Freitag, 28. Juni 2019

Das Geheimnis der Lebensfreude

Unser Leben erleben wir oft als die Jagd nach dem Glück, getreu Bert Brecht, der dichtete: „Alle rennen nach dem Glück, und das Glück rennt hinterher.“ Wir wollen dem Unglück entrinnen und suchen nach Quellen des Genusses, damit wir mehr Lebensfreude empfinden und uns damit glücklich fühlen können. Doch das Rennen selbst hält uns im Unglück gefangen. Die Suche ist geprägt von Unzufriedenheit mit dem, was jetzt ist, sie will uns immer von dem weg führen, was wir gerade haben, weil das Glück irgendwo in der Zukunft auf uns wartet. Also suchen wir weiter, und am naheliegendsten ist es, in den Dingen, die uns umgeben oder die uns mit vielen Versprechen angepriesen werden, unser Glück zu finden.

Die Weisheitslehrer predigen seit mindestens 2500 Jahren, dass wir das Glück vergeblich in äußeren Dingen und Umständen suchen. Kurzfristig mag es einem neuen Auto oder einem frischen Apfel gelingen, uns glücklich zu machen. Länger mag ein freundschaftliches Gespräch oder eine intime Liebeserfahrung nachwirken. Aber langsam verblasst die Erfahrung, und langsam verblasst das Gefühl. Irgendwann merken wir, dass die Freude am Leben verschwunden ist, und so suchen wir nach einer passenden Unterhaltung oder Ablenkung, nach einem Genussobjekt oder einer sozialen Begegnung, um wieder in die Glückszone zu gelangen. Der unbarmherzigen und permanent wirksamen Veränderlichkeit der Welt entgeht nichts: Was strahlt, muss verblassen, was Freude macht, muss gleichgültig werden, was geliebt wird, muss entzaubert werden.

All diese Erkenntnisse lassen uns weiter auf die Jagd nach dem Glück gehen, von dem wir einmal glauben, dass wir seiner habhaft geworden sind, und gleich darauf merken, dass es uns schon wieder entschwunden ist, wie ein Traum, der beim Aufwachen in seine Bestandteile zerfällt. Im Wienerlied heißt es: „Das Glück is a Vogerl, gar liab, aber scheu, es lasst si schwer fangen, aber fortg’flogn is glei.“ (Alexander von Biczo)

Demokrit hingegen wusste schon: „Das Glück wohnt nicht im Besitz und nicht im Gold, das Glücksgefühl ist in der Seele zuhause.“ Im Inneren soll es wohnen, unser Glück, aber weshalb ist es dort so schwer zu finden? Weshalb gebärdet es sich so flüchtig und unzuverlässig? Weshalb kommen wir so leicht und so schnell ins Unglück oder in die Unzufriedenheit und finden so schwer wieder zurück zu Lebensfreude und Glücksempfinden?


Mit dem Leben verbunden sein


Erich Fromm schrieb: „Glück ist kein Geschenk der Götter, sondern die Frucht innerer Einstellung.“ Was könnte er damit gemeint haben? Um welche Einstellung geht es? Und wie können wir sie finden?

Der einfache Schlüssel zur Freude liegt darin, ganz mit dem Leben verbunden zu sein, wie ein Naturwesen, das keinen ausgereiften Verstand hat. Wenn nicht ein hauchdünnes Blatt zwischen dich und das Leben passt, ist das Glück da, nichts anderes. Die Einstellung heißt: Eins sein mit dem Moment des gerade aktuellen Erlebens. Das ist dann keine Einstellung mehr, die wir einnehmen können oder auch nicht, sondern eine Seinsweise, die wir Menschen mit dem Rest der Natur und des Universums teilen, außer wir befinden uns in den Fängen unseres ängstlichen Verstandes.

Wenn mein Leben eins ist mit mir selbst, dann bin ich in der Freude und dann bin ich im Genießen. Und da ist zwischen mir und der Freude auch kein Unterschied mehr, ich bin die Freude, mit der sich das Leben gerade in mir vollzieht. 

Wollen wir also diesen Zustand, so es wichtig darauf aufmerksam zu sein, wenn sich etwas meldet, was sich zwischen mich und die Realität stellt. Es kommt irgendwo aus dem Unterbewussten, gespeist von einer vergangenen Erfahrung. Sie macht sich breit in mir und nimmt meine Aufmerksamkeit in Beschlag. Sie hat eine Menge von Gefühlen im Rucksack, die mein Inneres anfüllen. Schon bin ich entzweit von mir selbst und mache mir Sorgen, habe Zweifel oder Bedenken, grüble und sinniere oder verliere mich in unangenehmen Gefühlen.


Achtsames Atmen


Doch gibt es immer einen Ausweg aus der Selbstverhexung. Wir bringen unsere Aufmerksamkeit in den Moment unserer aktuellen körperlich-seelischen Erfahrung, z.B. indem wir bewusst unseren Atem wahrnehmen und über den Atem uns der Wirklichkeit in uns gewahr sind. Was es auch ist, was gerade da ist, ein angenehmes oder ein unangenehmes Gefühl – sobald wir eine annehmende und wohlwollende Beziehung mit dem Erleben eingehen, werden wir Freunde und fangen damit an, einander zu schätzen und zu lieben. Bei dieser Übung der Achtsamkeit verlieren die unangenehmen Gefühle das Unangenehme, und die angenehmen Gefühle werden stärker.

Freude empfinden wir dann, wenn wir intim mit dem Fließen des Lebens verbunden sind. Alles, was sich zwischen uns und die Realität hineindrängt, kann unser Genießen und unsere Freude vermindern oder in ein anderes Gefühl umwandeln. Oft schiebt sich nur ganz subtil eine feine Schicht wie ein Schleier zwischen uns und unser Erleben. Ebenso subtil sollte die Achtsamkeit mit uns selbst werden, damit wir diese kleinen Verstörungen sogleich wahrnehmen und durch unsere Bewusstheit ins Licht führen, damit sie sich auflösen können.

Die Lebenskunst besteht darin, die innige Verbindung mit Achtsamkeit auf das, was gerade ist, immer wieder herzustellen und uns dann ganz in den gegenwärtigen Moment hinein zu vertiefen, sodass wir mit diesem Moment eins sind, und dann geht es gar nicht anders als dass wir Freude empfinden und uns glücklich fühlen.

Zum Weiterlesen:
Der trügerische Zauber der Illusion
Hass und Liebe: Vom Mangel zur Fülle

Dienstag, 25. Juni 2019

Gibt es Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte?

Gibt es im Geschichtsverlauf Notwendigkeiten oder sind all die Abläufe rein von Zufällen gesteuert? Das Thema erscheint reichlich abstrakt – dennoch wirkt es bis in unsere kollektive und individuelle gegenwärtige Verfasstheit hinein. Wir Menschen sind geschichtliche Wesen, und die Art und Weise, wie wir diese Geschichtlichkeit für uns selber definieren, bestimmt, wie wir uns fühlen und wie wir die Gegenwart erleben und in die Zukunft schauen. 

