusstheit, wobei die Forscher davon ausgehen, dass die letztere über die erstere keinen Einfluss ausüben kann.

Wir brauchen das persönliche Narrativ für Überlebenszwecke. Aus dem Erlebten können wir ableiten, wie sich andere Menschen verhalten und wie wir mit anderen Umweltbedingungen umgehen sollten, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Doch dafür brauchen wir kein Bewusstsein; der evolutionäre Vorteil hat sich gerade aus dem unbewussten Funktionieren ergeben: Wir sollten, sobald es ums Überleben geht, eben nicht lange nachdenken, was denn nun das Richtige zu tun oder zu lassen wäre. Stattdessen sollte die Reaktion möglichst spontan erfolgen, um die Gefahr abzuwenden.

Wir nutzen den narrativen Speicher auch, um Ideen und Wissensinhalte und soziale Normvorstellungen, die wir im weiteren Sinn für das Überleben und die Verbesserung der Kultur benötigen, mit anderen Menschen zu teilen, wodurch die Leistungsfähigkeit der Gruppe und darüber hinaus der Gesellschaft insgesamt gesteigert wird.


Wozu dient dann überhaupt das Bewusstsein?


Die Wissenschaftler sind der Meinung, dass es die Kommunizierbarkeit des Inhalts des eigenen Narrativs ist und nicht die eigene Bewusstheit, die den Menschen ihre Überlegenheit gegenüber den anderen Lebewesen gebracht hat. Die letztere ist dann nur ein passiver Begleiter von autonom im Unterbewusstsein laufenden Prozessen, gewissermaßen der Zuschauer im Kino, der keinen Einfluss auf den Film hat, der vor seinen Augen abläuft.

Möglicherweise ist dieses Bewusstsein, auf das wir uns so viel einbilden, ein zweckfreies Überschussprodukt der Evolution, wie ein Regenbogen, der zwar schön anzuschauen ist, aber keinen praktischen Zweck hat und nur solange existiert, als es Betrachter gibt, die das Phänomen im richtigen Winkel und Abstand beobachten.


Gedankenwandern und Unterbrechungen


Soweit die Ergebnisse der zitierten Forschungsarbeiten. In einem früheren Blogartikel habe ich die Erklärungen von Thomas Metzinger zum Gedankenwandern vorgestellt. Vieles, was hier oben angesprochen wurde, deckt sich mit den Ansichten von Metzinger, doch möchte ich auch einen wichtigen Unterschied hervorheben. Das Gedankenwandern, dem wir den Großteil unserer wachen Zeit unterliegen, kann gut aus unbewusst ablaufenden Prozessen erklärt werden. Die Phänomene des Meta-Bewusstseins allerdings passen dann nicht mehr in das Schema. Wir können mentale Abläufe durch bewusste Intentionen beeinflussen. Z.B. können wir Gedankenketten unterbrechen, indem wir „absichtlich“ an etwas anderes denken. Wir können mit Gedanken spielen, indem wir sie als Objekte verkleiden oder ihnen Farben geben. Wir können uns in Zustände der Gedankenfreiheit durch Meditation begeben usw.

Zu diesen Akten des Meta-Bewusstseins zählt auch die Reflexion, das Sich-Bewusst-Machen dessen, was gerade ist. Auch hier wird der rastlose Ablauf der Gedanken unterbrochen und durch eine übergeordnete Perspektive ergänzt und relativiert. Wir erleben uns als aktiv in die innere Wirklichkeit eingreifendes Ich.

Zwar könnte es sein, dass auch die Mentalhandlungen des Meta-Bewusstseins von unbewusst ablaufenden Gehirnprozessen vordeterminiert sind, aber in diesen Fällen ist es wichtig, der Phänomenologie den Vorrang vor der Empirie zu geben. Die subjektive Erfahrung der Autonomie, also des ohne kausale Ursache Beginnens einer Aktivität, gibt sich selbst die Priorität vor jeder möglichen nachträglichen Kausalerklärung dessen, was vorher abgelaufen sein kann. In der reflexiven Selbstvergewisserung verlassen wir die empirische Beobachter- und Forscherposition und werden zu aktiv handelnden Personen, die in der Lage sind, für sich selber das Zentrum und den Ausgangspunkt des Denkens und Handelns zu definieren.

Die Relativierung dieser pragmatischen Position, ohne die kein soziales Zusammenleben funktionieren könnte, ist ein wertvolles Unterfangen, weil es uns hilft, mehr von der Komplexität unseres Inneren zu verstehen und Fehlannahmen über diese Vorgänge zu korrigieren, die sonst in sozialen Zusammenhängen zur Grundlage von Ideologien werden können. Je mehr wir verstehen, wie stark unser Unbewusstes unser Leben lenkt, desto leichter können wir uns dort entspannen, wo wir uns Fehler vorwerfen und desto besser können wir unsere reflexiven metabewussten Mentalhandlungen kultivieren. Denn deren letztlicher Zweck liegt darin, zu erkennen, dass jede Form unseres Zutuns ein Geschehen ist, dem wir uns hingebungsvoll überlassen können.

Auf dieser Ebene begegnen sich dann die Erkenntnisse der Neurowissenschaften mit den Weisheiten des spirituellen Bewusstseins - die einen kommen von außen und die anderen von innen.


Zum Weiterlesen:
Geistwandern und mentale Autonomie
Die Illusion des bewussten Selbst

Dienstag, 21. November 2017

Polaritäten lähmen, Kontinuen befreien

Wie schon ausführlicher in einem früheren Artikel dargestellt, sind Polaritäten mentale Konstrukte, die in der Realität keine Entsprechung haben. Es sind also Versuche unseres Verstandes, die Vielfalt der Wirklichkeit in überschaubare Ordnungen zu bringen. Deshalb suchen wir Polaritäten, die es uns erleichtern, Phänomene zuzuordnen, wie wir am Computer ähnliche Dateien einem gemeinsamen Ordner hinzufügen. So verfügen wir über Ordner für die Guten und die Bösen, für Schönes und für Hässliches usw.

Je mehr wir uns jedoch in unserer Erfahrung auf die Wirklichkeit einlassen, desto deutlicher erleben wir, dass es Prozesse mit graudellen Veränderungen gibt und keine polaren Sprünge. Wir erleben, wie der Tag in die Nacht übergeht, statt den Gegensatz von Tag und Nacht, wir nehmen wahr, wie Stille in Lärm und Lärm in Stille übergeht (im Außen wie in unserem Kopf), wir erfahren das langsame Ansteigen und Zurückgehen der Temperatur im Lauf eines Tages statt eines abrupten Wechsels usw.

Wir haben zum Beispiel in unserem Denken polare Kategorien für das Gute und das Böse, und es fallen uns schnell Beispiele für Individuen ein, die in den einen oder den anderen Topf gehören. Aber wenn wir auch in diese Bereiche genauer hinschauen, erkennen wir, dass es hier ebenfalls keine Eindeutigkeiten gibt. Die vermeintlich durch und durch böse Person zeigt da oder dort einen Zug von Menschlichkeit. Die andere Person, die so viele gute Charakteristika aufweist und so viele Wohltaten getan hat, ist auch nicht vollkommen in ihrem Gutsein. Von uns selber kennen wir, wenn wir ehrlich sind, mehr Kontinuitäten zwischen guten und weniger guten Aktionen als dass wir rein Gutes und rein Böses tun.


Wenn wir uns die Polarität zwischen schön und hässlich vergegenwärtigen, kommen wir mit unserer näheren Erfahrung wieder in Schwierigkeiten. Wir haben unsere vorgefertigten Schablonen, die wir nutzen, um uns auf Schönes zu fokussieren und Hässliches auszublenden, auch was Menschen anbetrifft. Hier entscheidet ein erster flüchtiger Eindruck. Sobald wir uns näher mit einer Person beschäftigen, wird uns deutlich, dass es neben der äußeren auch eine innere Schönheit gibt und dass diese wichtiger ist als das Aussehen. Je mehr wir jemanden kennen lernen, desto mehr Variable entdecken wir, und desto unwichtiger werden polare Zuschreibungen. Die Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit zeigt uns den Reichtum der Unterschiede und Nuancen, in dem das Fließen der Erscheinungen sichtbar und spürbar ist, auf das wir uns einlassen können. Die Kunst könnte gerade darin liegen, in allem, was es gibt, eine besondere Schönheit zu finden.

Mann-Frau – eine Polarität?


Auch in Hinblick auf die Geschlechter-„Dichotomie“ stellen sich Fragezeichen. Natürlich gibt es Männer und Frauen, doch lehrt uns die Gender-Debatte, dass die Unterschiede fließend sind und dass wir sie auch fließend halten sollten. In früheren vorindustriellen Zeiten (mit patriarchalen Strukturen) hat eine rigide Rollenteilung klare polare Verhältnisse begünstigt. Als Folge der sozio-ökonomischen Veränderungen in den letzten Jahrhunderten sind allerdings immer mehr Gründe für geschlechterspezifische Berufe und Beschäftigungen weggefallen. Fast alle Tätigkeiten in unserer Gesellschaft können gleichermaßen von Männern wie von Frauen ausgeübt werden, die Qualität der Arbeit hängt nicht vom Geschlecht, sondern von den individuellen Fähigkeiten und der Ausbildung ab. Es scheint sogar, dass durch die Fortschritte in der Robotik vor allem traditionelle Männerberufe verschwinden werden; die meisten Tätigkeiten, die eine besondere Kraftanstrengung benötigen, können durch Maschinen ersetzt werden. Tätigkeiten, die eher der weibliche „Natur“ zugeordnet wurden – alle sozialen Berufe, wo also Menschen mit Menschen zu tun haben, sind durch Maschinen grundsätzlich nicht ersetzbar. Hier werden sich vermutlich in Zukunft die Männer mehr engagieren.

