Mittwoch, 28. August 2019

Warum die Gesellschaft Ambivalenzen braucht

Wenn genügend viele Menschen innere Schwierigkeiten mit Ambivalenzen haben und sich mit Illusionen und Fantasien über diese Gegensätze hinweg zu retten versuchen, entsteht daraus eine ambivalenz-intolerante Gesellschaft. Es gibt genügend Gruppen und Bewegungen in unserer Gesellschaft, deren Mitglieder ihr Leiden an inneren Ambivalenzen auf die gesellschaftlichen Probleme projizieren und einfache Lösungen und Antworten einfordern. Wenn die Schwierigkeiten im eigenen Seelenleben zu stark werden, und keine Bereitschaft besteht, sich ihnen zu stellen, bietet sich als bequemer Ausweg, Ambivalenzen in der Gesellschaft zu bekämpfen, um eine Einheitsgesellschaft zu errichten. 


Die Ambivalenz zwischen „Heimattreue“ und „Weltoffenheit“


Eine dieser heftig diskutierten Ambivalenzen besteht zwischen dem Bestreben nach dem Erhalt von Traditionen samt nationaler Eigenständigkeiten und der Wirklichkeit und Notwendigkeit von Zuwanderung. Beides hat seine Berechtigung und seinen Wert, und zwischen beiden kommt es immer wieder und notwendigerweise zu Konflikten (s. den Artikel über "Gelingende Integration und Konflikte"). Wer an inneren Konflikten leidet, sucht nach Harmonie im Außen und meint, dass mit der Beseitigung der äußeren Konflikte der innere Friede kommt. Deshalb versucht er eine Seite der Ambivalenz zu bekämpfen, mit der Hoffnung, dass dann nur mehr die andere, gewünschte Seite übrigbleibt und der ersehnte Friede einkehrt. Es ist doch viel einfacher, wenn alle die gleiche Sprache sprechen, noch besser den gleichen Dialekt, dann versteht jeder jeden und es gibt keine Reibereien. Alle sollten die gleichen Werte teilen, und wer da nicht mitmachen will, soll woandershin verschwinden.

Der nationale Einheitsbrei ist aber nur mit einem hohen Preis zu haben: Das Fehlen von Austausch und Innovation führt dazu, dass irgendwann die Tradition an sich selber erstickt, indem die Kreativität auf der Strecke bleibt. Dazu kommt, dass die Bevölkerung ohne Zuwanderung Schritt für Schritt vergreist – ein Papamonat, so nett er ist, ändert kaum etwas an diesem Trend. 

Eine gewisse Abgrenzung ist notwendig, damit die eigene Identität gewahrt werden kann; die totale Abschottung führt zum Versiegen von Ideen und letztendlich zur Verödung der eigenen Kultur. Wenn z.B. die ungarische Regierung eine ganze Universität aus nationalistischen Gründen ausweist, gehen dem Land wertvolle Talente und innovative Forschungsergebnisse verloren, ohne irgendeinen Gewinn. Die Feindschaft gegen das Fremde bringt die Feindschaft gegen das Neue mit sich, und ohne Neues veraltet die Gesellschaft, nicht nur demographisch, sondern auch technologisch und wissenssoziologisch. 


Der gesellschaftliche Preis der Ambivalenzunterdrückung


Die Vertreibung und Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten war nicht nur eine beispiellose und gewissenlose Orgie von Grausamkeit und Unmenschlichkeit, sondern auch eine Geisteszerstörung zumindest in Deutschland und Österreich, die über Jahrzehnte, wenn nicht bis heute, gravierende Nachwirkungen auf die kulturelle Produktivität hatte. Die Ideologie der Nationalsozialisten, wie auch anderer totalitärer Regime, ist geprägt von durchgängiger und radikaler Ambivalenz-Intoleranz. Es darf in Bezug auf die Sexualität nur eine Norm geben, wer davon abweicht, weil er oder sie z.B. der gleichgeschlechtlichen Liebe zugeneigt ist, wird verfolgt. Die Menschen dürfen nur eine Form der Liebe in sich zulassen, und wenn sie in sich eine entsprechende Ambivalenz tragen, müssen sie diese verdrängen. Es darf nur eine Richtung in der Kunst geben, und wer sein Schaffen in eine andere Richtung auslebt, wird geächtet und aus der Öffentlichkeit verbannt. Es darf schließlich nur eine Art zu denken geben, und wer davon abweichende Gedanken äußerst, riskiert sein Leben. 


Linke Ambivalenzblindheit


Nicht nur auf der rechten Seite des politischen Spektrums finden sich die Gegner von Ambivalenzen. Wo immer Ideologien auftauchen, besteht die Neigung, die Wirklichkeit gemäß den eigenen Ideen zurechtzustutzen. Alles, was der eigenen Erlösungsvorstellung widerspricht, muss unterdrückt, zurechtgebogen oder ignoriert werden. 

Im marxistischen Denken hatten Widersprüche eine ganz zentrale Rolle. Der Antagonismus zwischen den Kapitalisten und den Proletariern würde zwangsläufig zur kommunistischen Revolution führen und eine neue Gesellschaft hervorbringen, in der es keine ökonomischen Gegensätze mehr gäbe. Es geht also auch in diesem Denken um die Beseitigung von Widersprüchen mit dem Ziel eines harmonischen Zusammenlebens in der klassenlosen Gesellschaft.

Der Antagonismus zwischen den Eigentümern der Produktionsmittel und denen, die sie bedienen, besteht bis heute; ob er die digitale Revolution der künstlichen Intelligenz überleben wird, ist noch fraglich. So oder so, die Perspektive auf eine widerspruchsfreie Form des Zusammenlebens zeugt von der Hoffnung auf Beseitigung von Ambivalenzen, statt einen konstruktiveren Umgang mit ihnen anzudenken. Diese Sichtweise rückt jedes Denkgebäude in die Nähe von Ideologien.


Ambivalenzverdrängung nach außen


Es gab und gibt bis heute genügend Leute, die solche totalitäre und wertdiktatorische Weltanschauungen vertreten und ihnen zur Macht verhelfen wollen. Das sind Menschen, die nicht erkennen oder zugeben können, dass sie selber Ambivalenzen in sich tragen. Sie fordern äußere Verbote, die ihnen helfen sollen, die inneren Verbote, die mit der Verdrängung der eigenen inneren Ambivalenzen einhergehen, zu besiegeln. 