Die Annahme von Notwendigkeiten im Geschichtsverlauf geht aus von der Auffassung, dass es menschenmöglich ist, den Gang der Geschichte vorherzusagen. Prinzipiell ist die Zukunft für uns unkontrollierbar und unverfügbar. Dennoch kann es Sinn machen, Modelle zu entwerfen und daraus Prognosen abzuleiten, wie bei der Wettervorhersage. In der Geschichtsphilosophie wird versucht, gesetzmäßige Abläufe oder Stufenabfolgen herauszudestillieren und daraus wahrscheinliche Weiterentwicklungen zu prognostizieren, also eine Art von Trendprognose zu erstellen. Die Grundlage liegt dabei nicht in einer summierten Auswertung von empirischen Daten, sondern in einer selektiven Auswahl unter bestimmten vorgegebenen Gesichtspunkten, um daraus einen übergeordneten Sinn zu gewinnen. 

Geschichtsdeterminismus und Gewalt 


Für Hegel, einem der einflussreichsten  Geschichtsphilosophen, bestand das Entwicklungsgesetz der Geschichte im „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. Für Fakten, die dem unerbittlichen Fortschreiten des Weltgeistes im Weg standen, hatte er wenig Verständnis. In seinem Geschichtsbild spiegelt sich der Optimismus der Aufklärung, aber auch die konservative Zufriedenheit mit dem preußischen Staatswesen der nachrevolutionären Zeit – und eine distanzierte Überheblichkeit angesichts des Leidens der Menschen („Aber auch indem wir die Geschichte als diese Schlachtbank betrachten, auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht worden, so entsteht dem Gedanken notwendig auch die Frage, wem, welchem Endzwecke diese ungeheuersten Opfer gebracht worden sind.“ Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, 1. Kapitel, hg. 1837). Karl Marx übernahm den Hegel‘schen Geschichtsdeterminismus, ersetzte aber die Bewusstseinsentwicklung durch die Entwicklung von Gesellschaftsformen auf der Grundlage von ökonomischen Zwängen. Mit dem Anspruch, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen, („Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“: Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, Marx-Engels-Werke Bd. 13) proklamierte er den notwendigen und unausweichlichen Fortschritt vom Kapitalismus zum Kommunismus.  

Solche Notwendigkeitsannahmen haben Umstürze und Revolutionen angestiftet, aber auch eine riesige Zahl an Todesopfern auf dem Gewissen, denn ihre Vertreter gingen oft von den Annahme aus, dass der Fortschritt keine Grausamkeiten zu scheuen hätte, weil das Leiden einer kleinen Zahl von Menschen nichts zähle im Vergleich zum Paradies für die vielen, das um jeden Preis erreicht werden muss.

Der Geschichtsdeterminismus ist aber nicht nur auf der politisch linken Seite zu finden. Auch rechte Ideologen verbreiten ihre Geschichtsmythen mit dem Anspruch der gesetzmäßigen Notwendigkeit. Hitlers „Mein Kampf“ ist voll von solchen Theorien, die einer Rasse die Vorherrschaft über alle anderen sichern sollten, was immer es auch an Menschenleben kostet. 

Deshalb aber ist Vorsicht geboten mit Theorien, die Notwendigkeiten im Geschichtsablauf dekretieren. Denn sie eignen sich in der politischen Praxis zur Tarnung von Machtgelüsten und zur Rechtfertigung von Gewalttaten. Theorien, denen eine Bereitschaft innewohnt, über Leichen zu gehen, sind an einem gefährlichen ideologischen Virus erkrankt und sollten dringend in Quarantäne gesperrt werden.

Die Notwendigkeit zur Weltverbesserung 


Mit diesem Befund hat das Notwendigkeitsmodell allerdings noch nicht abgedankt. Denn wir können andererseits erkennen, dass es eine mächtige Entwicklungsdimension zu mehr Menschlichkeit, zur Verbesserung des Zusammenlebens und zur Achtung der Individuen gibt, zu einem Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit und in der Freiheit selbst. Ein Beispiel sind die Fortschritte in der Gleichberechtigung von Minderheiten, unterschiedlichen Rassen und geschlechtlichen Orientierungen, die mehr und mehr Staaten in ihre Gesetze übernehmen, weil es von den Zivilgesellschaften gefordert wird. Die Entwicklung und Weiterentwicklung der Menschenrechte, für die Menschen auf der ganzen Welt auf die Straße gehen und oft ihr Leben riskieren, ist keine Beliebigkeit, sondern wird von vielen als Lebensnotwendigkeit empfunden. Das Gleiche gilt für die Wiederherstellung eines ausgeglichenen Zusammenlebens zwischen der Menschheit und der übrigen Natur.

Diese Orientierung ist nicht durch etwas anderes ersetzbar. Sie kann nicht einfach außer Kraft gesetzt werden. Sie unterliegt nicht individuellen oder kollektiven Machtfantasien. Sie fügt sich nicht unserer Willkür und Geschmacksrichtung. Sie ist sogar stärker als der individuelle Überlebenstrieb. Denn als Menschen können wir uns nicht aussuchen, unmenschlich zu leben, so wie sich die Birke nicht entscheiden kann, unbirkengemäß zu leben. Menschlichkeit ist das, was Menschen zu Menschen macht und was deshalb ihrem Wesen und ihrem innersten Wollen entspricht. Folgen sie diesen Impulsen nicht, geraten sie mit sich selber auseinander, weil sie ihr Wesen verraten.

Natürlich kommt gleich der Einwand, dass viele Menschen ungeheuer unmenschliche Taten vollbracht haben und bis heute vollbringen. Das Handeln aus Gewalt, Grausamkeit, Ausbeutung, Unterwerfung, Ungleichbehandlung usw. ist nicht zu tolerieren. Es ist offensichtlich auch ein Teil des Menschseins. Im Lauf der Geschichte sind immer wieder solche Handlungen geschehen, und es wird sie wohl auch in Zukunft im Leben der meisten Menschen, uns selbst miteingeschlossen, geben, wenn wir genauer hinschauen.

Gleichzeitig ist uns klar, dass es um Willen der Menschlichkeit darum geht, solche Handlungen zu unterbinden und die Motivationen, die dahinter stecken, zu überwinden und in prosoziale Absichten umzuwandeln. Und darin sind sich tatsächlich alle einig, selbst die Täter von Untaten, sobald sie einen Schritt aus der Selbstbezogenheit setzen. Wir verstehen alle, dass ein menschenwürdiges Leben von den Prinzipien der Achtung und des gemeinsamen Wohlergehens getragen sein müsste. Und wir verstehen alle, dass wir ein solches Leben wollen und anstreben sollten. 

