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Dienstag, 8. Juni 2021

Spirituelle Überheblichkeit

Eine Falle auf dem Weg zur inneren Freiheit liegt in der Überlegenheit, die sich als Resultat innerer Fortschritte und überwundener Hindernisse zeigt. Wenn jemand konsequent meditiert, fleißig zu spirituellen Lehrern geht und entsprechende Bücher liest, wenn jemand immer wieder nach innen schaut und die Ängste, Schamgefühle und Zweifel konfrontiert, also viel Zeit und Energie aufwendet, wird sich leicht im Hintergrund das Ego melden, das sich auf solche Errungenschaften etwas einbildet. Auf dieser Schiene steigt die Empfänglichkeit für ideologische Versatzstücke, die im Kleid von spirituellen Weisheiten oder Eingebungen auftreten.

Die Rede von unterschiedlichen Seelen und Energiefrequenzen, von höher entwickelten Wesen und jungen und alten Seelen birgt diese Gefahr. Sie teilt die Menschheit auf Entwicklungsstufen auf, nach subjektiv definierten Kriterien. Solche Einteilungen werden ja nicht von jenen verwendet, die sich nach solchen Kategorisierungen auf unteren Stufen befinden, sondern von jenen, die schon weiter oben angelangt sind, und da ist unvermeidlich die Sicht dabei, sich besser zu fühlen als die, die es nicht so weit nach oben geschafft haben, also der Blickwinkel der Arroganz und der Verachtung. Wer solche Kategorien und Abstufungen zum Einteilen der Menschen braucht, hat ein Defizit im eigenen Ego, das mit solchen Schubladen, in die die Menschen gesteckt werden, aufgepäppelt werden soll.

Vollends dubios werden solche Sichtweisen, wenn es heißt, dass jene, die weiter oben sind, die zukünftigen Herausforderungen der Menschheit überleben werden, während diejenigen, die spirituell schwächer auf der Brust sind, bei den kommenden Polsprüngen oder Alienslandungen oder Maya-Kalender-Katastrophen untergehen werden. Auch das Problem der Weltübervölkerung findet auf diese Weise eine scheinbar gütliche Lösung: Die besseren Menschen überleben und machen eine bessere Welt, die schlechteren Menschen bleiben auf der Strecke und stehen nicht mehr im Weg, damit endlich dem Frieden und der Harmonie zum Durchbruch verholfen werden kann. 

Auserwählungsreligionen

Das Motiv des Auserwähltseins gibt es in verschiedenen religiösen Traditionen. Zum Beispiel berufen sich die Juden auf einen exklusiven Bund mit Gott, der sich dem Volk Juda in besonderer Weise zugewandt hat. Die Christen nehmen als Zeichen ihrer Besonderheit Jesus und seine Botschaft, der als Gott Mensch geworden ist und damit die christliche Religion begründet hat. Für Muslime ist die Wahrheit Gottes, die über den Propheten vermittelt wurde, Anlass für die herausragende Stellung gegenüber den anderen Religionen. Während es bei den meisten religiösen Texten um die Beziehungen der Menschen untereinander, mit sich selbst und mit Gott geht und nicht um die Beziehungen zu anderen Religionen, nimmt dieses Thema bei vielen Gläubigen eine zentrale Stellung ein. 

Offenbar geht es darum, den eigenen Selbstwert über die Überlegenheit des eigenen Glaubens zu stabilisieren. Der Gedanke der Mission, der in den meisten monotheistischen Religionen (mit Ausnahme des Judentums) vertreten ist, wird von dieser Überlegenheitsdoktrin angetrieben. Die heidnischen Seelen müssen mit der besseren Religion aus ihrem Elend erlöst werden, notfalls auch mit Gewalt.  Zugleich stärkt jede bekehrte Person die Sicherheit, dem richtigen Glauben anzuhängen. 

