Mittwoch, 31. Mai 2017

Zurück zum Konkreten

Warum sollen wir uns mit dem Gegensatz von konkret und abstrakt befassen? Ist das bloß eine theoretisch-philosophische Fragestellung? Das Konkrete verbindet uns mit dem Moment, mit dem, was gerade ist. Das Abstrakte entsteht im Denken und überträgt sich durch die technischen Dinge, mit denen wir viel zu tun haben, auf die Realität. Auch die virtuelle Realität ist eine durch das Abstrakte vermittelte Erfahrung. Dadurch ist unser Leben immer mehr von Abstraktionen durchdrungen, und das kann unserer inneren Balance und damit letztendlich auch unserer Gesundheit schaden. Deshalb kann es nur von Vorteil sein, diesen Unterschied und seine Auswirkungen näher zu betrachten.

Das Abstrakte, wie es im Denken repräsentiert wird, ist immer eine karge, abgespeckte Version des Konkreten. Das Konkrete ist das sinnlich An- und Auffassbare, das wir über unsere Sinne wahrnehmen, sowie das, was sich im Tun vollzieht, und das Abstrakte leitet sich davon ab, damit es mehr ins Allgemeine und Übergreifende übersetzt werden kann.

Wir brauchen das Abstrakte, um vom Einzelnen oder Besonderen zum Allgemeinen zu gelangen, gewissermaßen von der Detailansicht zum größeren Zusammenhang. Das Abstrakte bleibt dabei immer dem Konkreten verpflichtet, es ist ja nur die kognitive Verarbeitung der Erfahrung, die sich immer von einer konkreten äußeren oder inneren Realität ableitet.

Das Abstrakte hat also keine eigene, sondern nur eine geborgte Realität. Es ist aus dem Konkreten abgezogen, ein verallgemeinerter Auszug (lat. abstrahere – herausziehen, trennen, entfernen) aus dem detailreichen Konkreten.

Die Abstraktion ist vorzüglich eine Fähigkeit des menschlichen Gehirns, das als Meister dieser Kunst gelten kann. Wohl ist anzunehmen, dass auch einfachere Lebensformen und auch andere Systeme des menschlichen Körpers über Abstraktionsmechanismen verfügen, insofern sie auch lernfähig sind. Allerdings spielt das Gehirn mit seiner faktisch ins Unendliche gehenden und allen akuten lebenspraktischen Erfordernissen entzogenen Abstraktionsfähigkeit in einer völlig anderen Liga. Kein anderes Lebewesen auf dem Planeten hat die Integralrechnung oder eine Programmiersprache hervorgebracht, geschweige denn die Begrifflichkeit von abstrakt und konkret.

Das Abstrakte zieht sich – indem es sich aus dem Konkreten zieht – aus der Natur zurück, entfernt sich von ihr. Sein Zweck liegt genau darin: in Distanz zur Natur zu gehen, um sie beherrschen zu können. Herrschaft braucht einen Abstand zum Beherrschten, einen Überblick. So hievt sich das Abstrakte in eine erhöhte Position und blickt von dieser auf die Natur, als Objekt, dessen Funktionsweise studiert und kontrolliert werden kann.

Freilich ist es die Natur selbst, die die Instanz ihrer Beherrschung hervorbringt. Abstraktion erfordert ein menschliches Gehirn, das die Natur im Lauf einer langen Evolutionsgeschichte zu hoher Komplexität entwickelt hat. Die Natur bringt also dieses ambivalente Steuerungsmodul hervor, das als ihr eigenes Zerstörungspotenzial wie auch als Überlebenspotenzial für eine wachsende Menschheit auf diesem Planeten dienen kann.

Denn ohne die fortschreitende Entwicklung von abstrahierenden Systemen kann dieses Überleben schon lange nicht mehr sichergestellt werden. Die Abstraktion vereinfacht nicht nur das Leben, sondern verkompliziert es zugleich, indem die verschiedenen Wege und Stufen des verallgemeinernden Denkens abstrakte Beziehungen zueinander aufbauen, z.B. die Mathematik und die Technik. Daraus können neue komplexe Apparate geschaffen werden wie z.B. die Maschine, auf der dieser Artikel geschrieben wird.

Die Zwischenwelt der Kunst


Gerade weil die Welten des Abstrakten einen immanenten Drang zum Ausufern enthalten, gilt es, die Beziehung zum Konkreten bewusst zu pflegen, und dafür liefert das Naturprodukt menschliches Gehirn eine faszinierende Brücke, indem es die Zwischenwelt der Kunst entwickelt, in der die Kunstobjekte als Kopfgeburten der abstrahierenden Fantasie das Konkrete in einer neuen und überraschenden Form zur Darstellung bringen und damit bei den betrachtenden Menschen konkrete Freude am Konkreten, vermittelt über ein abstrahiertes Objekt, auslösen.

Unser Tun ist immer konkret


Der andere Bereich, der das Abstrakte begrenzt, ist die Praxis, das Tun. Was immer wir tun, ist konkret. Auch wenn die Finger, die auf die Tasten klopfen,  mit einem abstrakt erzeugten Gerät ein abstraktes Produkt hervorbringen, ist der Vollzug der Bewegungen im Kontakt zwischen Körper und toter Materie unmittelbar und sinnlich, also konkret. Jedes Handeln erfordert die konkrete Sinneserfahrung, und jede Sinneserfahrung ist konkretes Handeln. Wenn wir etwas tun, liefern uns die Sinne die Orientierung. Wenn wir etwas wahrnehmen, erleben wir zugleich dessen implizite Handlungsmöglichkeiten, sprich das, was wir mit ihm anfangen können.

Der Konstruktivismus: Verlust des Konkreten


Das Abstrakte ist nicht das Gegenteil des Konkreten, sondern dessen Entfremdung oder Weiterentwicklung, je nach Blickpunkt. Es besteht ein Kontinuum zwischen beiden Polen, wobei es allerdings Konkretes ohne Abstraktes, jedoch kein Abstraktes ohne Konkretes gibt. Zwar würde ein radikaler Konstruktivist behaupten, dass es überhaupt nichts Konkretes gibt, also keine unmittelbare direkte, unabgeleitete Erfahrung, sondern dass wir es nur mit vermittelten Konstruktionen zu tun haben, weil uns beispielsweise keine „Sinnesdaten“ bewusst werden, sondern nur Nervenimpulse, die über unzählige Schaltstellen weitervermittelt wurden und wir keine Ahnung haben, ob diese dann noch in irgendeiner Weise den Ausgangsreizen entsprechen, ja dass selbst die Frage nach dem Unmittelbaren sinnlos ist, weil es für sie im Rahmen einer durchkonstruierten Welt keine Antwort geben kann. Als Erwiderung kann eingebracht werden, dass die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung, also ihre Konkretheit, vor jeder Abstraktion kommt, also auch vor jeder, die dann feststellt, dass es konkrete Erfahrungen gar nicht „gibt“. Der Konstruktivist tut so, als würde er den ganzen Tag als Konstruktivist herumlaufen; tatsächlich nutzt ihm seine Philosophie beim Herumlaufen überhaupt nicht; da braucht er die Gewissheit der konkreten Erfahrung. Er würde zwar sagen, er tut in seinem Alltagsleben nur so, als wäre alles, was er wahrnimmt, „wirklich“, als „gäbe“ es die Bordkante, über die er stolpert, während die „wirkliche Wirklichkeit“ nur  eine im eigenen Kopf sein kann. Wir können jedoch die Argumentation des Konstruktivisten nur verstehen, wenn wir uns in einen außersinnlichen und außerpraktischen Zusammenhang begeben, wenn wir also das Konkrete, so weit es geht, beiseite stellen. Wir müssen also einen abstrakten Standpunkt einnehmen, um das Konkrete in seiner Existenz in Frage stellen zu können. Wie wir den Schritt zu diesem Blickpunkt tun, kann der Konstruktivist mit seinem Modell nicht nachvollziehen.

Der Konstruktivist begibt sich also auf einen abstrakten Standpunkt, der ihm fortlaufend bestätigt, dass es das Konkrete nicht geben kann. Da der Konstruktivismus nicht mehr sein kann als ein Metamodell zur Beschreibung der menschlichen Welterkenntnis, und da Modelle immer abstrakt sind, hat der Begriff des Konkreten in diesem Rahmen keinen Sinn. Das ist auch die Schwäche des Konstruktivismus, dass er die primäre, vorreflexive Erfahrungswelt, also die Welt des Konkreten, nicht verstehen kann.

Wollen wir hingegen auf die unmittelbare Frische des Konkreten nicht verzichten, wollen wir der Unmittelbarkeit des Erfahrens seinen Rang belassen, dann begnügen wir uns mit dem Platz außerhalb der Konstrukte des Konstruktivismus. Wir brauchen ein umfassenderes Weltmodell, in dem die Ursprünglichkeit der Erfahrung einen gleichrangigen Platz neben der abstrakt verarbeiteten Erkenntnis einnehmen kann. Der Siegeszug der Abstraktion, zusammen mit der von ihr ermöglichten Technik, darf seine Quelle im Konkreten nicht vergessen, sonst landen wir in der Entfremdung, in der kognitiven Dissoziation.

Die Wiedergewinnung des Konkreten


Die Folgen der Rehabilitierung des Konkreten sind weitreichend. Für unsere Lebenspraxis bedeutet das die Übernahme der Prinzipien der Achtsamkeit: Auf den Moment achten und aus ihm heraus handeln.

Auch für unsere Weltsicht als ganzer ergeben sich veränderte Perspektiven. Die europäische Neuzeit mit ihrem Aufschwung der objektiven Wissenschaften und der technischen und ökonomischen Entwicklungen haben zur invasiven Ausbreitung des Abstrakten geführt. Die subjektiven Folgen sind von verschiedenen Autoren als Entfremdung beschrieben worden: Das Konkrete ist uns fremd geworden, weil wir von so viel Abstraktheit umgeben sind, aber im Abstrakten sind wir nie heimisch geworden und werden wir uns nie wirklich wohlfühlen.

Deshalb ist es wichtig, dass wir den Rückweg zum Abstrakten immer wieder bewusst gehen. Es zieht uns ja „hinaus“ in die Natur, hin zu natürlichem Essen, zwischenmenschlichen Begegnungen und Erfahrungen mit unserem Körper. Wenn wir uns bewusst machen, dass wir uns dabei der Wirklichkeit in ihrer unmittelbaren, konkreten Form zuwenden, können wir mehr schätzen, was wir uns mit dieser Hinwendung schenken und wie sehr sie uns nottut.

Wir können den Schritt aus der Entfremdung zurück zur Wirklichkeit ganz einfach vollziehen, indem wir einen bewussten Atemzug nehmen. Wir haben weiters die Möglichkeit, die Entfremdung im größeren Rahmen zu entmachten, indem wir die Wissenschaft des Konkreten mehr Bedeutung geben. Das bedeutet dann, dass die Erste-Person-Perspektive einen gleichwichtigen Rang in der Wirklichkeitserkenntnis neben den verschiedenen Stufen der abstrahierten Forschungsergebnisse erhält. Wir hören damit auf, die Wirklichkeit nur mit dem abstrahierenden Maßstab der Wissenschaft zu bewerten und nehmen die besonderen Qualitäten der Individualitäten in ihren vielfältigen Erscheinungsformen dazu.

