Mittwoch, 30. August 2017

So bin ich: Noch nie dagewesen

Wir alle verfügen über spontane Verhaltensmuster für Stresssituationen, die uns angeboren sind oder die schon früh geprägt sind. Grob gesagt, folgen sie dem Schema Kampf oder Flucht, d.h. wir neigen eher entweder zu impulsivem oder zu vermeidendem Verhalten, wenn wir unter Druck sind. Diese Spontanstrategien haben wir von früh an aufgenommen, vielleicht ist die Präferenz auch schon genetisch angelegt. Jedenfalls bestärkt sich die jeweilige Tendenz durch die wiederholte Anwendung im Krisenfall, sodass wir lernen, uns auf diese Weise abzusichern. Zusätzlich bilden wir die Meinung aus, dass die eigene Strategie die einzig sinnvolle ist, was auch soweit verständlich ist, weil wir mit der gegenteiligen Strategie keine Erfahrungen sammeln.

Nehmen wir ein Beispiel: Jemand bietet uns eine neue Stelle an, und sagt, dass wir schnell zugreifen müssen, weil sonst jemand anderer zum Zug kommt. Ein impulsiver Mensch wird sich nur wenig informieren und die Entscheidung rasch treffen, während sich ein vorsichtiger Mensch mehr Zeit nehmen will, um alle Details zu überprüfen, und dadurch unter Umständen die Gelegenheit verstreichen lässt. Der Impulsive dagegen trägt das Risiko einer falschen Entscheidung.

Es gibt keine richtige oder falsche Strategie, keine ist besser oder schlechter, obwohl wir deshalb auch untereinander in Streit geraten können: Warum muss ich so lange warten, bis du dich entscheidest? Warum entscheidest du dich, ohne nachzudenken? Jeder Mensch kann tausende Gründe dafür anführen, weshalb sein Reaktionsmuster besser ist als das des anderen, es wird die andere Person nicht beeinflussen, weil Menschen vor allem in Stresssituationen auf das bewährte und bekannte Muster zurückgreifen und das Erproben eines neuen Musters nur zusätzlichen Stress verursachen würde.

Allerdings haben wir alle die Möglichkeit, unser eigenes Verhalten zu verbessern, wenn wir unsere Tendenz kennen, indem wir nach der jeweiligen Situation abwägen, ob wir ihr folgen sollten oder ob eine andere Strategie besser wäre. Auch wenn sich eine Strategie in hundert Fällen bewährt hat, heißt es nicht, dass sie für die gerade gegebene Situation optimal ist.

Wenn uns vorgehalten wird, dass wir mit unserer Strategie Schiffbruch erlitten haben, sagen wir gerne: Ich bin eben so, und ich kann nicht einfach ein anderer Mensch werden, ich habe es schon immer so gemacht. Auch wenn das letztere Argument stimmen mag, sollten wir uns nicht durch die beiden anderen Sätze einschränken. Wir sind nicht durch unsere Vergangenheit determiniert, sondern entnehmen ihr nur Gewohnheiten, Sicherheiten und Vorlieben. Nicht einmal in unserer Identität sind wir starr festgelegt, vielmehr haben wir uns im Lauf unseres Lebens beständig weiterentwickelt. Wir können in jedem Moment Neues ausprobieren, aus dem gewohnten Muster ausbrechen und mit noch nicht dagewesenen Verhaltensweisen experimentieren.

Dabei hilft uns die Reflexion, die wir zwischen der automatisch auftauchenden Reaktion auf eine herausfordernde Situation und der tatsächlichen Handlung einflechten können: Meine unmittelbare Reaktion besagt A (z.B. die Chance sofort ergreifen); was wäre aber, wenn ich diesmal B (jemanden fragen, was sie davon hält) ausprobiere? Welche Vorteile könnte mir das bringen, mit welchen Nachteilen muss ich rechnen?

Auf diese Weise schule ich meine Flexibilität und Kreativität. Die Unberechenbarkeit, der ich dabei in mir mehr Raum gebe, ist sogar ein Evolutionsvorteil: Natürliche Feinde tun sich am schwersten damit, uns zu erbeuten, wenn sie nicht wissen, wie wir reagieren (diese Einsicht könnte uns behilflich sein, wenn wir es mit unzuverlässigen Menschen zu tun haben, dass wir ihnen gegenüber freundlich bleiben können). Unsere hartnäckigen alten Muster erwischen uns nicht, wenn wir gar nicht dort fixiert sind, wo sie uns normalerweise vorfinden.

Es braucht immer ein Stück Mut, sobald wir aus alten Schienen ausbrechen, und es lohnt sich, wie immer, wenn wir mutig sind, weil sich dadurch unser Selbstvertrauen stärkt. Und ein kräftigeres Selbstvertrauen ermöglicht uns, in künftigen Situationen noch mehr Möglichkeiten auszuprobieren und damit unseren Freiheits- und Gestaltungsraum zu erweitern. Wir gewinnen mehr Macht für und über unser eigenes Leben, weil wir es in der Folge in einem größeren Ausmaß selber bestimmen können, statt dass es von außen bestimmt wird.

So bin ich eben: Nicht nur ein Bausatz aus vorgefertigten Versatzstücken, sondern ein flexibel wachsendes Projekt im Werden, das sich in jedem Moment neu erfinden kann: Hört, hört, so bin ich: Noch nie dagewesen.

Dienstag, 29. August 2017

Quantentheorie und die unsterbliche Seele

Zwei Theoretiker, der Arzt und Psychologe Dr. Stuart Hameroff und der Mathematiker Sir Roger Penrose behaupten seit 20 Jahren, Quantenvorgänge in kleinen Strukturen von Nervenzellen aufgefunden haben, und leiten daraus ein Erklärungsmodell für das Weiterleben der Seele nach dem Tod eines Menschen ab.

