Donnerstag, 22. März 2012

Die Wunderheiler und die Skeptiker

Wenn es um Phänomene geht, die nicht in das wissenschaftliche Weltbild passen, erregt das die Gemüter und polarisiert schnell: Auf der einen Seite bilden sich die Gruppen der Enthusiasten, auf der anderen die der Zweifler. Wie immer bei Polarisierungen, kommt es auf beiden Seiten zu Übertreibungen. Von den einen wird ein Wunderheiler auf die Schultern genommen und gefeiert, allen weiterempfohlen, und es werden die, die das Angebot nicht annehmen, aggressiv bemitleidet. Wunderbare Erfolge werden herausgestrichen, und alle, denen nicht geholfen wurde, werden verschwiegen, auch besteht kein Interesse daran, ob Heilungserfolge von Dauer sind oder die Krankheit nach einiger Zeit wieder zurückkehrt. Von den anderen, den Skeptikern wird jedes Gerücht dankbar aufgegriffen, das die Unseriosität des Heilers herausstellt. Es fehle jede wissenschaftliche Bestätigung und Absicherung der Heilerfolge, und häufig werden irgendwelche kolportierten finanziellen oder ethischen Unregelmäßigkeiten zum Anlass genommen, die ganze Sache zu diskreditieren. Und das Kolportieren gilt dann schon als wissenschaftliche Widerlegung.
Wir leben in einer pluralistischen Welt mit einer pluralistischen Meinungsbildung und Meinungsrechtfertigung. Die eine braucht eine glaubwürdige Erzählung von jemandem, der schon „dort“ war, der andere verlässt sich nur auf abgesicherte Erkenntnisse, die nicht bloß auf subjektiven Eindrücken beruhen. Das ist ja auch gut so. Eine pluralistische Gesellschaft gibt jeder Meinung und jeder Sichtweise, jedem Weltbild ein Recht und einen Platz. Niemand soll diskriminiert, abgewertet oder ausgeschlossen werden, alle Meinungen dürfen geäußert werden und verdienen grundsätzlichen Respekt.
Die Vehemenz allerdings, mit der die jeweiligen Positionen vertreten werden, die kämpferische Pose der Esoteriker einerseits und der Aufklärer auf der anderen Seite, scheint mir beachtens- und betrachtenswert. Was verbirgt sich hinter dem Fanatismus, den Anhänger wie Gegner von Wundern und Wunderheilern oder einer Wunderheilrichtung mobilisieren können? Was bringt Menschen dazu, so radikal Partei zu ergreifen und radikal die jeweilige Gegenpartei zu bekämpfen?
Wunder ist etwas, das nicht in den Rahmen der Normalität passt. Wenn jede jederzeit durch ein Fingerschnipsen beim anderen die Kopfschmerzen wegzaubern oder durch Handauflegen den Krebs heilen könnte, wäre das kein Wunder. Wunder ist etwas, das nicht immer und nicht in jedem Fall funktioniert. Wunderheiler sind solche, denen Manchmal ein Wunder gelingt. Könnte ein Heiler eine 100-prozentige Garantie abgeben für seine Heilungen, würden also seine Heilungen immer Erfolg haben, dann wären alle kranken Menschen bei ihm, und es wäre kein Wunder mehr, wenn geheilt wird. Nur hat es, soweit wir wissen, noch nie einen derartigen Menschen gegeben. Zwar wissen wir von Jesus, dass alle Heilungen, die von ihm berichtet werden, erfolgreich waren. Wir wissen jedoch nicht, ob er Misserfolge hatte, die in den Quellen nicht erwähnt werden und ob die Heilungen von Dauer waren. Er hat auch keine Erfolgsgarantie verkündet, sondern immer gemeint, dass nur geheilt werde, wer den Glauben hat. Die Theologen meinen auch, dass die Heilungen den Sinn hatten, die Menschen zum Glauben an die Liebe Gottes zu den Menschen und nicht an Zauberei zu führen.