Nun, wenn schon nicht im Gender-Bereich, so gibt es doch in Hinblick auf den Sex eindeutige Unterschiede, und die Polarität von Männern und Frauen kann gerade da nicht aufgehoben werden, so lautet das nächste Argument. Unbestritten mag bleiben, dass Männer und Frauen in ihrer unterschiedlichen Ausstattung mit Fortpflanzungsorganen für die menschliche Reproduktion notwendig sind, bzw. der naturgemäßesten Form der Fortpflanzung dienen. Doch gibt es schon länger die verschiedenen Methoden der Reproduktionsmedizin, die neue Szenarien für die Weitergabe des Lebens jenseits der Sex-Polarität erlaubt. Für die künstliche Befruchtung sind zwar Spermien, aber nicht mehr bestimmte Männer erforderlich. Dazu kommen die Diskussionen um das „Dritte Geschlecht“, die zur Zeit gerade in die europäischen Öffentlichkeiten gelangen – es geht um Personen, die sich weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Ihre Anliegen verweisen darauf, dass es ein Übergangsfeld zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen gibt, das offenbar von der Natur so vorgesehen ist, in ihrem Bestreben nach größtmöglicher Variabilität.

Polarität im Beziehungskampf


Die Dynamik der Zweierbeziehung, der nach wie vor prädominante Modell des Zusammenlebens, kann als pulsierendes System verstanden werden. Auf Phasen der Anziehung folgen meist Phasen des Auseinanderdriftens. Kommt es zum Streit, so ziehen sich die Partner auf die Extrempositionen zurück, in denen sie sich sicher fühlen und ihre Kräfte sammeln können – die Mitte des Begegnungsfeldes bleibt leer. Dadurch steigt die Spannung, die mehr und mehr unüberbrückbar werden kann, je stärker sich jeder in der eigenen Sicherungsposition verschanzt. Die emotionale Festung kann im physischen Rückzug bestehen oder in angriffslustiger Aggression aus den Schießscharten der eigenen Trutzburg heraus.

Typisch für solche Situationen ist der Aufbau und Ausbau von Projektionen. Statt die Distanz zu nutzen, um mehr zu sich selber zu finden, wird das Bedrohliche und Feindliche an der anderen Person besonders aufgebauscht. Auch deren Anderssein wird verschärft akzentuiert wahrgenommen, und aus dem Gedächtnis werden vorwiegend schlechte Erfahrungen aufgerufen. Im Extremfall wird der Sinn der Beziehung in Frage gestellt und ein weiterer gemeinsamer Weg bezweifelt. Die Polarisierung dient dem Selbstschutz und steht im Zeichen von tiefsitzenden Ängsten.

Denn der Beziehungsstreit ist ein Stellvertreterkampf. Es werden Szenarien aus den frühen Kindheitsphasen wachgerufen, in denen es zu Polarisierungen gekommen ist, z.B. durch Trennungserfahrungen von den Eltern oder im Zug von deren Streitigkeiten. All die damals erlebten Ängste werden spürbar, und dementsprechend werden die Schutzmechanismen hochgefahren und mit der Macht aller Emotionen verteidigt.


Erst wenn die Erkenntnis dämmert, dass die wirklich bedrohlichen Situationen schon längst überlebt sind und dass in der Gegenwart genügend Ressourcen zuhanden sind, um Auseinandersetzungen zu bewältigen, wird die Absurdität der Polarisierung deutlich. Die Sicherungszonen können verlassen werden, und im achtsamen Aufeinander-Zugehen wird die Beziehungsmitte mit Leben erfüllt. 

Polaritäten erkunden


Wenn wir uns bewusst auf die Erkundung von Polaritäten einlassen, indem wir z.B. wir mit Schnelligkeit und Langsamkeit experimentieren, erweitern wir unseren Möglichkeitsspielraum. Zugleich verstehen wir Menschen besser, die unser gegenteiliges Muster aufweisen: Als schneller agierende Menschen verstehen wir den Wert der Langsamkeit und umgekehrt. Wir gewinnen an Flexibilität, d.h. wir können leichter unser Muster ändern, und bekommen zugleich ein besseres Gefühl für die Mitte zwischen den Extremen.

Ein weiteres Beispiel ist die Erweiterung der Polarität zwischen warm und kalt. Vor hundert Jahren galt in unseren Breiten eine Zimmertemperatur von 14 Grad als optimal, und die Heizungssysteme waren danach ausgerichtet. Heute brauchen die Menschen eine Durchschnittstemperatur von 22 Grad (Tendenz steigend), um sich wohlzufühlen. Offenbar hat sich unser Wohlfühlbereich von kühler zu wärmer verschoben oder der Toleranzbereich (vielleicht auf Grund der noch unbeschränkt zur Verfügung stehenden Heizenergie) reduziert. Unsere Temperaturtoleranz ist wegen fehlender Herausforderungen durch bequemere Heizsysteme geschrumpft.

Wir können dieser Tendenz bewusst entgegensteuern, indem wir uns auf die Erfahrung von Kälte einlassen (vielleicht brauchen wir gar nicht die dickste Daunenjacke, wenn es draußen 5 Grad hat; vielleicht macht es auch Spaß, bloßfüßig durch den Schnee zu laufen; vielleicht kann sich eine kalte Dusche nach dem ersten Schock angenehm und belebend anfühlen). Mit solchen Übungen erweitern wir nicht nur unseren Toleranzbereich, sondern stärken auch die Fähigkeit unseres Organismus, mit Kältebedingungen besser umgehen zu können.

Schulung der Flexibilität


Durch Erfahrungen mit der bewussten Erkundung von Polaritäten lösen wir uns von den mentalen Konstrukten, die dahinter stehen. Polaritäten haben die Tendenz uns zu lähmen. Wir stecken in einer Alternative von Entweder-Oder fest. Wir haben nur zwei Möglichkeiten, in unserem Erleben wie in unserem Wahrnehmen. Bei beiden Extreme steht das Denken über der Wirklichkeitserfahrung.

Wenn wir Polaritäten in Kontinuen umwandeln, gewinnen wir an Freiheit. Wir wandeln sie in lebendige Prozesse um und nähern uns der Wirklichkeit in der Erfahrung an. Dabei durchbrechen wir Gewohnheiten, lockern eingespeicherte Programme und gehen über konditionierte Grenzen hinaus. Wir dehnen uns über die Endpunkte einer imaginierten und selbstgesetzten Polarität hinaus. Wir beweisen uns, dass wir mehr sind und vermögen als wir es gewohnt sind. Wir schulen unsere Flexibilität. Wir wandeln starre Polaritäten in fließende Kontinuen um, die sich in jede Richtung erweitern können. Wir stärken Kompetenzen, die uns in allen Lebensbereichen gute Dienste leisten können.

Zum Weiterlesen:
Polaritäten - Ursprünge und Folgen
Liebe und Hass - eine Polarität?
Das Gute und das Böse
All-Erfahrung und Nicht-Dualität

Samstag, 18. November 2017

Die Ko-Produktion der Wirklichkeit und das Absolute

In zwei vorigen Blogartikeln (s.u.) habe ich Ideen von Carsten Rachow zum Verhältnis von absoluten und relativen Wahrheiten zum Anlass für weiteführende Gedanken genommen. In diesem Beitrag möchte ich auf eine zentrale These seiner Ausführungen eingehen: Das erzeugende Ich.

Kernpunkt der Rachow’schen Theorie (die natürlich zugleich eine Anleitung zum Tun ist) ist die Schlüsselrolle der reflexiven Erkenntnis, dass ich die Wirklichkeit meines inneren Erlebens „produziere“ – sie diene als Schlüssel für die Erkenntnis des Absoluten. Ich muss also die Illusion der von mir unabhängigen Wirklichkeit, die sich im Wahrnehmungsakt in mir abbildet und dort als objektiv gültige Version dieser Wirklichkeit erschient, über Bord werfen, dann komme ich zur Einsicht in die allgemeine Relativität, und diese Einsicht ermöglicht mir den Zugang zum Absoluten: „mit der Bewusstheit über unsere erzeugenden Akte kommen wir diesem Absoluten vielleicht ein wenig näher - weil wir uns selbst damit näher kommen.“


