Donnerstag, 28. Juni 2018

Von Enttäuschungen zu Überraschungen

Mit Erwartungen strukturieren wir in unserer Innenwelt unsere Zukunft. Wir planen und visualisieren die kommenden Ereignisse am Morgen eines Tages. Wir betrachten den Terminkalender und sehen die eingetragenen Ereignisse, während wir uns vorstellen, wie sie ablaufen werden. Wir haben ganze Bilderbücher in unserem Kopf, in denen aufgezeichnet ist, was unsere Zukunft mit uns vorhat, vorhaben könnte oder vorhaben sollte.  

Natürlich repräsentieren all diese Bilder und Gedanken nicht die Wirklichkeit, sondern sind Produkte unserer Imagination, gespeist aus früheren und älteren Erfahrungen. Die Wirklichkeit ist nur im Jetzt, in diesem Moment. Unsere Imaginationen dienen unserer Handlungsorientierung und sollen uns die Sicherheit geben, dass die Zukunft unserer Kontrolle unterliegt. Wir wollen gefasst sein auf das, was vor uns liegt. Mit diesem Vorwissen können wir uns gut vorbereiten, sodass alles gut gehen wird – soweit es in unserer Macht liegt, soweit wir es kontrollieren können. 

Und diese Macht ist bekanntlich sehr begrenzt. Häufig stoßen wir an diese Grenzen; je mehr Erwartungen an die Zukunft wir haben, desto häufiger. Die Wirklichkeit hat anderes mit uns vor als wir geplant hätten. Ein Termin platzt, ein anderer geht sich wegen Verkehrsproblemen nicht aus, ein dritter verläuft ganz unvorhersehbar… 

Wir können aus der Wirklichkeit dieses Moments nicht zwingend auf die Wirklichkeit des nächsten Moments schließen. In sehr sehr vielen Fällen passiert, was passieren soll: Wir drücken auf eine Taste, und der gewünschte Buchstabe erscheint am Bildschirm. Meist sind unsere Prognosen und intuitiven Annahmen korrekt, meist funktioniert das Leben entsprechend unserer Planungen. Wir leben in einer Welt, die in hohem Maß berechenbar ist, soviele Sicherheiten haben wir bereits eingebaut. 

Es scheint allerdings unsere Grundunsicherheiten nicht zu vermindern, wenn all die technischen Geräte um uns herum fast immer funktionieren wie sie sollten, wenn sich Autofahrer an die Fahrregeln halten und Verkehrsmittel ohne gröbere Verspätungen unterwegs sind, wenn der Wetterbericht in vielen Fällen akkurat ist, wenn wir uns im Krankheitsfall auf ärztliche Hilfe verlassen können usw. Selbst wenn in diesem so engmaschigen Netz der Absicherungen, in dem wir leben (im Vergleich zu Menschen außerhalb der Komfort- und Luxuszonen dieser Welt), Unerwartetes passiert, reagieren wir mit einer Palette an Schutzgefühlen: Verunsicherung, Irritation, Ärger, Enttäuschung – Ausdruck von Ängsten, die mit dem Kontrollverlust zusammenhängen.  


Die Enttäuschung und der Opferkontext 


Die verlässliche Partnerin der Erwartung ist die Enttäuschung. Sie bleibt unsichtbar, solange alles nach Plan läuft. Und sie meldet sich prompt, wenn sich die Erwartung nicht erfüllt. Die Ent-Täuschung macht uns auf die Täuschung aufmerksam, die darin liegt zu vermeinen, dass wir mit unserem Denken die Zukunft kontrollieren könnten. Tatsächlich geraten wir in eine Opferhaltung gegenüber der Wirklichkeit, wenn wir der Enttäuschung unterliegen. Die Welt (=die anderen Menschen, die Umstände, die Politiker …) meint es nicht gut mit uns, sonst würde sie uns nicht so enttäuschen. Wir tun so, als wären unsere Erwartungen von der Realität ignoriert und abgewiesen worden, nach dem Motto: Wenn so ein Unglück passiert, kann das Leben nur gegen uns sein. Wir haben Pech und müssen nun damit hadern, sprich einen sinnlosen Kampf gegen das führen, was ohnehin schon geschehen ist. 

Von der Enttäuschung zur Überraschung 


Aus dem Opferkontext kommen wir heraus, wenn wir erkennen, dass wir diesen Kampf nicht gewinnen können. Folgen wir Wilhelm Busch: "Stets findet Überraschung statt – da, wo man’s nicht erwartet hat." Sobald wir wieder Verantwortung für unser Leben übernehmen, können wir die Enttäuschung in eine Überraschung übersetzen. Durch diesen Schritt öffnen wir den engen Gefühlshorizont der negativen Gefühle, die mit der Enttäuschung einhergehen. Überraschungen können angenehm oder unangenehm sein. Wenn uns das Angenehme an der nichterfüllten Erwartung auffällt, sind wir keine Opfer mehr, sondern können aus dem positiven Gefühl heraus handeln.  
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Hier zeigt uns das Märchen vom Froschkönig, worum es geht. Die Prinzessin ist enttäuscht vom Aussehen des Frosches, doch sie überwindet ihre Angst vor dem Küssen des hässlichen Mauls, und aus diesem Ekelgefühl erwächst eine Überraschung, als plötzlich der wunderschöne Prinz vor ihr steht. Wir müssen eine unangenehme Schwelle überwinden, dann erleben wir eine Überraschung. 

Von unangenehmen Überraschungen zu Herausforderungen 


Erleben wir die Überraschung als unangenehm, braucht es einen weiteren Schritt, um den Opferrahmen zu überwinden. Wir erleben Überraschungen als unliebsam, wenn wir nicht mit ihnen zurechtkommen oder das zumindest glauben. Es sind im Grund unvorhergesehene und ungeplante Herausforderungen, die uns vor neue Situationen stellen, für die wir noch keine Strategien entwickelt haben oder die uns so unbekannt und fremd erscheinen, dass wir meinen, wir könnten damit nicht zurechtkommen. Das Widrige an solchen Erfahrungen dreht sich, sobald wir erkannt haben, dass es da Neues zu lernen gibt. Wenn wir die Überraschung als Herausforderung anpacken, wachsen wir, indem sich unsere Möglichkeiten erweitern und neue Kompetenzen entstehen. Eine unangenehme Überraschung in eine Herausforderung umzumünzen, ist nicht immer leicht, aber immer mobilisiert ein solcher Schritt unsere Handlungsfähigkeit und Kreativität. 

