Montag, 22. März 2021

Psychologisieren - eine moderne Untugend

Wir wollen gerne andere Menschen nach unseren Vorstellungen zurechtbringen oder auch zurechtbringen lassen, vor allem Menschen, die wir anstrengend, nervig oder aus anderen Gründen ungeeignet finden. Falls wir ein wenig Ahnung von Psychologie haben, neigen wir zu der folgenden Verhaltensweise: Wir beginnen zu Psychologisieren. Das heißt: Wenn wir nicht damit einverstanden sind, wie sich jemand uns gegenüber verhält, müssen wir ihn gleich analysieren und sein Ursprungstrauma oder seine Beziehungsstörung herausfinden. Wenn wir etwas auffällig finden, was uns nicht passt, machen wir daraus sofort ein Problem, das wir diagnostizieren und in eine Schublade einordnen. Wir hoffen, dass die Person unsere Diagnose versteht und dann das Verhalten gleich ändert. Falls das nicht passiert, meinen wir, dass das Thema schleunigst bei einem Therapeuten behandelt werden müsste.

Mit Hilfe der Psychologie spielen wir uns als die Experten über das Seelenleben unserer Mitmenschen auf und wollen besser wissen, was in ihnen los ist und wie das unseren Vorstellungen gemäß verändert werden könnte. Mit der Seelenkunde vermeinen wir über einen Universalzugang zum Inneren unserer Mitmenschen zu verfügen, und je besser wir darin sind, desto leichter können wir unsere Mitmenschen durchschauen. Je besser unser Durchblick, desto mehr Kontrolle haben wir über die Menschen um uns und desto weniger Angst vor Verletzungen und Beschämungen brauchen wir zu haben. 

Mit jedem Lernen in diesem Gebiet gelingt es, den Störungen der Menschen genauer auf die Schliche kommen. Solange wir dieses Wissen zum Durchschauen der verborgenen Motive unserer Mitmenschen verwenden und weniger dafür, unsere eigenen Muster bewusst zu machen, sind wir selber aus dem Schneider. Wir können immer wieder in diese Position schlüpfen, wenn es eng wird in unserem sozialen Netz. 

Die Psychologie als Waffe

Die Mechanismen des Seelenlebens sind spätestens seit Freud ein faszinierendes Forschungsgebiet, nicht nur für uns selbst, sondern auch im zwischenmenschlichen Feld. Wenn wir mit anderen Personen nicht zurechtkommen, eilt uns die Psychologie zu Hilfe. Sie bietet Erklärungen darüber an, was den anderen so schwierig macht, und zeigt Wege auf, wie das verbessert werden könnte. 

Wenn wir dieses Wissen allerdings in Konfliktgespräche einbringen, dient es als Mittel zur Beschämung. Wir wollen die andere Person in ihren Schwächen bloßstellen und verwenden die psychologische Interpretation dazu, uns in unserer Kompetenz im Konfliktlösen herauszuputzen und damit die Linie vorzugeben, nach der das Thema bereinigt werden kann. Meist merken wir nicht, dass wir die Verantwortung für unseren eigenen Anteil an dem Thema abgeben, im Gegenteil, wir fühlen uns besonders verantwortungsvoll. 

Ein Beispiel: „Du verhältst dich wie ein Dreijähriger im Trotzalter.“ Es kann ja sein, dass die angesprochene Person im Moment in einem Regressionszustand gefangen ist, aber es hilft wenig, wenn dieser Treffer gelandet wird, vor allem, wenn er mit einem abschätzigen oder anklagenden Tonfall kommt. Niemand wird gerne in seiner Schwäche vorgeführt. Die heimliche Absicht dabei ist, die andere Person in eine beschämte Position zu bringen, was erst dann augenfällig wird, wenn der Zusatz kommt: „Und dafür solltest du dich schämen!“ 

Solche Diagnosen und psychologische Einschätzungen und Einordnungen haben den Zweck, die eigene Kompetenz herauszustellen und die andere Person in ihrem Innenleben bloßzustellen: Ich mit meinem scharfsinnigen und tiefgehenden Blick weiß, was die Antriebe hinter deinem Verhalten sind. Du solltest dich an meinem Durchblick orientieren und an meiner Überlegenheit wachsen. 