Zum Weiterlesen:

Die Erste-Person-Perspektive als Wissenschaft
Das innere Wissen und eine neue Methodologie

Dienstag, 30. Mai 2017

Der Terror und das Ende des Islams

Jede Bombe gegen Andersgläubige ist eine Bombe gegen die Wurzeln der eigenen Religion, jeder Anschlag gegen Andersgläubige ist ein Anschlag auf die Wurzeln der eigenen Religion. Religionen, die Gewalt gutheißen, verherrlichen oder in ihren Reihen und ihrem Namen nicht bekämpfen, werden über kurz oder lang unglaubwürdig und verkommen zu politischen Ideologien oder bloßen Verbrecherorganisationen. Insofern rückt mit jedem Attentat das Ende der Religion, in deren Namen sie begangen wird, näher. Oder, anders gesagt: Die Attentäter zerstören das, wofür sie dem Anschein nach kämpfen: Die Ausbreitung der eigenen Religion auf Kosten anderer Religionen.

Nur meine Wahrheit heilt


Die meisten monotheistischen Offenbarungsreligionen beruhen auf der die Annahme, dass ihre eigene Heilsbotschaft die einzig richtige sei: Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott hat uns seine Wahrheit exklusiv übermittelt, bei den Juden über viele Quellen, bei den Christen über den Sohn Gottes, und im Islam durch einen einzigen auserwählten Propheten. Die Wahrheit und Gewissheit der Glaubensbotschaft, an der die gesamte Sinnstiftung und Deutungsmacht der Religion hängt, ist durch die Exklusivität begründet: Wir, nur wir haben aus erster Quelle erfahren, worum es geht und wie es geht.

Da die Botschaft so eindeutig ist und so direkt übertragen wurde, muss sie allen Menschen zugänglich gemacht werden. Schließlich will ja diese Botschaft dafür sorgen, dass alle Probleme und Sorgen, an denen die Menschen leiden, geheilt werden. Die gute Nachricht (das Evangelium) muss allen zugänglich gemacht werden und alle sollen davon überzeugt werden: Dein alter Glaube ist falsch, nur der neue Glaube gilt, und er gilt, weil das nicht nur irgend eine menschliche, sondern die höchste Instanz selber sagt.

Die Exklusivität und die Gewalt


Wenn du allerdings nicht glaubst, obwohl du weißt, dass du auf Grund der erdrückenden Beweislast und Evidenz glauben müsstest, bist du selber schuld, und bist zugleich eine potenzielle Gefahr, mit deinem vorsätzlichen Unglauben die Glaubenden von ihrem Weg abzubringen. Gefahren müssen bekämpft werden, und schon hat sich die Heilsbotschaft in eine Zerstörungsbotschaft verwandelt. Die Geschichte beginnt sich mit Ketzer- und Atheistenverfolgungen zu füllen, und der Offenbarungsglaube hüllt sich in einen blutdurchtränkten Mantel, bis von der Heilsgeschichte nichts mehr sichtbar ist.

Das Judentum ist dieser Falle entgangen, weil es auf einer zweifachen Exklusivität beruht: die exklusive Offenbarung ergeht an einen exklusiven Empfängerkreis, an die Angehörigen des jüdischen Volkes. Deshalb können die Juden nicht missionarisch werden, sie geben ihren Glauben nur intern, im Rahmen der jüdischen Abstammungsgemeinschaft, weiter.

Im Christentum hat der Apostel Paulus (der ja Jesus selber persönlich nicht kennengelernt hat) den entscheidenden Schritt vollzogen, den Adressatenkreis für die Botschaft des Juden Jesu auf Nichtjuden auszuweiten. Damit wurde jedes Menschenwesen Teil der Zielgruppe für die Botschaft, und mit Hilfe dieser Dynamik konnte das Christentum und in ähnlicher Weise der Islam zu einer Weltreligion werden. Jeder sollte an der exklusiven Erkenntnis teilhaben können.

Der historische Preis war hoch: Einerseits säumen Leichenberge den Expansionskurs der Offenbarungsreligionen, andererseits gehen sie langfristig an ihren eigenen Widersprüchen zugrunde. Eine Frohbotschaft, die sich dermaßen mit der grausamen Vernichtung von Menschenleben besudelt hat, hat alles Fröhliche und Befreiende eingebüßt und ihre Glaubwürdigkeit verloren. Mühsam versucht sie sich zu retten, indem sie darauf hinweist, dass das Böse, das in ihrem Namen geschehen ist, durch böse Menschen verursacht wurde und nicht durch die gute Botschaft, aber wer soll solchen Ausreden noch Glauben schenken angesichts der Blutspur, die jeder, der Augen hat, sehen kann? Wer Augen hat, der sehe, wir Ohren hat, der höre, heißt es im Evangelium, und gemeint ist die Offenbarung durch Jesus von Nazareth, doch die liegt schon 2000 Jahre zurück, und was seither augen- und ohrenfällig geworden ist, ist die brutale und massive Gewaltausübung, die durch die Ausbreitung der Religion verursacht wurde.

Die Aufklärung des Unreligiösen in der Religion


Zum allgemeinen Bewusstsein gelangten diese Widersprüche mit der Aufklärung, die aufgrund der Ausbreitung von Bildung den Zugang zu den verschiedenen Quellen der Information, über die heiligen Texte hinaus,  öffnete. Die im Namen der Religion begangenen Unmenschlichkeiten wurden allgemein bekannt und brachten viele Menschen zum Nachdenken über ihren Glauben. In Europa ging zu dieser Zeit eine ganze Epochen mit innerchristlichen Kriegen zu Ende, weil mehr und mehr Leute verstanden, dass es keinen Sinn macht, wegen dieser oder jener Spielart des Glaubens sein Leben zu geben oder andere Leben zu vernichten. Nach all dem Gemetzel war die Religion als solche in Misskredit geraten, und damit die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern wurde zu einer verzichtbaren Vorliebe oder beliebigen Privatangelegenheit.

Dazu kam noch das 20. Jahrhundert, in dem überdeutlich wurde, dass der europäische Kontinent nach zwei Weltkriegen mit Millionen an Toten, die ihren Ausgang in Europa genommen hatten, die Eigenschaft „christlich“ nachhaltig verspielt hatte. Wer heute noch Europa als christlichen Kontinent bezeichnet, hat all das Unchristliche, was hier im Namen des Christentums begangen wurde, großzügig übersehen oder geflissentlich ignoriert.

Auf diese Weise hat sich in Europa die Trennung von Religion und Staat vollzogen, oder musste sich vollziehen. Das Gemeinwesen, der Rahmen der Zugehörigkeit für alle Staatsbürger, kann nicht mehr mit einer bestimmten Religion identifiziert werden, die allzu viele Personen zwar dem Staat eingegliedert sind, aber nicht einer Religion verbunden sind. Ebenso hat sich die Ethik, die Regeln des guten und sozialverträglichen Handelns, aus der Religion emanzipiert. Damit war die Religion auch im Bereich der Regelsetzung verzichtbar und verlor das Monopol auf das Begründen und Setzen und Kontrollieren von Normen.

Andere Staaten und Kulturkreise haben diese Entwicklung noch nicht oder nicht auf diese Weise durchlaufen. Sie haben noch kein Problem mit der Ineinssetzung von Staat und Religion, weil das schwache Bildungsniveau die Erkenntnis der Ungereimtheiten der Religion hintan hält. So bleiben vielen die Widersprüche zwischen Anspruch und Realität der Religion, die ihren Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsanspruch in Frage stellen, unbekannt und undurchleuchtet. In solchen Räumen kann die Religion noch ihre Deutungs- und Sinnmächtigkeit aufrechterhalten und zugleich an der Vertiefung der Widersprüche mitwirken, indem weiterhin im religiösen Dunstbereich Gewalttaten angestiftet, durchgeführt und gerechtfertigt werden.

Die Macht der Widersprüche


Damit sägt allerdings langfristig die Religion an ihrem eigenen Ast, bis er bricht. Widersprüche entfalten eine Macht, die unwiderstehlich ist, über kurz oder über lang. Denn Menschen können nicht gegen sich selbst leben, sie können sich nicht aufspalten in einen ethischen und in einen religiösen Teil, wenn sich beide widersprechen. Entweder werden sie kränker oder sie müssen eine Seite wegkürzen: Die ethische, die sagt, dass die Rechte der Menschen geachtet werden müssen, dann entsteht der religiöse Fanatiker; oder die religiöse, dann entsteht ein religiöser Skeptiker. Lieber sollte uns der letztere sein.

Solange diese Widersprüche in den islamischen Kulturkreisen unter der Decke gehalten werden können, solange also Gewalttaten im Namen der Religion verübt werden können, ohne dass die Angehörigen der Religion in ihrer Gesamtheit aufspringen und dagegen protestieren, solange müssen wir mit der Unsicherheit leben, Opfer solcher unsinniger Gewalttaten zu werden.  Aber Anlass zur Hoffnung auf den längeren Atem der Menschlichkeit gibt es immer wieder, z.B. wegen der öffentlichen Demonstration britischer Imame gegen den Terroranschlag in Manchester und gegen jede Rechtfertigung des Terrorismus durch die Religion.

Sonntag, 21. Mai 2017

Zur Kritik am kritischen Journalismus

In einer Radiodiskussion hat der Kommunikationstheoretiker und ORF-Publikumsrat Peter Vitouch dem ORF-Journalisten Armin Wolf vorgeworfen, er wäre eine brutale Mimose, ein Zitat, das seither durch die Medien geistert. In dieser Diskussion hat Armin Wolf, meines Erachtens zu Recht, darauf verwiesen, dass in einer Demokratie Politiker der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen müssen, weil sie deren Mandatare sind, und, was ich noch hinzufügen möchte, weil sie von dieser Gesellschaft bezahlt werden und deren Vermögen verwalten, also, weil sie von uns bezahlt sind und unser Vermögen verwalten. Deshalb haben wir doch das Recht zu erfahren, was diese Personen mit diesem Vermögen anstellen und wie sie mit der Macht, die wir ihnen verleihen, umgehen.

Ein Stein des Anstoßes war ein Interview vom 27.3.2017, das Armin Wolf mit dem scheidenden NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll geführt hat, wo es darum gegangen ist, was mit einer großen Summe an öffentlichen Geldern, die in eine Stiftung unter seinem Namen geflossen ist, geschieht, also die einfache Frage, wofür öffentliches Vermögen in diesem Fall verwendet wird, bzw. wie dessen Verwendung gerechtfertigt wird. Der Landeshauptmann konnte trotz mehrmaligen Nachfragens dazu keine Antwort abgeben. Die Öffentlichkeit tappt also nach wie vor im Dunkeln darüber, wie dieses (Steuer)Geld in die Stiftung geraten ist und was es dort macht.

Daraufhin wurden Wolf von mehreren Seiten Verhörmethoden vorgeworfen und es entstand eine Debatte darüber, was Journalisten dürfen und was nicht, wenn sie mit den Mächtigen dieses Landes Interviews führen. Als Staatsbürger einer Republik fragt man sich dann, wer hier geschützt werden soll: die Mächtigen oder jene, die diese Macht kontrollieren wollen? Soll die Republik dem Macherhalt der politischen Eliten oder dem Gemeinwesen dienen?


Täter-Opfer-Umkehr


Wer das Interview gesehen hat, kann ohne besondere Anstrengung zu dem Eindruck kommen, dass die Mimose nicht der Interviewer, sondern der Politiker war. Ebenso entsteht der deutliche Eindruck, dass die Brutalität auf Seiten des Politikers sichtbar wurde, als er dem Journalisten offen mit einem Kronen-Zeitungsbericht gedroht hat, in dem sein Gehalt offengelegt werden sollte, nach dem Motto: Wenn du mich aufs Glatteis führen willst, zeige ich dir schneller, wer mehr Macht hat und wer den Kürzeren ziehen wird. Aus meiner Sicht hat es der Journalist in diesem Interview gut verstanden, die „brutale Mimose“ im Machtpolitiker aufzudecken, und das war der eigentliche Gewinn dieses Interviews: die Tiefenschichten des Politischen am Exempel eines Vertreters an die Oberfläche zu bringen.


