Sonntag, 28. Juni 2026

Die spirituelle Umgehung (spiritual bypassing)

In der Spiri-Szene hat der Begriff „spirituelles Bypassing“ eine gewisse Bekanntheit erworben. Grob gesprochen ist damit gemeint, dass spirituelle Konzepte dafür missbraucht werden können, eigene nicht aufgearbeitete emotionale Themen zuzudecken und zu verschleiern. Statt sich dem Schmerz und all den anderen Gefühlen zu stellen, die mit der Wurzel des Themas verbunden sind, hängt man sich ein spirituelles Mäntelchen um und schwindelt sich über die seelische Wunde hinweg. Der Begriff wurde von dem Psychologen und Schüler von Chögyam Trungpa Rinpoche John Welwood (1943–2019) geprägt, der erkannte, dass tiefe spirituelle Erfahrungen zu erweiterten Bewusstseinszuständen führen können, ohne dass die unbewussten Verletzungen aus der Kindheit davon berührt würden. Er hat unter „vorzeitiger Transzendenz“ verstanden, dass sich das Bewusstsein über die eigene fragmentierte und von Traumen erschütterte Seele erhebt, ohne mit ihm im Reinen zu sein. (Welwood 2010) Der Buddhist und Psychologe Jack Kornfield (*1945), hat darauf hingewiesen, dass die mühsame Arbeit darin besteht, die spirituellen Einsichten in das Alltagsleben, der voll von psychologischen Verstrickungen ist, zu integrieren, unter dem Motto: „Nach der Erleuchtung die Wäsche zu waschen.“ Der integrale Philosoph Ken Wilber (*1949) hat mit seinem Modell der Prä-Trans-Verwechslungen einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Missbrauchs von Spiritualität für emotionale Zwecke beigetragen. Er hat zwischen „waking up“ und „growing up“ unterschieden, also zwischen dem Aufwachen und dem Aufwachsen. Beides braucht unsere Aufmerksamkeit und unser Engagement, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Emotional erwachsen werden wir, indem wir an unseren Kindheitsthemen arbeiten. Aufwachen im spirituellen Sinn geschieht durch die Meditationspraxis und durch Gnade.

Nach dem kanadischen Psychotherapeuten Robert Augustus Masters (*1947) handelt es sich beim spirituellen Überholen um einen Abwehrmechanismus (Masters 2010). Er beschreibt in seinem Buch Spiritual Bypassing eine Reihe von Erscheinungsformen dieser Abwehr.

Die übermäßige emotionale Distanzierung

Was sich als spirituelle Tugend des Gleichmutes und der Gelassenheit darstellt, kann die Auswirkung einer Dissoziation oder eines traumatischen Erstarrungszustandes sein. Die emotionale Taubheit, die oft hinter dem Rezitieren von spirituellen Sätzen steckt, dient dem Nichtspüren der tieferen Gefühle und dem Nicht-Einlassen auf interpersonale Beziehungen, die mit ihrer Emotionalität die Taubheitsabwehr herausfordern könnten.

Die zwanghafte oder giftige Positivität

Es gilt als unspirituell, negative Gedanken zu haben – sie könnten negative Ereignisse anziehen und sie passen nicht zum Selbstbild der eigenen Heiligkeit. Also müssen alle negativen Gedanken ausgerottet werden; für jeden dennoch auftretenden Gedanken aus dieser Richtung sollte man sich schämen. Negativ zur eigenen Negativität zu sein, verdoppelt nur die innere Belastung. Stattdessen wird verordnet: Denk ausschließlich positiv, dann wird alles gut. Dieser Ratschlag dient wiederum dem Vermeiden der aktuell auftauchenden unangenehmen Gefühle. „Da ich ja so spirituell bin, habe ich keine ‚negativen‘ Gefühle, sondern bin immer im göttlichen Licht.“ Das Denken hilft aus der Patsche, der Preis ist die Gefühlsvermeidung. 

Die voreilige Vergebung

Wenn Verletzungen durch andere Menschen geschehen sind, will die sich spirituell wähnende Person schnell vergeben, um nicht in einer negativen Haltung, die der Spiritualität widersprechen würde, festzuhängen. Doch kann eine echte Vergebung nur dann geschehen, wenn alle mit der Verletzung entstandenen Gefühle zugelassen und anerkannt wurden. Ansonsten bleiben diese Gefühle unterschwellig erhalten und führen zu Ressentiments in anderen Beziehungen. Der Konflikt schwelt weiter und besteht im Inneren fort. Außerdem wird der anderen Person die Chance genommen, aus der Situation zu lernen und das eigene Verhalten zu überdenken. Oft sind es in der Kindheit erworbene Muster, die hinter der Vermeidung von Konfrontation stecken. Dadurch wird nicht nur die Chance auf eine wirkliche Versöhnung vertan, zusätzlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass es wieder zu einer ähnlichen Verletzung kommen wird, weil die andere Person gar nicht mitbekommt, was sie angestellt hat.

Das blinde Mitgefühl

Opfer von Misshandlungen nutzen spirituelle Versatzstücke, um ihre Traumen nicht spüren zu müssen. Oft werden sie darin von spirituellen Lehrern unterstützt, die ihnen raten, die Täter zu verstehen, die ja in den entsprechenden Situationen nicht anders konnten und im Grund göttliche Wesen wären. Viele Opfer erzählen bereitwillig, welch schwere Kindheit ihre Eltern hatten, sodass sie auch nicht immer das Richtige tun konnten, statt das eigene Leid anzuerkennen. Die Gefühle von Ohnmacht, Wut, Trauer, Angst und Scham, die mit solchen Erfahrungen verbunden sind, müssen nicht gespürt und integriert werden, wenn die Täter mit spirituellen Phrasen entschuldigt werden. Die „neurotische Toleranz im Gewand der Fürsorge“ (Masters 2010 S. 57) stellt eine sehr wirksame Form der Selbstentmächtigung dar.

Die zwanghafte Vermeidung von Beurteilungen

Wir können nicht anders, als permanent zu bewerten und zu beurteilen, was um uns herum und in uns selbst geschieht. Allerdings ist es in spirituellen Kreisen verpönt zu beurteilen, weil man sich mit jedem Urteil über die andere Person stellt. Doch das eigene Urteil verschwindet nicht, indem man so tut, als wäre es nicht da. Es geht nicht darum, dass wir innerlich urteilsfrei werden, sondern dass wir einen guten Umgang mit dem Urteilen finden, indem wir unsere Urteile bewusst wahrnehmen und sie reflektieren, also klären, ob sie angebracht, sinnvoll oder verletzend und abwertend sind. Es gibt Urteile über das Verhalten von anderen, die ausgesprochen werden sollten, damit einem missbräuchlichen Handeln eine Grenze gesetzt wird. 

