Dienstag, 30. April 2019

Über die Willkür im Umgang mit dem Absoluten

Die absolute Wahrheit überlebt die Übersetzung in die relative Sprache nicht. Und dennoch braucht sie immer wieder diese Übersetzung. Denn sonst bleibt sie privat und im Inneren der erlebenden Person verschlossen. Damit möglichst viel vom authentischen Gehalt der Wahrheit erhalten bleibt, ohne missverständlich zu werden, bedarf es der Sorgfalt bei der Übertragung vom Absoluten ins Relative.

Für diesen Zweck steht die spirituelle Vernunft zur Verfügung. Sie ist eine Instanz, die an der Grenze des Absoluten angesiedelt ist und die Vermittlung zur Alltagsrealität der Menschen darstellt. Im Lauf der gesamten Menschheitsgeschichte haben einzelne Personen versucht, tiefe spirituelle Erfahrungen an ihre Mitmenschen weiterzugeben – Schamanen, Propheten, Weisheitslehrer, Mystiker, Religionsgründer. Sie waren mit diesem Dilemma konfrontiert und haben es auf unterschiedliche Weise gelöst. In diesen Lösungsversuchen liegt der Reichtum der spirituellen Vernunft. Sie verhindert, dass sich die allzu menschliche Willkür in die spirituellen Belange einmischt und zu Missverständnissen führt, die dann Ideologisierungen jeder Art Tür und Tor öffnen können. Dafür gibt es auch jede Menge Beispiele aus der Geschichte.

Wir können uns das Wirken der spirituellen Vernunft wie ein Filter verstehen, der möglichst viel vom eigentlichen Gehalt bewahren und Unklarheiten beseitigen möchte. Gefiltert wird immer, wenn von einer Sprache in die andere, und erst recht, wenn von einem Bereich des Geistes in einen anderen übersetzt wird. Es kommt aber darauf an, wieviel an menschlicher Vernunft, Reflexivität und Klarheit in diesen Prozess einfließt.

Hier ein Beispiel: Der Blogger Frank schreibt als Niluxx auf seiner Seite
„Jeder von uns lebt das Leben, was er/sie vorab geplant hat. Als das Höhere Selbst schrieben wir vor langer Zeit unser Script des Lebens. Wir wussten genau, wie sich unser Leben zum kleinsten Detail erschöpfen würde. Wir, in unserer gegenwärtigen Ego-Bedingung, in diesem Körper lebend, sind einfach eine Verlängerung oder Aspekt unseres Höheren Selbsts, das hierhergekommen ist, um es zu erschöpfen. Es existiert ein „göttlicher“ Plan im Hintergrund. Das Höhere Selbst, was nichts anders ist als Sie, schrieb dieses (mentale) Drehbuch, und Sie in Ihrem jetzigen, irdischen Aspekt sind der Schauspieler, um es auszuspielen. Sie erleben es aus erster Hand, wie Ihr Leben durchgeführt wird.
In der linearen Zeit sehen wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als getrennte „Geschäftsbereiche“ der Zeit. Aber in „sphärischer Zeit“ gibt es keine Divisionen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alle existieren im gegenwärtigen Augenblick.
Die Zukunft ist bereits geschehen. Es ist wie ein Film, der bereits hergestellt wurde. Wir haben uns den Film in linearer Zeit, vom Anfang bis zum Ende, anzusehen. Aber das Ende ist bereits gefilmt worden. Also, wir leben unser Leben wie in einem Film, in linearer Zeit, vom Anfang bis zum Ende. Aus dieser Perspektive gibt es keinen freien Willen, trotzdem erscheint es so. Entscheidungen werden im Film wie im Leben getroffen.“

Subjektivität oder absolutes Wissen?


Der Autor bedient sich einer Darstellungsweise voll von absoluten Feststellungen, ohne Ausweis der Berechtigung, z.B.: „Es existiert ein „göttlicher“ Plan im Hintergrund.“ Die Überzeugung, die hier zum Ausdruck kommt, gründet auf nichts als auf der Behauptung selbst: Etwas existiert, weil ich es sage. Es ist nicht einmal unterscheidbar, ob es sich hier um eine subjektiven Gewissheit handelt oder einfach nur um eine willkürliche spontane Aussage, die unsinnig ist. Jedenfalls geht es um eine Einsicht, die keine Wirklichkeit als Erkenntnisgrund ausweisen kann als die eigene Subjektivität. Denn die Existenz des „göttlichen Plans“ entzieht sich der Verifizierung. Sie ist ja nirgends auffindbar, außer als Idee in unserem Kopf, der alles Mögliche und Unmögliche erfinden kann. 

Andere Menschen können sich dieser Einsicht anschließen und sie teilen oder auch nicht, ohne dass ein Grund für das Eine oder das Andere genannt werden kann. Es bleibt also dem persönlichen Geschmack oder der individuellen Denkgewohnheit und ideologischen Vorprägung vorbehalten, dieser Sichtweise etwas abzugewinnen oder sie von sich zu weisen, ohne dass damit ein Fortschritt im Verständnis der geistigen Realität stattfinden würde.


Kontexte und Meta-Kontexte


Darum geht es allerdings dem Autor offenbar: Verbesserungen im Denken zu erzeugen. Der Leser soll die „Welt“ anders wahrnehmen und die Dinge, die er erlebt, anders einordnen. Das ist ein berechtigtes Anliegen: Wir erleben die Wirklichkeit nicht als solche, sondern eingebaut in Kontexte, die die Bedeutung der erlebten Wirklichkeit beinhalten. Und diese Kontexte sind im Grund beliebig und können verändert werden. Der Nachbar runzelt die Stirn, als wir ihm am Morgen begegnen. Wir bilden den Kontext, dass er sauer auf uns ist, weil wir gestern Abend laut waren. Wir fragen ihn, wie es ihm geht, und er sagt, dass er gerade Sorgen wegen der Firma hat. Und schon ändert sich unser Kontext, wir ordnen unsere Wahrnehmung in einen neuen Bedeutungsrahmen ein.

So läuft es in der Welt des Relativen: Vorläufige und veränderbare Annahmen über diese Welt bestimmen unsere Wirklichkeitserfahrung und unser inneres Erleben. Wenn wir bereit sind, unsere Annahmen relativ zu sehen, gewinnen wir an Freiheit. Wir sind nicht mehr sklavisch an die Kontexte gebunden, die unsere Weltsicht prägen, sondern können sie adaptiv und flexibel verändern.

Um solche Kontexte geht es auch in dem Text. Sie sind nur allgemeiner und abstrakter als Kontexte, die wir zu unseren Alltagserfahrungen bilden. Wir verfügen über viele solche Meta-Kontexte, z.B. all unsere Glaubensannahmen – die Unsterblichkeit der Seele, die Existenz Gottes, die Entwicklung der Welt zum Besseren usw. zählen dazu. Der Text handelt von solchen übergreifenden Wirklichkeitsinterpretationen. Er behauptet die Geltung der Vorherbestimmung (für alles, was geschieht, gilt: Es ist schon vorher festgelegt, wie es geschehen wird) sowie die Existenz einer Instanz (das „Höhere Selbst“), welche die Inhalte der Vorherbestimmung, das sogenannte Skript, festgelegt hat. 


Der Prüfstand der spirituellen Rationalität


Schauen wir uns nun an, was passiert, wenn die absolut gesetzte Wahrheit auf den Prüfstand der relativen Rationalität gerät: Sie muss sich in Frage stellen lassen und sich mit Kritik auseinandersetzen. Im Folgenden nutzen wir ein paar der Prüfinstrumente.


Vergleiche

Zunächst wird verglichen: Im Rahmen der Theorien über die Vorherbestimmung gibt es aktive und passive Positionen. Die einen glauben, dass die Bestimmungsmacht bei einer äußeren Instanz, z.B. bei Gott oder bei anderen geistigen Entitäten liegt, während die anderen eine innere Instanz als Urheber der Vorplanung vorschlagen, wie in diesem Fall das „Höhere Selbst“. An diesem Punkt erwartet der Leser eine Erklärung und Erläuterung, weshalb dem höheren Selbst und nicht jemand anderem diese entscheidende Rolle zukommt. Und warum gerade diese Sichtweise eine absolute Geltung beanspruchen kann, sodass konkurrierende Auffassungen notwendigerweise absolut falsch sein müssen. Doch der Text bleibt die Begründung schuldig. 


Widersprüche

Dann werden Widersprüche oder Verkürzungen aufgezeigt: Wenn wir einen Schritt zurück machen, erkennen wir, dass wir uns ohnehin in einem Zirkel befinden, gleich wie die Urheberschaft der Vorherbestimmung benannt wird. Denn die Macht des Urhebers zeigt sich in dem, was geschieht. Ich putze meine Nase. Das, was aktuell geschieht, mein Schnäuzen, ist laut Theorie durch eine Planung meines höheren Selbsts verursacht, das zu irgendeinem früheren Zeitpunkt beschlossen hat, dass ich mir jetzt die Nase putze. Dass das höhere Selbst diese Macht hat, zeigt sich eben an dem, was geschieht, aber auch nur daran. Es hat also das, was aktuell geschieht, genauso die Macht über die vorherbestimmende Instanz, weil sie ihre einzige Bestätigung ist, so wie diese Macht über das jetzige Geschehen ausübt. Das höhere Selbst hat immer Recht, und das Geschehen im Jetzt ebenso.


Praktischer Nutzen

Im nächsten Schritt kommt die Frage nach dem Nutzen: Macht uns die Theorie das Leben leichter? Sie verdoppelt das Erleben, indem jeder Moment zwei Ebenen enthält: Das aktuelle Geschehen und die Vorgeplantheit. 

Allerdings stellt sich dann die Frage, wozu es diese Verdoppelung braucht. Die Antwort lautet, dass ich damit eine Erklärung habe, warum das geschieht, was geschieht: Warum putze ich mir die Nase? Weil es so vorherbestimmt ist. Damit verfüge ich über einen Universalschlüssel, der alles aufschlüsselt, was sich in meinem Leben abspielt. Allerdings ist er nicht sehr kreativ. Er hat nur eine Erklärung, die auf alles angewendet wird. Meistens möchte ich detailliertere und spezifischere Erklärungen: Muss ich die Nase putzen, weil ich eine Verkühlung bekomme? 

Nun, die gibt es ja auch, und die generelle Erklärung macht den kosmologischen Rahmen, in dem sich unser Leben abspielt, im Sinn von absoluten Wahrheiten bewusst. Sie fungiert als Vergewisserung, dass alles, was ist, auch so sein soll, weil es vorab so festgelegt wurde. Das kann mir dann Sicherheit geben, wenn ich an mir und an dem, was ich tue, zweifle oder keinen Sinn darin finde. Sie kann aber auch ins Leere gehen, weil sie die zweifelnde Frage nur nach hinten verschiebt, zu der Instanz hin, die für das, was geschieht, verantwortlich gemacht wird. Insoferne erweist sich dieser Kontext wirkungslos bei Zuständen einer existentiellen Verzweiflung.