Die Politikverdrossenheit


Peter Vitouch wendet in der Radiodiskussion sein Argument gegen insistenten Journalismus in die Richtung, dass das ohnehin schon schlechte Image der Politiker in der Öffentlichkeit noch weiter leidet, wenn sie in Interviews auf Ungereimtheiten oder Verschleierungen aufmerksam gemacht werden und dabei deutlich wird, dass sie vor allem eines gelernt haben, sich aalglatt herauszuwinden und die vermeintlichen Angriffe auf den Angreifer zurückzuwenden. Man solle also Politiker schonen, um die grassierende Politikverdrossenheit nicht weiter zu verschlimmern.

Allerdings könnte man auch die Meinung vertreten, dass sich viele Leute deshalb mit Ekel von der Politik abwenden, weil dort so viel verschleiert, gemogelt und gelogen wird – was ja überall im Leben vorkommen mag, aber dort, wo es um die öffentlichen Angelegenheiten geht, von besonderer Brisanz ist, weil es eigentlich jeden persönlich mitbetrifft. Die Gründe für die Abwendung vieler von der Politik liegen m.E. dort, wo Transparenz und persönliche Integrität fehlen und dieser Mangel systemimmanent  kaschiert wird. Wir wenden uns im sozialen Leben auch von Menschen ab, denen wir zuerst vertrauen und die dann dieses Vertrauen für die eigenen Zwecke missbrauchen.

Ähnlich geht es uns mit Politikern, denen wir unsere Stimme geben, die sie gerne nehmen und dann für sich selber, d.h. für den eigenen Machterhalt als für die anderen verwenden. Sicher müssen wir Verallgemeinerungen vermeiden: Es gibt viele Politiker, die persönlich integer sind und die ihr engagiertes Bestreben in den Dienst der Verbesserung des Gemeinwohls stellen. Es gibt aber noch immer Selektionsmechanismen, die es erschweren, dass gerade solche Personen in die Führungspositionen gelangen. Dafür wiederum ist die eklatante Schwäche des systemischen Bewusstseins verantwortlich, das sich immer noch auf Randbereiche unserer politischen Kultur beschränkt, und, wie an diesen Beispielen sichtbar wird, schnell von hierarchischen Elementen überrollt wird.


Die absolutistische Prägung


An diesem Punkt schließt sich der Kreis. Die Debatte um das Pröll-Wolf-Interview zeigt die Züge einer noch immer nicht überwundenen absolutistischen, also vor-republikanischen Prägung, gemäß der Bemerkung von Kaiser Ferdinand, der angesichts der zu Beginn der Revolution von 1848 barrikadenbauenden Studenten und Bürger gemeint hat: „Ja dürfen’s denn des?“ Dürfen wir den mächtigen Obrigkeiten unangenehme Fragen über ihr politisches Geschäftsgebaren stellen, ist das nicht ungebührlich und anmaßend? Majestäten dürfen nicht beleidigt werden, so stand es im Gesetz, und noch immer wabert die Angst in uns, was denn passieren könnte, wenn das Imperium zurückschlägt, weil wir einmal zu frech waren.

In einer Demokratie sollte die kritische Kontrolle eine Selbstverständlichkeit sein – die öffentlichen Amtsträger, die vom „Volke“ mit ihrer Aufgabe betraut wurden, sind diesem Volk Rechenschaft schuldig, im Grund bis zum letzten Cent. Und dort, wo Intransparenz herrscht, muss diese benannt und veröffentlicht werden. Solange das keine Selbstverständlichkeit ist, solange sich kritische Journalisten rechtfertigen müssen und um ihre Position fürchten müssen, leben wir nicht in einer Demokratie, sondern in einem Obrigkeitsstaat. Und solange wir das gutheißen oder auch nur stillschweigend hinnehmen, beteiligen wir uns an der Aufrechterhaltung dieser obrigkeitsstaatlichen Strukturen, die sich durch unsere politische Kultur ziehen wie madiges Fett.

Ich weiß und bin auch dankbar dafür: Wir debattieren in Österreich auf einem anderen Niveau als etwa in Brasilien, wo es um riesige Summen an Korruptionsgeldern und verbreitete Netzwerke geht, oder als in der Türkei, wo der regimekritische Journalismus verfolgt und ausgerottet werden soll. Aber die Debatte ist auch bei uns dringend notwendig: Die Demokratie ist ein wertvolles System, und die Kräfte, die an ihren Wurzeln sägen, müssen ins Visier genommen und entmachtet werden. 


Hier der Link zu dem Interview.

Samstag, 20. Mai 2017

Das Ego in der Medien-Demokratie

Es scheint, als würde es unsere Demokratie und damit unser öffentlich verfasstes Bewusstsein nicht auf die systemische Stufe der Bewusstseinsentwicklung schaffen. Gerade in diesen Tagen erleben wir in Österreich einen fast unheimlichen Rückfall in die personalistische Idolisierung und Instrumentalisierung der Demokratie. Die Person, und das heißt in diesem Zusammenhang in der griechischen Bedeutung für „Maske“, des politischen Mandatars zieht die Öffentlichkeit in ihren Bann. Ein Jungstar hat sich aus der zweiten Reihe nach vorne manövriert, nach allen Regeln der Machtkunst, wie ihm viele Beobachter bescheinigen. Er ist dynamisch, modern, fesch und gestylt, und hat sich eine ganze Partei unter den Nagel gerissen. Wenn man im Internet die Homepage der Partei aufruft, trifft man seit dem Coup auf nichts anderes mehr als den Star und die Möglichkeit, ihm die Gefolgschaft anzudienen oder nicht. Der einzige Link führt auf die private Homepage des Stars. Alles andere, was diese ehrwürdige Partei sonst ausmacht, ist ins Abseits verbannt worden. Es wird damit der Eindruck erweckt, dass etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes, die Bühne betreten hat, und damit die Geschicke des Landes und seiner Bewohner einer hoffnungsfrohen Zukunft zuführen wird. Alles Alte, das mit dem Parteinamen verbunden ist, gibt es nicht mehr und hat keine Wirkung mehr.

Geschichtslos tritt der Star auf, so als gäbe es keine Traditionen, die prägen, als wäre die konservative und wirtschaftsliberale Partei, aus der er stammt, nur mehr eine Gruppe von belanglosen Statisten und Handlangern. Er selber braucht keine Werte und keine Inhalte zu vertreten, es genügt zu sagen, dass er die Macht in der Partei in seiner Hand konzentriert hat, und schon fliegen ihm die Herzen zu. Er braucht nur in die Kameras zu strahlen, und die Partei, die jetzt nur mehr unter seinem Namen und unter seinen Direktiven läuft (und zu laufen hat), bekommt in den Umfragen plötzlich um 50% mehr Stimmen und schnellt damit von der dritt- zur erststärksten Partei hinauf.

Offenbar ist es nicht nur der Neuigkeitseffekt, der die Menschen fasziniert. Es ist auch die perfekte Inszenierung: Die Parteigremien tagen, die Journalisten sind gespannt, ob sich die „Granden“ der Partei den Bedingungen des neuen Helden fügen werden, und es wird scheinbar debattiert, und die Debatte endet genau zu dem Zeitpunkt, zu dem die Österreicher ihre Fernsehgeräte einschalten: Genau zu Beginn der Hauptnachrichtensendung erscheint der neue starke Mann den Millionen Zusehern vor den Fahnen des Staates und der EU. Er hat damit den maximalen Aufmerksamkeitseffekt erzielt und ein unvergessliches Event erschaffen, das mit seiner Person verknüpft und von ihr erfüllt ist: Der Tag, an dem der Star zum Helden wurde.

Warum sollen Politiker nicht alle Strategien der Werbung und der medialen Beeinflussung nutzen? Schließlich müssen sie ja ihre Botschaften „unter die Leute“ bringen, und dazu müssen sie und ihre Aussagen wahrgenommen werden. Was allerdings bedenklich stimmt, ist die Rangordnung: Die Person kommt vor allen Inhalten, das Gesicht vor der Botschaft, das Auftreten vor den politischen Werten und Zielen. Der politische Diskurs wird auf das Betrachten und Liken von Personen reduziert. Die Politikshowkonsumenten werden auf ein Gesicht, eine Stimme, einen Habitus konditioniert, damit sie in der zweiten Phase, wenn dann Politik gemacht wird, nicht auf die Inhalte schauen, sondern wieder nur blind die Maske verehren.

Natürlich ist der Aufmerksamkeits- und Begeisterungseffekt nicht von Dauer. So schnell sich das Feuer in der medialen Landschaft entzündet, so schnell verlischt es wieder. Doch die Demokratie in den Zeiten sozialer Medien steht in Gefahr, auf eine Abfolge von medial vermarktbaren Effekten reduziert zu werden. Kurze einprägsame Wortfolgen, mit Überzeugung vorgetragen und NLP-mäßig abgefeilt, den Seitenblick auf die Umfragewerte, das ist die Rezeptur für die Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit der Meinungsmache. Wer die flotten Sprüche und den frechen Schmäh drauf hat, wirkt sympathisch, und wer Argumente bringt und reflektiert abwägt, ist langweilig.

So wie der amerikanische Präsident keinen Text mehr auffassen kann, der länger als eine Seite ist, so beschränkt in der Auffassungsgabe ist offenbar der durchschnittliche Medienkonsument von heute, der nicht mehr als die Schnellschüsse aus den diversen Bildschirmen braucht, die ihm den angenehmen Adrenalinstoß bewirken, auf den er schon längst süchtig ist. Deshalb wird dieses System der Aufregungsproduktion immer wieder ihre Protagonisten produzieren und wieder verschleißen.

Schade ist nur, dass dabei die Zeit vergeht, in der politische Gestaltung stattfinden könnte, also die Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens zu mehr Gleichheit, Freiheit und Solidarität. Doch die Reformen und Innovationen, die dafür notwendig sind, bedürfen der systemischen Abwägung, der Berücksichtigung von vielfältigen Voraussetzungen und Bedürfnislagen, um einen möglichst breiten Nutzen für die Allgemeinheit zu bewirken und nicht die lautstärksten oder finanzkräftigsten Partikularinteressen zu fördern. Für die Prozesse der ausgleichenden Vernunft braucht es keine im Scheinwerferlicht glänzenden, aber innerlich hohle Stars, sondern Menschen, die ihr Ego so weit im Zaum halten können, dass sie für andere denken können.

Erst mit dieser Kompetenz kann ein Staatswesen, das den Namen Demokratie verdient, verwirklicht werden. Personen, die sich selber mit ihrer medialen Ego-Performance in den Mittelpunkt stellen, um für ihre Eitelkeit bewundert zu werden, stehen der Demokratie, in der also das Volk und für das Volk Politik gestaltet wird, diametral gegenüber. Solche Personen nutzen die Demokratie für ihre eigenen Zwecke. Sie nutzen auch die Ego-Schwächen der Staatsbürger und Volksmitglieder, die sich aufgewertet fühlen, wenn sie das große Ego, das sich vor ihnen aufplustert, bewundern und verehren können. 


