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Sonntag, 7. Mai 2023

Atemresilienz angesichts der Krise

Die Klimakrise findet statt, wie wir täglich bemerken, wenn wir uns die Wetterphänomene bei uns und anderswo anschauen. Was Tausende von Wissenschaftlern erforscht und prognostiziert haben, tritt ein, fraglich ist nur die Geschwindigkeit, mit der Katastrophen eintreten, und deren volles Ausmaß ist noch nicht gewiss. Es ist also offen, wann der befürchtete Kipppunkt eintritt, der viele Systeme zum Zusammenbruch führen wird. Es ist, wie es so schön heißt, nur eine Frage der Zeit. Ungewiss ist auch, was die Folgen des Kipppunktes sein werden, d.h. wie die Menschen, die Gesellschaften und die Staaten darauf reagieren werden. 

Das Außergewöhnliche an dieser Krise ist, dass es in der Menschheitsgeschichte nichts Vergleichbares gegeben hat. Sie betrifft die gesamte Menschheit, die Tierwelt und die Natur, also alles Leben auf diesem Planeten. Sie entwickelt sich schleichend und fast unmerklich, sodass sie solange ignoriert oder verleugnet werden kann, bis irgendwo das Wasser zum Hals steht. Dazu kommt noch, dass wir seit Jahrzehnten wissen, was auf uns zukommt und dass die meisten, und vor allem die politischen Verantwortungsträger, trotz des Wissens so getan haben und bis heute so tun, als wäre alles nicht so schlimm und als würde irgendein technologisches Wunder in letzter Minute Abhilfe verschaffen. Diese verantwortungslose Naivität ist eine der Ursachen, warum es versäumt wurde, der in die Katastrophe führenden Entwicklung rechtzeitig gegenzusteuern. 

Doch das Zeitfenster, in dem effektive breitflächige Maßnahmen ohne allzu hohe Kosten die Emissionen reduzieren hätten können, hat sich schon geschlossen. Stattdessen haben die Politiker mit Zustimmung der Bevölkerungen den gegenteiligen, schon gewohnten Kurs gewählt: Die stetige Steigerung des Ausstoßes der Treibhausgase, die stetige Steigerung des Wohlstandes, der Industrieproduktion und des Konsums und damit die stetige Steigerung von Kohlendioxid in der Erdatmosphäre. 

Vertrauensverlust

Die Pandemie-Krise hatte eine Ähnlichkeit mit der alles umfassenden Klimakrise, dass sie global war und keine vergleichbaren Vorläufer hatte. Es gab also keine Erfahrungen für das Management einer solchen Krise in komplexen Gesellschaften, deshalb wurde in vielen Staaten aus einer Gesundheitskrise eine gesellschaftliche Krise mit viel Verunsicherung und Verwirrung. Die politischen Verantwortlichen verloren durch die Fehler im Pandemiemanagement bei vielen Bürgern an Vertrauen, und damit wurden auch die politischen Systeme, die sie repräsentierten, in Zweifel gezogen. Der Zuwachs an antidemokratischen Strömungen ist eine Folge der Infragestellung der Demokratie und stellt eine zusätzliche Belastung für das Management der Klimakrise und der daraus resultierenden Katastrophen dar. Denn ähnliche Kritikpunkte, mit denen populistisches Kleingeld gesammelt werden kann,  zeichnen sich schon jetzt ab. Wenn erst handfeste Probleme mit Überhitzung, Austrocknung, Meeresspiegelanstieg usw. in der engeren Umwelt auftauchen, scheint eine gesellschaftliche Radikalisierung unvermeidlich. Doch können keine politischen Proteste oder krude Verschwörungstheorien den Klimawandel aufhalten, vielmehr ist ihm eine zerstrittene Gesellschaft noch viel wehrloser ausgeliefert als eine homogene, die mit geeintem Willen und mit dem Augenmerk auf soziale Gerechtigkeit und ökologische Verträglichkeit mit den Krisenfolgen umgeht.

Die vergleichsweise harmlose Corona-Welle hat zu enorm vielen Ängsten und daraus stammenden Verschwörungstheorien geführt und für einen Zulauf zu rechten und rechtsextremen Gruppen und Parteien gesorgt. So ist damit zu rechnen, dass bei noch massiveren Krisenerscheinungen noch mehr gesellschaftliche Polarisierungen auftreten werden. Je stärker die Betroffenheit ist, desto mehr Ängste entstehen, und desto mehr irrationale Reaktionen werden auftreten. Die Frontlinien, die dann die Gesellschaft auseinanderreißen können, sind von cleveren Parteimanagern schon markiert, die Schützengräben werden fleißig ausgehoben.

Zwanghaftes Wachstum

Wir müssen aus der Zwangsfixierung auf materielles Wachstum heraus, je früher, desto besser. Sie führte uns direkt in die Klimakatastrophe und verschärft sie kontinuierlich. Sie hat keine Zukunft, denn der Planet verfügt nur über begrenzte Ressourcen, und wenn die Wirtschaft weiterläuft wie bisher, wird irgendwann das Wachstumssystem kollabieren. Es verspricht uns kurzfristig eine scheinbare Atempause, während es in Wirklichkeit die Entwicklung beschleunigt. Es sägt zunehmend und zuverlässig den Ast ab, auf dem wir sitzen und auf dem auch zukünftige Generationen einigermaßen bequem sitzen möchten. 

„Der Kapitalismus kann ebenso wenig überredet werden, das Wachstum zu begrenzen, wie ein Mensch überredet werden könnte, mit dem Atmen aufzuhören.“ (Murray Bookchin)

Der ideologische Treibsatz hinter dem kapitalistisch-neoliberalen Wirtschaftssystem hat eigentlich schon lange ausgedient, denn er hat inzwischen genug angerichtet.  Er ist dennoch fix in unseren Gehirnen in ihren Belohnungs- und Bestrafungszentren verankert. Er wird tagtäglich durch die Selbstbetätigungen verstärkt, die wie rundum laufende Mantren in der Leistungs- und Stressgesellschaft, im Bildungssystem und in den Medien bis hin zur Unterhaltungsindustrie eingepflanzt sind und uns als Ohrwürmer plagen: „Leiste mehr, besser, schneller, dann kriegst du deine Belohnung.“

Mit dem Mitspielen aufhören

Es liegt an uns, ob wir der Wachstumsideologie noch länger dienen und uns ihr und ihren Zwängen wider besseres Wissen unterwerfen. Wir haben die Wahl, uns immer wieder aus den diversen Hamsterrädern auszuklinken, indem wir uns auf das besinnen, was uns wirklich wichtig ist, und da werden wir kaum darauf stoßen, dass uns die Anhäufung von noch mehr Gütern ein Hauptanliegen ist. Wir brauchen also die Kraft unserer Bewusstheit, die uns darauf aufmerksam macht, wann wir uns im Bann des Wachstumswahns befinden. Sie ist es, die uns zu uns selber zurückführt. Der Atem ist eine wichtige Unterstützung für die Bewusstheit, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Er befreit uns vom Stress und bringt uns zum inneren Gleichmut. Er gibt uns die Gewissheit, dass wir unsere Selbstachtung behalten können, wie auch immer sich die Lebensumstände ändern werden.