Reflexion ist verwandt mit dem Über- oder Nachdenken. Die Sprache nutzt hier räumliche und zeitliche Attribute, um einen Kategorienwechsel zu veranschaulichen. Wir denken nicht nur etwas, sondern beziehen uns denkend auf etwas, das in unserem Denken geschieht. Wir begeben uns auf eine höhere Abstraktionsstufe als ein reiner Wahrnehmungsvorgang und beziehen uns selbst als Urheber der Wahrnehmung mit ein. Wir erzeugen „oberhalb“ oder „nach“ der Wirklichkeit 1. Stufe eine Wirklichkeit 2. Stufe. Statt: „Das Faktum X existiert“, erkennen wir, dass wir es sind, die die Existenz von X feststellen: „Ich erkenne, dass X existiert.“ Damit anerkennen wir, dass wir bei jedem Wahrnehmungsvorgang mitwirken und Produzenten (so Rachow) oder Mitproduzenten (so ich) jeder Wahrnehmungs-Wahrheit sind.
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Rachow thematisiert, bezogen auf das Modell der Bewusstseinsevolution, das ich immer wieder verwende, mit der Betonung der erzeugenden Funktion des Ich (wie ich meine: eine Ebenen-erzeugenden Funktion) einen Weg vom systemischen zum holistischen Bewusstsein. Die Einsicht in die Relativität, und das heißt auch Subjektivität aller Wahrnehmungen, Ideen und Konzepte verhindert, dass wir irgend einen Standpunkt verabsolutieren. Eine Verabsolutierung geschieht, wenn wir annehmen, dass das, was wir wahrnehmen und denken, objektiv wahr ist, ohne dass unser Zutun, unsere Gestaltung und Mitwirkung eine Rolle spielen würde. Wir sind mit unseren Gedanken zu Objekten, zu Gegenständen, identifiziert und tun so, als hätten diese mentalen Inhalte für sich Bestand. Daraus folgt die Annahme, dass alle anderen die Wirklichkeit, die aus lauter solchen feststehenden Dingen besteht, genauso wie wir für wahr halten müssen. Wir haben uns eine Welt von Verdinglichungen errichtet, die so starr ist wie wir selber, wenn uns eine Angst lähmt. Manchmal tun wir uns sogar schwer, einen offensichtlichen Irrtum einzugestehen, noch mehr sträuben wir uns dagegen, Schlussfolgerungen und Theorien, die wir einmal gefasst haben, zu revidieren. Daraus können wir schließen, dass die Welt der fixierten Objekte in der Außenwelt und in uns selber aus Projektionen unserer Angsterfahrungen fabriziert ist.

Die oft erbittert und manchmal sogar gewaltsam geführten Streitigkeiten über „die Wahrheit“ beziehen ihre Verbissenheit aus der Fixierung auf diese Ängste, die im Hintergrund diktieren, dass jede Abweichung von der „Reinheit der Wahrheit“ katastrophale Folgen haben könnte. Wenn nicht alles genau so, wie ich es sehe und denke, abgesichert ist und festgehalten wird, wenn also all das keine unverrückbare Wahrheit darstellt, kann es bedrohlich werden. Ich muss dauernd dafür kämpfen, dass meine Wahrheit nicht in Frage gestellt wird, weil meine innere Sicherheit auf der absoluten Gültigkeit meiner Weltsicht beruht. Wenn ich zu stark mit dieser Wahrheit identifiziert bin, muss ich sogar annehmen, dass ich selber in Frage gestellt werde, wenn jemand anderer meine Sichtweise nicht teilt. Mit meiner „Wahrheit“ verteidige ich meine Existenz.

Vollziehe ich hingegen den inneren Lernschritt des Nachdenkens, der zugleich ein Wachstumsschritt im Sinn der Verbesserung einer metakognitiven Kompetenz ist, muss ich mich auch mit den Ängsten konfrontieren, die aus dem Verlust der Sicherheit, die durch die Absolutsetzung garantiert werden soll, stammen. Doch nicht umsonst heißt es, die Wahrheit macht frei: Sobald ich die Angst überwunden habe und bereit bin, die Relativität meiner Weltsicht anzuerkennen, bin ich frei vom Zwang des Rechthaben-Müssens, der nicht nur andere unter Druck setzt, sondern auch mich selber: Ich darf ja auch nicht dazulernen, meine Sichtweise revidieren oder differenzieren, solange ich glaube, ich muss mein Rechthaben um jeden Preis behaupten.

Das ist das Erbe der Aufklärung, die sich gegen alle Formen der vorgeschriebenen und autoritativ versiegelten Wahrheiten wandte. Dieses Projekt ist noch lange nicht abgeschlossen und stellt auch eine Eingangspforte für die Diskussion um absolute Wahrheiten dar. Jede Form der Aufklärung hat sich eines besonderen Mutes zu befleißigen. Die Überwindung der komfortablen und durch langfristige Einprägungen festgezurrten Gewohnheiten erfordert die Bereitschaft, Altes hinter sich zu lassen und Neues zuzulassen. Diejenigen Teile der eigenen Identität, die mit einer bestimmten Wahrheit verbündet waren, müssen aufgegeben oder umgestaltet werden.

Schließlich geht es darum, nicht mehr und nicht weniger als Schritt für Schritt jede fixierte Ich-Identität preiszugeben. Dazu ist es erforderlich, alle Ängste zu konfrontieren, die sich in den Weg stellen. Der Weg, sich immer wieder zu vergewissern, dass es dieses Ich ist, das sich die Wirklichkeit nach den eigenen Prägungen herrichtet und dass all unsere Ideen und Konzepte, alles, was wir für richtig und falsch halten, alle unsere Wertungen aus diesem Ich stammen. Erst wenn das Feste flüssig wird, wenn also die Relativität in allen Erscheinungen durchsichtig wird, reichen wir an das Absolute an, sind wir bereit, sein Wirken zuzulassen, sodass es uns ansprechen kann, oder, wie Rachow schreibt: „Aspekte des Absoluten blitzen auf, in jedem Moment, in mir, in dir, einfach überall.“

Missverständlich erscheint mir der Rachow’sche Terminus der „Erzeugung“ oder „Produktion“ der Wirklichkeitswahrnehmung, die vom „Ich“ vollzogen wird. Wir erzeugen zwar Dinge (Tische und Raumschiffe usw.), aber keine Wahrnehmungen bzw. deren innere Repräsentationen (das, was wir von der Wahrnehmung in uns selber wahrnehmen). Wahrnehmung erscheint mir besser verständlich als Zusammenwirken von äußeren Sinneseindrücken und inneren Verarbeitungsprozessen. Wir produzieren nicht die äußere Wirklichkeit in unserem Kopf, sondern brauchen diese für die Weiterverarbeitung zur inneren Wirklichkeit.

Allerdings bietet Rachow einen komplexeren spirituellen Ansatz zu dieser Thematik. Gewissermaßen von der Hinterseite her erweise sich das Absolute als der eigentliche und allumfassende Akteur und Produzent, und das, was das Ich als Erzeugungen zuwege bringt, schuldet es diesem Absoluten: „Nicht unsere relativen Wahrheiten künden vom Absoluten, sondern die simple Tatsache, dass wir solche Wahrheiten oder Erzeugnisse erzeugen können. Es ist, so meine ich, die erzeugende Quelle, das erzeugende Wesen, das schöpferische ICH, welches SELBST der Hinweis ist, nach dem so viele suchen, auch ich. Im ‚ICH bin erzeugend‘ zeigt sich eine Facette des Absoluten.“ Oder einfach: „Weil das Absolute erzeugend ist, kann auch ich erzeugen.“

Nun, in aller Konsequenz weitergesponnen, heißt es, dass alles, was ist, wirkt, sich entwickelt und austauscht, schafft und erzeugt, verschwindet und endet, das Absolute in seinen vielfältigen Formen ist. Das Erzeugen, das Rachow ins Zentrum seiner Überlegungen stellt und das ich mit Reflexion in Verbindung bringe, ist nur einer von vielen Prozessen dieser Wirklichkeit, die zugleich das Absolute darstellt, das uns jedoch in den allermeisten Situationen nur als Relatives begegnet. Der Reflexionsvorgang, der bei jeder Selbsterkenntnis abläuft, ist unterschieden von anderen Abläufen in der Wirklichkeit, weil er eine Metaebene erschafft, von der aus Relatives als Relatives identifiziert werden kann, womit die Frage nach dem Absoluten „hinter“ dem Relativen auftaucht. Jede Frage trägt die Antwort in sich – insoferne rühren wir mit der selbsterkennenden Reflexion an die Grenzen des Absoluten.

Ob wir damit der inneren Wirkmacht des Absoluten auf die Spur gekommen sind, kann wohl nur jede forschende Person für sich selber entscheiden; in diesem Feld gibt es keine objektive Instanz, die über richtig und falsch entscheiden könnte. Für ein praktikables Verständnis des Relativen hingegen erscheint es mir wichtig, den Produktionsbegriff im Zusammenhang mit der Wahrnehmung zu einem Ko-Produktions- oder Konstruktionsbegriff zu erweitern.

Die Zitate stammen aus dem Blogartikel: Über das Absolute im Relativen

Zum Weiterlesen:
Absolute Wahrheiten existieren im Moment
Das Absolute im Beschränkten

Mittwoch, 8. November 2017

Das Absolute im Beschränkten

In meinem Blogbeitrag zur absoluten Wahrheit im Moment bin ich von einem Zitat aus einem Artikel von Carsten Rachow ausgegangen. Der Autor hat dann auf meinen Beitrag reagiert und ohne Quellen- und Namensangabe meinen Text kommentiert. Hier folgt dieser Kommentar, der auch im Zusammenhang hier nachgelesen werden kann und hier gelb unterlegt ist, unterbrochen von meinen Anmerkungen. Ich danke Carsten Rachow für seine interessanten Anmerkungen und wünsche allen Lesern und Leserinnen eine gewinnbringende und heitere Lektüre.


„Wenn ich sage, dass Wahrheit niemals ohne Kontext sein kann, und einen Absatz später hinzufüge, dass ein solcher Kontext vor allem das erzeugende Wesen selbst ist, dann darf man diesen Absatz nicht verschweigen, wenn man meinen Beitrag diskutieren möchte. Tut man dies dennoch, dann verändert man meinen Kontext und diskutiert - ohne genau dies zu bemerken - nicht meinen, sondern seinen eigenen Kontext, welcher dann natürlich ein selbsterzeugter Kontext ist."
 

