Sonntag, 30. April 2017

Innere Grenzen und ihre Erweiterung

Inneres Wachstum bedeutet, dass wir neue Räume in uns betreten, kennenlernen und bewohnbar machen. Mit jeder Neubesiedelung erweitern wir unsere Möglichkeiten und gewinnen spezielle Ressourcen, die es nur in diesen Räumen gibt. Wir können diesen Prozess auch so beschreiben, dass wir Teile von uns, die uns fremd geworden sind, wieder erschließen und zu uns nehmen. Auf diesem Weg finden wir mehr und mehr zur Ganzheit dessen, was wir sind.

Dabei stoßen wir auf Grenzen, die dort entstanden sind, wo uns alte Erfahrungen zur Vorsicht mahnen: Geh dort nicht hinein, es lauert etwas Schlimmes auf dich. Also brauchen wir den Mut, mit dem wir die Schwelle überwinden können. Er sagt: Auch wenn es gefährlich ist, bin ich bereit, das Risiko einzugehen, weil ich meine inneren Möglichkeiten erweitern will. Wir begeben uns also auf eine Heldenreise mit der Bereitschaft, uns mit den inneren Dämonen und Ungeheuern auseinanderzusetzen.

Jede erfolgreiche Erfahrung bestätigt uns auf dem Weg. Denn der Lohn besteht in mehr innerem Reichtum, mehr Kraft und mehr Freiheit.

Jede missglückte Erfahrung stellt uns vor die Wahl, in der Komfortzone mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten zu bleiben oder den Weg trotz der widrigen Erfahrung weiterzugehen und mit anderen Voraussetzungen an die spezielle Grenze zu treten, die uns mit Schwierigkeiten konfrontiert hat. Was brauchen wir, damit wir diesmal ohne Schaden über die Grenze kommen und das Land jenseits davon erkunden, bis wir auch dort heimisch geworden sind?

Wir haben auch die Bequemlichkeit in uns, die uns signalisiert, dass wir mit dem, was wir an Raum zur Verfügung haben, schon genug an Freiheit haben. Warum das Risiko eingehen, das mit einer neuen Eroberung einhergehen könnte? Das ist allerdings nur eine der vielen verschiedenen Formen, in denen unsere inneren Grenzen auftauchen können. Wieder stehen wir vor der Wahl, gleich weiterzugehen oder zuzuwarten, bis der Druck groß genug ist, dass wir uns aufmachen, über unsere Bequemlichkeitsgrenze hinauszugehen.

Die Weisheit, die wir aus der Geschichte der Auseinandersetzung mit unseren inneren Grenzen schöpfen können, sagt uns, dass es kein Ende dieses Prozesses gibt und dass wir uns nur Gutes tun, wenn wir immer wieder nach unseren inneren Grenzen Ausschau halten, um Wege zu finden sie zu überwinden.

Wir brauchen uns nur die vielfältigen Erfahrungen unseres Alltags zu Bewusstsein bringen und stoßen auf eine Menge von Grenzen, die wir produzieren, wenn wir ihnen begegnen. Jede Form von Widerstand gegen eine Erfahrung, die sich als innere Ablehnung und Protest äußert, jede Form von Konflikt, in den wir mit anderen Menschen geraten, jedes Schutzgefühl, das durch bestimmte Erfahrungen ausgelöst wird, weist darauf hin, dass wir Grenzen in uns haben, die ein Potenzial für mehr Lebendigkeit und Flexibilität in sich bergen, wenn es uns gelingt, sie mit Hilfe unserer Entschlossenheit, Tatkraft und Risikobereitschaft zu überwinden.

Lernen heißt, Grenzen zu überschreiten


Die Wirklichkeit unseres Lebens beschert uns beständig Chancen für das Lernen. Lernen heißt, die Grenzen des Bisherigen zu überschreiten und Räume und Strukturen zu verändern. Wir können diese Angebote annehmen oder übergehen. Wir sollten uns nicht beim Leben beschweren, dass es nicht gut mit uns umgeht, wenn es uns Lektion über Lektion serviert. Es tut genau das, was wir brauchen, um wachsen zu können, und manchmal gibt es Zeiten, in denen dieses Angebot überbordend und allzu reichlich über uns hereinbricht, und manchmal träufelt es anscheinend spärlicher. Manchmal sind die präsentierten Lernkapitel heftiger, manchmal sind sie subtiler.

Leben ist Wachsen, und für Menschen ist das innere Wachsen von größter Bedeutung. Wachsen heißt, Grenzen zu verändern und zu erweitern. Dadurch entstehen neue Strukturen und Vernetzungen. Inneres Wachsen ist also nicht nur quantitativ, sondern immer auch qualitativ, ein Wachsen an Dichte und Tiefe, an Verfeinerung und Detaillierung. Es vermehrt sich die Fähigkeit, mit der Differenzierung der Welt im Inneren wie im Äußeren adäquat umgehen zu können, damit kann auch die Wirklichkeit vermehrt in ihrer Differenziertheit erkannt, geschätzt und genutzt werden. Dieser Nutzen ist ein geteilter, ein Teil kommt mir als dem Initiator und Rahmengeber für das Wachstum zu, der andere Teil gehört der Wirklichkeit in ihren verschiedenen Bereichen, der Realität in mir und der um mich herum, also den anderen Menschen und Lebewesen und Dingen. Je reicher wir sind, desto mehr können wir teilen, und je mehr wir teilen können – über die Grenzen hinweg – desto reicher wird unsere Erfahrungswelt.

Vgl. Grenzen und Durchlässigkeit

Samstag, 29. April 2017

Grenzen und Durchlässigkeit

Das Wort „Grenze“ ist erst relativ spät (gegen Ende des Mittelalters) aus dem Polnischen in die deutsche Sprache gekommen. Dennoch ist das, worum es geht, eine wichtige Sache für unser In-der-Welt-Sein und für unser inneres Wachsen. Über Grenzen wird definiert, was eine Sache ausmacht, was zu ihr gehört und was nicht. Unsere Grenzen geben also Auskunft über unsere Identität.

Jede Zelle verfügt über eine Membran, die sie von der Umwelt trennt und mit ihr verbindet, und manche Biologen halten deshalb die Membran für den intelligentesten Teil der Zelle. Unser Körper hat vor allem die Haut als Außengrenze, darüber hinaus sprechen wir noch von der Aura, die uns als „feinstofflicher Körper“ umgibt – Schnittstellen, an denen Entscheidungen über Ich und Nicht-Ich getroffen werden.