Die Illusion der Abkürzung

Viele spirituelle Lehrer verkünden, dass sich alle persönlichen Probleme durch die Meditation oder durch andere von ihnen vertretene Methoden lösen lassen. Es gäbe also einen Abschneider, der von der Neurotizität direkt ins Nirvana führt und auf dem man sich die mühsame therapeutische Auseinandersetzung mit den Traumen erspart. 

Nicht-Nichtduale spirituelle Lehren

Die Lehre von der Nichtdualität, die den Kern vieler Richtungen der Spiritualität vor allem aus den östlichen Traditionen bildet, kann leicht missbraucht werden, indem reale aktuelle Probleme bagatellisiert und entwertet werden, statt ihre Lösung anzugehen. Jemand sagt: „Ich leide an der Hitze“, und wir antworten darauf: „Es gibt ja gar kein Ich“, dann ignorieren und entwerten wir das Leid der Person und fügen ihr obendrauf eine Verletzung zu, weil wir sie implizit als spirituell uneinsichtig verachten. „Wenn wir sagen: „Alles ist eine Illusion“, ist ein sich aus der Affäre ziehen, zugemüllt mit den Trümmern eines Verstehens aus zweiter Hand und verfrühten Ansprüchen auf eine fortgeschrittene spirituelle Verwirklichung.“ (Masters 2010, S. 304) „Aus nondualen Verkündungen eine intellektuelle Immobilie zu machen, begründet keine Weisheit.“ (Ebd. S. 307) Werden Erkenntnisse, die nur in einem nondualen Erfahrungszustand zugänglich sind, auf alltägliche Probleme angewendet, laufen sie ins Leere und bewirken allenfalls eine Beschämung von Mitmenschen, die an ihren Problemen leiden.

Magisches Denken

Zentral für diese Art des Denkens ist die Annahme, dass hinter allen Zufällen eine Kausalität steckt. Daraus leitet sich die Annahme ab, durch die Kraft des eigenen Denkens die Realität kontrollieren zu können. Natürlich stammt die Idee der Allmacht aus der Kindheit, als Umkehrung von Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht, der Unterlegenheit gegenüber den mächtigen Erwachsenen. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir unsere Wirklichkeit nicht bewältigen können, hilft das magische Denken, um scheinbar handlungsmächtig zu sein. Wir können alles haben, wenn wir nur affirmativ genug denken, so lautet ein verbreiteter Satz aus dem magischen Denken. 

Die Kehrseite des Wegerklärens von allem, was zufällig sein könnte, ist eine egozentrische Sichtweise: Dinge, die in der Welt passieren, sind durch uns verursacht oder sollen uns eine Lektion erteilen. Der Bus kommt zu spät – was habe ich daraus zu lernen? Wir tun so, als käme der Bus nur unseretwegen zu spät. Wir können natürlich aus allem lernen, aber nicht alles, was geschieht, zeigt sich, um uns etwas zu lehren; so wichtig sind wir nicht.

Manche meinen, dass Krankheiten und Schicksalsschläge durch die eigene Mangelhaftigkeit im Denken oder im spirituellen Wachstumsprozess verursacht sind. Mit dieser Einstellung ist eine permanente Selbstabwertung verbunden, die mit ihren Schuld- und Schamgefühlen im Extremfall selbst krankheitswertig ist – in jedem Fall ist sie dem eigenen Schicksal geschuldet und bedarf einer therapeutischen Aufarbeitung.

Bewusstheit und Unterscheidungskraft

Wir alle entwickeln Neigungen zu der einen oder anderen Form des spirituellen Bypassing, sobald wir uns mit diesem Bereich näher befassen. Je mehr uns davon bewusst wird, desto schneller kommen wir aus den „Flitterwochen mit der Spiritualität“ (Ebd. S. 330) heraus und können unterscheiden zwischen den unerfüllten Wünschen und Bedürfnissen aus der Kindheit und den Herausforderungen des inneren Wachsens und der Öffnung für das Mystische. Auf diesem Weg gelangen wir zu einer erwachsenen und integren Form der Spiritualität. Auf diesem Weg gelangen wir zu einer erwachsenen und integren Form der Spiritualität.

Literatur: 

Jack Kornfield: A Path with Heart. New York: Bantam Books 1993
Robert Augustus Masters: Spiritual Bypassing: When Spirituality Disconnects Us from What Really Matters. Berkeley: North Atlantic Books 2010
John Welwood: Psychotherapie & Buddhismus. Der Weg persönlicher und spiritueller Transformation. Freiburg: Arbor Verlag 2010
Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos: Eine Jahrtausend-Vision. Fischer Taschenbuch 2011 (1995)

Zum Weiterlesen:

Die Prä-Trans-Verwechslung
Prä- und transrationale Erfahrungen unterscheiden
Narzissmus und Prä-Trans-Verwechslungen
Spiritualität und sexueller Missbrauch: Epstein und Deepak Chopra



Freitag, 26. Juni 2026

Das Ich zwischen Freiheitsinstanz und Dekonstruktion

Das Ich in der Philosophie

Man kann sagen, dass die neuzeitliche Philosophie mit der Proklamation des Ichs als neuem Zentrum der Erkenntnis, um das sich alles dreht, beginnt. Im Mittelalter galt Gott als Orientierungspunkt und Maßstab jeder menschlichen Bemühung und Einsicht, während der Philosophie eine untergeordnete Position als Magd der Theologie zugeordnet war. Mit der Erhebung des Ichs zum Angelpunkt des Denkens konnte sich die Philosophie aus der Macht der Religionen emanzipieren. Fortan geriet die Theologie in die Defensive, während das Projekt der Aufklärung voranschritt und begann, die Theorie und Praxis der Religionen einer kritischen Prüfung zu unterziehen. 

An Anfang steht die Neuentdeckung des Ichs durch René Descartes, der gegen die Relativität der Wissenschaften einen sicheren Angelpunkt finden wollte: Das Ich, das sich seiner selbst im Denken (und im Zweifeln) versichert: Ich denke, also bin ich. In seinen Meditationen zog er alles, was ihm in den Sinn kam, in Zweifel, bis nur das übrig bliebt, was zweifelt: Das denkende Ich. Diese subjektive Wendung bedeutet, dass das Ich und sein Horizont an jeder Erkenntnis beteiligt ist, oder sogar, dass es ohne dieses Ich gar keine Erkenntnis gibt.