Diagnosen sind Bloßstellungen, und Bloßstellungen haben immer mit Scham zu tun: Der andere wird in seiner Schwäche, also in seiner Blöße herausgestellt. Deshalb ist die wahrscheinlichste Reaktion eine Form der Schamabwehr: Resignativer Rückzug, aggressiver Gegenschlag, Zynismus, Naivität, Spott usw. Selten tritt der erwünschte Erfolg ein, dass die angesprochene Person Einsicht zeigt und ihr Verhalten ändert. Dazu muss sie erst aus der Beschämungslage herauskommen. Nur dann kann sie einschätzen, ob die psychologische Deutung für sie Sinn macht oder nicht.

Pathologisierungen

Es geht noch schlimmer: Wenn wir Pathologisierungen einsetzen, also die Einordnung von Menschen als gestört oder psychisch krank, verschärft die Beschämung zur Demütigung. Häufig werden mit psychologischen Interpretationen gleich krankheitswertige Diagnosen mitgeliefert, mit denen deutlich gemacht werden soll, dass die betreffende Person nicht bloß eine Macke hat, die einem nicht passt, sondern schleunigst in die Klapse gehört. 

Psychologisierungen ersparen uns ein mühsames Gespräch, um gemeinsam zu klären, was los ist und wie wir miteinander weiterkommen. Sie klatschen eine Interpretation drüber, die der andere entweder schlucken oder abwehren muss. Jedenfalls wird an den Schrauben des Konflikts weiter gedreht: Die Psychologie dient der Konflikteskalation. Wenn sie offensiv und aggressiv eingesetzt wird, trägt sie nichts zur Klärung bei, sondern schafft zusätzlich eine Ungleichheit zwischen dem scheinbar besserwissenden Experten und dem „Fall“. Außerdem suggerieren wir mit der Psychologisierung, dass sich der Schaden nur mit fachkundiger professioneller Hilfe an der anderen Person behoben werden kann, dass also ein weiteres Gespräch gar keinen Sinn macht.

Phasen der Selbsterkenntnis

Wenn sich Menschen einer Psychotherapie oder psychologischen Beratung unterziehen, durchlaufen sie meist bestimmte Phasen, die ich in früheren Artikeln beschrieben habe. In der zweiten Phase, in der es zu einer Stärkung der Selbstbeziehung kommt, entsteht oft die Tendenz, das mit und an sich selbst erworbene Wissen in der Kommunikation zu verwenden.

Es geht der Blick auf die Schwächen und Marotten der Mitmenschen. Häufig wird dabei die eigene Bedeutung überhöht, die eigene Wichtigkeit besonders akzentuiert, oft auf Kosten der Mitmenschen. Wir dünken uns als besser, reifer und reflektierter als die anderen, weil wir dies und jenes über uns selbst erkannt haben. Schnell geschieht es, dass wir diese Erkenntnisse auf die anderen anwenden und sie nach den Kategorien und Begriffen, die wir in der Selbsterforschung erlernt haben, einordnen und einschätzen. Das ist die Phase, in der die Psychologie als Instrument in unsere Alltagskommunikation eindringt und dort Unruhe stiften und Schaden anrichten kann, wenn wir sie nicht achtsam und verständnisvoll einsetzen. 

Die nächste Phase der Innenerforschung beinhaltet das Durchschauen der Muster, die hinter den Strategien des Psychologisierens stecken. Sie haben mit eigenen Unsicherheiten zu tun, die mit Hilfe von Fachbegriffen und Kategorisierungen als kognitive Sicherheit scheinbar überwunden werden. Wir wollen die Deutungsmacht erobern, die uns von Anfang an gefehlt hat, weil sie in der Kindheit bei den Eltern monopolisiert war. Wir haben in der Therapie erfahren, was uns das antut und wie wir darunter leiden. Als nächstes lenkt uns unser Unbewusstes dahin, die erlittenen Zurücksetzungen und Beschämungen aus Rache anderen zuzufügen. Wir beginnen, die errungene Deutungsmacht zum Schlechtmachen und Abwerten unserer Mitmenschen einzusetzen und bringen damit, ohne es zu merken, unsere kindlichen Konflikte in die Erwachsenenwelt ein. 

Sobald wir erkennen, dass wir mit dieser Strategie mehr Schaden als Nutzen produzieren, sind wir bereit für den nächsten Schritt, in dem wir die Projektionen, die hinter dem offensiven Einsatz der Psychologie stecken, zurücknehmen können. Wir werden dabei merken, dass es uns zunehmend leichter fällt, die Eigenarten unserer Mitmenschen zu tolerieren statt sie zu pathologisieren.