Wir sollten darauf achten, unsere Energien nicht zur Bewältigung von Stress zu verbrauchen, den wir uns infolge der Anstiftung des wahnhaften Leistungssystems selber machen. Entledigen wir uns des Getriebenseins, der Ruhelosigkeit und suchen wir den Frieden in uns, mit der Hilfe einer entspannten Ausatmung und mit der Bewusstheit auf die Ressourcen, die uns das Leben geschenkt hat, im Inneren wie im Außen. Wir brauchen alle unsere Kräfte, um das zu tun, was notwendig und richtig ist. Hören wir auf, mitzuspielen in einer Stressmaschine, die uns ausbeutet und abhängig machen will. Hören wir auf, uns Gier und Menschenverachtung einprägen zu lassen durch eine Lebensweise, mit der wir weit über unsere globalen Möglichkeiten hinaus konsumieren und unsere Nachfahren mit den Folgen belasten. Weiten wir unseren Horizont, indem wir die Welt als Ganze im Blick behalten und in unserem Handeln nach dem streben, was das Beste für dieses Ganze ist und in unseren Möglichkeiten liegt. 

Dieser Artikel ist inspiriert von Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur (Berlin-Verlag 2023)

Zum Weiterlesen:
Krisen und Krisenresilienz
Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?
Ausstieg aus dem Funktionsmodus
Funktions- und Flussmodus
Funktional und fließend wahrnehmen
Geschehenlassen und Funktionieren
Tun und Geschehenlassen


Montag, 27. März 2023

Der plötzliche Tod und die moderne Lebensweise

Ist der plötzliche Tod ein Phänomen der Neuzeit und eine Folge der Beschleunigung, die stattgefunden hat? Sicher hat es schon früher plötzliche Todesfälle gegeben, durch Unfälle, Gewalteinwirkung oder durch Herzstillstand. Aber es könnte sein, dass diese Todesart zugenommen hat, so wie auch die allgemeine Geschwindigkeit zugenommen hat. 

Der Verkehrstod 

90 % der Todesfälle durch Unfall geschehen im Straßenverkehr. Die rasante Zunahme der Verkehrstoten hat in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht dazu geführt, dass die Geschwindigkeit der Autos reduziert wurde, sondern dass die Fußgänger und Radfahrer von den Straßen verdrängt wurden. Einschränkungen müssen die potenziellen Opfer auf sich nehmen, nicht die möglichen Täter in ihren schweren Fortbewegungsmaschinen. 

Priorität genießt also die Schnelligkeit, und jeder, der sie stört, wird von den privilegierten Verkehrsflächen verbannt. Das Geschwindigkeitsprinzip im Sinn des expandierenden Kapitalismus hat zur Bevorzugung der schnellen Verkehrsmittel vor den langsameren Verkehrsteilnehmern geführt, und es ist bis heute wirksam. Die Verantwortung für den schnellen Verkehrstod wird damit von den schnelleren und damit lebensgefährlicheren Fortbewegungsmitteln auf die langsameren übertragen. 

Die Anzahl der Verkehrstoten weltweit übertrifft regelmäßig die der Todesfälle durch Kriege, Genozide und Terrorüberfälle bei weitem, und dabei sind diejenigen, deren Leben durch indirekte Folgen des Verkehrs verkürzt wird, z.B. durch Luftverschmutzung, gar nicht mit einberechnet. Miteinbezogen, würden sich die Todesfälle durch Verkehr verdreifachen. Die Beschleunigung fordert ihren Preis, und mit ihr steigen die plötzlichen Todesfälle. Der Tod hält offensichtlich Schritt mit der allgemeinen Zunahme der Schnelligkeit. 

Wir alle wünschen uns einen sanften, langsamen Tod. Wie das schöne Wort besagt, wollen wir friedlich entschlafen, nachdem wir uns von unseren Nächsten verabschiedet haben. Doch führen wir unser Leben so, dass wir alles tun, um dieses Ziel nicht zu erreichen. Wir beschleunigen, wo es nur geht, treiben uns an zu mehr und effektiverer Leistung, haben das Gefühl, dass wir nirgends nachlassen dürfen und meinen, dass auch nur kurzzeitige Untätigkeit der Anfang allen Lasters ist. Wir pumpen immer mehr Energie in alle Abläufe unseres Lebens und sorgen immer weniger für deren Regeneration und Nachhaltigkeit. Wir betreiben Raubbau an uns selbst, nicht nur an den natürlichen Ressourcen um uns herum. Wie also soll unser Leben organisch ausklingen, wenn wir bis zum Äußersten unorganisch leben?  

Krieg und Tod 

Plötzliche Tode gab es in allen Kriegen, aber die Technik, die immer mehr die Kriegführung übernimmt, führt zu immer raffinierteren Formen des Tötens, wo mit einem Atombombenabwurf auf einen Schlag hunderttausende Menschen den plötzlichen Tod finden. Raketen werden abgeschossen und landen in Wohnblöcken, in denen viele Menschen ihren sofortigen Tod finden. Der Einsatz von moderner Tötungstechnik fördert die Anonymisierung des Tötens: Der Töter steht dem Getöteten nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber, sondern drückt auf einen Knopf, das Geschoß nimmt seinen Lauf und findet selbstgesteuert sein Ziel, das es sofort vernichtet. Damit fallen viele Tötungshemmungen weg. Der plötzliche Tod wird zum dauernden Begleiter aller Menschen, die in einem Kriegsgebiet leben. Jede Kriegspartei versichert zwar, dass sie nur deshalb tötet, weil damit das Töten schneller beendet werden kann, aber das Einzige, was diese Todeslogik bewirkt, ist ein noch schnelleres und häufigeres Töten. 

Krankheiten der Zivilisation 

Herzinfarkte waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch für 10% der Todesfälle verantwortlich; zur Jahrtausendwende waren es in den Industrieländern bereits 50%. Diese Anstiege werden zwar mit der gestiegenen Lebenserwartung erklärt; ein Zusammenhang mit der zunehmend hektischeren Lebensweise („der Puls der Zeit schlägt immer schneller“) und dieser Form des raschen Todes drängt sich aber auf.  