Und, wie schon oft bemerkt wurde, jedes Land hat die Regierung, die seinem Bewusstseinsstand entsprechen. In diesem Sinn sind Wahlen immer von Interesse. Auch dafür, einen Beitrag zur Weiterentwicklung und nicht zur Verringerung dieses Bewusstseinsstandes zu leisten.


Zum Weiterlesen:
Wird die Demokratie gekidnappt?

Donnerstag, 18. Mai 2017

Die Sorge in Heideggers Philosophie

Zum Abschluss dieser kleinen Artikelserie über die Sorgen sollen die Gedanken Martin Heideggers, eines der bekanntesten Philosophen des 20. Jahrhunderts, betreffend der Sorge besprochen werden.

Das Phänomen der Sorge nimmt nämlich bei Heidegger einen ganz zentralen Raum ein: Die Sorge ist ein Wesenszug des menschlichen Lebens. Er unterscheidet in seinem ersten bahnbrechenden Buch „Sein und Zeit“ (1926) zwischen der Sorge um das Selbst und der Sorge für andere, der Fürsorge. Von dieser gibt es wieder zwei Formen, die einspringende Fürsorge, die anderen ihre Sorgen abnehmen will, und die vorspringende Fürsorge, die dem anderen helfen soll, seine eigene Sorge zu erkennen und zu tragen.

Die Sorge ist demnach der Antrieb für jegliches menschliches Handeln. Ohne Sorge würden wir in der Selbst- und Seinsvergessenheit landen, kümmerten und scherten wir uns um nichts. Die Sorge weckt uns auf und hält uns wach, damit wir den Blick auf das, was das Leben sinnvoll macht, nicht verlieren.

Sie hat allerdings auch die Gestalt der Belastung, was sich in der Anschauung spiegelt, dass das menschliche Dasein nach Heidegger ein „Sein zum Tode“ ist, dass also alles menschliche Tun im Schatten der Endlichkeit steht. Damit argumentiert Heidegger innerhalb des zeitgenössischen Denkrahmens des Existentialismus, obwohl er selber nicht dieser Richtung zugezählt werden wollte. Was bei Heidegger mit dem Begriff der Sorge bezeichnet ist, wird bei Albert Camus zur Vorstellung der Absurdität der menschlichen Existenz angesichts der Sinnentleertheit des Lebens und des anschließenden Todes weitergetrieben. Dazu kommt, dass Heidegger die Angst als Grundgegebenheit des Menschen ansieht, nicht nur als prägendes Gefühl, sondern als Wesenszug des Menschen. Dieser wird also einer fundamentalen Belastung unterworfen zu sein verstanden. „Worum sich die Angst ängstet, ist das In-der-Welt-sein selbst.“ Dadurch also, dass der Mensch in der Welt ist, also in seinen Lebenszusammenhängen lebt, hat er Angst.

Auch wenn Heidegger die Sorge als Wesenszug des Menschen unterscheidet vom Besorgtsein, womit die Sorgen des Alltags gemeint sind, bleibt bestehen, dass es keinen Ausweg aus der Sorge gibt. Sollte ein Leben sorgenfrei sein, bleibt die Grundsorge bestehen, mit der der Mensch im Bann seines Todes steht.

In diesen Zusammenhang reiht sich Heideggers Verständnis von Zeitlichkeit ein, die das Wesen der Sorge verkörpert, denn Zeitlichkeit bedeutet für ihn die Orientierung des Menschenlebens auf die Endlichkeit und Sterblichkeit hin.

Können wir Heideggers Sorge ebenso entsorgen, wie wir uns von unserem „kleinen“ Besorgtsein entlasten können? Dabei geht es um die Frage, welchen Stellenwert wir der Zeitlichkeit in unserem Leben einräumen, was so viel heißt wie, welches Gewicht wir dem Tod geben und welche Macht wir ihm über unser Leben einräumen.

Unsere Endlichkeit begegnet uns fortwährend als Faktum. Wir wollen etwas erreichen und scheitern. Wir möchten eine Leistung erbringen und schaffen es nicht. Wir wollen uns gut ausschlafen und wachen mitten in der Nacht auf. Wir streben nach einer harmonischen Beziehung und sind schon wieder im Streit gelandet. Jede dieser Endlichkeitserfahrungen können wir als Anlass für mehr Sorge nehmen: Was, wenn es nie besser wird? Wir können sie aber auch als Gelegenheit nutzen zu akzeptieren, was gerade ist. Wir sind an eine Grenze gestoßen, und das hat alle möglichen Gefühle ausgelöst. Zugleich geht das Leben weiter, möglicherweise in einer anderen Richtung als wir gewünscht oder erwartet haben. Indem wir all die Gefühle, die auftauchen, akzeptieren und ihnen Raum in uns geben, können wir spüren, dass das Leben weiterfließt, und dass nur unser partieller Kontrollversuch und unsere probeweise Einflussnahme nicht erfolgreich war. Damit sind wir der Macht der Endlichkeit schon wieder entronnen. Sie ist nur Folge einer enttäuschten Erwartung.

Wer von der „Kraft des Jetzt“ (Eckhart Tolle) kostet, steigt aus der Zeitlichkeits-Sorge-Struktur aus. Im Jetzt gibt es nur das, was gerad ist. Die Zeitlichkeit rückt erst ins Bewusstsein, sobald wir das Jetzt verlassen und dabei die Zeitmaschine im Kopf anwerfen. Dann sind wir an Vergangenheit und Zukunft angehängt, oft holen wir uns die Ängste aus der Vergangenheit und projizieren sie dann gerne als Sorgen in die Zukunft.

Heideggers philosophisches Vorgehen war nach seinem Lehrer Edmund Husserl phänomenologisch bestimmt, d.h. bezog sich auf die Erfahrungswelt der Menschen. Die Erfahrungstiefe aus dem Eintauchen in den Moment, von der viele Mystiker sprechen, war ihm wie vielen seiner Zeitgenossen offenbar nicht zugänglich. Wir haben in unserer Zeit viel mehr Möglichkeiten, mit dieser Dimension der Spiritualität in Kontakt zu treten, weil viele Lehrer und Meister diesen Weg aufzeigen und vermitteln. Wir erleben auf diesem Weg eine Form von innerer Freiheit, die den Horizont der Philosophie von Heidegger übersteigt. Und wir haben in unserer Zeit viele therapeutische Methoden zur Verfügung, um uns von Ängsten und Sorgen zu befreien. Schließlich können wir die Kombination von Therapie und Meditation nutzen, um uns aus dem Bann der existentialen Todesangst und der von ihr erzeugten existentialen Sorge zu lösen.

So bleibt der Geltungsbereich von Heideggers Existentialontologie auf die materialistisch geprägte Lebenswelt des 20. Jahrhunderts und ihre Sorgen und Ängste beschränkt. Er thematisiert, psychologisch betrachtet, die dominanten Überlebensstrategien seiner und unserer Zeit und verankert den entfremdeten, traumatisierten oder neurotischen Zustand der Menschen in seinem Wesen, und nur innerhalb dieses engen Rahmens, der durch das Geworfensein des Menschen in sein Leben festgelegt ist, könne der Mensch seine Freiheit, sein Entwerfen entfalten.

Dieses Geworfensein gibt es in der Form der vielfältigen Verletzungen und Belastungen, die wir als epigenetisches Erbe unserer Vorfahren in uns tragen. Wir können uns nicht aussuchen, in welche Familie wir hineingeboren werden. Es gibt aber Wege, wie wir die Verstrickungen in den transgenerationalen Traumatisierungen auflösen können. Jeder Schritt der inneren Befreiung auf diesem Weg hilft uns, uns mehr und mehr selbst in der bedingungslosen Annahme des gegenwärtigen Moments zu finden. Wir brauchen nicht mehr an einem „Wesen“ festzuhalten, das von der angstbesetzten Unausweichlichkeit des Todes überschattet ist, sondern können unserer Endlichkeit mit unendlichem Vertrauen begegnen. Je mehr wir erkennen, dass so etwas wie ein „Wesen“ in uns gar nicht gibt, sondern nur Festlegungen unserer Identität, die aus unerlösten inneren Abhängigkeiten stammen, desto weiter bewegen wir uns heraus aus der Gewalt von Angst und Sorge und hin zur inneren Freiheit des achtsamen Im-Moment-Lebens.

Zum unersten Abschluss eines ernsten Themas:
Der strenge Priester mahnt die Gemeinde: "Der Tod kann ganz plötzlich kommen. Bevor dieser Tag endet, kann noch jemand aus dieser Gemeinde sterben."
Eine ältere Dame in der ersten Reihe beginnt zu kichern.
"Was gibt es da zu lachen?"
"Ich gehöre nicht zu dieser Gemeinde."


Zum Weiterlesen:
Sorgen entsorgen
Sorgen und Planen 
Die Sorgen von übermorgen

Montag, 15. Mai 2017

Sorgen entsorgen

Viele der Sorgen, die wir uns machen, zählen zu den überschüssigen und überflüssigen Gedanken, die unseren Kopf füllen und mit denen wir uns selber trefflich quälen können. Wir kennen wohl alle Zustände, in denen es im Gehirn rattert: Was ist, wenn A passiert, und dann B und dann C? Was, wenn die Weltwirtschaft zusammenbricht oder die Umwelt kollabiert? Was, wenn ich morgen nicht rechtzeitig aufwache und den Wecker überhöre? Was, wenn das Flugzeug abstürzt, mit dem ein Freund verreist? Wenn die Milch im Supermarkt schon ausverkauft ist und es regnet, wann wir die Wanderung geplant haben?

Unendlich wie die menschliche Kreativität überhaupt sind die Anlässe für Sorgen, die wir uns ausdenken. Unzählige Szenarien von Peinlichkeiten, Problemen und Katastrophen spinnt die furchtsame Maschinerie in unserem Oberstübchen, Tag für Tag. Diese Gedanken können uns mit ihrer zwingenden Macht gefangen halten, lähmen und in chronische Angst versetzen.

Wie können wir diese lästige Macht brechen, die uns so leicht in ihren Bann zieht? Es ist die Schule der Achtsamkeit, die wir für die Befreiung von Sorgen brauchen. Der erste Schritt besteht darin, zu erkennen, was wir gerade mit uns selber machen: Wir denken uns eine Zukunft aus, von der wir nicht wissen, ob sie eintreten wird. Wir machen daraus Gedankenschleifen, die unsere Aufmerksamkeit fixiert, indem wir immer wieder die angstvollen Zukunftsszenarien durchdenken und mit inneren Bildern anreichern. Wir bauen diese Schleifen noch aus, indem wir uns Sorgen von über- und übermorgen machen.

Die achtsame Reflexion macht uns klar: Wir selber sind es, die diese Gedanken und Bilder produzieren, nicht eine äußere Wirklichkeit, andere Menschen oder Mächte des Schicksals.  Wir sind also selber die Erfinder der Sorgen, wir sind es, die sie nähren und pflegen. So können wir uns als nächstes fragen, ob wir die Sorge, die uns gerade plagt, wollen oder nicht. Gibt es etwas, das wir tun können, um der Sorge abzuhelfen? Wenn ja, dann sollten wir uns sogleich aufmachen, es zu tun. Wenn nein, besteht die Aufgabe darin, die Sorge zu entsorgen, sie also aufzugeben. Wir müssen aufhören, die Sorge mit unserer Aufmerksamkeit zu füttern, indem wir z.B. die Aufmerksamkeit auf anderes richten, uns ablenken oder Tätigkeiten aufnehmen, die unsere Konzentration erfordern. Wir können auch die Angst erforschen, die hinter der Angst steckt, indem wir wahrnehmen, in welchen inneren Zustand uns die sorgenvollen Gedanken versetzen.

