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Freitag, 19. Dezember 2025

Das Zeiterleben und die Geburt

Bei den folgenden Überlegungen handelt es sich nicht um das Erkennen von Gesetzmäßigkeiten oder von kausal gültigen Wenn-Dann-Zuordnungen. Vielmehr sollen sie dazu dienen, Formen des Umganges mit der Zeit, die sich von Mensch zu Mensch unterscheiden, mit Geburtserfahrungen zu vergleichen, sodass im Einzelfall ein Verständnis für den Ursprung von vorherrschenden Arten des Zeiterlebens gewonnen werden kann. Es werden Möglichkeiten von solchen Zusammenhängen erörtert, die im einen Fall zutreffen werden, im anderen nicht. Es ist dabei immer auch zu berücksichtigen, dass solche Muster in zwei Reaktionsformen auf das jeweilige Geburtserleben erfolgen können: Zum einen kann der Stress des eigenen Geburtserlebens in jeder Situation, in der die Zeit als begrenzt erlebt wird, reaktiviert werden. Zum anderen kann es zu einer Gegenbesetzung kommen: Es wird das gegenteilige Muster vom Erlebten umgesetzt und der Stress wird in Passivität umgewandelt.

Die Zeit als knappes Gut im Geburtsprozess

Mit dem Einsetzen des Geburtsprozesses tritt erstmals die Zeit als knappes Gut ins Leben des noch Ungeborenen. Bei einem ungetrübten, also traumafreien Verlauf der Schwangerschaft spielt die Zeit keine wichtige Rolle. Für den Fötus gibt es nichts zu tun und nichts zu versäumen. Er ist mit seinem Wachsen und Reifen beschäftigt, während er mit den Zeitrhythmen der Mutter mitschwingt, mit denen er über Atmung, Herzschlag und hormonelle Zyklen verbunden ist. Zeitdruck oder Zeitmangel kennt er allenfalls aus dem Erleben der Mutter.

Sobald aber die Geburt einsetzt, ändern sich die Bedingungen radikal. Der Wehendruck kommt in massiven Wellen und drängt das Baby vorwärts, in den Geburtskanal. Jede Wehe transportiert eine druckvolle Erwartung: Es muss etwas weitergehen, sonst wird es gefährlich, unter Umständen sogar lebensgefährlich. Die Ressourcen, vor allem Sauerstoff und Nährstoffe, die vorher im Überfluss vorhanden waren, werden knapp. Unter Umständen ist die Sauerstoffzufuhr verringert oder unterbrochen, was Überlebensängste auslöst. Die Dramatik kann sich zuspitzen, wenn es um Leben oder Tod von Mutter und Kind geht, sollte die Geburt nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gelingen. Der Fötus spürt die Macht der Zeit – reduzierte Ressourcen, während der Druck wächst und das Durchbrechen der Widerstände, die sich dem Austreten entgegenstellen, immer schwieriger wird. Die Zeit muss optimal genutzt werden, um eine Katastrophe zu vermeiden.

Aus solchen Erfahrungen entsteht die Verbindung von Zeit und Stress. Die Zeit wird als knappes Gut erfahren. Wird sie nicht ausreichend genutzt, ist das eigene Überleben bedroht. Daraus prägt sich die Grunderfahrung ein: Wenn viel Stress herrscht, ist die Zeit knapp. Das gilt auch umgekehrt: Stress bewirkt das Gefühl von Zeitknappheit. Stress entsteht bei der subjektiven Erfahrung von Bedrohung, die dann entsteht, wenn der Eindruck herrscht, dass zu wenige Ressourcen zur Verfügung stehen, um eine Bedrohung abzuwenden. Zeit wird in der Geburt zum ersten Mal zu einer lebensbestimmenden Macht, die auslaufen kann, wenn die Herausforderung nicht rechtzeitig bewältigt wird. Läuft die Zeit aus, ist das Leben zu Ende.

Die Geburt und unterschiedliche Formen des Umgangs mit Zeit

Entsprechend der jeweiligen Geburtserfahrung bilden sich unterschiedliche Persönlichkeitstypen im Umgang mit der Zeit aus. Bei Menschen, deren Geburt frühzeitig, also vor dem errechneten Zeitpunkt stattgefunden hat, können wir vermuten, dass das Ungeborene die Gebärmutter möglichst schnell verlassen wollte, eventuell, um ungünstigen oder unangenehmen Bedingungen, die dort herrschten, zu entkommen. 