Immanuel Kant hat in einem nächsten Schritt die radikale Wendung zum Ich als einzigen Empfangspunkt jeder Erkenntnis vollzogen. Es gibt keine Erfahrung, die vom erfahrenden Subjekt unabhängig wäre, und damit gibt es keinen Zugang zu einer Wirklichkeit außerhalb der ich-zentrierten Erfahrung. Das „Ding an sich“ ist der Erkenntnis entzogen. Kant unterscheidet zwei Formen des Ichs: Das empirische Ich ist das, was wir psychologisch unter dem Ich verstehen. Das transzendentale Ich ist das Subjekt, das die Bedingung für jede Objekterkenntnis darstellt. Johann Gottlieb Fichte hat in der Nachfolge von Kant von einem absoluten Ich gesprochen, das sich selbst setzt und der Urgrund von allem ist. Aus ihm entsteht erst nachträglich das Nicht-Ich, die Welt. Damit war der Höhepunkt der idealistischen Ich-Philosophie erreicht.

Es sei hier noch auf Ludwig Wittgenstein verwiesen, der in seinem Tractatus ein Subjekt der Erkenntnis und der Reflexion an der Grenze zwischen dem Relativen und dem Absoluten einführt: “Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt.” (5.632) Es ist klar, dass das erkennende Ich keine Tatsache sein kann, sondern eine Instanz, durch die Tatsachen erst zu Tatsachen werden und das auch nicht mit einem bestimmten Menschen in Verbindung gebracht werden kann: „Das philosophische Ich ist nicht der Mensch, nicht der menschliche Körper, oder die menschliche Seele, von der die Psychologie handelt, sondern das metaphysische Subjekt, die Grenze – nicht ein Teil der Welt.” (5.641) Es gibt also auch ein mystisches Subjekt, das die Erkenntnis grundlegt. Wittgenstein nutzt die Metapher des Sehens: Wir sehen die Welt in ihrer Vielfalt, aber nie das Auge, das all diese visuellen Eindrücke erzeugt. Wie wir ohne Augen keine visuelle Welt kennen können, können wir ohne Subjekt überhaupt keine Objekte kennen oder erkennen; doch beide, die Augen wie das Subjekt kommen nicht in der wahrnehmbaren Welt vor, sondern stellen in der Formulierung von Kant „Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt” dar. Das erkennende Ich ist an der Grenze der Welt angesiedelt, weil es das Wahrnehmungsfeld aufspannt. Es gehört zu dieser Welt und auch nicht. Es schrumpft zu einem “ausdehnungslosen Punkt” (5.64) zusammen.  

Da Wittgenstein Denken und Sprache gleichsetzt, ist das philosophische Subjekt der Ort der Sprachlogik, die der Welt und ihrer Erkenntnis zugrundliegt. Er bringt dieses Ich nicht wie Kant mit der Vernunft, sondern mit der Sprachstruktur in Verbindung. Damit tilgt er jedes persönliche Element an diesem Subjekt, weil die Sprachlogik unpersönlich ist und allgemein gilt, unabhängig von jedem Individuum.  Ähnlich wie bei Kant und Fichte bietet dieses abstrakte Ich einen Übergang in ein Jenseits zur relativen Welt, in der jedes Phänomen nur in einem Kontext auftauchen kann.

In gewisser Weise knüpfte die Existenzphilosophie an den idealistischen Ich-Begriff an. Das individuelle Ich stellt den Kernpunkt dieser Strömung dar. Ihr letzter großer Repräsentant, Jean Paul Sartre (1905 – 1980) sah das Ich als absolute Leerstelle, das nur über seine Existenz verfügt und alles andere selbst erwerben und ausformen muss. Das Ich ist das, was im aktuellen Tun jeweils erschaffen wird und sich deshalb dauernd verändert. Das Für-sich-Sein ist nichts, also ohne Inhalt, und deshalb in einem grundlegenden Sinn frei. Der Mensch entscheidet sich zu den Rollen, die er im Leben spielt, aber jede Rolle ist nicht das, was er ist. Sartres ethischer Appell besteht darin, aufrichtig zu sein, also anzuerkennen, dass wir die volle Verantwortung für unser eigenes Leben tragen und unsere Freiheit in jedem Moment leben können: „Der Mensch ist dazu verdammt, frei zu sein: Verdammt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut.“ (Jean-Paul Sartre: Der Existenzialismus ist ein Humanismus. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2000, S. 153) Das Ich trägt die ganze Last der Verantwortung für das eigene Leben, es darf keine unaufrichtigen Ausreden geben. Das Ich ist deshalb gezwungen, sich dauernd neu zu erfinden. Auch die Mitmenschen fordern uns permanent dazu heraus, unsere eigene Autonomie zu behaupten, indem sie versuchen, uns durch abschätzige, bewertende oder erwartungsvolle Blicke zu einem Objekt zu machen. Das existenzielle Leben stellt deshalb fortwährend vor Herausforderungen an unseren selbstschöpferischen freien Ich-Vollzug.

Die Dekonstruktion des Ichs

Eine andere Strömung in der Philosophiegeschichte nimmt sich die Relativierung des Ichs als Zentralinstanz der Welterklärung und der Lebensgestaltung vor. Es gibt also eine Geistesbewegung, die weg von einem substanzhaften, feststehenden Ich und hin zu einem flexiblen und fließenden Modell des Selbst führt. Diese Richtung führt zu einer immer deutlicher werdenden Konvergenz von Wissenschaften, Philosophie und Mystik.

Die Dekonstruktion des Ichs beginnt mit Friedrich Nietzsche gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Er hat das Ich als Sprachgewohnheit interpretiert, das nur dadurch existiert, weil es den Sprecher bezeichnet, ohne Bezugspunkt in der Wirklichkeit. In Bezug auf Descartes meinte er: „Es denkt: aber dass dies ‚es‘ gerade jenes alte berühmte ‚Ich‘ sei, ist, milde geredet, nur eine Annahme, eine Behauptung, vor allem keine ‚unmittelbare Gewissheit‘. Zuletzt ist schon mit diesem ‚es denkt‘ zu viel getan: schon dies ‚es‘ enthält eine Interpretation des Vorgangs und gehört nicht zum Vorgange selbst.“ (Jenseits von Gut und Böse 17) 

Im Denken gibt es nur das Denken, aber keinen Denker oder kein Denkendes. „Ein Quantum Kraft ist ein eben solches Quantum Trieb, Wille, Wirken — vielmehr ist es gar nichts anderes als eben dieses Treiben, Wollen, Wirken selbst, und nur unter der Verführung der Sprache (und der in ihr versteinerten Grundirrtümer der Vernunft), welche alles Wirken als bedingt durch ein Wirkendes, durch ein ‚Subjekt‘ versteht und missversteht, kann es anders erscheinen. [...] Es gibt kein ‚Sein‘ hinter dem Tun, Wirken, Werden; ‚der Täter‘ ist zum Tun bloß hinzudichtet, — das Tun ist Alles.“ (Zur Genealogie der Moral, I, 13)

