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Samstag, 22. Juni 2024

Kriege entstehen in den Köpfen

Kriege wirken auf die betroffenen Menschen wie Naturkatastrophen, denen sie machtlos ausgeliefert sind. Aber es ist nicht die Natur, die Kriege hervorbringt. Manche meinen, es wäre die animalische Seite des Menschen, die zur Gewalt neigt und zum Berserker wird, wenn die Ressourcen knapp werden und von Artgenossen bedroht sind. Das wäre der Ursprung für das Kriegführen. Doch wegen der hohen Zerstörungskraft, die von menschlichen Kriegen ausgeht und die mit jeder Weiterentwicklung der Technik wächst, sind Kriege hochriskante Abenteuer, und das, was für ihre Entfesselung notwendig ist, geht weit darüber hinaus, was animalische Triebe hergeben. Die Motive, die hinter dem Auslösen von Kriegen stecken, sind viel komplexer.

Der Historiker Yuval Harari sagt in einem Videogespräch: „Menschen kämpfen nicht um Land oder Nahrung. Sie kämpfen wegen imaginärer Geschichten in ihrem Verstand.“ Diese Sichtweise verstehe ich folgendermaßen: Die Motive, einen Krieg zu führen, stammen nicht aus unerfüllten Bedürfnissen und davon ausgelösten Frustrationen von Einzelpersonen oder Kollektiven, sondern daraus, dass diese Bedürfnisse mit der Vorstellung verknüpft werden, dass sie nur durch einen Krieg erfüllt werden könnten. Es besteht Hunger, und das Bedürfnis ist, Nahrung zu bekommen; es gibt dazu verschiedene Wege, und einer davon ist es, Krieg zu führen, wenn z.B. ein Land dem anderen die Lebensmittelzufuhr abschneidet. Welcher Weg gewählt wird, entscheidet nicht das Bedürfnis, sondern das Denken. Es wählt unter den Optionen diejenige aus, die am wahrscheinlichsten, am schnellsten oder am nachhaltigsten einen Erfolg verspricht. Diese Wahl wird aus Erzählungen gespeist, die sich vor allem aus Opfergeschichten unter Verwendung von Täterkonstrukten zusammensetzen. Der Opferstatus dient zur Rechtfertigung der Gewaltanwendung gegen den Täter. Um diesem demütigenden Zustand zu entkommen, ist jedes Mittel recht. 

Vorstellungen, die ein gewaltsames Vorgehen als einzige Lösung einschätzen, stammen aus Gefühlen der Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Die Vernunft ist außer Kraft gesetzt. Unbewusste Ängste liefern die alleinige Triebkraft für die Aggressionen. Diese Ängste werden von Denkkonstrukten erzeugt, die einen Opfer-Täter-Zusammenhang suggerieren, der nur durch die Vernichtung des Täters aufgelöst werden kann. Der Opferstatus kann nur durch die Übernahme des Täterstatus überwunden werden, so die Gefühlslogik, die hinter jeder kriegerischen Aggression steckt. Nur wenn ich so böse werde wie der Täter, der mich zum Opfer gemacht hat, kann ich die Schande des Opferseins ausgleichen. 

Opfererzählungen nähren sich auf der individuellen Ebene aus einem mangelhaften Selbstwert; auf der kollektiven Ebene ist es genauso. Es wird nur das Mangelhafte am eigenen Kollektiv wahrgenommen, eben die Unterlegenheit gegenüber einem anderen Kollektiv, und dieser Mangel kann nur dadurch behoben werden, indem das andere Kollektiv besiegt und unterworfen wird.

Nehmen wir das Beispiel des Russland-Ukraine-Krieges. Der russische Diktator hat diesen Krieg unter Verwendung mehrerer Narrative entfesselt. Prominent dabei ist die Auffassung, dass Russland seine nationale Größe nach dem Zerfall der Sowjetunion verloren hat und dass die Größe weiterhergestellt werden muss. Russland ist in eine Mangellage geraten, die Verkleinerung des Staatsgebietes hat den nationalen Wert gemindert und das Land in einen Opferstatus gerückt. Als Täter eignet sich der Westen, insbesondere die NATO, die sich auf Kosten von Russland ausbreiten will und das Land immer mehr an den Rand drängt. Da die Ukraine, die Teil der Sowjetunion war, sich dem Westen zuwenden will, stellt sie eine weitere Bedrohung dar, die den Opferstatus Russlands noch mehr verschärfen würde. Also, wo kein Wille ist, bleibt nur die Gewalt. Es geht folglich Russland bei diesem Krieg nicht darum, mehr Land und damit mehr Macht zu gewinnen (Land hat, wie Harari bemerkt, Russland mehr als genug), sondern darum, den Opferstatus, der aus dem Narrativ der eigenen Minderwertigkeit hervorgeht, zu eliminieren und damit die eigene Geschichte vom Opferstatus in die Täterrolle zu drehen. 

In einem Spiegel-Interview sagt Harari: „Nationale Interessen sind oft nicht durch objektive Vernunft geformt, sondern entstehen aus mythologischen Narrativen, die sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt haben.“ Ebenso, wie Nationen als solche schon Schöpfungen von Erzählungen sind, sind nationale Interessen aus den Gefühlsenergien dieser Erzählungen gespeist. Der Begriff eines nationalen Interesses wird von Politikern gerne verwendet, wenn sie Machtansprüche ausdrücken wollen und gehört zur Rhetorik der Vorbereitung von Kriegen. Gesellschaften verfügen über die unterschiedlichsten Interessen, z.B. ganz zentral das Interesse am Frieden. Denn nur im Frieden kann das Zusammenleben der Menschen gedeihen. 

Werden Gesellschaften mit Nationen gleichgesetzt, so dringen die nationalen Erzählstränge in die Mentalität der Gesellschaft und in die Psyche ihrer Mitglieder ein. Diese Narrative dienen der Herstellung der Identifikation der Mitglieder mit dem Kollektiv. Auf diese Weise wurden und werden Gesellschaften in Nationen umfunktioniert und auch die Interessen der Mitglieder denen der Nation untergeordnet. Diese Verschiebungen bilden die Grundlage für die Kriegsbereitschaft in der Moderne. 

Die furchtbaren Erfahrungen zweier Weltkriege, die aus diesen Dynamiken entstanden sind, haben dazu geführt, Ansätze einer übernationalen Weltordnung zu erstellen. Die Langsamkeit der Entwicklung der weltweiten Zusammenarbeit zeigt, wie tief die „mythologischen“ Nationalnarrative verankert sind. Aus diesen Gründen entstehen immer wieder neue kriegerisch ausgetragene Konflikte, zum Schaden der betroffenen Menschen und der Menschheit insgesamt. Jeder neue Krieg ist ein massiver Anschlag auf die Menschenwürde und stellt eine Schande dar, für die Verantwortlichen und für die Menschheitsfamilie. Das Versagen der Friedenspolitik, das wir in den letzten Jahren beobachten und bedauern können, zeigt die Macht der unbewussten Kräfte aus dem Zusammenspiel von Opfer- und Täterrollen auf der Basis von gedanklichen Konstrukten.

Zum Weiterlesen:
Braucht es einen Krieg? Wer braucht einen Krieg?
Kriegsverbrechen und Schamverdrängung
Krieg und Scham
Pazifismus in der Krise?
Das Kämpfen nährt den Kampf


Samstag, 23. September 2023

Der Nationalismus und die Scham

„Beim Nationalismus handelt es sich um die schlechte Ausdünstung von Leuten, die nichts anderes als ihre Herden-Eigenschaften haben, um darauf stolz zu sein.“  (Friedrich Nietzsche)

Der Nationalismus ist ein Kind des Stolzes. Stolz hat die Aufgabe, schambetroffene Teile der Selbstbeziehung auszugleichen und zu kompensieren. Nationale Gefühle haben wir, wenn wir uns anderen Nationen überlegen fühlen, z.B. bei einem sportlichen Ereignis, bei dem Angehörige der eigenen Nation besser waren als die anderer.  Im umgekehrten Fall schämen wir uns für unsere eigene Nation.