Das Einebnen von Widersprüchen geht nur, indem Teile der Wirklichkeit ausgeblendet werden. Zwar können Teile der Wirklichkeit ignoriert werden und man kann verbieten, sich mit ihnen zu beschäftigen, deshalb aber verschwinden diese Bereiche nicht, vielmehr wirken sie weiter und verschärfen die realen Ambivalenzen. Was wirklich ist, wirkt, im Verborgenen oder im Offensichtlichen. Die willkürliche Beschneidung der Wirklichkeit beinhaltet immer eine Form des Wirklichkeitsverlustes und damit eine Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten und der Wirksamkeit der eigenen Pläne.

Es gibt Gegensätze – in der Politik z.B. zwischen Unternehmern und Arbeitern. Im Faschismus und Nationalsozialismus wurden diese Interessensgegensätze ignoriert und einem mächtigen Einparteienstaat untergeordnet. Doch sind beide Seiten für das Funktionieren der Wirtschaft als Konfliktpartner notwendig – zumindest so lange als es Arbeitskräfte gibt. Unterschiedliche Konzepte In der Bildungs- und Sozialpolitik  beleben die organisatorischen und inhaltlichen Weiterentwicklungen in diesen Bereichen, wenn sie in einem „herrschaftsfreien“ Raum diskutiert werden. Je höher die Konflikttoleranz auf allen Ebenen der Gesellschaft ausgebildet ist, desto mehr Menschen können in ihr ihren Platz einnehmen und ihre Fähigkeiten beisteuern. Auch die Klimakrise können wir nur dann meistern, wenn den unterschiedlichen und zum Teil antagonistischen Interessen, die daran beteiligt sind, genügend Verständnis und Berücksichtigung gewährt wird, z.B. indem bei einer CO2-Steuer darauf geachtet wird, dass sie nicht zulasten der Ärmeren und Geringverdienenden geht.

Ambivalenzoffene Räume in der Gesellschaft und im Bildungswesen


Eine ambivalenztolerante Gesellschaft wird nicht dadurch entstehen oder verstärkt werden, dass den ambivalenzscheuen Mitgliedern auf den psychischen Zahn gefühlt wird; sie werden nicht auf Druck hin an die ungelösten Themen im Inneren zu arbeiten beginnen. Vielmehr braucht es ein kulturelles Klima, in dem die Gegensätze durchgespielt und vertieft werden können. Es braucht eine Wissenschaftskultur, in der kontroverse Theorien diskutiert und weiterentwickelt werden. Es braucht eine politische Öffentlichkeit, in der unterschiedliche Ideologien im Wettstreit stehen und differierende Ideen über den gesellschaftlichen Fortschritt eingebracht werden.

Ganz besonders  geht es darum, aufwachsenden Kinder eine Atmosphäre zu bieten, die zunächst offen ist für die Widersprüchlichkeiten ihrer Emotionalität, und dann später eine positive Einstellung zur Diversität und zu verschiedenen Vielheiten erfahrbar macht: Vielheiten in den Geschlechterrollen, in der ethnischen Herkunft, in der Kultur- und Religionszugehörigkeit, in Gebräuchen und Werten, in Umgangsformen und Lebensgeschichten, in Intelligenz- und Wohlstandsniveaus. Wenn Kinder die Erfahrung machen können, dass Menschen anderer Hautfarbe  oder anderem kulturellen Hintergrund auch nur Menschen sind, mit ähnlichen oder unterschiedlichen Lebensplänen und Einstellungen, dann erwerben sie einen offenen Horizont und ein Vertrauen in die Kraft von Ambivalenzen, statt ihnen aus dem Weg zu gehen oder sie zu bekämpfen. Sie erlernen eine multiperspektivische Herangehensweise an die Probleme – in ihnen selbst und um sie herum und werden zu offenen und freien Menschen und Gesellschaftsbürgern. 

Für die fortschreitende Globalisierung sind Menschen mit solchen Qualitäten notwendig. Je enger die Denkweise und je eindimensionaler die Gefühlswelt beschaffen ist, desto weniger ist jemand tauglich für eine Zukunft, in der die verschiedenen Regionen der Welt immer mehr in Austausch treten und damit die Widersprüche und daraus resultierenden Konflikte rapide zunehmen. Wir brauchen die tolerante Einstellung zu Ambivalenzen, indem wir Unterschiede wertfrei akzeptieren, um diese Herausforderungen bewältigen zu können. 

Freitag, 23. August 2019

Durch Ambivalenzen wachsen

Wir sind widersprüchliche, keine aus- und durchharmonisierte Wesen. In unserem Fühlen, Wollen und Denken melden sich unterschiedliche und oft gegensätzliche Strebungen. Stellen wir uns ein voll harmonisches Musikstück vor, ohne Gegensätze und Spannungen – wie lange braucht es, bis es uns fad wird? Die Musik wird lebendig, wenn der jeweils nächste Ton als Überraschung kommt, einen unvorhersehbaren Akzent trägt und möglicherweise dem entgegensteht, was vorher war. Auch ein Bild ohne Kontraste vermag uns nicht zu fesseln. Und Romane brauchen alle paar Seiten unvorhersehbare Wendungen, damit wir sie nicht weglegen. Kreativität entsteht, wenn ein gewohnter Verlauf unterbrochen wird, nicht wenn er gleichmäßig und vorhersagbar weiterfließt. 

Wir brauchen also einige Toleranz für Ambivalenzen, falls wir kreativ sein wollen. Wir müssen es aushalten können, dass wir uns in ein unbekanntes Terrain begeben, in dem uns Überraschungen begegnen, die angenehm oder unangenehm sein können. Mit dieser Bereitschaft können wir die Widersprüchlichkeiten in unserer inneren Erfahrungswelt nutzen und in interessante Beiträge zur schöpferischen Wirklichkeit übersetzen. 


Blockierende Ambivalenzen


Es gibt aber auch Gegensätze, die uns zu schaffen machen, soweit, dass sie uns lähmen können. Denn Unterbrechungen können abrupt und intensiv auftreten, wie es Schocks tun. Sie reißen uns aus dem, was gerade ist, und katapultieren uns von einem Zustand in den anderen, meist von einem angenehmen in einen unangenehmen. Ein Schock führt nicht zu Kreativität, sondern zu Angst und Panik. Wir geraten schnell in starke Anspannung, manchmal sogar in einen Erstarrungszustand. Dann können wir unmöglich kreativ sein, sondern können uns nur darum kümmern, wieder in einen Normalzustand zurückzufinden.

Wenn die Spannungen zwischen zwei oder mehreren Polen zu stark werden, wirkt sich die Ambivalenz störend auf die innere Lage aus. Und besteht ein intensiver Spannungszustand zu lange, müssen Notfallmaßnahmen ergriffen werden. Diese reichen von Verdrängung über Dissoziationen bis zu körperlichen Erkrankungen. Denn das Immunsystem wird durch chronifizierte innere Spannungen in Mitleidenschaft gezogen und dadurch Viren und Bakterien leichteres Spiel gewähren.