Sie nennen ihre Theorie „Orchestrated objective reduction (Orch-OR)“ und stellen sie auch in dem Film „What the bleep do we know?“ vor. Hameroff argumentiert in einem anderen Video: „Angenommen, das Herz hört zu schlagen auf, das Blut fließt nicht mehr; die Mikrotubuli verlieren ihren Quantenzustand. Die Quanteninformation in den Mikrotubuli ist nicht zerstört, sie kann nicht zerstört sein, und sie verteilt sich nur im größeren Universum, und löst sich dort auf. Wenn ein Patient wiederbelebt wird, kann die Information in die Mikrotubuli zurückkehren, und der Patient sagt: ‚Ich hatte eine Nahtoderfahrung.‘ Wenn es zu keiner Wiederbelebung kommt, ist es möglich, dass diese Quanteninformation außerhalb des Körpers weiterbestehen kann, vielleicht unendlich, als Seele.“

Diese Bemerkung wird gerne in diversen Seiten (z.B. hier) zitiert, wenn es darum gehen soll, „einen wissenschaftlichen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele“ vorzuweisen. Das obige Zitat allein sollte allerdings jedem unbefangenen Leser sofort vor Augen führen, dass es sich bei den Extrapolationen der Orch-OR-Theorie nicht um wissenschaftliche Aussagen handeln kann, sondern um fantasievolle Spekulationen. Abgesehen von der hochspezialisierten Fachfrage, ob es in den Mikrotubuli der Gehirnzellen überhaupt Quanteninformationen gibt, und wenn, ob diese mehr als eine unglaublich winzige Zeiteinheit Bestand haben, was in der Fachwelt strittig ist, gibt es für die darüber hinaus reichenden Überlegungen keine Spur von wissenschaftlicher Grundlage.

Ist Wissenschaft drin, wenn Wissenschaft draufsteht?


Nach Hameroff wäre möglich, dass „vielleicht“ die Quanteninformation (falls es sie überhaupt gibt) unverändert im „größeren Universum“ (wo auch immer sich dieses befindet) bewahrt würde und dann in der alten oder auch in einer neuen Körperform (in den besagten Mikrotubuli) wieder Platz finden könne. Es wäre möglich oder auch nicht. Es gibt dazu keine wissenschaftlich validen Beobachtungen, keine Experimente oder Beweise, sondern angesprochen wird nur eine Denkmöglichkeit. Natürlich, das Denken ist in seinen Möglichkeiten unbeschränkt. Wissenschaft beginnt allerdings erst dort, wo Gedanken mit der Wirklichkeit in Kontakt kommen und nach allgemein anerkannten Regeln Übereinstimmungen untersucht werden. Wo es zu Gedanken keine relevanten Fakten gibt, gibt es auch keine Wissenschaft.

Gedanken können uns gefallen oder auch nicht, und wir können auf ihnen Weltbilder und Ideologien aufbauen. Wissenschaftlich untersuchte und validierte Gedanken geben uns die Sicherheit, dass wir nicht allein unseren inneren Spekulationszirkeln ausgeliefert sind, in denen sich Gedanken dauernd mit Bedürfnissen, Emotionen, Vorurteilen, Erfahrungen, Werten usw. vermengen, sondern dass wir damit Wissen generieren können, das uns eine verlässliche Orientierung in der Wirklichkeit erlaubt.

Zur Wissenschaft gehört es, dass auch die Grenzen des Wissbaren und Erklärbaren definiert werden. Wissenschaft muss sich mit der Wissenskritik auseinandersetzen, die die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Wissens überprüft und Aussagen dahingehend überprüft, ob sie wissenschaftlichen Standards genügen oder nicht. Wir sprechen von Mogelpackungen, wenn auf einer Ware etwas anderes draufsteht als drinnen ist. Schreibt jemand „Wissenschaft“ auf etwas, wo keine Wissenschaft drin ist, wird auch gemogelt. Und da ist es wichtig, solche Täuschungen aufzuklären.

Die Orch-OR-Theorie, die der gesamten Argumentation zugrunde liegt, ist in wissenschaftlichen Kreisen äußerst umstritten, sowohl in Bezug auf die logisch-mathematischen Grundlagen wie auch in Hinblick auf die Neurobiologie der Nervenzellen. Zumindest hat sich die Theorie als fruchtbare Forschungshypothese präsentiert, an der seit über 20 Jahren geforscht wird, ohne dass ein Konsens über die Sinnhaftigkeit der Theorie bisher absehbar ist. Darum kann es hier nicht gehen, und wer sich für Details interessiert, kann ausführlichen den Links auf dieser Seite folgen.

Das Mysterium Tod

So gerne würden wir „mit Sicherheit“ wissen, wie es mit uns nach dem Tod weitergeht, und deshalb stürzen wir uns auf jede Theorie, die uns einen wissenschaftlichen Beweis verspricht, wie die Durstenden auf ein Glas Wasser, und verbreiten die frohe Botschaft, als hätten wir endlich den Stein der Weisen entdeckt. Allerdings, wie es bei näherer Betrachtung erscheint, geht es in diesem Zusammenhang eher ums Loslassen:

Sehr wahrscheinlich – und aus logischen Gründen – wird uns die Wissenschaft nie irgendeine Sicherheit über das, was nach dem Tod mit uns geschieht, liefern können, mit oder ohne Quantentheorie. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir, wenn wir eines Tages sterben, kein Wissen haben, was danach passiert. Wenn wir von Wien nach München reisen, haben wir ein Wissen darüber, was uns in unserem Ankunftsort erwartet. Bei einem Gewitter verfügen wir über verlässliches Wissen, was sich dabei abspielt. Wenn es um den ganz anderen Übergang vom Leben in den Tod geht, verfügen wir über keinerlei Sicherheit, wie sie wissenschaftlich erstelltes Wissen bieten kann, über das, was danach geschehen wird. Wir können unseren persönlichen Glauben dazu bilden und pflegen, ohne dass uns dieser allerdings aus der fundamentalen Unsicherheit heraushelfen könnte.