In diesem Sinn können wir es sogar begrüßen, wenn sich unsere Erwartungen nicht erfüllen: Es bieten sich unverhoffte, unerwartete Chancen zum Lernen. Vielleicht zeigt sich zunächst wieder die Enttäuschung. Sie ist ja die Partnerin der Erwartung. Sobald uns jedoch einfällt, dass wir aus jeder Enttäuschung eine Überraschung machen können, entkommen wir der Opferrolle und übernehmen Verantwortung. Damit verlieren auch unangenehme Überraschungen ihren Schrecken, denn sie werden plötzlich spannende Herausforderungen zum Entdecken neuer Strategien und zum Mobilisieren von ungeahnten Energien. 

Mit der Zeit und mit der Übung wird sich dieser Zyklus beschleunigen: Die Phasen der Enttäuschung werden kürzer und der Punkt, an dem die Wendung zum Angehen der Herausforderung passiert, kommt rascher. Zusätzlich werden wir Erwartungen schneller als solche erkennen und ihnen weniger Gewicht in unserer inneren Landschaft einräumen. So erlernen wir die Metakompetenz im Umgehen mit Erwartungen und deren grundsätzlich unvermeidliche Frustrationen. Und auf diese Weise wächst unsere Gelassenheit und Akzeptanz gegenüber den Wechselfällen des Lebens. 

Leben mit Überraschungen 


Die Intention, mit der Bereitschaft und Offenheit für Überraschungen zu leben, verzichtet auf das angstgesteuerte Bedürfnis nach Kontrolle. Überall, wo sich dieses Bedürfnis zurückzieht, macht es Platz für mehr Freiheit. Es sind dann nicht mehr die in eine grundsätzlich unsichere Zukunft gerichteten Erwartungen, die die Fäden durch unser Leben ziehen und unser Innenleben strukturieren, sondern die Fokussierung auf den Moment und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. 

Überraschungen bieten Gelegenheit zum Lernen und Wachsen. Sie stellen Herausforderungen dar, zumindest an unsere Flexibilität, Spontaneität und Improvisationsfähigkeit. Je mehr wir das Leben nicht als vorgebahnte Folge von erwartbaren und berechenbaren Ereignissen sehen, sondern als Sprung von einem Moment zum nächsten, bei dem wir auf einem neuen Punkt landen, den wir erst erkunden müssen und in dem ganz neue Elemente entdeckt werden können. 

Sonntag, 24. Juni 2018

Kreativitätshemmungen und ihre Lösung

Wie kommt es zu Hemmungen und Blockierungen in der kreativen Lebensorientierung? Und wie können wir zu unserer eigenen Aufgabe zurückfinden?

Das ist eine wichtige Frage, weil die besten Vorsätze und Idee wertlos sind, solange sie nicht in die Wirklichkeit umgesetzt sind. Wir haben tolle Ideen und Visionen, doch kommt es häufig vor, dass alles im Kopf oder im Reden bleibt, statt in Handlungen zu münden. Oft hapert es nicht an den Details, den Ressourcen oder anderen äußeren Bedingungen, sondern es sind emotionale und psychologische Hemmnisse, die sich in den Weg stellen und die Verwirklichung der besten Ideen verhindern. Dieser Blockierungen gibt es viele: z.B. kann man sich nichts zutrauen, auf eine besondere Eingebung oder Stimmung warten, die eigenen Schwächen überspielen, sich ablenken, sich mit unnötigen Aktivitäten stressen, andere für die eigene Bequemlichkeit verantwortlich machen usw. Schier unerschöpflich ist unser Repertoire an Möglichkeiten zur Selbstsabotage. Unser Unbewusstes verfügt über seine eigene Form der Kreativität – im Verhindern von Kreativität für unsere Ziele und Ideen.

Reaktive Muster überlagern in solchen Fällen die kreative Orientierung wie Unkraut die Kulturpflanze, bis von ihr nichts mehr übrigbleibt. Irgendwann vergessen wir unsere schönen Ideen und begraben unsere tieferen Anliegen in der Schublade: „Geht eh‘ nicht“. Wir lassen zu, dass die Ängste und Komplexe, die aus unseren Traumatisierungen stammen, an die Macht kommen anstelle von dem, was wir selber wollen und was unser Wesen ausdrückt. Deshalb ist es für das eigene Weiterkommen und für ein erfülltes Leben wichtig, die bei einem selber beliebten und eingeübten reaktiven Verhaltensmuster, die sich in die Manifestationsprozesse einmischen, ausfindig zu machen und zu neutralisieren. 

Die Übung mit der Trennwand


Dazu kann die folgende Übung dienen: Stelle dir eine Trennwand oder Trennlinie in dir selbst vor. Auf die eine Seite kommen alle Aspekte und Emotionen, die aus der eigenen Belastungsgeschichte stammen, also die Traumaanteile der eigenen Psyche, die sich in diversen Handlungshemmungen ausdrücken. Sie gehören in die Therapie, oder zumindest in einen geschützten Bereich, in dem sie Zuwendung und Fürsorge, oder auch Ermahnung und Orientierung kriegen, mit fixer Zeitzusage (zu welchem Zeitpunkt ich mich um mein verletztes inneres Kind und seine vernachlässigten Bedürfnisse kümmern werde). Auf die andere Seite kommt die Kraft der eigenen Vision, die Überzeugung und Inspiration, die aus ihr entspringt, die Macht, die sie daraus bezieht, Teil der eigenen Lebensaufgabe zu sein. Mit der Rückvergewisserung des ureigenen Wollens kommen die Kenntnisse und Fertigkeiten, um die Kraft zu fokussieren und zu bündeln.