Versteckter Nutzen

Was ist der versteckte Nutzen? Da drängt sich sogleich die Psychologie vor, denn mit ihren Augen erkennen wir unschwer, dass ein Wunsch nach einer universalen Elternfigur in der Theorie verborgen ist. Nachdem wir von unseren Eltern immer wieder Kritik und Infragestellung erlebt haben, wäre es schön, wenn es einen Kontext gibt, der allem, was geschieht, was wir tun oder was uns widerfährt, bedingungslos zustimmt. Dazu eignet sich die Prädestinationslehre. Die eigentliche Verantwortung liegt dann nicht mehr bei uns selbst, sondern dort, wo die Entscheidungen für alles Spätere ursprünglich festgelegt wurden. Somit sind wir aus dem Schneider, wenn wir etwas ausgefressen haben, haben allerdings auch keinen Anlass mehr uns zu beschweren, wenn wir schlecht behandelt werden.


Ideologiekritik

Schließlich kommt die Ideologie-Frage. All diese Überlegungen, die sich stellen, sobald eine absolute Aussage ins Reich des Relativen gerät, erspart man sich, indem man die absolute Aussage in sich selbst begründet: Es ist die Wahrheit, weil es die Wahrheit ist. Wer es nicht versteht, ist dazu vorherbestimmt und kann nicht anders. Es macht deshalb gar keinen Sinn, die Theorie näher zu begründen oder zu erklären. Es gibt dann nur die Gläubigen und die Ungläubigen. Die Menschheit wird in zwei Gruppen unterteilt und jeder Diskurs zwischen den beiden Seiten ist fruchtlos (selbst wenn er aufgrund der Vorherbestimmung stattfindet). Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen einem spirituellen Meta-Kontext und einer religiösen Ideologie: Es geht nur um ein Bekenntnis, das ohne Nutzung der diskursiven Vernunft, gewählt oder abgelehnt werden kann, mit blindem Glauben als einzige Voraussetzung.


Vorsicht bei übergeordneten Sinninstanzen


Mit der Vorherbestimmungstheorie stülpen wir dem, was geschieht, einen Kontext über, indem wir einen bestimmender Verursacher dahinter annehmen. Diese verursachende Instanz verkörpert den Kontext, in dem alle Ereignisse in unserem Leben eingeordnet werden. Sie wird zur allbedeutenden Instanz für den Lebenssinn, die über allem thront. 

Aber gerade deshalb sollten wir bei unserer Wahl für solche Meta-Kontexte vorsichtig sein, damit wir nicht eine x-beliebige Idee ungeprüft in einen Universalkontext einschleusen. Wenn wir uns eine Wohnung suchen, nehmen wir nicht blind das erstbeste Angebot, das uns ein Makler aufschwatzen will, sondern prüfen, ob das Objekt solide und gut gebaut ist, ob sein Inneres und seine Umgebung passt und ob der Preis stimmt. Erst nach eingehender Überlegung fällen wir eine Entscheidung. So sollten wir es auch mit den Meta-Kontexten halten.

Denn wenn solche Kontexte für alles gelten, interpretieren sie alles, was in unserem Leben geschieht. Somit hängt unser ganzes In-der-Welt-Sein von der Stimmigkeit, Richtigkeit und Tragfähigkeit der Grundannahmen ab, denn wenn sie falsch wären, erscheint alles im falschen Licht, und unser Leben beruht auf schwankenden Grundlagen und wir orientieren uns nach einem möglicherweise trügerischen Kompass. Also brauchen wir gerade bei Universalkontexten schlüssige und diskursiv haltbare Begründungen. Wir sollten uns nicht damit begnügen, dass uns irgendwer mit der Kraft seiner Überzeugungskraft oder Sprachgewalt vorbetet, was die Wahrheit sei, damit wir sie gefälligst zur Kenntnis nehmen. Wir sollten uns eingehend mit solchen Sinnangeboten auseinandersetzen, unser Inneres auf mehreren Ebenen befragen und unter Einbeziehung unserer kritischen Denk- und Reflexionsfähigkeit unsere eigenen Festlegungen treffen, außer wir wollen irgendjemandem blind hinterhertrotten. 

Dann allerdings verkaufen wir unser eigenes Ingenium an dieses Angebot, viel zu billig. Und diese blindgläubige Haltung hat alle Radikalitäten der Menschheitsgeschichte auf dem Gewissen. Millionen von Menschen wurden das Opfer solcher Verblendungen, während die Täter glaubten, den Willen des Absoluten zu vollstrecken. Davor kann uns die spirituelle Vernunft bewahren.

Zum Weiterlesen:
Die mystische Leere
Gott und das Absolute
Die zwei Wahrheiten
Wahrheit und Illusion
Die Ko-Produktion der Wirklichkeit und das Absolute
Das Absolute im Beschränkten
Spirituelle Wahrheit und Kritik
Spirituelle Kreissätze
Die zwei Wahrheiten: Relatives verkleidet als Absolutes

Samstag, 27. April 2019

Selbsthass: Sich selbst der ärgste Feind zu sein

„Ich bin mir selbst mein ärgster Feind“, diesen Satz hören wir manchmal, und er führt uns auf die Spur des Selbsthasses. Tatsächlich können wir am unbarmherzigsten mit uns selber sein, denn wir können uns nie entkommen. Wenn uns jemand anderer schlecht behandelt, können wir ihm aus dem Weg gehen; wenn wir uns selber feindselig gegenübertreten, gibt es keine Ausweichmöglichkeit, und die Verteidigung gegen die Angriffe ist auch äußerst schwierig. Wir laufen herum wie spätmittelalterliche Selbstgeißler, die sich permanent für ihre Sünden bestrafen und nie überlegen, ob das, was sie da tun, nicht selbst sündhaft sein könnte.

Der Selbsthass ist die stärkste und ärgste Form der Selbstverleugnung und
Selbstabtrennung. Wir machen uns selbst zu unserem eigenen Gegner und Feind. Wir wünschen uns selbst die Auslöschung. Selbsthass äußert sich in quälenden und selbstabwertenden Gedanken und Gefühlen, Schuldkomplexen und Selbstanklagen. Wir sind uns selbst das leidende Opfer auf der einen Seite und der vernichtende Täter auf der anderen.


Selbstkritik am Anderssein


Die amerikanischen Psychologen Robert und Lisa Firestone haben herausgefunden, dass der am weitesten verbreitete selbstkritische Gedanke bei den Testpersonen ist: „Du bist anders als die anderen“, aber in der abwertenden Form: „Du gehörst nicht dazu, du bist schlechter, weniger hübsch oder intelligent“ usw. Natürlich ist jeder anders, aber im Grund gleich wertvoll und gut. Doch der innere Kritiker, die Instanz in uns, die diese Vergleiche vornimmt, gibt ihnen die negative Färbung. Dieser Persönlichkeitsteil agiert als Anti-Selbst, als perfider Coach, der nicht unseren Erfolg und unser Weiterkommen im Leben will, sondern unser Scheitern. Er kann Sätze erfinden wie: „Ich werde es nie schaffen.“ „Das wird nicht gut enden.“ „Ich werde nicht geliebt, die anderen tun nur so, also sollte ich ihnen nicht vertrauen.“ Damit kann der innere Kritiker unser Leben an allen Ecken und Enden sabotierten.

Eine US-Studie mit mehr als 3.000 jugendlichen Mädchen zeigte, dass sieben von zehn glauben, dass sie nicht gut genug sind. Sie haben das Gefühl, dass sie sich in Bezug auf ihr Aussehen, ihre Studienleistung und ihre persönlichen Beziehungen nicht mit anderen messen können. Die gleiche Studie zeigte, dass 75 Prozent der Mädchen mit geringem Selbstwertgefühl „negative Aktivitäten wie ungesunde Essensgewohnheiten, Ritzen, Mobbing, Rauchen oder Trinken ausüben, wenn sie sich schlecht fühlen“. Nach anderen Studien beschränkt sich dieser Mangel an Selbstwert nicht auf die Gruppe von adoleszenten Mädchen, sondern ist weit in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft verbreitet. 

Es ist eben nicht überraschend, dass der Selbsthass leicht in selbstschädigendes Verhalten mündet: beginnend mit Fehlleistungen, Unfällen und Ungeschicklichkeiten über selbstverursachte Misserfolge und Karriereabbrüche bis zu Drogenabhängigkeit, Selbstverletzungen und Selbstmord. Hass will Vernichtung, und vernichtet werden soll alles Selbständige, Individuelle am eigenen Leben. 

Aber auch Störungen und Krankheiten können der Ausdruck einer zerstörerischen Beziehung zu sich selbst sein, am augenfälligsten am Beispiel der Bulimie und der Magersucht. Viele andere Erkrankungen können auch durch die Komponente einer aggressiv abwertenden Selbstbeziehung verursacht oder mitverursacht sein, z.B. Krebs, bei dem sich bestimmte Körperzellen aggressiv auf Kosten der anderen vermehren, oder Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem Entzündungen produziert statt sie zu heilen. Wie auch soll sich ein Körper gesund entwickeln können, wenn derart massive Spannungen und Konflikte zwischen Körper und Geist vorherrschen?

Fast unweigerlich wird auch die Seele in Mitleidenschaft gezogen. Der Selbsthass geht sehr oft mit Depressionen einher, weil die in sich kreisenden selbstabwertenden Gedanken soviel Energie in Anspruch nehmen, dass die eigene Lebendigkeit immer geringer wird und die Quellen und Ressourcen immer unzugänglicher werden. Zudem wird es immer schwieriger, nach außen zu gehen, um selbstwertstärkende Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen, was wieder die Spirale nach unten zieht. Im extremen Fall kann sich die Persönlichkeit multipel in voneinander unabhängige Teile aufspalten.



Die Wurzeln des Selbsthasses


Wer die früheren Beiträge über den Hass gelesen hat, wird nicht verwundert sein, dass auch beim Selbsthass die Ursachen in den frühen Lebensjahren liegen und den Hass und die Ablehnung spiegeln, die von den Bezugspersonen entgegengebracht wurden. Kinder, die hochgesteckten Erwartungen entsprechen sollen und nicht können, die für Ungeschicklichkeiten strenge Kritik bekommen, die laufend auf Fehler hingewiesen werden, ohne dass ihre Leistungen Anerkennung finden, können schwer einen stabilen Selbstwert entwickeln. Die Grundlagen für die Unterbrechung der Selbstbeziehung können noch früher angelegt sein, z.B. wenn ein Kind nicht gewollt war oder einen Abtreibungsversuch überleben musste. Die Ablehnung des eigenen Lebens oder des eigenen Wesens zieht schwere Verletzungen der eigenen Integrität und Würde nach sich, Wunden, aus denen dann der Selbsthass entstehen kann. 