Es kann sich das Muster entwickeln, alle Arbeiten möglichst früh zu erledigen, weil dann später die Zeit fehlen könnte. Die Koffer müssen drei Tage vor der Abfahrt fertig gepackt sein. Solche Personen trachten danach, möglichst früh vor einem Termin einzutreffen. Die Angst führt die Regie, dass es gefährlich werden könnte, wenn zu lange zugewartet wird und man dadurch zu spät kommt. 

Geht es um eine eingeleitete Geburt, so bildet sich eine Ansicht, dass andere, fremde Personen die Zeit und damit den Stresspegel bestimmen. Daraus kann sich der dringende Wunsch entwickeln, über die eigene Zeit selbst bestimmen zu wollen; niemand soll da dreinreden. Solche Menschen tun sich schwer mit vorgegebenen Zeitplänen. Entweder neigen sie zur Übererfüllung oder zur Vernachlässigung, indem sie zu spät kommen und damit demonstrieren wollen, dass sie sich nicht nach anderen richten wollen. In der Gegenbesetzung bildet sich ein Muster, sich immer nach den Zeitplänen anderer zu richten und selbst keine Initiativen zu setzen, was die Zeitplanung anbetrifft.

Bei einer übertragenen Geburt, die also einige Zeit nach dem errechneten Termin erfolgt, kann man spekulieren, dass sich das Ungeborene die Zeit nimmt, die es noch gerne im Mutterleib verweilen möchte. Es will die Geborgenheit im Mutterleib so lange auskostet, wie es geht. Später kann sich das Zeitmuster ausbilden, bis zum letzten Moment zu warten, um z.B. zu einem Zug aufzubrechen oder einen Termin einzuhalten. Es ist das Gefühl vorherrschend, genügend Zeit zu haben und den Zeitpunkt selbst wählen zu können. Die Angst richtet sich eher darauf, etwas zu versäumen, wenn man, weil zu früh auf dem Bahnsteig, auf den Zug warten muss, oder dass man sich die Zeit im Wartezimmer des Arztes vertreiben muss. Der jeweilige Ort des Verweilens, an dem man sich gerade befindet, bietet die beste Sicherheit und Gewähr, nichts zu versäumen und keiner Gefahr ausgesetzt zu sein. Veränderungen des Orts sind hingegen mit Vorsicht zu genießen. 

Bei diesem Muster werden Erledigungen oft erst zu letztmöglichen Termin ausgeführt oder so lange hinausgezögert, dass es dann irgendwann zu spät ist. Pünktlichkeit heißt hier, nicht eher als zur ausgemachten Zeit zum Treffpunkt zu kommen, keinesfalls früher, notfalls eben später.

Ähnlich wie bei einer eingeleiteten Geburt spielen auch bei einem Kaiserschnitt fremde Personen die maßgebliche Rolle bezüglich der Zeitstruktur der Geburt. Das eigene Zeiterleben wird außer Kraft gesetzt und ignoriert. Dazu kommt noch die Macht, die von diesen Menschen über die Geburt selbst ausgeübt wird. Nicht die Mutter und das Kind lenken die Geburt, sondern Ärzte und Hebammen. Beide, Mutter und Kind sind gegen deren Willen machtlos. Sie übernehmen den Prozess, sie übernehmen das Zeitmanagement. Die Zeit wird als fremdbestimmt erlebt.

Das Muster, das aus solchen Erfahrungen entstehen kann, ist die Abneigung und der Widerstand gegen jede Form der Fremdbestimmung und insbesondere der Verfügung über die eigene Zeit: Termine werden vergessen, missachtet oder großzügig ausgelegt. In der komplementären Reaktionsform kommt es dazu, sich vor allem auf die anderen zu verlassen, was das Einteilen ein Einhalten von Terminen anbetrifft, und sich allenfalls nachher aufzuregen, dass man nicht miteinbezogen wurde.

