Donnerstag, 21. Mai 2026

Ludwig Wittgenstein und das Mystische

Ludwig Wittgenstein gilt als einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Mit seinem Tractatus Logico-Philosophicus (1921) hat er versucht, die anstehenden Probleme der Philosophie zu lösen und war zunächst auch der Ansicht, dieses Ziel erreicht zu haben. In dem berühmten, während des 1. Weltkriegs entstandenen Buch legt er eine strenge logische Analyse der Sprache vor, die bis an die Grenzen des Denkbaren und Sagbaren reicht. An dieser Grenze, an der die Logik aufhört, meldet sich im Tractatus „das Mystische“. 

Nach Wittgenstein zerfällt die Wirklichkeit in zwei Bereiche: In das, was der Fall ist, die Tatsachen, die sprachlich durch logische Sätze abgebildet werden können, und in das, was jenseits dieser Sphäre liegt: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies ‘zeigt’ sich, es ist das Mystische.“ (6.522) Dem Philosophen war bewusst, dass die Beschreibung der Phänomene der Welt keine Antwort auf die Frage gibt, „warum überhaupt Sein und nicht vielmehr Nichts ist” („[...] pourquoi il y a plutôt quelque chose que rien?“) (Leibniz). „Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.“ (6.44) Wie die Welt ist, kann beschrieben, gemessen und verändert werden. Doch der Ursprung der Existenz dieser Welt liegt im Dunkeln, im Unerforschbaren, im Wunderbaren. Darüber gibt es keine sinnvollen Worte, es kann also nicht mit logischen Sätzen beschrieben werden, es „zeigt sich”, freilich auf eine unabweisbare Art. Denn alles Beschreiben und Erforschen bezieht sich auf eine bereits existierende Welt und ihre Fakten. In jedem Akt des Denkens und Handelns ist dieses Sein enthalten, ohne selbst jemals zum Faktum zu werden. 

Aus der Sicht des Mystischen erscheint das Begrenzte der Welt: CDie Anschauung der Welt sub specie aeternitatis ist ihre Anschauung als begrenztes Ganzes. Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische.“ (6.45) Wird die Welt mit dem mystischen Auge, im Licht der Ewigkeit" betrachtet, so erscheint sie in ihrer Begrenztheit. Da wir in ihr auf die Mittel der Logik zurückgreifen müssen, um sinnvoll erkennen und agieren zu können, stellt die Struktur der Logik eine unüberwindliche Grenze dar. Was jenseits der Grenze liegt, ist nach logischen Kriterien „unsinnig”, weil es sich nicht auf Tatsachen beziehen kann, die jeder Aussage einen Sinn geben. Die Sprache muss mit ihren logischen Möglichkeiten vor dieser Grenze kapitulieren.  

Das Gefühl des Mystischen

Wittgenstein verwendet an diesem Punkt den Ausdruck des Gefühls. Das Mystische ist über das Gefühl zugänglich. Es ist damit keine Emotion wie Angst oder Freude gemeint, sondern offenbar ein innerer Sinn, der etwas spürt, was er nicht benennen kann. Vielleicht staunt er angesichts der Ahnung vom Absoluten, vielleicht ergreift ihn das Wunder, das sich zeigt, wenn das Bewusstsein aus den Verrichtungen des Alltags heraussteigt und eine entrückte Erkenntnis einbricht. Was Wittgenstein mit dem Gefühl gemeint hat, erläutert er nicht näher. Ebenso wenig geht er darauf ein, was geschieht, wenn wir dem Gefühl Raum geben und es in uns wirken lassen. Wir können aber folgern: Wo das Denken an eine Grenze stößt, öffnen sich neue Möglichkeiten der Erkenntnis, die auf anderen Grundlagen beruhen. Es kann dort eine Weise der Gewissheit über die eigene Existenz gefunden werden, die jenseits der Sprachlogik auf ihre Entdeckung wartet. 

Im Satz 5.6 heißt es: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Der Satz beinhaltet aber nicht, dass es nichts jenseits dieser Grenzen gäbe. Vielmehr besagt er, dass das Jenseits, ähnlich dem Ding an sich bei Immanuel Kant, mit den Mitteln der relativen Sprache und im Rahmen der relativen Zeit nicht verstanden werden kann. Die Sicht auf das Begrenzte kommt bei Wittgenstein aber nicht aus dem Unbegrenzten, sondern aus einer Position an der Grenze zum Mystischen. 