In der Nachfolge von Nietzsche hat der französische Philosoph Jacques Derrida (1930 – 2004) darauf hingewiesen, dass das Ich nur in sprachlicher Form auftritt. Die Bedeutung des Wortes „Ich“ ergibt sich aus der Bezugnahme zu anderen Wörtern. Es hat keine eigene Identität, weil es nur in Differenz zu anderen Identitäten bestimmt werden kann. Das Ich ist also immer relativ – zu anderen Ichs, zu den inneren und äußeren Erfahrungen und zur Sprache, die all das bezeichnet. Ohne dass Derrida schon  auf die Erkenntnisse der Neurowissenschaften hätte zugreifen können, hat er dem Ich einen fließenden, stets veränderlichen Charakter zugesprochen. Es gibt kein feststehendes und letztgültiges Ich. Derrida fügt noch hinzu, dass das Ich nie in sich selbst ruht, sondern dauernd von außen beeinflusst und umgestaltet wird. Alles, was wir im Ich finden können, sind Erinnerungen, Gedankenmuster und Gefühlslagen, in denen sich permanent das Innere mit dem Äußeren mischt. Es gibt nichts im Inneren, was in sich abgeschlossen wäre. (Derrida, 2006) Die Dekonstruktion des Ich, die Derrida betrieben, bereitet auf philosophischer Seite den Grund für die Auflösung des Ichs in der Mystik. Auf die illusionäre Gewissheit, die uns unser Ich-Bewusstsein vermitteln will, müssen wir verzichten, wenn wir auf dem inneren Weg weiterkommen wollen, in einem Schritt durch das Verständnis der Sprachphilosophie und der Gesellschaftswissenschaften sowie der Gehirnforschung, im anderen Schritt in der Innenschau, die uns jenseits aller Illusionen in die Leere führt.

Das Ich im sozialphilosophischen Kontext

Die Substanzhaftigkeit des Ichs wird nicht nur durch die moderne Gehirnforschung und auf andere Weise durch die Philosophie und die Mystik in Frage gestellt, sondern auch gesellschaftsbezogene Denk- und Forschungsrichtungen sägen an der Verherrlichung und Kult des Ichs. Das Ich als „Zentralgestirn“ und alleiniger Hort der Vernunft hat eine ganze Epoche und Bewusstseinsstufe ungefähr ab dem 18. Jahrhundert dominiert. In dieser Zeit kam es zum Durchbruch des personalistischen Kollektivbewusstseins, das von der Ausrichtung auf die Hochschätzung des individuellen Ichs geprägt war und damit auch der Idee der Menschenrechte zum Durchbruch verholfen hat. Es war auch die Zeit, in der das Genie entdeckt wurde – herausragende Individuen, die zum Ausdruck brachten, was in allen an Fähigkeiten und außergewöhnlichen Begabungen im Menschen steckt. 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und besonders nach den Erfahrungen der beiden Weltkriege wurde überdeutlich, dass der Kult des Ichs zugleich zu einem Kult der Schattenseiten des Ichs beigetragen hat: Politische Führer, die wegen ihrer Tatkraft und ihrem Machthunger bewundert und blind verehrt wurden, waren für die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Es setzte sich ein Verstehen durch, dass Einzelne mit ihren Erkenntnissen und Entscheidungen sowohl Gutes wie Böses bewirken können und dass deshalb jeder individuelle Akt mit dem umgebenden sozialen Kontext abgestimmt werden muss. 

Ein Vorreiter dieser Sichtweise war Karl Marx. In seinem Werk gibt es kein Ich, das von gesellschaftlichen Umständen nicht beschädigt worden wäre. In der 6. These über Feuerbach schrieb er: „Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ (Karl Marx: Thesen über Feuerbach. In: MEW, Bd. 3, S. 6) Es ist also das gesellschaftliche Sein, das das Bewusstsein bestimmt und nicht umgekehrt (Karl Marx: Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie. In: MEW, Bd. 13, S. 9). 

Der Druck der kapitalistischen Wirtschaftszwänge formt und verformt die Menschen, die unter diesen Umständen ihr Überleben sichern müssen. Sie leiden an einer Entfremdung: Die Menschen können sich nicht frei aus sich heraus entwickeln, sondern müssen sich an die Erfordernisse des Wirtschaftssystems anpassen. Dadurch widerfährt ihnen eine mehrfache Entfremdung: Vom Produkt ihrer Arbeit, das dem Kapitalisten gehört; vom Akt der Produktion, der gezwungenermaßen gemacht werden muss; vom „eigenen Gattungswesen“, also von seiner freien und kreativen Natur; von den Mitmenschen, die als Konkurrenten oder als Mittel zu wirtschaftlichen Zwecken entmenschlicht werden. Es kann im Kapitalismus nur ein mehrfach gebrochenes und deformiertes Ich geben. Der Impetus zur Überwindung des Kapitalismus und zur Aufrichtung einer kommunistischen Gesellschaftsform kommt genau aus dieser Notwendigkeit, dem Ich seine ursprüngliche Freiheit und schöpferische Entfaltung zu ermöglichen.

Der deutsche Philosoph, Soziologe und Komponist Theodor W. Adorno (1903 – 1969) verstand die Entfremdung des Menschen auf zweierlei Weise: Durch die gesellschaftlichen Bedingungen nach Marx und durch die Verwerfungen der Triebnatur nach Freud. Das Ich ist zu einer Ware und zu einem Tauschwert auf dem Arbeitsmarkt geworden und die Unterdrückung betrifft sogar die Biologie des Menschen. Die Zweckrationalität beherrscht es, indem in der kapitalistischen Ökonomie nicht nur alle Abläufe, sondern auch die Menschen selbst den Kriterien der Nützlichkeit, Messbarkeit und Verwertbarkeit unterworfen werden. Diesen Zusammenhängen entgeht niemand. Deshalb konstatierte Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt: Suhrkamp S. 43) Die Perspektive der Befreiung aus der Entfremdung liegt darin, durch Negation Widerstand zu üben: Sich den Zwängen der Gesellschaft zu verweigern. Nach Adorno repräsentiert die moderne Kunst diese Gegenposition gegen die Konsumillusionen und Glücksversprechen des Kapitalismus. Denn sie bringt eine Form der Wahrheit zum Vorschein, die nicht durch die gewinnorientierte Sinnproduktion der Wirtschaftsmechanismen verdorben und zersetzt ist. 

Der französische Soziologe und Philosoph Michel Foucault (1926 – 1984) steuerte weitere Gründe für die Entzauberung des Ichs. Er verstand es als Konstrukt der jeweiligen geschichtlichen Epoche und deren Herrschaftsinstrumenten. Das Ich werde durch die bestehenden Machtstrukturen geformt, die die jeweilige Gesellschaft im Griff haben. Es besteht in einer Sammlung von sozialen Prägungen, Erwartungen und Einschränkungen. Die Subjektwerdung verstand Foucault als Prozess der Unterwerfung unter die herrschenden Normen und Machtansprüche – das Subjekt ist ja im lateinischen Wortsinn das Unterworfene. 