Der Begriff der Nation ist eine historische Spätgeburt und fällt ins 18. Jahrhundert. In der französischen Revolution wurde bekanntlich das Königtum gestürzt und die Republik eingeführt. Der König hatte lange Zeit als die Identifikationsfigur für alle Mitglieder eines Staates gegolten. Nun gab es ihn nicht mehr, und es brauchte einen anderen Anker für das Gemeinschaftsgefühl, für den die Nation herhalten musste. Fortan war es die Zugehörigkeit zu einer Nation, die den Einzelnen definieren sollte. Bis heute gibt es keine klare Begriffsbestimmung zur Nation. Manchmal ist von der Gemeinsamkeit der Sprache die Rede, doch da gibt es gleich die Schwierigkeit mit Staaten, die mehrere Sprachgruppen aufweisen. Oder es wird die Kultur als Kitt der Nation festgelegt, ein Begriff, der noch schwammiger ist, weil es in vielen Staaten unterschiedliche Volkskulturen gibt und alles, was über die lokalen Kulturen hinausgeht, wiederum nur schwerlich einer Nationalkultur zugerechnet werden kann. Oder man beruft sich auf eine gemeinsame Geschichte, die nur dort beginnen darf, wo sie sich mit der Vorstellung der Nation deckt und alles ausblenden muss, was mit der Einmischung von anderen Nationen zu tun hat oder auf Wurzeln verweisen, die gar nichts mit der aktuellen Nationalität zu tun haben. Daraus wird klar, dass wir es bei einer „Nation“ nicht mit einem objektiv existierenden Tatbestand zu tun haben, sondern mit einem Konstrukt, das viele Menschen teilen, ohne genau zu wissen, was es beinhaltet. Es ist also ein Konstrukt mit einem hohen Anteil an Fantasie und Fiktionalität, das seine Wirklichkeit dadurch erhält, dass es immer wieder und wieder erzählt wird, so lange, bis alle daran glauben. 

Der Erfolg des Nationsbegriffs hat damit zu tun, dass er eine einheitsstiftende Funktion im Prozess der Modernisierung ausübte. In diesen vom Kapitalismus geprägten Entwicklungen kam es zu vielfältigen Umgestaltungen und Zerfallsvorgängen von sozialen Einheiten, die eine hohe soziale Unsicherheit hervorriefen. Für diese Leerstelle kam der Begriff der Nation wie gerufen. Wenn die Menschen schon der Anonymität und Unbarmherzigkeit der Wirtschaftsprozesse ausgeliefert waren, wurde ihnen zumindest als Mitglieder einer Nation eine bestimmte Sicherheit gewährt. In Kriegen versuchten sich die Staaten voneinander als Nationen abzugrenzen und die Bevölkerungen hinter sich zu scharen. Selbst der russische Angriff auf die Ukraine hat zu einem starken Schub der nationalen Geschlossenheit geführt, der selbst die russisch-sprachigen und vor dem Krieg russlandfreundlichen Bevölkerungsgruppen und Gegenden erreicht hat und einer der vielen Effekte dieses Krieges ist, der von den Angreifern nicht vorausbedacht wurde.

Es war und ist bis heute ein riskantes Unterfangen, den Nationsbegriff durch Kriege zu untermauern. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts z.B. wurden genau mit dieser Absicht begonnen und endeten in beiden Fällen mit Katastrophen, auch für den Nationsbegriff. Im Ersten Weltkrieg zerfiel das österreichisch-ungarische Konstrukt, im Zweiten wurde der Nationsbegriff in Deutschland nachhaltig ramponiert. Eine wichtige Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg war die Begründung der europäischen Zusammenarbeit, die zur EU geführt hat, einem übernationalen Zusammenschluss. Denn verantwortungsbewusste und weiterblickende Politiker hatten erkannt, dass das ewige, vom Nationengedanken angestachelte Kriegführen ein Ende haben müsse und dass die Verstärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit Kriege in Hinkunft erschweren wurde, womit sie Recht behielten. 

Nationalismus und Stolz

Die Angehörigen einer Nation sollen stolz sein, dass sie dazugehören. Sie sollen auch stolz sein, dass sie nicht zu den anderen gehören. Es ist ein Stolz, der auf der Verherrlichung des Eigenen und  der Abwertung und Verachtung des Anderen beruht. Nationalismus besteht nie nur in der Bekräftigung der eigenen Nation, sondern immer auch in der Abwertung anderer Nationalitäten. Es ist also ein Stolz, der sich nicht nur aus den eigenen Errungenschaften nährt, sondern zu seiner Vollständigkeit noch die Überlegenheit über andere benötigt. Die eigenen Leistungen sind so viel wert wie sie die der anderen übertreffen. Es läuft wie bei einer Konkurrenzsportart wie z.B. dem Schirennlauf. Es geht nicht darum, die Abfahrt in einer tollen Zeit hinzulegen, sondern schneller zu sein als alle anderen. Es genügt, dass die anderen schlechter sind, dann hat man schon gewonnen und kann stolz sein.

Der Nationalismus lebt von der Konkurrenz. Seine Vertreter behaupten gerne von ihm, dass es um den Erhalt der nationalen Eigentümer und Eigenheiten ginge, gewissermaßen, was die Österreicher anbetrifft, um das Schnitzel (das Wiener Schnitzel kommt bekanntlich aus Mailand) und das Schmähführen (der Wiener Humor bezieht seine wichtigsten Quellen aus dem Jüdischen und dem Böhmischen). Die Eigentümlichkeiten müssen überzeichnet werden, damit sie bei der emotionalen Nationenbildung helfen können, die der eigenen und die der fremden Gruppe. Mit dieser Kontrastierung werden die Unterschiede verstärkt und es entstehen Grenzen, wo vorher Übergangsfelder bestanden: Die dialektischen Färbungen einer Sprache verändern sich graduell von Landstrich zu Landstrich. Wird nun eine Grenze inmitten eines Sprachfeldes eingeführt, dann driften längerfristig die Dialekte auseinander. Zum Beispiel war das Innviertel bis 1779 bei Bayern und es wurde dort der bayrische Dialekt gesprochen. Dann kam das Gebiet zu Österreich und nahm nach und nach das Oberösterreichische an, mit einem bayrischen Einschlag. 

Aus Übergangsfeldern werden unter dem Einfluss des Nationalismus Spannungsfelder. Die Grenzen, die die Gebiete trennten, wurden mit der Zeit immer stärker kontrolliert und aufgerüstet. Die Hiesigen unterschieden sich damit zunehmend von den Diesigen. Solche Grenzen sind immer Stolz- und Schamgrenzen: Der Stolz soll im Hüben sein, die Scham im Drüben.

Jeder Stolz, der auf Überheblichkeit ruht, ist nicht mehr als eine kompensierte Scham. Der Drang nach der Überlegenheit kommt aus der Minderwertigkeit, die schambesetzt ist: Ich muss besser sein als die anderen, um von ihnen nicht unterdrückt zu werden. Ich muss sie abwerten, damit ich mich sicher fühle und mir besser vorkomme. Mein Sicherheits- und Wohlgefühl ist davon abhängig,  dass andere schlechter dastehen und weniger wert sind.

Aus diesem psychologischen Mechanismus können wir verstehen, dass der Nationalismus als Ausgleich für Schamgefühle entstanden ist. Er bezieht seine suggestive Macht aus dem Kompensieren von kollektiven Minderwertigkeitsgefühlen. Er schafft es immer wieder, die Menschen hinter sich zu scharen, weil er ihnen die Entlastung von der Scham der Minderwertigkeit verheißt. 

Die paradoxe Geschichte des Nationalismus, in ihrer Gänze erzählt, lautet also: Zunächst werden die Nationen eingeführt, um den Menschen eine Erleichterung der Scham und des Schmerzes der Vereinzelung als Folge der ökonomischen Modernisierung zu verschaffen. Einmal etabliert, wirkt der Nationalismus wie eine Ersatzdroge und führt eine neue Schambelastung ein. Sie ist mit dem Ringen verbunden, die nationale Schwäche auf Kosten anderer Nationen zu überwinden. Es ist das kapitalistische Konkurrenzmodell, das für das Verhältnis der Nationen Anwendungen gefunden hat und das dann für alle Kriege verantwortlich ist, die im Zeichen dieser Ideologie begonnen werden. Eine weitere Spielwiese für den Nationalismus bot der Kolonialismus, der in dem Streben besteht, Länder, die sich noch zu wenig als Nationen etablieren konnten, der eigenen nationalen Sphäre einzuverleiben, um diese zu bereichern.