Nationalismen und Rassismen

Im profanen Bereich wurde die Idee der Auserwählung vor allem vom Nationalismus und Rassismus übernommen. Der koloniale Imperialismus, unter dessen Flagge ganze Kontinente mitsamt ihren Bewohnern von der „weißen Rasse“ unterworfen wurden, hat seine Rechtfertigung in der intellektuellen und, man glaubt es kaum, moralischen Überlegenheit über die Primitivlinge in den zurückgebliebenen Erdteilen. Die Zerstörung der einheimischen Kulturen und Traditionen haben bis heute ihre Spuren hinterlassen.

Die Vorgeschichte des 1. Weltkriegs ist geprägt von nationalstaatlichen Arroganzen und eitlen Machtdemonstrationen der europäischen Großmächte. Systematisch wurde mit der Propaganda der eigenen nationalen Überlegenheit gegenüber den anderen Staaten oder Bevölkerungen und Volksgruppen geschürt, sodass zu Kriegsbeginn der wechselseitige Hass so stark war, dass die Soldaten mit Begeisterung und Wut in den mörderischen Krieg zogen.

Verschärft wurde diese Einstellung von den faschistischen Parteien in der Zwischenkriegszeit, die Nationalismus mit Rassismus verknüpften. Die eigene Nation mit rassisch definiertem Untergrund („deutsche Arier“) sollte nicht nur die Überlegenheit über alle anderen symbolisieren, sondern auch den Anspruch auf Herrschaft und Unterdrückung der minderrassischen Angehörigen anderer Nationen. 

Diese Konzepte der nationalen und rassischen Selbstbestätigung können aufgrund der von ihnen verursachten Katastrophen als überholt betrachtet werden, als kolossale Irrtümer und Verirrungen der Menschheit. Natürlich ist der Nationalismus noch lange nicht tot, und bis heute versuchen Politiker, mit diesem Begriff an die Macht zu kommen, zunehmend als Vorwand für die eigene Bereicherung, der aber immer noch von genügend vielen Menschen nicht durchschaut wird.

Die Aufklärung und die Spiritualität

Jedenfalls sollte gerade die spirituelle Szene frei von solchen menschenfeindlichen und narzisstischen Konzepten und Ideen sein. Andererseits ist auch sie eine Wiederspiegelung der Gesellschaft mit ihren erlösten und unerlösten Themen. Sie schleichen sich in spirituelle Lehren ein, vor allem wenn die Lehrer und Lehrerinnen zwar ihre inneren Entwicklungsschritte durchlaufen haben, aber ihnen die Dimension der gesellschaftlichen Aufklärung fremd geblieben ist. Dadurch haben sie keinen Blick auf die Implikationen von Ideengebäuden, die scheinbar einen hohen spirituellen Erklärungswert aufweisen, aber aufgrund ihrer ideologischen Vorprägungen Egoismen bedienen, statt die innere Aufklärung weiterzutreiben.

Spirituell Lehrende tragen eine hohe Verantwortung, weil ihren Worten von den Lernenden viel Autorität zugebilligt wird. Schüler kommen zur Meisterin und nehmen sie zum Vorbild, denn sie repräsentiert einen Zustand des inneren Friedens, den sie auch erreichen wollen. Die Worte und Konzepte, der verbale Inhalt der Lehre, werden für bare Münze genommen, weil es oft heißt, dass sich der kritische Verstand nicht einmischen soll. 

Auf diese Weise öffnet sich allerdings die Falle, indem Ideologien und Machtthemen in die Lehre ungeprüft in den Lehrraum eindringen können. Die Schülerin steht dann vor der Entscheidung, auf die Vernunft zu hören, die ihr rät, Ideologien nicht auf den Leim zu gehen, sondern dem aufklärerischen Geist des kritischen Denkens treu zu bleiben, und dem Wunsch, dem Treiben des Verstandes im eigenen Kopf Einhalt zu gebieten. 

Vernunft und Verstand

Selten reden Lehrer über den wichtigen Unterschied zwischen der Vernunft, dem Forum des kritischen Geistes auch und gerade gegenüber den Worten, mit welchen die Spiritualität vermittelt wird, und dem Verstand, dem Hort der Widerstände gegen die spirituelle Hingabe. Wo diese Ebenen nicht auseinandergehalten werden, entsteht entweder Verwirrung oder spirituelle Überheblichkeit. 