Die Corona-Pandemie hat nicht nur gezeigt, wie rasant sich eine Krankheit in der modernen Gesellschaft über Länder und Kontinente ausbreitet. Sie hat auch zu einer Beschleunigung des Sterbens vor allem bei vorbelasteten Menschen geführt. Vor allem die ersten Varianten dieses Virus haben die Intensivstationen in unseren hochentwickelten Gesundheitssystemen sehr bald nach dem Ausbruch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt. Die Entstehung und die Verbreitung des Virus, wie auch immer sie passiert ist, ist ohne die Beschleunigungsvorgänge in unseren Gesellschaften schwer vorstellbar. Das Virus erscheint wie ein Ausdruck der Unbewusstheit, mit der die selbst- und naturausbeutende Lebensweise unserer Industriekultur in rasendem Tempo vorangetrieben wird.  

Die Todesverdrängung 

Die Kehrseite der Todesverdrängung, die in allen Beschleunigungsanstrengungen wirksam ist, liegt in immer neuen Formen des plötzlichen Todes, die durch diese Lebensweise in der einen oder anderen Form hervorgerufen werden. Wir entrinnen unserem Ende nicht, so sehr wir uns auch beeilen, all das zu erledigen, was sich immer wieder von neuem auftut, um erledigt zu werden. Es scheint sogar, als würde dieses Ende umso abrupter kommen, je mehr wir ihm mit unserer Hast und mit unserem Vollstopfen der uns noch verbliebenen Zeit entkommen wollen. 

Zum Weiterlesen:

Die Langsamkeit der Natur
Alles zu seiner Zeit: Ungeduld in der Therapie
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Ungeduld beim inneren Wachsen
Die Geschwindigkeitssucht
Langsamer ist schneller


Freitag, 28. Oktober 2022

Krisen und Krisenresilienz

Im vorigen Artikel war die Rede von Störungen im Alltag. Es gibt Störungen, die von Dauer sind, ohne dass wir uns an sie gewöhnen können, und die wir als sehr heftig erleben. Wir nennen sie dann Krisen. Es sind Anhäufungen von Störungen, die unsere Verarbeitungskapazitäten überschreiten. Persönliche Krisen entstehen durch Krankheiten oder psychische Überlastungen wie z.B. beim Burnout. Gesellschaftliche Krisen entstehen, wenn eine Gesellschaft mit den Herausforderungen nicht mehr zu Recht kommt, die an sie gestellt werden und viele Individuen darunter leiden.

Krisen sind also massive Enttäuschungen von Erwartungen. Sie erschüttern eingeübte Lebensgewohnheiten und unterbrechen ritualisierte Abläufe, was verunsichert und als sehr belastend erlebt wird und Stress erzeugt. Zukunftsbilder und Pläne müssen über den Haufen geworfen werden, und sie zerplatzen wie Seifenblasen. Die Menschen fühlen sich ausgeliefert und ohnmächtig, ohne Chance, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.

Die Pandemie als Krise

In der Pandemiezeit sind viele in Krisen gestürzt – Ängste um die eigene Gesundheit und die von Angehörigen, Ängste um den Beruf und die Ausbildung, Verlustängste wegen abgeschotteter und unterbrochener Beziehungen. Dazu kamen und kommen die von Verschwörungstheorien, Halbwahrheiten und verzerrten Forschungsergebnissen erzeugten und geschürten Ängste, die das Krisenbewusstsein zusätzlich aufgeladen haben. Viele Menschen mussten viele ihrer Gewohnheiten aufgeben und auf viele Selbstverständlichkeiten des täglichen Lebens verzichten. Diese massiven Enttäuschungen und Verunsicherungen haben Depressionen ausgelöst und zu anderen psychischen Symptomen geführt. Denn wir greifen in Krisen auf unsere Überlebensprogramme zurück. Da sie uns schon irgendeinmal geholfen haben, sollen sie uns auch jetzt mehr Sicherheit verschaffen. Sie engen allerdings unsere Flexibilität und unsere Kreativität ein und schneiden uns von unserem lösungsorientierten Potenzial ab, sodass wir erst recht nicht mit den Herausforderungen der Krise zurande kommen. 

Traumaketten

Alle Krisen docken zusätzlich an das kollektive Krisengedächtnis an, sodass die aktuellen Ängste durch vergangene Ängste verstärkt werden. Die subjektive Krisenresilienz, also die individuelle Fähigkeit, mit Krisen konstruktiv umgehen zu können, hängt sehr von der eigenen persönlichen Vorgeschichte ab. Je mehr Traumatisierungen in der eigenen Geschichte vorgekommen sind, desto verletzbarer und infizierbarer ist das Bewusstsein für aktuelle Krisenbelastungen. Außerdem dringen Verschwörungsgeschichten und vereinfachende Erklärungstheorien leichter in den Innenraum ein und vermindern die Fähigkeit zur adäquaten Wirklichkeitswahrnehmung. Die Personalisierung von komplexen Zusammenhängen, die Fixierung auf Retter und Bösewichte und einfache Schwarz-Weiß-Schemata vermitteln zwar eine gewisse kognitive Orientierung, die einigermaßen Sicherheit gibt, aber sie hilft in der Praxis nicht weiter, weil sie auf realitätsfremden Annahmen und Schlussfolgerungen beruht.

Große Zerstörungen, große Chancen?

Die Krisenbelastungen in Kriegsgegenden sind natürlich noch viel höher und hinterlassen deshalb enorm tiefere Spuren im kollektiven Gedächtnis der betroffenen Länder und der Menschheit insgesamt. Aber selbst beim düsteren Szenario des Ukrainekrieg gibt es Perspektiven der Hoffnung: Vielleicht wird der furchtbare Ukrainekrieg zum wichtigsten Wendepunkt in der Geschichte des gepeinigten Landes und führt es in eine lichtvollere Zukunft? Vielleicht führt der Krieg in Russland zu neuen Entwicklungen für mehr Demokratie und Meinungsfreiheit?

Der erste Weltkrieg mit seinen Millionen an Todesopfern hat zur Gründung der ersten internationalen Staatenvereinigung und der zweite Weltkrieg mit noch viel mehr Opfern und Zerstörungen zur Gründung der UNO geführt. Die verheerenden Erfahrungen mit den beiden Hauptkatastrophen des vergangenen Jahrhunderts haben bei vielen Menschen eine zuvor noch nie gekannte Friedensbereitschaft wachgerufen und die Ächtung des Krieges zu einem ethischen Standard gemacht. 