Vermittels der Grenzen wissen wir, wer wir sind. Wir bilden durch die Unterscheidung vom Außen ein Innen, das unsere Identität ausmacht. Definieren heißt so viel wie umgrenzen, umreißen. Innerhalb unserer Grenzen haben wir das Sagen und wissen wir, was Sache ist. Wir bestimmen die Regeln, vor allem darüber, wer hereinkommen darf und wer draußen bleiben muss. Im Mittelalter konnte der Hausherr jeden töten, der in den Bereich seines Hauses eindrang. Der Ausdruck Grenz“verletzung“ weist noch hin auf die Verwandtschaft zwischen Körper und Gebiet.


Grenzen und Grenzverkehr


Die Regelung des Grenzverkehrs ist von vitaler Bedeutung. Eine Zelle kann nur überleben, wenn sie das hereinlässt, was es zum Leben braucht und sich davor schützen kann, was es schädigt. Wir sehen hier die Analogie zu all den aktuellen Grenzproblemen in der Politik, Gesellschaft und Ökonomie. Das zentrale Motiv der Brexit-Wähler war die Idee, „selber“, sprich als Einzelstaat, bestimmen zu können, was hereinkommen darf – nur Eigen-Nützliches – und was draußen bleiben muss – alles Schädliche. Also war es eine zelluläre Intelligenz, die bei dieser Frage wesentlich mitgeredet hat (und damit notgedrungen ihrer Komplexität nicht gerecht werden konnte).

Zellen können aber nur dann überleben, wenn sie nicht nur über ein solides Grenzmanagement verfügen, sondern wenn sie dazu noch ein hohes Maß an Risikobereitschaft aufweisen. Je komplexer die Außenwelt ist, desto weniger kann von vornherein klar sein, was nützlich und was schädlich ist, ähnlich wie wir nie sicher und endgültig wissen können, ob Zuwanderung einen Gewinn oder einen Verlust bringt. Lebendige Organismen benötigen Flexibilität und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, Experimente zu wagen, sonst versterben sie an ihrer eigenen Starrheit. 

Deshalb muss der Umgang mit den Grenzen fließend sein – zum einen, im Prozess des Öffnens und Schließens, und zum andern in der Ausdehnung des Gebiets, das sie umfassen. Der Realitätssinn, die detaillierte Wahrnehmung und Bewertung der Außenwelt sowie der Blick auf die inneren Ressourcen liefern die Kriterien für das Maß an Durchlässigkeit. Über diese Fähigkeiten verfügen wir, wenn wir in einem Zustand der inneren Gelassenheit, möglichst frei von Ängsten sind. Denn jede Angst engt unsere Wirklichkeitsauffassung ein und greift auf vorgefertigte Konstruktionen zurück, sodass wir dazu neigen, unsere Grenzen rigoros zu schließen, ohne dass dafür eine Notwendigkeit herrscht. Der Handel, der Austausch an Gütern, der über die Grenze hinweg stattfinden könnte, bleibt aus, das Innere verarmt.


Konfluente Grenzen


Mangelhafte Grenzverwaltung kann auch heißen, dass der Zustrom von außen nicht oder nur willkürlich geprüft wird, weil die Ressourcen und die Kriterien fehlen. Gewissermaßen gibt es zu wenige Grenzbeamte und diese sind noch dazu schlecht ausgebildet. 

Dieser Zustand wird nach einem Ausdruck aus der Gestalttherapie auch als Konfluenz bezeichnet: Es ist unklar, was innen und was außen ist. Damit steht die eigene Identität auf dem Spiel – wenn Individuen davon betroffen sind, ist das die Folge einer konfluenten Vereinnahmung durch Bezugspersonen in der frühen Kindheit. Kinder, die von ihren Eltern als Erweiterungen ihres Selbst angesehen wurden, wachsen ohne Gefühl für sinnvolle Abgrenzungen auf. Sie wissen dann nicht, wo sie aufhören und wo das Andere oder Fremde anfängt. Sie freuen sich, wenn ihnen jemand erzählt, dass ohnehin alles eins ist, das entspricht ihrer Wirklichkeitserfahrung. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine spirituelle Einsicht oder Erfahrung, sondern um die Beschreibung eines Zustandes der Unklarheit.


Rigide Grenzen


Eine starre Grenzpolitik beruht auf einem stark ausgeprägten Sicherheitsdenken, das wiederum durch vielfältige Ängste gespeist ist. Jeder fremde Einfluss erscheint bedrohlich. Die eigene Identität muss durch die Abwehr alles dessen, was von außen kommt, gesichert werden. Ich weiß, wer ich bin, indem ich weiß, wer ich nicht sein will.  

Auch für dieses Muster gibt es frühe Prägungen, die auf bedrohliche Situationen während der Schwangerschaft zurückgehen können: Wenn ich nicht starre Grenzen gegen schädliche Einflüsse von außen aufrichte, gehe ich unter. Die Grenzsicherung ist eine Überlebensnotwendigkeit. Menschen mit dieser Prägung müssen lange prüfen, ob sie sich auf etwas Neues einlassen. Sie tun sich deshalb schwer mit Veränderungen und reagieren bei unvorhersehbaren Ereignissen mit innerem Rückzug und Abschottung – mangelhafte Voraussetzungen in einer Welt, die immer mehr Unvorhersehbarkeiten produziert.


Stimmiges Grenzmanagement


Das Umgehen mit Grenzen, also ein Grenzmanagement, das darüber entscheiden kann, wann es gut ist, die Grenzen aufzumachen und wann sie besser dicht gemacht werden sollen, erfordert viel Kraft, Präsenz und Unterscheidungsfähigkeit. Die Beziehungen zwischen den Menschen sind hoch komplex, sodass das Wechselspiel von Öffnen und Verschließen von Moment zu Moment neu bestimmt werden muss. Andererseits operieren wir mit Mustern, um diese Komplexität zu verringern, und greifen da mit Prägungen aus unseren Vorerfahrungen zurück, die bis in pränatale Zeiten zurückreichen. Damit kommt es schnell zu Verwerfungen: Wir schützen uns dort, wo es gar nicht förderlich oder hilfreich ist, und wir öffnen uns, ohne zu merken, dass wir Schädliches hereinlassen.

Für dieses Wechselspiel müssen wir also auch das beständige Wechselspiel zwischen alten Ängsten und der Realität bewältigen. Dafür bedarf es eines hohen Ausmaßes an Achtsamkeit, die wir im Idealfall immer zugleich nach innen und nach außen richten: Auf das, was wir im Inneren spüren, indem wir Schutzgefühle und Wachstumsgefühle unterscheiden, und auf das, was uns von außen begegnet, ob wir es unter „vertrauenswürdig“ oder „Misstrauen erregend“ einreihen sollen. Wir schulen unsere Flexibilität durch das beständige Überprüfen der inneren und äußeren Realität, also zwischen unseren Befindlichkeiten und Bedürfnissen einerseits und den Angeboten und Anforderungen der Außenwelt andererseits. Je mehr positive Erfahrungen wir mit flexibler Grenzsetzung machen, desto mehr Möglichkeiten haben wir zur Verfügung, je nach Erfordernis der Situation Grenzen effektiv aufzurichten oder flexibel durchlässig zu gestalten.