In seinem Blog geht ein Psychotherapeut auf meinen Beitrag "Kommentare: zur Wahrheit" ein und diskutiert unter anderem die Frage, ob das Absolute sich uns nicht doch irgendwie zeigen kann. Ein gut geschriebener Blog in meinen Augen, für mich flüssig zu lesen und sofort verständlich. Doch leider (oder glücklicherweise, je nach Perspektive) macht der Autor unbewusst (d.h.: ohne es zu bemerken) exakt das, was ich mit meinem Beitrag sichtbarer machen wollte: Er selbst erzeugt seine Sicht, seine Wahrheit und, mehr noch, seine eigenen Kontexte, die er dann diskutiert. 
 
Natürlich ist mir klar, dass ich im Rahmen eines eigenen Kontextes argumentiere. Die „absolute“ und unüberprüfte Behauptung („macht der Autor unbewusst (d.h.: ohne es zu bemerken)“) trifft nicht auf mich zu. Meine Sichtweise, meine Ideen und Erkenntnisse – mit dem Hintergrund meiner Erfahrungen –, entstehen aus dem Fluss meines Denkens, im Rahmen der Kontexte meines Weltbildes, meiner Werte, meiner Kultur usw., zunächst gar nicht mit dem Anspruch, damit eine Wahrheit auszusagen oder eine Wahrheit gegen die andere zu stellen, sondern Annahmen darüber in die Diskussion bringen, wie es sein könnte. Der Leser oder die Leserin kann dann entscheiden, was davon für sie oder ihn als Wahrheit plausibel ist oder einleuchtet. D.h. ich habe nicht die Absicht und den Anspruch, Wahrheit zu „produzieren“, sondern sinnvolle Angebote an das Erlebens- und Denkvermögen potenzieller Rezipienten zu formulieren.


Deshalb lohnt es sich vielleicht an dieser Stelle, noch einmal anhand eines konkreten Beispiels nachzuvollziehen, was ich meine, wenn ich die erzeugende Natur unseres Wesens einen Kontext nenne. Wer hier noch keinen geschulten Blick hat, wird wohl erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennen können, wo der Hase im Pfeffer liegt (lacht). Beginnen wir mit meinem O-Ton. Dieser lautet:
 
"Wahrheit existiert stets kontextual.
Wahrheit kann deshalb mal dieses und mal jenes sein,
doch niemals kann sie ohne Kontext sein.
Ohne Kontext gäbe es nirgendwo Wahrheit."

 
Und hier der ergänzende Absatz:
 
"Nun ja, ich wage nun zu sagen, dass es viele geistige und materielle Kontexte gibt, die ein Mensch in sich und außerhalb von sich bemerken kann. Doch bemerkt er auch SICH SELBST als einen solchen Kontext?"

Aus meiner Sicht benötigen wir das Instrument der Selbstreflexion, um zu bemerken, dass wir mit jeder Bemerkung einen Kontext mitliefern, der beim Kommunikationspartner in der gleichen Weise nicht vorhanden sein kann. In vielen Situationen vergessen wir auf diese Ebene, woraus sich Widersprüche und Missverständnisse entwickeln können.

In Fettdruck und blau hervorgehoben frage ich klar und deutlich, ob der jeweils Sprechende sich selbst als einen möglichen Kontext erkannt haben könnte. Mit "Kontext" meine ich hier vor allem Begrenzung, Limitierung, Bedingung, wirkender Faktor. Ich will also sagen: "Ohne Bedingung gäbe es nirgendwo Wahrheit", und weiter: "Eine solche Bedingung ist das erzeugende Wesen selbst." Daraus folgt dann: Jede Wahrheit, die ein solches Wesen ausspricht, kann selbst nur eine bedingte, eine limitierte, eine begrenzte Wahrheit sein - niemals aber eine absolute Wahrheit. So weit, so klar ...

So weit, so klar. Die Frage stellt sich an diesem Punkt: Genügt es, die naiven Annahmen, aus sich heraus objektive oder gar absolute Wahrheiten zu produzieren, zu dekonstruieren, um die Möglichkeit von absoluten Wahrheiten prinzipiell auszuschließen oder ist damit die Sphäre des Absoluten noch nicht erledigt? Das erstere ist dem Anspruch der Aufklärung geschuldet: Es gibt keine Instanz auf dieser Erde, die von einem archimedischen Wahrheitspunkt aus absolute Wahrheiten verkünden könnte. Überall dort, wo solches versucht wird, verstecken sich partikulare Interessen hinter der Wahrheitsverkündung und machen diese zu Ideologien.

Ist damit aber vielleicht das Kind mit dem Bad ausgeschüttet? Wollen wir das Transrationale verbieten oder aus dem Diskurs ausschließen, weil es dem Prärationalen zum Verwechseln ähnlich schaut, und weil das Rationale die einzige Richtschnur der Orientierung darstellen soll? Begehen wir also mit dem theoretischen Verbot von absoluter Wahrheit einen Prä-Trans-Fehlschluss nach dem Modell von Ken Wilber?

Mir geht es darum, unter Aufrechterhaltung der rationalen Normen, die im Gefolge der Aufklärung und aller daraus abgeleiteten konstruktivistischen Denkmodelle zum Standard des modernen Vernunftgebrauchs geworden sind, die Möglichkeiten zu prüfen, mit denen der Unterschied von relativen und absoluten Wahrheiten einen Sinn macht und Menschen in ihrer inneren Entwicklung weiterhilft und vielleicht auch für die Menschheit insgesamt neue wichtige Perspektiven öffnet. Es geht, mit anderen Worten, darum, ob der Erkenntnisweise der spirituellen Vernunft und damit der Anspruch auf absolute Wahrheiten eine überindividuelle Verbindlichkeit und Gültigkeit erlangen kann.

Der Blogautor ergänzt nun meine Bemerkungen über bedingende Kontexte und zeigt unter anderem sehr schön formuliert auf, dass bereits die jeweils benutzte Sprache eine solche limitierende Bedingung darstellt, mithin einen Kontext. Ja, selbst die "Struktur der Kommunikation", der alle Menschen nicht entgehen können, wenn sie miteinander reden, erweist sich für ihn als ein solcher Kontext. Deshalb sagt der Autor mit meiner vollen Zustimmung: "Allein aus der einfachen Struktur von Kommunikation, nach der jede Mitteilung vom Sender codiert und vom Empfänger decodiert werden muss, geht hervor, dass es im Rahmen der Kommunikation keine kontextunabhängige, also keine absolute Wahrheit geben kann."  Doch dann fügt er ein kleines "Fenster" für das mögliche Erscheinen des Absoluten hinzu und sagt: "Allerdings wird durch diese Struktur die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit nicht prinzipiell ausgeschlossen. Die Struktur der Kommunikation verhindert allerdings, dass absolute Wahrheiten im kommunikativen Raum als solche auftreten können."

Was den meisten Lesern hier wohl nicht auffallen wird (und vermutlich dem Autor auch unbewusst geblieben ist), ist nun Folgendes: Ich weise auf das erzeugende und sprechende WESEN hin und nenne es "bedingt", nenne es einen Kontext. Der Autor aber diskutiert die Frage, dass die "Struktur der Kommunikation" einen bedingenden Kontext darstellt - zwei völlig verschiedene Baustellen, nicht wahr? Die Struktur der Kommunikation ist in meinen Augen gar nicht das Problem - das Problem ist die "Struktur des sprechenden Wesens" (!). Es mag ja sein, wie der Autor meint, dass durch diese Kommunikationsstruktur die "Möglichkeit einer absoluten Wahrheit nicht ausgeschlossen wird" - doch durch die Wesensstruktur, so meine Argumentation, WIRD DAS ABSOLUTE AUSGESCHLOSSEN. Der Autor diskutiert nicht meine Kontexte, sondern seine eigenen. Diese habe nicht ich erzeugt, sondern er selbst. Die Bedingung für "Wahrheit" ist das erzeugende Wesen selbst - quod erat demonstrandum. 

Weil er also hier Kommunikation diskutiert, nicht aber das Wesen selbst, kann er nun den folgenden Satz notieren: "Insofern ist die Aussage, dass jede Wahrheit einen Kontext hat, trivial: Jedes Medium sperrt jede Äußerung in einen kontextuellen Kasten, und ohne vermittelndes Medium existiert keine Wahrheit." - Mir gefallen diese Sätze, doch haben sie mit meinem Beitrag herzlich wenig zu tun. Der Autor diskutiert sich selbst ...



Ich diskutiere das Thema „Aussage und Kontext im Zusammenhang mit Kommunikation“, aber nicht mich selbst. Nicht alles, was sich in meinem Text nicht auf den Artikel von Carsten Rachow bezieht, ist eo ipso selbstbezüglich. Es war auch gar nicht meine Absicht, alle Aspekte des Rachow’schen Artikels zu diskutieren, sondern das an den Anfang des entsprechenden Blogbeitrages gestellte Zitat als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen zu nehmen.


Abgesehen davon, dass solche Erkenntnisse vielleicht nicht für jeden Menschen "trivial", sondern auch hilfreich sein können (der Autor hätte besser in erzeugender Ich-Sprache gesagt: "Für mich sind solche Aussagen trivial."), bemerkt der Autor auch hier nicht, wie er zunehmend seinen eigenen Kontext diskutiert und nicht meine Sichtweise. 


Auch hier zeigt sich die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Natürlich sollten wir, so meine Meinung, bei jedem Satz dazuschreiben und sagen, dass das unsere Ansicht ist, aber in der Praxis ersparen wir uns oft, so denke ich, diesen Zusatz, weil dann, wie es mir erscheint, der Text unleserlich und die Rede umständlich wird.

