Samstag, 27. Dezember 2014

Narrative Rekonstruktion und Traumaverarbeitung

Traumen bewirken Lücken in der Lebensgeschichte. Wenn etwas Drastisches in unser Leben hereinbricht, das wir nicht verarbeiten können, setzt auch die Erinnerung aus oder wird verzerrt. Unsere Lebensgeschichte hat an diesen Stellen Brüche. Sie kann nicht durchgängig erzählt werden. Es fehlt ein wichtiger Teil, der unserer Geschichte den Zusammenhang und durchgängigen Sinn gibt. Die Kontinuität ist unterbrochen, die Identität, die aus der historischen Kontinuität entsteht, ist fragmentiert. Die innere Ganzheit wird vermisst und bildet sich als starke Sehnsucht nach etwas aus, was nicht mehr erreichbar scheint.

Traumen wirken über den Moment hinaus, ohne dass dieser Schatten mit seinem Ursprung in Zusammenhang gebracht werden kann. Solche einschneidenden und unverarbeiteten Erfahrungen werfen Schatten, sodass die weiterlaufende Lebensgeschichte an wichtigen Stellen abgedunkelt ist, wo sie nicht bewusst erinnert werden kann. Es sind nicht die vergessenen Banalitäten, die solche Bruchstellen bewirken, sondern die Ereignisse, die das innere Erleben umgestaltet haben, sodass es ein Leben vorher und ein anderes nachher gibt. Sie ragen wie Fragezeichen aus dem Strom der vergangenen Erfahrungen heraus. Es ist, als ob die Erzählung eine zensurierte Stelle hätte, an der nicht mehr entziffert werden kann, was dort geschehen ist. Diese Stelle ist von Angst umzingelt, wie von einer unüberwindlichen Mauer, und man weiß hächstens, dass hinter ihr etwas Schlimmes lauert.

Die Traumaheilung besteht darin, dass diese Lücke geschlossen wird, indem die abgespaltene Erfahrung für das Wiedererleben geöffnet wird. Die Erzählung kann vervollständigt werden. Damit entsteht ein stimmiger Sinnzusammenhang, Teile fügen sich in ein Bild oder in eine Gestalt zusammen. Es tritt zunehmend eine Aufhellung in der Traumaumgebung ein, die meist längere Zeit in Anspruch nimmt.

Das Sprechen hilft bei der Rekonstruktion. Das Erzählen der Geschichte ist auf Sprechen und Gehörtwerden ausgerichtet. Wir erleben Sinn, wenn sich Zusammenhänge bilden, die uns einleuchten, die etwas erhellen, was vorher im Dunkeln war. Das Gespräch dient als Erneuerung und Vervollständigung der Erzählung, die an einem Punkt unterbrochen wurde, weil das Leben in seinem Fließen an diesem Punkt unterbrochen wurde.

Das Gespräch liefert das Modell für die narrative Rekonstruktion. Es muss die Kontinuität des Lebens nicht im Detail wieder hergestellt werden, es muss also nicht jede Einzelheit neu erzählt werden, es genügt das Modell. Dadurch, dass Licht ins Dunkel gedrungen ist, liegt alles offen und klar, und die Erzählstränge können von allen Seiten an das Ereignis andocken. Die Kontinuität ist nicht nur linear hergestellt, sondern auch in einem zusammenhängenden Netz von Sinnbezügen.


Wirkung auf das Gehirn


Das Modell der Rekonstruktion ermöglicht die Integration von rechtshemisphärischen Strukturen, wie sie in der Narration wirksam sind, und von linkshemisphärischen Elementen, die abstraktere Sinnbeziehungen vom Typus der Erklärung erlauben. Erklärt ist ein Ereignis, wenn seine Bedingungen und seine Ablaufstruktur verstanden werden kann, wenn also die Logik des Ereignisses rekonstruiert werden kann.

Integriert werden auch die „heißen“ und „kühlen“ Teile des limbischen Systems unseres Gehirns. Damit werden zwei für unser emotionales Gedächtnis wichtige Zentren in Verbindung gebracht, sodass implizite und explizite Erinnerung zusammenfinden. Dafür ist wichtig zu wissen, dass jede Stresserfahrung  in zwei Reizverarbeitungs- bzw. Speichersystemen unseres Gehirns parallel bewertet wird: im „kühlen“ Hippocampus und in der „heißen“ Amygdala.

Die Amygdala bildet eine Art Frühwarnsystem. Sie ist entwicklungspsychologisch früher angelegt (3. Monat der Schwangerschaft) und funktioniert schneller und primitiver als der Hippocampus. Sie stellt unser implizites Gedächtnis mit fragmentarischer Speicherung der komplexen Stressreize dar, ohne Raum-Zeit-Zuordnung (also auch ohne biographische Zuordnung). dabei wird das Broca-Sprachzentrums abgekoppelt und die Verbindung zum Thalamus, der darüber entscheidet, was zum Bewusstsein gelangt, unterbrochen. Es gibt also in der Amygdala keine Grundlagen für verbale Ausdrucksmöglichkeiten und für eine narrative Verarbeitung.

Demgegenüber regelt das „kühle“ Hippocampus-System das später entwickelte (2.-3. Lebensjahr), zeitlich geordnete, explizite Gedächtnis. Dort werden Informationen sprachlich ausdrückbar, episodisch geordnet, kognitiv überprüfbar und weniger emotional aufgeladen verarbeitet und gespeichert. Der Hippocampus ist eng verbunden mit dem Broca-Sprachzentrum und dem Thalamus.

So  verbleiben Traumata durch Überflutung mit Stress und durch die „Abschaltung“ des Hippocampus („peritraumatische Dissoziation“) im „heißen Speicher“. Sie können also nicht zu einer abgeschlossenen Geschichte werden, deren Anfang, Verlauf, Ende und Bedeutung der betreffenden Person bewusst sind.  Deshalb sind die so abgespeicherten Traumafragmente jederzeit durch Reize, die an die ursprüngliche Erfahrung erinnern, von außen auslösbar. Es wird dann eine für die gegenwärtige Situation der Person inadäquate körperliche Flucht- oder Kampfbereitschaft oder auch Erstarrungsreaktion ausgelöst. Erleben und Verhalten können dadurch stark beeinflusst und verzerrt werden, oft ohne dass für die betreffende Person der Zusammenhang zwischen der damaligen Situation und den irritierenden, ängstigenden Sinneseindrücken oder Veränderungen der Wahrnehmung und Reaktionen in der Gegenwart ersichtlich ist.

Die rekonstruktive Erzählung bettet die isoliert in der Amygdala abgelegte Traumaerfahrung in einen kognitiven Zusammenhang ein und nimmt ihr damit die destruktive Wirkkraft, die sie durch das Auslösen von unspezifischen Ängsten ausüben kann. Worüber wir reden und erzählen können, brauchen wir keine Angst zu haben.


Weiterführende Informationen zur Gehirntheorie

Vgl. Erzählend sind wir und erzählt
Die erzählte Geschichte und der Moment 

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