Nun kommt es darauf an, diese innere Unterscheidung in den Alltag zu übertragen. Wir nutzen das Bild der Trennwand: Ich entscheide mich, mir jetzt Zeit für die kreative Seite zu nehmen, und spüre in dieser Entscheidung die Kraft meiner Vision. Wenn Hemmungen auftreten, nehme ich sie wahr und lege sie bewusst beiseite, mit der Absicht und Zusage, mich ihnen später zu widmen. Jetzt gebe ich meine Energie und Konzentration in die Aufgaben, die sich aus meiner Vision ergeben. Jetzt nutze ich den Schwung, der sich aus der Kraft der Inspiration ergibt und setze zügig um, was zu tun ist. 

Zu einem späteren Zeitpunkt beende ich ebenso bewusst diesen Prozess der kreativen Verwirklichung, anerkenne mich für die erreichten Resultate, notiere mir, was noch zu tun ist und wann ich das erledigen möchte, und gehe anderen Tätigkeiten nach oder forsche nach den Ängsten, die hinter den Widerständen stecken, um sie durchzuspüren und zu entkräften.

Keine Kreativität ohne Tun


Kreativität beginnt zwar als inspiratives Abenteuer im Kopf und im kommunikativen Austausch. Sie wird aber erst real, wenn sie in der Wirklichkeit Gestalt annimmt, wenn also aktive Handlungen das Irreale real werden lassen. In diesem Prozess erschaffen wir Wirklichkeiten, die es vorher nicht gegeben hat, und bereichern die Welt mit unseren Inspirationen. 

Größe ohne Wahn


Es kann diesen Schöpfungsprozess auch erleichtern und von neurotischen Hemmungen befreien, wenn wir uns klarmachen, dass wir eher wie ein Kanal als wie ein originärer Schöpfer in der Manifestation von Visionen wirken. Wir „empfangen“ unsere Ideen und öffnen uns für die Energien, die wir für ihre Umsetzung brauchen. Unsere Leistung ist also mehr ein Wirkenlassen von Fähigkeiten, wir verdanken sie Kraft- und Inspirationsquellen, die uns gegeben sind, mehr als unserer Genialität. Mit dieser Sichtweise können wir erkennen und anerkennen, dass wir unser kleines Scherflein zum Wachsen dieser Welt beitragen, wie alle anderen auch, auf ihre ganz besondere Weise und in ihrer jeweiligen großartigen Kleinheit.

Auf diese Weise verbinden wir uns mit der Haltung der Demut und Dankbarkeit, indem wir all den Faktoren, die für unsere Kreativität förderlich und nährend sind, die gleiche Aufmerksamkeit geben wie unserer Anstrengung. Dann kann leichter das Gefühl und die Vorstellung in uns Platz greifen, dass wir durch uns hindurch fließen lassen, was wir manifestieren, statt anzunehmen, dass all unsere Schöpfung allein aus uns selber, aus unserem kleinen Ego stamme. 

Wir formen und gestalten diesen Fluss aus dem heraus, was wir sind, sodass immer auch ein individuelles Moment von uns in ihm mitschwingt, gewissermaßen unsere persönliche Duftnote, die die Schöpfung auch zu unserer macht. Und selbst da kann es uns wieder entlasten und befreien, wenn wir uns darauf besinnen, dass sich sogar diese so eigene Note vielfältigen Faktoren unserer Umgebung und unserer Geschichte verdankt. Auf diese Weise reinigen wir unsere Größe von jedem Wahn.

Zum Weiterlesen:
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Die Manifestation und das Ego

Samstag, 23. Juni 2018

Zurück zur organischen Selbststeuerung

Das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten ist nach vielen Berechnungen und Studien unter den Bedingungen des gegenwärtigen Erste-Welt-Konsumniveaus, das die anderen Welten mit Recht zunehmend für sich beanspruchen, nicht mehr lange möglich. Irgendwann ist eine Grenze überschritten. Wir wissen nur nicht, wann und auf welche Weise sich der Kollaps abspielen wird. Vermutlich aber werden wir das Desaster erst bemerken, wenn es schon passiert ist.

Es besteht die akute Notwendigkeit von gesetzlichen Regulierungen, die auf der politischen Willensbildung beruhen. Der politische Wille entsteht aus den Werten der Mitwirkenden am demokratischen Diskurs. Also liegt es hier an allen, Meinungsbildung und Bewusstmachung zu verbreiten. Das ist ein Bereich für die individuelle Verantwortung.

Die persönliche Verantwortung hat noch eine weitere wichtige Ebene. Hier ist klar, dass jeder von uns dafür zuständig ist, den ökologischen Fußabdruck in Balance zu halten und damit den notwendigen Beitrag zur Sicherung der Überlebensbedingungen zu leisten. Diese Balance kann nur mit Luxusverzicht und Konsumeinschränkung erreicht werden – etwas unter ein an sich schon hohes Niveau zu gehen (ein Niveau an Wohlstand, das es noch nie zuvor in der Menschheit gegeben hat). Um diese Verantwortung wahrnehmen zu können, braucht der Mensch eine Willensentscheidung, die von innen kommt und bewusst getroffen werden muss. Sie bezieht sich auf das Einschränken und Zurücknehmen von nicht nachhaltigen Verhaltensweisen und Lebensformen und auf die Änderung der entsprechenden Gewohnheiten.

Die Selbstzurücknahme in der rechten Form zu vollziehen, erfordert eine gute Kenntnis der Ego-Grenzen: wo sind es die vielfältigen Muster eines unersättlichen Egos, die das Mehr und das Weniger verlangen, die gierig nachfassen, – und wo ist die Sättigung schon erreicht, wo ist es also in Wirklichkeit schon genug, nämlich in der Wirklichkeit des freien inneren Fließens von organischen und geistigen Bedürfnissen und Befriedigungserlebnissen. So oft schon haben wir die Grenzen durch unsere unbewussten Steuerungen überschritten, dass wir nur mehr über eine vage Ahnung von ihnen verfügen, eine Idee, die sich oftmals nur dort klar äußert, wo die Missachtung schon passiert ist. Wir meinen, wir müssten extrem leiden, wenn wir da oder dort auf einen Luxus verzichten, der uns schon selbstverständlich geworden ist. Also probieren wir es besser gar nicht erst aus.