Einschränkung oder Offenheit 


Wir unterscheiden uns freilich darin, wie wir vom jetzigen Zustand zu dieser Utopie kommen können. Die einen meinen, dass die Menschlichkeit nur im Rahmen von sicher abgeschotteten Räumen – Nationalstaaten, Wohlstandsinseln, Reichenvierteln usw. praktiziert werden kann. Die anderen gehen davon aus, dass sich die Menschlichkeit nicht abgeschottet für eine auserwählte Gruppe verwirklicht werden kann, also mit dem Prinzip der Ausgrenzung, sondern dass die Menschlichkeit nur global, unter Einschluss aller Menschen, erreicht werden kann.

Es gibt auch unterschiedliche Auffassungen darüber, ob wir glauben, dass ein derartiges Leben der Gewaltfreiheit und gegenseitigen Achtung Überhaupt jemals eintreten könne. Manche meinen, dass der in der Natur des Menschen gelegene Egoismus immer wieder verhindern wird, dass es zu einer Menschengemeinschaft im Zeichen der Gerechtigkeit kommen würde. Andere, zu denen ich mich zähle, glauben, dass dem Menschen der Drang innewohnt, das Ego mit seinen Antrieben zu überwinden und Auswege aus den Neigungen zum Bösen zu suchen.

Die letztere Auffassung wird nicht nur durch den common sense, sondern auch durch viele empirische Befunde gestärkt, während die erstere ihre Wurzeln in der Ideologie des Wirtschaftsliberalismus nicht verleugnen kann. Gerade neulich wurde übrigens eine Studie veröffentlicht, bei der die Ehrlichkeit von Findern untersucht wurde. Die Ergebnisse waren für alle überraschend, die an den Egoismus der Menschen glaubten, denn es zeigte sich, dass die Leute gefundene Geldbörsen mit mehr Geld häufiger zurückgaben als solche ohne. (Quelle) Wir sind viel weniger “wirtschaftliberal” und viel solidarischer als viele glauben. 

Spreu und Weizen 


Wie können wir willkürlich ersonnene Ideologien und anthropologisch verankerte Notwendigkeiten im Geschichtsverlauf unterscheiden?

In unserem Leben haben wir es immer mit einer Mischung aus Notwendigkeiten und Zufällen zu tun. Alle Ereignisse, die wir in Muster und Strukturen einordnen können, erhalten den Charakter von Notwendigkeit, weil wir sie als Bestätigung für die jeweilige Struktur verstehen können. Alle Ereignisse, für die wir keine Muster und keine Strukturen haben, erleben wir als Zufälle. Wenn wir auch dafür Muster gefunden haben, in die wir sie einfügen können, sagen wir gerne: „Es gibt ja doch keine Zufälle.“ 

Sowohl das Notwendige wie das Zufällige sind Konzepte, die wir zum Verstehen der Wirklichkeit einsetzen. Die Wirklichkeit – die Natur wie die Menschheitsgeschichte – ist weder notwendig noch zufällig, oder ist beides zugleich, je nachdem, was wir in ihr finden wollen, je nachdem, wie wir sie sehen wollen. Wir müssen nur aufpassen, wenn solche Konzepte als Wirklichkeiten verkauft werden, wenn also etwas, das im Inneren produziert wurde, als Äußeres, als vorgegebene Wirklichkeit angepriesen wird. Es geht darum, herauszufinden, was die Absicht dahinter ist und wovon die Absicht gesteuert ist.

Es gibt klare Unterschiede unter den Absichten. Sind sie auf uns selber und die Vermehrung des eigenen Seins ausgerichtet oder dienen sie einem größeren Ganzen; sind sie von Überlebensängsten gesteuert oder vom Wunsch nach mehr Menschlichkeit? Das Konzept der Notwendigkeit kann in Zusammenhang mit einem Grundpessimismus gebracht werden, indem z.B. jemand Weltuntergangsideen predigt, und in der Absicht, andere Leute zu warnen, innere unaufgearbeitete Ängste in ein theoretisches Kleid steckt. Das Konzept des Zufalls kann mit der Absicht verbunden sein, die eigene Bequemlichkeit und Verantwortungsscheu zu pflegen, indem jemand z.B. in Bezug auf die Vorgänge in der Geschichte jede strukturelle Gesetzmäßigkeit ablehnt, woraus sich dann die Unsinnigkeit von jedem Engagement für eine bessere Zukunft ableitet. 

Wird hingegen das Konzept der Notwendigkeit als Ausdruck der Wachstumsbereitschaft der Menschen als Einzelne und als Gesamtheit verstanden, dann stärkt es die Kräfte, wieder im Individuum und in der Gesellschaft, die die Unmenschlichkeiten verringern und überwinden und das Menschliche vermehren wollen. 

Geschichtsbrillen 


Wir können die Geschichte mit verschiedenen Brillen lesen – mit der Brille des Pessimismus und Fatalismus, mit der Brille der Selbstbestätigung oder mit der Brille des Lernens über das Menschliche, das im Menschen liegt und damit unser Ego oder unsere kollektive Verantwortung stärken. Wir können sie mit einer rückwärts oder einer vorwärts gerichteten Brille lesen, und damit den Rückschritt oder den Fortschritt unterstützen.  

In allen Fällen sind wir gut beraten zu berücksichtigen, dass sich in der Geschichte wie in allen menschlichen Belangen Notwendigkeiten und Zufälligkeiten zeigen und dass wir beide Sichtweisen brauchen, um mit gutem Geist in die Zukunft weiterzuschreiten. Denn das Anerkennen von Notwendigkeiten kann unser Engagement für die Verbesserung der Welt anfeuern, um die Geburt des Neuen zu erleichtern. Das Anerkennen von Zufälligkeiten wird uns die nötige Bescheidenheit und den nüchternen Realitätssinn vermitteln, den wir benötigen, um angesichts der Wechselfälle des Lebens auf Kurs zu bleiben.
  
Wichtig ist es zudem, unsere Intentionen zu reflektieren, um die Gefühle aufzuspüren, die hinter unseren Einstellungen stecken und diese lenken. Bewusstheit und innere Achtsamkeit sind die Schlüsselelemente, die uns helfen, aus der Geschichte, d.h. aus unserem Gewordensein als Individuen und als Gesellschaft, die richtigen und stimmigen Schlüsse zu ziehen und auf dieser Grundlage die Entscheidungen für die Zukunft zu fällen, die unserem tiefsten Inneren entsprechen.

Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie wollen wir zusammenleben? Die Antworten auf diese Fragen finden wir in uns selber, in der Weise, wie wir mit uns selber umgehen wollen, wie es für uns selber gut und stimmig ist. In unserem Inneren gibt es diesen Platz, aus dem Antworten kommen, die nicht beliebig und zufällig sind, sondern die nicht anders sein können. Von dort aus können wir einen klaren Blick auf die Geschichte und auf die Zukunft der Menschheit richten und unser Leben danach ausrichten. Je mehr Menschen diesen Weg gehen, desto stärker wird ein kollektives Subjekt, das die Geschichte mit den Notwendigkeiten des Menschseins in Übereinstimmung bringen kann. 