Da die Welt begrenzt ist, können wir von deren Grenze aus auf die relative Welt blicken. In diesem Blick liegt die Distanz zu den Phänomenen, die uns im Leben oft ängstigen, plagen oder langweilen. Wir nehmen ihnen mit dieser Perspektive die dominierende Macht über unser Bewusstsein. Wir erkennen, dass wir die begrenzten Sichtweisen und Einstellungen aus der relativen Welt übernommen haben, mit denen wir uns selbst behindern. Wir können sie also leicht ablegen wie unnützes Gepäck.  

Der Sinn der Welt 

Wir erkennen auch, dass der Sinn der Welt nicht in der Welt selbst liegen kann: „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles wie es ist und geschieht alles wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert – und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert. Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muss er außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig. Was es nicht-zufällig macht, kann nicht in der Welt liegen, denn sonst wäre dies wieder zufällig. Es muss außerhalb der Welt liegen.” (6.41) 

Der Sinn zeigt sich darin, dass die Fragen nach dem Sinn verschwinden: Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.” (6.521) Der Sinn ist also nur fraglich, solange wir uns in der Sphäre des Relativen aufhalten. Die Probleme, denen wir dort begegnen, ergeben keinen Sinn oder lassen uns am Sinn zweifeln. Wir beginnen, nach einem Sinn zu suchen, werden aber nicht fündig, weil wir nur begrenzte Antworten finden. Im Absoluten ist die Frage verschwunden, weil in der Erfahrung der Präsenz alles beinhaltet, was Sinn macht, oder weil das Erleben allen Sinn in sich trägt.  

Das Subjekt der Erkenntnis 

Wichtig für diesen Zusammenhang ist das Subjekt der Erkenntnis und der Reflexion, das Wittgenstein an der Grenze zwischen dem Relativen und dem Absoluten ansiedelt: Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt.” (5.632) Es ist klar, dass das erkennende Ich keine Tatsache sein kann, sondern eine Instanz, durch die Tatsachen erst zu Tatsachen werden. 

Das philosophische Ich ist nicht der Mensch, nicht der menschliche Körper, oder die menschliche Seele, von der die Psychologie handelt, sondern das metaphysische Subjekt, die Grenze – nicht ein Teil der Welt.” (5.641) Es gibt also auch ein mystisches Subjekt, das die Erkenntnis grundlegt. Wittgenstein nutzt die Metapher des Sehens: Wir sehen die Welt in ihrer Vielfalt, aber nie das Auge, das all diese visuellen Eindrücke erzeugt. Wie wir ohne Augen keine visuelle Welt kennen können, können wir ohne Subjekt überhaupt keine Objekte kennen oder erkennen; doch beide, die Augen wie das Subjekt kommen nicht in der wahrnehmbaren Welt vor, sondern stellen in der Formulierung von Kant Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt” dar. Das erkennende Ich ist an der Grenze der Welt angesiedelt, weil es das Wahrnehmungsfeld aufspannt. Es gehört zu dieser Welt und auch nicht. Es schrumpft zu einem ausdehnungslosen Punkt” (TLP 5.64) zusammen. 

Auch Kant hat ein transzendentales Subjekt der Erkenntnis postuliert. Mit Hilfe der Anschauungsformen (Raum und Zeit) und der Kategorien (z.B. Kausalität) strukturiert es die Wirklichkeit, sodass sie uns in einem sinnvollen Zusammenhang erscheint und durch technische Manipulationen unseren Zwecken dienlich gemacht werden kann. Dieses Subjekt ist nicht Teil dieser Wirklichkeit, sondern eben transzendental, an oder jenseits der Grenze der empirischen Welt.  

Wittgenstein setzt Denken und Sprache gleich. Das philosophische Subjekt ist der Ort der Sprachlogik, die der Welt und ihrer Erkenntnis zugrundliegt. Der Philosoph bringt es nicht wie Kant mit der Vernunft, sondern mit der Sprachstruktur in Verbindung. Damit tilgt er jedes persönliche Element an diesem Subjekt, weil die Sprachlogik unpersönlich ist und allgemein gilt, unabhängig von jedem Individuum.  

Die Grenze der Sprache und das Jenseits 

Mystiker sind Menschen, die sich im Mystischen aufhalten und von dort aus auf die “Welt” in ihrer Begrenztheit blicken können. Wittgenstein allerdings gesteht diese Position nicht zu, weil sie in der philosophischen Reflexion zu einem metaphysischen Dualismus (Die Welt und das Ich) führen würde und weil das Ich eine mystische Dinghaftigkeit bekäme. Er kann das Ich nur als Grenze der Welt verstehen. Sein Bestreben ist die Grenzziehung des Erkennbaren und Wissbaren, bzw. des logisch Darstellbaren. Er beschäftigt sich also mit Erkenntniskritik als Sprachkritik und damit auch – im Sinn dieses Buches – mit einer Kritik der spirituellen Vernunft. Im Tractatus ist jede Möglichkeit, etwas über das auszusagen, was jenseits der Grenze der Sprache liegt, ausgeschlossen: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen” lautet der berühmte Schlusssatz dieses Werkes. Das Verstummen ist kein Verbot des Redens, sondern der Hinweis darauf, dass ein solches Reden Verwirrung erzeugt, wenn es Absolutes mit den Mitteln des Relativen darstellen will. 