Konditionierungen statt organischer Selbststeuerung


Konditionierungen haben sich von früh an in unseren Gehirngängen verankert und geradezu unentwirrbar in die organische Selbststeuerung eingewoben. Babys brauchen eine konkordante Form der Bedürfnisbefriedigung, um die Integrität der körperlich-seelischen Bedürfnisstruktur aufrechterhalten zu können. Mit Konkordanz ist gemeint, dass die jeweiligen auftauchenden Mangelzustände von den Betreuungspersonen in stimmiger Weise beantwortet werden, sodass ein aus dem Organismus aufsteigendes Bedürfnis stimmig befriedigt wird, z.B. wenn Hunger auftritt, wird etwas Essbares angeboten, wenn Durst gemeldet wird, gibt es etwas zum Trinken, wenn Unterhaltung gewünscht ist, ist jemand zur Stelle, der gerade spielen will. 

Bei der Konkordanz sind buchstäblich die Herzen aufeinander abgestimmt, und die durch Mangelerlebnisse auftretenden offenen Gestalten werden zeitnahe durch die passenden Angebote wieder geschlossen. Zufriedenheit als bedürfnisgerechte Sattheit setzt ein. Durch dieses konkordante Pulsieren von Wunsch und Erfüllung entwickelt und stabilisiert sich die organische Weisheit als Grundlage für eine Persönlichkeit, die echte Bedürfnisse von konditionierten Reaktionen unterscheiden kann und ihre Kompetenz im Aushalten von Frustrationen und Mangelzuständen ausbaut und verstärkt.

Der Klassiker unter den früh geprägten Korruptionen der organischen Weisheit ist der Ersatz von Liebesbedürfnissen durch Essbares. Das Kind wünscht sich emotionale Aufmerksamkeit und Zuwendung und erhält stattdessen Nahrung. Die Betreuungsperson interpretiert das Bedürfnis des Kindes falsch und reagiert aufgrund dieser Interpretation mit der Überzeugung, genau das Richtige zu tun. Das Kind ist enttäuscht, weil es nicht bekommt, was es eigentlich braucht, aber auch erfreut, weil der Ersatz befriedigt: das Essen schmeckt ja und beruhigt (vor allem, wenn viel Zucker dabei ist). Die erwachsene Person freut sich, weil scheinbar das Bedürfnis befriedigt ist, und diese emotionale Bestätigung verstärkt die Konditionierung bei ihr wie beim Kind: Das Bedürfnis nach Liebe kann durch Essen gestillt werden.

Auf diese Weise wird nicht nur eine Grundlage für spätere Ess- und Suchtstörungen gelegt, sondern dazu noch das Vertrauen in die organische Selbstregulation und in die Bedürfnisstrukturen des eigenen Körpers geschwächt. Einfache organische Bedürfnisse werden in komplexe emotionale Regelwerke übersetzt, aus denen sich Erwartungskonglomerate und künstliche Identitäten ableiten: z.B.: Ich habe jetzt einen Hunger, der nur durch diese oder jene Form von Fleisch gestillt werden. Ohne Fleisch kann ich nicht sein.

Die Selbstentfremdung und innere Selbstverwirrung wird zum Normalzustand, in den sich die Ansprüche und Angebote der Konsumwirtschaft ohne Gegenwehr einnisten, um die Illusion immer wieder zu bestätigen, dass mit steigendem und diversifiziertem Konsum alles besser wird. Schon längst haben sich verschiedene Selbste gebildet, die die einzelnen Aufgaben der Anpassung der Körperempfindungen und Gefühle an die vielfältigen äußeren Erwartungen abdienen. 

Selbstaufopferung und Selbstidealisierung


In diesem Kontext kann eine bewusste Selbstzurücknahme nur als Selbstaufopferung oder als Selbstidealisierung verstanden werden. Die Konditionierungen sind zu fixen Bestandteilen der Ego-Struktur geworden, die sämtliche Abwehrmechanismen zu ihrer Verfügung hat. Das Gespür dafür, wo irrationale Ängste, die hinter jeder Form von Gier und Statussucht stecken, Bedürfnisse erzeugen – und wo das Leben in uns aufzeigt, was es zu seinem Wachsen und Gedeihen braucht und was es dabei behindert und schädigt, ist verloren gegangen. Denn der Kontakt zum Lebensprozess und seinen inneren Zusammenhängen ist durch Störgeräusche überlagert, sodass die Botschaften nur mehr verzerrt übermittelt werden können.

Jede Form von verordneter Selbstkasteiung, die die eigenen Grundbedürfnisse übergeht, führt zum inneren Kampf und Krampf, wodurch wiederum nur die Ego-Ängste gegen den Organismus und seine Bedürfnisse in Stellung gebracht werden. Die Beschränkung, die einem Ideal entspringt, das in der Gruppe oder in der Gesellschaft vorherrscht, wird bekämpft, bis dieses verkümmert. Es wird anderen Idealen untergeordnet, die weniger Ego-Distanzierung erfordern.

Statt sich sinnvoll und selbstbewusst zu beschränken, diktiert das Ego dem Individuum maßlosen manischen Konsum oder auch militante Konsumverweigerung (die manchmal zusätzlich noch mit der moralischen Keule auch von anderen Mitmenschen den gleichen Entbehrungsweg einfordert und selten nicht einmal vor Gewalttaten zurückschreckt).

Was brauchen wir wirklich?


Doch bringen wir den Ausweg nur zustande, wenn wir an einer der Grenzen eine klare Entscheidung fällen, die bereit ist, mit den Mustern zu brechen und die Konsequenzen zu tragen. Muster können nur durch Disziplin überwunden werden. Nachhaltig wirken solche Schritte allerdings nur, wenn die Disziplin von innen kommt, also in keiner Weise von außen aufgezwungen ist, wie z.B. durch die Erwartungen anderer Personen, durch gesellschaftliche Normen oder Idealvorstellungen. 

Es geht um das Durchbrechen der Konditionierungen zur Wiederherstellung der Kommunikation mit der organischen Weisheit, es geht um den Kontakt zu den Selbststeuerungs- und Selbstheilungskräften des Körper-Seele-Systems. Das ist die Grundlage für jene Formen der Selbstzurücknahme, die autonom entschieden werden, unter Berücksichtigung der genuinen körperlichen Bedürfnisse, und nach der Entmachtung der künstlichen Konditionierungen. Es geht also auch um die Wiederherstellung unserer körperlich-seelischen Einheit.