Denn der eigene Wert bemisst sich daran, wieviel Wertschätzung entgegengebracht wurde, vor allem in den frühen Lebensphasen. Besteht ein hoher Mangel, wird auch die Basis für die Selbstachtung sehr schwach und die Wurzel für Selbsthass ist gelegt. Es kann sein, dass das Kind dann besonders bedürftig nach Anerkennung wird, aber sich dadurch noch mehr Ablehnung einhandelt, vor allem in den Kinder- und Jugendlichengruppen, in die es dann kommt. Denn Kinder können oft erbarmungslos auf die Schwächen ihrer Gleichaltrigen reagieren, und dann kommt es schnell zum Mobbing. Wer nicht genügend Selbstbewusstsein aufbringt, wird von der Gruppe an den Rand gespielt. Das kann den Selbsthass noch weiter steigern, weil die Betroffenen die ganze Schuld an der Ausgrenzung auf sich nehmen.


Narzisstische Netze


Was ist der Grund, warum der Selbsthass so viel mit dem Anderssein und Nicht-Dazugehören zu tun hat? All die Abwertungen und Herabsetzungen, die wir im Lauf der Kindheit erleben, all die Bedrohungen, denen wir durch Ablehnung und Nicht-Gewolltsein ausgesetzt sind, haben damit zu tun, dass wir meinen, nicht so sein zu dürfen, wie wir sind. Wir sind in unserem Wesen geschaffen und entwickeln uns auf unsere Weise. Wir haben es aber mit Menschen zu tun, von denen unser Überleben abhängt, die ihre Erwartungen und Projektionen wichtiger nehmen als uns und unser Sein. Wir sollen uns diesen Erwartungen anpassen und schaffen es immer wieder nicht, weil wir nicht dauernd gegen uns selbst agieren können. 

Deshalb ist es so schlimm, anders zu sein als die anderen. Wir meinen, nur wenn wir so sind, wie es die anderen, vor allem die Eltern, später die anderen Kinder, die Lehrer und andere Autoritätspersonen, von uns wollen, werden wir akzeptiert und dürfen dazugehören und uns sicher fühlen. Weichen wir davon ab, dann steht unser Überleben in Frage und wir sind mit Existenzängsten konfrontiert. 

Dazu kommt, dass Kinder die Selbstkritik und Selbstablehnung, die die Eltern sich selber gegenüber bewusst oder unbewusst entgegenbringen, spüren können und auf sich selber beziehen. Wenn die Eltern an sich selber leiden, meinen die Kinder häufig, sie würden an ihnen und ihrem Verhalten leiden. Um den Eltern ihr Leben leichter zu machen, übernehmen die Kinder den Hass, indem sie – auf der unbewussten Ebene – zu sich selber sagen: Ich hasse mich ohnehin selber, da braucht ihr euch nicht mehr so viel über euch selber und über mich zu ärgern. Was die Eltern an sich selbst nicht mögen, möchten die Kinder besser machen, scheitern aber oft daran, und lehnen sich dann gleich selber wieder mehr ab.

Immer also, wo Kinder in die Netze des Narzissmus geraten, in die Fänge der Projektionen, opfern sie ihre eigenständige Entwicklung und ihre Selbstannahme. Statt dass sich ein autonomer Wille aufbaut, werden die äußeren Erwartungen als innere Autorität errichtet. Der innere Kritiker etabliert seine Diktatur mit der Überzeugung, das Überleben zu sichern. Selbstzweifel und Selbsthass dienen wie ein scheinbar natürliches und notwendiges Mittel für diesen Zweck. 

Das Leben wird zunehmend zu einem mühsamen Überlebenskampf, mit wenig Hoffnung auf Besserung, viel Selbstzweifel und Verzweiflung und subjektiv überinterpretierten Misserfolgserlebnissen. Mehr und mehr dominiert der innere Kritiker, manchmal in seiner harschen und direkten Form: „Was bin ich für ein Idiot?“, manchmal versteckt: „Ach, jetzt gönn ich mir noch ein Bier, wenn das Leben schon so schwer ist!“ Um gleich drauf wieder loszuschlagen: „Jetzt habe ich schon wieder über den Durst getrunken, was bin ich für ein Charakterschwächling.“ 

Auf diese Weise wird der innere Abwerter von einem Persönlichkeitsaspekt zu dominanten, tonangebenden Stimme im inneren Konzert, zum Scheinselbst, mit dem die stärkste Identifikation vorliegt: „So bin ich eben, ich kann nicht anders. Ich werde mich nie ändern.“ Der Pessimismus und die Resignation, die mit der Herrschaft des inneren Kritikers einhergeht, werden auf das ganze eigene Leben und auf die Umgebung ausgedehnt – auch die Entwicklung der Menschheit und der Gesellschaft wird pessimistisch und resignativ gesehen.


Aus dem Selbsthass entrinnen


Hier folgt ein Übungsprozess, der dazu dient, die Macht des inneren Kritikers zu schwächen und damit den Selbsthass zu befrieden. Er ist einem Leitfaden von Robert und Lisa Firestone nachempfunden.
1. Schritt: Die Stimme des inneren Kritikers wird zuerst distanziert und damit die Identifikation gelockert. Die Sätze, die mit Ich beginnen, werden auf Du-Botschaften umformuliert: Statt: „Ich habe schon wieder versagt“, kommt „Du hast schon wieder versagt.“ Damit wird die kritische Stimme von ganz innen ein Stück nach außen gerückt und verliert an Macht. Es fällt dann leichter, auf den Ton der Stimme zu hören und herauszufinden, welche Person aus der früheren Zeit dahintersteckt. 
2. Schritt: In einem zweiten Schritt kann dann der Abwertung eine Aufwertung gegenübergestellt werden. „Du bist ein Idiot!“ „Nein, ich bin ein intelligenter Mensch und lasse mich nicht abwerten.“ Es kommt also zur Gegenwehr, der Selbsthass wird nicht einfach mehr geschluckt, sondern aktiv zurückgewiesen. 
3. Schritt: Im nächsten Übungsteil kann dann ein realistisches Selbstbild aufgebaut werden. „Ich bin nicht vollkommen und mache manchmal Fehler, wie alle anderen auch. Ich bin ein netter Mensch, auch wenn ich mich manchmal ärgere …“ An die Stelle der einseitigen negativen Selbstsicht tritt eine differenzierte und abgewogene Selbsteinschätzung, womit sich die Person mental wieder mehr in die menschliche Umgebung eingliedert. Menschen sind unterschiedlich, jeder ist anders, jeder hat Schwächen und Stärken.
4. Schritt: Das Verhalten kann sich jetzt zunehmend dem neuen Selbstbild anpassen. Die Handlungen erfolgen nicht mehr unter dem Druck des inneren Kritikers, sondern aus dem eigenen Wollen und aus der Rücksichtnahme auf unsere Umgebung. 


Zurück zu uns selber kommen


Diese Schritte in der Distanzierung des inneren Kritikers sind zugleich Schritte auf sich selbst zu, sie nehmen Bezug auf die wertvollen Aspekte und Seiten der eigenen Persönlichkeit. Sie erleichtern die Veränderung des eigenen Verhaltens. Wenn der innere Kritiker mit seiner Macht oft bewirkt hat, Fehler zu machen, um sich in seiner Kritik bestätigen zu können, so gelingt es jetzt, weniger Fehler zu machen und mehr aus ihnen zu lernen. Wenn der innere Kritiker behauptet hat, es mit einem Idioten zu tun zu haben und deshalb Handlungen initiiert hat, die idiotisch waren, so ist jetzt Schluss damit und die eigene Vernunft kann wieder mehr Einfluss auf die eigenen Handlungen gewinnen. Dadurch wird es möglich, in der Außenwelt ein besseres Bild abzugeben und dadurch mehr Anerkennung zu bekommen. Auf diese Weise wird ein positiver, selbst bestätigender Regelkreis in Gang gesetzt. Der Selbsthass wird schwächer und es wird deutlicher wahrgenommen, wenn er sich wieder einmischen möchte. Mehr und mehr gelingt es, seine destruktive Stimme gleich im Ansatz zum Verstummen zu bringen.

Zugleich wird die eigene kreative Lebensorientierung gestärkt, das Leben gemäß den eigenen Werten, Zielen und Visionen. Der innere Kritiker wird zu einer Instanz unter vielen, der nur mehr für die Korrektur von Fehlern, Irrtümern und Irrwegen im Manifestationsprozess herangezogen wird. Die steuernde Instanz ist das eigene, von innen kommende Wollen, das sich mit den Impulsen, die aus der Umgebung kommen, verbindet.

Überall dort, wo sich der Selbsthass zurückzieht, fließt automatisch die Selbstliebe ein, die gewissermaßen nur darauf wartet gespürt zu werden, weil sie unser eigentliches Wesen zum Ausdruck bringt und unsere gesunde Selbstbeziehung verkörpert, an der wir uns mit uns selber erfreuen können. Statt uns selbst abzulehnen, genießen und freuen wir uns an uns selbst. Wir werden zu den besten Greunden von uns selbst. 

Aus dem Feld der Selbstannahme entstehen die sinnvollen und kreativen, unseren Mitmenschen gegenüber respektvollen Handlungen. Gerne tragen wir unseren kleinen Teil zur Weiterentwicklung bei und fühlen uns dabei wertvoll und verbunden.

Zum Weiterlesen: 
Hass und Liebe: Vom Mangel zur Fülle
Mitgefühl mit uns selbst
Über den Ursprung des Bösen und des Hasses
Liebe und Hass: Eine Polarität

Montag, 22. April 2019

Hass und Liebe: Vom Mangel in die Fülle

Wenn von Dualität gesprochen wird, tauchen als Beispiele meistens gut – böse, männlich – weiblich, Tag (Licht) – Nacht (Dunkelheit) und: Liebe – Hass auf. Diese Beispiele sollen illustrieren, dass die Welt auf Dualitäten aufgebaut ist, die Spannungen aufbauen und überwunden werden müssen, wenn man auf dem inneren Weg weiterkommen will. 

Brigitta Kemner z.B. schreibt: „Wir alle kennen erfahrbare Dualität: heiß – kalt, Liebe – Hass, männlich – weiblich, gut – böse, hell – dunkel, usw. Ebenso wird das Verhalten von Menschen schon immer durch dualitäre Muster bestimmt. Wir teilen Geschehnisse, Ereignisse, Menschen und Gedanken in „positiv“ oder „negativ“ ein.“

Bei Martin von Mendel können wir lesen: „Die Matrix, in der wir uns befinden, ist eine duale Matrix, in der alles einen Gegenpol hat. Dies ist ein Naturgesetz, das sich auch durch Bewusstsein nicht verändern lässt.“

Oder Günther Messerschmid schreibt: „Wir leben hier auf der Erde auf einer Ebene der Gegensätze. Tag – Nacht, Vater – Mutter, Liebe – Hass, … Nur in den Gegensätzen, im Spannungsfeld der Gegensätze können wir unser Bewusstsein ausbilden … Durch die Gegensätze erfahren wir uns selbst.“ (Das Trauma der Seele, S. 109 f, 2018)

Den Begriff der Dualität habe ich auf dieser Seite in einigen Artikeln problematisiert, zum einen als wenig tauglich, um die Realität zu verstehen, weil wir diese vor allem in Übergängen, Schattierungen und Nuancen und kaum in schroffen Gegensätzen wie schwarz und weiß erleben. Zum anderen, weil der Begriff mehr mit unserem stressgeplagtem Innenleben zu tun hat als mit dem spirituellen Weg, aber gerade dort gerne zitiert wird. Deshalb erscheint er nicht hilfreich, um auf diesem Weg weiterzukommen.