In seinen späteren Schriften entfernte sich der französische Autor allerdings von der Vorstellung der rein passiven Formung der Menschen durch die Gesellschaft und erweiterte sein Menschenbild um das Element der Selbstgestaltung: „Was mich wundert, ist die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft die Kunst zu etwas geworden ist, das sich nur auf Gegenstände bezieht und nicht auf Individuen oder auf das Leben. Dass die Kunst etwas ist, das von Experten gemacht wird und Spezialisten vorbehalten ist. Aber warum sollte nicht jeder sein Leben zu einem Kunstwerk machen können? Warum sollte die Lampe oder das Haus ein Kunstwerk sein, aber nicht mein Leben?“ (Foucault 2005, S. 275) Das Ich kehrt als bedingt aktives Element zurück.

Gesellschaftliche Prägungen sind kein Schicksal, sie können rückgängig gemacht werden, sodass die Kreativität an ihre Stelle tritt, so das späte Credo von Foucault. Damit wird dem Ich eine gewisse Freiheit zugestanden, es erhält eine Perspektive der autonomen Selbstgestaltung. Foucault näherte sich den Existenzialisten an. Der Begriff des Ichs wird aus seiner einseitigen Abhängigkeit von gesellschaftlichen Mechanismen herausgeführt und in Balance gebracht. 

Natürlich gibt es Kritik am Ansatz von Foucault: Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat z.B. angemerkt, dass es ein Ich braucht, um der Gesellschaftskritik ein Fundament zu geben. Es ist auch ein handlungsfähiges Ich notwendig, um Widerstand zu leisten. Foucault hielt universelle Begriffe wie „Freiheit“, „Wahrheit“ oder „Emanzipation“ für Erfindungen der Macht, doch dann gibt es keinen Maßstab für Kritik und keine Stoßrichtung auf die Befreiung von ungerechten Machstrukturen. Die Macht würde dann nur ewig die bestimmende Kraft hinter allem bleiben, ohne dass ein Entrinnen aus dem von ihr erzeugten Druck möglich wäre.

Aus der Perspektive der Phänomenologie wurde kritisiert, dass bei Foucault das menschliche Bewusstsein, also die subjektiv erfahrene Realität ausgeblendet bleibt und damit sein Denken keine Grundlage für das menschliche Selbstbewusstsein bietet. 

Die Ehrenrettung des Ichs erscheint trotz vieler Vorbehalte auch bei den marxistisch orientierten Philosophen noch möglich. Denn die Beschreibung einer ausweglosen Determiniertheit durch eine übermächtige Gesellschaft lässt keinen Spielraum selbst für kritisches Denken; gibt es aber die Reflexion auf die Unterdrückung, so gibt es auch eine Möglichkeit der Befreiung, die vom Ich getragen ist. So wird dieses Ich zum Träger der Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft. Nur integre und ich-starke Individuen sind in der Lage, die Fahne der Menschlichkeit hochzuhalten und 

Die Anstrengungen der kritischen Theorie nach Adorno, Habermas und anderen sowie die Arbeiten der französischen Strukturalisten und Poststrukturalisten trugen dazu bei, dass sich die Bildungssysteme in den westlichen Gesellschaften vermehrt der Förderung von autonomen Individuen widmeten. In den Schulen soll nicht nur die Wiedergabe von vorgegebenen Lehrinhalten, sondern auch das kritische Denken und die Entfaltung von individuellen Begabungen gefördert werden. Man könnte auch sagen, dass im postindustriellen Kapitalismus höherqualifizierte und kreative Individuen gebraucht werden, die mit neuen Produktideen neue Märkte erschließen können. Aber das reflektierende Denken, das für solche Tätigkeiten notwendig ist, erzeugt tendenziell Überschüsse, die nicht von der kapitalistischen Verwertung verschluckt werden, sondern sich auf die Gestaltung einer besseren Menschheit ausrichten und zur Entstehung einer wachsamen Zivilgesellschaft führen, die in den verschiedenen Belangen die soziale Gerechtigkeit, die ökologische Rücksichtnahme und einen  globalen Ausgleich fordert.

Zum Weiterlesen:
Das Ich und das Ego


Montag, 15. Juni 2026

Das Ich und das Ego

Gemeinsamkeiten und begriffliche Unterschiede

Das Ich und das Ego stammen aus einer gemeinsamen sprachlichen Wurzel. Dennoch macht es Sinn, die beiden Begriffe zu unterscheiden, weil sie für die Beschreibung von verschiedenen Mechanismen in unserem Seelenleben dienen.

Das Ego, von dem wir heute so häufig reden, stammt eigentlich aus den ersten Übersetzungen der Schriften von Sigmund Freud ins Englische. Im Strukturmodell von Freud spielt das Ich neben dem Es und dem Über-Ich eine wichtige Rolle: „Wir sehen dieses Ich, seine Beziehungen zu den drei Seiten hin, von denen es bedrängt wird, von denen ihm Angst droht: von der Außenwelt, von der Libido des Es und von der Härte des Über-Ichs. [...] Ein Sprichwort meint, man könne nicht zwei Herren gleichzeitig dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer, es dient drei gestrengen Herren, ist bemüht, deren Ansprüche und Forderungen miteinander in Einklang zu bringen.“ (Freud: Das Ich und das Es. Studienausgabe, Band III, Frankfurt: Fischer Verlag, S. 319) In der englischen Sprache gibt es kein substantiviertes Ich wie im Deutschen, deshalb haben die Übersetzer das „Ego” eingeführt, das dann in seiner heutigen Bedeutung in den deutschen Sprachraum zurückgekehrt ist. 

Unter dem Ego wird jener Persönlichkeitsanteil verstanden, der nur in der Vergangenheit (Erinnerungen, Traumata) und der Zukunft (Sorgen, Wünsche) weilt. Es ist auf Bestätigung angewiesen und versucht ständig, sich durch materiellen Besitz, Status, Leistungen oder auch durch spirituelle Errungenschaften zu behaupten. Es ist so etwas wie ein Reservoir der im Leben angesammelten Traumaerfahrungen und deren Bewältigung durch Abwehrmechanismen und Überlebensstrategien. Das Ego ist von inneren Ängsten angetrieben und ist bestrebt, sie mit dem Denken, das in die Vergangenheit oder in die Zukunft führt, zu bändigen. Da es auf Traumaerfahrungen beruht, befindet es sich beständig im Überlebensmodus. Es ist von der Vorstellung getrieben, dass es für die Weiterexistenz des Menschen allein zuständig ist. Der von der Angst angetriebene Überlebensimpuls ist immer egoistisch, kennt also keine Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer Menschen.

