Sonntag, 17. April 2011

Helden

Gerade (17.4.2011) gehen in Kroatien die Leute auf die Straße, um für ihren "Helden" Ante Godovina zu demonstrieren, der von einem unabhängigen Gericht mehrerer Kriegsverbrechen für schuldig befunden wurde.

Ich sehe daran, wie sehr die Vergangenheit Menschen imprägnieren kann. Unaufgearbeitete Traumatisierungen führen dazu, dass die Welt in Kategorien eingeteilt wird - wer auf unserer Seite steht, ist immer gut, die auf der anderen Seite immer schlecht. Wie kann ein General von unserer Seite, der einen Krieg gewonnen hat, ein Verbrecher sein? Unmöglich, da müssen die, die ihn verurteilt haben, die Verbrecher sein.

Es wird also nicht mehr auf die Wirklichkeit geschaut - was hat ein Mensch getan und wofür hat er die Verantwortung zu tragen, sondern auf die eigene Verletztheit, die aber nicht gespürt wird, sondern in Aggression umgedreht wird - Hass auf die EU und auf das Gericht, das die Verurteilung ausgesprochen hat.

Die Menschen reagieren so, als wäre ihnen ein Stück ihrer Identität weggenommen worden - ein Held, an dem sie sich orientieren konnten. Blöd, dass sich herausstellt, dass er zwischen seinen Heldentaten Verbrechen begangen hat. Der Verlust dieser Identifizierung ist schmerzhaft und wird mit Wut ausgedrückt und soll natürlich rückgängig gemacht werden.

Das Denken, das hinter diesen Reaktionen steht, ist im 19. Jahrhundert entstanden. Damals wurden die Menschen mit dem Gift des Nationalismus infisziert und sind seither davon abhängig. Es kann mir nur gut gehen, wenn es meiner Nation gut geht. Ebenso war diese Zeit eine Hochblüte des Heldentums - glorreiche Kämpfer für die machtvolle Aufwertung der eigenen Nation tummeln sich allenthalben. In Bronze gegossen, stehen sie in allen Städten noch immer herum und laden zur Verehrung ein.

Wenn wir uns aus der Bewusstseinsschicht, die das 19. Jahrhundert bis in unsere Zeit hinein geprägt hat, lösen, verschwindet das Bedürfnis nach Helden. Wir schauen mehr auf uns selbst, auf das, was unsere eigenen Fähigkeiten und Potenziale sind, als dass wir die Genies und Helden verehren und glorifizieren. Jeder ist der Held/die Heldin im eigenen Leben. Wozu brauchen wir jemanden, der angeblich so herausragende Leistungen vollbringt? Was verändert das an der eigenen Lebensqualität? Schauen wir darauf, dass wir unser eigenes Leben kreativ und mutig leben, indem wir die Herausforderungen, die es ganz individuell an uns stellt, bestmöglich meistern. Das kann das Erziehen von Kindern oder das Erledigen von Büroaufgaben genauso sein wie das Schreiben von Büchern oder von Musik.

Was noch verschwinden sollte, und zwar möglichst schnell und möglichst aus allen Köpfen, ist die Idee des Nationalismus. Sie hatte ihre Bedeutung im 19. Jahrhundert, hat im 20. Jahrhundert Millionen von Todesopfern verursacht und sollte im 21. Jahrhundert restlos entsorgt werden. Wir brauchen keine Nationen mehr, um die Probleme dieser Welt anzugehen: Wohlstandsgefälle, Umweltbelastung, Ressourcensicherung und -aufteilung, usw. Die Nationen stehen da nur im Weg. Wir brauchen globale Lösungen, und die finden wir nur, wenn wir über die nationalen Tellerränder schauen. Wolken mit radioaktivem Fallout halten sich auch nicht an nationale Grenzen.

Stellen wir uns also vor, dass es keine Grenzen mehr gibt und die Menschen sich nicht mehr als Österreicher, Kroaten oder Serben wahrnehmen, sondern als Bürger dieser Welt, mit einer Verantwortung für diese Welt und das Leben darauf (imagine, there's no countries...).

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