Nationalismus im Zeitfenster

Der Nationalismus hat seinen Referenzpunkt in einem relativ schmalen Zeitfenster zwischen einer Vergangenheit, der der Begriff der Nation fremd war, weil er nicht benötigt wurde, und einer Zukunft, die ihn als Relikt aus einer barbarischen Zeit abtun wird. Wir stammen aus vielfältigen Ahnenlinien ab, die sich nicht an irgendwelche politisch definierte Grenzen halten, und wir gehen in eine globalisierte Zukunft, in der die Menschen über die Kontinente, Religions- und Rassengrenzen hinweg mobil sind und ihre Zugehörigkeiten und ihre Identität laufend neu definieren müssen.

Dieses Zeitfenster hat die Ideologie des Nationalismus weidlich genutzt – einerseits zum Schutz von Traditionen, Sprachgruppen und Kulturräumen, andererseits zur Aggression gegen andere Nationen. Vom 19. über das 20. Jahrhundert bis in unsere Tage können wir die Auswüchse und Verwirrungen des Nationalismus beobachten. Während sich die Wirtschaft längst über alle Grenzen hinwegsetzt, greift erst langsam das Bewusstsein, dass wir in erster Linie Weltbürger sind und irgendwann nachgeordnet Angehörige einer bestimmten Nation oder Volksgruppe.

Erkenntnis macht frei

Die Erkenntnis der historischen Relativität und Ideologiegebundenheit des Nationalismus entkoppelt uns von seiner suggestiven Macht, und diese Entkoppelung macht uns frei, auch von den Ängsten und Schambelastungen, die die Konzepte der Nationalität enthalten. Vorgeprägte und ungeprüfte Identitäten, an denen wir festhalten, schränken uns ein, weil wir deren Gefühlskonglomorat in uns tragen. Der Vorgang der Entidentifizierung erlaubt uns, eine Beziehung zu den Prägungen aufzubauen, die wir vorher als selbstverständlichen Teil von uns angesehen haben und gar nicht von uns  selbst unterscheiden konnten. Die Distanz erlaubt uns, die Beziehung zu gestalten. Wir sind nicht mehr von ihr beherrscht, sondern können ihre Bedeutung für uns selbst festlegen. Wir können also für uns festlegen, was wir unter der Zugehörigkeit zu einer Nation verstehen und wir tun uns dann leichter, das Gemeinsame im Fremden zu erkennen und über das Trennende zu stellen. Wo wir Gemeinsamkeiten erkennen, finden wir den Weg vom Misstrauen zum Vertrauen, von der Angst zur Entspannung, vom Hass zur Liebe.

Hereinnahme statt Ausgrenzung

Demokratische Reife besteht dagegen darin, die Andersheit der anderen anerkennen und gelten lassen zu können. Die Diversität der Ansichten, Meinungen, Lebensorientierungen, kulturellen Prägungen usw. hat in einer Demokratie einen Platz und eine wichtige Bedeutung, die dazu führt, dass schwache Positionen gefördert werden. Pluralität und gegenseitige Akzeptanz sind der Nährboden für die Kreativität und Resilienz von Gesellschaften; Ausgrenzungen und Aggressionen gegen Minderheiten oder Schwächere destabilisieren den gesellschaftlichen Zusammenhalt und steigern die allgemeine Unsicherheit und Angst. 

Zur Demokratie gehört die Inklusion, zum Nationalismus die Exklusion, das Ausschließen alles dessen, was bestimmten vordefinierten Kriterien nicht entspricht. Jede Ausschließung enthält eine Beschämung der Betroffenen. Der Nationalismus ist rückwärtsgewandt, weil die Identifikation mit einer Nation kein Lösungspotenzial für irgendeine der aktuellen Krisen liefern kann. Die Zukunft der Menschheit liegt in der Zusammenarbeit über die Grenzen von Nationalstaaten hinaus. Sie kann nur dann in eine gute Richtung führen, wenn diese Kooperation auf demokratischen Grundsätzen beruht, also inklusiv und nicht exklusiv ist. Es sollte uns langsam deutlich werden, dass wir die Zukunft mit ihren Herausforderungen nur meistern, wenn wir alle mit anpacken und uns gemeinsam anstrengen, über alle urtümlichen Grenzen hinweg und jenseits aller Hoffnungen auf irgendwelche starken Männer als Erlöser. Jede der Krisen, unter denen wir leiden, ist eine Menschheitskrise; lösen kann sie nur die Menschheit in Gemeinsamkeit, auf das Basis einer fundamentalen Gleichheit.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir alle Möglichkeiten des Zusammenwirkens stärken und all den Bestrebungen, die die Lösungen in veralteten Modellen und rückwärtsgewandten Ideologien suchen, entgegenzutreten und sie an der Machtübernahme zu hindern. Die Demokratie muss streitbar sein, wenn sie weiterbestehen will, und dazu gehört, dass sie ihre Gegner benennt und in die Schranken weist. Die Demokratie ist niemand anderer als wir selber, die Summe unserer politischen Einstellungen und Handlungen, soweit wir uns zu ihr bekennen und ihre Wichtigkeit für eine breite Basis der Menschlichkeit erkannt haben. Im Prinzip der Inklusion ist die Garantie enthalten, Menschen vor jeder strukturbedingten Beschämung zu bewahren.

Zum Weiterlesen:
Sportlicher Nationalismus und Globalisierung
Das kleine Fenster des Nationalismus
Nationalismus und Opferstolz


Mittwoch, 5. April 2023

Demokratie in der Krise?

In diesen Zeiten ist häufig von der Krise der Demokratie die Rede. In immer mehr Staaten oder Teilstaaten werden rechtsgerichtete Regierungen installiert, denen der Erhalt und die Förderung der Demokratie kein Anliegen ist, die vielmehr die demokratischen Institutionen und Errungenschaften schwächen wollen, um ihren Machterhalt zu sichern. Diese Gruppierungen gebärden sich zwar als die Garanten für Sicherheit, aber untergraben gleichzeitig den Hauptgaranten der politischen und sozialen Sicherheit, die moderne Demokratie mit ihren beständig verbesserten Mechanismen der Kontrolle der Macht und des inneren Ausgleichs zwischen verschiedenen Interessensgruppen.

Die Zustimmungswerte zur Demokratie gehen zurück (in Österreich stärker als in Deutschland), auch wenn diese Regierungsform noch immer weit vor allen anderen bevorzugt wird. Die Zustimmung zu autoritären Regierungsformen liegt in Österreich je nach Fragestellung zwischen 10%, die strikt eine autoritäre Führung wollen, und 43%, die einen “starken Mann” an der Spitze attraktiv finden. Mit 10 % an rechtsgerichteten Wählergruppen kann jede Demokratie zurande kommen; doch je höher dieser Prozentsatz steigt, desto größer ist die Gefahr für eine autoritäre Wende.

Das Modell mit den Institutionen der Gewaltentrennung und des Interessenausgleichs in Zusammenhang mit unabhängigen und kritischen öffentlichen Medien hat sich über die letzten beiden Jahrhunderte ausgebildet und ständig verbessert. Es hat wesentlich zur stabilen und friedlichen Entwicklung in der überwiegenden Zahl der westlichen Länder beigetragen. Ein Charakteristikum der Demokratie besteht darin, dass sie selber der Gegenstand demokratischer Diskussion ist, denn sie muss beständig an die sich veränderten Bedingungen der Gesellschaft angepasst werden. Ihre Grundlagen, die Rechtsgleichheit, die Verfassungstreue und die allgemeine politische Willensbildung, dürfen dabei nie außer Acht gelassen werden. Damit soll verhindert werden, dass eine demokratisch gewählte Regierung die Demokratie selber aus den Angeln heben kann, ähnlich wie es 1933 in Deutschland und Österreich passiert ist.

Krisenstimmung und Demokratieskepsis

Das bekannte Modell der Führungsstile besagt, dass autoritäre Führungen effektiver sind, wenn akute Krisen bewältigt werden müssen. Ein Haus brennt, und der Hauptmann der Feuerwehr gibt die Befehle, die sofort befolgt werden. Eine demokratische Willensabstimmung braucht viel Zeit, die im Notfall nicht gegeben ist. Es muss schnell gehandelt werden, um eine Katastrophe abzuwenden, und lange Beratungen, bei denen jedes Für und Wider abgewogen wird, verzögern das Handeln, unter Umständen, bis es zu spät ist.