Wie oben gesagt, braucht die Wissenschaft immer einen Bezug zum Faktischen. In Bezug auf den Tod gibt es Fakten: Beobachtungen und Messungen, die sich auf lebendige Organismen beziehen, und solche, die sich auf leblose beziehen. Es gibt verschiedene Angaben über den Zeitpunkt, ab welchem man von einem toten Organismus sprechen kann, und die Berichte über Nahtoderfahrungen und Wiederbelebungen zeigen, dass es in diesem Bereich große Abweichungen und individuelle Unterschiede geben kann. Wirklich relevant für die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod sind nicht Nah- oder Scheintoderfahrungen, wiederbelebte klinisch Tote oder vom Tod Erweckte. Denn in solchen Fällen kann immer argumentiert werden, dass der Tod noch nicht zur Gänze eingetreten ist und der Tod nur „nahe“ oder „dem Schein nach“ angeklopft hat, dass also der Sterbeprozess noch nicht voll abgeschlossen war, sondern dass noch Körperprozesse weiterbestanden haben, die dann die Wiederbelebung ermöglicht haben. Manche (bei weitem nicht alle) Menschen mit Nahtodeserfahrungen berichten z.B. von Tunnel- und Lichterfahrungen, die auch mit Restaktivitäten im Gehirn erklärt werden können, weil sie das Gehirn auch ohne Nahtodzustand erzeugen kann.

Selbst wenn wir über eine ausreichende Zahl an Berichten über Menschen verfügen würden, die über einen ausreichend langen Zeitraum nach allen Regeln der Kunst als tot (Herzstillstand, Gehirnstillstand, Stillstand von zellulären Aktivitäten) gelten und dann wieder lebendig werden, könnten diese Menschen nur darüber berichten, was sie während der Zeit ihres Todes sowie während ihres Zurückkommens erlebt haben. Sie könnten uns also zu einem Wissen über Tote mit Wiederbelebung verhelfen, aber nicht zu einem Wissen über Tote ohne diese Möglichkeit, die ja bei weitem die größte Zahl ausmachen und wir selber sowie alle Nah- und Scheintoten mit höchster Wahrscheinlichkeit irgendwann sein werden.

Denn wie sich der Tod anfühlt und was dann passiert, wenn es kein Zurückkommen gibt, entzieht sich der Berichtsmöglichkeit, weil eben der Tod dadurch definiert ist, dass in diesem Zustand nichts mehr berichtet werden kann. Sollte es also nach dem Tod noch eine Art von Subjektivität geben, eine Form der inneren Erfahrung, so gibt es, bisher zumindest, keine Form, wie diese Subjektivität zuverlässig kommuniziert werden könnte (vom „Tischerücken“ abgesehen), d.h. wir können auf keine Fakten zurückgreifen, die als Basis für verlässliches Wissen dienen könnten.

Das bisschen Wissen, das wir aus recht geringen Zahlen von „Nicht-wirklich-Toten“ gewonnen haben, gilt eben nur für diese Spezialfälle, und wenn wir allgemeine Schlüsse, die für die „Wirklich-Toten“ gelten sollen, ableiten wollen, haben wir dafür kein logisches Fundament. Wir spekulieren, d.h. wir entwickeln unüberprüfbare Hypothesen, und das tun Menschen seit Jahrtausenden, nicht aus dem Interesse heraus, wissenschaftliches Wissen zu erwerben, sondern aus dem Bedürfnis, die Todesangst als Angst vor einer großen Ungewissheit zu bewältigen. Wir entwickeln Glaubenssysteme, um diesem Bedürfnis zu entsprechen, und allem Anschein nach wird es keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben, der jemals diese Glaubensformen durch wissenschaftliches Wissen ersetzen könnte.

So wird weiterhin ein Großteil der Menschen annehmen, dass wir nach dem Tod entweder in den Himmel oder in die Hölle kommen, ein anderer Teil wird glauben, dass es Wiedergeburten in neuen Körpern gibt, und andere wiederum glauben, dass es kein Weiterleben gibt, sondern dass mit dem Tod „alles“ vorbei ist. Und wieder andere stellen die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, Fragen zu stellen, auf die es keine sinnvollen Antworten gibt.

Freitag, 25. August 2017

Das kontrafaktische Denken und die Versöhnung mit unserer Unvollkommenheit

Eine der vielen Überschussmechanismen, die unser gehirngesteuertes Denken ausgebildet hat, ist das kontrafaktische Reflektieren. Damit sind typische Denkschleifen gemeint, die vor allem dann auftauchen, wenn etwas in unserem Leben nicht so gelaufen ist, wie wir es uns gewunschen hätten. Wir spulen den Film zurück und wollen ihn noch einmal in einer neuen, verbesserten Form abspielen, von dem Punkt an, an dem etwas schief gelaufen ist. Z.B. haben wir durch eine Unachtsamkeit einen Schaden am Auto verursacht, eine Delle sagt uns, dass wir dem Mechaniker eine nette Summe hinlegen müssen, damit der Schaden behoben werden kann. Wir denken also die Situation noch einmal unter dem Vorzeichen des Konjunktivs durch: Wenn wir in jenem Moment nicht der Musik im Auto gefolgt wären, wenn wir das Lenkrad anders geführt hätten, wenn wir gar nicht ins Auto gestiegen wären, wenn wir irgendeiner Intuition gefolgt wären, die uns sagte, diese Fahrt nicht zu unternehmen, usw., dann wäre der Schaden nicht eingetreten.

Das Faktum ist da, unbestreitbar, in Form einer Delle an der Seitenfront des Autos. Was zu tun ist, ist auch klar. Aber nun drängt sich das Denken dazwischen und macht sich wichtig mit seinen Ideen zur Weltverbesserung, so als hätte es die Macht über das Faktische und über die Geschichte, als könnte es einfach die Zeit zurückdrehen. Wir wissen zwar, dass dem nicht so ist, aber unterwerfen uns dennoch diesem Zwang unseres Denkens, weil wir meinen, dadurch Alternativen zu gewinnen, die allerdings nicht real sind.

Jede Figur unseres Denkens hat einen lebenspraktischen Sinn und enthält zugleich eine Versuchung zum Missbrauch. Beim kontrafaktischen Denken besteht der mögliche Nutzen darin, dass wir in Hinblick auf zukünftige Situationen vorausüben und uns klarmachen, dass wir unsere Handlungen verbessern können, dass wir also in der Lage sind, sorgfältiger zu lenken und besser einzuparken, ohne eine Delle zu verursachen. Wir führen also ein inneres Probehandeln durch, um für ähnliche Situationen in der Zukunft besser gerüstet zu sein. Das ist der realitätsbezogene Teil des kontrafaktischen Denkens.