Das Ego entwickelt sich also im Lauf der Lebensgeschichte und kann mit Hilfe von therapeutischen Methoden verkleinert und entmachtet werden. Spirituelle Übungen und Erfahrungen können Egomuster überschreiben und in den Hintergrund drängen. Doch ohne therapeutische Arbeit bleiben die Muster bestehen und wirken weiter. Egomuster lösen sich auf, wenn die Traumata, aus denen sie entstanden sind, bearbeitet und integriert sind. Menschen, die sich nie einer Psychotherapie oder ähnlichen Verfahren unterzogen haben, können auf dem spirituellen Weg sehr weit gelangen, während die bestehenden Charakter- und Persönlichkeitszüge weiterwirken. Aus diesem Grund treten Diskrepanzen zwischen persönlicher und spiritueller Reife auf, indem z.B. spirituelle Lehrer zu sexuellen oder emotionalen Missbrauchern werden. 

Das Ego findet sich in vielen spirituellen Lehren, z.B. als Nafs im Sufismus oder als Shi Xin im Taoismus. Der bewertende, durch die Erziehung konditionierte Seelenteil, der trennt und unterscheidet, verhindert das Eintauchen in das Göttliche oder in das Tao und muss deshalb auf dem spirituellen Weg überwunden werden. 

Das Ich: Die Realitätsinstanz

Das Ich ist eine Instanz, die als Teil der gesunden Entwicklung der Seele in der frühen Kindheit gebildet wird und zu einer Ich-Identität weiterentwickelt wird. Das Kind lernt sich selbst mit „ich“ zu bezeichnen und reichert dieses Ich mit Inhalten an, die es im sozialen Umgang aufnimmt: der Eigenname, die Zugehörigkeit zu einer Familie und einem Land, Charaktereigenschaften, Kompetenzen usw. Dieses Ich differenziert sich im Lauf des Lebens zu einer Persönlichkeit mit vielen Facetten. Das Ich regelt das Alltagsleben mit seinen verschiedenen Herausforderungen und steuert die Kreativität, indem es Visionen entwickelt und umsetzt. Ein stabiles Selbstgefühl als Ich ist die Grundlage für die erwachsene Lebenskompetenz. Das Ich enthält die Vernunft und die Rationalität. Nach Freud regelt es die Bedürfnisse und Triebimpulse entsprechend den aktuellen Möglichkeiten in der Außenwelt und passt die Ideale und Erwartungen des Über-Ichs an die Realität an.

Das nicht existente Ich

Aus neurowissenschaftlicher Perspektive gibt es allerdings dieses Ich oder Selbst im Sinn einer unabhängigen Instanz oder eines “Ich-Zentrums” im Gehirn gar nicht. Vielmehr wird das Ich in jedem Moment des bewussten Erlebens durch ein komplexes Zusammenwirken vieler Nervenzellen erzeugt. Das “Subjekt” des Erlebens und Handelns ist eine Fiktion, die das Gehirn permanent herstellt. Ein intensiver Austausch von spezialisierten neuronalen Netzen vermittelt uns den Eindruck, wir hätten eine Ich-Identität. Wir brauchen diese Überzeugung, über ein Ich zu verfügen, um in der Welt unser Überleben zu sichern und soziale Interaktionen gestalten zu können. Der Philosoph und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger schreibt in Bezug auf den Stand der neurowissenschaftlichen Forschung: „Niemand war jemals ein Selbst, und niemand hatte jemals ein Leben. Alles, was wir in der Vergangenheit für ein Selbst gehalten haben, ist in Wirklichkeit das Resultat eines inneren evolutionären Prozesses. Es gibt kein Ich, es gibt nur ein Selbstmodell.“ (Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel München: Piper-Verlag 2009, S. 15)

Das Ich ist also keine Gegebenheit in der Welt, kein Ding, kein Zentrum, sondern etwas, das als Resultat von gehirninternen Abläufen erlebbar wird, das aber nur ein Modell vorstellbar ist. Das Gehirn suggeriert fortlaufend die äußere Realität und die innere Realität, miteingeschlossen das Ich oder das Selbst. Wir erleben uns als dieses Ich, aber im Ich selbst ist niemand, es ist eine Leerstelle. Daraus folgt, dass dieses Ich keine fixen Eigenschaften haben kann, sondern sich laufend verändert, je nachdem, welche Datenströme das Gehirn gerade produziert. Gedanken und Gefühle tauchen auf und verschwinden wieder. Das Modell, das laufend hergestellt und ins Bewusstsein eingespeist wird, ist flexibel, flüssig. Es zerfällt, wenn wir im Tiefschlaf sind.

Aus dieser Natur des Ich folgt auch, dass es nicht von einem Schicksal geprägt ist, sondern plastisch, formbar und variantenreich gestalterisch seine fließende Form ausübt. Es kann durch die Lebenspraxis in die eine oder andere Richtung verändert werden – z. B. durch gute Sozialkontakte, viel Bewegung und gesunde Ernährung in die Richtung der Erweiterung der Lebenschancen, durch das Gegenteil in die Richtung der Verringerung der Möglichkeiten. Mittels Therapie und Meditation wird die Flexibilität und damit die Plastizität verbessert, während sie starre und selbstschädigende Gewohnheiten verringern. 

Das Ich und das Ego

Das Ich steht in einem Spannungsverhältnis zum Ego, sobald es merkt, dass bestimmte Verhaltensweisen und Gewohnheiten der Rationalität und der Kreativität schaden. Aus dem Ego können Gedanken kommen, die entmutigen und die kreativen Impulse schwächen, z.B.: „Du schaffst das nie.“ „ Du bist zu dumm dafür.” „Du kannst nicht gut genug malen, Tischtennis spielen, studieren, schreiben usw.“. Um das eigene Leben gemäß den eigenen Wünschen zu gestalten, muss das Ich das Ego in die Schranken weisen. Solche inneren Konflikte motivieren Personen, sich therapeutische Hilfe zu suchen oder einen spirituellen Weg zu beschreiten.

Da das Ego aus Überlebensmustern besteht, die in höchsten Gefahrenmomenten entstanden sind, räumt es die innere Arena nicht kampflos, sondern wehrt sich mit Händen und Füßen, wenn es ihm an den Kragen gehen soll. Das Ich-Bewusstsein versteht irgendwann, dass die Reaktionsweisen des Egos in frühen Phasen der Kindheit entstanden sind und damals einen Sinn hatten, dass sie aber der erwachsenen Persönlichkeit nicht mehr helfen, sondern für den Pfad der Selbstverwirklichung hinderlich und schädlich sind. Die Überlebensgefahren, auf die sich das Ego beruft, sind in der Erwachsenenwelt nicht mehr realistisch. Das Ego hat allerdings die menschliche Gehirnarchitektur auf seiner Seite, die den alten Bedrohungsszenarien auf einer vorbewussten Ebene eine höhere Wichtigkeit einräumt als den realistischen Einschätzungen des Ich-Bewusstseins. Deshalb wirken bloße Vorsätze, schlechte Gewohnheiten zu beenden, meist nichts; vielmehr müssen die Mechanismen des Egos verstanden, die ursprünglichen Überlebensängste erkannt und alle damit verbundenen Gefühle gespürt werden, bis die Stimme des Ichs stärker wird als die Stimme des Egos.