Der Autor zeigt, dass "jedes Medium jede Äußerung in einen kontextuellen Kasten sperrt" - doch ich wollte zeigen, dass jedes Medium bereits ein solcher "Kasten" ist. Ein himmelweiter Unterschied (und daher vielleicht auch nicht ganz so "trivial" ...)

Das Medium als solches wird zum Kasten, sobald es für den Austausch von Nachrichten genutzt wird und sorgt dafür, dass Aussagen übersetzt werden müssen und dass deshalb keine „objektiven“ Bedeutungen in der Kommunikation auftauchen können. Das Triviale zeigt sich, sobald dieser Zusammenhang bewusst wird. Wenn wir beginnen, die Komplexität von Kommunikation zu verstehen, wird die Grundeinsicht, dass die Bedeutung von Aussagen im Subjekt liegt, bald trivial. Im Alltag vergessen wir leicht darauf, und dann ist es wichtig und nicht trivial, uns und andere daran zu erinnern.

Statt also meine Sicht zu diskutieren, hat der Autor still und leise begonnen, seine eigenen Konstruktionen zu erörtern. Das Medium, so meine Ausführungen, muss Wahrheit gar nicht mehr in irgendeinen kommunikativen Kasten sperren und dadurch zwangsläufig verengen - es ist selbst bereits der verengte Kasten, das limitierende Gefäß, der bedingende Kontext. Weil auf dieser Ebene der Betrachtung des agierenden Wesens bereits die wirkende Ursache zu finden ist, braucht sie nicht mehr auf der Kommunikationsebene angesiedelt werden. Wahrheit wird, wie ich glaube, nicht durch Kommunikation verändert - Wahrheit wird bereits durch das agierende Wesen verändert. 



Wenn das „agierende Wesen“ Wahrheit verändern kann, muss es diese Wahrheit vor dem Agieren des Wesens geben. Da stellt sich die Frage, wo sich die Wahrheit vor dem erkennenden und kontextualisierenden Subjekt befindet.

Ich sehe es so, dass die Wahrheit im Subjekt entsteht, sobald eine innere oder äußere Wahr-Nehmung bewusst wird. Wenn wir in der Früh aufstehen und die Sonne sehen, nehmen wir die Existenz der Sonne und das aktuelle Wetter als Wahrheit. Wenn jemand käme und sagte, da gibt es keine Sonne, würden wir dennoch nicht an der Wahrheit zweifeln. Es macht in diesem Fall nicht viel Sinn, darüber zu reflektieren, ob diese Wahrheit im eigenen Inneren erzeugt wird. Es geht um die äußere Existenz der Sonne, und diese hängt nicht von den Bedingungen der Wahrheitsproduktion ab, und es geht nicht um das Zustandekommen der Wahrheit. Doch auch wenn ich mich um diese Frage kümmere, nehme ich die von mir unabhängige Existenz der Sonne als Voraussetzung. 


Ich verstehe die Wahrheit nicht als einen Kontext für Erfahrungen, da gibt es sowieso unzählige davon schon in der einfachsten Wahrnehmung, sondern meine, dass man Wahrheit als spezifischen Wert ansehen
kann, den wir einer Aussage anheften: Das, was ich sage (schreibe, denke …), bezieht sich auf ein Gegebenes in der Wirklichkeit (Philosophen würden sagen: Seiendes oder „Was der Fall ist“).

Zum Beispiel: Der Wiener Stephansdom hat eine Höhe von 136 Metern. Wir können den Wahrheitswert dieser Aussage in der Wirklichkeit nachprüfen und dann feststellen, ob er zutrifft oder ob die aussagende Person die Unwahrheit gesprochen hat. Von Wahrheit sprechen wir in diesem Fall, wenn die Aussage mit der Wirklichkeit übereinstimmt (korrespondiert). Wenn nicht, kann es sein, dass die Person gelogen hat (sie hat absichtlich eine Unwahrheit verbreitet) oder dass sie sich geirrt hat. In jedem Fall heißt es, dass die aussagende Person zwar einen Wahrheitsanspruch formulieren kann (Der Südturm des Stephansdoms hat die Höhe von 136 Metern, und das ist die Wahrheit), aber die „Wahrheit“ der Wahrheit entsteht erst in der Prüfung, also in einem sozialen Kontext, wo Menschen die Aussage einfach glauben, mit anderen Aussagen vergleichen, andere Quellen konsultieren oder mit einem Maßband auf den Turm klettern. Anders gesagt, der Wahrheitsanspruch, den wir oft erheben, wenn wir etwas mitteilen oder etwas in uns selber denken, muss sich bewähren, bis daraus eine allgemein konsensuell akzeptierte Wahrheit wird.

Es ist das limitierte Wesen selbst - also ich, du, wir alle -, welches Wahrheit zu einem relativen Phänomen werden lässt, und zwar in jedem Moment seines Seins ALS RELATIVES WESEN - also praktisch immer. Es spielt keine Rolle, was das Wesen tut, wie es spricht, ob es meditiert, selbstbewusst oder unbewusst für sich agiert - immer und stets kann es seine eigene fundamentale Begrenztheit nicht überwinden.

Alles, was ist, ist auch begrenzt, und das Absolute gilt als die Zusammenfassung alles Begrenzten. Die Frage, die sich zur Möglichkeit von absoluter Wahrheit stellt, lautet, ob wir einen Zugang zu diesem Ganzen haben oder nicht. Da scheiden sich tatsächlich die Geister.

Wir können allerdings – zumindest nach dem Zeugnis vieler Wahrheitssucher und Mystiker – unsere innere Wahrnehmung erweitern und in einen Zustand kommen, in dem uns absolute Wahrheiten erscheinen, die sich gerade darin bemerkbar machen, dass sie eine beschränkte Sicht erweitern und das Ganze, das wir das Absolute nennen können, erfahrbar machen. Oder, um es anders auszudrücken, ist es eine absolute Wahrheit, die uns aus dem beschränkenden Kontext der konditionierten Wahrheitszuschreibungen herausholt und uns einen neuen Blick auf die Wirklichkeit und unser eigenes Leben erlaubt.

Es braucht meiner Ansicht nach gar keines denktheoretischen Beweises, ob solches möglich ist. Es genügt zunächst einmal die innere Erfahrung, die aus den Beschreibungen vieler Autoren im Bereich der Mystik und Spiritualität zugänglich ist und vermutlich auch dazu geführt hat, warum der buddhistische Lehrer und Autor Shantideva schon vor 1400 Jahren die Unterscheidung von relativen und absoluten Wahrheiten diskutiert hat. Heutzutage gilt die Diskussion der Frage, ob die innere Erfahrung (die Erste-Person-Perspektive) erkenntnistheoretische Relevanz hat, ob wir also gültiges und brauchbares Wissen über die Innenerfahrung finden können. Für die Arbeit von Psychotherapeuten ist die innere Erfahrung des Klienten eine ganz wichtige Quelle von Erkenntnissen. Zum Beispiel gäbe es die umfangreiche Traumdeutung von Sigmund Freud ohne das Ernstnehmen von Innenerfahrung als Erkenntnisquelle nicht.

Das Aufblitzen oder Erkennen absoluter Wahrheiten könnte also nur dann denktheoretisch möglich sein, wenn die Natur des Wesens selbst (seine Wesensstruktur) genau dies ermöglichen könnte. Dies halte ich für ausgeschlossen. Sollte - wie auch immer gedacht - das Absolute wirklich einmal die Absicht haben, sich selbst DURCH ein bedingtes Wesen zu zeigen oder zu äußern, so müsste es sich dafür gewaltig "verengen" - oder eben nur gewisse verdauliche Teile von sich präsentieren, andernfalls würde das viel zu kleine Gefäß namens "Wesen" oder "ICH-Bewusstheit" explodieren angesichts der Fülle und unfassbaren Größe des Absoluten.

D.h. Carsten Rachow geht davon aus, dass es eine absolute Wahrheit gibt, die aber dem Menschen nicht zugänglich ist. Woher allerdings sollen wir dann von ihr wissen? Wie können wir ihre Dimensionen ermessen, wenn wir keine Innenerfahrungen haben können, die uns mit einer absoluten Wahrheit in Kontakt bringen?

Doch dieser Hinweis sei nur am Rande erwähnt. Viel wichtiger ist mir, auf die Bedeutung von "Wahrheit" aufmerksam zu machen, wenn das Wesen selbst als ein limitierender Kontext erkannt wurde. Denn das Wesen, so meine immer wiederholte Hauptbotschaft, ist ein ERZEUGENDES Wesen (!) - und diese Fähigkeit könnte nun aus "Wahrheit" etwas ganz anderes machen als das, was wir üblicherweise darunter verstehen: richtige Abbildung, korrekte Repräsentation, objektives Erkennen usw. "Erzeugung" könnte der erste spirituelle Hinweis darauf sein, dass wir nicht Wahrheiten "erkennen" oder "entdecken" oder "wahrnehmen", sondern aktivisch formen, konstruieren, aus UNS SELBST herausholen und DANN in kommunikative Symbole gießen, in Sprache, Gedanken, Sichtweisen. Deshalb lehre ich: "Wahrheit ist der Selbstausdruck des erzeugenden Wesens." Und dieser kann niemals "falsch" sein ...

Ich finde, dass „der Selbstausdruck des erzeugenden Wesens“ besser mit Authentizität als mit Wahrheit in Verbindung gebracht werden sollte. Unser Selbstausdruck umfasst so viele Dimensionen, vom Körperlichen (z.B. Schwitzen) zum Hochgeistigen (z.B. in aller Bescheidenheit, Diskurse wie diese hier). Nicht jede dieser vielfältigen Möglichkeiten benötigt einen Wahrheitswert. Wie sollen wir unwahr vor Kälte zittern?