Der realitätsfremde Teil besteht darin, dass wir uns suggerieren, wir könnten rückgängig machen, was passiert ist. Er hindert uns daran, die Verantwortung zu übernehmen für das, was geschehen ist, was also ein Faktum geschaffen hat. Wir beginnen mit dem Schicksal zu hadern und verlieren uns in den Konjunktiven: Hätte ich doch, wäre ich doch … Wir verfügen nur in der Gegenwart über offene Möglichkeiten, die Fakten der Vergangenheit liegen dagegen alternativlos fest, und ihre Konsequenzen reichen in die Gegenwart. Wir können den Konsequenzen mit Freiheit begegnen, indem wir z.B. beschließen, mit der Delle weiterzufahren oder das Auto in Hinkunft in der Garage zu belassen. Aber wir haben nicht die Freiheit, die Geschichte umzuschreiben und Geschehenes ungeschehen zu machen. Beim kontrafaktischen Denken nähren wir nur unsere neurotischen Tendenzen, uns in unserer Fantasie allmächtig über die Wirklichkeit stellen zu wollen. Wir spalten uns also von der Realität ab und flüchten in das Fantasieimperium, in dem wir die einzigen Herrscher sind, weil wir uns der Verantwortung nicht gewachsen fühlen, die uns die Wirklichkeit aufbürdet. Das ist der neurotische Scheingewinn am Hadern. 


Abhilfe gegen das kontrafaktische Denken



Was hilft gegen das kontrafaktische Denken? Zunächst gilt es, die Kraft der Unterscheidung zu stärken: Was ist der konstruktive Teil am „Zurück-an-den-Anfang“-Spiel, und wo beginnen die neurotischen Denkschleifen mit ihren selbstdestruktiven Aktivitäten? Was können und sollten wir lernen und verbessern, wo können wir unsere Achtsamkeit verstärken, und wo beginnen wir, uns selbst herunterzumachen und zu schaden, indem wir uns (oder andere) kritisieren, abwerten und anklagen? Wo verleugnen wir das, was ist, zugunsten einer nutzlosen und selbstschädigenden Allmachtsfantasie?

Wenn wir diese Grenze erkundet haben, können wir dort einen Satz groß plakatieren: Wir (wie alle anderen auch) tun in jedem Moment unseres Lebens genau das, wozu wir imstande sind. Wir geben also das Beste, das uns gerade möglich und zugänglich ist. Hätten wir etwas noch Besseres zur Verfügung gehabt, hätten wir es auch eingesetzt. Nachher sind wir immer gescheiter, nachher wissen wir immer mehr. Und darauf beruht unsere Lernfähigkeit. Was wir allerdings nie wissen können und nie wissen werden, wie es wirklich gewesen wäre, wenn wir anders gehandelt hätten, welche Probleme oder Schwierigkeiten dann möglicherweise aufgetaucht wären.

Also müssen wir uns in dieser Bescheidenheit üben, die besagt, dass wir in jeder Situation – in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in jeder Zukunft – nur über einen begrenzten Horizont an Fertigkeiten, Informationen und Einsichten über die Folgen disponieren können. Die Wirklichkeit stellt uns immer wieder vor Herausforderungen, denen wir nur mangelhaft gewachsen sind. So ist das Spiel des Lebens, und so entwickeln wir uns weiter. Wir müssen mit der Einsicht leben, dass wir in manchen – wichtigen oder banalen – Situationen unseres Lebens Handlungen gesetzt haben (und auch in Zukunft setzen werden), die wir nachträglich, mit besserem Wissen über die Konsequenzen, als Fehler, als Irrtümer, als Versagen bezeichnen können. Wir haben aber kein Recht, uns dafür zu verurteilen, denn: Wir wussten und konnten es damals nicht besser. Wir würden uns wie Eltern verhalten, die ihr Kleinkind dafür kritisieren, dass es die Regeln des Straßenverkehrs oder des Benehmens bei Tisch nicht kennt, die ihm nie erklärt wurden, oder dass es über eine Impulskontrolle verfügen müsste, die noch nicht entwickelt ist. 

Wir können mit unserer Vergangenheit, also mit uns als vergangene Handelnde, nur in Frieden kommen, wenn wir von dieser Überheblichkeit ablassen, die wir uns anmaßen, uns zu verurteilen, sobald wir über neue Einsichten verfügen, die uns zum früheren Zeitpunkt nicht zugänglich waren. Wir sind nicht mehr die genau gleiche Person wie jene, die die Situation zu bestehen hatte. Erst wenn wir anerkennen können, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten das Beste aus jeder Situation gemacht haben, das uns zugänglich war, gelingt es uns, die Verantwortung im Jetzt zu übernehmen. Dann können wir dieser perfektionistischen Falle entkommen: Wir leben mit unserer Unvollkommenheit und Fehleranfälligkeit und entwickeln uns dadurch weiter, dass wir in jeder Situation bestmöglich die Verantwortung übernehmen.


Verinnerlichte Stimmen


Wollen wir die inneren Stimmen, die uns für unsere Fehler abwerten und verurteilen, nachhaltig zum Schweigen bringen, gilt es, ihre Herkunft und ihre Wurzeln zu untersuchen und freizulegen: Diese inneren Stimmen sind verinnerlichte Stimmen, die inneren Kritiker sind verinnerlichte äußere Kritiker, vor allem unsere Eltern und andere wichtige Personen in unseren frühen Lebensphasen. Wir sind mit großem Vertrauen und großer Unfähigkeit in diese Welt geboren worden, haben unermesslich viele Fehler gemacht, auf allen möglichen Ebenen, und sind dennoch erwachsene Menschen geworden, die ihr Leben gerade so gut meistern, wie es möglich ist. Wenn es uns gelingt, am Klang der Stimmen unserer inneren Kritiker ihre Herkunft zu identifizieren, können wir uns klarmachen, sobald die kontrafaktischen Abwertungen beginnen: Aha, jetzt spricht der innere Kritiker mit der Stimme, mit der Energie, mit dem Gefühlston der Mutter, oh, und jetzt mischt sich der Vater ein. So war das in meiner Kindheit. Jetzt bin ich erwachsen und muss diesen Stimmen kein Gewicht und keine Macht mehr geben. Statt dessen schaue ich hier und jetzt, was zu tun ist, indem ich die Lektion aus dem, was geschehen ist, in mein Stammbuch schreibe und die Handlungen setze, die zu tun sind.