Resilienzfaktoren

Ob sich solche Muster im späteren Leben auswirken, hängt von vielen Faktoren ab. Ein wichtiges Element besteht darin, dass die Eltern zu gegebener Zeit mit dem Kind über seine Geburt sprechen. Dann kann es besser verstehen, was es geprägt hat. Dabei ist auch zu beachten, dass sich geplante Kaiserschnitte anders auswirken als Notoperationen. Wenn die Eltern Verständnis für die Unterbrechung des natürlichen Geburtsprozesses und den damit verbundenen Stress haben, hilft das dem Kind, dieses Ereignis zu verarbeiten.

Ob und wie schwer sich belastende Geburtserfahrungen auf das weitere Leben auswirken, hängt sehr davon ab, wieviel Zuwendung und liebevolle Fürsorge das Baby und das Kleinkind bekommt. Umgekehrt, wenn auf eine schwere Geburt emotional belastende Zeiten in der frühen Kindheit folgen, können die Geburtserfahrungen nicht ausgeglichen werden. In der Folge prägen sich Überlebensmuster aus, die verhindern sollen, dass sich ähnliche Erfahrungen wie bei der Geburt wiederholen. 

Zum vertieften Verstehen der Geburt ist immer auch die intrauterine Vorgeschichte bis zur Empfängnis zu beachten. Der Geburtsablauf und seine Prägungen sind manchmal von diesen Früherfahrungen beeinflusst. Der Verlauf der Schwangerschaft kann Spuren im Geburtsprozess hinterlassen. Auch frühere Schwangerschaften und Geburten der Mutter spielen eine Rolle, ebenso wie  Fehlgeburten oder Abtreibungen. 

Donnerstag, 23. März 2017

Der erste Atemzug aktiviert das Immunsystem

Nach dem ersten Atemzug verändert sich die Lunge so stark wie kein anderes Organ. Vor der Geburt hat die Lunge keine Funktion, das ist bei Menschen und Mäusen ähnlich. Sie wird zwar schon vortrainiert durch verschiedene Muskelbewegungen, die das Ungeborene vollzieht, ist aber noch von einer Flüssigkeit ausgefüllt und wird von der Plazenta direkt durchblutet, während das körpereigene Gefäßsystem das Organ umgeht. Beim ersten Atemzug, der beim Menschen mit einem kräftigen Schrei verbunden ist, wird die Flüssigkeit vom Körper absorbiert. Die Lunge entfaltet sich und wird ab jetzt voll durchblutet. In den nächsten drei Wochen entwickelt sich die Lunge zu dem, was sie den Rest des Lebens sein soll: Das zentrale Atmungsorgan. Durch das plötzliche Aufdehnen der Lunge und durch den ersten Schrei werden bestimmte Mediatoren freigesetzt, darunter ein Zytokin, das Interleukin 33, das dann einen großen Einfluss auf andere Immunzellen hat.

Im Körper der Mutter war die Lunge noch keimfrei. Doch danach braucht die Lunge eine gut funktionierende Immunabwehr, denn mit jedem Atemzug strömen Schadstoffe und Bakterien in die Lunge ein. Dieses Immunsystem wird ebenfalls mit dem ersten Atemzug aktiviert. In einer Kettenreaktion. IL 33 wird ausgeschüttet und aktiviert IL2-Zellen, spezielle weiße Blutkörperchen, die in die Lunge einwandern. Das führt dazu, dass die wichtigsten Immunzellen, die Alveolamakrophagen,  in den Atemwegen ihre Arbeit aufnehmen.

Die IL2-Zellen sind wichtig für das Aufrechterhalten eines Gleichgewichts. Einerseits sollen Schadstoffe abgewehrt werden, andererseits soll nicht überreagiert werden.  Das Immunsystem wird durch die IL2-Zellen gleich wieder heruntergeschraubt. Das hat aber auch einen Nachteil, weil Bakterien eine größere Chance haben, sich im Körper breitzumachen.

Der erste Atemzug kann mehr oder weniger gut funktionieren. Die Wehen spielen eine wichtige Rolle, auch der Temperaturschock kurz nach der Geburt ist ein wichtiger Auslösefaktor.  Für den Lungenstartschuss haben nicht alle Babys die gleichen Voraussetzungen. Kaiserschnittkinder sind im Nachteil.