Wir können dabei mit der simplen Frage arbeiten: „Was brauchen wir wirklich?“ Wo befriedigen wir ein elementares und essentielles Bedürfnis und wo folgen wir bloß Gewohnheiten und starren Einstellungen? Wo können wir uns selbst zurücknehmen und dabei für uns selber noch mehr an Freiheit gewinnen? Denn Gewohnheiten schaffen Abhängigkeiten, die uns unfrei machen. Wird uns diese Alternative bewusst, so können wir wählen: Bewusst entschiedene Selbstzurücknahme oder Freiheitsbeschränkung durch unbewusst wirksame Bedürfnis- und Verhaltenskonditionierung –  Freiheit oder suggerierte Scheinfreiheit als Marionette der Güterproduktion.

Im letzteren Fall machen wir so lange weiter, bis wir unsere Zivilisation gegen die Wand gefahren haben, denn es gibt im Rahmen der Konsumlogik keinen triftigen Grund zur Umkehr. Das sollte uns klar sein, wenn wir unsere Wahl treffen – unabhängig davon, wie viele in unsere Richtung gehen oder nicht.

Zum Weiterlesen:

Montag, 18. Juni 2018

Achtsamkeit im Shopping-Center

Wie werden wir in Zukunft einkaufen? Was wird unsere heißgeliebte shopping experience im Jahr 2028 sein? Der Einzelhandel geht nach verschiedenen Prognosen auf eine Krise zu. Die Leute gehen ins Geschäft, schauen sich die Produkte an, lassen sich beraten und kaufen dann online woanders. Oder sie nutzen das Geschäft nur mehr, um eine online-Bestellung abzuholen.

Doch können auch die Großgeschäfte von den neuen technologischen Entwicklungen profitieren. Die australisch-amerikanisch-britische Kaufhauskette Westfield hat dazu Pläne vorgestellt. Darunter: die Gänge voll von artifizieller Intelligenz, ein Bauernhof, auf dem man selber Gemüse ernten kann, und kluge WCs, die gleich eine Gesundheitsdiagnose liefern: „Sie könnten noch etwas mehr Vitamin C vertragen, und schnell noch einen Drink erwerben, bevor Sie dehydrieren,“ so könnte es bald aus dem Spülkasten tönen.

Die Shoppingzentren der Zukunft werden „Mikrostädte mit Hyperanbindung“ sein. Hängende sensorische Gärten, Augenscanner, die den Kunden sagen, was sie neulich eingekauft haben, und smarte Umkleidekabinen, in denen die Kunden ihre virtuelle Gestalt im neuen Gewand begutachten können. 

All diese Angebote wundern mich nicht und werden mich vermutlich auch nicht dazu motivieren, meine kärglichen Shopping-Leidenschaften zu steigern. Erstaunt hat mich nur ein Punkt: Es soll im Shopping-Center der Zukunft Achtsamkeitskurse geben. 

Die Idee gefällt mir gut, allerdings könnte das Projekt nach hinten losgehen: Wenn Menschen achtsamer werden, schätzen sie vielleicht das äußere Shopping weniger als den inneren Reichtum. Der Reiz des Einkaufens, der aus selbstlaufenden Suchtmechanismen entsteht, die durch die Werbewirtschaft angestachelt werden, verliert an Wirkung. Die Menschen werden genügsamer und bescheidener, ihre Bedürfnisse vereinfachen sich wieder und der Konsum verlagert sich auf Langlebiges im Unterschied zu kurzfristigen Modetrends. Damit kann auch ein wesentlicher Beitrag zur Eindämmung der dynamisierten Ressourcenverschwendung geleistet werden.

Also: Mehr Achtsamkeit im Shopping-Center!

Hier zur Quelle!

Dienstag, 12. Juni 2018

Bescheidenheit als Überlebensnotwendigkeit

Die Haltung der Bescheidenheit hängt eng mit der Demut zusammen. Diese Einstellung muss jedoch, ähnlich der Demut, differenziert werden. 

Wir sprechen gerne von einer falschen Bescheidenheit, z.B. wenn jemand "sein Licht unter den Scheffel stellt", oder wenn sich jemand, um Lob heischend, bescheiden gibt, mit dem hintergründigen Wunsch, dafür besonders gelobt zu werden.
  
Wir sind immer um realistische Bilder unserer Mitmenschen bemüht und wollen uns mit ihnen auskennen, alles, was diese Einschätzungen durcheinanderbringen könnte, wollen wir zurechtbiegen. Es soll das Innere dem Äußeren entsprechen, nur so können wir gut mit den anderen. Diskrepanzen zwischen der Selbsteinschätzung und der Weise, wie wir sie von außen einschätzen, verunsichern uns und wir wollen korrigieren eingreifen. 

Das kann passieren, wenn sich jemand über Gebühr hervortut und wichtig macht oder mit seinen Erfolgen und Begabungen aufschneidet, oder wenn sich jemand übermäßig bescheiden gibt. Wenn solche Diskrepanzen auftauchen, neigen wir dazu, einen Hintersinn zu vermuten: Der Angeber will besonders viel Bewunderung, um sich über uns selbst stellen zu können. Der Untertreiber will ebenso bewundert werden, allerdings über einen Umweg. Also zeihen wir dem einen die Unmäßigkeit und dem anderen die Selbstverleugnung. Damit wollen wir die andere Person auf ihre Mitte hinweisen, in der es uns am leichtesten fällt, von gleich zu gleich zu begegnen.  


Die Bewunderungskollusion


Natürlich gibt es auch Abweichungen von dieser weit verbreiteten Prozedur, vor allem dann, wenn Übertreiber und Untertreiber zusammenkommen. Der eine braucht Bewunderung, der andere bewundert gerne. Der eine holt sich seinen Selbstwert vom anderen, der ihn bereitwillig hergibt. 