Es braucht die kritische Unterscheidungskraft zwischen genuin spirituellen Inhalten und historisch-bedingten Versatzstücken, die in den Köpfen aller Gesellschaftsmitglieder, also auch der spirituellen Lehrer, herumspuken. Wo sie fehlt, machen sich allzu leicht Theorien breit, die die spirituelle Arroganz und damit das Ego verstärken. Wo im Zeichen der Überwindung des Verstandesdenken auch die Vernunft, die für diese Unterscheidungskraft zuständig ist, geopfert wird, kommt es schnell zu einer Vermischung von spiritueller Lehre und ideologiegetränkter Propaganda.

Zum Weiterlesen:
Vom Vergleichen
Das Unterscheiden des Absoluten und Relativen in der Lehre

Donnerstag, 23. April 2020

Mit Unvorhersehbarkeiten leben

Was wir über die Zukunft lernen können


Die Zukunft ist nicht in unserer Hand. Wir können sie nicht kontrollieren. Das verstehen wir zwar kognitiv, weil uns klar ist, dass der Verlauf der Zukunft von so vielen Faktoren abhängt, die nur zum winzigsten Teil von uns selber beeinflusst werden. Emotional allerdings leiden wir darunter – bzw. leidet unser Kontrollbedürfnis, das uns vor den Ängsten bewahren will, die durch eine ungewisse Zukunft bewirkt werden. Es könnte ja alles Mögliche auf uns zukommen, Ereignisse, die unangenehm und belastend sind und von denen wir nicht wissen, ob wir sie bewältigen können. Deshalb hat die Zukunft immer auch eine bedrohliche Note. Um der möglichen Gefahren Herr zu werden, die auf uns lauern, hätten wir gerne die Macht, alle Unwägbarkeiten auszuschalten und gegen die Sicherheit einzutauschen, dass alles, was wir uns ausdenken und planen, genauso eintreten wird, wie es für uns zum Besten ist. 

Um diese Kontrolle zu erlangen, bemühen wir unser Wissen: Was in der Vergangenheit funktioniert hat, könnte uns auch für die Planung der Zukunft Sicherheit geben. Wissen ist natürlich notwendig und hilfreich, allerdings auch immer beschränkt in seiner Wirkmächtigkeit. Denn jedes Wissen kann seine Bedeutung und seinen Wert unter geänderten Umständen in der Zukunft verlieren. Was uns heute von Nutzen ist, kann morgen oder übermorgen schon überholt sein.


Die Intuition und der Narzissmus


Wir bemühen auch unsere Intuition für die interne Kontrolle der Zukunft. Wir haben Vorahnungen, und manchmal bewahrheiten sich diese, manchmal aber auch nicht. Unsere Vorahnungen sind mehr oder weniger unzuverlässig, wenn wir genauer hinschauen, vielleicht noch weniger als unser Wissen. Also ist auch die Intuition ein Wegweiser ins Ungewisse. 

Wir neigen allerdings dazu, sie zu idealisieren. Es unterläuft uns nämlich, dass wir Vorahnungen, die sich bestätigen, deutlicher zu erinnern als solche, die nicht eingetreten sind. Schließlich ahnen wir, dass es unwahrscheinlicher ist, dass Fantasien, die wir in uns haben, eintreten als dass sie nicht eintreten und nehmen deshalb eingetretene Fantasien als bedeutsamer wahr als solche, mit denen wir falsch lagen. Der realistische Teil in uns achtet auf die inneren Stimmen der Intuition und bleibt vorsichtig, was ihren prognostischen Wert anbetrifft. Wenn wir diesen Teil außer Acht lassen, wird die Intuition in unser narzisstisches Gefüge eingebaut, indem wir uns für jemand Besonderen halten, weil wir doch über eine Zukunftsschau verfügen. 