Zum Weiterlesen:
Die Dritte Aufklärung
Die Illusionsmaschine Internet
Links-Rechts - Versuch einer Unterscheidung
Evolution und Zufall
Über den Zufall

Freitag, 14. Juni 2019

Die Dritte Aufklärung für die digitale Epoche


Der deutsche Kulturphilosoph Michael Hampe fordert eine dritte Aufklärung, nach den epochalen geistigen Revolutionen in der griechischen Antike und den geistigen und gesellschaftlichen Umwälzungen im 18. Jahrhundert. Er spricht von einer Inflation der Meinungen, mit der die Menschen heute mit ungeprüften und verführerischen Informationen überschwemmt werden. Die Grenzen im inneren Informationsmanagement werden immer schwerer zu ziehen: Zwischen Bildung, die in einem Lernprozess erworben wird, Informationen über Fakten, die in überprüfbaren Verfahren entstehen, und Manipulationen für Werbezwecke, politisch, wirtschaftlich oder für die individuelle Eitelkeit („Instagramm-Selbstdarstellung“).

Während die Aufklärung im 18. Jahrhundert nach dem berühmten Satz von Immanuel Kant „der Ausgang der Menschheit aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ war, geht es heute darum, Orientierung im Gewirr des medialen Geplappers, der bewusst gestreuten Lügen, der gezielten unterschwelligen Manipulation und der angstgesteuerten Verschwörungstheorien zu finden. Denn „die Überfüllung unseres Geistes mit nutzlosen Meinungen ist sogar gefährlich für unser Leben, weil sie uns den Sinn für die orientierende Bedeutung von Wahrheiten raubt. Ohne eine Wertschätzung von Wahrheiten durch die Mehrheit derer, die ein aufgeklärtes Leben führen, ist diese Lebensform jedoch nicht fortsetzbar. Eine Askese im Meinen ist deshalb ebenso empfehlenswert wie eine gewisse Askese bei der Nahrungszufuhr.“ (S. 27)

Das Ziel dieser Aufklärung ist nach Hampe der Schritt der Menschheit zum Subjekt ihrer eigenen Geschichte, was die Ausweitung und Vertiefung der allgemeinen und vor allem der interkulturellen Bildung und der Bildung in Medienkompetenz voraussetzt. (S. 15) Diese Bildung besteht darin, dass wir bloße Meinungen in Wissen überführen:  „Wissen aber wird dadurch hervorgebracht, dass man Meinungen in bestimmten Verfahren überprüft. Die Ausführung dieser Verfahren, der sogenannten Wahrheitspraktiken, ist mühsam und zeitraubend. Aber an ihrem Ende steht etwas Verlässlicheres als die Meinung: Wissen.“ (S. 25)

Wissen ist ein Ergebnis von Bildung


Wissen ist nicht nur praktischer als Meinungen, weil es längerfristig gültig ist und sich besser in der Wirklichkeit bewährt, sondern auch, weil es mehr Bezug zu uns selber hat, indem wir selbst für die Erzeugung des Wissens verantwortlich zeichnen. Wir haben Lernenergie in den Bildungsprozess investiert, unser Gehirnschmalz, während wir Meinungen irgendwo aufschnappen und ohne Denkbemühung wiederkäuen. Die Anstrengungen des Wissens-Erwerbs lohnen sich, weil wir darin Sicherheit gewinnen, unsere inneren Werte stärken und die Orientierungsperspektiven in die Zukunft klären. Außerdem können wir auf dieser Basis unsere kommunikativen Verbindungen und damit die zwischenmenschliche Solidarität vertiefen, indem Räume des herrschaftsfreien Diskurses nach dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas (der übrigens dieser Tage 90 Jahre wird) eingerichtet werden. Dort herrscht der „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“ statt Machtansprüchen, die nicht argumentieren wollen, sondern blinden Glauben einfordern.

Hampe weist darauf hin, dass die meisten Menschen von zwei Grundimpulsen angetrieben werden: Einerseits dem Streben nach vertrauter Umgebung und nach der Absicherung im Gewohnten, und andererseits dem Streben nach Intensität. Menschen lieben die Beschaulichkeit, und sie suchen das Abenteuer. So ist es auch in der Welt der Meinungen: Viele schätzen den Nervenkitzel von Verschwörungstheorien mehr als deren wissenschaftliche Widerlegungen. Häufig befriedigen die Mythen und Illusionen, die als Wirklichkeiten verkauft werden, das Bedürfnis nach Intensität scheinbar leichter und besser im Vergleich zu Bildungsprozessen, die Mühe und Disziplin erfordern.

Aufklärung hingegen findet nicht in der Komfortzone beim abgestumpften Medienkonsum oder beim mechanischen Scrollen auf einer bilderreichen digitalen Plattform statt, sondern beim Abwägen, Reflektieren, Überprüfen, Vergleichen, also bei der „Arbeit des Begriffs“ (nach Hegel), individuell und kommunikativ.

Das Ende der Grausamkeit


Ein treibendes Motiv der Aufklärer war es immer, das Leben der Menschen menschengerechter zu machen. Dazu gehört ganz zentral das Anliegen, die Ausübung von Gewalt zurückzudrängen. All die Bewegungen des gewaltfreien Widerstandes, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht haben, sind eine Folge der Aufklärung, weil sie zur Durchsetzung von Menschenrechten gegen eine ungerechte und repressive Staatsmacht angetreten sind und bis heute antreten. Sie zeigen die Macht der Gewaltlosigkeit gegenüber der Grausamkeit, die in einem Mehr an Menschlichkeit besteht.

Das ist die immer wiederkehrende Botschaft der Aufklärung: Brutale Machtausübung darf nicht das Maß der gesellschaftlichen Ordnung sein, sondern kann nur eine primitive Form der Konfliktregelung darstellen, die dringend eingeschränkt und überwunden werden muss. Nur so kann eine Gesellschaft gebildet werden, die dem entspricht, was Menschen aus ihrer sozialen Natur heraus wollen und brauchen. Auf der Basis von Gewalt kann es nie zur Gleichheit der Menschen und zum sozialen Ausgleich kommen.

Der Drang zur Intensität, der nach Hampe für den Menschen konstitutiv ist, kann leicht zu Gewalt und Grausamkeit verführen. Die Bereitschaft, sich in Gefahr zu bringen, wird etwa von Extrembergsteigern oder Klippenspringern ausgelebt, die allerdings wissen, dass sie ein diszipliniertes Training für ihre Aktionen benötigen. Sie riskieren die Erfahrung von Leid und gehen an Grenzen, freilich gestützt auf fleißig erworbene Kompetenzen. Demgegenüber haben ungeübte und undisziplinierte Intensitätssucher die Möglichkeiten, ihren Hang zum Abenteuer scheinbar gefahrlos auszuleben, indem sie in den Weiten der sozialen Netzwerke ihre Meinungen in riskanter Weise ausbreiten, nämlich hasserfüllt und grausam und ohne persönliche Verantwortung.