Blockierende Ambivalenzen weisen auf einen tieferen Grund in uns selber hin. Sie machen uns auf sehr frühe Traumatisierungen aufmerksam, die uns widerfahren sind. Wenn z.B. die Mutter oder eine andere wichtige Bezugsperson unsere Kontaktangebote, unser Bedürfnis, unsere Liebe zu teilen, ignoriert oder ablehnt, sind wir gefangen in dem Konflikt, uns anzupassen oder unseren Weg zu Autonomie und Liebesfähigkeit zu finden (vgl. den vorigen Blogbeitrag).


Ambivalenzen in Beziehungen


In Beziehungen und Partnerschaften suchen wir die Übereinstimmungen und leiden an Disharmonien, vor allem wenn sie in Streitereien münden. Wir sehnen uns danach, dass die andere Person unsere Meinungen, Ansichten und Überzeugungen teilt, dass unsere Gefühle eins zu eins verstanden werden und unsere Absichten und Ziele übereinstimmen. Unter diesen Voraussetzungen stellen wir uns das Leben einfach und glücklich vor. 

Noch besser wäre es vielleicht, – so geht die romantische Fantasie weiter –, gleich direkt mit der anderen Person zu verschmelzen und wirklich ein ununterscheidbares Eins zu werden, wie das manchmal von der sexuellen Begegnung erwartet wird. Miteinander verschmolzen gibt es keine Gegensätze, keinen Konflikt und keinen Streit. Das Ei, das sich laut Platon zerteilt werden musste, wird wieder eins*. Oder, wie es bei Immanuel Kant heißt: „Oh wundervolle Harmonie, was er will, will auch sie.“ Es kann doch keine Liebe sein, wenn die Lebensziele, Konsumgewohnheiten, Geschmäcker und Gedankengebäude unterschiedlich sind? Liebe heißt Einssein, möglichst ununterscheidbar und widerspruchsfrei, so die romantische Theorie von der Liebe.

Das Leiden entsteht aber schnell am Widerspruch zwischen Theorie und Praxis. Auch wenn es Momente gibt, in denen das Eine und das Andere eins werden, die Personen sich tief verbunden fühlen und das gemeinsam Geteilte über dem Trennenden steht, sind weite Bereiche der Realität und ganz besonders im Beziehungsbereich durch Unterschiedlichkeiten geprägt. Das Leben präsentiert sich in jedem Moment anders, mit stetig neuen Herausforderungen. Was als Einssein erfahren wurde, zerfällt in Dualität, was sich als verschmolzen angefühlt hat, teilt sich. Wenn wir in dem Zustand der Getrenntheit die Einheit vermissen, leiden wir, statt die Unterschiedlichkeit wertzuschätzen und Gewinn aus ihr zu ziehen. 

Die romantische Liebeskonstruktion strebt einen ambivalenzfreien Raum an. Das macht ihre Realitätsferne aus, denn Widersprüche und Unterschiedlichkeiten gehören zum Leben wie das Salz in die Suppe. Die Liebe jenseits der Romantik besteht im Annehmen und Umarmen der Gegensätzlichkeiten statt in ihrer Aufhebung oder Übertünchung. Diese Liebe ist flexibel und kann mit den Drehungen und Wendungen des Lebens besser umgehen und an Herausforderungen wachsen.


Von der Ambivalenztoleranz zur Ambivalenzkompetenz 


Wenn wir das Geschehenlassen über das Tun stellen, kommen wir leichter mit Ambivalenzen zurecht. Wir begeben uns mit dem Anvertrauen ans Leben in das Fließen, das zwischen Polen navigiert. Wir üben uns in der Flexibilität, indem wir Ambivalenzen begrüßen, um sie zu erforschen und auszukosten. 

Denn nüchtern betrachtet, macht uns der Drang nach Vereinheitlichung mehr Probleme als er löst. Wir denken uns, das Leben wäre einfacher, wenn alles in uns aus einem Guss wäre, alles logisch oder psychologisch ineinander überginge, wenn alle Unterschiede in uns und um uns herum eingeebnet wären. Wir wollen nicht zerrissen sein zwischen zwei oder mehreren Herzen, die in unserer Brust um die Wette schlagen. Und wir wollen nicht mühsam Übereinkünfte mit anderen erkämpfen, die nicht von vornherein das Gleiche wollen wie wir. 

Wo es nicht um starke innere Konflikte geht, die ihre Wurzel in frühen Traumatisierungen haben, steckt hinter dem tagtäglichen Leiden an der Verschiedenheit  und Gegensätzlichkeit nicht viel mehr als der in uns allen inhärente Hang zu Bequemlichkeit und Konfliktscheu. Wir können uns natürlich mit Menschen und Umständen umgeben, in denen laufend bestätigt wird, was wir sowieso glauben und in dem das, was wir selber wollen, von den anderen bereitwillig geteilt wird. Wir können uns „Blasen“ schaffen, in denen wir mit all unseren Ecken und Kanten gemocht werden, in denen uns nichts konfrontiert oder herausfordert. Wir wollen auf unserem Kurs bleiben und damit nicht abgelenkt werden. Aber das ist auch Zeichen einer mangelnden Lernfähigkeit, denn aus jeder Erfahrung, die sich mit unserem bisherigen Erfahrungshorizont kreuzt, neue Einsichten gewinnen und unseren Horizont erweitern. Oft müssen wir hinter die vordergründige Erscheinung blicken, um tiefere Wahrheiten zu gewinnen, vor allem dann, wenn die neuen Erfahrungen schockierend und irritierend sind, wie z.B. die Konfrontation mit lebensfeindlichen Aktivitäten und gewaltfördernden Meinungen.

Letztlich freilich geht es darum, mit allem, was in uns und um uns herum passiert, in Einklang zu kommen, d.h. mit dem, wo sich ruhig etwas aus dem anderen entwickelt, und mit dem, wo Brüche und abrupte Wendungen geschehen. Wenn uns diese Vereinheitlichung gelingt, kommt aus jedem Moment das, was als nächstes geschehen soll, ob es jetzt zu irgendetwas anderem in uns in Widerspruch steht oder nicht. Die Übung der Ambivalenztoleranz und Ambivalenzkompetenz hilft uns auf diesem Weg.