Wir müssen uns nicht an dieses Gebot halten. Vielmehr können wir berücksichtigen, dass es im Lauf der Geschichte in verschiedenen Traditionen und Kulturräumen Mystiker gegeben hat, die ins Jenseits weitergehen und Wege gefunden haben, dieses zu erkunden. Das Mystische ist nicht einfach ein unerkennbares „Ding an sich” oder eine Sphäre, in der es nur Unsinn gibt, wie Wittgenstein meint: „Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.” (Vorrede zum Tractatus). Vielmehr geht es auch hier um einen Erfahrungsbereich mit eigenen Erkenntnisqualitäten und Grenzen. Wittgenstein hatte zwar ein „Gefühl“ für das Mystische, aber keine Erfahrungen, denen er vertrauen konnte. Er suchte seine Sicherheit im logischen Denken und Sprechen und war sich der Grenzen sehr bewusst. Die Erforschung des mystischen Gefühls haben die Mystiker vorgenommen und sind dabei sehr weit gekommen. Und sie haben gelernt, in einer Sprache mit eigener Logik zu sprechen. 


Montag, 11. Mai 2026

Der Heimatbegriff in den Mühlen der Rechtspropaganda

Vollmundig nehmen Politiker und Propagandisten gerne „die Heimat“ in den Mund, um die Heimattreuen um sich zu scharen und Stimmung gegen alles Fremde zu machen. Genauer betrachtet, ist allerdings die Heimat nichts Einfaches, wie es oft suggeriert wird, sondern ein recht komplexer und vielschichtiger Begriff. Wegen seiner emotionalen Aufladung eignet er sich gut für ideologische Zwecke. Durch die Verbindung der Heimat mit der Blut-und Bodenideologie im Nationalsozialismus geriet der Begriff nach dem 2. Weltkrieg  in Misskredit. Mit dem Aufstieg von Rechtsparteien ist die „Heimat“ neulich zu einem Kampfbegriff mutiert. Die Heimat soll einen sicheren Hafen in einer unübersichtlichen Welt darstellen, dem keine Bedrohungen etwas anhaben können, solange nichts Fremdes eindringt. Da es die Zuwanderer sind, die in die eigene Heimat einsickern, sollte jede Form der Migration unterbunden werden. Nur so kann die Heimat rein und unverdorben bleiben. Dieser abgeschlossene Begriff der Heimat wird mit Identität aufgeladen – sie soll definieren, welcher Mensch man ist, was man mag und was nicht, was man will und was nicht. Außerdem soll die Heimat geliebt werden, so wie das Vaterland.

Von dieser ideologischen Seite wird also ein exklusiver Heimatbegriff propagiert – etwas, das es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Menschen sind immer ein- und ausgewandert, durch die ganze lange Geschichte hindurch. Die Bevölkerung der eigenen Heimat ist überall eine Mischkulanz. 

Denn in der Menschheitsgeschichte ist Wanderung die Regel und Bodenständigkeit die Ausnahme. Die Angehörigen der schwarzen und der weißen Bevölkerung in Nordamerika sind Nachkommen von Einwanderern. Die Ureinwohner („First Nations“) sind ebenfalls Einwanderer, nur zeitlich weiter zurück (vermutlich vor ca. 20 000 Jahren). Meine Vorfahren z.B. sind im 16. Jahrhundert aus Holland über Böhmen nach Österreich gekommen und haben dann in verschiedenen Regionen des Landes gelebt. Selbst manche Bauern, die auf eine lange Tradition auf ihren Höfen zurückblicken, sind irgendwann einmal zugewandert.

Heimat als soziale Konstruktion

In den Sozialwissenschaften herrscht der Konsens, dass es sich bei der Heimat um ein soziales Konstrukt handelt, dass sie also keine objektive Gegebenheit ist. Primär entsteht sie aus der Verbindung mit Personen, während die räumliche Dimension (der Ort, der Landstrich) sekundär ist. 