Die Hintergründe von Hassäußerungen im Internet habe ich schon eigens thematisiert. In diesem Zusammenhang wird noch die Komponente der Grausamkeit näher beleuchtet. Grausamkeit bedeutet, dass anderen Menschen Leid zugefügt werden soll, aus welchen Motiven auch immer, oft auch verbunden mit einer Lust an der Demütigung und am Leiden anderer. Für Grausamkeiten gibt es keine Rechtfertigung, sondern es handelt sich um ein Laster, eine gravierende menschliche Schwäche, die in allen Bereichen individuell und kollektiv überwunden werden muss. Die Frage, ob die Menschen eine Disposition zur Grausamkeit in ihrer Erbsubstanz haben oder ob Grausamkeit nur entsteht, wenn aufgearbeitete Traumatisierungen wirksam werden, muss hier nicht geklärt werden; klar ist, dass äußere Umstände notwendig sind, die die Ausübung von Grausamkeit erlauben, wie z.B. der Krieg, und wie auch in geringerer Ausprägung die anonyme Welt der sozialen Medien.

Kultur der Intensität


Deshalb muss die Aufklärung auch und gerade in diese Bereiche hineinwirken. Zum einen besteht sie im täglichen Geschäft der Informationsprüfung, um Klarheit in den Fluss der konkurrierenden Meinungen zu bringen. Zum anderen braucht es eine Kultur der Intensität, also eine Bildung im Bereich der Sensationslust und der Ereignisfixierung. Sie kann darin bestehen, herkömmliche Kulturtechniken wie das Lesen von Büchern, das Argumentieren und das Recherchieren mehr zu pflegen und damit einen Ausgleich zur digitalen Reizüberflutung zu schaffen. Wir sind auch gefordert, neue Formen des Austausches und der Kommunikation zu erfinden, die die Prinzipien des herrschaftsfreien Diskurses beachten und wirksame Gegengewichte gegen die Gewaltaufladung in den Netzwerken bilden können. Wir können die Intensität in der Bildung und im gewaltfreien Diskurs, in der Neugier und im Interesse finden, und werden in diesen Formen mehr Befriedigung als im Ausleben von Grausamkeit finden.

Literatur:
Michael Hampe: Die Dritte Aufklärung. Nicolai, Berlin 2019

Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Suhrkamp, Frankfurt 1981

Zum Weiterlesen:
Die soziale Utopie als Hoffnungsträger
Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik

Hass im Internetzeitalter

Samstag, 8. Juni 2019

Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik

Mit illusionslosem Eifer und konzentrierter linkshemisphärischer Intelligenz hat die Menschheit eine immense digitale Welt erschaffen. Ihre Zugänglichkeit und Bedienbarkeit wurde soweit vereinfacht, dass sie schon Kinder verstehen und handhaben können, um sich in ihr wie einer zweiten Welt zu bewegen. Ein Medium ist entstanden, das beinahe alles enthält, was die Menschen an Wissen und an Illusionen hervorgebracht haben und laufend erweitern.

Wie viele Erfindungen und technologischen Neuerungen hat auch diese digitale Revolution ihre Licht- und Schattenseiten. Sie brachte uns Wissens- und Illusionsmaschinen. Zu den unbestreitbar positiven Errungenschaften zählen die niederschwellige Verfügbarkeit von Informationen und die kommunikativen Möglichkeiten der Vernetzung. In diesem Sinn ist die Menschheit mehr zusammengerückt, Bildung ist demokratischer und greifbarer für viele und es sind solidarische Aktionen weltweit möglich geworden. 

Auf der anderen Seite spiegeln sich im Netz auch die dunklen Seiten der Menschen. Es wird zur Information genauso genutzt wie zur Desinformation, zur Aufklärung wie zur Irreführung und Manipulation, zur harmlosen Unterhalten und zum Vorspiegeln von Illusionen und . Zwar hat es Betrügereien und Täuschung schon immer gegeben, aber in der digitalen Welt sind die Möglichkeiten um riesige Dimensionen gewachsen. Die ungeheure und stets wachsende Fülle an Informationen, die abgerufen werden können, steht im krassen Gegensatz zur schwindenden Orientierungsfähigkeit der Nutzer. Unsinnigkeiten, Dummheiten, Lügen und Gemeinheiten stehen nahezu ununterscheidbar neben Weisheiten, Fakten und  nützlichen Informationen. 

Damit wird die Urteilskraft zur wichtigsten digitalen Kompetenz: Wie kann der Spreu vom Weizen unterschieden werden? Wie erkennen wir Desinformation? Wie finden wir zu abgesicherten und vertrauenswürdigen Quellen? Wie können wir uns im Wust und Getümmel der Angebote an Produkten, Dienstleistungen und Informationen orientieren, ohne uns selbst – und unser Selbst – zu verlieren?

Die Schwierigkeit liegt darin, dass das Medium selbst eine starke Tendenz unterstützt, vom eigenen Inneren abgelenkt zu werden. Nichts in unserem Inneren funktioniert digital, wir sind rein analoge Organismen. Das Digitale ist ein unkörperliches Produkt unseres Geistes. In seiner Sphäre spüren wir uns selbst nicht, außer wir nutzen unsere bewusste Aufmerksamkeit. D.h. die gesamte Welt des Digitalen hat einen illusionären und irrealen Charakter, auch wenn Realität und Aufklärung über das Medium transportiert werden kann. Mit diesem Widerspruch müssen wir leben lernen, insoferne als die Digitalität zu unserem Leben gehört. Das Umgehen mit dem Widerspruch kann darin bestehen, bei jeder Beschäftigung mit den digitalen Maschinen uns unserer selbst bewusst zu bleiben, indem wir z.B. immer wieder die Aufmerksamkeit auf den Atem und auf unser Fühlen lenken.


Wissen und Unwissen verbreiten


Information und Wissen haben den Dingen eine Eigentümlichkeit voraus. Wenn wir Wissen weitergeben, wird es mehr. Ich erkläre jemandem die Polyvagaltheorie. Damit entsteht ein neues Wissen in dieser Person, und auch mehr Verständnis für die Theorie in meinem Kopf. Gebe ich jemandem einen Apfel, so bleibt das ein Apfel, den ich jetzt nicht mehr habe. Ich verliere also durch das Geben. Wissen hingegen vermehrt sich mit der Weitergabe. Es wird im genauen Sinn nicht geteilt, sondern wandert mehr oder weniger als Ganzes zur anderen Person, während es bei der mitteilenden Person als Ganzes verbleibt und unter Umständen durch das Mitteilen sogar noch weiter wächst.