Manchmal sind vergangene Fehler mit moralischen Vorwürfen oder Selbstvorwürfen verbunden. Ich hätte wissen müssen, dass eine Bemerkung von mir die andere Person verletzt oder dass sie stört, was ich gemacht habe. Wenn ich mir klarmache, dass ich vorher nicht die Informationen hatte, die ich habe, sobald mir die Person mitteilt, was ihr missfällt, kann ich die Vorwürfe bei der anderen Person belassen und die Selbstvorwürfe beenden. Ich kann mir vornehmen, Bemerkungen oder Handlungen, von denen ich jetzt weiß, dass sie die andere Person verletzen, in Zukunft zu vermeiden. Damit gelingt es mir, die Erfahrung in die Vergangenheit zu verabschieden. 


Vom Sinn der Reue


Die Reue, also das Bedauern eines Fehlers, hat einen zweifachen Sinn. Zum einen kann es darum gehen, einen anderen Menschen, der durch einen Fehler von uns zu Schaden gekommen ist, Verständnis zu zeigen und die Bereitschaft zu signalisieren, die Verantwortung zu übernehmen, indem wir z.B. für die Wiedergutmachung des Schadens aufkommen. Zum anderen, in Bezug auf uns selbst, bedeutet das Bereuen die Einsicht in die Verbesserungsmöglichkeit von Entscheidungen, die wir in der Vergangenheit getroffen haben, und den daraus abgeleiteten Willen, es in Zukunft anders und besser machen zu wollen. Ein aufrichtiges Bereuen macht uns frei von der Last unserer Fehlerhaftigkeit und Unvollkommenheit und verhilft uns zu einem Zustand von verantwortungsvoller Unschuld. Wir ersetzen das Konzept der Perfektion durch das Konzept der Lernfähigkeit. Mit diesem Rüstzeug sind wir voll handlungsfähig und versöhnt mit unserer Geschichte.

Montag, 21. August 2017

Dopamin und unsere Anfälligkeit für Verführung

Das bekannte Hormon Dopamin ist ein trickreicher Botenstoff, weil es auf die Erwartungs- und Belohnungszentren im Gehirn wirkt. Es ist deshalb besonders in Zusammenhang mit unseren Unterhaltungsbedürfnissen aktiv. Und diese sind ein zentrales Objekt des Marketings in den entsprechenden Industrien. Man könnte auch sagen, dass die neurobiologische Aufgabe von Marketing und Werbung darin besteht, dass möglichst viele dopamingierige Synapsen für ein bestimmtes Produkt im Gehirn möglichst vieler Konsumenten hergestellt werden.


Werbung im Kopf


Beim Fernsehen und auch bei der Internetnutzung sind wir einem zunehmend stärker werdenden Strom an Werbung, Propaganda und Manipulation ausgesetzt, der es darauf abgesehen hat, unsere Fähigkeiten zu rationalen Entscheidungen und Gedanken durch emotionale Aktivierungen des Unbewussten zu behindern und zu blockieren. Denn das Unbewusste sagt schnell „Ja“ zu allem, was in ansprechenden Bildern und Tönen rüberkommt, selbst dann, wenn wir uns sicher sind und glauben, dass wir uns von Werbung nicht beeinflussen lassen. Unser Unterbewusstsein ist viel wehrloser und passiver, als wir glauben.

Denn es kann nicht zuverlässig zwischen fiktionalen und realen Bildern unterscheiden. Für diese Aufgabe müssten höhere Denk- und Analysefunktionen herangezogen werden, die wir allerdings im Unterhaltungskontext meistens hintan halten wollen: Wir wollen uns ja nicht anstrengen und mit komplizierten Fragen beschäftigen.  

Dazu kommt, dass das Unterbewusstsein alle Informationen, die auftauchen, bewerten und einschätzen muss, und wenn uns die visuelle Werbung mit Entscheidungsfragen überschüttet, wird schon ein großer Teil der zur Verfügung stehenden täglichen Reserven an Willenskraft für diese Zwecke verbraucht. Schleichend verlieren wir auf diese Weise das Interesse für aufwändigere Sachverhalte, die mehr Anstrengung in der Bewertung und Abschätzung erfordern und begnügen uns auch dort mit den einfacheren Lösungen. Insofern fördert die Überfütterung mit visueller Werbung zusätzlich zur Konsummanipulation die politische Verdummung.


Alltags-Pornos


Der Blogautor Dr. Alex Rinehart, Chiropraktiker und Ernährungsberater, vergleicht die Medienwerbung mit Pornographie. Wenn jemand pornographische Bilder oder Videos betrachtet, erkennt das Unterbewusste die virtuellen Personen als real. Es werden die Dopaminpfade aktiviert, was die Wahrscheinlichkeit von riskanten Entscheidungen und riskanten Handlungen erhöht. Ebenso reagiert das Gefühlssystem, wenn es von Schlussverkäufen, Schnäppchen, Superrabatten etc. hört: „Das Angebot ist nur kurze Zeit gültig, schlagen Sie schnell zu!“ Sieht unser Unterbewusstes in einer emotional aufgeladenen Situation (z.B. während einer Fußballübertragung) eine knapp bekleidete junge Frau, die mit Hochgenuss irgend ein ungesundes Nahrungsmittel („Ess-Porno“) verzehrt, kann es zu Handlungen verleiten, die unserer Gesundheit auf vielen Ebenen schaden. 