Dies ist der leicht geglättete Text eines Beitrages auf Ö1 über die Forschungsarbeit von Sylvia  Knapp von der Medizinischen Universität Wien, gesendet am 3. März 2017 unter dem Titel „Der erste Atemzug und das Immunsystem“ (Dimensionen der Wissenschaft um 19:05) – von mir transkribiert.

Kommentar:
Auch in diesem Zusammenhang erscheint der Kaiserschnitt als nachteilig für die Gesundheit der Kinder. Er stellt einen künstlichen Eingriff in einen Vorgang dar, der von Natur aus seine innere Logik hat, hier dargestellt im Zusammenhang mit der Entwicklung des Immunsystems in der Lunge. Wenn dieser Prozess nicht stattfinden kann, fehlen wichtige Komponenten, die das Kind dann auf andere Weise später aufbauen muss.

Der Artikel verleitet in einem Punkt zur Verstärkung eines bekannten Vorurteils: Je stärker der Schrei des Babys nach der Geburt, desto besser für die Gesundheit und Robustheit des Babys. Auf meine Anfrage dazu schreibt die ORF-Redaktion zurück: „Frau Ronzheimer hat in dem Beitrag über deren (Sylvia Knapps) aktuelles Forschungsprojekt berichtet. Ihres Wissens nach ist der erste Atemzug und der damit meist verbundene Schrei ausschlaggebend für die Entwicklung des Immunsystems der Lunge. Das Immunsystem entwickelt sich laut Silvia Knapp auch bei einem Kaiserschnitt, also unter nicht idealen Umständen, normal, aber eben nicht so gut wie bei einer natürlichen Geburt. Ob der Schrei ausschlaggebend ist, kann Frau Ronzheimer nicht sagen, es ging um den ersten Atemzug. Bei einem Schrei ist der natürlich tiefer.“

Natürlich erfordert ein Schrei einen tieferen Atemzug. Doch sind viele Geburtsforscher der Ansicht, dass der Schrei durch die abrupte Durchtrennung der Nabelschnur ausgelöst wird. Babys, denen die Nabelschnur zum Auspulsieren gelassen wird, fangen meistens langsam und behutsam, also ohne Schrei, zu atmen an. Sie leiden also nicht unter dem Plazenta-Trauma, das im anderen Fall vermutlich der emotionale Auslöser des Schreies ist.


Vgl. Kaiserschnitt - Die Geburtsmethode der Zukunft?
Kaiserschnitt - Ein feministisches Thema
Warum die Geburt im Krankenhaus gelandet ist

Montag, 4. April 2016

Der Kaiserschnitt – ein feministisches Thema

Die Zunahme der Kaiserschnittgeburten wir hier als Anzeichen der erneuten Durchsetzung patriarchaler Strömungen verstanden werden: Die noch immer zum größten Teil männlichen Gynäkologen machen sich ihre Arbeit leichter, Geburten sind schön planbar und risikoärmer, und im privaten Bereich können sie ihr Bankkonto durch den operativen Eingriff zusätzlich auffetten. Das Weibliche, das im Gebären eine unbestreitbare Domäne innehat, wurde der männlichen Macht unterworfen, denn beim Kaiserschnitt ist es der Arzt, der die Geburt vornimmt, während die Mutter bewusstlos ist. Das Gesundheitsrisiko liegt bei Mutter und Kind, während die Ärzte aus dem Schneider sind. Denn Richter glauben, dass Kaiserschnitte nicht nur die ultima, sondern sogar die optima ratio in der Geburtshilfe sind. Das ist die eine Seite der "Medaille", auf der sich materialistisches, technokratisches und patriarchalisches Denken verbünden.

Die andere Seite ist die der Frauen selber. Abgesehen von den Vertreterinnen der natürlichen Geburt gibt es offenbar kein brennendes Interesse im Rahmen der feministischen Bewegungen an dieser Thematik. Die steigenden Kaiserschnittzahlen sind offenbar kein feministisches Thema. Vielmehr konzentrieren sich wichtige feministische Strömungen allein auf die Gewährleistung maximaler Entscheidungsfreiheit für die Frauen und unterstützen deshalb häufig kritiklos den Kaiserschnitt.

