Mittwoch, 4. Januar 2012

Das Leben als Quiz: Über den Zufall

„Ich habe heute zufällig XY getroffen…“ – „Nein, nein, Zufälle gibt es nicht.“
So verläuft die Konversation vorhersehbar, wenn wir es mit esoterisch vorgebildeten Menschen zu tun haben. Was hat es also mit diesem Zufall auf sich, den es gar nicht geben soll?

Als zufällig bezeichnen wir Ereignisse, die wir nicht vorhergesehen und erwartet haben, die nicht einer Folgerichtigkeit oder, was häufig als Gegenbegriff zum Zufall gilt, einer Notwendigkeit entspringen. Wenn mir ein Teller aus der Hand gleitet, kann ich mich schlecht auf den Zufall ausreden, wenn dieser dann tatsächlich am Boden zerschellt. Wenn ich das Geld in den Automaten werfe und der Fahrschein herauskommt, glaube ich auch nicht an den Zufall, ebenso wenig, wenn sich jemand bedankt, dem ich einen Gefallen getan habe.

Zufall ist es dann, wenn ich die Regel nicht erkenne, nach der etwas abläuft und eine überraschende Wendung dadurch eintritt. Zufällig habe ich XY getroffen, den ich etwas fragen wollte, noch bevor ich ihn anrufen konnte. Zufällig schreibt die Zeitung über ein Thema, das mich gerade beschäftigt. Zufällig fällt irgendjemandem der Lottogewinn zu und nicht mir.

Manchmal spielt der Zufall gut mit mir, manchmal nicht, d.h. manchmal bin ich zufrieden mit dem, was auf diese Art passiert, manchmal nicht. Der Zufall liegt jedenfalls jenseits meiner Verantwortung. Niemand kann mich zur Rechenschaft ziehen oder belangen, wenn etwas aus Zufall geschieht, wenn z.B. der Bus verspätet war oder der Computer abgestürzt ist.

Soweit unser Alltagsleben und der Zufall. Welche Rolle spiegelt der Zufall in größeren Zusammenhängen, z.B. in der Wirtschaft? Verläuft sie nach Gesetzmäßigkeiten, die vorausberechnet werden können, oder sind die wirtschaftlichen Vorgänge regellos und ohne Folgerichtigkeit? Jeder Produzent, der sich mit einer Ware auf den Markt begibt, möchte damit Erfolg haben und einen guten Gewinn mit nach Hause nehmen. Er wird dazu die Strategie auswählen, die ihm den größten Erfolg verspricht. Es kann jedoch sein, dass die Kunden, die an seinem Produkt interessiert sind, gerade an dem Tag, an dem er es feilbietet, keine Zeit haben und erst am nächsten Tag vorbeikommen. Jedoch könnte der Produzent schon nach dem ersten Tag wegen des Misserfolgs frustriert das Handtuch werfen und meinen, dass sich niemand für sein Produkt interessiert. Woher soll er auch wissen, dass gerade am nächsten Tag tolle Geschäfte winken? Die Zukunft ist nicht vorhersehbar.

Wir könnten unserem Produzenten raten, auf seine Intuition zu hören. Sie verspricht uns ja, die Unvorhersehbarkeit der Zukunft auszutricksen. Doch vielleicht ist es gerade seine Intuition, die ihm sagt, dass er am nächsten Tag zuhause bleiben soll, statt den ganzen Tag am Marktplatz zu verbringen? Woher soll die Intuition wissen, was am nächsten Tag passieren wird? Vielleicht finden die potenziellen Kunden erst nach fünf Tagen auf den Markt?