Zum Weiterlesen:
Phasen im inneren Wachstum
Unterschiede im inneren Wachstum


1 Kommentar:

  1. Jedes unserer "Braine"ist so orginell wie unsere Fingerabdrücke,nicht Eines gleicht dem Anderen.
    Das führt zu so vielen Wahrnehmungsunterschieden wie es Menschen gibt. Niemals erleben wir das Gleiche. In der Hermeneutik wird daher ein dialogisches Annähern, einem dialektischen Auseinandersetzten vorgezogen.

    Das bedingt aber schon die Einsicht das Recht haben und wollen, nur in einer Annäherung möglich ist.
    Die grundlegende Krux ist unsere Idendifikation mit unserem Denken, ich nenne sie die autokratische Wirklichkeit, da sie ja auf das jeweilige Hirn unmittelbaren Einfluss zeigt, (internale Prozesse), hingegen hat autokratische Wirklichkeit erst dann Einfluss auf unsere reale Welt, wenn wir mit dem uns zur Verfügung stehenden Organen in Kontakt mit der elektromagnetischen Oktav, unseres begrenzten Wahrnemungsspektrums als Humanoide in Kontakt gehen.
    Das bedeutet, wir haben eine inner Welt und eine äüßere Welt.
    Was wir entscheiden können, ist welcher dieser Welten wir mehr Bedeutung geben,der großen oder der kleinen, in unserem Kopf?
    Das Geschenk ist Freiheit. Die Freiheit der Wahlmöglichkeit ,wie wir agieren, nicht wie wir reagieren, oft ist es nicht nötig der Welt die Zunge rauszustrecken ,wenn sie es scheinbar tut, oder sonst wie eine Reaktion zu zeigen.

    Unsere neuronale Struktur kann sich mit Problembewältigung ohne Ende beschäftigen, das ist das Terrain auf dem unser Verstand zu Hause ist.
    Macht aber noch immer keine Freude.
    Wenn wir hingegen lieb zu uns sein wollen, und unseren Focus auf das Hier und Jetzt, machbare richten, erscheint uns die Welt sofort in Farbe.Und Farbe macht Freude.( obwohl vielen shades of gray auch Vergnügen bereitet).
    In der systemischen Beratung, sind wir angehalten unsere Klienten aus der Problemtrance zu holen und sie zu einem Perspektiven Wechsel einzuladen.
    Das nennen wir Lösungstrance.
    Da wir alle gerne Freude empfinden und das sogar bis zur Ekstase genießen können, zeige ich hiermit auf, das der Nutzen von moralischer und ethischer Bewertung ebenso nutzlos ist , wie die Verurteilung von verletzenden Verhaltensweisen.
    Alle Menschen sind grundsätzlich liebevoll und hilfsbereit.
    Wenn sie nicht gerade ihren Irrtümern aufsitzen.
    Dann kämpfen wir alle ums Überleben, und sind ausnamslos zu allen Entmenschungen bereit.
    Den Focus auf unser lebendig sein zu richten , durch Atmen oder spüren unseres lebendig Seins, lässt ein wahrnehmen im Hier und Jetzt entstehen, und dadurch einen Flow der uns verbindet mit allem. Die Illusion des getrennt seins darf sich auflösen und eine der schlimmsten Ängste , die Angst vor dem Allein sein verliert ihren Schrecken, da es uns ja gar nicht möglich ist Allein zu sein, verbunden mit einem sich selbst immer wieder neu erschaffenden Universum, das wir sind.
    Dadurch verschwindet die Angst vor der Auflösung, da ,wenn wir uns als das Leben wahrnehmen,Unendlichkeit und Ewigkeit zum Angebot bereitgehalten bekommen.
    Diese Refraiming, schafft eine Perspektive, die unser inertes Potenzial befreit und uns zu einem mutigen, vertrauensvollen Ja sagen einlädt.
    Das Schlimmste, dass unserer persönlichen Körperstruktur geschehen kann, wird garantiert sowieso geschehen, früher oder später, aber später bestimmt.
    Des Pudels Kern, des langen Schreibens kurzer Sinn, es ist wie es ist , und es ist immer wunderbar.
    Sich Sorgen machen, sich gegenseitig zu psychologisieren, Entmutigung und Boshaftigkeit vom feinsten, sorgt für das Drama eines kosmischen Schauspiels dessen Akteure,Regisseure und Bühne wir Selbst sind.
    Die Frage welche Freiheit wir uns gewähren,darf nach eigenem Können und Gutdünken sich ein jeder Selbst erlauben.
    Da wir weder unsere Würde noch unserers Wertes beraubt werden können, stimmen wir freiwillig jeder Form von Diskriminierung zu wenn wir nicht Verantwortung übernehmen wollen.

    Johannes Krasser

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