Das Heimatgefühl wird durch einen Kreis vertrauter Menschen erzeugt, die direkt, face-to-face miteinander bekannt sind. Bei Menschen, die man kennt, sind die Reaktionen vertraut, man weiß, wann man sich entspannen kann und wann man aufpassen muss. Das selbstverständliche Zugehörigkeitsgefühl ist ein weiterer Aspekt der Heimat, der soziale Sicherheit verleiht. Mit dem Begriff der Heimat sollen verschiedene Bedürfnisse abgedeckt werden, z.B. Zugehörigkeit, Kontinuität, Mitgestaltung, Verstandenwerden, die intuitive Kenntnis der Umgangssprache und der elementaren sozialen Regeln.

Heimat, Staat und Nation

Es sind also vertraute Menschen, die kleinen Kindern Sicherheit vermitteln, und das Gefühl des Vertrauens und der Zugehörigkeit wird dann auf die Orte übertragen, an denen dieses Sicherheitsgefühl entstanden ist. 

Mit dem Aufwachsen erweitert sich das Zugehörigkeitsgefühl und wird abstrakter, also immer mehr von konkreten Personen gelöst. Heimat wird dann auf das Dorf oder die Stadt, in der die Kindheit verbracht wurde, und später auf das Land und die Nation ausgeweitet. Die Länder sind aus Gebietsgrenzen gebildet worden, die im Lauf der Geschichte vor allem als Folgen von Kriegen entstanden sind. 

Der Begriff der Nation stellt eine besondere soziale Konstruktion dar, weil er die Bewohner eines Landes emotional an den Staat binden will. 

Er ist also vor allem zum Zweck der Identifikation der Einwohner mit dem modernen Staat entstanden (der erst in der Neuzeit zu einem Flächenstaat wurde). Dem Staat untergeordnet sind nun alle, die auf einem bestimmten Gebiet wohnen. Die Staatsbürger sich sollten mit diesem Begriff in größere Machtzusammenhänge einfügen und diese gegen alle Bedrohungen verteidigen – nach der Devise: „right or wrong, it’s my country“ oder z.B.: „Deutschland über alles“. 

In der Verabsolutierung der Nation zeigt sich die Ideologie des Nationalismus, der als Motivator und Mobilisator für viele Kriege eingesetzt wurde, beginnend mit den französischen Kriegen im Gefolge der Revolution von 1789 über die Weltkriege, die Jugoslawienkriege bis zum Ukrainekrieg. 

Im Nationalismus wird Nation durch die Abgrenzung von anderen Nationen definiert, meistens von denen, die benachbart sind. Sie sind die Fremden, und zwischen den Eigenen und den Fremden verläuft eine starre Grenze, die nur durch Kriege, also durch Gewalt verändert werden kann. Durch den Nationalismus werden Identitäten geprägt, mit denen die unterschiedlichen Herkünfte vereinheitlicht werden sollen.

Der Heimatbegriff der Auswanderer

Wenn Menschen auswandern, nehmen sie ihre Heimat im Kopf als geschönte Bilder und wohlige Gefühle in die neue Umgebung mit. Während sich die tatsächliche Heimat weiterentwickelt, modernisiert und verändert, wird das Bild im Kopf der Ausgewanderten oft idealisiert und auf eine frühere Zeit fixiert. Deshalb werden in der Fremde oft Traditionen, Werte und Sprachformen gepflogen, die im Herkunftsland vielleicht schon längst überholt sind. Werden die Zuwanderer in der neuen Umgebung abgelehnt oder fühlen sich abgelehnt, so wird die Identifikation mit der verlorenen Heimat umso wichtiger. Je stärker die Ausgrenzung erlebt wird, desto wichtiger ist die Rolle des Heimatbegriffs als Schutz gegen den Assimilationsdruck. Die Verteidigung der Heimat gegen Angriffe kann dann besonders aggressiv ausfallen.

Diese Reaktion zeigt sich oft in der zweiten oder dritten Generation der Zuwanderer. Die Spannung, die sich aus dem Gefühl ergibt, zwei unterschiedlichen Welten zuzugehören, wird damit bewältigt, dass die Heimat der Eltern und die dort geltenden Werte und Normen besonders starr festgehalten werden. Die Unsicherheit mit der eigenen Rolle in der neuen Gesellschaft soll durch eine Idealisierung der Herkunftsgeschichte überwunden werden.