Ein wichtiger Maßstab für das stimmige Grenzmanagement liegt darin, ob wir uns dabei entspannt und innerlich ausgeglichen fühlen. Wenn unsere Atmung ruhig und leicht fließt, können wir davon ausgehen, dass wir uns in einem guten Fließgleichgewicht zwischen Öffnung und Abschließung befinden. Wir grenzen uns dort gut ab, wo es für alle Beteiligten von Vorteil ist und öffnen uns dort, wo alle einen Gewinn daraus ziehen können und haben das richtige Gespür für alle Situationen, die zwischen diesen Extremen liegen.

Zum Weiterlesen: Innere Grenzen und ihre Erweiterung

Mittwoch, 26. April 2017

Wertschätzung für unseren Körper

Unser Körper-Geist-System ist alles, was wir sind – als Einzelwesen. Es erzeugt und verarbeitet alles, was wir erleben, denken und spüren. Wir sind das Netz an Beziehungen, das zwischen den verschiedenen Instanzen in unserem Inneren geknüpft sind. Die Qualität dieser Beziehungen entscheidet darüber, wie wir uns fühlen und wie wir uns der Welt und den anderen Menschen gegenüber verhalten.

Deshalb ist es wichtig, dass wir all das, was wir im Äußeren mit der Welt um uns herum erleben wollen, in uns selber kultivieren. Das heißt, dass wir die Qualitäten, die wir im Außen suchen, in uns selber aufbauen müssen, damit wir überhaupt feststellen können, wann und wie sie uns im Außen begegnen.

Eine dieser Qualitäten ist die Freiheit von negativen Bewertungen. Damit ist gemeint: Auf abwertende, also Wert entziehende Aussagen zu verzichten. Wenn wir krank sind oder uns aus anderen Gründen im Körper etwas weh tut, können wir „ihm“ gegenüber abwertend werden. D.h., wir entziehen uns selber Wert, und das schwächt uns im Inneren. Wir arbeiten also gegen uns selbst, wie ein Ofen, der zur gleichen Zeit angeheizt und abgedrosselt wird, oder wie ein Motor, der zugleich beschleunigt und gebremst wird.

Zwar kann es ein wenig erleichtern, inneren Druck und Problembelastung los zu werden, indem wir unserem Ärger Ausdruck verleihen, auch wenn er gegen uns selbst gerichtet ist: „Du blöder Zahn, warum tust du noch immer so weh?“ Aber wir sollten danach rasch wieder zu einer positiven und wertschätzenden Beziehung zu uns selbst zurückkehren, also von der Wolf- zur Giraffensprache in der Terminologie der gewaltfreien Kommunikation.

Dabei hilft das Verständnis, dass nichts im Körper grundlos geschieht, auch wenn wir Ursache und Sinn nicht immer erkennen. Schmerzen weisen auf Problemzonen, Entzündungen, Verspannungen usw. hin, die wir zum großen Teil selber verantworten müssen. Wir haben uns mit einer Tätigkeit überlastet, und jetzt haben wir Kopfweh. Wir haben uns zu wenig bewegt, und der Bauch wölbt sich mehr. Wir haben uns mangelhaft ernährt, und die Verdauung streikt.

Um das innere Gleichgewicht in uns wiederherzustellen, ist es wichtig, die Beziehung zu uns selbst auf eine gute Basis zu bringen. Wir können das dadurch erreichen, dass wir uns selber anerkennende und unterstützende Rückmeldungen geben und unseren Problemzonen besondere liebevolle Aufmerksamkeit schenken. Sobald die Kommunikationsebene stimmt, lernen wir besser, auf die Signale aus dem Körper zu horchen und unser Leben dort umzustellen, wo uns rückgemeldet wird, dass wir uns selber schaden.

Wir vergessen, dass unsere Organe, Gefäße, Gewebe, Knochen, Sinnesorgane, Muskeln usw. beständig ihren Dienst tun und in ihrem äußerst komplexen Zusammenspiel dafür sorgen, dass wir am Leben sind und so vieles daraus machen können. All die Abläufe in unserem Körper, der wir sind, sind solange selbstverständlich, solange alles zu unserer Zufriedenheit läuft. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auch dann nach innen lenken und uns unserem Körper zuwenden, können wir vorausschauend unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden unterstützen.

Die bewusste Atmung können wir in jedem Moment nutzen, um uns bewertungsfrei und achtsam unserem Körper, der wir ja sind (die Wiederholung deshalb, weil wir gerne darauf vergessen), zu widmen. Im Atmen spüren wir die Lebendigkeit des Lebens in uns, das uns geschenkt ist, damit wir das Beste für uns und unsere Mitmenschen machen. Das tun wir immer als Körper, der wir sind und zu dem wir zugleich eine Beziehung haben, die wir in jedem Atemzug bewusst wahrnehmen können. Jede bewusste Wahrnehmung drückt Wertschätzung und Achtung aus und stärkt diese Beziehung, die wir sind.

Der Nutzen der Dankbarkeit


Wie wir aus vielen Untersuchungen und aus eigenen Erfahrungen wissen, ist die Anerkennung der Leistung, die wir erbringen, durch andere, vor allem durch Vorgesetzte, ein ganz wichtiger Faktor für Arbeitszufriedenheit und Motivation. Eine der Hauptursachen für Burnout und andere psychosomatische Störungen liegt im Fehlen der Wertschätzung für die eigene Tätigkeit.

Unsere Organe erbringen ihre beständige Leistung für unsere Funktionsfähigkeit und Gesundheit, und das in Permanenz, 24/7 wie ein amerikanischer Supermarkt. Wann haben wir zuletzt unserer Leber oder unserer Bauchspeicheldrüse unsere Anerkennung gezollt? Wann den Muskeln im unteren Rücken oder den Speicheldrüsen? Dürfen wir uns dann wundern, dass manche dieser unserer Leistungsträger an Burnout zu leiden beginnen und ihre Dienste nur mehr mangelhaft erbringen können?

Pflegen wir hingegen die wertschätzende Beziehung zu den unterschiedlichen Systemen unseres Körpers, indem wir immer wieder unsere Dankbarkeit für all die Leistungen, die ohne Ansprüche und ohne Murren so selbstverständlich erbracht werden, zum Ausdruck bringen, tun wir uns selber Gutes, denn die Anerkennung gilt uns selbst, erfreut uns und motiviert uns.