Die Intuition ist, was sie ist, ein Aspekt unserer Wirklichkeitswahrnehmung, eine Form der unbewussten Intelligenz. Sie wird auch mit dem Bauchhirn in Verbindung gebracht, weil wir sie als ein Gefühl im Bauch erleben. Die Wissenschaftler streiten, was wichtiger und hilfreicher für die Entscheidungsfindung ist: Die Intuition (das Bauchgefühl) oder der bewusste Verstand. Daraus folgt, dass wir über keinen zuverlässigen und fehlerfreien Ratgeber verfügen, der uns Sicherheit über die Zukunft geben könnte. Wir sind und bleiben fehlbar, ein Eingeständnis, das uns schwerfällt, weil damit ein Aspekt unserer Selbstverliebtheit aufgegeben werden muss.


Im Moment sein befreit von der Selbstüberschätzung


In Zeiten wie diesen, wo viele Sicherheiten durch ein Virus außer Kraft gesetzt wurden, wird deutlich, wie ausgeprägt unser Sicherheitsdenken ist und wie abhängig wir von ihm sind. Sofort tauchen diffuse Ängste auf, wenn die Umstände keine verlässlichen Planungen in die Zukunft erlauben: Können wir wieder zu unserem Arbeitsplatz zurückkehren, wenn ja, wann und unter welchen Umständen? Können wir diesen Sommer auf Urlaub fahren, wenn ja, wohin schon und wohin nicht? Gibt es jemals wieder eine „Normalität“ wie vor der Krise oder wird sie unser Leben völlig neu umgestalten?

Wir haben nur diesen Moment als Stütze für unser Sicherheitsbedürfnis zur Verfügung. Im Jetzt können wir uns sicher sein, dass wir da sind und leben. Die Vergangenheit ist vorbei, sie kann uns keine mehr Sicherheit geben, und die Zukunft ist noch nicht da, sie kann also auch in dieser Hinsicht nichts beisteuern. Der nächste Moment kann uns eine angenehme oder eine unangenehme Überraschung bereiten oder auch genau das bringen, was wir erwartet haben. Vorher wissen wir es nicht. Wenn ich diesen Text schreibe, weiß ich nie, ob und wann mir der nächste Satz einfällt. 

Die Lebenskunst besteht einfach nur darin, sich von Überraschungen überraschen zu lassen und das Erwartbare anzunehmen. Die Ungewissheit über die Zukunft enthält die große Chance, den Moment, das Jetzt, die Gegenwart mit Sinn zu erfüllen. Wir können die Krise als Lehrerin in der Weisheit betrachten, indem sie uns ein tieferes Stück der Erkenntnis über die Wirklichkeit ermöglicht und unsere Illusionen zerstreut. Wir dachten nur, wir hätten die Kontrolle in einem nahezu unbegrenzten Ausmaß, und unsere diesbezüglichen überheblichen Einbildungen werden nun auf ein realistisches Maß zurückgestutzt. Wir wissen ganz wenig und wir erahnen ganz wenig. Wir sind mit unseren Einflussmöglichkeiten auf unsere engen Kreise beschränkt und all den anderen Einflüssen ausgesetzt, die durch all die anderen engen Kreise auf uns einwirken. Wir sind ohnmächtiger als wir glaubten, kleiner, als wir uns einschätzten. Diese Erkenntnis macht uns wohl mehr zu schaffen als die schrumpfende Wirtschaft und die Verluste an Einkommen und Freizeitmöglichkeiten.

Es ist handelt sich auch um eine Krise des Narzissmus, eine Krise der Selbstüberschätzung – für uns selbst, für die Gesellschaft und für die Menschheit. Die glänzende Fassade der neoliberalen Ideologie mit ihrer selbstverliebten Verblendung  blättert ab. Es kann nur heilsam sein, wenn wir die aktuelle Situation als Krise unseres Hangs zur Überheblichkeit verstehen und in unser Inneres übersetzen. Jedes Stück Narzissmus, dessen wir uns entledigen können, macht uns mehr zu dem, was wir wirklich sind und hilft uns, unser Leben in diesem Moment mit all dem, was gerade ist, wertzuschätzen.