Natürlich versuchen die Marketing-Experten, die Abläufe am Markt überschaubar zu halten. Bevor ein Produkt eingeführt wird, finden umfangreiche Tests statt, ob es die Kunden annehmen. Doch gibt es keine Garantie gegen einen Flop. Zuerst sind alle begeistert und wollen das neue Produkt, doch bald rennen sie zur Konkurrenz, und die Ware muss verramscht werden. Schlechtes Marketing oder einfach Pech? Notwendigkeit oder Zufall? Das zeigt sich bei den wirtschaftlichen Entscheidungen immer erst im Nachhinein. Kein Marketing-Manager plant eine schlechte Kampagne. Nur erkennt er manchmal erst dann, was falsch läuft, wenn es zu spät ist. Also macht er es beim nächsten Mal anders, berücksichtigt den Fehler, aber kann diesmal aus ganz anderen, wieder unvorhersehbaren Gründen, scheitern. Und dann steht der Firmenchef vor der Frage, den Marketing-Leiter zu feuern oder darauf zu hoffen, dass die nächste Kampagne endlich den Durchbruch bringt. Was denkt der Chef, wenn er den Mann verabschiedet und erfährt, dass dieser bei der neuen Firma als Genie gefeiert wird?

Ist also der, der in der Wirtschaft erfolgreich ist, einfach jemand, der Glück hat, dem die Zufälle zufallen? Natürlich muss die Basis stimmen, das, was wir die Leistung nennen, das Wissen, die Arbeit, der unermüdliche Einsatz. Aber ob das alles zum großen Durchbruch führt, zum Supergewinn, steht auf einem anderen Blatt. So viele Menschen bringen ihre Leistung, und so wenige kommen nach oben, und ganz nach oben fast keiner.

Vielleicht schauen wir deshalb so gerne Quiz-Sendungen im Fernsehen an: Die Kandidaten müssen etwas leisten, sie müssen im Schweiß ihres Angesichts Antworten auf die belanglosesten Fragen finden, die sie sich in ihrem Leben sonst nie stellen würden. Die Aufgaben sind unvorhersehbar und tauchen zufällig aus einer Kiste oder aus einem Computer auf. Die Kandidaten können sich auf vieles vorbereiten, aber nie auf alles. Und wenn dann der klügste und wissendste Kopf an einer Frage scheitert, wer wann gegen wen welches Tor geschossen hat oder wer wann in wen verschossen war, spüren wir Bedauern und gleichzeitig Erleichterung – niemand ist gegen den Zufall gefeit. Er ist mächtiger als alle unsere Leistungen. Wenn wir in unserem Leben gewinnen oder wenn wir verlieren, verdanken wir es nicht unseren Fähigkeiten, sondern den Wechselfällen des Glücks oder Unglücks, dem, was wir Zufall nennen. Der Zufall entschuldigt uns vor unserem inneren Kritiker, dem verinnerlichten Wirtschaftssystem.

Also spiegelt die Quiz-Sendung dieses Wirtschaftssystem und seine Gegebenheiten. Der Tüchtige bringt es weiter als der Untüchtige und scheitert doch irgendwann selber an den Undurchschaubarkeiten des Marktes. Dazu kommt: Wo der Tüchtige nicht mehr weiter kommt, gibt es einen objektiven Grund, eine schicksalshafte Notwendigkeit: Es gibt nur den einen höchsten Berg von Patagonien und den einen Erfinder der Schaumrolle, und wer das nicht weiß, ist nicht für die höchsten Weihen ausersehen. Deshalb empfinden wir auch eine Befriedigung des Gerechtigkeitssinns, wenn der Tüchtige scheitert. Unser eigenes Scheitern ist dann nicht mehr so schlimm. Und: Tüchtig ist, wer den Erfordernissen des Systems am besten entsprechen kann. Sobald sich diese ändern, und der Tüchtige diese Änderung nicht mitmachen kann, geht auch er unter. Das System ist immer mächtiger, dagegen haben wir nie eine Chance.

Ähnlich bei den Talenteshows, bei denen die Kandidaten nacheinander rausfliegen: die Kriterien sind „objektiv“, eine allmächtige Jury oder ein anonymes Publikum entscheiden, die Talente bringen ihre Leistung, mag sie noch so toll sein, irgendwann ist dann Schluss, und das alles entzieht sich ihrer Macht und Kontrolle.

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