Auf andere Weise kommt es bei der spirituellen Suche zur Auseinandersetzung mit dem Ego. Es erweist sich bald als Drahtzieher hinter allen Widerständen, die sich der spirituellen Übungspraxis und der Entwicklung zur inneren Befreiung in den Weg stellen. Das Meister-Schüler-Verhältnis, das es in vielen Schulen gibt, hilft beim Erkennen der Ränke, die das Ego schmiedet, um seine Existenz zu behaupten. Die Meisterin durchschaut die Machtspiele des Egos in der Person der Schülerin, weil sie in der eigenen Praxis gelernt hat, die Tricks des Egos zu verstehen und zu entmachten. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Schülerin auf die unbewussten Mechanismen, die ihr Verhalten und ihr Denken steuern, und empfiehlt spirituelle Übungen z.B. in der achtsamen Konzentration auf den Erlebensmoment und in der Verfeinerung des inneren Sinns, sodass das Bewusstsein im Moment ruhen kann, ohne dass es vom Ego gestört wird. Auf diese Weise wächst ein Gegengewicht zur Ego-Agenda in Form von positiven Erfahrungen in der Achtsamkeitspraxis oder Meditation wie Stille, innerer Friede und Glückseligkeit. 

Jenseits von Ich und Ego

Während das Ego mit viel Selbstdisziplin und Innenarbeit entmächtigt werden muss, tritt das Ich im Zug einer Meditationspraxis immer weiter zurück, weil es immer weniger wichtig wird. Es tritt hinter die Erfahrungen von Stille, Weite und Helligkeit zurück, die zunehmend auftreten. Man könnte sagen, dass es nach innen zerfällt, wenn sich der Innenraum auftut. Das Ich verliert am Licht des Absoluten seine Bedeutung. Es verflüchtigt sich, weil es nicht gebraucht wird. Die Leerstelle verschwindet. 

Mit dem Ich verabschiedet sich der individuelle Wille. Bestimmte Meditationserfahrungen führen in einen Zustand, in dem der eigene Körper als willenlos wahrgenommen wird. Ohne jede Angst oder Sorge besteht der Eindruck, dass der eigene Körper nicht mehr bewegt werden kann. Da kein Ich mehr vorhanden ist, gibt es auch kein Wollen und damit keine willkürlichen Bewegungen. 

Im Unterschied dazu verabschiedet sich das Ego nicht von selbst oder freiwillig. Vielmehr kämpft es bis zum „bitteren“ Ende, weil es ja meint, für das Überleben zuständig zu sein. Vor dem Schritt ins Jenseits der Überlebensprogramme treten deshalb meistens massive Ängste auf, die in der Meditation überwunden werden können.

Zum Weiterlesen:
Das Ego in der Meditation
Die Weitergabe des Egos
Das Ego und seine Wurzeln
Die zwei Wahrheiten: Das Ego als Pforte zur Wahrheit
Das Ego und die Dualität


Mittwoch, 10. Juni 2026

Die zwanghafte Übernahme von Lasten

Paulus schrieb im Brief an die Galater: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2) Er gab mit dieser Empfehlung eine Grundlinie der christlichen Moral vor: Das Prinzip der Fürsorge für die Schwachen als Ausdruck der Nächstenliebe, wie sie Jesus gepredigt hat.

Die Übernahme von Lasten von jemandem, der sie nicht tragen kann, ist ein wichtiges Element  des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Jeder kann einmal schwach, krank oder bedürftig sein und muss dann nicht fürchten, vor die Hunde zu gehen. Dieses Prinzip baut auf Reziprozität auf, also auf Gegenseitigkeit: Wird mir in Not geholfen, helfe ich, wenn andere in Not sind.

Manipulative Überfürsorglichkeit

Die Schattenseite dieses Ansatzes liegt darin, dass diese moralische Verpflichtung häufig missverstanden wird. Statt genau zu schauen, ob sich jemand in existenzieller Not befindet, wird geholfen, aus Überfürsorglichkeit oder mangelndem Vertrauen. Die empfangende Person wird in eine Opferrolle gedrängt und ihr inneres Wachstum wird gehemmt. Sie bekommt dann das Gefühl, nicht unfähig zu sein sich selbst zu helfen. In der Folge gerät sie in eine abhängige Position, in der sie sich  nicht weiterentwickeln und zu wenig Krisenresilienz aufbauen kann. Denn Wachstum ist nur möglich, wenn Krisen selbständig gemeistert werden können. 

Die gebende Person gerät fast unweigerlich über kurz oder lang in einen ausgelaugten und erschöpften Zustand, wenn sie aus einem unbewussten Antrieb zu viel und unnötig gibt. Sie übernimmt ohne genaue Prüfung Lasten, die nicht zu ihr gehören. Im bekannten Drama-Dreieck (Täter-Opfer-Retter) ist es die Retter-Rolle, die sich aus dem Bibelzitat rechtfertigt: Ich muss ja die Lasten anderer tragen, sonst bin ich ein schlechter Mensch.

Der versteckte Antrieb der Retterperson besteht darin, den eigenen schwachen Selbstwert durch Helfen und Unterstützen aufzubauen („Wenn ich stark bin, werde ich geschätzt; wenn ich nichts geben kann, fühle ich mich wertlos und muss fürchten, dass mich keiner mehr mag.“) Da sich der Retter dem Opfer überlegen fühlt, zieht er daraus Stärke, die er unbewusst dem Opfer wegnimmt, mit dem Bestreben, es in der Opferrolle zu belassen, damit die eigene Position der Stärke und Überlegenheit erhalten bleiben kann. In dieser asymmetrischen Beziehung wird das Opfer klein gehalten, während sich der Retter in seiner Großzügigkeit aufblasen kann.

Selbstausbeutung 

Unbemerkt und angetrieben vom zwanghaften Helfenwollen beutet sich der Retter selbst aus, geht über die Grenzen seiner Belastbarkeit und findet sich dann irgendwann in einem Zustand der Überforderung und des Burn-out. Der Helfer ist hilflos geworden und schämt sich seiner Schwäche. Es fällt ihm dann äußerst schwer, selbst Hilfe anzunehmen, die ihn aus der Bedrängnis holen könnte, weil sich sein Selbstwert und sein Stolz an das Helfenkönnen geheftet haben. Selbst in die Position des Opfers zu geraten, ist für notorische Helfer und Retter schwer mit Scham behaftet.