* Platon im Symposion: „Nachdem nun die Gestalt entzweigeschnitten war, sehnte sich jedes nach seiner andern Hälfte und so kamen sie zusammen, umfassten sich mit den Armen und schlangen sich in einander, und über dem Begehren zusammen zu wachsen starben sie aus Hunger und sonstiger Fahrlässigkeit, weil sie nichts getrennt von einander tun wollten. [...] Von so langem her also ist die Liebe zu einander den Menschen angeboren, um die ursprüngliche Natur wiederherzustellen, und versucht aus zweien eins zu machen und die menschliche Natur zu heilen. Jeder von uns ist also ein Stück von einem Menschen, da wir ja zerschnitten, wie die Schollen, aus einem zwei geworden sind. Also sucht nun immer jedes sein anderes Stück.“

Zum Weiterlesen:
Mit Ambivalenzen leben

Sonntag, 18. August 2019

Mit Ambivalenzen leben

Als Ambivalenzen bezeichnet man gegensätzliche oder einander ausschließende Wünsche, Gefühle oder Gedanken, die zu einem Zustand psychischer Zerrissenheit führen. Geprägt hat den Begriff der Ambivalenz der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler im Jahr 1910. 

Er unterschied drei Formen der Ambivalenz:
Affektive Ambivalenz = Gegensätzlichkeit der Gefühle
Ambitendenz = konträre parallel existierende Wünsche und Bedürfnisse (voluntäre Ambivalenz)
Intellektuelle Ambivalenz = Gedanken, die gleichzeitig gegensätzlich sind.

Zwiespältige Regungen und Gedanken kommen immer wieder vor. Sie sind weder schädlich noch schlimm. Das Risiko beginnt dort, wo sie nicht als normal angenommen werden können. Wenn wir also widerstrebende Gefühle, Wünsche oder Gedanken als alltägliche Phänomene annehmen können, wenn wir also unseren Ambivalenzen gegenüber tolerant auftreten, haben wir kein Problem. Wirken sie aber in uns, ohne dass wir sie erkennen oder verstehen und sehen wir ihre Auswirkungen als Fehler, Makel oder Missetaten, können sie das Leben belasten und uns krankmachen. Depressive, narzisstisch Gestörte und Borderliner leiden an Ambivalenzerfahrungen, die mit Angst, Scham und Schuld verbunden sind.


Die Hassliebe


Als ambivalente Gefühlserfahrung, „die jeder kennt“, wird häufig die Hassliebe bezeichnet. Wir alle haben doch schon mal Menschen getroffen, die wir zugleich lieben und hassen. Vielleicht sind das sogar die Menschen, mit denen wir am intimsten verbunden sind. Ich habe allerdings in mehreren Beiträgen auf dieser Blogseite nachzuweisen versucht, dass Liebe und Hass keine Antagonisten sind, dass es keinen Gegensatz zwischen Liebe und Hass gibt, sondern dass der Hass eine „Sonderemotion“ ist, während die Liebe keine Emotion, sondern ein Seinszustand ist, der gewissermaßen automatisch entsteht, wenn wir in offen und entspannt sind. Hass ist natürlich ein nicht-entspanntes Gefühl, es ist geprägt vom Stress, etwas Störendes vernichten zu müssen.

Die Hassliebe können wir vielmehr als Projektion von ambivalenten Elternerfahrungen verstehen. Wir sind widersprüchlich von unseren Eltern behandelt worden und haben ihre ablehnenden und ihre annehmenden Seiten kennengelernt. Wir haben erfahren, dass sie uns manchmal hassen und manchmal liebhaben. Bringen wir nun einem Menschen eine Hassliebe entgegen, so befinden wir uns in einem existentiellen Drama, in dem wir unsere Kindheit wiederbeleben. Wir machen das Objekt unserer Hassliebe für unser Überleben verantwortlich: Wenn wir genug von ihm bekommen, sind wir auf der sicheren Seite, wenn nicht, ist unser Weiterleben bedroht. Sobald diese Gefahr auftaucht, meldet sich unser Hass und bricht voll auf die andere Person herein. Mühsam finden wir dann wieder zu einer Form der Liebe zurück, d.h. zu einer Form von Vertrauen und Sicherheit, die allerdings von Erwartungen auf ein von der anderen Person Glücklichgemachtwerden geprägt ist. Es ist eine bedingte Liebe in relativer Sicherheit, die von Bedrohungen umgeben ist und rasch, bei „Bedarf“, in Hass umschlagen kann, um sich vor Verletzungen zu schützen.

Die Liebe als Seinszustand dagegen umschließt die ambivalenten Gefühlsstrukturen und kann Hass und relative Liebe akzeptieren. Dadurch mildert sich die intensive Spannung, die in der Hassliebe liegt. Der Hass mit seiner zerstörerischen Kraft wird in diesem Raum einer allumfassenden Liebe seiner Auflösung entgegenstreben und Frieden finden.


Ambivalenzen und Rhythmen


Strenggenommen, ist die Charakterisierung von Ambivalenzen als „gleichzeitig“ ablaufende gegensätzliche Reaktionen ungenau: Wir können nicht ein Gefühl und seinen Gegensatz im gleichen Moment erleben; wir können Gefühlszustände erleben, in denen wir das eigentliche Gefühl nicht genau identifizieren können, sondern herumrätseln, was wir genau empfinden. In diesen Zuständen wind wir im Verstand, dem die Klarheit über das Gefühl fehlt. Erst wenn wir unser inneres Spüren vereinigen, kommen wir genau zum Gefühl, und wenn wir dieses Gefühl annehmen, wie es ist, ist es auch eindeutig. Es kann sich verändern – Gefühle sind nie statisch sondern dynamisch: ein Gefühl kann zu einem anderen Gefühl werden, oder zum „Gegenteil“ des vorigen Gefühls. Aber das ist ein normaler Vorgang im inneren Ablauf.

Was belastend ist und wo die Störung beginnt, ist ein Wechsel von Gefühlszuständen, der zu schnell und zu heftig abläuft, sodass der Eindruck entsteht, dass „zugleich“ starke widerstrebende Gefühle da sind, ein Zustand, der das Innere zu zerreißen droht, weil er eine innere Fragmentierung aufzeigt, die die Ich-Identität massiv bedroht. An diesem Punkt kann die „Angst vor dem Wahnsinn“ auftreten, eine der schlimmsten Angsterfahrungen, die Menschen kennen. Die Auflösung des Ichs, das die Psyche zusammenhält, würde den psychischen Tod bedeuten. 