Leiden am Mangel an Liebe und nicht an Hass


In diesem Artikel geht es speziell um die oft leichtfertig ausgesprochene Gegenüberstellung von Liebe und Hass, die ja auch die beiden Begriffe aneinander binden will. Wenn Liebe und Hass einen dualen Gegensatz ausmachen, gibt es keine Liebe ohne Hass und umgekehrt. Beide sind gleich stark, und einmal überwiegt mehr das Eine, ein andermal das Andere. Oder, wie es auch manchmal heißt: Wo viel Liebe ist, ist auch viel Hass. 

Zunächst scheint es offensichtlich: Wer eine Person liebt, hasst sie nicht gleichzeitig und umgekehrt. Andererseits verstehen wir sogleich intuitiv, dass der Gegensatz nicht wirklich durchgängig ist: Wir können zwar Hass als Mangel an Liebe verstehen, aber Liebe nicht als Mangel an Hass. Es ist nicht so, dass wir in der Liebe den Hass vermissen, sondern eher so, dass wir uns im Hass nach Liebe sehnen. 

Hass ist ein Leidenszustand; wir können dieses Gefühl nicht genießen: Wir brauchen uns nur die Körperposition vorstellen, die zum Hass passt und merken gleich die massive Anspannung, die mit dem Hassen verbunden ist. Sobald wir uns bewusst in eine Hass-Haltung hineinbegeben, wollen wir so schnell wie möglich wieder raus. Der Hass macht uns unfrei, auf der körperlichen wie auf der geistigen Ebene. Er bindet unseren Verstand an das Objekt, wir denken dauernd an die gehasste Person und verstärken unsere Verspannung. Unser Denken wird eindimensional und fixiert. Unser Hauptleiden verursacht aber unser Mangel an Liebesfähigkeit, anderen und uns selbst gegenüber. 

Hass ist also ein Mangelzustand, und die Liebe ein Füllezustand. Im Zustand der Liebe sind wir frei und entspannt. Wir freuen uns des Lebens und des Seins der anderen Menschen. Wir wollen, dass es alle gut haben und zum Glück finden. Auch dieser Gegensatz passt nicht zu einer Dualität, sondern zu einer eindeutigen Orientierung: Die Entwicklung geht vom Hass zur Liebe, und nicht umgekerht, sodass wir immer weniger Hass empfinden und immer mehr Liebe. Eine Welt ohne Hass wäre uneingeschränkt eine bessere Welt. Jeder, der danach strebt, mehr Liebe zu leben, verringert den Hass unter den Menschen. „Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang.“ (Mahatma Gandhi)


Warum hassen wir?


Natürlich verschwindet der Hass nicht einfach durch gute Vorsätze. Er entsteht als Reaktion auf Lieblosigkeiten, denen wir hilflos ausgesetzt waren. Unsere eigene Liebesfähigkeit, mit der wir in diese Welt gekommen sind, wurde nicht oder nicht ausreichend erwidert, und statt bedingungsloser Zuwendung haben wir Achtlosigkeiten, emotionalen Missbrauch und Manipulation erlitten. Da wir nicht in der Opferrolle steckenbleiben wollten, hat sich der Hass entwickelt: Jene, die uns etwas angetan haben, sollen selber leiden. In der Rache am Bösen soll ein Ausgleich geschehen.

Im Hassen sind wir also in der Regression. Wir haben unsere Erwachsenenkompetenzen verlassen und befinden uns in einem kleinkindlichen mentalen Stadium, das durch starke Emotionen und geringe Realitätskontrolle gekennzeichnet ist. Es sind also tiefe seelische Verletzungen und existenzielle Ängste, die dem Hass die emotionale Wucht geben, die sich in Gewalttaten entladen kann. Im Hass geschieht ein Rückfall in eine Bedrohungssituation, in der wir uns hilflos ausgeliefert fühlten; das Gefühl des Hasses gibt uns ein Stück Schutz und Sicherheit, weil wir die Auslöschung der Quelle der Bedrohung fantasieren können. 

Der Hass macht die hassende Person abhängig von der Bedrohung und bindet sie an das Objekt. Diesen Kreislauf füttern die Medien, die der Hasser selektiv konsumiert, sodass er seine Weltsicht dauernd bestätigt. Die Welt wird auf hassenswerte Objekte eingeengt und alles Gegenteilige wird ausgeblendet. 

Auf der seelischen Ebene leidet der Hasser selbst am meisten, wieviel Leid er auch anderen mit seinen Rachegelüsten zugefügt haben mag. Er hat sich völlig von sich abgetrennt und ist nur mit dem Teil in ihm verbunden, der das größte Leid gespeichert hat. Ein makabres Sinnbild dafür liefert der Selbstmordattentäter, der sich selbst den grausigsten Tod zufügt.


Den Kreislauf durch Bewusstheit unterbrechen


Der Kreislauf von Hass, Selbsthass und Rache kann nur überwunden werden, wenn wir Verantwortung für unsere Gefühle und Gedanken übernehmen. Der Hass gehört zu unserer Lebensgeschichte und hatte einst den Sinn, uns aus der Opferrolle zu befreien. Mit dem Hassen bleiben wir aber auf halbem Weg stehen. Denn wir meinen, dass wir Täter werden müssen, um nie wieder zum Opfer werden zu können. So bleiben wir in der Täter-Opfer-Schaukel gefangen.

Wenn wir aus der Opfer-Täter-Dynamik aussteigen wollen, müssen wir uns den Schmerzen und Ängsten, die mit den ursprünglichen Bedrohungen und Verletzungen verbunden sind, stellen. In diesem Prozess können wir dann zum Verzeihen kommen, indem wir verstehen, dass die Personen, die uns unser Leiden zugefügt haben, nicht besser lieben konnten, und dass wir trotz all der Belastungen doch genügend Unterstützung bekamen, um zu überleben und erwachsen und selbständig zu werden. Im Verzeihen verwandelt sich der Hass in Liebe und wir fühlen uns entlastet und erleichtert. 


Die Liebe umfasst auch den Hass


Liebe sind wir in unserem Wesen, während uns der Hass zeigt, wie sehr wir uns von uns selbst entfremden können. Aber gerade deshalb gibt es immer einen Weg aus dem Hass zur Liebe, den Weg der Bewusstheit und Selbstannahme. Denn die Liebe kann selbst noch den Hass umfassen, und damit kann sie nie die Rolle eines dualen Partners spielen. Sie ist auf ihre feine Art viel zu mächtig.

„Das Ego erkennt nicht, dass der Hass eine Projektion des universalen Schmerzes ist, den du in dir trägst. Es glaubt, der andere sei die Ursache des Schmerzes. Es erkennt nicht, dass der Schmerz aus dem allgegenwärtigen Gefühl entspringt, nicht mit deinen eigenen Tiefen verbunden zu sein, nicht eins mit dir zu sein. (…)
Immer, wenn du das annimmst, was ist, taucht etwas auf, das tiefer ist als das, was ist. Ganz gleich, ob du im schrecklichsten inneren oder äußeren Dilemma, in den schmerzlichsten Gefühlen oder Situationen gefangen bist: Sobald du akzeptierst was ist, gehst du darüber hinaus. Sogar Hass wird transzendiert, sobald du annimmst, dass du ihn empfindest. Dann ist der Hass vielleicht noch da, aber du bist an einem tieferen Ort angekommen, wo er dir nicht mehr so viel ausmacht.“ (Eckhart Tolle

Zum Weiterlesen:
Hass im Internetzeitalter
Polaritäten lähmen, Kontinuen befreien
Polaritäten - Ursprünge und Folgen
Der Bösewicht in uns
Geschlossene Systeme und der inhärente Hass
Über den Ursprung des Bösen und des Hasses
Liebe und Hass - eine Polarität?


Freitag, 19. April 2019

Integrität in der Politik

Die Gemeinwohlorientierung, die unsere Gesellschaft aus den Sackgassen der angst- und giergeleiteten neoliberalen Ökonomie führen kann, kann nur dann nachhaltig erfolgreich sein, wenn sie auf ethischer Integrität ruht. Unter Integrität verstehe ich eine hohe ethische Qualität, die Personen zukommt, die in ihrem Handeln und Urteilen von den Erwartungen, Ansprüchen und Begehrlichkeit anderer Menschen unabhängig sind sowie weitgehend frei von inneren destruktiven Antrieben wie Angst, Gier und Hass sind. Auf dieser Grundlage kann ein integrer Mensch seine Entscheidung aus dem eigenen Inneren heraus treffen und dafür die Verantwortung übernehmen. 

Menschen können zu dieser Haltung nur gelangen, wenn sie in ihrem Inneren Ordnung gemacht haben (wenn sie ihre Traumen und Verletzungen aufgearbeitet haben) und wenn sie die Bedeutung des geistigen Wachstums im Sinn der Befreiung von den Einschränkungen und Fesselungen des Egos erkannt und in ihre Lebenspraxis integriert haben. Das Streben nach ethischer Integrität, das einen zentralen Stellenwert für den Aufbau einer menschenwürdigen Gesellschaft hat, ist auch ein spirituelles Streben, das die eigenen Überlebensängste und -strategien hinter sich gelassen hat und damit das Ego immer wieder von sich distanzieren kann. 

Integrität kann nur über integre Individuen in die Strukturen der Gesellschaft Eingang finden. Die offene Gesellschaft braucht die Durchlässigkeit für die Integrität auf allen Ebenen, in all ihren Ecken und Winkeln und besonders in den Entscheidungszentralen und meinungsbildenden Knotenpunkten. Und sie kann nur offen bleiben, wenn ein gewisses Maß an Integrität erhalten werden kann. Nur auf diese Weise können integre Strukturen entstehen, mit Verfahrensweisen und Prozeduren, die einzelne Individuen, die aufgrund persönlicher Schwächen aus der Integrität rausfallen, auffangen können und die dadurch entstandenen Folgeschäden schnell in den Griff bekommen. 

Die Integrität ist übrigens eine hohe menschliche kognitiv-emotionale Kompetenz, die nie von digitalen Maschinen übernommen werden kann. Denn sie erwächst aus der menschlichen Liebesfähigkeit (der Erfahrung zu lieben und geliebt zu werden) und dem inneren Verständnis für die Verletzbarkeit und Fehlbarkeit der Existenz, setzt also Erfahrungen voraus, die Maschinen prinzipiell nicht machen können. Außerdem können menschliche Erfahrungen nicht digitalisiert werden.

Viele Menschen spüren intuitiv, dass sie der Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit von Politikern vertrauen wollen, denen sie ihre Stimme geben. Politiker, die lügen und täuschen, die das in sie gesetzte Vertrauen missbrauchen, müssen dann mit der berechtigten Wut der enttäuschten Bürger rechnen. Die Quittung kann allerdings nur alle paar Jahre bei der Wahl gelegt werden. 