Die Unterscheidungskraft zwischen Not und eingebildeter Schwäche

Die reife Form des Helfens kann unterscheiden, wann Hilfe wirklich notwendig ist, um größeres Unheil abzuwenden. Es gibt Notfälle, die jemand alleine nicht meistern kann. Dann braucht es die bedingungslose Bereitschaft zum Helfen, bis die Not gelindert ist und das Leben wieder mit eigenen Kräften bewältigt werden kann. Das Gespür, wann jemand nur aus Bequemlichkeit oder Feigheit um Hilfe bittet oder wann jemand vor einem Zusammenbruch gerettet werden muss, entwickelt sich aus einem reifen Autonomiebewusstsein, das in der eigenen Kindheit in einem Feld von Förderung und Forderung wachsen konnte. Zwischen dem Pol, dass einem Kind alles zugetraut wird, was es selbst schaffen kann, und dem Pol, dass es immer Hilfe bekommt, wenn es mit seiner Weisheit und seinen Kräften am Ende ist, bildet sich ein realistisches Selbstbild, das die eigenen Fähigkeiten und Grenzen gut kennt und diese auch bei anderen gut einschätzen kann.

Die Opfertradition im Christentum

Ein Grund, warum das Übernehmen von fremden Lasten in Familien und in Arbeitszusammenhängen in unserer Kultur so verbreitet ist, hat vermutlich mit einer fragwürdigen Interpretation des Zitats von Paulus zu tun. Jesus hat nach der christlichen Auffassung mit seinem Kreuzestod die Sünden der Menschen auf sich genommen. Er hat den Menschen ihre moralischen Belastungen abgenommen und sich selbst aufgeladen. Damit wären die Menschen frei von aller ererbten Schuld.

Hier setzt die moralisierende Deutung des Kreuzestodes ein: Da wir aber weiterhin sündigen, laden wir des Erlöser noch mehr auf und machen uns schuldig. Um dieser Schuld zu entrinnen, sollten wir es Jesus gleich machen und uns die Lasten der anderen aufladen. Indem wir uns als Retter für die Opfer aufopfern, imitieren wir Jesus und mindern unsere Schuld. Da wir aber in der Nächstenliebe nie soweit gelangen wie er, bleiben wir immer in seiner Schuld. Also müssen wir uns noch mehr Lasten aufbürden.

Mit dem Kult des gekreuzigten (im Unterschied zum auferstandenen) Jesus im westlichen Christentum wird diese Schuld der sündigen Menschen beständig eingemahnt, sodass gebrochene Persönlichkeiten entstehen. Sie bürden sich  zusätzliche Lasten auf, beladen von ihrer Schuld, bis sie vor Überlastung zusammenbrechen wie Jesus auf seinem Leidensweg zur Kreuzigung. Dass die verstörende Botschaft von der Kreuzigung die befreiende Verkündigung der Auferstehung über Jahrhunderte in den Hintergrund gedrängt hat, hat vermutlich dazu beigetragen, dass das Sündenbewusstsein immer mächtiger war als das Erlösungsbewusstsein. Auf dieser Grundlage hat sich das Retter-Opfer-Muster fest in den Seelen etabliert, sodass viele Gläubige nach zu rettenden Opfern Ausschau hielten, gleich ob diese Hilfe brauchten oder nicht. 

Viele Kritiker des Christentums haben diese zwanghafte Haltung des Helfenmüssens als Verlogenheit und Heuchelei angeprangert. Dennoch ist sie fest in der westlichen Kultur eingenistet und wurde durch Erziehungspraktiken verstärkt, bei denen die Kinder manipuliert werden, indem ihnen bei jeder Gelegenheit ein schlechtes Gewissen eingeimpft wird. 

Menschen, die mit einem chronischen schlechten Gewissen aufgewachsen sind, tun sich später mit dem Unterscheiden zwischen sinnvoller und hinderlicher Hilfe schwer. Denn sie haben selbst Hilfe erhalten, die sie nicht gebraucht hätten, während ihnen Hilfe vorenthalten wurde, die sie dringend benötigt hätten. Sie mussten für unerwünschte Hilfestellungen Dankbarkeit zeigen und durften sich nicht über fehlende Unterstützung beschweren. Also setzen sie dieses Muster später fort, sobald sie die Verantwortung für andere übernehmen, in der Familie und im Beruf. Sie laden sich Lasten auf, die anderen gehören, nehmen Verantwortungen ab, die von anderen getragen werden könnten, und engagieren sich, wo die Hilfe nur noch mehr Hilflosigkeit bei den Betroffenen hervorruft.

Schritte zur Entlastung

Der Ausstieg aus dem Muster ist ein wichtiger Schritt zur Korrektur solcher asymmetrischen Beziehungen. Entlastet werden beide: Der Retter, der im Einsatz für andere seinen Selbstwert finden wollte, und das Opfer, das gelernt hat, nur im Opfersein Zuwendung zu bekommen. Wenn der Retter aus seiner Rolle aussteigt, darf er sich endlich um sich selbst kümmern und die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen. Sobald es ihm gelingt, das überzogene Helfertum durch Mitgefühl zu ersetzen, wird das Opfer ermächtig, seine Kräfte zu entwickeln und selbstwirksam zu werden. Das Mitgefühl mit der Last der anderen stärkt auf neue Weise den Selbstwert, denn es achtet die Würde des Hilfsbedürftigen. Aus einer Abhängigkeitsbeziehung wird ein von Empathie und Respekt getragenes Mitsein: Getragen vom Verstehen des Leids und von der Zuversicht, dass es eine Lösung gibt und dass die betroffene Person über viele Ressourcen verfügt, um sich selbst zu helfen. Menschen brauchen einen empathischen Beistand und nicht das Abnehmen der Belastung. 

Der Retter wächst heraus aus seiner zwanghaften Rolle und findet zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Hilfe und Selbsthilfe. Statt anderen die Verantwortung wegzunehmen, übernimmt er sie für sich selbst.  Das Opfer befreit sich aus der beschämenden Rolle der Abhängigkeit und findet einen Zugang zu den eigenen Fähigkeiten zur Lebensbewältigung. Es verbindet sich mit dem Teil der Würde, der mit der Bewältigung von Herausforderungen einhergeht. Die Last bleibt dort, wo sie behoben werden kann, die Verantwortung bleibt dort, wo sie getragen werden kann. Wenn Dinge an ihren Platz gelangen, tritt Erleichterung im ganzen System ein.

Jeder trage seine Lasten, soweit er es vermag. Jeder kümmere sich um die Lasten anderer, um unterscheiden zu können, wann eine Hilfe sinnvoll und förderlich ist und wann nicht.