Die Migrantenfeindlichkeit unter Migranten

Ein weiteres scheinbar paradoxes Phänomen zeigt sich, wenn früher Zugewanderte später Zugewanderte ablehnen oder wenn sie, obwohl sie selbst aufgenommen wurden, für einen Aufnahmestopp eintreten. Oft wählen sie rechte oder rechtsextreme Parteien, trotz deren Ausländerfeindlichkeit. Denn sie erhoffen sich von ihnen den Schutz ihrer mühsam erarbeiteten Position in der neuen Gesellschaft. Außerdem befürchten sie die Konkurrenz von Neuankömmlingen am Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder bei den Sozialleistungen. Oft sind sie, wie oben erörtert, traditionalistisch oder konservativ eingestellt und treten für Recht und Ordnung ein; neu Hinzukommende könnten ein Chaos anrichten, weil sie sich nicht auskennen und sich nicht anpassen können oder wollen. Wer sich schon in der Gesellschaft etabliert fühlt, sieht in den Neuen eine Gefahr der errungenen Stabilität. Deshalb sollte man ihnen mit Misstrauen begegnen.

Wer sich schon länger im Land befindet, hat ein gewisses Heimatgefühl aufgebaut, das aber noch fragil ist, weil es sehr vom Maß der Integration in die neue Gesellschaft bzw. vom Aufgenommenwerden durch die Einheimischen abhängt. Das noch nicht gefestigte Heimatgefühl wird durch neu Hinzukommende verunsichert und muss deshalb in der emotionalen Gegenreaktion durch die Abwehr der Neuen gestärkt werden.

Die guten Migranten

Viele rechtsorientierte und ausländerfeindliche Politiker haben migrantische Partnerinnen, z.B. der amerikanische Präsident, sein Stellvertreter und der Außenminister oder die Bundessprecherin der AfD. Wie geht das zusammen? Für diesen Zweck dient die Unterscheidung zwischen den guten und den schlechten Zuwanderern. Die eigenen Partner dienen als Vorbild, wie die Integration gelingen kann: Die guten Migranten passen sich nahtlos in das Bild der Heimat an, das die Tradition vorgibt. Sie geben ihre Herkunftsidentität weitgehend auf und ordnen sich der neuen Heimat mit ihren Regeln und Gebräuchen unter.

Dem migrationsfeindlichen Politiker dient die aufpolierte neue Identität der Partnerin als Feigenblatt: Wie kann man mich als Rassisten bezeichnen, wo ich doch jemanden mit fremder Herkunft geheiratet habe? 

Der ideologisierte Heimatbegriff kann für die jeweiligen persönlichen Zwecke zurechtgebogen werden. Allerdings wird er durch solche Verdrehungen immer undeutlicher und verlogener, sodass er nur mehr in realitätsfremden und geschlossenen Zirkeln und Blasen Gefühle mobilisieren kann. Dieses „Nur-Mehr“ ist freilich relativ: Es scheint, als ob immer mehr Menschen einer realitätsverweigernder Wirklichkeitssicht zuneigen und damit Fantasien nicht mehr von Fakten unterscheiden können oder wollen. 

Die schlechten Migranten

Die schlechten Migranten sind jene, die ihren mitgebrachten Heimatbegriff nicht aufgeben, sondern ihn in die neue Heimat einfließen lassen wollen. Sie lösen Ängste vor einer Überfremdung aus – dass die Minderheitskultur die Mehrheitskultur auslöscht, etwa unter dem propagandistischen Schlagwort der Islamisierung, oder noch schlimmer, des Bevölkerungsaustausches. Da der Heimatbegriff weitgehend in ein ideologisches Konstrukt umgewandelt wurde, ist er bestens dazu geeignet, irreale Ängste auszulösen und zum alles überschattenden Problem hochstilisiert zu werden. Er wird zu einem Gefäß, in das alle anderen Ängste hineinprojiziert werden können. 

Der korrumpierte Begriff der Heimat

Als Folge des ideologischen Missbrauchs wird der Heimatbegriff über kurz oder lang wieder dort landen, wo er nach dem Ende des Nationalsozialismus war – für die einen ein Hoffnungsträger für die Erlösung von allen Missständen: Wenn die Zuwanderung beendet wird, wird alles gut; für die anderen Symbol der Rückschrittlichkeit. In jedem Fall ist der Begriff der Heimat seines ursprünglichen Sinnes beraubt und politischen Machtinteressen untergeordnet. Die einen sehnen sich zurück in eine idyllische Vergangenheit à la Peter Roseggers Waldheimat, in der die Welt noch heil war. Die anderen glauben, dass die Menschheit nur dann eine Zukunft hat, wenn sie ihren Planeten als Heimat von allen begreift, sodass sie als Gemeinschaft die Überlebensprobleme der menschlichen Zivilisation angehen kann.

Zum Weiterlesen:
Migrationsmythen und die Realität
Migration und Scham
Hass im Internetzeitalter