Soweit die Theorie. In der demokratischen Praxis ist für Notfälle die gewählte Regierung zuständig, die dann ad hoc Maßnahmen beschließen kann. Reichen dafür Verordnungen nicht aus, braucht es also Gesetze, so muss die Volksvertretung mit einbezogen werden, aber auch alle anderen Maßnahmen unterliegen der demokratischen Kontrolle, die manchmal erst nachträglich schlagend wird wie z.B. bei den Corona-Maßnahmen.

Bei vielen Menschen entsteht dennoch der Eindruck, dass die demokratischen Institutionen zu schwach sind, um Krisen effektiv zu bewältigen. Sie verallgemeinern die Einsichten aus dem Modell der Führungsstile, die aus überschaubaren Krisensituationen gewonnen wurde, und wenden es auf komplexe Krisen an. Deshalb verbreitet sich in Zeiten, die als krisenhaft erlebt werden, der Wunsch nach einer starken und autoritären Führung, mit der Hoffnung, dass diese den Krisen eine schnelle Abhilfe verschaffen könne.

Nahezu alle Krisen unserer Zeit können freilich gar nicht von einzelnen Personen abgewendet werden, weil sie aus einer Unmenge von Ursachen und Zusammenhängen entstanden sind. Es gibt keine noch so geniale Führungspersönlichkeit, die dafür nachhaltige Lösungen umsetzen könnte. Selbst nationale Regierungen sind überfordert, weil sie nur Maßnahme für das eigene Staatsgebiet treffen können, die Probleme aber oft länderübergreifend sind und isolierte Maßnahmen die Schwierigkeiten in übergeordneten Systemen verschärfen können. Auch wenn viele Führungspersönlichkeiten für sich reklamieren, gewissermaßen die ultimativen Retter für alle Nöte zu sein, produzieren sie als Folge wenig durchdachter Maßnahmen in der Regel mehr zusätzliche Krisen. Oft versuchen sie, kurzfristig wirksame Lösungsversuche durchpeitschen, deren Konsequenzen nicht mitbedacht werden.

Küchenphilosophie

Wir unterliegen als Menschen immer wieder der Tendenz, einfache Alltagssituationen mit Situationen zu vergleichen, die eine hohe Komplexität aufweisen, und Lösungsansätze, die im überschaubaren Raum der kleinen Welt funktionieren, eins zu eins auf Großgebilde zu übertragen, mit der Erwartung, dass sie dort genauso effektiv sind. Komplexität verunsichert, Vereinfachung gibt uns eine scheinbare Sicherheit. Das ist ein häufiger Fehlschluss. Bei komplexen Themen finden wir nur zu den sinnvollen Lösungen, wenn wir uns in die Komplexität vertiefen und für Lösungsansätze die “Schwarmintelligenz” nutzen, also das Zusammenwirken verschiedener Personen (Experten und Laien) und Institutionen. Solche Vorgänge brauchen mehr Zeit, die aber sinnvoll genutzt ist, weil sie profunde, abgesicherte und nachhaltig wirksame Lösungsschritte ermöglicht. Solche Vorgänge sind nur in einem demokratischen Rahmen möglich.

Es ist wiederum dem Beschleunigungsmodus, der die moderne Gesellschaft prägt, geschuldet, dass demokratische Entscheidungsprozesse in Misskredit geraten. Wir erwarten, dass Probleme, die auftreten, möglichst schnell gelöst werden, und wir werden ungeduldig, wenn die Entscheidungen lange Zeit brauchen. Meistens glauben wir, sofort besser zu wissen, was gut ist, und verstehen nicht, was das lange Palavern soll. Auch hier überschätzen wir häufig unsere eigenen Fähigkeiten im komplexen Denken und wir glauben, wir bräuchten nur die Einsichten unseres Hausverstandes auf übergreifende Zusammenhänge anwenden, ohne dass wir es für nötig erachten, die Unterschiede an Komplexität zu berücksichtigen. Es ist, als ob wir mit einem Rezept aus einem Kochbuch das Hungerproblem in der Welt lösen wollten.

Der Nationalismus als Trumpfkarte

Verschärft wird die Demokratieuntergrabung durch die nationalistische Karte. Viele Politiker, die ursprünglich aus einer liberalen Richtung kommen (z.B. V. Orban oder D. Trump), haben erkannt, dass der Nationalismus eine Trumpfkarte liefert, mit der es relativ leicht ist, an die Macht zu kommen und sie zu behalten. Der Nationalismus appelliert an ein abstraktes Wir-Gefühl, das den Menschen Sicherheit suggeriert; allerdings ein Wir, das in Opposition oder Feindschaft zu einem fremden Wir steht, das als feindlich oder bedrohlich dargestellt wird.

Hereinnahme statt Ausgrenzung

Demokratische Reife besteht dagegen darin, die Andersheit der anderen anerkennen und gelten lassen zu können. Die Diversität der Ansichten, Meinungen, Lebensorientierungen, kulturellen Prägungen usw. hat in einer Demokratie einen Platz und eine wichtige Bedeutung, die dazu führt, dass schwache Positionen gefördert werden. Pluralität und gegenseitige Akzeptanz sind der Nährboden für die Kreativität und Resilienz von Gesellschaften; Ausgrenzungen und Aggressionen gegen Minderheiten oder Schwächere destabilisieren den gesellschaftlichen Zusammenhalt und steigern die allgemeine Unsicherheit und Angst. 

Zur Demokratie gehört die Inklusion, zum Nationalismus die Exklusion, das Ausschließen alles dessen, was bestimmten vordefinierten Kriterien nicht entspricht. Der Nationalismus ist rückwärtsgewandt, weil die Identifikation mit einer Nation kein Lösungspotenzial für irgendeine der aktuellen Krisen liefern kann. Die Zukunft der Menschheit liegt in der Zusammenarbeit über die Grenzen von Nationalstaaten hinaus. Sie kann nur dann in eine gute Richtung führen, wenn diese Kooperation auf demokratischen Grundsätzen beruht, also inklusiv und nicht exklusiv ist. Es sollte uns langsam deutlich werden, dass wir die Zukunft nur meistern, wenn wir alle mitanpacken und uns gemeinsam anstrengen, über alle urtümlichen Grenzen hinweg und jenseits aller Hoffnungen auf einen starken Mann als Erlöser. Jede der Krisen, unter denen wir leiden, ist eine Menschheitskrise; lösen kann sie nur die Menschheit.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir alle Möglichkeiten des Zusammenwirkens stärken und all den Bestrebungen, die die Lösungen in veralteten Modellen und rückwärtsgewandten Ideologien suchen, entgegenzutreten und sie an der Machtübernahme zu hindern. Die Demokratie muss streitbar sein, wenn sie weiterbestehen will, und sie muss ihre Gegner benennen und in die Schranken weisen. Die Demokratie ist niemand anderer als wir selber, soweit wir uns zu ihr bekennen.

Zum Weiterlesen:
Demokratie und Gefühle
Das Ego in der Medien-Demokratie
Die Verharmlosung von Diktatoren und die Demokratie
Soziopathie und die Folgen für die Demokratie
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Nationalismus und Opferstolz

Freitag, 25. Februar 2022

Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine

Anlass für Entsetzen

Jeder Krieg ist grausam und menschenverachtend. Der vor zwei Tagen vom Zaun gebrochene Krieg ist über die Inhumanität, die mit jedem Krieg verbunden ist, hinaus Anlass für ein Entsetzen bei allen, die an die Kraft des Friedens und der gewaltfreien Konfliktbewältigung glauben und gehofft haben, dass in den Jahrtausenden an zivilisatorischem Fortschritt das primitive Recht des Stärkeren überwunden wäre. Es ist Anlass für Ernüchterung über die Macht, die Einzelpersonen, gestützt auf willfährige Eliten und inthronisiert durch Manipulation und diktatorische Tricks, im 21. Jahrhundert ausüben können. Der russische Alleinherrscher hat einen aggressiven Angriffskrieg gegen sein „Brudervolk“ entfesselt, getrieben von reiner Machtsucht und von einer nationalistischen Ideologie mit zurechtgebogenem Geschichtsbild. 