Wir können auch die Gegengifte zur Sorgensucht mobilisieren. Wir haben so viel Anlass für Vertrauen ins Leben: Wir haben schon so viel zuwege gebracht und geschafft in diesem Leben, so vieles ist gut gelaufen, so weit sind wir schon gekommen, und die Fehlschläge und Enttäuschungen sind dagegen nur Ausrutscher und Lernkurven auf einer Bahn, die im Großen und Ganzen in eine gute Richtung geht. Also aktivieren wir unser Lebens- und Selbstvertrauen: Wir werden auch diese Herausforderung meistern, der uns die Sorge so zaghaft gegenübertreten lässt. Verbinden wir uns mit der inneren Kraft und besinnen wir uns auf die Ressourcen, über die wir verfügen: Unsere Intelligenz, Tatkraft und unseren Lebensmut. Vergessen wir die Tugend der Leichtigkeit nicht, mit der wir die Schwere der Sorge überwinden können. Mit Flexibilität und Eleganz, mit Kreativität und Lebensfreude haben wir schon so vieles, was sich uns in den Weg gestellt hat, bewältigt und werden das in Zukunft wieder zuwege bringen.

Auf diese Weise können wir Sorgen in Aufgaben umwandeln, an die wir mit Konzentration und Kompetenz herangehen können. Jede bewältigte Aufgabe stärkt unser Vertrauen und reduziert unsere Neigung zum Erfinden von Sorgen.

Das hingegen, womit uns unsere Sorgen beschäftigen und was überhaupt nicht in unserer Macht liegt, können wir nur dem Vertrauen in das größere Ganze übergeben, das für diese Belange zuständig ist. Auch die Menschheit als Ganze hat schon so viele Jahrtausende auf diesem Planeten überlebt und sich als enorm anpassungsfähig und lernbereit erwiesen. Wir wissen nicht, was die Zukunft an Herausforderungen bringen wird, wir wissen aber, mit welchen Problemen die Menschheit schon fertig geworden ist. Darum können wir unser Vertrauen in uns selbst ausweiten auf die große Gemeinschaft der Menschen, von denen so viele schon so viel Gutes geschaffen haben und in jedem Moment schaffen. So viele Ideen sind schon entstanden und verwirklicht worden, die das Leben der Menschen verbessert und erleichtert haben, und das wird auch in Zukunft so bleiben.

Und dann gibt es noch einen Bereich, auf den es keinen Einfluss gibt und der uns Sorgen bereiten kann, der Bereich des Unverfügbaren. Wir können nicht mit absoluter Sicherheit verhindern, dass uns oder unseren Angehörigen eine Krankheit befällt oder ein Unfall passiert. Wir können das Unsere dazu beitragen, indem wir unser Leben bedacht und achtsam führen und das Leben anderer ebenso achtsam respektieren. Aber wir wissen auch, dass immer wieder Brüche und Diskontinuitäten im Lebensprozess geschehen und Unvorhersehbares in unser Leben hereinbrechen kann.  Auch auf diese Bereiche gilt es, unser Vertrauen auszuweiten. Was auch immer geschieht, wir werden irgendwie damit umgehen können, vielleicht besser, vielleicht schlechter. Wir wissen es nicht.

Und im extremsten Fall wird auch irgendwann einmal etwas auftauchen, was wir nicht mehr meistern können und was uns das Leben kostet. Warum sollen wir uns deshalb sorgen? Eines können wir uns sicher sein: Mit dem Tod enden alle Sorgen.

Letztlich geht es ja bei allen Sorgen darum, dass wir befürchten, unser Überleben sei gefährdet, weil ja dies oder jenes passieren könnte. Deshalb sollen wir unsere Überlebensstrategien probeweise mobilisieren, das ist es, was uns die Sorgen einreden wollen. Wenn wir uns aber vor Augen führen, dass wir über das Ende unserer Existenz keine Kontrolle haben, können wir uns in dieser Hinsicht entspannen. Warum sollten wir uns nicht jetzt schon von Sorgen befreien, die ja doch nur ein innerer Ballast sind, den wir uns unbewusst und unnötig aufladen? Jede verabschiedete Sorge schafft Raum für ein freieres und unbeschwerteres Leben, jedes Loslassen einer Sorge bereitet uns vor auf die größte Ungewissheit unseres Lebens, nämlich dessen Ende.

Zu diesen Ungewissheiten vermeldet Nestroys Knieriem im Kometenlied:
„Da wird einem halt angst und bang, Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang, lang, lang, lang, lang, lang.“

Doch nach Georg Kreisler kann man sich angesichts aller möglichen Katastrophen zumindest auf das Alpenglühn verlassen:
"Das alte Tannenwäldchen schickt die letzten Grüße
Der alte Tag geht nun zum letzten Mal vorbei
Der alte Förster wäscht zum letzten Mal die Füße
Der alte Gockel legt zum letzten Mal ein Ei
Der alte Goldfisch geht zum letzten Male unter
Der alte Jänner kommt zum letzten Mal im Jahr
Das alte Flugzeug fällt zum letzten Mal herunter –
Nur das Alpenglühn, ja, das Alpenglühn
Das alte Alpenglühn gibt's jetzt und immerdar."


Zum Weiterlesen:
Die Sorgen von übermorgen
Sorgen und Planen 

Sonntag, 14. Mai 2017

Sorgen und Planen

Das planende Denken ist eines der wichtigsten Asse, das das Überleben der Gattung Mensch ermöglicht hat. Die Vorwegnahme der Zukunft in der Fantasie ist eine Gabe, die uns erlaubt, langfristige Projekte und komplexere, zeitaufwändige Aufgaben auszuführen. Wir haben die Fähigkeit, mit unserer Vorstellungskraft Bilder von etwas in uns zu erschaffen, das es noch nicht in der Wirklichkeit gibt. Dazu liefert uns das Denken die Informationen über die Schritte, die nötig sind, um das Vorgestellte zur Wirklichkeit machen zu können, sowie über die Ressourcen, die wir für die praktische Umsetzung benötigen.

Ohne Planung können wir unser Wollen nicht zum Leben erwecken, sondern bleiben bei unseren Kopfgeburten stecken. Wir spinnen uns alle möglichen Ideen aus, wie unser Leben besser oder interessanter sein könnte, brauchen aber einen Plan, wenn wir es wirklich besser oder interessanter machen wollen. Das Planen der Zukunft ist also eine Funktion des Wollens, das das Ziel und die Richtung vorgibt.

Planung braucht Flexibilität. Da wir keine Kontrolle und kein zureichendes Wissen über die Zukunft haben, kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Wir bekommen ein elektronisches Teil nicht, das wir für die Maschine brauchen, die wir uns bauen wollen. Eine wichtige Persönlichkeit für eine Veranstaltung sagt uns ab. Wir erkranken und können die Gartenarbeit, die schon dringend getan werden sollte, nicht erledigen. Wir müssen unsere Pläne umkrempeln und an die veränderten Gegebenheiten anpassen. Die Planung ist immer Mittel zum Zweck, und es macht keinen Sinn, an ihr festzuhalten, wenn die Umstände nicht mehr stimmen. Flexibilität heißt, dass die Pläne immer wieder an die Umstände angepasst werden.

Das Planen ist ein anderer Vorgang, mit der Zukunft umzugehen als das Sorgen. Wir planen, weil wir ein Ziel erreichen wollen. Wir sorgen uns, weil wir glauben, dass sich die Zukunft nicht zu unserem Vorteil oder Gefallen entwickeln wird. Das Wollen ist frei von Angst, während Sorgen von Ängsten angetrieben sind. Mit ihrer Hilfe vermeinen wir, die Zukunft beherrschen zu können. Beim Planen gehen wir Schritt für Schritt in die Zukunft hinein und achten auf die Widerstände, die auftauchen und suchen kreativ nach Wegen, um sie zu überwinden. Es können sich zwar Sorgen in das planvolle Manifestieren einmischen, wenn wir z.B. befürchten, dass wir nicht genügend Geld auftreiben können, um ein Projekt zu verwirklichen. Aber sie kommen aus einer anderen Quelle als das vom Wollen eingesetzte Planen.

Wir können uns auch die Quelle der Sorge zunutze machen, indem wir die Angst ausfindig machen, die uns am Verwirklichen unseres Zieles hindern will. Sobald wir wissen, was uns da blockieren möchte, können wir uns überlegen, was uns wichtiger ist: Das Ziel, das wir wollen, weiter zu verfolgen und gegebenenfalls unsere Pläne anzupassen oder der Sorge das Feld überlassen und das Ziel aufzugeben.

Die Besorgnis möchte die Zukunft beherrschen, während sie in Wirklichkeit von ihr beherrscht wird. Das Planen spielt mit der Zukunft, indem es darauf reagiert, was sich Neues und Unvorhergesehenes zeigt. Im Planen sind wir uns bewusst, dass uns die Zukunft immer wieder mit neuen Facetten überraschen kann und dass wir flexibel bleiben müssen, während die Sorge die Zukunft vor allem als Hindernis und Bedrohung sieht.
In der planenden Einstellung gestehen wir der Zukunft die Freiheit zu, uns anzubieten, was immer gerade ist und sein soll.


Wir verfügen über zwei grundverschiedene Modi, um mit unserer Fähigkeit, die Zukunft imaginieren zu können, umzugehen. Und wir haben auch die Fähigkeit, zu erkennen, welcher Modus gerade aktiv ist und wie wir vom einen zum anderen wechseln können. Im einen Fall lassen wir die Zukunft offen und verzichten auf Kontrolle. Wir wollen auf sie Einfluss nehmen, wissen aber, dass das nur in permanenter Interaktion mit der Wirklichkeit, die sich in der Zukunft zeigen wird, möglich ist. Wir stützen uns auf das Vertrauen, dass wir immer wieder Möglichkeiten finden, unsere gestalterischen Impulse einzubringen.


Die Vorsorge


Eine Zwischenstellung zwischen dem planenden und dem besorgten Umgang mit der Wirklichkeit nimmt die Vorsorge ein. Wir wollen dafür sorgen, dass wir auch in der Zukunft über genügend Ressourcen verfügen, um mit den Herausforderungen zurechtzukommen, die sich später einmal stellen können oder könnten. Die Bauern in vorindustrieller Zeit mussten durch die Lagerung der Ernte im Sommer dafür vorsorgen, dass auch im Winter noch Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Wir sorgen z.B. für unser Alter vor, wenn wir weniger leistungsfähig sein werden, indem wir eine Pension ansparen. Wer ein Elektroauto betreibt, sorgt vor, indem er eine Reise so plant, dass die nächste Aufladestation erreicht wird, bevor der Akku leer ist.

Die Vorsorge benötigt also Planung, und sie greift auf Erfahrungen zurück, die sich auf verlässliche Aspekte der Wirklichkeit stützen. Aus Erfahrung wissen wir, dass auf den Sommer der Winter folgt, in dem die Nahrungsmittel knapp werden, und aus den Erfahrungen anderer wissen wir, dass wir im Alter mehr Erholung und Regeneration brauchen und daher weniger leicht Geld verdienen können.