Wir legen an unsere Politiker mit vollem Recht hohe ethische Maßstäbe an, wenn wir ihnen die Macht über uns und unsere Belange überantworten. Wir geben ihnen mit unserer Stimme einen Vertrauensvorschuss, den sie erst einmal in ihrem Handeln einlösen müssen. Deshalb schauen wir ihnen gerne auf die Finger. Dabei helfen uns die unabhängigen Medien und Journalisten, die die Integrität der Politiker überwachen und Abweichungen von diesen Ansprüchen dokumentieren. Auf diese Weise erfüllen sie eine wichtige Funktion in der Rückkoppelung zwischen den politischen Akteuren und denen, die sie gewählt haben. Das ist auch der Grund, warum sie mit öffentlichen Geldern (Presseförderung etc.) unterstützt werden; umso weniger ist vertretbar, wenn abhängige Medien gefördert werden, die die Selbstdarstellung der Politiker verbreiten, statt kritisch über die Diskrepanzen zwischen Reden und Handeln, Programmatik und Pragmatik zu berichten.


Die Politikverdrossenen


Der Polit-Frust ist eine Reaktion auf die hohen Ansprüchen, die die Staatsbürger zurecht an ihre Volks-Vertreter und Diener (=Minister) stellen. Parteien, die die öffentliche Verschwendung anprangern und selbst verschwenderisch mit Steuergeldern umgehen, Politiker, die die Korruption bekämpfen und selber bestechlich sind, schüren das Misstrauen in die Politik insgesamt. Sie erwecken bei vielen den Eindruck, dass die gesamte Sphäre der Politik von Eigennutz und Machtgier durchtränkt ist, der sich niemand, keine Bewegung und kein Individuum entziehen kann, sobald man sich in diesen Dschungel begeben hat. 

Die Politiker und Parteien, die sich ihre Hände nie schmutzig gemacht haben und mit bestem Wissen und Gewissen für das öffentliche Wohl gearbeitet haben, werden dabei gerne übersehen. Denn sie verschwinden oft so weit unter der Wahrnehmungsschwelle, die von den Skandalen und Verfehlungen geprägt ist, dass sie nicht mehr wiedergewählt werden. Denn die öffentliche Wahrnehmung giert nach dem, was aufregt, nach dem, was das Nervensystem in Alarm versetzt. Die guten Nachrichten sind uninteressant, wir wollen ja statt dessen über alles informiert sein, was uns möglicherweise bedrohen könnte.

Wenn Widersprüche zwischen den eigenen, öffentlich verkündeten Zielen und der aktuellen Politik auftauchen, entsteht starkes Misstrauen, das bei vielen in eine allgemeine Politik-Skepsis und -Verdrossenheit mündet. Wir hören von Parteien, die sich angeblich für die kleinen Leute einsetzen, und ungeniert die Transferleistungen für die Ärmsten und Schwächsten in der Gesellschaft kürzen; Parteien, die sich christlich nennen, und eine menschenfeindliche Sozialpolitik durchsetzen; Parteien, die gegen das Großkapital eingestellt sind, und deren Gewinne fördern usw. Nicht immer kann ein Partei- oder Wahlprogramm eins zu eins praktisch umgesetzt werden, das ist realistisch in den komplexen Spannungsfeldern, in denen die Politik ihre Entscheidungen fällt. Aber wenn die Diskrepanz zu weit auseinanderklafft und nicht mehr erklärt werden kann, verschwindet die Glaubwürdigkeit der Akteure und ihrer Ideologie.

Viele schließen dann daraus, das „ganze System“ wäre unethisch, alle bestallten Vertreter würden nur für die eigene Tasche und Machtabsicherung handeln. Das allgemeine Wohl sei zu Lippenbekenntnissen verkommen, während es in der Praxis mit Füßen getreten wird. Also wenden sich viele Staatsbürger von dem „garstigen Lied“ ab, das in der Politik mehr gekrächzt als gesungen wird, und ziehen sich auf die trotzige Position des Verweigerns zurück: Wir wüssten ja alles besser, aber niemand fragt uns, also sind wir machtlos und hilflos und ziehen uns, weil wir uns missachtet fühlen, in eine Haltung der Verachtung der gesamten Politik gegenüber zurück. 

Die frustrierten Wähler geben ihre Stimme dann allenfalls einer Leitfigur, die neu auf der politischen Bühne auftaucht und vollmundig verspricht, das System als Ganzes von Grund auf umzukrempeln. Dann dauert es oft nicht sehr lange, bis auch bei dieser Person wieder ethische Mängel und Widersprüche auftauchen, kaum ist sie an der Macht. Die enttäuschten Wähler sind erneut frustriert und in ihrer Grundskepsis dem System gegenüber bestätigt. Die gesamte Sphäre der Politik wird in diesem Frustrationsprozess als Degeneration von einer Sache der Allgemeinheit zum Selbstbedienungsladen für eine abgehobene Elite gesehen, an dessen Ende ein System voll von menschenverachtendem Zynismus steht, das nur mit Zynismus verachtet werden kann.

Natürlich helfen Zynismus und Verachtung nicht weiter, weder in der Politik noch in ihrem Publikum. Der Maßstab der Integrität muss bei jeder Maßnahme, bei jeder Verordnung, bei jedem Gesetz und bei jeder Stellungnahme angelegt werden. Widersprüche und Abweichungen von dieser Norm müssen dokumentiert und verbreitet werden. Der kritische Diskurs muss aktiv und vielseitig bleiben, in den Köpfen der Beobachter und am Marktplatz. Die unerbittlichen Forderungen der Ethik, die auf das Gemeinwohl und den gesellschaftlichen Ausgleich hinweisen, müssen immer wieder formuliert, und wenn nötig, mit Nachdruck demonstriert werden. Wenn es den Spitzenpolitikern an Integrität mangelt, muss sie ihnen von den Staatsbürgern entgegengehalten werden. Politiker können nur so integer sein wie es ihre Wähler sind, um diesen Zusammenhang etwas zu überzeichnen. Das heißt, dass es zur Verantwortung für die eigene Integrität gehört, ihre Maßstäbe in den öffentlichen Diskurs einzubringen und ihre Verwirklichung einzumahnen. Nicht nur jede Macht, sondern auch jede Integrität geht vom Volk aus. Das ist das Wechselspiel, das die Demokratie lebendig erhält. 


Nicht-Integrität als Marke


Es gibt Wähler, die sich mit den Widersprüchen der von ihnen verehrten Politiker identifizieren, in denen sie ihre eigenen Widersprüche verehren. Kein Mensch möchte gerne und überzeugt menschenfeindlich und menschenverachtend sein, aber jeder hat menschenfeindliche Tendenzen in sich. Der psychische Mechanismus der Abspaltung springt ein, um diese Diskrepanz zu entschärfen: Man ist nett und freundlich zu den Menschen in der engeren Umgebung und zu Gleichgesinnten, und aggressiv verachtend zu allen, die ferner stehen oder andere Meinungen vertreten. 

Politiker, die in Tat und Rede zu ihrer Menschenfeindlichkeit stehen und sie als Haltung vertreten, ernten bei den einen Abscheu und Verurteilung, während die anderen bei ihnen eine Bestätigung für ihre eigene Menschenfeindlichkeit finden. Der Hass gegen andere Mitglieder der Gesellschaft wird damit zu einer geteilten und öffentlich geduldeten und möglicherweise sogar geschuldeten Tugend, und der auf dieser Schiene erfolgreiche und zu Macht gelangte Politiker dient als Identifikationsobjekt und Legitimierungsinstanz für die eigene Menschenfeindlichkeit. 

Die Nicht-Integrität, also die offen bekundete Abhängigkeit von destruktiven und sozialfeindlichen Persönlichkeitsanteilen ist eine eigene Marke im Feld der politischen Konkurrenz. Wie wir aus der Geschichte wissen, bildet sie die Voraussetzung für die Errichtung totalitärer Diktaturen, und das entbehrt nicht einmal der Logik: Menschenverachtung mündet, wenn sie mit Macht ausgestattet ist, in Menschenvernichtung. Auch wenn dieser Zusammenhang allgemein bekannt ist, gelingt es immer wieder Politikern und Publizisten, auf der Schiene des Hasses Zustimmung und Unterstützung zu bekommen, vor allem von jenen, die es ihren Vorbildern gleichtun wollen.

Die kaltschnäuzige Verbannung der Integrität aus der Politik darf nicht hingenommen werden, im Gegenteil, sie muss mit äußerster Integrität bekämpft werden. Es ist nicht die Tagesaktualität auf der Seite der Integren, aber die langfristige Perspektive. Hassprediger und menschenverachtende Populisten sind wie ein Strohfeuer, das hell auflodert, aber dann über kurz oder lang in Asche zusammenfällt. Der Hass ist nicht als Dauerfutter geeignet, denn er nährt den Hasser nicht, und es ist anstrengend und kräftezehrend, in diesem Feld voller innerer Konflikte zu bleiben. Jeder Hasser sehnt sich nach Frieden, mit der Hoffnung, irgendwann zur Integrität zurückzufinden, die sich viel besser anfühlt.


Die Integrität der Unscheinbaren


Gäbe es nicht auf allen Ebenen des öffentlichen und politischen Lebens, in der Verwaltung und im Bildungssystem Menschen, die in vielleicht nur unscheinbaren Positionen ein Leben lang ihr Bestes auch im ethischen Sinn geben, dann wäre die Gesellschaft schon lange in einen Jeder-gegen-jeden- Krieg zerfallen. Das Ausmaß an Integrität, das ohne Aufsehen in vielen Bereichen besteht, kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter aufrechterhalten, auch wenn es gerade an der Spitze oft zu massiven Ausfällen kommt. Z.B. halte ich den gegenwärtigen österreichischen Innenminister für eine sehr weitgehend integritätsferne Person; dennoch ist die öffentliche Sicherheit noch nicht zusammengebrochen, einesteils, weil es gesetzliche Spielregeln gibt, die ein Minister nicht brechen kann, und andererseits, weil Tausende Mitarbeiter in ihrem Tätigkeitsbereich weiterhin mit einem hohen Maß an Integrität wirken.

Auch wenn wir als Einzelne nur einen winzigen Beitrag zum allgemeinen Wohl leisten können, sind wir wichtig wie jeder und jede andere auch. Wir haben nur unsere kleine Verantwortung, aber diese Verantwortung haben nur wir und sonst niemand, wir stehen zu ihr oder nicht. Wann immer wir diese Verantwortung wahrnehmen, sind wir in der Integrität und steigern damit das Ausmaß der Integrität in der Gesellschaft. Und wir verringern den Spielraum der Nicht-Integrität.