Eine Praxis der Selbstliebe


Die liebevolle Beziehung zu unserem Körper stärkt die Selbstliebe. Wir finden auf diesem Weg zur Einheit von Körper und Geist und heilen viel von den Spaltungen, die durch schwierige und traumatische Erfahrungen unseres Lebens entstanden sind. So finden wir zu unserer Mitte und können auch in unsere Beziehungen mehr Liebe einbringen. Wie es von Jesus heißt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Mt 22,39).“ Wir können dieses berühmte Zitat so verstehen, dass die Selbstliebe nicht per se ein Akt der egoistischen Selbstverherrlichung ist, sondern ein unerlässliches Pendant zur Nächstenliebe.

Eine Selbstliebe ohne volle und bedingungslose Annahme unseres Körpers, so wie er ist, mit allen Stärken und Schwächen, kann nicht gelingen und bleibt eine Illusion. Sie wird sich auch nicht in Nächstenliebe übersetzen lassen, denn jeder Nächste ist auch ein körperliches Wesen und will als solches geliebt werden.

Der Weg zur Ganzheit, den wir in der spirituellen Suche immer mehr gehen wollen, ist ein Weg, den wir nur als Körper-Geist-Wesen gehen können. In dem Maß, wie wir zu dieser Einheit finden, die wir sind, in dem Maß, in dem wir zur bedingungslosen Selbstannahme fähig sind, finden wir zu dieser Ganzheit und Übereinstimmung in uns, die uns mehr und mehr Verständnis für die anderen Menschen und für das Sein als Ganzes erschließt.

Zum Weiterlesen:

Ein kleines Modell des Schmerzes
Selbstheilung durch innere Kommunikation
Das Modell der organischen Kommunikation
Die interne Kommunikation pflegen

Sonntag, 23. April 2017

Achtsamer Sex

Der langsame und achtsame Sex ist ein Weg, der bei der intimen Begegnung begangen werden kann. Er geht zurück auf den australischen Lehrer Barry Long und wurde vor allem von Diana Richardson in mehreren Büchern und vielen Seminaren verbreitet.

Es geht dabei um eine meditative Begegnung der Partner, die mit einem verfeinerten Spüren und langsamen Bewegungen verbunden ist. Es soll nicht primär die sexuelle Lust durch Reibung und intensive Bewegungen erzeugt werden, sondern das Aufeinander-Einlassen auf allen Ebenen zugelassen werden: Atemrhythmus, Augenkontakt, Herzverbindung und genitales Spüren. Damit wird die sexuelle Begegnung zu einer geteilten ganzheitlichen Erfahrung. Das Schwergewicht liegt auf der Entspannung und dem achtsamen Zulassen aller Empfindungen und Gefühle.

Das Prinzip, langsam genießen, statt schnell zum Höhepunkt zu kommen, steht im Widerspruch zur Leistungsorientierung, die diese Gesellschaft so stark prägt, dass damit auch der Bereich der intimen Begegnung schon längst durchdrungen wurde. Die Fixierung auf den Orgasmus als Ziel hat sich über die gemeinsame Erfahrung in der Begegnung gestellt, was leicht zum Stress führt: Sex muss gelingen, wenn er nicht gelingt, kommt es zu Vorwürfen und Streitigkeiten. 


Längst haben die allgegenwärtigen Bilder von intensiver Leidenschaft und hemmungsloser Lust unsere Gehirne okkupiert und halten uns in Geiselhaft. Wenn wir es nicht schaffen und bringen wie die Vorbilder auf der Leinwand oder am Computerschirm, sind wir Versager. Wir verfangen uns in Kreisläufen: Je mehr wir versuchen zu erzwingen, was uns als Ideal vorgegeben wurde, desto schwieriger wird es. Denn die sexuelle Lust lässt sich nicht unter Druck erzeugen, sondern entsteht in der gemeinsamen Entspannung. Je größer die Erwartungen, desto größer die Enttäuschungen.

Der langsame Sex nimmt den Erwartungsdruck aus der Begegnung und führt die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zurück. Es geht darum, das, was gerade ist, zu genießen, statt irgendein ein Ziel in der Zukunft anzustreben. Es geht um Erleben und nicht um Leistung. Was geschieht, wird gemeinsam erschaffen, und beide Partner bringen ihre Aktivität und ihre Passivität ein, ihr Tun und ihr Zulassen.

Wenn diese Form der Begegnung gelingt, kann sie sehr heilsam für beide sein, nicht nur darin, dass die Sexualität von den vorgefertigten Prägungen befreit wird, sondern dass auch Verwundungen und Verletzungen, die in diesem empfindlichen Bereich stattgefunden haben, zur Heilung finden.

Die Übung dieser Form der achtsamen sexuellen Erfahrung führt dazu, dass Sexualität und Spannung entkoppelt werden und damit das vorherrschende und medial aufgedrängte Lustmaximierungsdiktat durch eine intensivere Erfahrung im Bereich des verfeinerten Spürens übertroffen und damit außer Kraft gesetzt wird. Statt der aufgeladenen Spannung, die irgendwo und irgendwie eine Entspannung sucht, tritt die Erfahrung des Strömens und Fließens, die keinen Höhepunkt braucht, weil jeder Moment für sich einen Gipfel darstellt.

Damit erleben wir in dieser Erfahrung eine Gegenwelt, die uns zurück zu unserem Wesen führt statt uns in die Richtung abzulenken, in die uns die Konsumwirtschaft drängen will. Diese Welt ist voller Aufladung und Anspannung, die sie selber kreiert, um uns dann weiszumachen, dass wir die Spannung nur über die Angebote, die uns vor die Nase gehängt werden, wieder loswerden können. Wir brauchen kein sexualisiertes Konsumparadies mehr, wenn wir von den einfachen und viel tieferen Genüssen der achtsamen sexuellen Begegnung gekostet haben. Wir können uns auch eine Oase im Geschwindigkeitsrausch unserer Lebenswelt erschaffen, indem wir behutsam und langsam ineinander eintauchen und diese Form der Entschleunigung in unseren Alltag übernehmen.

Die Konditionierungen, die sich durch diese Form der Sexualität auflösen lassen, geben Anlass zur Hoffnung, dass dieser Weg der innerlich befreiten Sexualität eine große Hilfe für das Beenden der Geschlechterkämpfe und der sexualisierten Konsumgesellschaft leisten kann. Wenn die sexuelle Energie keinen inneren Druck mehr verursacht und statt dessen zu einer Form der frei fließenden Lebendigkeit und Kommunikation wird, fällt jede Notwendigkeit, den Druck nach außen zu lenken, weg. Die so gelebte Sexualität reinigt sich von der Verdinglichung durch alle möglichen gesellschaftlichen Themen wie Gewalt, Macht, Ausbeutung, Unterwerfung, Statuserwerb, Leistung usw. Sie macht Sexarbeit ebenso überflüssig wie Pornographie. Subjektiv entkoppelt sie das sexuelle Erleben von Gier, Selbstbestätigung, Selbstausbeutung und Versagensängsten.