Wir fühlen uns ins 18. oder 19. Jahrhundert zurückversetzt, wo Kriege begonnen wurden, wenn ein Nachbarstaat schwach und die eigene Armee gut gerüstet war. Die Potentaten haben ihre Truppen in Marsch versetzt, um den eigenen Machtraum zu erweitern und den Ruhm zu mehren. Es waren grausliche Kriege, aber sie haben meistens die Zivilbevölkerung nur am Rande betroffen. Zum Unterschied von heute hat damals fast jeder Angriffskrieg zu Koalitionen geführt, in denen die jeweils maßgeblichen Großmächte ihre Interessen verfolgt haben. Ein weiterer Unterschied war, dass Kriege auf Schlachtfeldern und nicht in Großstädten geführt wurden.

Die russische Aggression vom 24. Februar 2022 war möglich, weil klar war, dass sich der Westen militärisch nicht einmischen will. Der europäische Kontinent hat zwei Weltkriege hinter sich und in vielen Ländern haben intensive Lern- und Aufarbeitungsprozesse stattgefunden. Die Gräuel der Kriege haben tiefe Spuren in den Seelen hinterlassen und viele Menschen zur Überzeugung gebracht, dass internationale Konflikte gewaltfrei gelöst werden müssen, ohne den Preis von Menschenleben. Die Schwelle für den Einstieg in kriegerische Handlungen liegt in funktionierenden Demokratien hoch, denn es ist vermutlich in jedem Land unmöglich, Mehrheiten für einen Angriffskrieg zu mobilisieren. 

Wie aber gehen Demokratien mit Diktaturen um, in denen ohne Rücksicht auf die eigene Bevölkerung Kriege geführt werden können? Die Reaktionsmöglichkeiten sind beschränkt auf wirtschaftliche Sanktionen und die moralische Ächtung. Die Situation erinnert an jene vor dem zweiten Weltkrieg, in dem die Diktatur in Deutschland das Zaudern der englischen und französischen Demokratien ausgenutzt hat, um in der Tschechoslowakei einzumarschieren, zunächst in die sogenannten Sudetengebiete, samt Zusicherung der Integrität der Resttschechoslowakei, nur um diese ein halbes Jahr zu besetzen. Diktatoren haben einen Handlungsvorteil vor schwerfälligeren Demokratien. Sie haben den Nachteil, dass die Entscheidungen, die getroffen werden, von den Emotionen von Einzelmenschen gesteuert werden, die hoch fehleranfällig sind.

Über kurz oder lang (eher über lang) ist das Modell der westlichen Demokratien so attraktiv, dass immer mehr Menschen, die unter anderen Bedingungen leben, danach streben. Eine Komponente des aktuellen Krieges liegt in der Angst der Diktatoren vor dieser Attraktion, die ihnen selber an den Kragen gehen würde. Putin will der Ukraine vorschreiben, welche Lebens- und Regierungsform das Land haben „will“, damit er gewissermaßen eine Pufferzone gegen die vom Westen kommenden demokratischen Bazillen, für die es auch in Russland viel fruchtbaren Boden gibt, schaffen kann. 

Beschämender Befund

Wir müssen den Zustand der Menschheit, also der Gemeinschaft der Menschen als beschämend erleben. Wie kann es möglich sein, dass ein Langzeitherrscher mit seiner Militärmaschinerie im 21. Jahrhundert einen Aggressionskrieg in Gang setzt und niemand diesem Treiben Einhalt gebieten kann? Leider sind wir noch immer weit von einer Weltordnung entfernt, in der den Staaten das Gewaltmonopol genommen ist. Es gibt keine Weltpolizei, die einzelstaatliche Gewalttäter dingfest macht und ihnen die Gewaltmittel nimmt. Einzelstaaten funktionieren nur wegen des internen Machtmonopols bei den Ordnungskräften. Wie soll eine Welt funktionieren, wenn es keine für die ganze Welt zuständige Ordnungskräfte gibt, die solche inhumanen Entgleisungen unterbinden?

Kollektive Traumen und ihre verheerenden Wirkungen

Putin hat als Kriegsgrund die Entnazifizierung und Entmilitarisierung der Ukraine genannt. Jeder weiß, dass die Ukraine nicht von Nazis regiert wird und über kein militärisches Bedrohungspotenzial für das hochgerüstete Russland verfügt. Es handelt sich also um Propagandalügen. Zugleich wird deutlich, welches Geschichtstrauma hinter der Aggression steckt. Putin hat darauf verwiesen, einen Fehler seines Vorgängers Stalin vermieden zu haben, nämlich im 2. Weltkrieg naiverweise zu glauben, von Nazideutschland nicht angegriffen zu werden. Als dann die deutschen Truppen im Juni 1941 überraschend in die Sowjetunion eindrangen und der russischen Armee eine Niederlage nach der anderen zufügten, war der Schock groß und konnte erst langsam bewältigt werden, nachdem sich die Lage ab Ende 1942 langsam zugunsten der sowjetischen Armee wendete und schließlich Deutschland 1945 besiegt wurde.

Das kollektive Trauma ist offensichtlich nicht bewältigt, und Putin sieht sich als Vollstrecker einer Opfer-Täter-Umkehr. Er findet die Nazigegner in der Ukraine und will die dortigen „Nazis“ ausrotten, bevor sie dem russischen Vaterland gefährlich werden können. Außerdem soll das ukrainische „Brudervolk“ vor deren Bosheiten bewahrt werden. 

Doch die Ukrainer leiden an einem noch früheren Trauma, dem Holodomor zwischen 1931 und 1933, der als Völkermord gelten kann. Der sowjetischen Agrarpolitik mit der Kollektivierung der Landwirtschaft sind etwa 3,5 Millionen Ukrainer zum Opfer gefallen sind. Ca. 10% der Bevölkerung wurden damals dem Hungertod ausgesetzt. Dazu kamen noch umfassende „Säuberungen“, also die Hinrichtung oder Internierung von Künstlern, Lehrern, Wissenschaftlern und Intellektuellen und auch von unteren und mittleren Parteikadern. Der Historiker Gerhard Simon schreibt dazu: „Für Stalin war der Holodomor nicht nur ein Instrument, um die Bauern zu disziplinieren, sondern auch um in der Ukraine alle Träume von Autonomie oder gar Selbständigkeit ein für alle Mal zu zerstören.“ (Hier zur Quelle

Diese Ereignisse gruben ein tiefes Loch in die kollektive ukrainische Seele. Das war auch einer der Gründe, warum sich viele Ukrainer den eindringenden deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg anschlossen, für sie kämpften und auch bei Massenmorden an Juden mitwirkten, allerdings von den deutschen Nazis angestiftet. Diese Wendung hatte wiederum den Hass vieler Russen auf die Ukrainer zur Folge.

Putin hat seinen Hitler studiert

Hier liegt auch eine Wurzel der heutigen russischen Propaganda, die der demokratisch gewählten Regierung der Ukraine Nazismus vorwirft und diese Unterstellung als Vorwand für den gewaltsamen Einmarsch ins Land dient, erfunden und vermutlich gespeist aus einer unreflektierten und unaufgearbeiteten Geschichte. Man will die Nazis, die aus Machtgier die Sowjetunion 1941 überfallen hatten, in der Ukraine bestrafen und sich an ihnen rächen – mit Tricks, die den Nazis abgeschaut wurden: Mit Fake-News ukrainische Angriffe vortäuschen, um eine Rechtfertigung für einen Angriff zu haben. Putin hat also seinen Hitler gelernt: Unterstelle dem Opfer deiner Angriffslust einen Angriff, zur Not inszeniert, dann hast du das Recht, mit deiner überlegenen Militärmaschinerie den Staat kaputt zu machen. Natürlich bedient sich Putin eines Propagandatricks, weil es keinerlei Anzeichen oder Gründe gäbe, warum die Ukraine Russland angreifen sollte.

Auch das Ziel der Demilitarisierung der Ukraine, das sich die Russen auf die Fahnen geschrieben haben, rechtfertigt sich aus der offenbar tiefsitzenden Angst vor einer Aggression von außen – nicht verwunderlich für ein Land, das in der Geschichte mehrfach aus westlicher Richtung überfallen wurde. Diesmal aber dreht sich der Spieß um und die Aggression geht von Russland nach Süden und Westen.