Deshalb empfiehlt Rinehart, auf die Werbung zu zeigen, wann immer sie in den Medien auftaucht, und zu sich selber zu sagen: „Oh, das ist ja pornographisch!“ Dann fällt es leichter, die Sendung gleich auszuschalten. Denn chemisch läuft im Gehirn beim Werbungschauen der selbe Vorgang ab wie bei explizit sexuellen Inhalten. 

„Sex sells“ heißt dann auch: Einkaufen soll zu einem sexuellen Erlebnis werden. Die Aufgeilung vermehrt den Stress, führt unser Unterbewusstsein in die Irre, irritiert unsere Sexualität und belastet unsere Gesundheit.

Welche Aktivitäten helfen, wenn wir Stress reduzieren wollen?
Hier die Empfehlungen von Rinehart:
Sport, entweder mit Übungen oder mit Spielen
Beten oder religiöse Rituale
Lesen
Musikhören
Zeit mit Freunden oder der Familie verbringen
Eine Massage bekommen
Spazierengehen
Meditieren oder Yoga, beides mit kohärentem Atmen verbunden
Kreative Hobbys ausüben

Was sind die bekannten stress-förderlichen Aktivitäten?
Gewinnspiele
Shoppen
Rauchen
Alkohol trinken
Essen
Videospiele spielen
Ausgiebig im Internet surfen
Mehr als zwei Stunden am Tag Fernsehen

Warum ist die erste Liste gescheiter?

Die Aktivitäten in dieser Liste fördern die Ausschüttung Serotonin, GABA und Oxytocin.

Die zweite Liste enthält Aktivitäten, die im Belohnungssystem des Gehirns zentriert sind, das auch als Dopamin-System bezeichnet wird. Es ist auf die Vorwegnahme zukünftiger Belohnungen ausgerichtet. Es erzeugt angenehme Gefühle, bis die Belohnung ausbleibt. Dann entsteht Unzufriedenheit und Unausgefülltsein. Man kann sich isoliert und unruhig fühlen, ein Anzeichen dafür, dass das Gehirn den nächsten Dopamin-Schub herbeisehnt.

Dieser suchtartige Kreislauf drängt uns zu kurzfristig wirksamen Dopamin-liefernden Tätigkeiten, obwohl wir es innerlich besser wüssten, dass die oben als Serotonin-, GABA- und Oxytocin-fördernden Aktivitäten viel besser für uns wären. (GABA steht für Gamma-Aminobuttersäure, ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, der schmerzstillend und schlaffördernd wirkt.)


Die Verführungsmacht von Dopamin


Das Belohnungshormon Dopamin erzeugt selber nicht direkt eine Erfahrung der Lust und des Genusses, sondern vermittelt die Vorwegnahme eines zukünftigen Vergnügens, und das ist ein bedeutsamer Unterschied. Die Antizipation eines Vergnügens ist für Menschen deshalb so wichtig, weil dieses Gefühl die Grundlage für Motivation darstellt: Wenn ich mich für ein längerfristiges Ziel entscheide, suche ich ein erfüllendes Gefühl, das mir die Erreichung des Ziels verspricht, und so mobilisiere ich die Energien, die für die Erreichung des Zieles notwendig sind. Das Motiv, etwas zu erschaffen oder zu erreichen, das in der Zukunft liegt, benötigt Dopamin als Treibstoff.

Werbeexperten und politische Manipulatoren haben auf dieser Ebene das gleiche Ziel: stabile Dopamin-Kreisläufe bei den Adressaten zu erzeugen, die verlässlich feuern, wenn es um Entscheidungen für die eigene Sache geht: Du sollst aufgeregt und begeistert an den Erwerb meines Produkts denken; du sollst meinen Wahlsieg wie deinen persönlichen Erfolg verspüren, der dir sofort ein besseres Leben beschert. 

So können wir den Fanatismus verstehen, in den manche Anhänger von Demagogen ausbrechen, wenn ihr populistischer Star seine Gegner niederredet und für seine eigenen Anliegen das Blaue vom Himmel verspricht – Dopamin-Ausbrüche, die dann hysterisches Geschrei und Begeisterungsstürme auslösen. Die narzisstischen Politiker, die gerade in einigen Ländern Hochkonjunktur haben, verstehen sich vor allem auf diese Meisterschaft: Aus ihrem eigenen Dopamin-Programm heraus an die Synapsen der Anhänger anzudocken und auf diese Weise Abhängigkeiten zu erzeugen: Menschen, die fest daran glauben, dass erst und nur wenn ihr Kandidat die ganze Macht hat, das eigene Leben besser wird. Süchtig nach den Erfolgen anderer werden Menschen, denen das Leben sonst wenig Gelegenheit für dopaminerge Motivationszyklen geboten hat.


Die Vorweg-Belohnung


Das Problem mit der Vorwegnahme einer Belohnung liegt darin, dass eine innere Spannung zwischen der Erwartung und der Angst vor einer Enttäuschung aufgebaut wird. Manche Menschen unterbinden, ohne es zu wissen, ihre Dopamin-Erzeugung, indem sie sich jede Vorfreude auf mögliche Erfolge und Zielverwirklichungen verbieten, weil ja nichts sicher ist, und sie Angst davor haben, dass die Enttäuschung umso größer sein könnte, je größer die Vorfreude ist.

Andere wiederum setzen darauf, die Angst und den Zweifel an der Sicherheit der Zielerreichung zu unterbinden, indem sie sich alle negativen Gedanken verbieten und versuchen, nur positive innere Bilder vom ersehnten Erfolg zuzulassen. Sie kultivieren zwar ihre Dopaminerzeugung, allerdings neigen sie dazu, Risiken oder Unklarheiten in Hinblick auf die Zielerreichung zu übersehen oder zu ignorieren.