Video mit Diana Richardson
Literatur:
Diana Richardson: Slow Sex: The Path to Fulfilling and Sustainable Sexuality. Destiny Books 2011 (deutsch: Slow Sex: Zeit finden für die Liebe. Integral)

Donnerstag, 20. April 2017

Sind Frauen emotional kompetenter als Männer?

Häufig heißt es, dass Frauen über mehr emotionale Intelligenz oder Kompetenz verfügen als die Männer. Es wird z.B. darauf hingewiesen, dass schon als Babys die Mädchen mehr Interesse an Stimmen als an Objekten haben als die Jungen, dass sie früher das Sprechen erlernen usw. Aus der Anthropologie wissen wir, dass in allen frühen Kulturen die Frauen für die Kindererziehung, d.h. auch für deren emotionale Regulation zuständig waren. Insofern ist es verständlich anzunehmen, dass das weibliche Geschlecht für das Erleben, Verstehen und Kommunizieren von Gefühlen besser ausgerüstet ist. Was dazu führt, dass sich Frauen gern über das männliche Geschlecht wegen dessen mangelhafter Fähigkeiten im Gefühlsbereich beklagen.

Emotionen sind ein Grundbestandteil des Menschen, beim männlichen wie beim weiblichen Geschlecht. Beide Geschlechter verfügen über die ganze Bandbreite an Gefühlen, und beide über Formen, mit diesen Gefühlen umzugehen, sodass das Sozialsystem in Stabilität bleiben kann. Alle Gefühle haben eine Funktion für die Regelung des Zusammenlebens, und alle, die dazu beitragen, brauchen ein Verständnis für die eigenen Gefühle und die anderer Mitglieder.

Diese Formen haben sich im Lauf der Geschichte stark verändert. Ein großer Einschnitt ist durch die Zurückdrängung des Patriarchats seit dem 19. Jahrhundert erfolgt. Grob vereinfacht könnte man sagen, dass die Frauen im Bekämpfen des Patriarchats mehr zu ihrer Wut gefunden haben, während die Männer durch den Verlust von Machtpositionen zu lernen hatten, ihren Schmerz und ihre Traurigkeit auszudrücken. Diese Entwicklungen sollten langfristig zu einer Entspannung in den Mann-Frau-Verhältnissen beitragen.

Allerdings tragen beide Geschlechter die Spuren des Patriarchats in sich, mit unterschiedlichen Auswirkungen auf die emotionalen Muster. Es scheint, dass es noch lange brauchen könnte, bis hier ein nachpatriarchalisches Miteinander und Zueinander gefunden werden kann. 


Frauen brauchen Zuwendung, Männer suchen Lösungen


Ein typisches Beispiel, das sich in fast jedem der zahlreichen Beziehungsbücher findet, lautet, dass Frauen, wenn sie Probleme haben, jemanden brauchen, der ihnen zuhört, und Männer jemanden, der ihnen Lösungen aufzeigt. Das spielt sich im Zusammenleben dann häufig so ab, dass Frau ein Problem schildert und Mann darauf einen Lösungsweg vorschlägt. Frau ist verstimmt, weil ihr Bedürfnis nach Zuwendung nicht erfüllt wurde. Mann ist daraufhin verstimmt, weil Frau nicht erkennt, wie sehr er sich bemüht hat, Frau zu helfen und ihn statt dessen kritisiert. Frau nimmt an, dass Mann über keine Gefühlskompetenz verfügt, und Mann nimmt das gleiche an. Tatsächlich sind bei beiden Erwartungen enttäuscht worden, die aus der eigenen Prägungen heraus für selbstverständlich gehalten werden: Frau meint, dass es die natürliche Form von Liebe ist, auf die Schilderung von Problemen Zuwendung und Trost zu bekommen, während Mann annimmt, dass sich Liebe darin ausdrückt, für Probleme eine Lösung vorzuschlagen.

Es ist wohl so, dass beide Geschlechter über emotionale Kompetenz und Intelligenz verfügen, die nur geschlechtstypisch unterschiedlich gewichtet ist. Diese Unterschiede dienen offenbar dazu, eine optimale Ergänzung zu ermöglichen, ähnlich wie jeder Mensch über zwei Gehirnhälften verfügt, die sich die Aufgaben aufteilen und ein gutes Zusammenspiel brauchen. So wie keine der Gehirnhälften besser ist, verhält es sich auch mit der Spezialisierung der Gefühlskompetenz zwischen den Geschlechtern: Männer und Frauen verfügen über gemeinsamen und über unterschiedliche Fähigkeiten im Gefühlsbereich und in der Gefühlsverarbeitung.

Wenn der Begriff der emotionalen Intelligenz, wie er von Daniel Goleman vorgeschlagen wurde, überhaupt einen Sinn macht, dann weniger in Hinblick auf eine Hierarchie zwischen Frauen und Männern, sondern auf die Betrachtung von individuellen Unterschieden. Was den Begriff der emotionalen Intelligenz fragwürdig macht, ist die Annahme, dass diese ähnlich genau gemessen werden kann wie die kognitive Intelligenz, denn die Psychologen stoßen auf erhebliche Probleme, das Erleben und Verarbeiten von Emotionen in messbare Strukturen zu übersetzen. Auch stellt sich die Frage, was überhaupt als optimaler Wert angesehen wird: Ist es emotional kompetent, jedes Gefühl sofort auszudrücken, oder ist das hysterisch? Ist es statt dessen das Optimum emotionaler Intelligenz, immer gelassen zu wirken, oder handelt es sich hier um einen pathologischen Fall von Gefühlsunterdrückung?

Die Fähigkeit, kochen zu können, ist nicht besser oder schlechter als die Fähigkeit, Waschmaschinen reparieren zu können. Wohl kann einer oder eine besser oder schlechter kochen und reparieren als andere, aber das muss nichts zu tun haben mit der Zugehörigkeit zum einen oder anderen Geschlecht.