Was für die Information gilt, gilt auch für die Desinformation und Manipulation. Unwissen oder Antiwissen wird mehr durchs Verbreiten. Dazu kommt, dass sich die unethischen Motive (Gier, Hass, Machtstreben), die hinter dem Täuschen stecken, mit jeder Weitergabe der Falschinformation ebenfalls fortpflanzen, meist ohne Wissen der weitergebenden Menschen. Das Netz hat die Eigenschaft, dass es bestimmte Nachrichten in Windeseile und an große Menschenmengen verbreiten kann, ohne Kontrolle, ob sich die Nachricht auf erfundene oder reale Gegebenheiten bezieht. Es kann damit auch schnell enormer Schaden angerichtet werden. Denn Missinformationen schaffen Misstrauen, Desorientierung, Vorurteile, Verwirrung und Illusionen. Wo immer die Realitätsprüfung fehlt, entsteht ein Stück geistiger Welt, die keine Verbindung zur Wirklichkeit hat, sondern umgekehrt mittels ihrer Fehldeutungen die Wirklichkeitswahrnehmung verzerrt. 

Wo der Wirklichkeitsbezug fehlt, wird nicht nur die innere Wirklichkeit (die Fantasien, Illusionen, Fehldeutungen) mit der äußeren Wirklichkeit verwechselt. Außerdem werden Einstellungen geprägt, die in Handlungen übersetzt werden. Wird z.B. bei einem Menschen die Angst vor einer Katastrophe durch eine Fehlinformation erzeugt, wird die Person ihre Handlungen gemäß der Fehlinformationen ausrichten, um sich vor der vermeintlichen Gefahr zu schützen. Tendenziell wird sie auch die Menschen in ihrer Umgebung mit der Angst anstecken und auf diese Weise den emotionalen Gehalt der gefälschten Nachricht weiterverbreiten.

Es ist leicht ersichtlich, dass alle Radikalismen und extremen politischen Einstellungen sowie alle daraus resultierenden Gewaltakte und zerstörerischen Handlungen aus solchen Wirklichkeitsverwechslungen entstehen: Was im Inneren ist, wird für etwas im Außen gehalten. Die innere Wirklichkeit wird in die Umwelt projiziert. Das Böse wird im Außen identifiziert und damit wird jedes Mittel legitimiert, um es zu bekämpfen.

Damit hat die Täuschung ihr Ziel erreicht, eine Parallelwelt wurde erschaffen, die nicht mehr auf realen Gegebenheiten oder Ereignissen, sondern auf „alternativen Fakten“, also auf Fantasieprodukten beruht. Die Verwirrung ist komplett, und die Menschen sagen dann: „Man kann niemandem mehr vertrauen. Es gibt so viele Meinungen, und ich halte an dem fest, was ich glaube (also an meinen Vorurteilen).“ „Es gibt zu allem Studien, die einen sagen das, die anderen das Gegenteil, also kann man auch den Wissenschaften nicht mehr trauen. Außerdem sind die Wissenschaftler alle gekauft.“

Um die alternativen Fakten gruppieren sich die „alternativen Blasen“, die ihre Formen des Aberglaubens und der Mythologie für real halten und sich gegenseitig bestätigen. Es entstehen mehr und mehr Paralleluniversen, ähnlich wie die Bereiche unterschiedlicher Konfessionen, die nach unterschiedlichen Grundsätzen und Wirklichkeitsauffassung leben.


Paradox am rechten Rand


Paradoxon am Rande: Diejenigen, die in der gesellschaftspolitischen Diskussion die Entstehung von Ghettos und Parallelgesellschaften als Beispiele der Unmöglichkeit der Integration von Fremden kritisieren, sind jene, die sich besonders leicht in illusionären Zirkeln zusammenfinden, d.h. die, ohne es zu merken, selber in eine Parallelgesellschaft abdriften. Sie spielen zwar in einigen Belangen weiter in den allgemeinen Zusammenhängen mit, indem sie ihrer Arbeit nachgehen, Steuern zahlen und zur Wahl gehen, aber in ihrem geistigen Horizont schließen sie sich ab von dem, was in der Realität abläuft. 

Aktuelles österreichisches Beispiel: Ein führender Politiker breitet in einem Gespräch seine Pläne zum Aufbau einer Mediendiktatur und zur Korruption aus. Nachdem diese Realität an die Öffentlichkeit kommt, beginnt die Blase schnell zu reagieren, konstruiert einen Opfermythos und bagatellisiert die Realität als „besoffene Geschichte“. Auf diese Weise wird die moralische Wertung und die Zuteilung von Verantwortung verhindert und das eigene vorkonstruierte Weltbild zwischen den Guten und den Bösen bleibt bestehen, ja wird noch zusätzlich bestätigt. Viele andere sind entsetzt über das, was sich an Realität geoffenbart hat, doch die Blase hat schon längst ihre Rechtfertigung und ihren Mythos erzeugt, der sich über die Wirklichkeit stülpt wie eine Nebelwolke. Ähnlich wie eine türkische Community in einer mitteleuropäischen Großstadt, die die heimische Sprache nicht verwendet, ihre eigenen Gebräuche, Religion und Normenwelt beibehält, bildet die Blase der rechten Politikerfans eine verschworene Gemeinschaft (deshalb auch der Wahlslogan: „Wir halten jetzt erst recht zusammen!“) mit eigenen Normen und Wirklichkeitskonstruktionen, die vom Rest der Gesellschaft abgeschottet ist.


Integrität und wirkliche Wirklichkeit


Persönliche Integrität braucht einen Halt in der Realität, der verloren geht, wenn die Wirklichkeit nicht mehr von eigenen Angst- oder Wunschfantasien unterschieden werden kann. Aus Integrität wird dann moralische Beliebigkeit. Die ethischen Werte erodieren. Schließlich kann jeder alles tun, ohne dass es Folgen hat, und das, was offensichtlich amoralisch ist, wird umgedeutet, umgewertet und schließlich verherrlicht. Das ist auch das verheerende Image, das der gegenwärtigen US-Präsident pflegt und damit vielen als Vorbild für die eigene Unverschämtheit dient. 

In einer Demokratie ist es möglich, dass respektslose und unhöfliche Menschen von respektslosen und unhöflichen Menschen in die höchsten Ämter gewählt werden und von dort aus die Respektslosigkeit und Unhöflichkeit bei ihren Wählern und darüber hinaus verstärken. Im Internet bedarf es nicht einmal mehr einer Wahl, um zum Influenzer, zum Meinungsführer zu werden.  Es braucht nur genügend Clicks, Shares und Likes, schon wird der eigene Stil zum Trend und manifestiert sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Integrität und ethisches Bewusstsein ist kein Kriterium.