Die Vorsorge stützt sich also auf hochwahrscheinliche Verläufe in der Zukunft. Wir wissen zwar nicht genau, wie sich unser Alterungsprozess auswirken wird, wir wissen aber mit hoher Sicherheit, dass wir altern werden. Die Vorsorge weiß also um die Endlichkeit und Beschränktheit unserer Möglichkeiten, unserer Ressourcen und Fähigkeiten. Während wir in der kreativen Zukunftsplanung neue Räume öffnen wollen, ohne uns von bestehenden Grenzen aufhalten zu lassen, geht es uns beim Vorsorgen darum, die bestehenden Räume in ihrer Begrenztheit zu sichern. Wir wollen die Basis erhalten, auf deren Grundlage die kreative Lebensgestaltung möglich ist, wie z.B. in der Gesundheitsvorsorge. Wir sorgen dafür, dass unser Körper und unser Geist gesund bleiben, damit wir weiterhin unsere Ideen in die Wirklichkeit bringen können.

Doch auch im Vorsorgen kann uns bewusst sein, dass unsere Kontrolle über die Zukunft begrenzt ist und dass wir letztlich nichts in der Hand haben, dass wir, wenn es darauf ankommt, ausgeliefert und unterworfen sind. Denn es gibt einen größeren Zusammenhang, der uns in der Hand hat, indem das vielfältig verschlungene Netz der Zusammenhänge unser Schicksal bestimmt. Gegen die Macht und Wucht dieser übergeordneten Strukturen nimmt sich unser Sorgen, Planen und Vorsorgen nur als ganz bescheidener Versuch der Einflussnahme zum Zweck der Absicherung unseres Überlebens aus. Dennoch gibt es auch letztlich niemanden, der uns diese Aufgaben abnimmt, und wir können dabei mit Klugheit und Weitsicht vorgehen und darauf achten, dass wir uns frei von irrealen Ängsten und damit von unnötigen Sorgen halten.

Zum Weiterlesen:

Die Sorgen von übermorgen

Samstag, 13. Mai 2017

Die Sorgen von übermorgen

Sorgen binden uns an eine unsichere Zukunft. In der Fantasie malen wir uns aus, was alles passieren könnte, mit dem wir nicht zurechtkommen. Wir denken dabei, dass wir uns mit dem Sorgen-Machen auf Situationen vorbereiten können: Wenn wir wissen, was auf uns zukommt, werden wir nicht am falschen Fuß erwischt. Wir können uns jetzt schon ausdenken, wie wir reagieren werden, falls der Fall X eintritt.

Allerdings: Wir wissen nie sicher, wie und was geschehen wird. Die Zukunft unterliegt nicht unserer Kontrolle und hält sich nicht an das, was wir von ihr wünschen, befürchten oder erwarten. Aber wir probieren es immer wieder mit dem Probehandeln, zu dem uns die Sorgen verleiten, nach dem Motto:  Mal angenommen, morgen Nachmittag geht die Welt unter, was sollte ich da am Vormittag noch unbedingt erledigen – die Wäsche aus der Waschmaschine nehmen und das Paket bei der Post abholen? Vielleicht weniger dramatisch: So viele Termine morgen, wenn da einer länger dauert als geplant, kommt alles durcheinander und ich schaffe das nicht, da muss ich bei jedem Termin genau auf die Uhr schauen, was aber, wenn der Verkehr dazwischen staut, d.h. ich muss ein paar Minuten mehr einrechnen, also muss ich mich ganz knapp fassen und darauf schauen, dass auch die anderen möglichst wenig reden, usw. usw.


Wir wollen alle Eventualitäten einplanen, verlieren uns aber bald in der Unendlichkeit der Möglichkeiten. Die Konsequenz ist dann, dass wir den nächsten Tag gleich voller Stress beginnen, mit all den Ungewissheiten und deren möglicher Auswirkungen im Hinterkopf.

Besonders kompliziert wird die Situation, wenn wir uns Sorgen über Übermorgen machen: Was passiert, wenn A passiert, und danach kommt die Frage, was nach A geschehen wird, wie wir mit B umgehen sollten, das ja nach A auftauchen könnte, obwohl wir noch gar nicht wissen, ob A überhaupt passieren wird. Aus einer Unbekannten soll eine weitere gefolgert werden. Ich habe eine Flugreise gebucht und höre, dass die Fluglinie in wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist. Ich mache mir Sorgen, ob es die Fluglinie noch geben wird, ob ich in diesem Fall einen Ersatzflug bekomme, ob dieser rechtzeitig eintreffen würde, ob ich das Meeting noch erreichen würde, was passieren würde, wenn es nicht mehr klappt, ob das Meeting gleich verschoben werden sollte, aber ob dann alle Beteiligten Zeit hätten, und ob bei einer Verschiebung ein anderes Verkehrsproblem dazwischen kommen könnte usw.


Chaos bewirkt Stabilität


Hier stoßen wir auf chaotische Prozesse. Zunächst gibt es eine bestimmte Wahrscheinlichkeit, dass A passiert und eine möglicherweise geringere, dass es nicht zu A kommt. B ist davon abhängig, dass A passiert. D.h. die Wahrscheinlichkeit für B ist ungleich geringer als die von A, usw. Je mehr wir in die Zukunft gehen, desto komplexer wird das Bild.

Davon können die Meteorologen ein Lied singen: Drei bis vier Tage in die Zukunft, und die Prognose wird immer unsicherer, weil so viele Faktoren mitspielen und kleine Veränderungen eines Faktors viele andere Faktoren verändern können, bis die ganze Wetterprognose kippt. Auch mit den aufwändigsten Computerprogrammen lässt sich bis heute keine brauchbare Wettervorhersage über ein paar Tage hinaus erstellen. Und wir, mit unseren internen Denkprogrammen meinen, dass wir die möglicherweise auftauchenden Eventualitäten Jahre voraus bedenken sollten, um sorgenfrei leben zu können. Doch brauchen wir nur zurückdenken, um zu erkennen, wie aussichtslos unsere prognostischen Versuche sind: Was wussten wir vor zehn Jahren über das Heute?

Wir wünschen uns, dass unser Leben auf linearen Prozesse mit klarer Kausalität aufgebaut wäre. Wenn ich den Schalter drücke, soll das Licht angehen. Wenn ich im Geschäft anrufe, soll jemand abheben und freundlich antworten. In diesem Rahmen  fühlen wir uns sicher, und die Zukunft ist überschaubar und planbar.

Was uns an der Technik so gefällt, ist ihr Bestreben, lineare Prozesse zu erschaffen, die unsere Welt überschaubar und frei von Zufällen machen. Die prinzipielle Unkontrollierbarkeit der Zukunft wird zurückgedrängt. Wir gewöhnen uns an hohe Zuverlässigkeiten: dass Züge zur vorgesehenen Zeit fahren, die Müllabfuhr an den angekündigten Tagen kommt, Wasser aus dem Hahn und Strom aus der Steckdose fließt, dass das Auto anspringt und das Handy Anrufe entgegennimmt. In der Lebenswelt einer westlichen modernen Gesellschaft ist das Chaos zu einem hohen Grad eliminiert. Gerade das macht uns so intolerant und indigniert, sobald die hochgeschraubten Erwartungen enttäuscht werden: der Flug verschiebt sich „auf unbestimmte Zeit“, der Computer stürzt aus unerfindlichen Gründen ab, und Whatsapp ist für Stunden nicht zugänglich. Irgendwo in den Weiten der technologischen Netzwerke haben sich Prozesse gegenseitig überfordert und schließlich ausgeschaltet, aus linearen Prozessen sind plötzlich chaotische Strukturen entstanden. Chaos führt zu Ängsten, was im Übrigen auch damit zusammenhängt, dass wir uns noch zu wenig mit der Chaostheorie auseinandergesetzt haben.  Denn diese beruht auf der Einsicht, dass viele Bereiche der Natur und noch mehr der Kultur durch chaotische, also nicht vorhersagbare Verläufe gekennzeichnet sind. Es gibt Systeme, die umso stabiler sind, je chaotischer ihr Verhalten ist. Ein Beispiel ist die Variabilität des Herzschlages als Hinweis auf dessen Gesundheit.



Der vermeintliche Gewinn beim Sorgenmachen


Im Körper bedeutet Chaos einen Extremzustand auf einem Kontinuum, dessen anderes Ende die Erstarrung und Immobilisierung darstellt und in dessen Mitte die Kohärenz, also die Übereinstimmung der Körperschwingungen beheimatet ist.

Die Sorge ist eine treibende Kraft, die uns aus der Mitte des Kontinuums herausholt. Aus Angst, in ein Chaos zu stürzen, flüchten wir in die Gegenrichtung in einen Zustand von Immobilität und reduzieren damit unsere Möglichkeiten, der Wirklichkeit flexibel und kreativ zu begegnen.

Die Sorge hilft uns nur scheinbar beim Fokussieren: Wir konzentrieren uns auf ein Thema, das uns Angst macht und suchen nach Wegen, die die Bedrohung reduzieren könnten, damit wir mehr sichere Aussichten auf die Zukunft haben. Das soll uns in der Gegenwart beruhigen. Wir sind nicht mehr schutzlos dem ausgeliefert, was uns die Zukunft bringen könnte, sondern basteln uns Strategien, die uns helfen sollen, besser damit umgehen zu können.

Allerdings ist es der Anteil an Angst, der in jeder Sorge steckt, der uns an einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Thema hindert. Ängste blockieren unsere kognitiven Funktionen, die wir bei der Problembewältigung brauchen, sodass uns unter diesen Umständen die bestmöglichen Lösungen gar nicht einfallen. Erst wenn wir über die Beruhigung der Sorge wieder zu mehr Entspannung finden, kann die optimale Lösung auftauchen.

Mit solchen Erfahrungszyklen bestätigen wir uns freilich die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Sorge: Ohne sie wären wir ja nicht auf die Problemlösung gestoßen. Folglich nehmen wir an, dass wir Sorgen brauchen, um im Leben weiterzukommen, und je mehr davon, desto besser, je weiter hergeholt, desto intelligenter, je ferner in die Zukunft projiziert, desto weitblickender.

Und schon haben wir dabei den Umweg übersehen, den wir genommen haben: Zunächst erlauben wir das lähmende und begrenzende Überhandnehmen der Sorge, um sie dann mit mangelhaften Denkfähigkeiten einigermaßen zu beruhigen, bis wir schließlich dorthin kommen, von wo uns die Sorge entführt hat: In einen vertrauensvollen und entspannten Zustand, der die besten Voraussetzungen für jede Problemlösung darstellt. Ohne Sorge hätten wir uns in Ruhe mit der Situation und ihrer Problematik auseinandersetzen können und hätten vielleicht mehr als nur eine beste Lösung gefunden.

Mittels Sorgen wollen wir die Zukunft kontrollieren, die sich freilich nicht kontrollieren lässt. Statt dessen kontrollieren wir uns selber und unsere Fantasie und Kreativität. Je weiter wir die Sorge in die Zukunft verschieben, desto mächtiger und unerbittlicher wird der Griff, den sie auf uns ausübt.

Machen wir uns bewusst, dass Sorgen nichts als Denkkonstrukte sind, mit einem recht vagen Bezug zur Wirklichkeit, und dass sie emotional mit Feigheit und Kontrollsucht verbunden sind. Sie rauben uns Kraft und Klarheit.

Haben wir also den Mut, uns der Gegenwart und ihren Erfordernissen zu stellen und zu vertrauen, dass wir es immer wieder in die Zukunft hinein schaffen werden, ohne dass wir im Kopf alles Mögliche vorwegnehmen müssen, was vielleicht oder vielleicht auch nicht, vielleicht so oder vielleicht doch anders stattfinden könnte.