Wir wissen nicht, ob Putin wirklich glaubt, was er redet, in jedem Fall dient seine Propaganda den dunklen Flecken der russischen Seele, die das Denken und Fühlen vieler seiner Landsleute prägen und die wenig Ahnung von der Geschichte und ihrer Vielschichtigkeit sowie von der Wirkung von kollektiven Traumen haben. Dazu kommt, dass die eigene Bevölkerung schon lange mit Falschmeldungen und manipulativer Propaganda überschüttet wird. Diktatoren brauchen dumme Menschen als Gefolgsleute und rechnen auch mit ihrer Dummheit, das ist Teil ihrer Unverfrorenheit. 

Ernüchterung

Die ernüchternde Einsicht ist: Wir müssen uns umstellen und unsere Erwartungen an den Fortschritt der Menschheit in der Vernunft zurückschrauben. Eine von Freiheit und Selbstbestimmung geprägte Weltordnung auf den Prinzipien der Gewaltlosigkeit kann nur so weit bestehen, so weit sie von allen Beteiligten geteilt und geachtet wird. Es genügt, wenn ein Machthaber oder ein Regime diese Grundsätze nicht teilt, sondern sie dem eigenen Machtstreben unterordnet, um ihre Geltung und ihre Wirkkraft zu unterminieren. Langfristig wird die Gewaltfreiheit über die Gewalt siegen, aber mit unendlich vielen Opfern. Kurzfristig bedeutet die willkürlich erfolgte einseitige Aggression Russlands, dass die Rüstungsspirale weltweit weiter nach oben geschraubt werden muss und dass wir weiterhin ein Gleichgewicht des Schreckens brauchen, damit kein weltweiter Atomkrieg ausbricht.

In den Kampfgebieten in der Ukraine sterben nicht nur Menschen und finden nicht nur Zerstörungen von materiellen Gütern statt, sondern es wird die Wertordnung angegriffen, die sich die Menschheit mühevoll über Jahrhunderte erworben und erkämpft hat. Die Chance liegt allerdings darin, sich diese Werte bewusst zu machen und sie engagiert zu vertreten und zu verteidigen. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Niveau an Menschlichkeit, das wir erreicht haben, über den Haufen geworfen wird, indem Potentaten mit dem Pathos von Schmierendiktatoren ihre Muskeln spielen lassen und ihr zerstörtes Inneres in brutale Zerstörungen in der Außenwelt projizieren.

Die kollektive Verarbeitung von Geschichtstraumen ist eine unerlässliche Grundlage dafür, dass es Alleinherrschern unmöglich gemacht wird, auf dem Klavier unverarbeiteter kollektiver Emotionen zu spielen und diese Energien in aggressive Richtungen zu kanalisieren.

Dienstag, 8. Juni 2021

Spirituelle Überheblichkeit

Eine Falle auf dem Weg zur inneren Freiheit liegt in der Überlegenheit, die sich als Resultat innerer Fortschritte und überwundener Hindernisse zeigt. Wenn jemand konsequent meditiert, fleißig zu spirituellen Lehrern geht und entsprechende Bücher liest, wenn jemand immer wieder nach innen schaut und die Ängste, Schamgefühle und Zweifel konfrontiert, also viel Zeit und Energie aufwendet, wird sich leicht im Hintergrund das Ego melden, das sich auf solche Errungenschaften etwas einbildet. Auf dieser Schiene steigt die Empfänglichkeit für ideologische Versatzstücke, die im Kleid von spirituellen Weisheiten oder Eingebungen auftreten.

Die Rede von unterschiedlichen Seelen und Energiefrequenzen, von höher entwickelten Wesen und jungen und alten Seelen birgt diese Gefahr. Sie teilt die Menschheit auf Entwicklungsstufen auf, nach subjektiv definierten Kriterien. Solche Einteilungen werden ja nicht von jenen verwendet, die sich nach solchen Kategorisierungen auf unteren Stufen befinden, sondern von jenen, die schon weiter oben angelangt sind, und da ist unvermeidlich die Sicht dabei, sich besser zu fühlen als die, die es nicht so weit nach oben geschafft haben, also der Blickwinkel der Arroganz und der Verachtung. Wer solche Kategorien und Abstufungen zum Einteilen der Menschen braucht, hat ein Defizit im eigenen Ego, das mit solchen Schubladen, in die die Menschen gesteckt werden, aufgepäppelt werden soll.

Vollends dubios werden solche Sichtweisen, wenn es heißt, dass jene, die weiter oben sind, die zukünftigen Herausforderungen der Menschheit überleben werden, während diejenigen, die spirituell schwächer auf der Brust sind, bei den kommenden Polsprüngen oder Alienslandungen oder Maya-Kalender-Katastrophen untergehen werden. Auch das Problem der Weltübervölkerung findet auf diese Weise eine scheinbar gütliche Lösung: Die besseren Menschen überleben und machen eine bessere Welt, die schlechteren Menschen bleiben auf der Strecke und stehen nicht mehr im Weg, damit endlich dem Frieden und der Harmonie zum Durchbruch verholfen werden kann. 

Auserwählungsreligionen

Das Motiv des Auserwähltseins gibt es in verschiedenen religiösen Traditionen. Zum Beispiel berufen sich die Juden auf einen exklusiven Bund mit Gott, der sich dem Volk Juda in besonderer Weise zugewandt hat. Die Christen nehmen als Zeichen ihrer Besonderheit Jesus und seine Botschaft, der als Gott Mensch geworden ist und damit die christliche Religion begründet hat. Für Muslime ist die Wahrheit Gottes, die über den Propheten vermittelt wurde, Anlass für die herausragende Stellung gegenüber den anderen Religionen. Während es bei den meisten religiösen Texten um die Beziehungen der Menschen untereinander, mit sich selbst und mit Gott geht und nicht um die Beziehungen zu anderen Religionen, nimmt dieses Thema bei vielen Gläubigen eine zentrale Stellung ein. 

Offenbar geht es darum, den eigenen Selbstwert über die Überlegenheit des eigenen Glaubens zu stabilisieren. Der Gedanke der Mission, der in den meisten monotheistischen Religionen (mit Ausnahme des Judentums) vertreten ist, wird von dieser Überlegenheitsdoktrin angetrieben. Die heidnischen Seelen müssen mit der besseren Religion aus ihrem Elend erlöst werden, notfalls auch mit Gewalt.  Zugleich stärkt jede bekehrte Person die Sicherheit, dem richtigen Glauben anzuhängen. 

Nationalismen und Rassismen

Im profanen Bereich wurde die Idee der Auserwählung vor allem vom Nationalismus und Rassismus übernommen. Der koloniale Imperialismus, unter dessen Flagge ganze Kontinente mitsamt ihren Bewohnern von der „weißen Rasse“ unterworfen wurden, hat seine Rechtfertigung in der intellektuellen und, man glaubt es kaum, moralischen Überlegenheit über die Primitivlinge in den zurückgebliebenen Erdteilen. Die Zerstörung der einheimischen Kulturen und Traditionen haben bis heute ihre Spuren hinterlassen.

Die Vorgeschichte des 1. Weltkriegs ist geprägt von nationalstaatlichen Arroganzen und eitlen Machtdemonstrationen der europäischen Großmächte. Systematisch wurde mit der Propaganda der eigenen nationalen Überlegenheit gegenüber den anderen Staaten oder Bevölkerungen und Volksgruppen geschürt, sodass zu Kriegsbeginn der wechselseitige Hass so stark war, dass die Soldaten mit Begeisterung und Wut in den mörderischen Krieg zogen.

Verschärft wurde diese Einstellung von den faschistischen Parteien in der Zwischenkriegszeit, die Nationalismus mit Rassismus verknüpften. Die eigene Nation mit rassisch definiertem Untergrund („deutsche Arier“) sollte nicht nur die Überlegenheit über alle anderen symbolisieren, sondern auch den Anspruch auf Herrschaft und Unterdrückung der minderrassischen Angehörigen anderer Nationen. 