Umso mehr braucht es die Kraft und Klarheit der Integrität, den Anspruch der Verantwortung und Integrität hochzuhalten, ohne Kompromisse.   verträgt keine Verwaschenheit und ist immun gegen Täuschung und Verwirrtaktiken. Wollen wir die Integrität in diesem Bereich wahren, gilt es, die Mühen der Ebene auf sich zu nehmen: Quellen überprüfen, recherchieren, vergleichen, publizieren. Auch das wird durch das Internet erleichtert, es gibt mehr und mehr seriöse Seiten, die die Fake-Seiten, Hoaxes und Betrügereien beobachten und dokumentieren. Dies gilt für Propaganda, die im Netz als seriöse Information getarnt ist, Halbwahrheiten, die als ganze präsentiert werden, Wirtschaftsinteressen, die sich als Wissenschaft verkleiden, Vorurteile, die als objektive Wahrheiten verkauft werden, Fantasien, die als Wirklichkeiten dargestellt werden usw. Die kritische Prüfung braucht es überall dort, wo Meinungen und Einstellungen geprägt werden – in den sozialen Medien, bei Internet-Zeitungen, Blogs und Foren. 

Wir können uns in virtuellen oder face-to-face-Gemeinschaften gegenseitig unterstützen, um Irrtümer, Irreführungen und Täuschungen zu korrigieren und Manipulationen zu entlarven. Es geht nicht darum, neue Blasen zu bilden, sondern die bestehenden zu öffnen, sodass sie mit Realitäten und Wahrheiten konfrontiert werden. Es geht darum, integre, offene und tolerante Gemeinschaften zu bilden, Foren der Öffentlichkeit, in denen kritische Diskurse geführt stattfinden und der Prozess der Wahrheitsfindung hochgehalten wird. Selbstreflexion und Selbstkorrektur sind die unabdingbaren Voraussetzung für die ethische Verantwortungsübernahme auch im Bereich des digitalen Datennetzes und seiner kommunikativen Auswirkungen.

Zum Weiterlesen:
Hass im Internet
Der trügerische Zauber der Illusion

Sonntag, 2. Juni 2019

Vergleichen macht uns abhängig

In diesem Artikel geht es um die Minus-Variante des Vergleichens: Wir suchen uns Vergleichsobjekte, denen gegenüber wir unterlegen sind. Die Über-Variante, wenn wir uns auf andere beziehen, denen wir überlegen sind, funktioniert allerdings mit verkehrten Vorzeichen nach dem gleichen Muster.

Das Vergleichen macht uns in jedem Fall abhängig – von dem Objekt, mit dem wir uns vergleichen. Wir nutzen es als Wertmaßstab: Wir geben diesem Objekt die Macht, über unseren Wert zu bestimmen. Denn durch das Vergleichen ist dieser relativ zum Wert des jeweiligen Vergleichsobjekts, bei dem es sich meist um eine Vergleichsperson handelt. Wir projizieren auf sie die Qualitäten und Eigenschaften, die wir im Grund auch in uns selber haben, von denen wir aber denken, dass sie uns nur mangelhaft zuteil wurden und kaum zur Verfügung stehen. Also suchen wir uns andere Personen, von denen wir annehmen, dass sie besser ausgestattet sind, vergleichen uns mit ihnen und fühlen uns ihnen unterlegen – eine typische Anleitung zum Sich-Unglücklichmachen.

Im Vergleichen beschneiden wir unsere Freiheit, so zu sein, wie wir sind. Wir orientieren uns nicht an unserem Inneren, wo wir so sind, wie wir sind, weil es gar nicht anders geht, sondern an einem Ausschnitt der Außenwelt, die wir als Maßstab definieren, dem wir möglichst entsprechen sollten. Als Erwachsene sind es immer wir, die den Maßstab des Vergleichs wählen. Wir sind es, die eine bestimmte Qualität für so wichtig halten, dass wir uns einbilden, an ihrem Mangel leiden zu müssen.

Es wird wohl sein, dass wir im Zug unseres Aufwachsens unliebsam mit Vergleichen konfrontiert wurden: „Dein Bruder kann das oder jenes viel besser.“ „Du solltest auch so fleißig sein wie deine Kusine.“ „Deine Schwester ist so brav, du müsstest auch so sein.“ Solche Aussagen können sich in unser Unterbewusstsein eingraben und die Vergleichsmechanismen in Gang setzen, die dann den Rest des Lebens automatisiert ablaufen und oft, ohne dass wir es merken, unsere Stimmung herunterziehen. 

Dazu kommt, dass wir meistens davon ausgehen, dass der Vergleich in der Objektivität begründet ist, dass er ein Teil der Wirklichkeit und nicht eine Eigenproduktion ist. Jemand anderer ist besser und wir sind eben schlechter. Natürlich ist es klar, dass die meisten von uns nicht so gut Tennis spielen könnten wie Dominik Thiem oder Magnus Carlsen im Schach nicht schlagen könnten. Aber ernsthaft können wir das nur behaupten, wenn wir uns mit diesen Größen in ihrem Fach direkt gemessen haben. Dann wäre es Teil der Erfahrungsrealität. So aber bleibt es ein reines Gedankenspiel, ohne jede Auswirkung auf die Wirklichkeit, außer auf die innere durch eine unnötige Selbstwertminderung, die wir in uns selber unangenehm wahrnehmen. Wir tun uns das Vergleichen samt den Folgen auf unser Empfinden also immer selber an; nichts und niemand zwingt uns dazu. 

So klagt eine Klientin: „Ich kenne Leute, die weise Sprüche von sich geben und auch sonst mit ihrem Leben im Reinen sind, die noch nie Gruppen besucht oder Therapie gemacht haben, die können das einfach. Ich hingegen stoße dauernd auf Probleme, kämpfe immer wieder mit dem einen oder anderen. Und dann treffe ich Menschen, die sich noch nie mit sich selbst beschäftigt haben und dennoch anscheinend zufrieden sind und ein gutes Leben führen. Ich muss soviel dafür tun, dass es mir besser geht, während andere einfach immer gut drauf sind.“

Objektiv betrachtet heißt das nur, dass es viele, viele Unterschiede unter den Menschen gibt. Die einen haben es möglicherweise in manchen Bereichen leichter als die anderen. Aber das ist nur eine Annahme von uns, weil noch dazu das, was leicht und was schwer ist, für jeden Menschen unterschiedlich ist. 

Wir denken uns vielleicht, dass es die kranke Person, die mit Schmerzen im Spitalsbett liegt, schwerer hat als die Pflegerin, die sie betreut. Es kann aber sein, dass die Patientin mit ihrem Schicksal im Frieden ist und die Pflegerin mit ihrer schweren Arbeit hadert und unglücklich ist. Es kann sein, dass Menschen, die wir um ihr zufriedenes Leben beneiden, einige Zeit später in eine Krise geraten, sodass wir um keinen Preis mit ihnen tauschen würden. 