Tatsächlich wird die Diskussion um den Kaiserschnitt stärker von neutralen Institutionen vorangetrieben, wie der WHO, die eine Kaiserschnittrate von 15% als vertretbar ansieht und Staaten mahnt, in denen die Kaiserschnittrate darüber hinausgeht. Der WHO geht es um die Erhaltung der Gesundheit und der Verringerung von Risiken, für Mütter und für Kinder. Dort hat sich herumgesprochen, dass höhere Kaiserschnittraten höhere Risiken sowohl für die Mütter als auch für die Kinder bedeuten. Der Mythos der höheren Sicherheit des Kaiserschnittes im Vergleich zur natürlichen Geburt ist längst entlarvt. Allerdings wissen das eher Wissenschaftler und Statistiker als das allgemeine Bewusstsein. Viele Menschen denken, dass der Kaiserschnitt die größte Sicherheit für Mütter und Kinder bietet, und diesem Bewusstsein folgen auch viele Ärzte und anderen verantwortlichen Personen im Gesundheits- und Rechtswesen.

Genauer betrachtet, wird die feministische Idee durch jeden medizinisch nicht indizierten Kaiserschnitt in ihrem Mark getroffen. Denn es werden Frauen in dem Bereich entmündigt, den sie von der Natur als das ganz zentral Weibliche übertragen bekommen haben. Das Gebären ist der Kern weiblicher Fruchtbarkeit und schöpferischer Kraft. Kaiserschnittgeburten, die keiner medizinischen Notwendigkeit unterliegen, entreißen den Frauen diese ihre Kraft, und sie wandert zu den überwiegend männlichen ärztlichen Geburtshelfern, die ohnehin nichts damit anfangen können.

Schwangerschaft und Geburt ist etwas, was den Männern grundsätzlich, also von Natur aus, unzugänglich ist. Auch mögliche zukünftige Entwicklungen, die dahin führen, dass einem biologischen Mann eine Gebärmutter eingepflanzt wird, die ihn dann in die Lage versetzt, Kinder zu gebären, ändert daran nichts, weil der Mann dann in einem wesentlichen Teil der Biologie zu einer Frau wird.

Kaiserschnitte bergen kurz- und langfristige Risiken, die die Mütter und die Kinder betreffen. Es sind physiologische und psychologische Belastungen, die auftreten können. Deshalb ist es wichtig, dass ein Bewusstsein für die problematischen Aspekte von Kaiserschnitten geschaffen wird, sodass diese Geburtsmethode wieder den Stellenwert bekommt, der ihr eigentlich zusteht: Im Fall der akuten Lebensbedrohung für Mutter oder Kind den natürlichen Gebärvorgang zu unterbrechen und mit dem operativen Eingriff zu einem vorzeitigen Ende zu führen. In allen anderen Fällen sollten natürliche Geburten durchgeführt werden, und es sollte alles getan werden, um die Mütter dazu zu ermutigen und sie dabei zu unterstützen. Es sollte umgekehrt notwendig werden, dass jeder Kaiserschnitt sorgfältig gerechtfertigt werden muss, eine Entwicklung, die dadurch in Gang kommen könnte, dass erstmals Klagen von Müttern, die zu einem medizinisch nicht indizierten Kaiserschnitt gedrängt wurden, vor Gericht verhandelt werden.

Es bedarf der Bewusstseinsbildung, und Bewusstseinsbildung ist Aufklärung, und Aufklärung heißt immer wieder, einer Unmündigkeit zu entrinnen. Es ist die Unmündigkeit, die durch die Vernachlässigung der Erste-Person-Perspektive die gesamte Gesellschaft mitbetroffen hat, Männer wie Frauen, die sich aber im Bereich des Gebärens besonders schädigend auf die Mütter und ihr Selbstbewusstsein auswirkt. Jeder Frau wird durch den Kaiserschnitt der Vollzug ihrer Weiblichkeit im wichtigsten Thema ihrer Fruchtbarkeit weggenommen, und das sollte eine starke Betroffenheit auslösen und dazu führen, dass jeder Kaiserschnitt gründlich überlegt und abgewogen wird. Die Abwägung dieser Aspekte sollte also einen wichtigen Stellenwert in der Entscheidung für oder wider Kaiserschnitt einnehmen. Frauen leiden nach dem Kaiserschnitt unter dieser Beschneidung ihrer schöpferischen Kraft, wie TherapeutInnen bestätigen, die mit den betroffenen, häufig traumatisierten Frauen arbeiten. Kaiserschnitt-Mütter fühlen sich verständlicherweise in ihrem Selbstwert beschnitten, so, als wären sie der Natur und ihrem Kind etwas schuldig geblieben.