Wir befinden uns in der narzisstischen Kollusion nach Jürg Willi. Der Narzisst giert nach Bewunderung, der Co-Narzisst gefällt sich als Bewunderer. Die Konstellation ist selten stabil, weil der Co-Narzisst auf Dauer nicht auf Anerkennung verzichten will. Schließlich untertreibt er die eigenen Leistungen und Qualitäten, um von den anderen davon überzeugt zu werden. Doch dazu ist eben der Narzisst nicht in der Lage. Er sammelt selber die positiven Rückmeldungen ein und kommt nicht auf die Idee, sie wieder auszuteilen. Allerhöchstens gibt es eine Wertschätzung für die fälligen Bewunderungen, nicht aber für die Bewunderer und deren Vorzüge.  

Das Fischen nach Komplimenten wird nicht gerne gesehen, weil es die spontane Reaktion unterbinden will und eine Kanalisierung verlangt, damit eine Ablehnung vermieden wird. Die Devise ist: Bestätige mich positiv, weil ich mich selber negativ bewerte. Gib mir, was ich mir selber nicht zugestehe. In diesem Sinn kann das Zitat von Baruch Spinoza verstanden werden: "Die Bescheidenheit ist eine Art des Ehrgeizes." (Ethik) Man könnte auch sagen, es ist der Ehrgeiz nach Bestätigung, der sich das Mäntelchen der Selbstgenügsamkeit und Selbstverkleinerung umgehängt hat, um umso mehr Ruhm einzuheimsen.  


Die echte Bescheidenheit 


Davon sollten wir die echte Bescheidenheit unterscheiden. Sie besteht darin, sich selber und die eigene Bedeutung in der Welt weniger wichtig zu nehmen als es das eigene Ego fordert. Sie reduziert nicht den eigenen Wert, aber sieht gleichzeitig all die anderen Werte und Wertigkeit im Netz des Weltgeschehens. 

Sie beruht darauf, zu erkennen und anzuerkennen, dass die eigenen Errungenschaften vielem mehr als nur sich selber geschuldet sind. Alles aus der eigenen Kraft Erreichte und Geschaffene verdankt sich der Formung und Förderung dieser Kraft durch Nicht-Eigenes. Die Bescheidenheit geht Hand in Hand mit der Haltung der Demut, die sich selbst von allem eigenen Erschaffen und Erreichen unterscheidet und sich nichts zumisst, was anderem verdankt ist. In diesem Sinn hat Friedrich Nietzsche die wahre Bescheidenheit mit der Erkenntnis gleichgesetzt, "dass wir nicht unsere eigenen Werke sind." (Menschliches, allzu Menschliches 588) 

Das, was da ist, wertzuschätzen, in seinem inhärenten Reichtum, in seiner Schönheit, in seiner Qualität, statt auf das zu schielen, was die anderen haben oder was es sonst noch zu haben gäbe - das sind Merkmale einer wahren Bescheidenheit. Sie will nicht auftrumpfen mit dem Gehabe des Habens und auch nicht wehklagen über den Mangel des Nichthabens, sondern bescheidet sich mit dem, was da ist und was aus dem, was ist, von sich aus erwächst. Sie langt nicht gierig und maßlos über die Grenzen des Vorhandenen hinaus, um von dort die Heilung, Erlösung oder Befriedigung zu erwarten. Sie erweitert sich nach dem Maß des inneren Wachsens statt nach den Vorgaben der sozialen oder ökonomischen Standards. 

Bescheidenheit findet sich in jedem Akt der Dankbarkeit für alles, was das Leben geschenkt hat und schenkt. Sie schätzt das Größere, über die eigene Selbstmächtigkeit Hinausgehende, als Quelle und Rahmen für das eigene Vollbringen. Sie sieht sich in einer Reihe von Vorfahren und Ahnen, deren Erbe weitergeführt wird, im bestmöglichen Dienst für die kommenden Generationen und deren Wohl.  


Ein notwendiges Ideal für eine nachhaltig handelnde Menschheit


Bescheidenheit heißt auch, die eigene Bedürfnislage zu reflektieren und die überbordenden Ideale, Ansprüche und Angebote der Konsumgesellschaft zu distanzieren. Sie ist eine Tugend, die jeden Wahn, durch das Anhäufen von Gütern zur eigenen Glückseligkeit zu gelangen, durchschaut und seinen Verlockungen entgeht. Sie geht den Weg der Selbstgenügsamkeit, der Suche nach Zufriedenheit im Geist der Einfachheit. 

Echte Bescheidenheit, die nicht sich aus einer inneren Mangelerfahrung eine Maske der Rechtschaffenheit aufsetzt, sondern jedes Mangelbewusstsein überwunden hat und die Fülle jedes Moments genießen kann, ist die Tugend, die für eine nachhaltig wirtschaftende Welt notwendig ist. Der Wahn des schrankenlosen Produzierens und Konsumierens ist das, was die Welt in den Abgrund führt. Dieser Wahn gründet auf unbefriedigten Ego-Wünschen, die durch die Mechanismen der Werbewirtschaft gefüttert und erweitert werden und, weil ihre Wurzeln in emotionalen Mängeln liegen, die so viele als Kinder erlitten haben, durch die produzierten Güter niemals gestillt werden können. 

Die moderne Wachstumsideologie hat uns eingepflanzt, dass die Wirtschaft unendlich weiter wachsen muss, damit es uns besser und besser geht. Je mehr Güter produziert werden, desto mehr Wohlstand und desto mehr Lebensglück für die meisten, so das Programm. Es ist die Einladung zur Unbescheidenheit, zur Maßlosigkeit und Gier, wie sie die Grundlage des kapitalistischen Wirtschaftens kennzeichnet. Es wird keinerlei Rücksicht genommen auf den Eigenwert der Ressourcen, aus denen wir unsere Reichtümer schöpfen. Vielmehr werden diese ausgebeutet, auf Kosten aller künftigen Generationen. Hier und jetzt soll dem maximalen Lustgewinn nichts im Wege stehen, was danach kommt, ist egal. 

Die Verantwortung für ein gerechtes und ausgeglichenes Weiterleben der Menschheit auf diesem Planeten wird ohne die Kultivierung der Tugenden der Bescheidenheit, Demut und Dankbarkeit nicht zu bewerkstelligen sein. Wir können ihr nur gerecht werden, wenn wir unsere eigenen Ansprüche immer wieder am Gemeinwohl, an den Grundbedürfnissen aller und an den notwendigen Lebensbedingungen künftiger Generationen bemessen. 