Wir sind unendlich verschieden, auch in Hinblick auf das Gefühlserleben. Offenbar bringen wir unterschiedliche Gefühlsgeschichten mit, die sich aus genetischen Veranlagungen, ererbten und übertragenen Mustern, Lernprozessen im Umgang mit den Bezugspersonen und Peergroups, Traumatisierungen und Ressourcenerfahrungen usw. zusammensetzen. Unsere Gefühlskompetenz ist offenbar eine äußerst komplexe und sehr individuelle Fähigkeit, die sich im Lauf unseres Lebens entwickelt hat und weiter entwickelt. Sie enthält auf der Grundlage all der prägenden Voraussetzungen immer auch eine Lernrichtung, z.B. zu lernen, aggressive Gefühle zu zügeln oder traurige Gefühle ausdrücken zu können, feinere Gefühlsregungen wahrnehmen zu können oder heftige Gefühle zum Ausdruck bringen zu können.


Animus und Anima im 21. Jahrhundert


All das, was in diesem Artikel formuliert wurde, sollte außerdem noch mit der Brille gelesen werden, die aus der Beobachtung der Veränderung der Animus-Anima-Beziehungen im 21. Jahrhundert stammt. Wir sehen eine Entwicklung, in der die herkömmlichen stereotypen Zuordnungen von Eigenschaften zum einen wie zum anderen Geschlecht immer fraglicher werden und die Grenzen und Abgrenzungen dazwischen insgesamt durchlässiger und unübersichtlicher werden. Es gibt z.B. gefühlsoffene, romantisch eingestellte Männer und sachlich orientierte, gefühlskühle Frauen, und all die anderen Spielarten, in einer unendlichen Variabilität, gegen die das „Typisch-Mann“ und „Typisch-Frau“ blass und oberflächlich klingt.

Deshalb liegt die Aufgabe mehr und mehr darin, die speziellen emotionalen Fähigkeiten bei sich und bei den anderen Menschen wertzuschätzen und zugleich an der Weiterentwicklung dieser Fähigkeiten zu arbeiten.


Vgl. Animus und Anima im 21. Jahrhundert
Vgl. Die sexuelle Identität 

Einladung zum Beziehungsseminar 2017: "In Beziehung wachsen" vom 16. - 22. Juli 2017 in Corfu - mehr Informationen und Anmeldung hier.

Montag, 10. April 2017

Toleranz ist ein relativer Wert

Die Idee der Toleranz ist eine Errungenschaft der modernen Aufklärung, die im Bildungsbürgertum in Europa begonnen wurde und, verbunden mit den Menschenrechten, mittlerweile weltweit anerkannt ist. Sie besagt, dass unterschiedliche Meinungen, religiöse Bekenntnisse, Lebensweisen, geschlechtliche Orientierungen und Werthaltungen nebeneinander bestehen sollen. Niemand soll verfolgt, mit Gewalt bedroht oder unterdrückt werden, nur weil er oder sie anders ist als andere. Mit diesem Wert gelingt es einer Gesellschaft, mit Diversität zurande zu kommen und den besten Nutzen für alle daraus zu schöpfen.

Für Jahrhunderte waren die Machtstrukturen so beschaffen, dass verschiedene Minderheiten mit Gewalt von der Bevölkerungsmehrheit verfolgt und unterdrückt wurden, z.B. die Juden oder die Angehörigen von christlichen Sekten. Ethnische Minderheiten oder Menschen mit nicht heterosexuellen Orientierungen mussten sich ebenfalls vor Grausamkeiten, die jederzeit ausbrechen konnten, fürchten. Selbst Linkshänder waren lange Zeit diskriminiert. Mit aller Gewalt versuchten diese Gesellschaften, eine normierte Bevölkerung zu erzwingen. In engen Grenzen war vordefiniert, wieweit menschliches Verhalten erlaubt war. Wer diese Grenzen überschritt, wurde bestraft.

Aus verschiedenen Gründen dämmerte langsam die Einsicht, dass der Aufwand, den eine Unterdrückungsmaschinerie erfordert, in keinem Verhältnis zum erzielten Gewinn steht. Es wurde deutlich, dass die Anerkennung der Unterschiedlichkeit der Menschen mehr Vorteile als Nachteile mit sich bringt. Je mehr Korsette eine Gesellschaft ihren Mitgliedern auferlegt, desto größer ist die Angst, die mit den engen Regeln eingeimpft wird. Angst hemmt Kreativität und Motivation. Ohne diese Ressourcen stagniert die Gesellschaft und entwickelt sich nicht weiter. Das ist ja im Interesse der jeweils Mächtigen, denen es um nichts als den Erhalt dieser Macht geht, aber nicht im Interesse der Mitglieder der Gesellschaft, die ihre Situation verbessern wollen.

Aus diesen Spannungen entstanden die Revolutionen und Reformbewegungen, die schließlich in vielen Ländern demokratische Systeme hervorbrachten, mit dem Charakteristikum, dass die Machtträger einer Kontrolle unterzogen und in ihren Machtbefugnissen eingeschränkt wurden. Für einen Politiker in einer Demokratie ist es nunmehr nicht automatisch von Vorteil, die Diversität der Gesellschaft zu unterdrücken, vielmehr kann er besser seine Macht sichern, wenn er für den gesellschaftlichen Fortschritt eintritt.

Dieser Fortschritt erfordert die Öffnung der Grenzen des Regelwerks unter dem liberalen Motto, dass jeder soweit frei ist, als die Freiheit anderer davon nicht betroffen ist. Damit wird die Toleranz zu einem Leitmotiv der modernen Gesellschaft, von der alle ihre Mitglieder profitieren können. Jeder kann nach seinen Vorlieben sein Leben gestalten und nach seiner Façon selig werden. Ob jemand in dieses Gotteshaus oder in jenes oder in gar keines geht, geht niemand anderen etwas an. Damit können sich alle Menschen gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben beteiligen und ihren Beitrag leisten, ohne von der Angst vor Strafe oder Verfolgung gedrückt und gehemmt zu sein. Freie Gesellschaften, also solche, die Diversität erlauben und sogar fördern können, sind produktiver, und die in ihr lebenden Menschen zufriedener.

Damit ist die Toleranz ein ganz wichtiges Leitmotiv der Befreiung der Menschen von Unterdrückung und Willkür. Dem Bildungssystem kommt eine zentrale Rolle zu, um diese Werthaltung zu vermitteln, denn sie erfordert eine kognitive Kompetenz. Emotional neigen wir dazu, Andersartigkeiten schnell abzulehnen. Für jemanden mit weißer Hautfarbe kann jemand mit einer schwarzen Hautfarbe Unbehagen auslösen und umgekehrt. Doch wir können wissen, also kognitiv erkennen, dass Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe als Menschen anerkannt werden können. Das Wissen macht uns klar, dass es nicht von der Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit abhängt, ob wir einem Menschen vertrauen können oder ob wir besser auf der Hut sein sollten.