Es mag seltsam klingen, wenn ein Mann über ein Thema schreibt, das, wie beschrieben, in den Kernbereich des Weiblichen fällt. Doch sollte nach mehr als hundert Jahren Feminismus klar sein, dass es den Männern nicht gut gehen kann, wenn die Frauen nicht in ihren Rechten und in ihren Kräften stehen können. Jede Schwächung der Frauen ist auch eine Schwächung der Männer, weil diese dann Lasten zugemutet bekommen, die nicht zu ihnen gehören: Im Zusammenhang mit diesem Thema: Zu wissen und zu entscheiden, was für eine gebärende Frau der beste Weg ist, ihr Kind zur Welt zu bringen. Dazu kommt, dass es ein gesamtgesellschaftliches Ziel sein sollte, unseren Kindern den bestmöglichen Start ins Leben zu bieten.

Deshalb kann es auch ein Männeranliegen sein, den Feminismus zu fördern und von ihm zu fordern, sich mehr um das so zentral weibliche Thema der Geburt und des Gebärens zu kümmern. An den Männern ist es, die volle Bereitschaft zu bekunden, diesem Raum des Weiblichen Sicherheit und Wertschätzung zu geben. Denn dieser Raum ist der Raum des Mysteriums der Entstehung des menschlichen Lebens.


Vgl. Der Kaiserschnitt - die Geburtsmethode der Zukunft?
Zu dem Thema fand im Rahmen der 9. österreichischen Atemtage 2016 eine Podiumsdiskussion statt, die aufgezeichnet wurde und hier angeschaut werden kann.

Samstag, 26. April 2014

Kaiserschnitt - die Geburtsmethode der Zukunft?

Kaiserschnitt ist eine riskante Form der Geburt. Es handelt sich dabei um einen schweren operativen Eingriff. Dennoch steigt die Zahl der Kaiserschnitte auf der ganzen Welt. In Österreich und Deutschland hat sie die 30%-Marke erreicht. Das liegt weniger daran, wie vielleicht Illustrierte von Prominenten berichten, dass die Frauen vermehrt selber einen Kaiserschnitt wünschen. Denn nur zwischen 3,7% und 14,7% hätten lieber einen Kaiserschnitt als eine natürliche Geburt. 

Risiken von Kaiserschnittgeburten


Nach der Kaiserschnittgeburt ist die Mutter damit belastet, die Operation zu verarbeiten, was einige Tage in Anspruch nimmt. Zu den möglichen Spätfolgen nach einem Kaiserschnitt zählen wie nach jeder Operation die Risiken von Wucherungen und Verwachsungen, die zu ständigen Unterbauchschmerzen führen können.
Zwar besteht auch nach einem Kaiserschnitt die Möglichkeit, das nächste Kind spontan zu gebären, doch ist die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Kaiserschnittes höher. Denn zum einen besteht die Gefahr, dass die Narbe während der Presswehen reißt. Auch ist bei einer Folgeschwangerschaft nach Kaiserschnitt die Wahrscheinlichkeit etwas größer, dass die Plazenta ganz oder teilweise den Muttermund versperrt (Placenta praevia) oder sich nicht von alleine löst und unter Narkose entfernt werden muss. 


Mögliche Spätfolgen für die Mutter


Als mögliche Spätfolgen nach einem Kaiserschnitt sind wie nach jeder Operation die Risiken von Wucherungen und Verwachsungen gegeben, die zu ständigen Unterbauchschmerzen führen können. Es steigt auch bei einer weiteren Schwangerschaft das Risiko für eine Placenta accreta (krankhaft anhaftende Plazenta), also einer Plazenta, die übermäßig groß geworden und in die Gebärmutterwand hineingewachsen ist. Häufig liegt die Plazenta dann vor dem Muttermund (Placenta praevia). Sie löst sich nach der Geburt schwer oder gar nicht, und erhebliche Blutungen können die Folge sein. 