Lernchancen

Krisen enthalten große Lernpotenziale, die nach dem Überstehen der Krisenzeit genutzt werden können. Wir werden uns zwar nie mit den angerichteten Zerstörungen und geopferten Menschenleben abfinden können – die tiefen Spuren des vergossenen Blutes sind unauslöschlich in unser kollektives Gedächtnis eingesunken. Wir können aber unsere Energien darauf bündeln, die Chancen, die in einer überwundenen Krise enthalten, zu nutzen, um die Menschheit zu mehr Menschlichkeit weiterzuentwickeln.

Das Lernen durch die Pandemie

Die Pandemie hat nicht nur bei vielen Menschen und in vielen Bereichen die digitalen Fähigkeiten verbessert, sondern auch neue Einstellungen zur Gesundheit, zum Gesundheitswesen und zu den Gesundheitsberufen hervorgebracht. Es hat sich als gesellschaftlicher Konsens herausgebildet, dass der Wert jedes einzelnen Menschenlebens über betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzenrechnungen und über kapitalistische Gewinnerwartungen gestellt werden muss – oder: Die Ethik ist wichtiger und maßgeblicher als die neoliberale Ideologie.

Klima und Krisenbewusstsein

In Bezug auf die Klimakrise sind wir als Gesellschaft viel zu weit vom Krisenbewusstsein und damit von der Lernzone entfernt. Es braucht offenbar noch mehr und noch schlimmere Katastrophen, damit eine kritische Masse für substantielle Veränderungen entsteht. Viele Menschen sind erst dann bereit, ihr Leben zu verändern und gesellschaftliche und politische Änderungen zu fordern, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht – wie den Menschen in Bangladesch und Pakistan, wenn also die Krise an die eigene Haustüre klopft und sie die Bedrohung hautnah erleben müssen.

Zerstörung und Neubeginn

Krisen haben Ähnlichkeiten mit Geburtsprozessen. Das Alte wird zerstört und muss unwiederbringlich hinter sich gelassen werden. Vom Alten zum Neuen muss bedrohliche eine Krisenphase durchlaufen werden, ohne die das neue Leben nicht gewonnen werden kann. Es kann umgekehrt sein, dass wir Krisen nur deshalb als so belastend erleben, weil wir den krisenhaften Geburtsprozess durchlaufen haben und weil sich unser Unterbewusstsein an all die lebensbedrohlichen Situationen dieses dramatischen Ablaufs erinnert. Jede spätere Krise bringt die Ängste aus den früheren Krisen hoch – und aktiviert das Unterbewusste, noch mehr nach möglichen Gefahrenquellen zu fahnden, auch deshalb sind Theorien, die große Katastrophen ankündigen, bei traumatisierten Menschen besonders beliebt. 

Krisen fordern unsere Anpassungs- und Lernbereitschaft heraus und können, wenn sie zu intensiv erlebt werden (verstärkt durch Vorbelastungen), auch zur Lähmung und Resignation führen. Die Chancen, die in jeder Krise liegen und durch die neue Kräfte mobilisiert werden können, können nur genutzt werden, wenn es gelingt, die Macht der Ängste, die uns blockieren, zu überwinden und den Mut des Neuanfangens zu spüren. 

Krisenresilienz

Krisenresilient können wir nur werden, wenn wir einen stabilen Bezug zur äußeren Realität herstellen und aufrechterhalten können. Auf diese Weise gelingt es uns, die Ängste mit der Realität zu konfrontieren und unsere Handlungsmöglichkeiten nach ihrer Tauglichkeit und Umsetzbarkeit zu bewerten. Wir sollten unsere Befürchtungen durch Vertrauen und unsere Verzweiflung durch Hoffnung ersetzen. Wir sollten uns auf unseren Mut besinnen, der uns schon in vielen Situationen unseres Lebens weitergeholfen hat. Krisen sind Wendepunkte, und wenn wir sie in der richtigen Weise nutzen, können wir gestärkt aus jeder Krise hervorgehen.

Zum Weiterlesen:
Störungen zerstören Illusionen
Die Kraft der Zerstörung
Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?
Krisenängste und ihr Jenseits
Die Corona-Krise als Chance


Dienstag, 11. Januar 2022

Verschwörungstheorien und Normalitätsscham

Auch wenn es schon lange Verschwörungstheorien gibt und sie immer wieder einen mächtigen Einfluss auf die Gesellschaft und Geschichte ausgeübt haben – ich denke hier nur an die vielen Mythen, die zum Zweck der Entfachung der Judenfeindschaft seit dem Mittelalter erfunden wurden –, stehen wir doch in letzter Zeit in Zusammenhang mit der Pandemie stark im Bann dieses Phänomens. Was sich in der Debatte um den Klimaschutz und um die Regierungsführung des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump geoffenbart hat, wurde seit der Ausbreitung des Corona-Virus mittlerweile zum allgegenwärtigen Diskussionsthema. Denn ein Großteil der Gespräche, die die Menschen führen, dreht sich um die Pandemie, und dabei ist es kaum mehr möglich, Inhalte, die aus dubiosen Quellen stammen, zu vermeiden. Die Lage ist inzwischen so unübersichtlich, dass es einem Laien schwer möglich ist, hieb- und stichfeste, auf Fakten beruhende Aussagen zu treffen. Die Aufgabe, wissenschaftlich valide Erkenntnisse von Spekulationen und Extrapolationen aus Einzelbefunden zu unterscheiden, ist zwar notwendig, um sich in dem Feld orientieren und sinnvolle Positionen beziehen zu können, aber zeitaufwändig und mühsam.

Hier geht es um die Frage, warum Menschen dazu neigen, Verschwörungstheorien zu entwickeln bzw. ihnen Glauben zu schenken. Was treibt sie dazu, nicht den allgemein für verlässlich geltenden wissenschaftlichen Quellen zu vertrauen, sondern Einzelpersonen und Einzelmeinungen? Welche Rolle spielt die Scham in diesem Zusammenhang? Ich möchte für diesen Zweck den Begriff der Normalitätsscham einführen. Diese Schamform tritt auf, wenn sich jemand nicht wohl fühlt, wenn er sich als gewöhnlich, normal oder durchschnittlich wahrnimmt. Nichts Besonderes zu sein, ist schambesetzt; stolz kann man nur sein, wenn man auf etwas verweisen kann, was sonst niemand hat oder kann. Es gibt Menschen, die es brauchen, etwas Einzigartiges darzustellen und sich von allen anderen abzuheben. Es ist, als ob sie nur scheinen können, wenn Scheinwerfer auf sie gerichtet sind. Natürlich ist jeder Mensch auf seine Weise einzigartig, aber nicht alle brauchen den Beweis und die Bestätigung dafür, die den früher erlittenen Mangel an Bedeutsamkeit ersetzen sollen.