Die Kultivierung der Achtsamkeit


Der Ausweg aus der Problematik der Vorwegnahme liegt für beide Fälle in der Achtsamkeit auf das Erleben im Moment. Wenn wir vordringlich darauf  achten, was sich jetzt gerade im eigenen Innen abspielt, sind wir vor irrealen Ängsten vor der Zukunft und aus der Vergangenheit geschützt. Wir können unsere Motivation aufrechterhalten, indem wir unsere Ziele als Resultate unseres Wollens bejahen und die Ängste, die dabei auftreten, mit unserer liebevollen inneren Aufmerksamkeit einhüllen, bis wir sie in unterstützende Kräfte für unsere Zielerreichung verwandelt haben. Auch können wir auf diesem Weg überprüfen, ob Ziele, die wir uns wünschen, oder Dinge, die wir haben möchten, wirklich aus unserem Wollen kommen und nicht aus äußeren Quellen stammen, deren Botschaften sich ohne unser Bemerken in unser Unterbewusstsein eingeschlichen haben. 

Das beste Training, um uns vor allen ungewollten und manipulativen Einflussnahmen auf unser Unbewusstes und die von ihm inszenierte Hormonregulation zu schützen, ist die Kultivierung der Achtsamkeit. In einer Reihe von Forschungsarbeiten wurde belegt, dass Übungseinheiten von mindestens fünf Minuten, innerhalb von acht Wochen täglich durchgeführt, zu messbaren Veränderungen im Gehirn führen: Z.B. werden die Verbindungen zwischen den bewussten Gehirnteilen und den Belohnungszentren gestärkt, d.h. wir verbessern unsere Kompetenz darin, das bewusste Wollen von unbewussten Programmierungen zu unterscheiden. Die Dopamin-Produktion wird dann nicht mehr von emotionalen Spannungen auf der unbewussten Ebene ausgelöst, sondern von rational überlegten und festgelegten Entscheidungen und deren Projektion in die Zukunft. Zusätzlich wird die Oxytocin-Produktion gesteigert, die unsere Ängste hemmt.

Wenn wir also von stressgetriebenen zu entspannten und gelassenen Menschen werden wollen, die ihre Motivation aus einem breiten Angebot an Gefühlen (und damit verbundenen Botenstoffen) und rationalen Abwägungen schöpfen, empfiehlt es sich, dass wir uns der Kultivierung der Achtsamkeit widmen.

Zum Weiterlesen:
Machen uns Smartphones infantil?

Serotonin und Lebensfreude

Samstag, 19. August 2017

Die Logik der Photonen und die Quantenwerbung



Phänomene, die in der Quantenphysik entdeckt werden konnten, dienen als Spekulationsanreger für alle möglichen Theorien über unsere Wirklichkeit. Sie regen unsere Fantasie an und beflügeln unsere Spekulation. Außerdem können sie dazu dienen, die Autorität, die die Physik in Bezug auf verlässliche Wirklichkeitsdeutung innehat, für andere Zwecke auszuborgen, u.a. dafür, um für Heilungsangebote im medizinischen oder psychologischen Bereich die eigenen Geschäftsideen mit „wissenschaftlicher“ Glaubwürdigkeit zu untermauern.

Die Quantenlogik


Die Physik musste zwei neue Prinzipien einführen, damit ein Erklärungsrahmen für die Quantenphänomene erschaffen werden konnte: das Komplementaritätsprinzip und das Prinzip der Nicht-Lokalität. Bei dem ersten Prinzip geht es um die Komplementarität von Welle und Korpuskel (Teilchen). Bei dem berühmten Doppelspaltexperiment  bilden Photonen, nachdem sie durch einen Doppelspalt „geschossen“ werden, wellenartige Muster. Diese Lichtquanten müssen also Teilchen- und Welleneigenschaften gleichermaßen aufweisen. Wir können ein Quant nur beschreiben, wenn wir ihnen beide Eigenschaften zuschreiben, die sich gegenseitig ausschließen. Die Wirklichkeit auf dieser Ebene kann damit nur mit einem Paradoxon beschrieben werden. Die Natur verstößt gegen die Regeln unserer Logik: Ein Ding kann nur durch zwei sich logisch widersprechende Beschreibungen erfasst werden.

Spätestens hier stellt sich die Frage, wer hier falsch liegt: die Logik oder die Natur? Der deutsche Philosoph Hegel, der sich dem Prinzip der dialektischen Logik verschrieben hatte, soll auf die Vorhaltung, dass es in der Wirklichkeit mehr Papageienarten gäbe als es der dialektischen Logik entspricht, geantwortet haben: „Umso schlimmer für die Wirklichkeit.“

Wir sollten einen anderen Zugang wählen, und das hat die Physik auch nolens volens gemacht. Wenn die traditionelle Logik nicht ausreicht, um Phänomene zu beschreiben, die sich in der Natur beobachten lassen (zugegebenermaßen in Experimenten, die von Menschen mithilfe von Apparaten eingerichtet werden; andererseits zeigen aber die technischen Anwendungen der Quantenphysik, dass die Experimente natürliche Vorgänge dargestellt haben), muss der Rahmen der Logik erweitert werden. Dies ist durch die Einführung des Komplementaritätsprinzips geschehen.

Das zweite Prinzip, die Nicht-Lokalität oder Verschränkung, leitet sich aus der Tatsache ab, dass Quantenereignisse ohne Kausalität miteinander „kommunizieren“ können: Sie zeigen zusammenhängende Verhaltensweisen, ohne dass es eine Ursache-Wirkung-Beziehung geben kann. Damit ist eine weitere Voraussetzung der Logik und auch der Alltagserfahrung außer Kraft gesetzt: Wir können uns in der uns zugänglichen Wirklichkeit nur bewegen, wenn wir die Kausalbeziehungen zwischen Objekten beobachten und uns auf sie verlassen können. Wenn sich Eingangstüren wie verschränkte Quantenteilchen verhielten, wüssten wir nie, wie wir in ein Gebäude gelangen.