Zum Weiterlesen:
Die zuträgliche Leichtigkeit und die Schwere

Sorgen und Planen 
Sorgen entsorgen

Donnerstag, 11. Mai 2017

Achtsamkeit und Lebensqualität

Die Schulung der Achtsamkeit besteht vor allem darin, den Augenblick in seinem Sosein anzunehmen, ohne Zutat oder Abstrich. Wenn das gelingt, wird deutlich, dass jeder Moment eine Fülle enthält, in der Weite dessen, was erfahrbar ist, und in der Tiefe dessen, was darin an Bedeutung enthalten ist. 

So wird jeder Moment zu einer überwältigenden Erfahrung, und wir brauchen nur in Wertschätzung und Dankbarkeit einen inneren Schritt zurück tun, um die Fülle und Tiefe voll würdigen zu können. Sie ist uns geschenkt. Unsere einzige Leistung besteht darin, uns für diese Erfahrungsform zu öffnen und unsere Bereitschaft anzubieten, sie als Ganze anzunehmen.

Hier zwei Beispiele. Wir sind in der Menge anderer Menschen unterwegs, viele Menschen sind um uns herum. Wir können uns bedrängt, eingeengt, behindert oder sogar bedroht fühlen. Oder wir öffnen uns, und dann erschließt sich die Fülle und die Tiefe, die jeder Mensch ist, genau in dem, wie er oder sie ist – jedes Menschenwesen ein Wunder.

Wir trinken eine Tasse Tee und freuen uns kurz, weil sie unseren Durst löscht, worauf wir unsere Aufmerksamkeit gleich wieder anderswohin wandern lassen.  Oder wir nehmen wahr, welches Geschenk wir mit dieser einfachen Tasse Tee bekommen, und erahnen plötzlich, wie viele Menschen daran mitgewirkt haben, dass wir jetzt in diesen Genuss kommen: Menschen, die die Pflanzen gepflanzt und geerntet haben, sie verpackt und für den Transport hergerichtet haben, bis zu den Personen, die das fertige Produkt ins Regal gestellt haben, damit wir nur danach zu greifen brauchen; dazu kommen noch alle Menschen, die dazu beigetragen haben, dass wir über das Geld verfügen, diesen Tee zu kaufen, die dafür sorgen, dass das Wasser und der Strom bereit gestellt ist usw. Eine unübersehbare Anzahl von Menschen hat dazu das Ihre beigesteuert, dass wir in diesem Moment diese spezielle Qualität im Leben genießen dürfen.

Welche unglaublichen Netzwerke haben wir Menschen erschaffen, damit wir uns gegenseitig beschenken können? Auch wenn vieles an diesen Austauschprozessen im Sinn der ökonomischen Gleichheit  und sozialen Gerechtigkeit zu verbessern ist – wieviel gibt es da, das gut ist und Gutes bewirkt, und wie wenig machen wir uns davon bewusst! Wenn wir uns auf diese Zusammenhänge einlassen, erkennen wir mehr von unseren Möglichkeiten, an der Vermenschlichung der Welt mit achtsamem Handeln mitzuwirken.

Achtsamkeit und Unterhaltung


Die Lebensqualität in ihrer Fülle und Tiefe verändert unser Verhältnis zur Unterhaltung. Wir verwenden die Unterhaltung als Gegenmittel zur Langeweile, die wir als unangenehm erleben, und dafür dienen die Produkte der Unterhaltungsindustrie als gekonnte gemachte Ablenkungen. Wenn wir mit der Haltung der Achtsamkeit an die Langeweile herantreten, beginnen wir sie als inneres Phänomen zu erforschen statt dass wir uns von ihr ablenken. Wir suchen nichts Interessantes im Außen, das die innere Ödigkeit vertreiben soll, sondern wenden unser Interesse dem zu, was wir gerade spüren, auch wenn es ein scheinbarer Mangel am Spüren ist. Wie fühlt sich innere Leere, Schalheit, Öde an? Wie fühlen sich die Impulse an, den Fernseher einzuschalten, trotz des Wissens, dass das angebotene Programm unbefriedigend ist? Was geschieht, wenn ich mich in diese Gefühle und Impulse hinein entspanne? Es kann sein, dass sich die Langeweile in ein interessantes Selbsterforschungsprojekt umgewandelt hat.

Natürlich können wir ebenso achtsam genießen, was uns die Unterhaltungsindustrie anbietet, solange und soweit es uns gefällt. Aber wir brauchen diese Produkte nicht mehr in dem Sinn, dass sie einen Reizmangel in uns füllen sollten. Denn mit dem Fokus auf Achtsamkeit gibt es keinen Reizmangel mehr. Vielmehr nehme wir den Konsum von Unterhaltung einfach als eine andere Variante der Qualität des Lebens, die wir uns gönnen. Gleich was wir tun, mit Hilfe der Achtsamkeit ist uns in jedem Moment die höchste Qualität des Lebens zugänglich, wir brauchen nur diesen Zugang zu öffnen und in die Fülle und Tiefe eintreten.


Zum Weiterlesen:
Ist Achtsamkeit ein Tranquilizer?
Langeweile, eine Form der Selbsttäuschung
Der Achtsamkeitsboom und seine Grenzen

Dienstag, 9. Mai 2017

Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?

Steuern wir auf eine gespaltene Gesellschaft zu: Der eine Teil glaubt an „alternative  Fakten“, also an alles, was konservative, nationalistische, populistische Medien einschließlich der entsprechenden Verschwörungstheorien verbreiten, während der andere Teil an die Aufklärung glaubt, an die Relativität von Wissen und die Kontextabhängigkeit von Information? Wird die Demokratie dafür benutzt, dass einige superreiche und skrupellose Magnaten massive Kampagnen an ausgefeilter psychologischer Manipulation auf die Wähler loslassen, sodass diese glauben, bei der Wahl für ihre eigenen Interessen einzutreten und stattdessen als Stimmvieh für die Interessen einer dünnen Schicht von Milliardären dienen? Könnte es sein, dass die pöbelnden und hasserfüllten populistischen Politiker mit ihren routinierten Lügenmanövern nur Handlanger und Mitnascher sind, im Dienst einer Finanzelite, der es nur darum geht, ihre Privilegien und ihre grenzlegale Reichtumsvermehrung abzusichern? Und dass zusätzlich dazu die globalen Machtinteressen des russischen Präsidenten, der selber mit einem geschätzten Vermögen, das dreimal so hoch ist wie das von Bill Gates, ein Mitglied im Club der Multimilliardäre ist, mitbedient werden?

Bevor der Eindruck entsteht, dass hier ein Märchen erzählt wird, dass hier eine Verschwörungstheorie nach bekanntem Muster („geheime Eliten reißen die Weltherrschaft an sich“) ausgebreitet wird, sei auf einen Artikel (aus einer Artikelserie) hingewiesen, die in der angesehenen englischen Zeitung The Guardian erschienen ist. In ihm geht die renommierte Journalistin Carole Cadwalladr der Frage nach, ob es bei der Brexit-Abstimmung zu massiven Wählermanipulationen gekommen sein kann, und sie stößt im Zug ihrer Recherchen auf erstaunliche Zusammenhänge, die nicht so einfach von der Hand zu weisen sind.

Unter dem Titel: The great British Brexit robbery: How our democracy was hijacked (Der riesige britische Brexit-Raub: Wie unsere Demokratie gekidnappt wurde) schildert sie die folgenden Erkenntnisse.  Wenn wir an den militärisch-industriellen Komplex denken, fallen uns die Rüstungsausgaben für unterschiedliche Waffensysteme ein. Waffen werden beständig weiterentwickelt, um noch mehr Zerstörung anrichten zu können. Wir übersehen dabei, dass es parallel zur plumpen Seite der militärischen Gewalt den Bereich der psychologischen Kriegsführung gibt, der sich ebenso rasant weiterentwickelt hat wie der Bereich der Waffentechnologie. Die Explosion der Informationsgesellschaft bietet hier ungeahnte Möglichkeiten, und diese wurden offenbar in den letzten Jahren zunehmend genutzt für gezielte Demokratiebeeinflussung. Es sind private Firmen entstanden, finanziert von Großkapitalisten, die mit Hilfe hochentwickelter Analysetools emotionale Profile von Wählern und Wählergruppen erstellen und diese dann mit maßgeschneiderten emotionalisierten Pseudoinformationen überschwemmen, bis deren innere Meinung geformt soweit ist, dass die Wahlentscheidung im gewünschten Sinn erfolgt.

Cadwalladr hat herausgefunden, dass die Parteien und Gruppierungen, die für den Brexit geworben haben, die Dienste von solchen Firmen in Anspruch genommen und bezahlt haben, natürlich mit Steuergeld. Es gibt sogar persönliche Freundschaften zwischen den führenden Köpfen der Anti-EU-Bewegung und den Exponenten dieser Firmen, von denen der prominenteste Steve Bannon ist, inzwischen Hauptberater von Donald Trump.

In diesem Szenario spielt Facebook eine wesentliche Rolle als Datenlieferant. Es ist diesen Elektronik-Labors offenbar gelungen, mit Hilfe von Tricks Unmengen von persönlichen Daten von Facebook zu ernten. Zugleich liefert diese Plattform die Anregung zur personalisierten Manipulation, die ja dort tagtäglich als personalisierte Werbung stattfindet. Es brauchen nur die Inhalte ausgetauscht werden: Statt der Werbung für Wickeltische oder Sonnenbrillen wird für Meinungen und Einstellungen geworben.

Das populistische Rhetorik- und Manipulationsmodell


Und dazu wird ein einfaches, aber psychologisch enorm wirksames Modell eingesetzt, das das Muster der populistischen Rhetorik darstellt: Ein gesellschaftliches Problem (z.B. die Zuwanderung) wird durch erfundene oder übertrieben dargestellte Beispiele (z.B. Zuwanderer können ungestraft Diebstähle begehen) als massive Gefahr angeprangert (z.B. Sozialleistungen und Pensionen können nicht mehr bezahlt werden, weil die Asylwerber so viel Geld kriegen). Als nächstes wird die Katastrophe und der Zusammenbruch prophezeit (z.B. alle Kirchen werden durch Moscheen ersetzt, alle Männer müssen Bärte tragen und alle Frauen Schleier). Schließlich tritt der Warner als Retter auf: Folgt mir nach, wählt meine Partei, dann wird es nicht dazu kommen, denn ich werde mit all meiner Kraft dagegen kämpfen.

Das Modell macht also aus realen Problemen fantasierte Gefahren, die in Katastrophen enden müssen, für die es nur einen Ausweg und eine Rettung gibt, nämlich die Person des Populisten, der, weil er all das erkennt, was das Volk bedroht, der einzige ist, der im Namen des Volkes sprechen darf.


Mit Hilfe dieses Modells kann das Unterbewusste der Menschen systematisch beeinflusst werden, bis Realität und Fiktion nicht mehr unterschieden werden können. Die Wahrheitssuche richtet sich nicht auf die Realität (die ist ja so komplex), sondern auf die Person des Unheilspropheten und Retters: Was er sagt, muss stimmen, und danach muss man sich richten, sonst droht der Untergang.

Die Aussichten?


Am Schluss des Artikels schreibt Cadwalladr: "Das ist Britannien 2017. Ein Britannien, das zunehmend wie eine „verwaltete“ Demokratie ausschaut. Bezahlt von einem US-Milliardär. Unter Verwendung von militärartiger Technologie. Geliefert von Facebook. Und ermöglicht von uns. Wenn wir dieses Ergebnis des Referendums stehenlassen, geben wir dem unsere implizite Zustimmung. Es geht nicht um Verbleiben oder Verlassen. Es geht weit hinaus über Parteipolitik. Es geht um den ersten Schritt zu einer schönen, neuen, zunehmend undemokratischen Welt."