Die Angst vor der Durchschnittlichkeit

Wie hängt diese Schamform mit Verschwörungstheorien zusammen? Die Spur ist schnell gefunden. Denn ein wiederkehrendes Argument bei solchen Gedankengebäuden lautet, dass es zwei Wahrheitsquellen gibt: Den „Mainstream“ mit seinen gleichgeschalteten Medien einerseits, und das alternative Wissen mit seinen „alternativen Fakten“, das von der Mehrheitsmeinung unterdrückt wird andererseits. Die alternativen Wissensträger werden oft als Opfer dargestellt oder präsentieren sich selbst auf diese Weise: Sie werden nicht gehört, sie werden nicht zu Debatten oder zur politischen Entscheidungsfindung eingeladen, sie werden wegen ihrer Meinung gekündigt oder sogar verfolgt. Mit den Opfern eines anonymen „Systems“ identifizieren wir uns leicht, vor allem wenn wir eine Empfänglichkeit für die passive Opferscham und den korrespondierenden Opferstolz in uns tragen. 

Das Misstrauen gegenüber der Mehrheitsmeinung hat eine Verbindung zur Normalitätsscham. Was normal ist, verdient Skepsis, was aus der Norm fällt, ist interessant und lehrreich. Mit einer alternativen Sichtweise, die aus einem Eck kommt, das die Mehrheit übersieht, haben wir einen Vorteil und stehen besser da. Wir haben den Durchblick, der allein dadurch schon sinnhafter ist, dass er der Mehrheitsmeinung widerspricht.

Soweit haben wir es mit Gesetzmäßigkeiten der Wahrnehmungspsychologie zu tun: Das Seltene, nicht Vorhersehbare hat mehr Bedeutung als das Regelmäßige und Gewohnte. Wenn es irgendwo im Raum kracht, schauen wir hin und wollen wissen, was los ist. Es könnte ja eine Gefahr drohen. 

Ideologie und Scham

Aber die Theorien werden dann zur Ideologie, wenn sich die Scham einmischt. Sie muss abgewehrt werden und dann verwandelt sich eine einfache Wahrnehmungspriorität in eine zentrale innere Gestalt, um die herum sich ein Weltbild aufbaut. Dieses innere Bild ist emotional aufgeladen, weil es der Gefühlsabwehr dient. Diese Aufladung tarnt sich als Wichtigkeit und missionarischer Eifer, so als ginge es um Leben und Tod. Psychologisch betrachtet, wurde also eine Überlebensstrategie aktiviert: Ich habe den Schlüssel zur Überlebenssicherung gefunden und darüber muss ich jetzt alle informieren und überzeugen. 

Die Auserwählten und die Masse

Um den exklusiven Zugang zur Wahrheit zu verteidigen, wird die Mehrheit oft als dumm, ignorant und naiv dargestellt. Manchmal wird sie mit Schafen, denen irrtümlicherweise geringe Intelligenz zugebilligt wird, und mit Lemmingen verglichen, die sich einer Legende (die aus einem Disneyfilm stammt) zufolge massenweise in den Selbstmord stürzen. Die Gegner mit dummen Tieren zu vergleichen (auch wenn die Vergleiche den Tieren gegenüber unfair sind), bringt einen selber in die Position des überlegenen Vernunftwesens. Wer die allgemeinen Wahrheiten vertritt, hat Scheuklappen auf, ist das arglose Opfer von dunklen Machenschaften und macht sich zum nützlichen Idioten der Machteliten, die im Hintergrund alle Fäden ziehen. Der ganze Ruhm des Aufklärers der bösen Umtriebe fällt auf den, der aufdeckt, was im Verborgenen hinterhältig Schaden anrichten will. Der Stolz dessen, der alles durchschaut hat und es besser weiß als alle anderen, ist der psychische Lohn für den Verschwörungserfinder und für seine Gläubigen. Materiellen Lohn gibt es meist auch genug, wie diverse Recherchen herausgefunden haben. Es gibt viele reiche Leute, die solche Mythenbildner finanzieren, weil sie sich davon Vorteile für die eigene Reichtumsmehrung und die dafür notwendige politische Macht erwarten. In dieser Hinsicht sind also die Verschwörungsanhänger die willfährigen Erfüllungsgehilfen für diese Finanziers.

Religiöse Denkschablonen

Wenn die Allgemeinheit schon allein deshalb im Unrecht ist, weil sie die Mehrheit bildet, folgt daraus, dass das Heilswissen nur von einer Minderheit stammen kann. Eine Denkschablone, die in diesem Zusammenhang mitspielt, stammt aus der Religionsgeschichte: Die Erlösung kommt nie aus der normierten und bornierten Mehrheit (nicht von den „heuchlerischen Pharisäern“), sondern über Außenseiter, die angefeindet und z.T. verfolgt wurden, die aber der bornierten Mehrheit mutig den Spiegel vorgehalten haben. Alle großen Religionsgründer (Buddha, Christus, Muhammad) sind diesen Weg gegangen und haben Großes bewirkt.

Eine zweite religiöse Denkschablone ist die der Auserwählung. Esoterisches Wissen im ursprünglichen Sinn war ein solches, das nur einer eingeweihten Kleingruppe zugänglich war und nur im engsten Kreis weitergegeben werden durfte. Die, die an der Botschaft des Erlösers teilhaben, sind besonders begnadete Menschen, weil sie über ein exklusives Wissen verfügen. Sie unterscheiden sich von allen anderen Menschen, weil sie die Avantgarde darstellen: Sie sind in einen Bereich des Geheimnisses des Lebens eingedrungen, den sonst niemand kennt. Sie sind unter den vielen anderen die Auserwählten.

Die dritte Denkschablone besteht darin, dass die Wahrheit „einleuchtet“ und beim bloßen Anhören überzeugt. Sie ist einfach und braucht keine anstrengenden Studien, um verstanden zu werden. Alles, was nicht sofort intuitiv ankommt, weil es genaueres Nachdenken und komplexere mentale Fähigkeiten erfordert, kann nicht von Wert sein, sondern ist gedacht, die Menschen zu verwirren und in die Irre zu führen. Auserwähltes Wissen 

Ideologie und Wissenschaft

Allerdings geht es bei den Themen, um die sich die Verschwörungsmythen ranken, nicht um Religion, sondern um Gesundheit, Klimaentwicklung usw., also um Themen, die durch die wissenschaftlichen Forschungen erst in ihrer Dringlichkeit erkannt wurde und auf der Basis eines gesicherten Wissens gesellschaftlich gelöst werden müssen und nur auf dieser Basis gelöst werden können, wozu Ideologien und Religionen nichts beitragen können. Im Gegenteil: Alle ideologischen oder religiösen Einflüsse in diese Themen helfen nicht bei der Problemlösung, sondern verkomplizieren die Diskussion und verwirrten viele Menschen, wodurch die Probleme zusätzlich verschärft werden. 