Die Grenzen der Logik sind nicht die Grenzen der Welt


Unsere Logik ist aus unserer Alltagswahrnehmung und unserer darauf gründenden Lebenspraxis abgeleitet. In ihr ist jeder Gegenstand eindeutig, und die Austauschbarkeit von Welle und Teilchen spielt keine Rolle. Wir arbeiten, kommunizieren und vergnügen uns nicht in der Welt der Photonen, und dafür reicht die Logik, die wir kennen. Eher ist es erstaunlich, dass diese Alltagslogik noch in der winzigen Welt der Moleküle und Atome brauchbar ist; dass sie irgendwo im Nano-Bereich (und vermutlich auch im Mega-Makro-Bereich) eine Grenze hat, weil unsere Wahrnehmungsorgane dafür keine Sensorien haben und unsere Handlungsmöglichkeiten viel zu grob sind, bräuchte uns eigentlich gar nicht zu verwundern. Wir finden das, was sich in diesen Bereichen messen lässt, nur deshalb spukhaft, weil wir arroganterweise davon ausgehen, dass die Art und Weise, wie wir in unserer kleinen Lebenswelt mit unseren dafür adaptierten Wahrnehmungsorganen hantieren, für jedes Phänomen im Universum Gültigkeit haben müsse. Wenn wir uns mit der Relativität zufrieden geben, die mit der unüberwindbaren Begrenztheit unserer Erkenntnis gegeben ist (um mit Kant zu sprechen: Mit der Unerkennbarkeit des Dings an sich), können wir die Irritation durch die Quantenphänomene durch ein Staunen ersetzen: Staunen darüber, was jenseits der Grenzen unserer Logik abläuft.

Quantenphysik, Psi-Phänomene und Esoterik


Die Quantenphysik ist in verschiedenen Richtungen der Esoterik sehr beliebt. In der Welt der Quanten zeigen sich Phänomene, die eigentümlicherweise an Erfahrungen erinnern, die in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen oder in Meditationsreisen auftauchen können. Die klassische Physik kann diese Erscheinungen nicht erklären, deshalb brauchen wir eine neue Physik, eben die der Quanten, und dann haben wir gleich ein Erklärungsmodell für alle Sonderphänomene, die im esoterischen Rahmen auftauchen. Schnell wird der Schluss gezogen: Jetzt haben wir die wissenschaftliche Erklärung für die Wirklichkeit der Erfahrung und für die Wirksamkeit der Methoden, die zu diesen Erfahrungen führen. So kann man z.B. lesen: „Mit der Matrix Energie Quantenheilung tauchen wir ein in unbegrenzte Möglichkeiten. Denn wir können selbst entscheiden, was wir uns aus der Matrix, der universellen Energie herausholen.“ (Quelle) „Bei der Quantenheilung werden ursprüngliche Informationen über den Körper-Bauplan abgerufen und an den zu heilenden Körperteil übermittelt.“ (Quelle)

Die vereinfachende Argumentation besagt: Alles besteht letztlich aus Quanten, und weil Quanten nicht-lokale Verschränkungen aufweisen, müssen auch komplexere Formen wie menschliche Gehirne oder wie ganze Menschen über diese Möglichkeiten verfügen. Damit hätten wir eine physikalische Erklärung für Phänomene wie Gedankenübertragung, Hellseherei, Telepathie: Die Physik würde bestätigen, dass es solche Erscheinungen gibt wie es Sonnenfinsternisse oder Sternschnuppen gibt.
Von der anderen Seite wird dieser Enthusiasmus jedoch kaum geteilt. Im Gegenteil, die meisten Quantenphysiker sind äußerst skeptisch, was eine Übertragung ihrer Erkenntnisse von der Mini-Welt der Quanten auf die Makro-Welt von zwischenmenschlichen Interaktionen oder innerpsychischen Erlebnissen anbetrifft. Denn die  Quantenphänomene sind auf die Welt der kleinsten Teilchen beschränkt; in größeren und komplexeren Objekten verschwinden sie. Die Verschränkung ist gewissermaßen ansteckend: wenn ein paar verschränkte Quanten miteinander korrelieren, schließen sich andere an, bis schließlich in einem System alle mit allen verschränkt sind. Damit lassen sich verschränkte Systeme nicht mehr von unverschränkten Systemen unterscheiden, und der Effekt wird irrelevant. Die Physiker nennen diesen Vorgang „Dekohärenz“.

Zudem sollten wir beachten, dass die seltsamen Quanteneffekte, welche der klassischen Physik widersprechen und die von der Esoterik gerne als Beweis für alles Mögliche verwendet werden, grundsätzlich nicht beobachtet werden können. Im Moment einer "Beobachtung", also einer Messung, „verschwindet“ das Mysteriöse, und es gilt für Quantenphänomene beispielsweise wieder die klassische Logik. Diese Phänomene können nicht direkt beobachtet werden – es wurde noch nie etwas Derartiges mit unseren Sinnesorganen bzw. mit vorgeschalteten Apparaten beobachtet. Auf die „mysteriösen“ Quantenphänomene kann nur geschlossen werden: aufgrund vorgenommener Messungen und mathematischer Berechnungen scheint sich das Beobachtete allerdings nur erklären zu lassen, wenn im Bereich der Quantenphänomene andere Gesetze vorherrschen als im „klassischen“ Bereich.

Als Konsumenten sollte uns bewusst sein: Wenn jemand von Quantenpsychologie oder Quantenheilung spricht, so hat das nichts mit dem Wirklichkeitsbereich zu tun, in dem die Quantenphysik forscht. Angebote dieser Art beruhen also nicht, wie gerne behauptet wird, „auf modernsten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen“ (z.B. Christa Wagner), sondern verwenden bloß ein werbekräftiges Wort, das aus der Physik entnommen wird, ohne dass es nachgewiesene Zusammenhänge zwischen der Welt der Photonen und dem Leiden und der Heilung von Menschen gibt. Methoden, die das Zauberwörtchen „Quanten-“ verwenden, können wirksam oder auch nicht sein; wer sich mit den Hintergründen befasst hat, wird sich allerdings leicht tun, den erhofften Glaubwürdigkeitsgewinn durch das physikalische Lehnwort wegzustreichen und die jeweilige Sache als das betrachten, was sie ist: Ein Angebot unter vielen auf dem breiten (und geldträchtigen) Markt der esoterischen und therapeutischen Heilsangebote.

Dieser Beitrag beruht in einigen Aspekten auf dem Artikel: Nikolaus v. Stillfried: Quantenphilosophische Ideen zu Fragen des Bewusstseins. In: Bewusstseinswissenschaften. Transpersonale Psychologie und Psychotherapie 1/2013, S. 44-55