Diese Konzepte der nationalen und rassischen Selbstbestätigung können aufgrund der von ihnen verursachten Katastrophen als überholt betrachtet werden, als kolossale Irrtümer und Verirrungen der Menschheit. Natürlich ist der Nationalismus noch lange nicht tot, und bis heute versuchen Politiker, mit diesem Begriff an die Macht zu kommen, zunehmend als Vorwand für die eigene Bereicherung, der aber immer noch von genügend vielen Menschen nicht durchschaut wird.

Die Aufklärung und die Spiritualität

Jedenfalls sollte gerade die spirituelle Szene frei von solchen menschenfeindlichen und narzisstischen Konzepten und Ideen sein. Andererseits ist auch sie eine Wiederspiegelung der Gesellschaft mit ihren erlösten und unerlösten Themen. Sie schleichen sich in spirituelle Lehren ein, vor allem wenn die Lehrer und Lehrerinnen zwar ihre inneren Entwicklungsschritte durchlaufen haben, aber ihnen die Dimension der gesellschaftlichen Aufklärung fremd geblieben ist. Dadurch haben sie keinen Blick auf die Implikationen von Ideengebäuden, die scheinbar einen hohen spirituellen Erklärungswert aufweisen, aber aufgrund ihrer ideologischen Vorprägungen Egoismen bedienen, statt die innere Aufklärung weiterzutreiben.

Spirituell Lehrende tragen eine hohe Verantwortung, weil ihren Worten von den Lernenden viel Autorität zugebilligt wird. Schüler kommen zur Meisterin und nehmen sie zum Vorbild, denn sie repräsentiert einen Zustand des inneren Friedens, den sie auch erreichen wollen. Die Worte und Konzepte, der verbale Inhalt der Lehre, werden für bare Münze genommen, weil es oft heißt, dass sich der kritische Verstand nicht einmischen soll. 

Auf diese Weise öffnet sich allerdings die Falle, indem Ideologien und Machtthemen in die Lehre ungeprüft in den Lehrraum eindringen können. Die Schülerin steht dann vor der Entscheidung, auf die Vernunft zu hören, die ihr rät, Ideologien nicht auf den Leim zu gehen, sondern dem aufklärerischen Geist des kritischen Denkens treu zu bleiben, und dem Wunsch, dem Treiben des Verstandes im eigenen Kopf Einhalt zu gebieten. 

Vernunft und Verstand

Selten reden Lehrer über den wichtigen Unterschied zwischen der Vernunft, dem Forum des kritischen Geistes auch und gerade gegenüber den Worten, mit welchen die Spiritualität vermittelt wird, und dem Verstand, dem Hort der Widerstände gegen die spirituelle Hingabe. Wo diese Ebenen nicht auseinandergehalten werden, entsteht entweder Verwirrung oder spirituelle Überheblichkeit. 

Es braucht die kritische Unterscheidungskraft zwischen genuin spirituellen Inhalten und historisch-bedingten Versatzstücken, die in den Köpfen aller Gesellschaftsmitglieder, also auch der spirituellen Lehrer, herumspuken. Wo sie fehlt, machen sich allzu leicht Theorien breit, die die spirituelle Arroganz und damit das Ego verstärken. Wo im Zeichen der Überwindung des Verstandesdenken auch die Vernunft, die für diese Unterscheidungskraft zuständig ist, geopfert wird, kommt es schnell zu einer Vermischung von spiritueller Lehre und ideologiegetränkter Propaganda.

Zum Weiterlesen:
Vom Vergleichen
Das Unterscheiden des Absoluten und Relativen in der Lehre

Dienstag, 21. Juni 2016

Sportlicher Nationalismus und die Globalisierung

Fußballturniere sind Feierstunden des sportlichen Nationalismus. Und der sportliche Nationalismus ist einer der hartnäckigsten Unterarten dieses Phänomens. Schon bei den Erfindern des Sports, den antiken Griechen, war der Wettkampf zwischen den Athleten zugleich ein Wettkampf der Stadtstaaten, aus denen sie stammten.

Gerühmt wird der friedliche Ablauf der zwischenstaatlichen Konkurrenz, da strenge Regeln über einen fairen Ablauf des Wettkampfes wachen. Die Randalierereien mancher Sportanhänger am Rand der sportlichen Ereignisse machen aber deutlich, dass auch hier eine Nähe zur inhärenten Gewaltbereitschaft des Nationalismus lauert: Die nationalistische Ideologie als Rechtfertigung für die Anwendung von Gewalt gegen die anderen.

Ein anderes Phänomen hingegen karikiert diese Ideologie. Die Sportler als Exponenten des nationalen Stolzes zeigen zunehmend ein globalisiertes Bild der Nationen. Zlatko Junuzović, gebürtiger Serbe und David Olatukunbo Alaba aus einer philippinisch-nigerianischen Familie sind Beispiele aus der österreichischen Nationalmannschaft, noch bunter präsentiert sich die deutsche: Kevin-Prince Boateng, Shkodran Mustafi, Emre Can, Mesut Özil, Sami Khedira, Leroy Sané und Łukasz Józef Podolski hätten wohl unter den strengen rassischen Kriterien des Nationalsozialisten niemals für eine nationale Vertretung des deutschen Volkes getaugt.

So aber zeigt sich die österreichische oder die deutsche Nation in Form ihrer Nationalmannschaft der ganzen Welt als globales Gemisch aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Menschentypen, also nicht als nur blond, blauäugig und weißhäutig. Jeder darf mitspielen, wenn er das Können dazu hat, und des sportlichen Nationalismus geht es nur darum. Ihm ist der dunkelhäutigste Österreicher, der einen sportlichen Erfolg erringt, lieber als ein erfolgloser „nordisch-alpiner Typ“. Der sportliche Nationalist wird also unweigerlich zum globalen Nationalisten und damit zum Widerspruch in sich selbst. In dieser Hinsicht hat also der sportliche Nationalismus das Zeug in sich, den Nationalismus selber ad absurdum zu führen.


Diese Widersprüche zeigen sich auch daran, dass rechtsnationalistische Politiker immer wieder Probleme mit ihrem engen Weltbild bekommen, wenn die sportlichen Leistungen mit ihren rassistischen Vorurteilen vergleichen müssen.

So wurde David Alaba vom FPÖ-Politiker Mölzer als „nicht wirklicher Österreicher“ bezeichnet (was immer das sein soll), und der deutsche AfD-Vizechef Gauland äußerte sich beleidigend über Jéromé Boateng. Die strammen Nationalisten stehen diesen Phänomenen hilflos gegenüber und können entweder nur entsetzt ihre Augen verschließen und den Mund halten oder ihre enge Ideologie ein wenig öffnen, wenn sie nicht gegen die überwältigende öffentliche Meinung untergehen wollen, der die Hautfarbe oder der genetische Mix völlig egal ist, wenn der Spieler ein Tor für die eigene Nation geschossen hat.

Immer mehr Menschen sind auf dem Globus unterwegs, finden ihre Gefährten in anderen Ländern und Erdteilen, und manche von deren Kindern werden talentierte Sportler, die dann zu Symbolträgern der Nationen werden, in denen sie dann zufälligerweise aufwachsen. Freuen wir uns also über die bunt gemischten Nationalteams, sie sind die Vorboten für das Verabschieden des Nationalismus als gewalterzeugender Ideologie und für das Feiern der Unterschiede im größeren Gemeinsamen.

Donnerstag, 16. Juni 2016

Das kleine Fenster des Nationalismus

Neulich erzählte mir eine „Ungarin“ von ihren genealogischen Forschungen. Sie hat Vorfahren aus Polen, Russland, Türkei und Armenien, und der Familienname ihrer Mutter soll aus dem Himalaya-Gebiet abstammen, ohne dass es ein Wissen darüber gibt, wie er nach Europa gelangt ist.

Das wird für die meisten Menschen gelten: Wenn sie in ihre Vergangenheit auf ihre Abstammungslinien schauen, wird deutlich werden, dass die unterschiedlichsten Wurzeln zusammen ihre heutige Person ergeben. Die Nationalität, die wir aufgrund der letzten Entwicklungen für uns behaupten, gibt davon nur einen winzig kleinen, recht willkürlich ausgewählten Ausschnitt wieder. 