Die ambivalente Bindung


Zum Verständnis von Ambivalenz hilft ein Blick auf die Bindungstheorie, die frühkindliche Bindungsstörungen untersucht hat. Sie kennt unter den unsicheren Bindungstypen die ambivalente Bindung. In ihr spiegelt sich eine Double-bind-Beziehung: Die Erziehungsperson wechselt abrupt und unvorhersehbar zwischen Zuneigung und Ablehnung. Im einen Moment ist sie ganz liebevoll beim Baby, im nächsten Moment ist sie weg, physisch oder emotional, indem etwas anderes plötzlich wichtiger ist. 

Das Baby erlebt Liebe und Ablehnung von der gleichen Person, fühlt sich also geliebt und abgelehnt „zugleich“. An diesem Punkt entsteht die Dichotomie zwischen gut und böse: zwischen beziehungsstiftend und beziehungshemmend, zwischen lebensfördernd und lebenszerstörend. Denn ein Baby kann sich keinen Reim aus diesem Widerspruch machen, der seine eigene Existenz bedroht. Es bleibt nur die Abspaltung als Ausweg: Ein Inneres mit zwei gegensätzlichen Polen, die rasch in das jeweilig Andere umschlagen können. Hier liegt eine Quelle für die oben besprochene Hassliebe.

Im Inneren das Kindes bilden sich außerdem zwei Instanzen: die gute und die böse Mutter, der gute und der böse Vater. Es handelt sich um ambivalent geprägte Elternbilder, und auf alle anderen Beziehungen übertragen werden, abhängig von der Stärke des inneren Widerspruchs. Je stärker der Gegensatz, desto weiter liegen die Pole auseinander und desto belastender ist die innere Spannung. 

Das Ausmaß der Ambivalenz liegt in der Qualität der frühen Beziehungen begründet. Keine Erziehungsperson kann die ganze Zeit in einer liebevollen und aufmerksam empathischen Beziehung zu einem Kind bleiben. Aber es kommt auf das Ausmaß und auf die Rhythmik an, ob der Wechsel von Beziehung und Beziehungsabbruch vom Baby gemäß seines inneren Entwicklungsniveaus und seiner emotionalen Regulationskompetenz verkraftet werden kann oder ob es überfordert wird und sich eine Traumatisierung entwickelt. 

Die Beziehungsqualität bemisst sich daran, ob die Eltern ihr Kind als wertvollen Kommunikationspartner ernstnehmen oder als schwer verständliches Wesen erleben, dem einfach zugemutet werden kann, was den Eltern gerade in den Sinn kommt oder was sie selber gerade für sich brauchen. Es gibt Eltern, die ihren Kindern alles Mögliche aus ihrer Seelenblindheit antun und andere, die die Kleinen kommunikativ einbinden. Im einen Fall geht eine Mutter einfach weg, wenn sie abgelenkt wird, im anderen Fall stimmt sich der Vater mit dem Kind ein und spricht mit ihm, um es auf die Trennung vorzubereiten.


Die „optimale“ Frustration


Es gibt entwicklungsadäquate Frustrationen, also Zumutungen, die das Kind verkraften kann, für die es also schon über den entsprechenden Mut und Kraft verfügt. In diesem Fall wächst durch eine altersangepasste Frustration die Fähigkeit des Kindes, die eigenen Emotionen zu regulieren und entstehende Ambivalenzen auszuhalten. 

Im Fall der Überforderung, also der Belastung mit Frustrationen, die nicht verarbeitet werden können, kommt es allerdings zu Verwirrung und Desintegration. Dieser Zustand ist dann gekennzeichnet durch ein rasches Wechseln zwischen Nähe- und Distanzimpulsen, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Zugewandtheit und Ablehnung. Die Mitte bleibt leer, und die Angst wird chronifiziert.

In der Körperhaltung eines ambivalent gebundenen Babys können beide gegensätzliche Strebungen zugleich sichtbar werden: Ein Körperteil will bei der Mutter sein, ein anderer will sie auf Distanz halten. Im inneren Gefühl aber ist weder das eine noch das andere klar vertreten, sondern es herrscht Verwirrung und Unsicherheit und ein hohes Maß an Stress. 

Ambivalent gebundene Erwachsene geraten häufig an gefühls- und ambivalenzvermeidende Menschen und leiden besonders an ihnen. Sie suchen ambivalenzfreie Beziehungen und können sie nie finden, außer sie lösen die Ambivalenzkonflikte im eigenen Inneren. 


Ambivalenzvermeidung


Auch beim vermeidend-unsicheren Bindungstyp spielen Ambivalenzerfahrungen eine wichtige Rolle. Ein Kind mit vermeidendem Bindungsstil lässt sich nichts anmerken, wenn es von der Erziehungsperson alleingelassen wird. Es hat schon früh gelernt, den Ambivalenzkonflikt zu verdrängen und ein Selbstkonzept zu entwickeln, in dem alle Frustrationen als notwendig und erträglich gerechtfertigt sind. Solche Kinder entwickeln auf der bewussten Ebene einseitig positive, d.h. idealisierte Elternbilder, während die negativen Elternbilder tief ins Unterbewusstsein verbannt sind.

Vermeidend gebundene Menschen vermeiden deshalb auch in ihrem Leben Ambivalenzen. Sie sind oft schnell mit Trennungen, wenn sie mit einem Beziehungspartner unzufrieden sind. Bei Konflikten ziehen sie sich zurück, statt sie durchzufechten. 


Ambivalenztoleranz


Der sichere Bindungstyp ist durch ein höheres Maß an Ambivalenztoleranz gekennzeichnet: Sicher gebundene Kinder können widersprüchliche Gefühle aushalten, in sich selber und bei anderen. Sie können den Schmerz und den Zorn spüren und ausdrücken, der auftritt, wenn sie eine Frustration erleiden, wenn z.B. die Mutter weggeht, obwohl sie mit ihr spielen wollen. Sie können aber auch die Freude zulassen, die entsteht, wenn die Mutter wieder zurückkommt. Sie entwickeln auf diese Weise Elternbilder, die im Grund positiv sind, aber auch die schmerzhaften Erfahrungen beinhalten, die durch die Unvollkommenheiten der Eltern verursacht wurden. Diese Elternbilder sind realistisch und enthalten die Erinnerung an menschliche, d.h. fehlbare und lernfähige Eltern.

Zum Weiterlesen:
Hass und Liebe: Vom Mangel zur Fülle
Liebe und Hass: Eine Dualität?
Die große und die kleine Liebe
Die Bindungstypen
Unsicherheiten in sicheren Bindungen

Mittwoch, 7. August 2019

Verletzlichkeit und Würde

Wir alle tragen einen verletzlichen Teil in uns, weil wir alle kleine, hilflose Babys waren. Wir alle sind darüber hinaus gewachsen und haben starke und kompetente Anteile gewonnen, die uns helfen, unser Leben selbständig zu bewältigen.