Offenbar gibt es nichts unter Menschen, was immer und überall heilsam wirkt, so sehr wir uns das wünschen würden. Es gibt keine Methode, die sicher Krebs oder AIDS heilt; obwohl viele Fortschritte in der Medizin erreicht wurden, sterben Menschen an diesen und anderen Krankheiten. Bislang wurde keine psychotherapeutische Methode entwickelt, die alle glücklich macht, obwohl viele behaupten, sie hätten sie entdeckt, weil sie ihnen selber und ein paar Klienten geholfen hat. Wir Menschen sind selber eine immenses Wunderwerk, derart komplex, dass wir nur staunen können, dass wir trotz aller Störungsanfälligkeit im Großen und Ganzen und immer wieder und manchmal auch sehr gut brauchbar und handlungsfähig sind. Wie soll es da einen Schlüssel geben, der alles aufsperrt, einen Stein der Weisen, der alles zu heilen vermag, eine Person, die für jedes Leiden eine Kur anbieten kann?
Millionen Menschen haben Lourdes besucht, ein paar Tausende wurden erwiesenermaßen geheilt; viel mehr Menschen, die sich Heilung erhofft haben, wurden enttäuscht. Aber das spricht nicht gegen die Heilungen, die geschehen sind und den Betroffenen das Leben erleichtert und verlängert haben.
Fanatismus und Integration
Wir haben diese starke Neigung, unsere subjektiven Erfahrungen zu verallgemeinern. Im einfachen Fall wollen wir andere an dem teilhaben lassen, was uns selber gefällt und zu dem Gewinn bringen, der uns selber erfreut hat. Wenn wir dabei nicht aufpassen, machen wir daraus gleich eine Sekte oder eine Religion, und jeder, der nicht daran glaubt, muss abgewertet und bekämpft werden. Wenn etwas nicht funktioniert hat, wenn wir uns hintergangen oder getäuscht fühlen, wollen wir andere warnen, damit sie nicht in die gleiche Falle tappen. Wenn wir das wiederum verallgemeinern, kann leicht eine (Verschwörungs-)Ideologie daraus entstehen.
Was ist die Angst des Aufklärers? Er befürchtet, wenn die Menschen sich nicht ihres Verstandes bedienen, können sie nur Schaden erleiden. Sie werden durch Dummheit zu Dummheit verführt und hereingelegt. Deshalb versucht er, sie mit den Mitteln der Rationalität und Wissenschaftlichkeit aus der Verblendung zu befreien.
Was ist die Angst der Eso-Fanatikerin? Sie befürchtet, dass die Menschen den puren Rationalisten auf den Leim gehen, den gefühllosen Techno- und Bürokraten, die die Menschen und ihre Gesundheit verwalten wie einen Maschinenpark und alles verdammen, was nicht in das enge Raster der Wissenschaftlichkeit passt. Wenn sich die Menschen nur ihres Verstandes bedienen, werden sie durch Blindheit zur Blindheit verführt und erleiden dadurch Schaden an ihrer Seele.
Die Karawane der Bewusstseinsevolution zieht weiter. Wir bewegen uns langsam, aber sicher, in systemische Zusammenhänge hinein, dort nehmen die Fanatismen ab, weil die Wichtigkeit vieler Perspektiven auf die Wirklichkeit wertgeschätzt wird. Was hilft und heilt, das hilft und heilt, ob es wissenschaftlich oder geistheilerisch abgesichert ist oder nicht. Wenn Kontext und Methode zusammenpassen, dann kommt es zum Heilungserfolg. Und das ist in jedem Einzelfall wieder neu zu bestimmen, und da helfen keine vorgefassten Ideologien. Wie wir in der Psychotherapie sagen: Für jede Klientin erfinden wir eine neue Therapiemethode (gemeinsam mit ihr).
Die verschiedenen Wege und Methoden der Heilung werden kombiniert, damit das Beste für die betroffenen Menschen entsteht. Statt der Ausgrenzung der Wundertäter aus dem medizinischen Establishment werden sie als Komplementärmedizin integriert; und die „klassischen“ Behandlungsmethoden werden auch von den Anhängern eines esoterischen Weltbildes anerkannt und genutzt, wo sie Sinnvolles leisten. 

Vgl.: Was ist Esoterik?
Vgl.: Die Eso-Hasser 

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