Der Volksmund meint spöttisch: "Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr", doch sollten wir uns vielleicht mit einer Umformulierung anfreunden: "Bescheidenheit ist eine Zier, und nix wird's ohne ihr."

Zum Weiterlesen:
Passive und aktive Demut
Dankbarkeit - die hohe Schule der Lebenskunst
Demut als spirituelle Haltung
Zurück zur organischen Selbststeuerung

Montag, 4. Juni 2018

Passive und aktive Demut

adobe stock © beerphotographer
Wir gebrauchen das Wort „Demut“ wenig in unserer Umgangssprache. Wir wollen nicht gedemütigt werden, wir wollen keine Demutshaltung einnehmen. Demut wird schnell mit Unterwerfung und Unterordnung in Verbindung gebracht. Das Wort hat auch einen klerikalen Anstrich: Der Mensch soll sich in seiner Not demütig an Gott wenden. In einer säkularen Welt wollen alle ihre Probleme selbst lösen und vertrauen nicht darauf, dass ihnen eine jenseitige Autorität helfen könnte. 

Opfer der erzwungenen Demut


Was können wir also mit diesem Begriff auf dem Weg unserer Seelenerkenntnis anfangen? Wollen wir die Kraft der Haltung der Demut für uns erschließen, müssen wir sie aus dem Kontext der Macht lösen. Die passive Form der Demut entsteht als Reaktion auf eine Aggression, mit der eine andere Person ihren Raum erweitert und dabei unsere Grenzen überschreitet. Wenn wir den Angriff zulassen und einen Teil unseres Territoriums räumen, werden wir in die Position des Unterlegenen und Gedemütigten gezwungen. In Kriegen werden solche Verhaltensweisen häufig ritualisiert, indem sich die Verlierer unterwerfen müssen und dann dennoch misshandelt oder getötet werden. 

Kinder machen häufig die Erfahrung, dass sie sich der höheren Macht der Eltern unterwerfen müssen, die ihnen Grenzen setzen (was förderlich ist), aber auch Grenzen überschreiten (was demütigend wirken kann). Bleiben dabei Grundbedürfnisse auf der Strecke, kann das Kind zur Überzeugung gelangen, dass es nicht wert ist, zu bekommen, was es braucht. Es kann sich nur den Erwartungen der Großen unterordnen und an das, was möglich ist, anpassen. Es entsteht eine ungesunde Haltung der Ohnmacht, Hilflosigkeit und demütigen Abhängigkeit in der Zurücknahme der eigenen Bedürftigkeit. Im Aufwachsen wollen viele Menschen diese unterworfene Position überwinden und sich aus eigener Kraft darüber hinaus entwickeln. Sie haben erlebt, wie schmerzhaft es ist, gedemütigt zu werden und wollen das nie wieder zulassen. Deshalb fühlen sie sich schnell unwohl, wenn von Demut die Rede ist.  Die Angst vor passiver Demut ist verständlich, und sie schützt vor vielen Machtansprüchen und Grenzverletzungen, die rundherum auf ihre Chance warten. Aber sie verhindert die Herausentwicklung aus der Konterabhängigkeit, die in der Angst verborgen ist. „Nie wieder will ich gedemütigt werden, nie wieder will ich hilflos und machtlos da stehen.“ Das Bestreben, jede Form der Abhängigkeit zu vermeiden, weil sie sofort mit Unterdrückung oder Missachtung verbunden wird, hält in der Abhängigkeit fest, die durch die Abwehr erzeugt und aufrechterhalten wird.  


Wiedergewinnung der Integrität


Menschen, die häufige und wiederholte Grenzverletzungen durch ihre Bezugspersonen erlebt haben, können kein gutes Gefühl für Grenzen entwickeln. Sie neigen dann dazu, entweder schnell zurückzuweichen, wenn sie sich angegriffen fühlen und den Schutz im Innenraum zu suchen oder mit Machtstreben den Außenraum zu okkupieren und möglichst viel seelisches Territorium bei anderen Menschen zu besetzen, um auf diese Weise keine Angst mehr vor Grenzverletzungen haben zu müssen. 

Darum scheuen sie davor zurück, mit allem, was kleiner macht und den eigenen Raum schmälert, in Kontakt zu kommen, sei es auch nur auf der begrifflichen Ebene. Demut wird zu einem Unwort. Selbststabilisierung und Selbststärkung tun not und gut. Die Ich-Struktur muss gefestigt sein, ehe die Annäherung an die andere Seite der Demut möglich ist. Die vielen Demütigungen, die vielen Verletzung der Integrität, die im Lauf der Lebensgeschichte vorgekommen sind, müssen im Inneren durchleuchtet, angenommen und aufgelöst werden. Dann kann sich der Blick aus dem Tunnelblick des verletzten Egos zur größeren Perspektive weiten und der Schritt zur aktiven Demut wird möglich. 


Aktive Demut als Entscheidung


Denn die aktive Demut bedeutet etwas grundlegend anderes als die zugefügte und erlittene Demut. Sie hat nichts mit Macht und Ohnmacht zu tun, sie ist vielmehr ein wichtiger Schritt zur Selbstbefreiung. Sie besteht im Schritt sowohl aus der Abhängigkeit wie aus der Gegenabhängigkeit von allen Beziehungsformen, die mit passiver Demütigung zusammenhängen, und das sind primär fast immer die Beziehungen zu den eigenen Eltern und Erziehungspersonen. 

Aktive Demut setzt eine bewusste Absicht und Entscheidung voraus. Es geht um das Einnehmen einer Perspektive auf das Leben, die über die unmittelbaren Selbstinteressen hinausreicht. Es braucht die Bereitschaft zur tiefen Ehrfurcht vor dem Leben und seinen unergründlichen Zusammenhängen. Die Ehrfurcht gilt dem Leben in allen Erscheinungsformen, dem eigenen und dem, was es sonst noch gibt, und sie erstreckt sich über das direkt Lebendige hinaus. Denn auch das Organische schuldet sein Leben allem Nichtorganischen, das es mit am Leben erhält. Alles hängt mit allem zusammen. 