Zum Weiterlesen:
Hass im Internetzeitalter
Nachhaltigkeit in der Demokratie
Wer die Würde nicht respektiert, verliert seine eigene

Sonntag, 14. April 2019

Das Kind in uns

Das innere Kind ist eine modellhaft angenommene Instanz in uns selber, die alle Erfahrungen mit den zugehörigen Gefühlen aus der frühen Zeit unseres Lebens gespeichert hat. Diese Instanz wird genutzt, um den Unterschied zwischen der erwachsenen Lebens- und Sichtweise der des Kindes zu erleben. Die Erfahrungen aus der Kindheit wirken vor allem auf der emotionalen Ebene ins Erwachsenenleben hinein, oft ohne dass das auffällt. Dann kommt es dazu, dass Erwachsene wie Zweijährige zornig werden oder wie Babys in Traurigkeit versinken. Für die meisten Menschen erscheint es selbstverständlich, dass sie reagieren, wie sie reagieren, weil sie annehmen, dass sie eben sind wie sie sind und nicht anders sein können.  

In der Regel handelt es sich aber um unverarbeitete und nicht integrierte Erfahrungen aus der Kindheit, die im Erwachsenen reinszeniert werden. Plötzlich werden die erwachsenen Kompetenzen außer Kraft gesetzt, Hilflosigkeit, Verzweiflung oder blinde Aggressionen können sich breit machen – so stark kann die Macht des inneren Kindes sein. 

Wenn die Machtübernahme durch das innere Kind wieder abgeebbt ist, entsteht häufig Scham, mit der scheinbar der Erwachsene die Aktion bewertet: Wie konnte ich mich nur so aufführen? Oder die Reaktion ist trotzig: Es geschieht den anderen recht, die mich in die Enge getrieben haben, wenn sie jetzt unter meinem Zorn leiden. Das sind typische pseudoerwachsene Rechtfertigungen bzw. Rückzugsgefechte des inneren Kindes, das sich auch hier wieder mit Wiederaufführung von kindlichen Erfahrungen der Angst und Verletzung meldet.  

Ersatzreaktionen 


Die sekundären Reaktionsweisen der Scham und des Trotzes zeigen die Opfer- und die Täterseite des inneren Kindes. Meist treten sie Hand in Hand auf die Bühne des inneren Erlebens und je nach der Charakterstruktur oder der Beziehungsdynamik im Elternhaus überwiegt das eine oder das andere, also die Neigung zum aggressiven Trotz (Täterseite) oder zur schamerfüllten Resignation (Opferseite).  

Wird der Unterschied zwischen der erwachsenen und der kindlichen Instanz bewusst, so braucht es keine sekundären Reaktionen mehr, um das Auftreten des inneren Kindes mit seinen impulsiven Gefühlen zu verarbeiten. Statt Ersatzgefühlen werden die ursprünglichen Emotionen zugänglich, z. B. wird hinter einer Eifersucht Angst oder Schmerz spürbar. Die erwachsene Instanz kann sich dann achtsam und liebevoll der kindlichen Gefühle annehmen und sie behutsam befrieden.  

Je deutlicher dieser Unterschied in der eigenen Psyche und ihren Äußerungen zur Kenntnis gelangt, desto weniger werden folglich Ersatzreaktionen auftreten, die im Erwachsenenleben in der Kommunikation Unklarheiten schaffen und Verwirrung stiften. Stattdessen können die kindlichen Gefühle gespürt werden, und wenn die Umstände passen, auch ins Fließen kommen und dann wieder abebben. Unsere Mitmenschen werden schneller verstehen, was los ist und können meistens besser mit den einfachen Gefühlen zurechtkommen als mit den komplexen Abwehr- und Rechtfertigungsstrategien, mit denen sich das verschreckte innere Kind hinter dem unbeholfenen Erwachsenen versteckt. 

Grundlegende Schutzgefühle 


Das innere Kind kennt vor allem diese beiden als unangenehm erlebten Gefühlsenergien, die grundlegenden Schutzgefühle: Traurigkeit und Angst. Daran schließen sich häufig Zorn und seltener Ekel an. Komplexer ist das Gefühl der Scham, weil es mit der sozialen Bewertung des eigenen Verhaltens verbunden ist. Andere Gefühle wie Neid, Eifersucht, Verzweiflung, Hilflosigkeit usw. gelten als Ersatzgefühle, denn hinter ihnen stecken Traurigkeit und Angst, und sie lösen sich auf, wenn die ursprünglicheren Gefühle gespürt und angenommen werden können. 

Zu den Ersatzreaktionen oder sekundären Gefühlen zählen auch übertriebene Freundlichkeit (statt Wut), unechtes Lachen (statt Traurigkeit), Verlegenheit (statt Angst). Es sind Reaktionen, die im Lauf der Kindheit angelernt werden, um mit schwierigen Situationen in der sozialen Interaktion zurecht zu kommen. Sie haben allerdings in der erwachsenen Welt keine Funktion mehr und wirken hemmend und störend auf das Weiterkommen und auf die kommunikativen Beziehungen. 

Der direkte Kontakt zwischen der Erwachsenenpersönlichkeit und dem inneren Kind überbrückt die sekundären reaktiven Gefühlsmuster und verbindet zur unmittelbaren Erfahrungsebene des Kindes. Es handelt sich dabei auch um einen Vorgang der Komplexitätsreduktion: Je früher die kindliche Erfahrung, desto einfacher sind die Gefühlsabläufe gestrickt und desto einfacher kann die Abhängigkeit von ihnen aufgelöst werden. Je näher die Gefühle der organischen Regulation sind, desto weniger gedankliche Muster sind beigemengt. Die Komplexität im Gefühlsleben entsteht durch die Ausbildung der Großhirnareale, die die unterschiedlichen sozialen Erfahrungen mit kognitiven Assoziationen abspeichern.  

Die Wirksamkeit der Arbeit mit dem inneren Kind beruht auf dieser Vereinfachung. Die Gefühle fühlen sich auf dieser Ebene real und stimmig an, sie brauchen kein rationales Verständnis, es genügt ganz einfach, sie zu spüren und zu akzeptieren. Denn häufig liegt die Quelle des Leidens des Kindes darin, dass die Gefühle, die es spürt, von den Menschen in der Umgebung nicht akzeptiert wurden. So blieb es allein mit seinem Befinden und fühlte sich verlassen und abgeschnitten von den wichtigen Personen in seiner Nähe.  

Um die Ängste zu bannen, die unweigerlich in solchen Situationen auftauchen, blieb nur der Ausweg, die ursprünglichen Gefühle mit Schutzmechanismen abzusichern, die darüber angelegt wurden und den Sinn haben, die soziale Anbindung wiederherzustellen und den Schaden zu reparieren. Die Verantwortung für den Schaden nimmt das Kind ganz auf sich, weil es meint, sein Fühlen wäre das, was zur Abweisung und Abneigung der Erwachsenen geführt hat. Also muss es sein Fühlen abstellen oder in eher akzeptierte Ersatzgefühle umwandeln, um wieder als liebenswertes Kind wahrgenommen zu werden.  

Wohlwollende Akzeptanz 


Deshalb ist es so wichtig, die Gefühle des inneren Kindes wohlwollend zu akzeptieren. Dass es in Ordnung ist, zu fühlen, was gefühlt wird, ist eine heilende Botschaft, die die Seele von der Notwendigkeit befreit, Gefühle gegen Ersatzgefühle auszutauschen und damit die eigene innere Wahrheit und Authentizität für die Anpassung an die Erwartungen der Umgebung zu opfern. Ich darf so fühlen, wie ich fühle, heißt so viel wie: Ich darf so sein, wie ich bin. Ich brauche mich nicht zu verbiegen, um geliebt zu werden.  

Hier beginnt die Selbstliebe, der intime annehmende und zuwendende Akt zu sich selbst. Der Weg der Selbstliebe ist immer auch eine Liebesbeziehung zum kleinen Kind in uns, dem viel von der Liebe gefehlt hat, die es gebraucht hätte. Liebe heißt, alles anerkennen, was ist, alles so sein lassen, wie es ist und alles umfassen, was ist. Für das verletzte und vernachlässigte innere Kind ist das eine neue Erfahrung, die wie Balsam auf die Wunden wirkt. 

Das spielerische Kind 


Was braucht das innere Kind noch? Es will spielen und fröhlich sein. Mit dem Kontakt zum inneren Kind begegnen wir nicht nur Schmerzen und Ängsten, sondern auch der Neugier und Spontaneität des Kindes und können sie mehr in unser Leben einladen. Begegnen wir als Erwachsene der Welt genug auf spielerische Weise oder gehen wir zu ernst mit dem Leben um? Folgen wir unserer Neugier, wenn es um Entscheidungen geht, oder mehr unseren Gewohnheiten? 

In all diesen Bereichen ist es hilfreich für die Erweiterung und Befeuerung der Lebensfreude, des Genießens und der Leidenschaft, die Energien des inneren Kindes wiederzubeleben. Damit erschließen wir die Urquellen unserer Lebendigkeit, den Fluss der Energien. Wir verbinden uns mit den Anfängen unserer Kreativität, mit der Fähigkeit des Wunderns und der Dankbarkeit für alles, was es gibt. Kinder staunen über die Buntheit und Vielgestaltigkeit der Welt, und diese Fähigkeit sollten wir nie verlieren. 
  

Das innere Kind in der Kommunikation 


Es ist auch hilfreich und förderlich für die zwischenmenschliche Kommunikation und das Zusammenleben, bei unseren Mitmenschen darauf zu achten, wenn sie in ihrem Verhalten in kindliche Reaktionen geraten. Dann fällt es uns leichter, die Gefühle dahinter zu verstehen, statt über deren ersatzweisen Ausdruck, der uns oft zur aktuellen Situation unpassend erscheint, verdutzt oder geschockt zu sein.  

Wir können besser damit umgehen, wenn jemand traurig ist oder Angst hat, als wenn jemand unkontrolliert wütend, gehässig oder unzugänglich gehemmt ist. Und wir tun uns leichter mit diesen Gefühlen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass sie nicht von unserem erwachsenen, sondern von unserem kindlichen Gegenüber kommen. In dem Maß, wie das Verständnis für das eigene innere Kind und seine Bedürfnisse wächst, wird unsere Fähigkeit zur Empathie für andere gestärkt. 

Vielleicht sollten wir uns ab und zu daran erinnern, dass wir selbst und auch die anderen Menschen ein verletztes und unverstandenes inneres Kind kennen und in sich tragen. Diese Vergewisserung kann uns helfen, verständnisvoller und gelassener im Umgang miteinander zu werden. 
  

Das innere Kind in der Therapie 


In der Therapie ist es häufig angebracht und sinnvoll, mit dem inneren Kind zu arbeiten. Das Konzept dahinter ist für die meisten Menschen intuitiv verständlich und leicht nachvollziehbar. Es ermöglicht der Klientin, sich von starken und belastenden Gefühlen zu distanzieren: Ich bin nicht dieses schlimme Gefühl, sondern ich habe es. Und das Gefühl hat mehr mit früher als mit jetzt zu tun. Seine Intensität, seine Heftigkeit stammt aus einer Erfahrung von Hilflosigkeit aus der Kindheit. Jetzt kann ich erwachsen sein und mein Leben meistern, auch wenn sich ab und zu das innere Kind mit seinen Schmerzen, seiner Verzweiflung, seiner Angst meldet. 