Relative Toleranz


Obwohl die Werthaltung der Toleranz wichtig und elementar für eine demokratische Gesellschaft ist, stellt sie doch nur einen relativen Wert dar, wenn auch von hoher Priorität. Denn die Toleranz hat ihre Grenzen dort, wo sie dafür ausgenutzt wird, die Toleranz selbst einzuschränken. Redner z.B., die gegen die Toleranz hetzen und intolerante Standpunkte vertreten (Beispiel: der gegenwärtige türkische Präsident), oder Vereinigungen, die das Ziel haben, intolerante Strukturen durchzusetzen (Beispiel: fundamentalistisch orientierte moslemische Vereine), müssen im Sinn der Toleranz mit Intoleranz behandelt werden. Die Toleranz im gesamtgesellschaftlichen Sinn muss jener für Individuen oder Gruppen als Wert übergeordnet sein. Zwar gilt das Recht auf freie Gesinnung und Meinungsäußerung, d.h. jeder kann auch gegen eine tolerante Gesellschaft öffentlich reden, muss aber von anderen Kräften in der Gesellschaft kritisiert werden, damit ein Diskurs entstehen kann, in dem sich im besten Fall die besseren Argumente durchsetzen. Vereine haben ihr Recht, sich zu versammeln und dort was auch immer zu bereden. Doch sollte der gesellschaftliche Diskurs darüber entscheiden, ob Vereine, die sich gegen die Toleranz aussprechen, öffentlich (medial, finanziell etc.) gefördert werden und ob Möglichkeiten geschaffen werden, dass sich jeder darüber informieren kann, welches Programm und welche Intentionen von solchen Organisationen vertreten werden.

Eine tolerante Gesellschaft kann die Gegnerschaft gegen die Toleranz nicht tolerieren. Das kann man ihr zum Vorwurf machen, ändert aber an dieser Logik nichts. Denn die Toleranz taugt nicht zum absoluten Wert, als den ihn die Gegner der Toleranz für ihre eigene Propagandafreiheit einfordern wollen. Sie ist ein relatives Mittel, um einen hohen Grad an Freiheit im Rahmen einer Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Wenn es nicht ausreicht, müssen andere Mittel eingesetzt werden.

Das historische Beispiel dafür ist die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland 1933, die im Rahmen der toleranten demokratischen Spielregeln die relative Stimmenmehrheit bei Wahlen bekamen und dann skrupellos die Machtpositionen ausnutzten, die ihnen der deutsche Reichspräsident eingeräumt hatte. Mit Schuld an der daraus resultierenden Katastrophe war die Schwäche der Zivilgesellschaft, entschlossen darauf zu reagieren, dass tolerante Strukturen für das Aushebeln ebendieser missbraucht wurden. Dieses drastische Beispiel sollte immer in Erinnerung bleiben, um Wiederholungen zu verhindern. Wir sollten dabei nicht vergessen, dass es sich gerade jene Ewig-Gestrige in Erinnerung halten, denen es um eine Wiederholung des NS-Wahnsinns geht.

Die Achtung der Menschenwürde als absoluter Wert.


Der absolute Wert, der hinter dem Grundwert der Toleranz steht, ist die Menschenwürde und die Menschenliebe. Jeder Mensch verdient es, als Mensch Anerkennung und Respekt zu bekommen, und jeder Mensch verdient Mitgefühl für seine Leidenszustände. Auch Menschen, die aus welchen Gründen auch immer Probleme mit der Toleranz, wie sie in westlichen Gesellschaften besteht, haben, verdienen diesen Respekt, obwohl ihrer Position widersprochen werden muss. Der absolute Wert der Menschenachtung beruht darauf, dass Meinungen, Einstellungen, Haltungen und Handlungen vom Menschsein als solchem unterschieden werden können und müssen. Die Achtung bezieht sich auf dieses Menschsein, während z.B. Handlungen kritikwürdig sein können, vor allem wenn sie dieser Achtung vor der Menschenwürde zuwider laufen.

Die Toleranz ist ein Wert, der aus diesem absoluten Wert abgeleitet ist und aus ihm seine normative und ethische Kraft sowie seine Attraktivität im Sinn des Fortschritts der Gesellschaften zu mehr Freiheit bezieht. Während ein absoluter Wert für die Änderungen in der Gesellschaft durch die jeweils aktuellen Herausforderungen nicht verfügbar ist, muss der relative Wert der Toleranz an diese Erfordernisse angepasst werden. Nur so kann eine Gesellschaft zugleich flexibel und stabil gegründet auf die Werte der Menschlichkeit sein.


Vgl. Die zweifache Grenze der Toleranz

Donnerstag, 6. April 2017

Die Löschtaste im Gehirn und wie wir sie nutzen können

Bei den Neurowissenschaftlern gibt es den Spruch: „Neuronen, die zusammen feuern, schließen sich auch zusammen“ (“neurons that fire together wire together.”) Der andere Spruch lautet: „Verwende oder verliere es“ („use it or lose it“). Damit ist die leicht verständliche Tatsache gemeint, dass Prozesse, die wir häufig nutzen, gestärkt werden, während solche, die wir selten einsetzen, verloren gehen können. Ähnlich wie der Gewichtheber mehr Muskelmasse in seinen Oberarmen entwickelt, entsteht im Gehirn mehr Neuronenmasse in den Bereichen, die intensiv genutzt werden. Dabei geht es nicht nur um die Anzahl der Nervenzellen, sondern vor allem um den Grad der Verdichtung der synaptischen Verbindungen zwischen diesen Zellen. Je mehr also einer der Schaltkreise im Gehirn genutzt wird, desto stärker wird er und desto häufiger meldet er sich. Deshalb sagt man auch: „Übung macht den Meister“. Je mehr wir Klavier, Sprachenlernen oder Jonglieren üben, desto stärker werden diese Schaltkreise und desto mehr drängen sie sich in den Vordergrund. Wer gut Jonglieren kann, greift gerne zu den Bällen, um zu spielen, und die Lust darauf kann sich auch melden, wenn ein paar Äpfel oder Orangen greifbar sind.

Wissenschaftler wissen das schon seit langem. Jedoch rückt jetzt ein anderer Zusammenhang ins Zentrum des Interesses: Wir müssen nicht nur gute Nervenverbindungen aufbauen, sondern wir müssen auch dafür sorgen, dass alte, nicht mehr genutzte Schaltkreise stillgelegt und entsorgt werden. Um gut lernen zu können, müssen wir gut verlernen können. Diesen Vorgang nennt man „synaptisches Stutzen” (“synaptic pruning”).