Die bestehenden Netzwerke, in die sich die Menschen einloggen, weil sie sich davon viele persönliche Vorteile erwarten (also völlig freiwillig mitmachen), bilden das Medium, in das die militärisch geschulte und technologisch hochgerüstete Manipulationsmaschinerie eingeschleust werden kann. Die Facebook-Algorithmen sind so gestaltet, dass meinungskonforme Informationen bevorzugt und nonkonforme Informationen ausgefiltert werden. Auf dieser Grundlage können Kaufentscheidungen ebenso wie Wahlentscheidungen beeinflusst werden.

Wir können solche Eingriffe in unser Seelenleben nicht verhindern, außer wir klinken uns völlig aus der sozialen Welt aus und ziehen uns in eine Almhütte mit Handyloch zurück. Wir haben aber die Kraft unserer Reflexion und Bewusstheit. Wir können Informationen überprüfen und unser eigenes Denken, unsere Urteilskraft weiterentwickeln. Wir brauchen das beständige Wechselspiel von Skepsis und Realitätsprüfung, wir brauchen den kritischen Blick auf alle Formen der Fehlinformation und Ideologisierung. Und wir sollten niemals auf die Losungen der Aufklärung vergessen: Dass es um Freiheit, Gleichheit und Solidarität geht, wenn wir eine menschlichere Welt erwirken wollen.

Andere mögen über Massen an Geld und skrupellose Egoismen verfügen. Wir müssen da nicht mitspielen. Im „Informationskrieg“ können wir selber dafür Sorge tragen, nicht an die Front zu kommen, um uns für die Interessen anderer Machtbesessener zu verbluten. Wir können autonom unsere eigene Meinung und unsere Werte vertreten und uns dafür mit unseren Mitteln einsetzen: mit gleich- und ähnlichgesinnten Menschen am Markt der Meinungen und Einstellungen unermüdlich für die Fakten gegen die Fiktionen einzustehen und zu kämpfen. Denn die Orientierung auf die Befreiung und Gleichstellung liefert stärkere Motive als die auf den Macht- und Vermögenserhalt von einigen wenigen.

Hier zum Guardian-Artikel.


Zum Weiterlesen:
Faktizität und Bullshit

Wenn Fiktion zum Faktum wird
Torheit ist nicht zu loben
Das Ego in der Mediendemokratie

Montag, 1. Mai 2017

Ist Achtsamkeit ein Tranquilizer?

In einem Interview in der Wiener Zeitung geht der britische Historiker Theodore Zeldin auf die Themen „Achtsamkeit und Meditation“ ein. Wer meint, dass ein Historiker nicht unbedingt ein Experte für Achtsamkeit sein muss, wird in diesem Artikel eines Besseren nicht belehrt. Denn Zeldin greift im Wesentlichen nur das uralte Nabelschau-Vorurteil gegen Meditierer auf: Wer sich hinsetzt und die Augen schließt, vergisst die Welt, kümmert sich nicht mehr um sie und wird zum selbstsüchtigen Solipsisten.

In den Worten von Zeldin: „Man hat die Alternative: Man kann hinausgehen, um die Welt zu verbessern. Oder man kann meditieren und sich vor der Welt und ihren unerwünschten Effekten verstecken.“ Dieses Zitat lässt sich auch umdrehen: Man kann versuchen, die Welt zu verbessern, um sich vor sich selbst und den unerwünschten Themen in sich zu verstecken. Oder aber man kann meditieren, um Klarheit und Kraft für die Verbesserung der Welt zu gewinnen. Wir können auch fragen: Wie soll jemand, der nicht meditiert, überhaupt sinnvoll die Welt verändern können und sich sicher sein, Weltverbesserung nicht mit dem Ausagieren des eigenen Unbewussten zu verwechseln? Hitler und Stalin wollten auch die Welt verbessern, Erdogan und Trump haben dasselbe im Sinn, und jedem, der sich heutzutage politisch engagiert, geht es genau um das. Die Unterschiede liegen allerdings darin, welche Züge die verbesserte Welt aufweisen soll: rechts- oder linksextreme, liberale, konservative usw. Wo, wenn nicht in uns selber, liegt der Schlüssel dafür, zu erkennen, was für uns eine wirkliche Verbesserung der Welt ausmacht und was bloß in versteckter Form der Sicherung von Eigeninteressen dient? Solange die selbsternannten Weltverbesserer von unbewussten Ängsten und egomanischen Impulsen angetrieben sind, kann die Welt nur schlechter werden.

Wir haben nicht die Alternative, die Welt zu verbessern oder zu meditieren. Beides lässt sich verbinden, und beides sollte verbunden werden, zum Nutzen beider und zum Wohl des Ganzen. Die Meditation kann enorm dabei helfen, nicht nur die Motivation zum Weltverbessern in sich zu klären, sondern auch die eigene Kompetenz darin. Gelassene Menschen können mehr zum Weltfrieden beitragen als gestresste.

Ich gebe Zeldin darin recht, dass Bildung einen wichtigen Beitrag für den gesellschaftlichen Fortschritt leistet. Doch warum sollten meditierende Menschen kein Interesse an Bildung haben? Meditation fördert die Konzentration, wie viele Studien belegen, fördert also auch den Erwerb von Wissen und Kompetenzen. Wenn wir entspannt sind, können wir besser Neues aufnehmen und lernen.

Wir werden auch kreativer durch das Meditieren. Zeldin meint zwar, dass die Meditation nichts zur Kreativität beiträgt: „Die Idee, dass Menschen in einem Sessel sitzen und kreativ werden können, ist falsch. Menschen werden schöpferisch durch Interaktionen mit anderen Menschen, wenn sie sich Wissen außerhalb ihres Bereiches aneignen.“ Er hat natürlich darin recht, dass die Meditation keinen unmittelbaren kreativen Output hat und keinen dialogischen Austausch enthält. Wir sitzen, um uns innerlich zu entspannen und den Moment in seiner Ganzheit wahrzunehmen. Doch wissen wir aus vielen Beispielen, beginnend mit Archimedes, und aus vielen Ergebnissen der Kreativitätsforschung, dass die besten kreativen Ideen in Phasen der Entspannung auftauchen. Außerdem tun wir uns leichter, kreative Ideen zu verwirklichen, wenn wir an sie mit der Haltung der Gelassenheit statt der Überlastetheit und Gehetztheit herangehen. Und wir sind offener und kompetenter im Austausch mit anderen Menschen, wenn wir aus der Meditation kommen.

Zeldin behauptet, dass die Beschäftigung mit Achtsamkeit narzisstisch sei. Als Begründung für diesen pathologisierenden Verdacht gibt er an: „Das Ziel von Achtsamkeit ist es, mehr über sich selbst zu erfahren, und nicht über andere.“ Es mag schon stimmen, dass wir in der Achtsamkeitsmeditation mehr über uns selbst erfahren wollen, aber das hat nichts mit Narzissmus zu tun. Vielmehr heißt achtsames Nach-Innen-Schauen, im Inneren alles anzunehmen, was da ist, und in seinem Kommen und Gehen wahrzunehmen, Angenehmes und Unangenehmes gleichermaßen akzeptierend. Körperempfindungen und Gefühle haben dabei den Vorrang vor Gedanken. Der Begriff des Narzissmus macht in diesem Zusammenhang keinen Sinn, weil sich dieses Muster nicht im Erfahren des Moments auf der Empfindungs- und Gefühlsebene zeigt, sondern in Größenfantasien und Selbstidealisierungen, Tendenzen, gegen welche die Achtsamkeitsmeditation ein effektives Gegenmittel darstellt. Die Achtsamkeitsmeditation schwächt also tendenziell narzisstische Charakterzüge. Sie bringt den Praktizierenden dazu, sich auf einer tieferen Ebene selbst anzunehmen, mit den eigenen Stärken und Schwächen, und fördert damit ein realistisches Selbstbild, an dem es gerade einem Narzissten mangelt.

Die Praxis der Achtsamkeit kann sich nicht auf Meditation beschränken. Viele Achtsamkeitslehrer schließen in die Achtsamkeitsübungen Themen wie „Achtsame Kommunikation“ oder „Achtsamer Umgang mit Ressourcen“ ein. Deshalb ist Achtsamkeit kein Gegensatz zum Interesse an anderen Menschen, im Gegenteil, Menschen mit Training in Achtsamkeit sollten bessere Kommunikatoren sein, weil sie gelernt haben, gut zuzuhören und die eigenen Worte sorgsam zu wählen. Außerdem lernen sie, wie sie sich in jeder Situation besser entspannen können, und sie sind deshalb insgesamt angenehmere Mitmenschen, da sie nicht so leicht aus der Fassung geraten.

Wie schaut es mit dem Glück aus? Finden wir es nur in der Innenschau oder gerade dort nicht? Zeldin meint dazu: „Wenn man sich nur um sich selbst kümmert, ist man ein Dummkopf. Wenn man sein eigenes Glück sucht und die Welt dabei vergisst, läuft etwas falsch.“ Die Crux dieser Aussage liegt im „nur“, und nur in dieser Ausschließlichkeit hat der Historiker wohl recht. Die Frage ist freilich, ob damit eine relevante Aussage gelungen ist: Gibt es überhaupt außer ein paar „Dummköpfen“ oder Spinnern Menschen, die sich nur um sich selber kümmern? Sicherlich gibt es Egoisten und Isolationisten, die kaum Kontakte zu anderen haben. Aber ich möchte in Zweifel ziehen, dass sich diese Menschengruppe mit derjenigen der Meditierer in nennenswerter Weise überschneidet. Wenn jemand, der den Kontakt zu anderen Menschen scheut oder aus anderen Gründen nur für sich selber lebt, auch dazu noch meditiert, dann dürfte es sich um eine Ausnahmeerscheinung handeln; jedenfalls bleibt Zeldin in dem Interview jeden Beleg für seine These schuldig.

In den ehrwürdigen Traditionen der Meditation z.B. in asiatischen Klöstern ebenso wie in westlichen Klöstern galt es als Teil der spirituellen Praxis, für andere Menschen zu sorgen, sei es durch Heilkunst oder Seelsorge. Der bekannte vietnamesische Achtsamkeitslehrer Thich Nhat Han verbindet in vielen seiner Bücher und in seiner Lehre die Achtsamkeit mit gesellschaftlichem Engagement.

Eine solipsistische Meditationspraxis ohne sozialen Bezug ist auch deshalb schwer vorstellbar, als Meditation immer in einem sozialen Kontext gelehrt und gelernt wird. Allein die Tatsache, dass meditierende Menschen meistens die Augen schließen, bedeutet nicht, dass sie sich damit aus dem zwischenmenschlichen Bereich ausklinken, es kann vielmehr auch sein, dass sie in der Meditation ihre Mitmenschen liebevoll bedenken, wie es bei manchen Methoden der Meditation nur darum geht, wie z.B. bei der tibetanischen Tonglen-Meditation, bei der das Leid anderer Menschen eingeatmet und Liebe für diese Menschen ausgeatmet wird.

Der Gegensatz von Meditation und sozialer Einbindung kann ein individuelles Problem sein, besteht aber nicht im Grundsätzlichen noch in der gängigen Praxis. Insofern scheint es, als hätte der Oxford-Professor ein Scheinthema konstruiert und eine Kritik formuliert, die ihren Gegenstand in der Wirklichkeit kolossal verfehlt.