Gelingt es, die tiefen Gefühle dem inneren Kind zuzuordnen, wird eine innere Distanz zum Erleben möglich, ohne dass die Gefühle unterdrückt oder abgespalten werden müssen. Vielmehr wachsen in diesem Prozess das innere Verständnis und die Selbstannahme.  

Der Erwachsene kann geben, das Kind kann nehmen: Sicherheit, Vertrauen, Mut, Trost. Damit werden beide Seiten gestärkt: Das innere Kind fühlt sich in seinen Gefühlen angenommen und entlastet, während der erwachsene Teil an seiner Kompetenz, sich liebevoll um das innere Kind zu kümmern, an Fürsorge und Mitgefühl weiterlernt.  

Dabei ist darauf zu achten, dass eine gute Balance zwischen dem Erwachsenen und dem inneren Kind gebildet werden kann. Beide Seiten haben ihr Recht und ihren inneren Raum, nur gehören die Aufgaben in der Realität zum erwachsenen Ich, bei denen das innere Kind keine Führungsrolle übernehmen sollte. Es begleitet mit seinen Gefühlen und seinem Gespür all die Entscheidungen, die im täglichen Leben gefällt werden. Die Obsorge für alle Details und Schritte sowie die Verantwortung liegt aber ganz beim Erwachsenen.  

Die Therapeutin hat die Aufgabe, beide Seiten im Klienten zu stärken und dabei zu helfen, die Beziehung zwischen beiden tragfähig und offen zu gestalten. Ziel der Arbeit ist eine ausgeglichene Persönlichkeit, die offen für ihre Gefühle ist und das erwachsene Leben mit all seinen Herausforderungen meistern kann. Kreativität und Spielfreude haben ausreichend Platz neben allen anderen Aktivitäten, die zum Leben gehören. Es fällt leicht zu unterscheiden, wann sich das innere Kind meldet und wann der erwachsene Anteil aktiv ist. 

Manchmal braucht es Zeit, dass der Kontakt zwischen der Erwachsenenperson und dem inneren Kind zustande kommt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn jemand eine schwere Kindheit mit viel Ablehnung und emotionaler oder physischer Gewalt hatte. Dann kann es sein, dass das innere Kind ganz weit ins Innere zurückgezogen ist, als wollte es sich verstecken. Es zeigt sich verzagt und scheu. Hier ist viel Geduld notwendig, um sich langsam und schrittweise anzunähern und eine Vertrauensbrücke zu diesem verschreckten Kind aufzubauen. Dann entsteht zunehmend ein Raum für fürsorgliche und warme Gefühle, die der Klient in der Folge auch in anderen Bereichen seines Lebens einbringen kann. 

Die innere Beziehung zwischen den kindlichen und den erwachsenen Anteilen stiftet eine Kontinuität in der Lebensgeschichte, die auch die oft schwierigen Übergänge zwischen den einzelnen Lebensphasen enthält. Alle Erfahrungen, die angenehmen und die unangenehmen, haben ihren Platz und finden ihre Würdigung. An die Stelle eines unvollständigen Mosaiks von isolierten Fragmenten tritt ein eindrucksvolles Gesamtkunstwerk, das die eigene Lebensgeschichte repräsentiert. 

Zum Weiterlesen:
Der Raub des Selbst
Das Ja zum Selbst
Die interne Kommunikation pflegen

Sonntag, 7. April 2019

Hass im Internetzeitalter

Wir erleben eine Zunahme von Hassäußerungen in der Öffentlichkeit, vor allem in den sozialen Medien. Sind das Anzeichen für, wie manche Kommentatoren vermuten, eine Verrohung der Gesellschaft, eine Verschlechterung der Umgangsformen und die Auflösung der Moral?  

Ich denke, dass bei diesem Thema neben vielen anderen zwei Aspekte wichtig sind: Die Möglichkeit der Anonymisierung und die Nutzung dieser Möglichkeit für die Schwächung der gesellschaftlichen Solidarität durch das Anfeuern von Rückkoppelungseffekten. 

Mit dem Internet sind Kommunikationsformen entstanden, die früher völlig ungeahnt waren. Es ist einfach geworden, anonym „die eigene Sau rauszulassen“, also tief schlummernde schlimme Gefühle, Schimpfworte und unausgegorene Ideen ohne soziales Risiko zu veröffentlichen. Die vielen aggressiven Hasspostings, die tagtäglich veröffentlicht werden, zeugen davon, dass es in unserer Gesellschaft eine große Anzahl von Menschen gibt, die aggressiven Hass in sich tragen und nur darauf warten, ihn nach außen zu geben.  

Ob das früher anders war, können wir gar nicht beurteilen, weil es die entsprechenden technischen Möglichkeiten nicht gegeben hat, solche Gefühle so einfach und geschützt in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Leserbriefseiten der Zeitungen wurden redaktionell betreut und extreme Äußerungen herausgefiltert. Erst das Internet hat diese Form der Zensur aufgehoben, und es kann faktisch jeder alles an die Öffentlichkeit bringen, anonym und scheinbar ohne dafür belangt werden zu können. Es ist die Sicherheit vor Konsequenzen, die es leicht macht, jedes Aufstoßen aus den dunklen Abgründen des eigenen Seelenlebens rücksichtslos nach außen gegen andere zu kehren. 

Aggression gegen Randgruppen


Was wir anhand zahlreicher historischer Beobachtungen feststellen können, ist die starke Tendenz bei vielen Menschen, gegen Schwächere, Minderheiten, Ausgegrenzte, Fremde aggressiv und gewaltsam vorzugehen, kaum erlaubt es die Gesellschaft oder die Obrigkeit. Ein Beispiel ist die Phase des Terrors während der Französischen Revolution, während der jeden Tag Hunderte unter dem Beifall der Massen geköpft wurden.  

In solchen Ereignissen zeigt sich meines Erachtens das Ausmaß des Hasses, das in den Menschen vorhanden ist. Wer sich mit dem eigenen Innenleben beschäftigt hat, weiß um die dunklen Seiten, die in einem selbst und in der Tiefe jedes Menschen schlummern, und von dort kommen alle destruktiven Gefühle und Impulse. Realistisch betrachtet, ist niemand frei davon. Das Unbewusste baut oft eine Mauer um diese Gefühle auf, die aber durch bestimmte Außenerfahrungen mit anderen Menschen überwunden werden und dann nach außen ausgelebt werden.  


Selbstverantwortung und Innenarbeit


Wer viel Innenarbeit gemacht hat, kann diese Gefühle in einem geschützten Rahmen durchleben und damit ihre Macht und Gewalt schwächen. Dadurch schwindet die unbewusste Neigung, anderen Menschen die zerstörerische Kraft solcher Gefühle zuzumuten. Im Gegenzug entsteht mehr Raum für offene Menschlichkeit und Liebe. Statt Hass gegen andere Menschen zu empfinden, die einem Angst machen, wird es möglich, Verständnis und Mitgefühl zu zeigen und damit zum zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Frieden beizutragen. 

Oberflächlich betrachtet, protestieren viele mit ihren Hassäußerungen gegen Frustrationen und Ungerechtigkeiten rund um ihre Lebensumstände, die sie durch neue Entwicklung bedroht sehen und vor denen sie sich von der Politik zu wenig geschützt und unterstützt fühlen.  Psychodynamisch betrachtet, wissen wir allerdings, dass nach außen gerichteter Hass z.B. gegen Minderheiten, Mächtige oder Schwache mit unverarbeiteten Kindheitserfahrungen zu tun hat. Was wir als ohnmächtige Kinder erlitten haben, als wir selber schwach waren, wollen wir im Hass andere spüren lassen. Sie sollen leiden, wie wir selber gelitten haben, oder noch schlimmer. 
  
Die Kränkungen aus der Kindheit gehören in eine Therapie, in der sie bewusst gemacht, betrauert und in andere Gefühle umgewandelt werden können. Die Sichtweise, dass jede Person für ihre Gefühle und für deren Ausdruck selbst verantwortlich ist, bietet den einzigen Ausweg aus den projektiven Hassgeschichten, an denen die Menschen, die projizieren, im Grund selber leiden. Sie suchen für dieses Leid ein Ventil suchen, das ihnen die Anonymität des Mediums bietet. Aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung hat verstanden, wie wichtig die Verantwortungsübernahme für das eigene Gefühlserleben ist. Und ein noch kleinerer Teil hat in sich der Mühe unterzogen, die entsprechenden Themen zu bearbeiten und die projektiven Hasstendenzen in sich aufzulösen. 

Deshalb ist es notwendig und sinnvoll, dass gegen das Hassposten Strafen verhängt werden. Der Rechtsstaat hat die Aufgabe, die Menschen für ihr gemeinschaftsschädigendes Verhalten zur Verantwortung zu ziehen. Durch das Verhängen von Strafen wird hoffentlich langsam dämmern, dass der Ausdruck von Hass auch in scheinbar anonymen Zusammenhängen unangenehme Konsequenzen haben kann. Alle gesellschaftlichen Gruppen und Einzelpersonen, auf die sich die Hasspostings beziehen, müssen mit allen Mitteln der Gesetzgebung und –vollziehung geschützt werden. Dazu gibt es jetzt auch Gesetze, die diesem schädlichen Verhalten Grenzen setzen und die Täter zur Verantwortung ziehen, soweit sie ausgeforscht werden können. 

Die Multiplikationseffekte 


Der zweite Aspekt bezieht sich darauf, dass es durch die Zunahme von Hassausbrüchen im Netz zu Rückkoppelungseffekten kommt, die uns Sorge bereiten sollten. Zunächst kann das Beispiel von Mitmenschen, die offensichtlich ohne Scheu andere mit ihrem Hass besudeln, andere ermutigen, es ihnen gleich zu machen. Die eigenen Kontrollmechanismen, die bisher durch die Scham den Ausdruck des inneren Hasses blockiert haben, werden löchrig, weil es offenbar in bestimmtem Rahmen gesellschaftsfähig geworden ist, böse, menschenfeindliche Gedanken und Ideen auszudrücken und sich damit zumindest kurzfristig mächtig, überlegen und stark zu fühlen.  Dazu ein Zitat: Sie müssen sich vorstellen, Herr Bürger, das, was ich heute sage, ist vor drei Jahren in der Europäischen Union von vielen als rechts oder rechtsradikal bezeichnet worden! (Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz in einem ORF-Interview mit Hans Bürger, 2018)

Ähnlich war beim Aufkommen des Nationalsozialismus vielfach zu beobachten, wie ansonsten „anständige" Bürger mit öffentlicher Erlaubnis und Billigung durch das Regime zu bösartigen, hasserfüllten Antisemiten wurden, die ihre Nachbarn, mit denen sie vorher friedlich zusammengelebt hatten, beschimpft, bespuckt und ausgeraubt haben. Wenn der Hass, der in uns allen steckt, durch eine Ideologie, die an die Macht gekommen ist, eine Richtung bekommt, dann bricht er sich viel leichter Bahn und verrichtet seine Arbeit an der Zerstörung der gesellschaftlichen Basis.  