Es ist das bedingte und erzeugende Wesen, welches sich zeigt, wenn es selbst glaubt, repräsentative Wahrheiten auszusprechen, also etwa so, wie der Autor SICH zeigte, als er begann, SEINE Kontexte zu diskutieren und damit SEINE Wahrheiten sichtbarer machte. Dies ist im Übrigen ein spiritueller Vorgang, den ich in keiner Weise kritisiere oder für wenig wertvoll erachte. Im Gegenteil: Die Offenlegung unseres erzeugenden Wesens halte ich für dringend geboten(!) - das Verschweigen der eigenen erzeugenden Natur ist das, was ich kritisiere.

Was tut ein Mensch, der sagt, er sähe dort hinten einen Baum? Vorausgesetzt, dass dort hinten tatsächlich ein Baum steht, sagt er dann etwas Korrektes? Bildet er in erkennender Weise Wirklichkeit ab? Ist seine Aussage objektiv wahr? - Die meisten von uns würden hier spontan nicken und zustimmen. Wenn ich selbst dann den Baum auch noch sehen kann, sind wir uns sicher, hier eine objektive Wahrheit erkannt zu haben.  Doch ich behaupte nun, dass diese Wahrheit "der Selbstausdruck des erzeugenden Wesens ist". Wie kann das sein? - Nun, tatsächlich sieht der Mensch nicht nur einen Baum, wie er meint, sondern ein großes Bild: links vom Baum steht ein Busch, dahinter ein Auto, oben drüber ruht der Himmel usw. Zu sagen: "Ich sehe dort einen Baum", ist vollkommen zutreffend - doch diese Beschreibung ist nichts anderes als der sprachliche Ausdruck der eigenen Brennweiteneinstellung, der eigenen Aufmerksamkeit, der eigenen Ausrichtung. Dieser Ausdruck ist nicht "objektiv", er ist ein subjektives Konstrukt, eine partielle Fokussierung auf einen frei gewählten Ausschnitt. Mit anderen Worten: Das, was das erzeugende Wesen blitzschnell und aktiv schon getan hat ("Aufmerksamkeitsfokus"), ist schon geschehen, bevor dieser Mensch zu sprechen begann. Und das, was innerlich bereits geschah, DAS sprechen wir dann aus, nennen es "Wahrheit" und glauben dann, diese Wahrheit wäre unabhängig vom eigenen Wesen eine "objektive" oder "wahre" Repräsentation von Wirklichkeit. Tatsächlich jedoch ist diese Wahrheit ein subjektives Erzeugnis, eine Aus-Formung der Innerlichkeit desjenigen geistigen Wesens, welches hier agiert.

Wahrnehmungen kommen zustande, indem äußere Reize innerlich verarbeitet werden. Das bedeutet, dass jede Wahrnehmung eine Koproduktion von Objektivem und Subjektivem ist, und je besser dieses Zusammenwirken gelingt, desto besser können wir uns in der Wirklichkeit orientieren. Es kann keine allgemeine, für alle gleichermaßen gültige „wahre Repräsentation von Wirklichkeit“ geben, weil bei der Erkenntnisgewinnung immer subjektive Einflüsse mitspielen. Die „Wahrheit“, von der oben die Rede ist, ist demnach allerdings weder rein objektiv (wie wir naiverweise oder lebenspraktisch vereinfacht oft annehmen) noch rein subjektiv (sonst hätten wir kein Unterscheidungskriterium zwischen Halluzinationen, Träumen, Fantasien und inneren und äußeren Wahrnehmungen).

Ich denke, dass wir, wenn wir im Alltag Sinneseindrücke verarbeiten (in jeder Zeiteinheit sind das ungeheure Datenmengen), uns zunächst weniger mit der Frage beschäftigen, ob das Wahrgenommene wahr ist, als vielmehr damit, ob das Wahrgenommene wirklich ist, wenn wir Grund für einen Zweifel haben (z.B. wenn unser Sehsinn getrübt ist). Abgesehen davon gehen wir einfach selbstverständlich davon aus, dass Wahrgenommenes wirklich ist. Die Wahrheitsfrage stellt sich erst, wenn irgendetwas die Wirklichkeit im praktischen oder im sozialen Zusammenhang in Frage stellt, wenn wir z.B. die Tragfähigkeit eines Astes überschätzen, der uns beim Bäumeklettern Halt geben soll oder wenn wir darüber streiten, ob wir den Termin für den Besuch bei der Tante schon fix oder erst provisorisch ausgemacht haben.

Psychotherapeutisch hätte diese Erkenntnis große Folgen: Was immer ein Patient auch sagt, kann niemals "falsch" sein, kann niemals verzerrte Realität sein, kann niemals "krank" sein - sondern informiert uns Außenstehende regelmäßig über seine inneren Akte von Erzeugung und Konstruktion. Der Therapeut sollte daher den Patienten ermutigen, alternative Bilder zu konstruieren und deren Wirkungen AUF SICH SELBST einmal zu überprüfen. Der Patient wird, wie wir alle, stets SEINEN EIGENEN Bildern folgen wollen, selten aber nur den von außen angebotenen Wahrheiten über die Wirklichkeit.

Das ist das tägliche Brot in der psychotherapeutischen Arbeit, die inneren Wirklichkeiten von Klienten zu verstehen, ohne sie in irgendeiner Weise zu bewerten. Einem Paranoiker zu sagen, dass es die Gestalten, die ihn verfolgen, nicht gibt, hat keinen Sinn – er würde uns selbst für Komplizen der Verfolger halten, Wir müssen gemeinsam einen Weg finden, wie er innere und äußere Wirklichkeiten so unterscheiden kann, damit er ein leichteres Leben führen kann. 

Wenn, wie ich hier sage, Wahrheit Selbstausdruck ist, dann hat Einstein die große Relativität NICHT "außerhalb" von sich entdeckt - er hat sie zunächst IN SICH gefunden und sie DANN im Außen überprüft (weshalb zukünftige Generationen auch andere "Gesetze" da draußen finden werden, was ja schon begonnen hat, weil sie innerlich fündig geworden sind). Wir erkennen nicht die äußere Welt - wir erschaffen sie, wir formen sie, und wir bemerken genau dies so selten. Wir erkennen im Außen, was wir ZUVOR innerlich konstruierten. Wir SIND DIE BEDINGUNG, sind der erzeugende Kontext ...

Ich bin vorsichtiger, was die Produktion der Außenwelt anbetrifft. Woran wir mitwirken, ist ihre innere Repräsentation, also die Weise, wie uns die Welt erscheint. Die Annahme, dass sie im Außen unabhängig von uns existent ist, bewahrt uns vor dem Dilemma eines Paranoikers.

Selbst der Raum um uns herum ist nicht das, wonach er aussieht (lacht). Ich will hier noch einen weiteren Hinweis aussprechen über eine Erfahrung, die ich selbst in einer außerkörperlichen Bewusstheit hatte: Der Raum, den wir alle sehen, ist NIEMALS identisch für zwei Personen, sondern stets ein individueller Raum-im-Raum, erschaffen und konstruiert und "lebendig" gehalten durch das Wesen selbst. Siehst du den Raum, siehst du nicht "den Raum", sondern deinen Raum, deine eigene Schöpfung. Gleiches gilt für die Zeit. Wir haben alle ein sehr ähnliches Raumempfinden, können uns mühelos über "den Raum" verständigen - doch dies ist bloß eine gewollte Schnittmenge, damit wir hier ähnlichen Bedingungen ausgesetzt sind und interagieren können. Die Raumkonstruktion wird lebendig gehalten von Myriaden kooperierender Bewusstseinseinheiten, mit uns mittendrin, ein wahrhaft göttliches Gemeinschaftswerk, wo energetische Prozesse die Illusion eines gemeinsamen Raumes schaffen und jedes Bewusstsein tatsächlich stets nur seinen subjektiven Raum wahrnimmt (und seine Eigenzeit) - und beide, Raum und Zeit, werden unbewusst von Moment zu Moment erzeugt und erschaffen. Wer aus dem Körper austritt, tritt auch sofort aus diesem Konstrukt heraus ...

… und in das nächste Konstrukt hinein.

Nun bin ich ein wenig vom Thema abgekommen. Zeigen wollte ich, wie schnell und von uns unbemerkt (daher: unbewusst) wir alle als erzeugende Wesen arbeiten, so schnell, dass wir oft nicht bemerken, welche Sicht wir gerade diskutieren und wie leicht wir die eigenen Erzeugnisse hineinschmuggeln in die erzeugte Welt eines anderen Menschen. Mir geht das auch so, und ich bemühe mich, dies immer seltener zu tun ... 