Die Mythenerzähler greifen die Wissensbasis an, indem sie wissenschaftliches Wissen mit nichtwissenschaftlichem Wissen gleichsetzen bzw. sogar überordnen. Damit gibt es keine verbindlichen Standards mehr, mit denen freie Erfindungen und fakten- und evidenzbasierte Erkenntnisse unterschieden werden können. Und das ist auch das Ziel dieser Bestrebungen. Wissenschaftliches Wissen ist gewissermaßen der Hauptfeind der Verschwörungstheoretiker. Deshalb wird auch gerne behauptet, dass die Wissenschaftler von irgendwelchen Geldgebern gekauft sind und deshalb alle Studien und Forschungsergebnisse Fälschung und arglistige Täuschungen darstellen. Je mehr die Wissenschaften diskreditiert werden, desto leichter ist es, die eigenen Behauptungen am Meinungsmarkt durchzusetzen. Die Wissenschaften, die aus dem Zusammenwirken von Tausenden von Forschern bestehen, werden als Summe von Einzelmeinungen dargestellt – das ist ein wichtiger Teil, gewissermaßen der zentrale Hebel bei allen Verschwörungstheorien. Denn das Evidenzmonopol, das die Wissenschaften in der modernen Gesellschaft errungen haben (die es nicht geben würde, wenn es keine Wissenschaften gäbe), ist der natürliche Gegner aller Ideologien und Mythen. 

Natürlich treffen diese Aktionen die Wissenschaften nicht direkt, die weiter im Rahmen ihrer ausgefeilten Normen und Standards Forschung betreiben und die Forschungsergebnisse laufend weiterentwickeln und verbessern. Aber es betrifft die öffentliche Wirksamkeit der Wissenschaften und damit ihre Zukunft. Wenn große Teile der Gesellschaft zur Überzeugung gelangen, dass Wissenschaftler nur in ihre eigene Tasche wirtschaften und falsche und manipulierte Ergebnisse produzieren, dann macht es auch keinen Sinn mehr, die wissenschaftliche Forschung mit öffentlichen Geldern zu finanzieren. Außerdem sehen sich Regierungen zunehmend genötigt, alternative Wahrheitsbehauptungen ebenso in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen wie die Wissenschaften, weil sie ja die verschiedenen Bevölkerungsteile vertreten wollen und von diesen gewählt werden.

Der Kampf gegen die Komplexität

Es geht also Verschwörungstheoretikern darum, mehr Macht und Einfluss auf die Öffentlichkeit zu nehmen, und sie nutzen zur Mobilisierung ihrer Anhängerschaft die psychischen Mechanismen der Normalitätsscham. Sie wollen den wissenschaftlichen Konsens zerstören und rütteln damit an den Grundpfeilern der Moderne. Die Vereinfachungen, die typisch für solche Mythen sind (ein Bösewicht oder eine Gruppe von Verschwörern steckt hinter allem Übel, ein Wissenschaftler weiß alles besser als all die anderen…), fachen die Hoffnung an, dass wir mit den Mitteln des vormodernen Denkens die Probleme der Gegenwart lösen können. Die Realität belehrt uns permanent eines anderen: Die Zusammenhänge sind komplex, und deshalb sind auch die Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, um die Probleme zu lösen, komplex.

Das aktuell grassierende Virus ist ein Lehrmeister für die Komplexität, weil es zwar eines der einfachsten Lebewesen ist (es weist nicht einmal alle Eigenschaften eines Lebewesens auf), aber durch seine Mutationsfähigkeit laufend neue Bedingungen schafft. Die Erforschung dieser Variationen und ihrer Auswirkungen muss laufend evaluiert und aktualisiert werden, und das geht nur, wenn Tausende von Wissenschaftlern zusammenarbeiten, die es gewohnt sind, komplex und vernetzt zu denken. Sie präsentieren dann die Erkenntnisse, und die Politiker müssen dann in Verbindung mit den Komplexitätsforschern und anderen Experten ihre Entscheidungen treffen. Die Menschen, die an die Mythen glauben statt an die Komplexität der Wirklichkeit, sind dann misstrauisch, wenn sie sich auf komplexe Bedingungen einstellen müssen, die zudem immer wieder angepasst und verändert werden. Verschwörungswissen ist stabil, Wirklichkeitswissen muss flexibel sein, weil sich die Wirklichkeit dauernd verändert. Verschwörungswissen ist emotional, Wirklichkeitswissen ist nüchtern. Dem Virenproblem und auch den anderen großen Herausforderungen der Menschheit werden wir nicht mit starrem und emotional geladenem Wissen Herr. Vielmehr müssen wir uns der Komplexität stellen, mit einem forschenden und lernenden Geist und nicht einem, der auf Gefühlserlebnisse und Auserwähltheitsfantasien ausgerichtet ist.

Zum Weiterlesen:
Angstkonditionierung und Corona-Reaktion
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Komplexe Themen und komplexes Denken
Impfen, Wissen und Wissenschaft


Freitag, 20. August 2021

Aufklärung in Zeiten einer Pandemie

Bringt die aktuelle Krisensituation der Pandemie Fortschritte oder Rückschritte in Bezug auf das Projekt der Aufklärung? Die Befunde sind ambivalent, da sich neue Allianzen gebildet haben – Interessensgruppen, in denen sich politisch links und politisch rechts denkende Menschen zusammenfinden, in denen sich progressive und konservative Denkweisen überschneiden, in denen liberale und gegenaufklärerische Argumenten gleichermaßen vertreten werden. Damit die aus meiner Sicht für eine gedeihliche Weiterentwicklung der Menschheit Schlüsselrolle der Aufklärung vor manipulativen Zweckentfremdungen, Verzerrungen und Irreführungen frei bleibt, ist es wichtig, klar unterscheiden zu können, wo die Aufklärung an ihre Grenzen stößt und auf manipulative Weise Partikularinteressen für Allgemeininteressen ausgegeben werden.