Das Leben spielt seine Stücke nach einer geheimnisvollen Regie, nichts ist vorhersehbar, nichts folgt eindeutigen Regeln und Mustern, sodass es nicht einmal beständige Anker für unsere Lust am Vergleichen gibt. Selbst Idole in der Unterhaltungsbranche oder in der Politik, die von den Medien gehypt und von den Anhängern gefeiert werden, können vom einen Tag auf den anderen vom Thron stürzen, und plötzlich ist uns ein Vergleichsobjekt abhanden kommen und wir müssen uns ein neues suchen – oder wir halten ihm allen Umständen zum Trotz stur die unerschütterliche Treue. So gibt es manche, die bis heute dem Großverbrecher Adolf Hitler ein ehrenvolles Andenken widmen, und unter den Österreichern sind es Hundertausende, die einem Politiker, der durch ein Aufdeckungsvideo jeder Integrität entblättert wurde, nach wie vor ihre Stimme geben, indem sie ihn als Opfer sehen, mit dem sie sich gut identifizieren können.


Automatisches Verlieren


Bei der Minus-Variante des Vergleichens sind wir immer auf der Verliererseite und merken gar nicht, dass die Regeln des Spiels so aufgestellt sind, dass wir nie gewinnen können, und wir überlauern nicht einmal, dass wir selber es waren, die diese Regeln aufgestellt haben. Und zu allem Überdruss verlieren wir dabei beständig gegen uns selber, ohne uns je als Gewinner fühlen zu können. Deshalb schreibt Søren Kierkegaard: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“

In den meisten Fällen ist es den Vergleichsobjekten in der Außenwelt gleichgültig, dass wir sie oberhalb von uns platzieren und uns schlechter fühlen als sie es sind. Es betrifft sie auch nicht, dass wir uns von ihnen abhängig machen, außer wir gehen ihnen mit unserer Bewunderung, Verehrung und Idealisierung auf die Nerven. Denn die offen zur Schau getragene Idealisierung erzeugt Druck auf die idealisierte Person und ist deshalb im Grund eine respektlose Grenzüberschreitung, die freilich viele der Adressaten zur Fütterung ihres Narzissmus einladen, genießen und pflegen.


Wie wir der Idealisierung entkommen


Jeder Mensch hat Stärken, Schwächen, Mängel und Vorzüge. Wenn wir uns mit anderen vergleichen und sie zum Maßstab nehmen, geraten wir leicht in die Tendenz, an anderen das Positive zu über- und das Negative zu unterschätzen. Das nennt man dann Idealisierung. Wieder sitzen wir einer Abhängigkeit auf, wenn wir in diese Falle tappen: Das Ideal in der anderen Person brauchen wir, um mit einem eigenen Mangel zurande zu kommen. Wir nutzen es auch, um selber nichts an uns verändern zu müssen. Statt zu üben und zu lernen, um unsere Fähigkeiten zu erweitern, versenken wir uns in die Bewunderung, die den anderen mit einem Glorienschein umgibt und uns selber schlecht dastehen lässt. 

Dabei kann die einfache Einsicht helfen: Es gibt das Ideal, das wir so bewundern, nicht in der Wirklichkeit, vielmehr ist es eine Produktion unserer Innenwelt. Wir erzeugen den Schein und das strahlende Licht, in dem uns unser idealisiertes Wesen erscheint. Was kann aber der Sinn in einer Produktion sein, wenn wir uns selber damit abwerten und schlechtmachen? Wir machen uns mit dieser Erkenntnis schnell klar, dass wir das nur deshalb tun, weil wir selber immer wieder abgewertet und schlechtgemacht wurden. Es gab Erfahrungen, durch die etwas in uns zerbrochen ist, das unser Selbstvertrauen angeknackst hat. Es fehlt uns jetzt, damit wir uns zutrauen könnten, Dinge in unserem Leben, unserem Charakter und unserer Performance kreativ und konstruktiv zu verändern. Statt dessen fantasieren wir im Äußeren unsere Verbesserung so, als wäre sie schon in uns selber eingetreten, leider in einer anderen Person.


Zweifache Lernübung


Wir kommen aus unserer Sucht am Vergleichen durch zwei Schritte heraus. Wir verwenden jeden Vergleich, den unser Verstand anstellt und der uns auffällt, als Lernübung: Ist da etwas, was wir an anderen sehen und bei uns selber übersehen oder geringschätzen? Wenn wir die Weisheit anderer Menschen bewundern – wie steht es um unsere eigene? Wenn wir unsere rhetorischen Fähigkeiten und unsere Schlagfertigkeit mit anderen vergleichen und dabei nur unsere Mängel in diesem Bereich bemerken – worin könnte der Wert unserer Redekunst liegen? Es geht also darum, unsere Qualitäten als Ausdrucksweisen unserer Individualität mehr in den Mittelpunkt zu rücken und wertzuschätzen. 

Und von dort aus können wir die zweite Lektion in Angriff nehmen: Bedeutet das Vergleichen, das wir vorgenommen haben, dass wir unsere Fähigkeiten in dem entsprechenden Bereich verbessern wollen? Wenn wir andere darum beneiden, dass sie viele Freunde haben, können wir uns die Frage stellen, wie wir selber zu mehr Freunden kommen können. Wenn wir uns mit den musikalischen Fertigkeiten von jemand anderen vergleichen, können wir uns überlegen, ob wir Gesangs- oder Klavierunterricht nehmen wollen. Wir können also das Vergleichen dazu nutzen, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu werden. Wir sind nicht nur im Gehirn plastisch, also verbesserbar und erweiterbar, sondern auch in vielen anderen Fähigkeiten. Es liegt an uns, ob wir für die entsprechenden Weiterbildungen und Trainings die Energie und Motivation aufbringen. Wir können uns andere in dem Sinn als Vorbild nehmen, dass wir anerkennen und wertschätzen, was sie können und worin sie gut sind, und dass wir daraus den Anreiz ziehen, ihnen auf unsere Weise nachzueifern.

Wir müssen uns nicht in allen Aspekten und Dimensionen, die ein Menschenleben umfasst, weiterentwickeln, das ist auch gar nicht möglich. Vor allem sollten wir jeden Stress vermeiden, der mit einem derartigen Anspruch verbunden ist. Vielmehr können wir uns fragen, was wir wollen, und dann zur Handlung schreiten. Wenn wir uns klarmachen, dass wir unsere Energie nicht in diesen Bereich stecken wollen, sollten wir allerdings mit dem Vergleichen aufhören. Denn genau dann bringt es uns überhaupt nichts. Statt dessen können wir unsere neidvolle Bewunderung in eine staunende und bedingungslose Wertschätzung umwandeln: Die Schönheit unserer Mitmenschen in ihrer Einzigartigkeit anerkennen und genießen, ebenso wie unsere eigene.

Auf diesem Weg befreien wir uns von Abhängigkeiten, die uns an die Vergleichsobjekte binden, und lassen sie und uns selbst frei aus diesen selbstproduzierten Fesselungen. Jede Lösung einer Abhängigkeit ist ein Zugewinn an Verantwortung, und in diesem Fall auch an Mitmenschlichkeit. Was gibt es Erfüllenderes und Beglückenderes, als die Vielfalt menschlicher Individualitäten mit Ehrfurcht und Dankbarkeit zu würdigen?

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