Tiefer als unsere Verletzlichkeit gründet unsere Würde. Sie ist uns nicht nur in die Wiege gelegt, sondern ist schon das Geschenk zu unserer Empfängnis. Wir sind in unserer vollständigen Besonderheit und Eigenart in diese Welt getreten, als eine wunderbare Schöpfung der Natur, begabt mit einem unerschöpflichen Geist. Darin wurzelt unsere Würde. 


Die verschüttete Würde


Damit die Würde wachsen kann, braucht sie eine förderliche Umgebung: liebevolle Menschen, die spüren können, was dieses neue Wesen braucht, um zu seiner Fülle zu gedeihen. Die Liebe besteht vor allem darin, das Wunderbare zu erkennen und zu schätzen und sich am Unergründlichen des Geistes zu begeistern.

Wo es an dieser Liebe mangelt, kommt es zu Verletzungen. Wo etwas nicht so wachsen kann, wie es wachsen sollte, verkümmert es. Der Unterschied zwischen dem, was sein könnte und sollte, und dem, was ist, ist schmerzlich, wenn er zu krass ist und zu lange andauert. Verletzungen nehmen nichts von der Würde weg, die immer da ist. Sie verdecken aber den Zugang zu ihr, sodass es geschehen kann, dass die Würde immer unsichtbarer wird und immer weniger wahrgenommen werden kann, von sich selber und von den anderen. Wo die Verletzungen sehr groß sind, entsteht ein Gefühl von Würdelosigkeit, von Wertlosigkeit, ein Gefühl, keine Liebe zu verdienen. 

Ein Mensch mit einer schweren Verletzungsgeschichte braucht deshalb besonders viel Liebe, um wieder zu seiner Würde zurückzufinden. Der erste Schritt für diese Liebe ist es, diese Würde zu erkennen und anzuerkennen. So zerrüttet oder zerschlagen ein Mensch auch sein kann – seine innere Würde ist im Grund immer intakt und wartet darauf, gesehen und gestärkt zu werden.


Liebe und Selbstliebe


Diese Liebe kommt idealerweise von anderen Menschen. Diese Form der Liebe kann aber nicht eingefordert oder erzwungen werden. Sie ist ein Glücksfall, wenn sie gefunden wird. Wo das nicht oder nur mangelhaft möglich ist, gilt es, die Selbstliebe zu entwickeln, die den Weg zur inneren Würde sucht, durch alle Verzwickungen und Vertrackungen hindurch. Die Selbstliebe besteht darin, die vielen und mannigfaltigen Verletzungen mit gütigem und verständnisvollem Blick zu berühren, zu umfangen und zu trösten. In jedem gelungenen Akt der Selbstliebe geschieht Heilung und es meldet sich die Würde zurück.


Die Vervollständigung der Geschichte


Im Prozess der Heilung wächst die eigene individuelle Geschichte zusammen – die Lücken, die durch die Verletzungen entstanden sind, werden gefüllt. Es bildet sich eine durchgängige Kontinuität, die allen Ereignissen dieses Lebens ihren besonderen Sinn zubilligen kann. Eine vervollständigte Geschichte stellt die Kraft für ein umfassendes Annehmen des gegenwärtigen Moments und für die Gestaltung der Zukunft zur Verfügung. Denn die Gedanken und Gefühle sind nicht mehr an die Verletzungen der Vergangenheit gebunden, sondern setzen die Kreativität frei, die für Wachstum und Entfaltung sorgt. 


Verletzbare Würde


Der erwachsene Mensch, der den Weg der Selbstliebe bestritten hat, ist in seiner Kraft und hat zu seiner Würde zurückgefunden. Er weiß zugleich um die Verletzlichkeit, um das Zerbrechliche am Menschsein, im Bewusstsein eigener Erfahrungen und im Blick auf die eigene Lebensgeschichte. Er braucht keinen Panzer, keine Verhärtungen und keine Gewalt, um sich in der Welt behaupten zu können. Er kann sich der Welt in seiner Verletzbarkeit zeigen, in dem Bewusstsein, dass dieses Leben in Zerbrechlichkeit begonnen hat und in Zerbrechlichkeit enden wird. Er braucht also keine Maske mehr, mit der er der Welt seine Anpassungsfähigkeit demonstriert und seine Bereitschaft, sich den Erwartungen der anderen zu unterwerfen. Vielmehr verbindet er seine Verletzlichkeit mit seiner Lebenskraft und umfasst beide mit seiner Würde. „Ich bin verletzbar, doch ich lasse es nicht zu, verletzt zu werden, weil ich um meine Kraft weiß.“


Die verletzlichen Helden


Die Helden und Heldinnen unserer Zeit sind Menschen, deren Kraft und Klarheit Hand in Hand mit dem Mitfühlen geht, wenn sie sich für Gerechtigkeit und Menschlichkeit einsetzen. Sie speisen diese Haltung aus der Übung des Selbst-Mitgefühls in Beziehung zu ihrer eigenen Verletzlichkeit. Die Verletzlichkeit erweist sich als mächtiger als die Härte.

Bei Laotse heißt es dazu: „Dass Schwaches das Starke besiegt und Weiches das Harte besiegt, weiß jedermann auf Erden, aber niemand vermag danach zu handeln.“ (Tao Te King, Kapitel 81) Die Vertreter des gewaltlosen Widerstandes und ihre Nachfolger haben inzwischen bewiesen, dass es möglich ist, nach dieser alten Weisheit zu handeln und auf diesem Weg immer wieder der Menschlichkeit zum Sieg über die Mächte der Zerstörung zu verhelfen. 


Der Weg des Mitgefühls


Eine Person, die den Weg der Heilung und Selbstliebe gegangen ist, kennt die Verletzbarkeit ihrer Mitmenschen und achtet sie, weil sie weiß, dass die besonders Verletzten besonders viel Liebe brauchen. Aus der Bewusstheit über das eigene Lebensschicksal und aus dem Annehmen der daraus entstandenen Belastungen und Leiden steht sie zu der Einsicht, dass der Weg der Verständigung und der liebevollen Akzeptanz der einzig sinnvolle ist. Sie weiß um die selbstverständliche und bedingungslose Gültigkeit und um die unbezwingbare Kraft der Menschenliebe.