Die Nationalität ist also nicht mehr als eine Selbstbehauptung. Aus der Fülle der historischen Fäden, die sich in der eigenen Person überkreuzen, wird ein Strang herausgezogen und mit einem Glorienschein umgeben. Das bildet die Grundlage für eine Zugehörigkeit, auf die man stolz sein kann und die man zur Abwertung anderer Nationen benutzen kann. Sie wird in die eigene Identität eingebaut und mit deftigen Emotionen versetzt: Du bist mein Heimatland, dir bin ich treu. Im Extremfall fordert das Heimatland die Treue ein und versteht darunter, für es das eigene Leben zu geben. Das ist der Moment, den wir immer wieder beobachten können, in dem die Nationalität zur Bestie wird.


Nationalismus im Zeitfenster


Der Nationalismus hat seinen Referenzpunkt in einem relativ schmalen Zeitfenster zwischen einer Vergangenheit, der der Begriff der Nation fremd war, weil er nicht benötigt wurde, und einer Zukunft, die ihn als Relikt aus einer barbarischen Zeit abtun wird. Wir stammen aus vielfältigen Ahnenlinien ab, die sich nicht an irgendwelche politisch definierte Grenzen halten, und wir gehen in eine globalisierte Zukunft, in der die Menschen über die Kontinente, Religions- und Rassengrenzen hinweg mobil sind und ihre Zugehörigkeiten laufend neu definieren müssen.

Dieses Zeitfenster hat die Ideologie des Nationalismus weidlich genutzt - einerseits zum Schutz von Traditionen, Sprachgruppen und Gemeinschaften, andererseits zur Aggression gegen andere Nationen. Vom 19. über das 20. Jahrhundert bis in unsere Tage können wir die Auswüchse und Verwirrungen des Nationalismus beobachten. Während sich die Wirtschaft längst über alle Grenzen hinwegsetzt, greift erst langsam das Bewusstsein, dass wir in erster Linie Weltbürger sind und irgendwann nachgeordnet Angehörige einer bestimmten Nation oder Volksgruppe.


Die Heimat und die DNA


Richtig gruselig oder aufregend wird es erst, wenn wir einen Blick in die DNA werfen, in der die Spuren unserer Herkunft ablesbar sind.

Als Illustration ein Video: Man sieht man Personen, die voller Stolz von ihren Herkunftsländern schwärmen und Vorurteile gegen andere Länder hegen. Dann kriegen sie das Resultat über die Herkunft ihrer DNA, und als sie erkennen, dass sie eine Mischkulanz aus verschiedensten Völkerschaften sind, dass ihre Vorfahren die unterschiedlichsten Sprachen gesprochen und in allen möglichen Teilen dieser Welt gelebt haben, passiert ein Aha-Erlebnis: Ich bin viel mehr als diese Nation, die ich mein Eigen genannt habe und mit der ich mich so stark identifiziert habe. Ich habe viel mehr Identitäten als nur eine, und ich habe viel mehr gemeinsam mit jenen, die ich mit Misstrauen oder Überheblichkeit ablehne.

Genetiker haben festgestellt, dass es hohe Grade an Verwandtschaft der Menschen untereinander gibt. Die "brotherhood of man", von der John Lennon singt, ist also keine visionäre Träumerei, sondern umschreibt eine genetische Realität. Weitschichtig betrachtet, können wir unter den Menschen keine wirklich Fremden finden, sondern nur entferntere Verwandte. Der finnische Genetiker Svante Pääbo beschreibt in einem Interview als wichtigste Einsicht seines Faches, „dass die genetischen Unterschiede zwischen uns alles andere als tiefgreifend sind.“


Erkenntnis macht frei


Erkenntnis entkoppelt, und Entkoppelung macht frei. Identitäten, an denen wir festhalten, schränken uns ein. Der Vorgang der Entidentifizierung erlaubt uns, mit etwas in uns in Beziehung zu treten, das wir vorher gar nicht von uns  selbst unterscheiden konnten. Die Distanz erlaubt uns, die Beziehung zu gestalten. Wir sind nicht mehr von ihr beherrscht, sondern können ihre Bedeutung für uns selbst festlegen.

Dann können wir das Gemeinsame im Fremden erkennen und über das Trennende stellen. Wo wir Verbindung erkennen, finden wir den Weg vom Misstrauen zum Vertrauen, von der Angst zur Entspannung, vom Hass zur Liebe.


Vgl. "Helden"
Mitgefühl hat keine Grenzen

Sonntag, 17. April 2011

Helden

Gerade (17.4.2011) gehen in Kroatien die Leute auf die Straße, um für ihren "Helden" Ante Godovina zu demonstrieren, der von einem unabhängigen Gericht mehrerer Kriegsverbrechen für schuldig befunden wurde.

Ich sehe daran, wie sehr die Vergangenheit Menschen imprägnieren kann. Unaufgearbeitete Traumatisierungen führen dazu, dass die Welt in Kategorien eingeteilt wird - wer auf unserer Seite steht, ist immer gut, die auf der anderen Seite immer schlecht. Wie kann ein General von unserer Seite, der einen Krieg gewonnen hat, ein Verbrecher sein? Unmöglich, da müssen die, die ihn verurteilt haben, die Verbrecher sein.

Es wird also nicht mehr auf die Wirklichkeit geschaut - was hat ein Mensch getan und wofür hat er die Verantwortung zu tragen, sondern auf die eigene Verletztheit, die aber nicht gespürt wird, sondern in Aggression umgedreht wird - Hass auf die EU und auf das Gericht, das die Verurteilung ausgesprochen hat.

Die Menschen reagieren so, als wäre ihnen ein Stück ihrer Identität weggenommen worden - ein Held, an dem sie sich orientieren konnten. Blöd, dass sich herausstellt, dass er zwischen seinen Heldentaten Verbrechen begangen hat. Der Verlust dieser Identifizierung ist schmerzhaft und wird mit Wut ausgedrückt und soll natürlich rückgängig gemacht werden.

Das Denken, das hinter diesen Reaktionen steht, ist im 19. Jahrhundert entstanden. Damals wurden die Menschen mit dem Gift des Nationalismus infisziert und sind seither davon abhängig. Es kann mir nur gut gehen, wenn es meiner Nation gut geht. Ebenso war diese Zeit eine Hochblüte des Heldentums - glorreiche Kämpfer für die machtvolle Aufwertung der eigenen Nation tummeln sich allenthalben. In Bronze gegossen, stehen sie in allen Städten noch immer herum und laden zur Verehrung ein.

Wenn wir uns aus der Bewusstseinsschicht, die das 19. Jahrhundert bis in unsere Zeit hinein geprägt hat, lösen, verschwindet das Bedürfnis nach Helden. Wir schauen mehr auf uns selbst, auf das, was unsere eigenen Fähigkeiten und Potenziale sind, als dass wir die Genies und Helden verehren und glorifizieren. Jeder ist der Held/die Heldin im eigenen Leben. Wozu brauchen wir jemanden, der angeblich so herausragende Leistungen vollbringt? Was verändert das an der eigenen Lebensqualität? Schauen wir darauf, dass wir unser eigenes Leben kreativ und mutig leben, indem wir die Herausforderungen, die es ganz individuell an uns stellt, bestmöglich meistern. Das kann das Erziehen von Kindern oder das Erledigen von Büroaufgaben genauso sein wie das Schreiben von Büchern oder von Musik.

Was noch verschwinden sollte, und zwar möglichst schnell und möglichst aus allen Köpfen, ist die Idee des Nationalismus. Sie hatte ihre Bedeutung im 19. Jahrhundert, hat im 20. Jahrhundert Millionen von Todesopfern verursacht und sollte im 21. Jahrhundert restlos entsorgt werden. Wir brauchen keine Nationen mehr, um die Probleme dieser Welt anzugehen: Wohlstandsgefälle, Umweltbelastung, Ressourcensicherung und -aufteilung, usw. Die Nationen stehen da nur im Weg. Wir brauchen globale Lösungen, und die finden wir nur, wenn wir über die nationalen Tellerränder schauen. Wolken mit radioaktivem Fallout halten sich auch nicht an nationale Grenzen.

Stellen wir uns also vor, dass es keine Grenzen mehr gibt und die Menschen sich nicht mehr als Österreicher, Kroaten oder Serben wahrnehmen, sondern als Bürger dieser Welt, mit einer Verantwortung für diese Welt und das Leben darauf (imagine, there's no countries...).