Wir sind großartige Wesen, schöpferisch und kreativ und kooperierend in einer erzeugenden Weise, die unter den irdischen Bedingungen zu ganz speziellen Selbsterfahrungen führen, die nur hier und nirgendwo anders gemacht werden können. Bedenke: Im Himmel gibt es keine Currywurst ... (lacht) 



Gott sei Dank, es steht zu hoffen, dass Er auch Vegetarier ist…


Zum Weiterlesen:
Die zwei Wahrheiten 
Die zwei Wahrheiten und die Konfliktkultur
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Die zwei Wahrheiten und der Alltag 
Die zwei Wahrheiten und das Ego 
Die zwei Wahrheiten und die Sprache
Die absolute Wahrheit existiert nur im Moment
Relatives als Absolutes verkleidet 

Dienstag, 31. Oktober 2017

Vom Ende der Wachstumsgesellschaft und von der Verfeinerung der Einfachheit

Wir gehen davon aus, dass unsere Wirtschaft wachsen muss, damit unser Wohlstand gesichert und gesteigert werden kann. Das entspricht unserer Lebenserfahrung, die von der Wohlstandsepoche seit dem 2. Weltkrieg geprägt ist. Was wir dabei weniger bedenken, ist die historische Tatsache, dass die wachstumsorientierte Ökonomie ein relativ kurzzeitiges und bisher einzigartiges Modell in der langen Menschheitsgeschichte darstellt. Mit dem Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert haben sich zunächst die westeuropäischen Gesellschaften aus der agrarischen Subsistenzwirtschaft, die über 10 000 Jahre Bestand hatte, herausbewegt. Manchmal wird dieses Ausbrechen aus einer über lange Zeiträume bewährten Wirtschaftsform mit dem Take-Off eines Flugzeuges verglichen, allerdings startet hier ein Flugzeug, das nie wieder zur Ausgangsbasis zurückkehren kann.

Frühere Wirtschaftsweisen haben sich beständig am Rand des Mangels bewegt, periodisch auftretender Hunger und kurze Lebenserwartung waren Teil dieses zyklischen Wirtschaftens. Das Überleben der Menschheit konnte in diesem Rahmen gesichert und einer dünnen Oberschicht ein Luxusleben gewährt werden. Kam es zu Krisen, wie z.B. durch Kriege, Schlechtwetter oder Epidemien, wurde es auch für die Oberschicht eng. Mit solchen Krisen regulierte sich das System wieder zurück auf ein niedriges Niveau, das sich langsam bis zur nächsten Krise steigerte.

Das Abheben der Wirtschaft aus den Zyklen der Subsistenz hat zu unvorstellbaren Veränderungen im Leben vieler, wenn nicht aller Menschen geführt. Aus weiten Bereichen der Welt sind Hunger und tödliche Epidemien verschwunden, und große Teile der Gesellschaft in den hochindustrialisierten Ländern führen einen Lebensstil, der in seinen Möglichkeiten bei weitem den des Hochadels in vormoderner Zeit übertrifft. Wir haben uns eine behagliche Lebensform erschaffen, die weitgehend frei von elementaren Risiken ist, ein gewisses Maß an sozialem Ausgleich zulässt und sich die Bildung für alle auf die Fahnen geschrieben hat. Wir haben es im Winter warm und im Sommer kühl. Wir können nahezu jeden Punkt auf der Erde besuchen, wenn wir darauf Lust haben. Wir verfügen über elektronische Geräte, die uns an allen Informationen teilhaben lassen, die uns interessieren. Wir erarbeiten uns diesen Wohlstand mit wesentlich weniger körperlicher Anstrengung als die vormodernen Bauern und Handwerker aufbringen mussten, um ihr Überleben zu sichern.

Deshalb haben wir Wachstum und Fortschritt als positive Qualitäten unserer Gesellschaft verinnerlicht. Es ist Teil unserer scheinbar unverzichtbaren Normalitätsvorstellungen: Wir fühlen uns sicher und vertrauen der Zukunft, wenn wir immer mehr und mehr Güter und Finanzen anhäufen können. Naiverweise halten wir es für normal, dass das materielle Wachstum weitergeht, ins Unendliche. 

Wenn wir uns jedoch ernsthaft mit der Nachhaltigkeitsdebatte auseinandersetzen, die uns seit dem Bewusstmachen der Grenzen des Wachstums beschäftigt und durch die Signale des Klimawandels drängend geworden ist, können wir die Vorstellung eines unendlichen Wachstums schwerlich aufrecht erhalten. Obwohl die meisten Politiker und auch nichtpolitischen Zeitgenossen trotz eines peripheren Problembewusstsein jegliche Auswirkung auf ihre Entscheidungen und Verhaltensweisen vermeiden, muss der Zeitpunkt kommen, an dem die Idee des Wachstums verabschiedet werden wird. Denn die stetig wachsende Wirtschaft hat die Probleme wegen des ständig wachsenden Ressourcenverbrauches erzeugt und sich damit sukzessive die eigene Grundlage abgegraben. 

Wir sind an dem Punkt angelangt, von dem aus das notwendige Ende des Wachstums unübersehbar am Horizont erscheint, ohne dass es uns schon an den Kragen geht. Wir verhalten uns so, dass wir zum Horizont schauen und sagen: „Ja schlimm, das schaut gar nicht gut aus.“ Und dann wenden wir uns wieder unseren Geschäften und Konsumgewohnheiten zu und verdrängen dabei, wie uns diese dem gefürchteten Horizont näher bringen. Wie nahe müssen wir kommen, dass wir zumindest eines aufgeben: Die Idee, dass materielles Wachstum selbstverständlich ist und uns zusteht, gewissermaßen einklagbar von den Politikern, denen wir unsere Stimmen geben?

Einstellungsänderungen ohne Verhaltensänderungen sind leer


Diese Einstellung gilt es dringend zu ändern. Wenn wir unsere Vernunft verwenden, können wir die Schädlichkeit dieser Normalitätsannahme in Bezug auf die globalen Lebensgrundlagen erkennen und uns eines Besseren besinnen. Eine solche Einstellungsänderung genügt aber nicht, solange wir nicht unser Verhalten anpassen. 

Denn Einstellungen, also Gedankenwelten, die die Endlichkeit der Ressourcen berücksichtigen, gibt es in den Köpfen vieler Menschen, die zugleich eine Lebensweise führen, die in die gegenteilige Richtung weist. Sie sitzen im Fernstreckenflug nach ihrer Urlaubsdestination in einem weit entfernten tropischen Land und alterieren sich über die Politiker, die es zulassen, dass Menschen neben dem Hotel verhungern, in welchem sie sich am Swimming Pool entspannen wollen. Sie erkennen die Hintergründe von Wetterkapriolen und Naturkatastrophen, suchen aber die Ursachen in chinesischen Hochöfen statt im eigenen so unbedeutenden Verhalten. Erst mit der konsequenten Änderung unserer Handlungen nehmen wir unsere Verantwortung wahr und setzen die Unterschiede, mit denen wir uns von der Zone der Zerstörung in die Zone der Bewahrung bewegen.

Konkret bedeutet das zu beginnen, zumindest einmal für uns selber unseren Wohlstand zurückzufahren, indem wir auf überflüssigen und neurotischen Konsum verzichten, indem wir unsere Bedürfnisse reflektieren und unsere Notwendigkeiten neu definieren.

Es heißt nicht, dass wir uns asketischen Zwängen unterwerfen müssen, indem wir auf alle Freuden, Schönheiten und Genüsse verzichten und uns mittels Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen einschränken und kasteien. Vielmehr geht es darum, unsere durch die Konsum- und Werbewirtschaft konditionierten Gewohnheiten in Relation zu unseren genuinen inneren Bedürfnissen und zu den Perspektiven einer Welt mit endlichen und schrumpfenden Ressourcen zu setzen. Wir halten also der blinden und profitgierigen Propaganda des ungehemmten Verbrauchens, die sich tief in unsere unbewussten Motivationsmechanismen eingefressen hat, unsere Vernunft und unsere achtsame Innensicht entgegen und 
wählen diese zu den Regenten unseres Tuns.

Damit bereiten uns darauf vor, uns in einer Welt einzurichten, in der jeder genug hat, um ein gutes Leben zu leben, ohne dass der Umwelt mehr entnommen wird als in sie zurückfließt. Den Maßstab für die Güte des Lebens müssen wir dafür von außen nach innen zurückverlegen, Fremdbestimmung in Selbstbestimmung verwandeln und dabei in unserer Wertewelt materiellen Besitz und gutes Leben entkoppeln. Bescheidenheit bekommt einen neuen Geschmack: Statt dem Verzicht auf die Überfülle geht es um die Verfeinerung des Einfachen.

Freitag, 27. Oktober 2017

Absolute Wahrheiten existieren im Moment

Carsten Rachow schreibt: "Wahrheit existiert stets kontextual. Wahrheit kann deshalb mal dieses und mal jenes sein, doch niemals kann sie ohne Kontext sein. Ohne Kontext gäbe es nirgendwo Wahrheit."

Sobald Erkenntnisse, Einsichten und Ideen in irgendeiner Situation geäußert werden, nehmen sie eine relative Position zu den anderen Gegebenheiten dieser Situation ein. Dazu zählt z.B. die Meinung anderer anwesender Personen, die Qualitäten der Beziehung zu diesen Personen usw. Sie sind auch relativ zu den eigenen inneren Gegebenheiten, z.B. Gemütslagen, Denkprozessen, Aktivierungsgrad usw. Verallgemeinernd bezeichnet Carsten Rachow diese Gegebenheiten als Kontexte. Das Gegenteil wären Wahrheiten, die im freien Raum schweben, bezugslos sowohl zum Sprecher wie zum Empfänger. Sie wären gar nicht existent, denn Existenz selber ist ein Kontext.

Ein weiterer allgemeiner Kontext ist die Sprache. Wahrheit kann nur in einer Sprache geäußert werden, und diese ermöglicht und schränkt zugleich ein, wie eine Wahrheit, die innen einleuchtet, nach außen, in die Kommunikation eingebracht werden kann. Wahrheiten klingen anders, wenn sie in einer anderen Sprache ausgedrückt werden. Allein aus der einfachen Struktur von Kommunikation, nach der jede Mitteilung vom Sender codiert und vom Empfänger decodiert werden muss, geht hervor, dass es im Rahmen der Kommunikation keine kontextunabhängige, also keine absolute Wahrheit geben kann. Allerdings wird durch diese Struktur die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit nicht prinzipiell ausgeschlossen. Die Struktur der Kommunikation verhindert allerdings, dass absolute Wahrheiten im kommunikativen Raum als solche auftreten können.