Es ist ihr klar, dass es keine Alternative für die Suche nach Heilung und Frieden gibt als den, alle Mitmenschen in ihrem Leiden und ihren Schwächen und Stärken anzuerkennen und der Würde, die im Innersten von jedem von uns wirkt, volle Anerkennung und tiefen Respekt entgegenzubringen. Um es spirituell auszudrücken: Sie verneigt sich vor der Göttlichkeit in jedem Menschen, weil sie um ihre eigene Göttlichkeit weiß, die alles Schöne und Traurige des eigenen Lebens umfasst. In unserer Würde spiegelt sich das Göttliche.

Oder, wie Charlie Chaplin sagte: „Macht brauchst du nur, wenn du Böses vorhast. Für alles andere reicht Liebe.“

Zum Weiterlesen:
Scham und Verletzlichkeit

Sonntag, 4. August 2019

Eine soziale Utopie als Hoffnungsträger

Viele Autoren unserer Tage sprechen vom Ende der Utopien. Statt verheißungsvoll in die Zukunft zu blicken, mehren sich bei vielen Menschen die Ängste und Enttäuschungen, das Prinzip Hoffnung scheint endgültig veraltert. Die gängigen Erzählungen von Kommunismus, Neoliberalismus und Faschismus haben abgedankt und ein Vakuum hinterlassen, in das sich Populisten ohne Visionen einnisten und die Stimmen der Desillusionierten abkassieren, während die Verteidiger der Aufklärung und der Menschenwürde beinahe hilflos zuschauen.

Für diese Situationsanalyse hat Paul Mason das Buch: „Klare, lichte Zukunft. Eine radikale Verteidigung des Humanismus“ geschrieben und lässt es in eine Utopie münden. 

Mason lädt uns zu einem Gedankenexperiment ein: „Wie wäre es, wenn wir uns das Ende des Kapitalismus vorstellen könnten? Schließen Sie einen Augenblick die Augen und versuchen Sie es. Ist es beängstigend? Was sehen Sie? Das Wahrscheinlichste ist, dass Sie dieselbe Utopie gesehen haben, die das abendländische Denken seit Aristoteles inspiriert: eine menschliche Gemeinschaft, in der es keine Armut gibt und Eigentum und Hierarchie keine Rolle spielen, in der jedermann ein auskömmliches Leben führt und genug Freizeit hat, um sein menschliches Potenzial auszuschöpfen, und in der die Arbeit von Maschinen geleistet wird. Das gute Leben.“ (S. 312)

Was wie eine sozialromantische Wunschprojektion ausschaut, ist in Wirklichkeit gar nicht so abgehoben und irreal. Denn wir hören überall von den Robotern und künstlichen Intelligenzen, die den Menschen mehr und mehr von ihrer Arbeit abnehmen werden, ob wir das wollen oder nicht. Das betrifft zunächst einmal vor was die physischen Arbeiten. „Es bedeutet, dass die grundlegenden Dinge, die wir zum Leben brauchen – Nahrungsmittel, Energie, Transport, Wohnung, medizinische Versorgung und Bildung –, im Überfluss vorhanden sein werden und durch direkte Kooperation der Menschen außerhalb des Marktes zur Verfügung gestellt werden können. Knappheit wird es abhängig von Sachkenntnis oder Rohstoffvorkommen nur noch in kleinen Nischen geben.“

Mason stellt dieser Chance für eine menschliche Zukunft den „digitalen Feudalismus“ als mögliche Alternative entgegen: „In diesem Szenario nimmt die von der Digitalisierung genährte Ungleichheit derart zu, dass an die Stelle des Marktes eine neue Beziehung zwischen Technologieunternehmen und Bevölkerungsmehrheit tritt, die an das Verhältnis zwischen Grundherren und Bauern im Mittelalter erinnert. Die Technologiegiganten extrahieren im Bündnis mit dem Staat Vermögen, indem sie sich von uns erzeugte Daten aneignen und diese manipulieren. Die meisten Menschen können ihre Bedürfnisse nicht länger allein mit Arbeit erfüllen, weil es nicht genug davon gibt; stattdessen binden sie sich in einer auf den Daten beruhenden Knechtschaft an die Technologieanbieter.“ (S. 313)

Es könnte sein, dass das Versagen des Neoliberalismus, das in der Finanzkrise von 2008 offenbar wurde, eine nachhaltige Schwächung des Kapitalismus nach sich zieht. Denn die Informationstechnologien, die unser Leben immer mächtiger und wirkungsvoller beeinflussen und bestimmen, laufen in ihren Grundstrukturen den Fundamenten des Kapitalismus entgegen. Mason beschreibt hier vier Mechanismen: 

Die Auflösung der freien Preisbildung

Da sich Information praktisch ohne Kosten vermehren kann, wird die Preisbildung auf dem freien Markt erschwert, und die Gewinne schwinden, was z.B. den Produzenten von Musik schon länger zu schaffen macht. 

Die Auflösung des Arbeitsmarkts

Es wird vermutet, dass etwa die Hälfte aller gegenwärtigen Tätigkeiten in absehbarer Zeit automatisiert werden. Der Kapitalismus beruht auf der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und auf der Regelung der Arbeitseinkommen durch den Arbeitsmarkt. Wir stehen an der Schwelle zu einer Zukunft, in der Arbeit nicht die Basis für die Existenzberechtigung mehr sein kann, sondern zu einer Möglichkeit unter anderen wird.

Netzwerkeffekte

Durch die Digitalisierung entstehen Netzwerkeffekte ohne Ende; jedes Element, jede Dateneinheit kann mit jeder anderen verbunden werden und neue Nutzungsmöglichkeiten erschließen. Solche Vernetzungen befinden sich nicht automatisch und sofort in Privateigentum, vielmehr müssen (oder sollten) die Nutzungsrechte zwischen den verschiedenen Akteuren der Gesellschaft ausgestritten werden.

Demokratisierung der Information

Die über Jahrtausende vorhandenen Monopole in der Wissensverwaltung verschwinden schnell und gründlich. Konnte früher noch über den Zugang zu Papier oder zu Rundfunkfrequenzen die Wissensverbreitung kontrolliert werden, so bietet das Internet eine ungeheure Fülle an Information und Wissen ohne Zugangsbeschränkung. Allerdings haben sich im Zug dieser Umgestaltung neue Monopole gebildet, die den Wettbewerb und die freie Preisbildung in ganzen Marktsektoren beseitigen. (S. 316)

Es kann also sein, dass der Kapitalismus, der viel soziales Ungleichgewicht erzeugt hat, geschwächt wird, allerdings nur, wenn die Politik ihre demokratische Basis behält und in emotionaler Reife wächst.