Das Vermächtnis der Aufklärung  

Unter der Aufklärung verstehe ich das Unterfangen, die zwischenmenschlichen Angelegenheiten mit Hilfe der Vernunft zu regeln. Die Aufklärung ist im 18. Jahrhundert angetreten, allgemeine Freiheitsrechte, kritisches Denken und autonome Handlungsräume durchzusetzen. Die Menschen sollten ihr Leben nach selbstgewählten Grundsätzen und Werten ausrichten und gegenseitig respektieren. Außerdem sollten sie zu einem Diskurs fähig sein, in dem sich die besseren Argumente durchsetzen, wobei besser hier heißt, dass sie mehrheitsfähiger sind, also von möglichst vielen Menschen akzeptiert werden können. Dazu dient der konstante Bezug auf die Fakten, auf das, was der Fall ist, sprich auf die Wirklichkeit, die unabhängig von den Menschen besteht oder die sich in ihrem eigenen Innenleben befindet. Die Aufklärung ist untrennbar mit den Wissenschaften verbunden, die eine Form des Wissens zur Verfügung stellen, das prinzipiell von jedem Menschen nachgeprüft werden kann und damit der individuellen Willkür entzogen ist. Dieses Wissen soll mit Hilfe der wissenschaftlichen Selbstkontrolle, soweit es geht, vor dem Zugriff der Macht geschützt bleiben und allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Aber nicht nur das Wissen unterliegt einer intersubjektiven Reflexion, also einer kritische Überprüfung, sondern das ganze Programm der Aufklärung braucht immer wieder die selbstreflexive Infragestellung der eigenen Positionen, um sie an die Erfordernisse der jeweiligen historischen Situation anzupassen. Was Aufklärung heißt und ist, muss fortlaufend aktualisiert werden.

Die Vernunft ist, wie aus dem Vorigen folgt, das Vermögen, nicht aus der beschränkten Eigenperspektive, sondern aus der Perspektive möglichst vieler anderer Menschen zu denken, zu argumentieren und zu handeln. Sie erfordert die Fähigkeit, die eigenen Überlebensmuster zu überschreiten und die damit verbundenen Ängste und Egoismen zu distanzieren, sodass sie sich nicht in das Denken, Urteilen und Handeln einmischen. Vom Standpunkt der Vernunft aus können wir zu Einsichten kommen, wie die Geschicke der Menschheit so gestaltet werden können, dass sie mehr dem Menschsein entsprechen, also dem, was die Menschen in ihrem Inneresten ausmacht und was sie aus diesem Inneren heraus wollen und anstreben.

Immanuel Kant hat darauf verwiesen, dass die Aufklärung den Mut benötigt, um praktisch werden zu können, um also in die Gesellschaft eingreifen zu können. Wir können darunter die Fähigkeit verstehen, die eigenen Ängste zu kennen, zu verstehen und sich davon frei zu machen. Mutige Menschen handeln geleitet von ihren Werten und Zielen, ohne sich von ihren Ängsten einschränken und bremsen zu lassen. Der Mut umfasst auch die Fähigkeit zur fortlaufenden Überprüfung und selbstreflexiven Kritik der eigenen Werte und Normen.

Vernunft in Krisenzeiten

Jede Krisensituation fordert dazu heraus, praktische Lösungen umzusetzen. Bei einem Feuer müssen zuerst die Menschen gerettet werden. Sodann muss das Feuer eingedämmt und gelöscht werden. Es sind aber auch Vernunftsgesichtspunkte notwendig, wie aus der Krise gelernt werden kann, damit sie sich nicht wiederholt, zum Beispiel: Wie ist ein vernünftiger Brandschutz machbar?

Wir leben in einer nun schon länger andauernden Krisensituation infolge der Corona-Pandemie. Sie hat vor allem in unseren Ländern mit ihren hohen Sicherheitsstandards und ausgeklügelten Mechanismen der Risikominimierung zu großen Verunsicherungen geführt. Für andere Weltteile, in denen die Grundunsicherheiten von vorn herein wesentlich höher sind, ist die Bedrohung durch den Virus nur eine von vielen anderen Herausforderungen, die tagtäglich bewältigt werden müssen.

Wissenschaften und Laien

Wir hingegen können uns auf dem relativ hohen Niveau des Krisenmanagements eine verzweigte Vernunftdebatte leisten. Die kritische Funktion der Vernunft wird genutzt, um die Maßnahmen, die die Behörden zur Eindämmung der Seuche unternehmen, zu überprüfen. Es gibt viele Infragestellungen, die die Wissenschaftlichkeit der Virusforschung und der Impfstoffforschung in Zweifel ziehen. Diese Diskussionen müssen im Rahmen der Wissenschaften ausgefochten und erledigt werden, was auch fortwährend geschieht.

Die Einmischung von Laien, die nur die Ansichten bestimmter Wissenschaftler, die aus dem wissenschaftlichen Mainstream ausscheren, oder verkürzte Interpretationen von wissenschaftlichen Ergebnissen wiedergeben und propagieren, ist hier nicht hilfreich und kippt schnell in emotionalisierte Debatten voll von ideologischen Einschüben. Ideologien entstehen häufig aus absolut gesetzten relativen wissenschaftlichen Erkenntnissen – aus vereinzelten Forschungsergebnissen werden ohne genaue Prüfung Wahrheiten geschmiedet, die keinen Widerspruch zulassen. Damit wird augenscheinlich die Orientierung an den Idealen der Aufklärung verlassen und die Basis für gleichrangige und konstruktive Diskussionen zerstört.

Grund- und Freiheitsrechte

Eine andere Richtung der Kritik zielt auf die Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte durch die Maßnahmen in der Pandemie-Bekämpfung. Sie beziehen sich auf die Individualfreiheiten, die durch die Aufklärung verankert wurden und ins allgemeine Selbstverständnis westlicher Bürger übergegangen sind. So viel Freiheit wie möglich, so wenig Einschränkungen wie notwendig, das ist die liberale Freiheitsnorm, die der menschlichen Selbstentfaltung möglichst viel Raum garantieren will. Jede Einmischung des Staates in diese Freiheitsrechte muss hieb- und stichfest sein, ansonsten drohen diktatorische Zustände.

Und hier scheiden sich die Geister: Darf der Staat vorschreiben, dass seine Bürger bei bestimmten Gelegenheiten Masken tragen müssen? Den verantwortlichen Vertreter der Staatsmacht obliegt es in diesem Zusammenhang, die Rechtsgüter abzuwägen – der Schutz der Menschen vor Ansteckung und Krankheit gegen die Beschränkung der Freiheit. Solche Entscheidungen können in einer Demokratie auf ihre Verfassungsgemäßheit geprüft werden, bzw. können die Entscheidungsträger bei einer Wahl ihre Posten verlieren. Der Disput über die Sachgemäßheit von solchen Abwägungsentscheidungen ist wichtig, und abweichende Meinungen müssen gehört und besprochen werden. Allerdings ist es auch vernünftig und notwendig, zu akzeptieren, wie die Regeln sind, auch wenn die eigene Meinung nicht durchgesetzt werden konnte. Sonst manövriert man sich an den Rand der Gesellschaft – und fühlt sich ausgegrenzt, obwohl die Verantwortung dabei bei einem selbst liegt. Manche geraten aus diesem Grund in eine radikale und aggressive Verweigerungshaltung dem Staat gegenüber.