Die Zerstörung des Zusammenlebens 


Denn das war neben den Millionen an Toten und den zertrümmerten Städten die noch tiefere und katastrophalere Auswirkung der NS-Diktatur: Die Korrumpierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der durch ein Minimum an gegenseitiger Achtung gewährleistet werden muss. Die systematische Entmenschlichung eines Teils der Menschen in der Gesellschaft, die Hauptideologie der Nationalsozialisten, hat ihre Spuren hinterlassen, die nicht einfach durch den gewaltsamen Sturz des Regimes getilgt waren. Die Nachkriegsdevise war eigentlich nicht das propagierte Vergessen, sondern eher die Archivierung der Gefühle mittels einer Deckel-drauf-Strategie: Fokussierung auf den Wiederaufbau und so tun, als wäre nichts – oder fast nichts gewesen.  

Deshalb ist es kein Wunder, dass der Antisemitismus und die in ihm wirksamen Hassgefühle bis heute weiterschwelen, wie Entzündungsherde, die nie ausgeheilt wurden. In vielen Fällen werden sie an die Nachgeborenen weitergegeben, die die bösartigen Geschäfte für ihre Vorfahren erledigen. Die in bestimmten Kreisen nach wie vor immer wieder aufbrodelnde Thematisierung des Nationalsozialismus unter verharmlosenden und relativierenden Gesichtspunkten durch Menschen, die lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs geboren sind, weist auf das Ausmaß der unaufgearbeiteten kollektiven Traumatisierungen aus dieser Zeit hin. Wir können an diesen hochploppenden Sumpfblasen erkennen, auf welchem Pulverfass wir noch immer sitzen, wie viele Blindgänger in den Seelen der Menschen schlummern, und auch, wie die Themen mitsamt der unbewussten Gefühlsenergien an die Nachkommen weitergegeben werden. 

Ein kleiner Ausflug in die Nachkriegsgeschichte 


Diese Geschichtsblindheit hängt mit der Vertuschungsstrategie zusammen, die in der Nachkriegszeit in vielen Kreisen betrieben wurde – im Schock infolge der massiven materiellen Zerstörungen und angesichts der Erkenntnis, welche verheerenden Auswirkungen die Ideologisierung auf die Moral hatte, der die meisten wehrlos ausgeliefert waren. Angesichts dieses massiven emotionalen Drucks und der enormen Schuld, die kollektiv zu tragen gewesen wäre, ist die ebenso massive  Abwehr verständlich, die darin bestanden hat, möglichst viel von den Gräueln totzuschweigen und statt dessen die Ärmel aufzukrempeln und die ganze Wut und Frustration in die Arbeit des Wiederaufbaus zu stecken.  

Dann kam mit den 60er Jahren eine neue Generation, die erste nach dem Krieg, die in Sicherheit und wachsendem Wohlstand aufgewachsen war, aber die unbewältigten Traumen der Eltern zu tragen hatte. Sie war misstrauisch auf das Verschweigen der Gräueltaten, auf dem der gesellschaftliche Konsens zu beruhen schien. Sie forderte eine neue Welle der Aufklärung und der Aufarbeitung der Vergangenheit, um die Spuren des Nationalsozialismus in der Gesellschaft beseitigen zu können. Der Hass dieser Generation richtete sich aufs “Establishment”, auf die Mächtigen und Reichen. Damit waren auch die autoritären Eltern gemeint, die in ihrer Erziehung im Sinn der schwarzen Pädagogik noch den NS-Prinzipien folgten.  

Es kam in der Folge in den westlichen Staaten zu wichtigen Schritten in der gesellschaftlichen Erneuerung, z. B. in der Stärkung der Frauenrechte, in der Einführung von Mitbestimmung in Schulen und Arbeitsstätten, in der Modernisierung des Strafrechts usw. Doch der Kapitalismus, dem in dieser Zeit bestimmte Schranken auferlegt wurden, hatte seinen Einfluss noch lange nicht verloren. In den 80er Jahren setzte mit der Digitalisierung und Globalisierung ein neuer Schub der Effizienzsteigerung der Güterproduktion ein, der die linken Bestrebungen zur Sozialreform in die Defensive drängte, in der sie heute noch stecken.  

Im Windschatten des Neoliberalismus, der seine Sachzwangs- und Leistungsideologie nicht nur in die wirtschaftlichen Abläufe, sondern auch in die Gehirne der Menschen implantiert hat, machten sich die Ressentiments breit, gespeist aus einer Hilflosigkeit gegenüber den wirtschaftlichen „Notwendigkeiten” und der Enttäuschung über die „unfähigen” Politiker bzw. das unmenschliche und korrupte „System”. Die Frustbürger begannen mehr und mehr, das demokratische System zu an den Wurzeln anzugreifen, indem sie Demagogen folgten, die die Ursachen der Misere nicht in den ökonomischen Verhältnissen und deren mentalen Folgen suchten, sondern in sozialen Randthemen wie dem Sozialschmarotzertum oder der Ausländerfrage. Dazu kommen noch homophobe und antisemitische Einstellungen, und verbreitet ist in dieser Szene neben einer Wissenschaftsfeindlichkeit die Klimawandelskepsis.


Entsolidarisierung


Die Entsolidarisierung der Gesellschaft ist ein gemeinsamer Nenner dieses Sammelsuriums der populistischen Themen: Das „Eigene” gegen das „Andere” auszuspielen, bedeutet immer, eine Spaltung in die Gesellschaft einzuziehen, mit dem Ziel, dass sich jedes Mitglied deklarieren muss, auf welcher Seite es steht. Zwischenpositionen darf es nicht geben. Die Gesellschaft als Ganzes, in der all die unterschiedlichen Schattierungen und Individualitäten ihren Platz haben und garantiert bekommen, gibt es in diesem Denken nicht, und der Hass ist der emotionale Sprengstoff, der die Trennlinien absichern soll. 

Paradoxerweise wirken alle, die den Schwarz-Weiß-Demagogen auf den Leim gehen und deren Sichtweisen übernehmen, an der Entsolidarisierung mit, an der sie leiden und deren Unsicherheiten sie belasten. Der Populismus kann als die Kunst definiert werden, den Menschen Perspektiven und emotionalisierte Einstellungen einzureden, die angeblich die Probleme in ihrem Leben verbessern, obwohl sie dadurch in Wirklichkeit schlechter werden und genau das Leiden vertiefen, vor dem die Abhilfe versprochen und propagiert wird. Zum Beispiel lebt vermutlich niemandem in Ungarn besser, weil ein Grenzzaun vor allen Asylsuchenden und Flüchtlingen schützt, aber die Angst davor, dass sie doch kommen könnten, wird vehement propagiert und damit vertieft sich die Verunsicherung und Angst. 

Die Verdrehung des Heimatbegriffs 


Die Untergrabung der gesellschaftlichen Solidarität kann an der Verwendung des Heimatbegriffs im demagogischen Kampf um die Macht illustriert werden. Heimat ist dann nicht mehr etwas, das subjektiv als vertraut und Geborgenheit gebend empfunden wird. Vielmehr wird die Heimat als eine abstrakte Einheit konstruiert, die als bedroht dargestellt wird. Der Begriff der Heimat soll mit der Angst assoziiert werden, sie und damit die eigene Existenzgrundlage zu verlieren. So kann der Begriff als Rechtfertigungsgrund für den Hass gegen die vermeintlichen Bedroher dienen. Heimat ist nicht mehr etwas, das Vertrauen und Geborgenheit gibt, sondern ein gefährdetes Gut. Die Propagandisten haben den Beheimateten ein Stück Sicherheit geraubt, damit sie sich als dessen Beschützer aufbauen können.

Wie schon mehrfach in meinen Beiträgen erläutert, mobilisiert das Schwarz-Weiß-Denken automatisch das Freund-Feind-Schema mit den zugehörigen Emotionen von Angst, Aggression und Hass. Diese explosive Mischung schwelt als Bodensatz in den Seelen der Menschen, die nichts von Projektion und Reflexion verstanden haben. 
  
Das Ausmaß an Hass, das öffentlich wird, ermutigt Multiplikatoren, Öl ins Feuer zu gießen und die Hasseskalation anzufachen. Hass wird salonfähig und für einige Menschen zur Normalität, während er viele andere entsetzt, möglicherweise so lange, bis sie sich auch daran gewöhnt haben. Das ist offensichtlich das Kalkül der Strategen der Entsolidarisierung. Übrigens ist deshalb die Ausländerfeindlichkeit in Gegenden mit den wenigsten Ausländern besonders hoch, ähnlich wie früher (?) der Antisemitismus dort besonders ausgeprägt war, wo keine Juden lebten. 


Instrumentalisierung des Hasses


Wir leben in einer Zeit der bewussten und unbewussten Instrumentalisierung des Hasses für die Machtzwecke eigensinniger und gemeinschaftsfeindlich orientierter Politiker, denen viele auf den Leim gehen. Bewusst ist das Machtkalkül mit dem Schüren von Ängsten und Vorurteilen, oft unter Verwendung falscher Tatsachen oder krass übertriebener Bewertungen. Unbewusst sind die tieferen Antriebe, die bewirken, dass die Folgen solcher politischen Handlungen nicht eingeschätzt und durchdacht werden. Vielmehr genügt es, kurzfristige Erfolge zu erzielen und dann die Macht zu festigen. Damit wird die schleichende Vergiftung der Demokratie und das Risiko für eine stabile, offene und tolerante Gesellschaft in Kauf genommen. 

Hass verblendet, darum ist er den demagogischen Politikern so willkommen, darum säen sie ihn so gerne. Die Verblendeten können gar nicht erkennen sie sie sich selbst schaden, z.B. wie sie ihre Heimat” durch ihren Hass verunstalten, wie sie die Nation, zu der sie gehören, spalten und jeder Moral und jedes Respekts entkleiden.  

Die Tragik und Gefährlichkeit dieser Entwicklung sollte uns zu denken geben. Alle, die an die Kraft der Aufklärung glauben, sollten das in ihrer Macht Stehende tun, um bewusst zu machen, was hier tagtäglich vor unseren Augen abläuft, wie Menschen mit Hass imprägniert werden und damit unser Zusammenleben in Frage gestellt wird. Die Verhetzer müssen angeprangt werden und, wo es von den Gesetzen her geht, vor Gericht gestellt werden. Wir brauchen ein geschärftes Bewusstsein von subtilen zersetzenden Macht der Hassgefühle, damit wir verstehen können, wie wichtig es ist, sie überall aufzuzeigen, wo sie an die Öffentlichkeit gelangen und dagegen Stellung zu beziehen. Wenn wir eine bessere Welt wollen, muss sie auf einem besseren Zusammenleben beruhen, das wir gemeinsam schaffen können, wenn wir uns in unseren Unterschieden annehmen und fördern statt gegen jedes Anderssein zu kämpfen. 

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