Daraus kann gefolgert werden: „Die Freiheit des Menschen ist so nahe wie nie zuvor in der Geschichte, denn die denkenden Maschinen sind einzigartig: Sie erzeugen in großem Maßstab kostenlosen Nutzen. Die Lösung besteht darin, ein neues globales Gesellschaftssystem zu errichten, um die Möglichkeiten der Automation zu nutzen, den Arbeitsaufwand für die Erhaltung unseres Lebens auf dem Planeten zu verringern und gleichzeitig das globale Ökosystem zu stabilisieren. Dieses Vorhaben kann nur gelingen, wenn wir die künstliche Intelligenz regulieren, den Datenschutz gewährleisten und die Versuche unterbinden, den Menschen mit Algorithmen zu kontrollieren.“ (S. 318)

„Um diese Ziele zu erreichen, schlage ich vier strategische Projekte vor, die jeweils der Bewältigung einer der Auswirkungen der Informationstechnologie auf den Kapitalismus dienen: 
1. Kampf gegen Monopole und Preisabsprachen: Die Informationsmonopole müssen zerschlagen und die grundlegende digitale Infrastruktur in Form von Unternehmen ohne Gewinnzweck oder staatlichen Versorgungsunternehmen nach dem Vorbild der Stromnetze vergesellschaftet werden. 
2. Kampf gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und Lohnstagnation: Die Automatisierung muss durch eine Abkoppelung von den Löhnen vorangetrieben werden. Zu den erforderlichen Maßnahmen zählen ein mit Steuereinnahmen finanziertes Grundeinkommen für alle Bürger sowie die universelle Bereitstellung von vier grundlegenden Diensten – medizinische Versorgung, Verkehr, Bildung und Unterkunft –, die entweder kostenlos oder sehr billig sein müssen. Diese Maßnahmen sollten als vorübergehende Subvention dienen, um die Auswirkungen der raschen Automatisierung auszugleichen.
3. Kampf gegen das Rent-Seeking: Wir müssen die Daten per Gesetz in ein öffentliches Gut verwandeln und die Kontrolle über die Verwendung unserer persönlichen Daten nicht dem Staat, sondern dem einzelnen Bürger übertragen. Alle auf dem Rent-Seeking beruhenden Geschäftsmodelle müssen unterdrückt werden: Es muss gesellschaftlich inakzeptabel werden, wirtschaftliche Renten anzustreben. 
4. Kampf gegen das Horten von Information: Alle auf einem asymmetrischen Zugang zu Informationen beruhenden Geschäftsmodelle müssen verboten werden. Jeder Bürger muss das Recht haben zu erfahren, was der Staat, eine Bank oder ein Social-Media-Unternehmen über ihn weiß. Er sollte das Recht haben, die Information zu löschen, zu korrigieren und ihre Nutzung zu beschränken. Er sollte das Recht haben, zu erfahren, wenn ein Algorithmus verwendet wird, um sein Verhalten zu steuern, zu überwachen oder vorherzusagen. Er sollte das Recht haben, zu wissen, ob die andere Seite in einer Transaktion, einem Spiel oder einer Unterhaltung eine künstliche Intelligenz einsetzt.“ (S. 319-320)

Es geht also darum – und hier verbinde ich die Forderungen von Mason ein wenig meinen eigenen Gedankengängen –, dass die Menschen die menschlichen Angelegenheiten, die ihnen zu entgleiten drohen, wieder in die eigenen Hände zu nehmen und nicht einfach sich von selber fortschreibenden Sachzwängen überantworten. Dazu bedarf es neuer Formen der Kooperation und der demokratischen Willensbildung und nicht deren Rückbau. Dazu braucht es genügend Sachkenntnis und nicht emotionalisierte Simplifizierung und manipulative Angstmobilisierung. 

Notwendig ist, dass viel mehr menschliche Fantasie und Kreativität in diese Bereiche fließt, damit wir in der aktuellen Übergangsphase nicht Schiffbruch erleiden und in eine neue Form von Diktatur abfallen. Wir haben einen riesigen Aufholbedarf, was das Entwickeln von sozialen und interaktiven Kompetenzen anbelangt, mit den mangelhaften Voraussetzungen unseren urzeitlich geprägten Emotionalzentren, während die technologische Entwicklung mit einer Rasanz voranschreitet, die einzigartig in der Menschheitsgeschichte ist. 

All die Verwerfungen und Absurditäten unserer Gegenwart können auf diese Diskrepanz zurückgeführt werden: Die nachhinkenden sozialen und kommunikativen, von Emotionen geprägten Kompetenzen, die für tragfähige kooperative Willensbildungen notwendig sind, und die fast tagtäglich neuen Veränderungen und Herausforderungen von technologischer Seite. 

Es ist, als ob sich in den Themen von Ausländerhass, Frauenverachtung, Demokratiebekämpfung etc. die zurückgebliebenen emotionalen Anteile melden würde, wie ein vergessenes Kleinkind auf einer Autobahn, hilflos schreiend, während die Autos voller abgestumpfter Fahrer vorbeirasen. Viele Menschen regredieren intellektuell angesichts der immer weiter auseinanderklaffenden Spannung zwischen den Fortschritten der Digitalisierung und der Plumpheit der emotionalisierten Diskussionen und Argumentationen. Dabei ist es vordringlich, intellektuell wach zu bleiben und emotional zu wachsen, in der Bewältigung innerer Ängste, aggressiver Machtallüren und blindwütigem Erfolgsstreben.

Mason schließt sein Buch mit einem Appell:
„In meinen Augen ist all die Angst, die von Frauenfeinden, ethnischen Nationalisten und Anhängern des Autoritarismus verbreitet wird, ein Beleg dafür, dass sie spüren können, wie nahe wir dem »nächsten Sprung nach vorn« sind. Um das antifaschistische Leben zu leben, müssen Sie Ihren Körper dorthin bewegen, wo er tatsächlich den Faschismus stoppen kann, und wenn Sie das getan haben, müssen Sie sich lange genug an das kleine Stück befreiten Raums klammern, damit andere Menschen es finden, sich zu Ihnen gesellen und ebenfalls in diesem Raum leben können. Die radikale Verteidigung des menschlichen Wesens beginnt bei Ihnen.“ (S. 381)

Also halten wir unseren Mut angesichts der Herausforderungen aufrecht und beginnen wir im Sinn der dritten Aufklärung mit der radikalen Verteidigung des menschlichen Wesens, jeden Tag und jede Stunde aufs Neue!

Literatur: 
Paul Mason: Klare, lichte Zukunft. Eine radikale Verteidigung des Humanismus. Frankfurt: Suhrkamp 2019

Zum Weiterlesen:
Information braucht Materie
Die Dritte Aufklärung