Mögliche Risiken für das Baby


Gelegentlich wird das Kind beim Kaiserschnitt verletzt. Es kann zu kleinen Schnitten oder Abschürfungen kommen. Studien belegen, dass Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt kamen, häufiger Atemprobleme haben. Manchmal haben sie noch Fruchtwasser in der Lunge, was auch damit zusammenhängt, dass Wunschkaiserschnitte oft zu früh vor dem errechneten Geburtstermin durchgeführt werden. 


Mögliche Spätfolgen für das Baby


Eine norwegische Studie hat einen Zusammenhang zwischen dem Allergierisko bei Kindern und dem Kaiserschnitt hergestellt. Demnach haben Kaiserschnitt-Kinder von Müttern mit bekannten Allergien ein siebenfach erhöhtes Risiko, ebenfalls eine Allergie zu haben als Kinder, die vaginal geboren wurden
Zu früh auf die Welt geholte Kinder können sich oft schlechter anpassen, haben häufiger Atemprobleme, Probleme mit dem Blutzuckerspiegel und dem Temperaturhaushalt.

  • Fehlender Geburtsstress: Studienergebnisse lassen die Vermutung zu, dass Kaiserschnittkinder wegen der fehlenden Hormone, die bei einer natürlichen Geburt ausgeschüttet werden, häufiger unter Anpassungsstörungen wie verstärktem Schreien leiden. Mütter, die ihr Kind vaginal geboren hatten, reagieren demnach ausgeprägter auf das Schreien des Kindes.
  • Fehlende Keimbesiedelung: Bei einer vaginalen Geburt wird die Bakterienflora des Geburtskanals auf das Baby übertragen, seine Haut und sein Darm schneller mit wichtigen Bakterien besiedelt. Laut neuesten Studien haben Kaiserschnittkinder wegen der fehlenden Bakterien ein höheres Risiko für Übergewicht und Diabetes.
  • Komplikationen bei Folgeschwangerschaften: Möchte eine Frau nach einem Kaiserschnitt auf natürlichem Weg entbinden, ist das Risiko eines Gebärmutterrisses erhöht.
Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, die Kaiserschnittrate unter 15% zu halten, hat der Anteil der Kaiserschnitte in Brasilien beispielsweise schon 70% erreicht. In Österreich ist die Kaiserschnittrate von 1998 bis 2008 von 14,6%, was exakt der WHO-Empfehlung entspricht, auf 28,0% gestiegen. In einigen Bundesländern (Burgenland, Kärnten, Steiermark und Tirol) wurde bereits die 30%-Marke erreicht.

Indikationen


Prinzipiell unterscheidet man zwischen einer absoluten Indikation, also einer Situation, in der ein Kaiserschnitt unbedingt notwendig ist, und einer relativen Indikation, also einer Situation, in der die vaginale  Geburt ein erhöhtes Risiko für Mutter und Kind darstellt. Nur 10% aller in Österreich durchgeführten Kaiserschnitt-Entbindungen erfolgen aufgrund einer absoluten Indikation, d.h. 9 von 10 Kaiserschnittgeburten müssten nicht stattfinden. Da aber das Spitalspersonal die möglichen Risiken minimieren möchte, wird schneller zur Entbindung mit Kaiserschnitt geraten, ohne dass die Folgen für Mutter und Kind vor allem auf der psychischen Ebene ausreichend berücksichtigt werden.



Alternative Hausgeburt?


Die Zahl der Hausgeburten liegt in Österreich bei 1,5%. Bei Klinikgeburten steht die Technik im Vordergrund, und "eine Geburt, die länger als acht Stunden dauert, gilt ja schon als pathologisch", so eine Hebamme in einem Interview im Standard

Geburtsschmerzen


Weiters sagt sie: "Der Geburtsschmerz wird gesellschaftlich abgelehnt: Bei der Geburt, so glauben viele, braucht es keinen Schmerz mehr. Dabei ist er ein wesentlicher Faktor, um gewisse Hormone auszuschütten und sozusagen alles zu mobilisieren. Diese angebliche Schmerzfreiheit wird von den Ärzten total propagiert. ... Wenn man den Sinn des Geburtsschmerzes verstehen lernt, dann kann man damit auch umgehen. Wer eine Geburt ohne schmerzstillende Mittel erleben kann, hat danach so etwas wie ein Glücksgefühl. Da ist dann eine Kraft vorhanden, die später immer wieder benötigt wird, wenn man ein Kind hat."