Insofern ist die Aussage, dass jede Wahrheit einen Kontext hat, trivial: Jedes Medium sperrt jede Äußerung in einen kontextuellen Kasten, und ohne vermittelndes Medium existiert keine Wahrheit. Das haben wir auf der Ebene des systemischen Bewusstseins erkannt. Freilich ist diese Bewusstseinsstufe noch viel zu wenig in unser Alltagserleben vorgedrungen, und deshalb sind diese trivialen Einsichten wenig bekannt und können leicht übersehen werden. Unser Verhaftetsein in egozentrischen Sichtweisen macht es notwendig, die relativistische Welterfahrung immer wieder in den Vordergrund zu rücken. Denn sie enthält weitreichende Konsequenzen, die immer mitbedacht gehören: Jeder Kontext relativiert die Wahrheit, folglich gibt es keine absolute Wahrheit, zumindest im Rahmen der zwischenmenschlichen Kommunikation. Sobald eine Wahrheit als Wahrheit ausgesprochen wird, trägt sie den impliziten Zusatz: „aus meiner Perspektive“, „in diesem oder jenem Kontext“. Zu Aussagen, die der Sprecher für absolut hält, kommt es, wenn dieser Zusatz übersehen, verschwiegen oder unbekannt ist, wenn also der Sprecher die Stufe des systemischen Bewusstseins nicht mitbedenkt.


Meinung und Wahrheit


Nun gibt es auch den Kontext „Meinung“ gegen „Wahrheit“, also den Unterschied zwischen einer Einsicht, die wir als unsicher und vorläufig erachten, und einer anderen, die wir für sicher, klar und allgemeingültig erachten. Die erstere erscheint uns subjektiver, die zweitere objektiver. Meinungen entstehen aus der momentanen emotionalen und kognitiven Gestimmtheit und situativen Wahrnehmung einer Person. Wahrheit erfordert einen Prüfungsprozess, in dem neben dem Subjekt noch andere Instanzen eingebunden sind, z.B. eine Abgleichung mit der äußeren Realität und eine Rückblende auf die Entstehungsbedingungen der Aussage, die sozialen Standards einer Bezugsgruppe usw.

Jemand behauptet z.B., dass es keinen menschenverursachten Klimawandel gibt. Um zu unterscheiden, ob es sich bei der Aussage um eine bloße Meinungsäußerung oder um eine Aussage mit Wahrheitsanspruch handelt, ist es notwendig, die argumentative Abstützung der Aussage zu überprüfen: Welche Quellen dienen zur Erhärtung dieser Position, welche sprechen dagegen? Welche Methoden verwenden die einen Quellen, um der Wirklichkeit nahe zu kommen, welche die anderen? Welche Motive leiten die Person, die die Aussage tätigt?

Das Subjekt, das eine Wahrheit äußert, erhebt den Anspruch, dass die Aussage auf eine äußere Wirklichkeit zutrifft und/oder auch für andere Subjekte zutreffend und sinnvoll ist. Der Wahrheitsanspruch geht also substanziell über das Äußern von Meinungen hinaus und bezieht sich auf eine nicht-subjektive Form von Wirklichkeit (z.B. die Welt der Dinge oder die Welt der sozialen Ereignisse).

Dass Aussagen, die von sich aus den Gehalt von Wahrheit beanspruchen, immer einen Kontext haben, nimmt ihnen nichts von diesem Anspruch auf Wahrheit. Zur Prüfung dieses Anspruchs gehört die Identifizierung des Kontexts der Aussage, also die Umstände ihres Zustandekommens, und vor allem der Inhalt und die Form der Wirklichkeit, auf die er sich bezieht. Es geht also um die Untersuchung der Gültigkeit des Wahrheitsanspruches angesichts der evidenten Kontexte.

Soweit so gut, das Ende aller Streitigkeiten um die Wahrheit ist eingeläutet. Weil sinnlos, können wir uns solche Auseinandersetzungen in Hinkunft sparen und uns an der unendlichen Vielfalt der Wahrheiten freuen.


Die Angelegenheit der absoluten Wahrheit


Allerdings ist mit dieser Feststellung die Angelegenheit der absoluten Wahrheit noch nicht erledigt. Zwar können wir als vielfach kontextgebundene Subjekte den Anspruch, von einer absoluten Position, gewissermaßen ex cathedra zu sprechen, nie und nimmer einlösen. Wohl aber können wir den Anspruch, Absolutes in relativer Form, weil kontextabhängig, auszudrücken, aufrechterhalten. Wir verfügen freilich über keine zwingende Autorität dabei, sondern überlassen es ganz den Adressaten der Botschaft, ob sie das Absolute der Aussage übernehmen oder nicht. Sie sind also prinzipiell völlig frei, sich der Aussage anzuschließen, sie abzuändern oder sie abzulehnen. Das Absolute leuchtet ein oder eben nicht; das hängt sowohl von der Art der Mitteilung, also dem Kontext des Senders, als auch von der Bereitschaft und Offenheit des Empfängers, also dessen Kontext, ab. Das Absolute, um als solches erkannt zu werden und kommunikative Realität zu erlangen, benötigt also einen speziellen Kontext, einen besonderen, nicht alltäglichen „Geist“. Dieser Geist erst macht die absolute Wahrheit zu einer solchen, enthebt sie also den Bedingtheiten des Relativen.

Das Zitat aus dem Neuen Testament: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20) könnte für diesen Zusammenhang so verstanden werden: „Wenn zwei oder drei offen sind für das Absolute, erscheint es als kommunikative Wirklichkeit.“ Wie bei solchen Wirklichkeiten üblich, hat auch das Absolute keine Zeitdauer, es zerfällt unmittelbar, nachdem es aufgetreten ist. Aber es hinterlässt Wirkungen, sonst wäre es nicht absolut. Um diese Wirkungen geht es, nicht um das Rechthaben, Sich-Durchsetzen, Besser-Sein usw. Die Wirkungen betreffen also nicht das Ego, das jede Wahrheit in Frage stellen und anders sehen oder ausdrücken kann. Sie betreffen das tiefere Wesen, das Selbst.

Absolute Wahrheiten sind also solche, die unabhängig von den Kontexten, in denen sie existieren, prinzipiell in allen Empfängern ihre Wirkungen entfalten können. Der Adressatenkreis kann und soll nicht eingeschränkt werden. Sie gelten auch unabhängig vom Sender, sind also nicht durch seine Person, seinen Status, seine Bildung usw. bestimmt. Auf dieser Basis können absolute Wahrheiten absolute Wirkungen und damit auch absolute Gültigkeit erlangen. Zum Unterschied allerdings von Dogmen und anderen Lehrsätzen, die von Institutionen und Autoritäten aufgestellt werden, hat diese Gültigkeit keine räumliche und zeitliche Dauer, sie gilt also nur im Moment, in dem sie gilt. Menschen können an Wahrheiten, die sie zu einem bestimmten Zeitpunkt für absolut gültig erachten, zu anderen Zeitpunkten zweifeln, und sie können Aussagen, die sie einmal kritisiert haben, ein andermal voll annehmen.


Die Wirkung der absoluten Wahrheit


Eine absolute Wahrheit wird in ihrer Wirkung wirklich, und diese besteht in einer inneren Wandlung bei der Person, die die Wahrheit empfängt. Eine solche Wandlung kann als Weitung und als Hinausgehen über eine vorher geltende Weltsicht angesehen werden. Bisher wichtige Kontexte können ihre Bedeutung verlieren, Ängste können zurücktreten, Vorurteile verschwinden.

Jemand sagt z.B.: „Ich schaue mich um und sehe, das Glück ist immer genau da, wo ich gerade bin.“ Damit werden alle Konzepte vom Glück und vom Glücklichwerden überflüssig. Es braucht keinen Stress mehr, um etwas zu erreichen, was gerade nicht da ist. Es kann sich innerer Friede ausbreiten. Auf diese Weise wirkt eine absolute Wahrheit.

Sie kann jedoch nicht wie eine Pille eingenommen werden, die jeden Tag die gleiche Wirkung haben sollte. Die obige Aussage kann an einem anderen Tag leer und nichtssagend erscheinen. Es kann wirkungslos sein, wenn jemand anderer daran erinnert: „Neulich hast du doch gesagt… Was ist jetzt damit?“ Absolute Wahrheiten wirken aus einem absoluten Moment heraus, der sich nicht reproduzieren lässt. Es gibt keinen Knopf, auf den man drücken könnte, wenn man sich glücklich fühlen möchte oder voll von Liebe oder frei von allen Einschränkungen.

Alles, was wir aktiv tun können, ist, uns immer wieder für das Absolute in jeder relativen Situation zu öffnen. Denn das Absolute wartet nur darauf, gehört und empfangen zu werden. Wir brauchen uns nicht gewohnheitsmäßig auf eines unserer beschränkten Konzepte über die Welt und die Menschen festlegen und können uns statt dessen von der Fülle des Lebens überraschen lassen, was immer sie uns schenken will.


Zum Weiterlesen:
Das Absolute im Beschränkten 
Die zwei Wahrheiten 
Die zwei Wahrheiten und die Konfliktkultur
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Die zwei Wahrheiten und der Alltag 
Die zwei Wahrheiten und das Ego 
Die zwei Wahrheiten und die Sprache