Freiheit und Zwang

Darf der Staat bestimmte Personengruppen oder alle dazu zwingen, sich impfen zu lassen? Allerdings darf und muss der demokratische Staat das, was an Gesetzen von der Mehrheit des Parlaments beschlossen wird, durchsetzen, solange es verfassungskonform ist. Nicht alle müssen zustimmen, aber alle müssen sich an die Regeln halten, oder sie nehmen bewusst Sanktionen in Kauf. Rebellen gegen Gesetze hat es immer gegeben, sie machen darauf aufmerksam, dass es eine Minderheit gibt, die mit bestimmten Maßnahmen nicht einverstanden ist. Aber sie haben mit ihrer Haltung nicht automatisch recht, bloß weil ihre Sichtweisen von der Mehrheit nicht geteilt werden. Ihre Argumente und ihre Kommunikationsmöglichkeiten waren nicht stark genug, um im Konzert der Meinungen erfolgreich zu sein.

Es gibt keine Gesellschaft, die ohne Zwang auskommt. Jedes Zusammenleben erfordert die Einschränkung der eigenen Bedürfnisse und Interesse zugunsten des Gemeinsamen. Komplexere Gesellschaften brauchen komplexere Regeln, und deren Einhaltung muss erzwungen werden, wenn sie nicht freiwillig vollzogen wird. Sonst überwältigen die Einzelinteressen das Gemeinsame, und ein chaotisches Jeder-gegen-jeden bricht aus.

Allerdings ist es weder klug noch vernünftig, wenn eine demokratisch gewählte Regierung den Bogen überspannt und zu viel Zwang ausübt. Es geht immer auch um die Verhältnismäßigkeit zwischen dem Ausmaß an Freiheitseinschränkung und dem dadurch erhofften allgemeinen Gewinn für das Gemeinwohl. Die kritischen Stimmen der Betroffenen dienen als wichtige Rückmeldungen für den schwierigen Kurs des Regierens und Verwaltens in Krisenzeiten.

Der Wirklichkeitsbezug

Über Richtigkeit oder Falschheit von Behauptungen entscheidet deren Wirklichkeitsbezug: Wieweit beruht er auf allgemeinen, von allen nachvollziehbaren Erkenntnisbedingungen, oder wieweit sind diese subjektiv begründet und gefühlsgesteuert?

Die Pandemie-Gegner treten gerne mit dem Pathos der Aufklärung auf, manchmal sogar mit dem der Weltrettung vor dem Bösen. Sie verlassen das Terrain der Aufklärung aber dort, wo sie ihre Botschaften nicht auf abgesichertes Wissen stützen, sondern auf Einzelmeinungen, die dann mit dem eigenen „Gefühl“ als wahr erklärt werden. Gefühle sind keine Basis für die Aufklärung, sondern für die Verdunkelung. Denn Gefühle lassen keine Argumentation zu, sondern sind einfach, wie sie sind. Sie haben nicht die Aufgabe, komplexe Themen zu klären. Sie sind nicht dafür da, allgemeine, für alle Menschen gültige Prinzipien zu finden. Gefühle haben ihre eigene Komplexität, die mit ihrer engen Anbindung an die eigene Lebensgeschichte stammt. Deshalb sind sie immer nur subjektiv gültig und real. Ihr Dasein und ihr Wahrheitsanspruch ist auf das erlebende Subjekt beschränkt.

Die Wahrheit, um die es der Aufklärung geht, soll gerade nicht subjektiv sein, sondern eine über die Individuen hinausgehende Gültigkeit haben. Der Anspruch der Aufklärung erstreckt sich auf alle Menschen, oder, wie Kant es ausgedrückt hat, auf alle vernunftbegabte Wesen. Sie beruht deshalb auf einem rationalen Fundament, also auf sprachlich formulierbaren Gedanken, die im herrschafts- und gewaltfreien Diskurs eine intersubjektive Verständlichkeit anstreben.

Gefühle in der Politik

Gefühle spielen eine wichtige Rolle in der Politik, und die Aufgabe der Aufklärung liegt gerade darin, diese Rolle zu analysieren und zu thematisieren. Denn sie werden häufig zum Zweck der Durchsetzung von Machtinteressen instrumentalisiert. Das ist eine der klassischen Strategien von Demagogen und Populisten, also von Leuten, die nicht mit Hilfe der Aufklärung, sondern gegen sie Politik unter Verwendung von Manipulation betreiben wollen.

Wo also auch in den aktuellen Debatten um die Pandemie Gefühlsimpulse für rationale Argumente ausgegeben werden oder hinter diesen verborgen bleiben, gilt es, das aufklärerische Denken einzusetzen. Mit seiner Hilfe können wir zuordnen, was im Rahmen der Rationalität geredet, argumentiert und geschrieben wird und was in die Bereiche der Gefühlsökonomie, also der inneren Auseinandersetzung eines Menschen mit sich selbst gehört. Auf diese Weise bleibt das Anliegen der Aufklärung gewahrt und wird nicht mit anderen Argumentationsebenen oder Behauptungsszenarien vermischt.

Die Bewahrung der Aufklärung

Wir sollen und können unsere unterschiedlichen Ansichten und Meinungen haben und können uns sollen sie auch äußern. Die Meinungsfreiheit ist ein wichtiges Anliegen der Aufklärung. Um aber unser Zusammenleben zu erleichtern und die öffentlichen Diskurse in einem konstruktiven Rahmen ablaufen zu lassen, ist es notwendig, die Quellen und Hintergründe unserer Standpunkte zu berücksichtigen und Fakten (empirische Daten), wissenschaftlich gewonnenes Wissen und subjektive Schlussfolgerungen und Extrapolationen voneinander zu unterscheiden. Wir brauchen das Verständnis für die subjektiven Anteile, die in unser Verständnis von Objektivität einfließen und die Bereitschaft, unsere Subjektivität beiseite zu stellen, wenn wir in die Diskurse einsteigen.

Feindbilder und Vorurteile tragen wir alle in uns, aber wenn wir deren Ursprünge mit dem Verständnis der früh gebildeten Prägung unserer Gefühlsmuster entdeckt haben, können wir sie auflösen oder zumindest abschwächen, sodass sie sich dann nicht mehr in die Verzerrung faktischer Erkenntnisse und in unsere Gespräche mit unseren Mitmenschen sowie in alle anderen öffentlichen Äußerungen einmischen. Die Selbstreflexion beinhaltet die Fähigkeit, uns selber ein Stück zurückzunehmen. Das kommt uns zu Hilfe, wenn wir uns bemühen, die gemeinsamen Anliegen weiterzuentwickeln.

Zum Weiterlesen:

Krisenängste und ihr Jenseits
Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion
Von der Angst zur Ethik
Angstkonditionierung und Corona-Reaktion