Wir können zum Verständnis dessen das Gehirn mit einem Garten vergleichen, in dem jedoch statt Blumen, Obst und Gemüse synaptische Verbindungen zwischen Nervenzellen angepflanzt werden. Neben diesen Neuronen gibt es noch die Gliazellen, die ähnlich wie die Gärtner des Gehirns auftreten: sie sorgen dafür, dass die Signale zwischen bestimmten Neuronen beschleunigt werden. Andere Gliazellen dienen als Müllabfuhr und Reinigungspersonal, sie finden den Abfall im Gehirn und beseitigen ihn. Dann gibt es noch Baumbeschneider im Hirn, die als Mikroglia-Zellen bezeichnet werden. Sie stutzen die synaptischen Verbindungen. Die Frage ist, woran sie erkennen, welche beschnitten gehören?

Die Forscher beginnen gerade, dieses Geheimnis zu lüften, aber bisher ist schon bekannt, dass weniger genutzte Verbindungen durch ein Protein C1q (sowie auch andere) markiert werden. Wenn die Mikroglia-Zellen diese Markierung entdecken, dann hängen sie sich an das Protein an und zerstören – oder stutzen – die Synapse. Auf diese Weise schafft das Gehirn den physischen Platz, in dem neue und stärkere Verbindungen gebaut werden können, damit wir mehr und neue Inhalte lernen können.

Die Bedeutung des Schlafes


Wir kennen das Gefühl, dass sich der Kopf vollgefüllt anfühlt. Das geschieht besonders dann, wenn wir intensiv etwas Neues lernen, z.B. in einem neuen Job oder Hobby. Dabei muss das Gehirn eine Menge neuer Verbindungen aufbauen, aber diese sind zunächst recht ineffiziente, ad hoc-Verbindungen. Das Gehirn muss eine Menge von ihnen beseitigen, um elegantere und effizientere Wege zu bahnen. Diese Umbauaktivitäten finden während des Schlafes statt.

Wenn wir schlafen, schrumpfen die Zellen um bis zu 60 %, um für die Glia-Zellen Platz zu machen, die kommen und den Abfall wegräumen. Währenddessen stutzen sie die Synapsen. Die Erfahrung, dass wir nach einem guten Nachtschlaf besonders klar und schnell denken können, hat darin ihren Grund. Das läuft so ähnlich, wie wenn wir am Computer die Defragmentierung ablaufen lassen.

Deshalb ist auch ein gepflegter Mittagsschlaf besonders förderlich für die kognitive Leistungsfähigkeit. Schon ein 10- oder 20-minütiges Schläfchen gibt den mikroglialen Gärtnern die Chance, hineinzukommen, einige der unnützen Verbindungen zu beseitigen und Platz für das Wachsen von neuen zu schaffen.

Die Löschtaste im Gehirn


Es sind diejenigen synaptischen Verbindungen, die wir nicht oder kaum verwenden, die für die Entsorgung markiert werden; diejenigen hingegen, die wir häufig und gern verwenden, werden gut mit Glukose und Sauerstoff versorgt. Also sollten wir darauf achten, womit wir unser Gehirn beschäftigen.

Wenn wir viel Zeit damit verbringen, uns Sorgen über Dinge zu machen, die wir nicht beeinflussen können, statt uns mit Projekten zu befassen, die wir verwirklichen wollen, ist klar, warum wir dabei schlecht weiterkommen, während wir uns nicht zu wundern brauchen, dass unsere Gedanken dauernd neue Sorgen produzieren.

Bestand hat das, worauf wir uns konzentrieren! Buchstäblich kräftigt sich der Geist durch die Wahl, die wir für unsere gedanklichen Tätigkeiten treffen. Die innere Aufmerksamkeit stärkt genau das, worauf sie sich richtet, und die Entscheidung, dich immer wieder darauf zu konzentrieren und Ablenkungen zu unterbinden, befördert diesen Prozess noch zusätzlich.

Natürlich können wir kaum kontrollieren, was uns von außen widerfährt. Aus irgendeinem Grund fällt der Strom aus, und wir müssen uns darauf konzentrieren, die Störung zu beheben, wenn wir gerade mit etwas anderem beschäftigt sind. Wir hören von einer Katastrophe irgendwo auf der Welt und sind entsetzt, unsere Aufmerksamkeit wird davon in Anspruch genommen. Wir können aber damit mitwirken, wie weit wir uns durch die äußeren Störeinflüsse von unserer Tätigkeit ablenken lassen, wie viel Macht wir der Außenwelt über unsere Innenwelt geben. Wir können zumindest dabei mitentscheiden, was uns betrifft, und auf diese Weise können wir unsere eigenen neuronalen Verbindungen konstruieren und die schon bestehenden stärken. In gewisser Weise und innerhalb bestimmter Grenzen bauen wir uns das Gehirn, das wir für unsere Zwecke brauchen.

Statt dass wir uns auf das fokussieren, was uns blockiert, können wir uns auf das fokussieren, was uns in unserer Weiterentwicklung hilft. Statt uns Szenarien vorzustellen, die höchstwahrscheinlich nie eintreten werden, ist es besser zu meditieren. Machen wir unseren Geist klar. Bringen wir das Denken ins Jetzt und nutzen wir die mentale Energie für Dinge, die uns guttun und fördern.

Wenn wir unseren Verstand intelligent nutzen, werden wir intelligenter. Der Verlockung durch Dinge, die uns nicht guttun, zu widerstehen, macht uns vifer. Wenn wir etwas löschen wollen, was wir nicht mehr brauchen oder was uns lästig ist, müssen wir aufhören, daran zu denken. Auch wenn wir durch etwas daran erinnert werden, können wir den Fokus und die Aufmerksamkeit auf etwas anderes verschieben. Früher oder später werden diese Inhalte zum Entsorgen markiert und machen damit Platz für Neues.

Bewusstes Atmen und Gehirnreinigung


Eine weitere Hilfe zur Gehirnreinigung und zum Entsorgen verbrauchter Gehirnsubstanz bildet das bewusste Atmen. Insbesondere vom kohärenten Atmen wissen wir, dass es die Gehirnflüssigkeit (cerebrospinale Flüssigkeit) in Bewegung hält. Die kohärente Welle, die beim rhythmischen langsamen Atmen zwischen Nervensystem, Herzschlag und Blutkreislauf entsteht, wirkt auch auf die Gehirnflüssigkeit, die ebenfalls in ein rhythmisches Fließen versetzt wird. Über diese Flüssigkeit werden die Abfallstoffe, die von den Gliazellen entsorgt wurden, aus dem Gehirn abtransportiert, und wir können auch annehmen, dass damit altersbedingten Gehirnkrankheiten (Alzheimer, Parkinson) vorgesorgt wird.

Zur Quelle

Vgl. Der Vagus-Nerv