Es ist eine Entscheidung nötig, um zur Haltung der Demut zu gelangen. Bewusst getroffene Entscheidungen führen uns aus den Bedingungszusammenhängen der Überlebenszwänge heraus. Diese wollen uns einreden, dass wir nur die Wahl zwischen zwei Notwendigkeiten haben: Uns zu unterwerfen oder zu dominieren. Die aktive Demut lässt diese aufgezwungene Alternative hinter sich und wagt den Schritt zur Hingabe an die Weisheit, die eingesehen hat, dass das eigene Überleben nur zum geringsten Teil von den eigenen Handlungen abhängt. 

Auf diesem Weg gelingt die Befreiung von dem fortwährenden Müssen der Überlebenssicherung. Das eigene Leben ist in jedem Moment eine Resultante, eine Folgewirkung aus unzähligen Prozessen und Vorgängen, die vor und weitab unserer Kontrolle und unserem Einfluss liegen. Wie wenig können wir dafür Sorge tragen, dass die Luft, die wir atmen, genug und nicht zu viel Sauerstoff hat und dass die Sonne genug und nicht zu viel scheint und der Regen genug und nicht zu viel gießt, damit unsere Nahrung wachsen kann!  

Aus der Haltung der Demut erkennen und anerkennen wir all diese Zusammenhänge, die uns dauernd und fortwährend schenken, was uns leben und wachsen lässt. Sie verhilft uns zu einer Haltung dem Leben gegenüber, die nicht mehr vom Kämpfen und Krampfen geprägt ist, sondern den Charakter des Fließens annimmt: Aufmerkend auf die Gelegenheiten, die sich bieten, in Angriff nehmend, was zu tun ist und sich aus allem heraushaltend, was Schaden anrichtet.  


Demut gegenüber dem eigenen Leben


Was bedeutet die Demut vor dem eigenen Leben? Zuerst geht es um die Einsicht, dass das eigene Leben ein Geschenk ist, mit all seinen Tief- und Höhepunkten. Alles, was war, gehört zum ganzen, jede Erfahrung umfassenden Bogen. Es geht auch darum anzuerkennen, dass alle Leistungen und Fähigkeiten, alle Lernschritte und Erfolge auf diesen Geschenken beruhen. Jeder eigene Beitrag ist bedingt durch alles, was ihm vorausliegt und was ihn umgibt. Jede individuelle Errungenschaft gelingt, weil anderes den Weg dazu ebnet und geebnet hat. Die eigene Größe und Schönheit, die jeder Mensch und jedes andere Wesen aufweist, verdankt sich in unzählbaren und unübersehbaren Aspekten anderem. 

Diese Einsicht nimmt nichts weg von der eigenen Leistung und Anstrengung, vielmehr fügt sie etwas sehr Wesentliches hinzu: Das Vertrauen auf das Eingebettetsein des Eigenen in dem, was ihm vorausliegt, was es umgibt und dem es sich verdankt. Jeder kann stolz sein und sich an eigenen Fortschritten und Erfolgen erfreuen, aber dieser Stolz ist nur eine kleine Entlastung und Freude im Vergleich zur befreienden Wirkung, die durch das Bewusstsein des eigenen Bedingtseins geschenkt wird. Denn die Verantwortung beschränkt sich auf das eigene Tun, alles weitere obliegt nicht mehr der eigenen Macht.

Ich schreibe diesen Artikel, so gut ich es vermag, stecke hinein an Fleiß und Kreativität, was mir gegeben ist, und bringe es in die Öffentlichkeit, die daraus einen Erfolg oder einen Flop macht. Es wird Leser geben, die etwas aus ihm gewinnen, andere, die ihn enttäuscht überfliegen und viele andere, die ihn nie zu Gesicht bekommen. Ich habe einen Beitrag geleistet, alles Weitere unterliegt anderen Kräften und Mächten.  


Demut als Bekenntnis zum Menschsein


Die Perspektive der Demut ist unerlässlich, wenn wir ganz zu unserem Menschsein stehen wollen. In diesem Begriff vereinigen sich die Größe und die Begrenztheit des Menschen, die Fähigkeit, Grenzen des Erkennens und Wissens auszuweiten, neuen Erfahrungen zu vertrauen, noch nicht Dagewesenes zu erschaffen, aber auch verletzlich, gebrechlich, fehleranfällig, moralisch unzuverlässig und vergesslich zu sein. 

Das Leben mit den digitalen Maschinen, die sich immer mehr in unseren Alltag einmischen werden, zeigt uns augenfällig unsere Begrenztheiten: Unser Gedächtnis ist ein Nudelsieb mit riesigen Löchern, unsere intellektuellen Fähigkeiten langsam wie eine Schnecke im Vergleich mit Geschwindigkeiten, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen usw. Wir erkennen aber auch unsere Stärken, die nie von einer Maschine erreicht werden können: Unsere Liebesfähigkeit, unsere überraschende Kreativität, unser individuell unverwechselbarer Humor, einfach die Besonderheit, die uns ausmacht. Was immer findige Erfinder und Konstrukteure einer Maschine an künstlicher Intelligenz beibringen, ist ein Kunstwerk, aber kein Mensch. Die Begrenztheit und Beschränktheit unserer Lernfähigkeit ist nicht nur ein Nachteil, sondern zeigt uns, dass wir immer angewiesen sind auf andere Menschen und andere Informationsquellen. Der Vorteil liegt also darin, dass wir uns immer rückversichern können und müssen, und damit bleiben wir in Verbindung mit den anderen, im Grund mit der Gesamtheit der Menschen. Und damit sind wir wieder beim Begriff der Demut. Nietzsche hat dazu bemerkt, dass die Demut spricht: "Ich glaube, weil ich absurd bin." Einen Roboter zu bauen, der sich für absurd halten kann, wäre absurd, also typisch menschlich. 


Wir wissen um die letzten Grenzen unserer Existenz, stellen uns den Fragen nach dem letzten Sinn und der letzten Bestimmung und können nur in Demut anerkennen, dass wir darauf keine Antwort finden und nie finden werden.

Zum Weiterlesen:
Die Demut und das Ego
Demut als spirituelle Haltung
Reich und arm, Demut und Würde
Demut und Mitmenschlichkeit
Die Gleichberechtigung des Seins
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