Zum Weiterlesen:
Leben mit dem Bauchhirn

Raus aus der Gehirnwäsche
Eine Krise des Neoliberalismus

Donnerstag, 7. November 2019

Bescheidenheit als Tugend

Ist Bescheidenheit eine Tugend, fragt „Hanzi Freinacht“ in einem facebook-Posting. Er meint, dass die Bescheidenheit als Norm nicht taugt, weil sie dann als etwas Besseres ausgegeben wird als etwas anderes, Arroganz beispielsweise. Damit wird der Bescheidene zum überheblichen Besserwisser. „Die Bescheidenheit zu ehren und die Arroganz zu verachten, ist selbst ein Hochverrat an der Bescheidenheit,“ so Freinacht. 

Natürlich wird die Bescheidenheit zur Waffe, wenn wir sie gegen andere Haltungen von Menschen in Stellung bringen und Vergleiche anstellen. Bescheidenheit an sich ist weder besser noch schlechter als Arroganz. Beide Haltungen haben ihren Sinn und ihren Schatten. Eine gesunde Arroganz können wir mit gesundem Stolz gleichsetzen und eine falsche Bescheidenheit geht leicht mit Heuchelei einher. Die Tatsache jedoch, dass wir die Bescheidenheit für Machtzwecke nutzen können und uns damit selbst widersprechen, bedeutet nicht, dass sie nicht als Tugend taugen würde. Denn das gleiche gilt für jede andere Tugend auch. Die Nächstenliebe können wir für egoistische Handlungen missbrauchen, die Tapferkeit zur Gewaltrechtfertigung, die Weisheit zur Manipulation, die Geduld zur Verzögerung, die Ehrlichkeit zur Rücksichtslosigkeit usw. 

Tugenden und Laster

Was verstehen wir eigentlich unter dem etwas antiquiert wirkenden Begriff Tugend? Sie ist eine innere Einstellung und ethische Haltung, die erworben und gepflegt werden muss, die also nicht einfach unseren ursprünglichen Impulsen und Trieben entspringt, sondern im Zug des Hineinwachsens in die Gesellschaft angenommen wird. Sie besteht im Überwinden von egoistischen Antrieben und Gewohnheiten, von Bequemlichkeiten und Ängsten. Sie ist an einem überpersönlichen Guten orientiert, das prinzipiell allen Menschen dient.

Jede Tugend hat eine Seite, die als Vorbild und Richtschnur für ein gutes Leben dient, und eine Schlagseite, die zum Missbrauch verleitet. Unser Ego will immer mitschneiden, wenn wir einen inneren Fortschritt machen, indem es dafür z.B. Bewunderung oder materielle Vorteile erheischen möchte. Schon haben wir den dünnen Grat, auf dem die Tugend wandelt, verlassen und sind im Laster gelandet. 

Prediger der Bescheidenheit

Anderen Tugenden zu predigen, ist immer eine heikle Angelegenheit und funktioniert solange, als Hierarchien im Spiel sind. Früher war es die Aufgabe von Priestern, Missionaren, Kirchenlehrern und anderen Autoritäten, die dem einfachen Volk mores lehrten, also das, was als gut und böse zu gelten hat. Die Aufklärung hat mit der Demontage dieser Autoritäten begonnen. Seither muss sich jede Stimme, die Tugenden öffentlich anpreist, einer Rechtfertigung unterziehen und unterliegt der Prüfung im kritischen Diskurs. 

Jeder darf sich selber auf den Weg machen, die eigene Tugendhaftigkeit auszuformen und dafür die Verantwortung zu übernehmen, am besten im Rahmen der Bescheidenheit. Denn unsere eigenen Errungenschaften sind auch unsere kostbarsten Geschenke: Was wir in uns entwickeln können, verdanken wir immer auch anderen Quellen – darauf weist uns die Haltung der Bescheidenheit hin.

Bescheidenheit bedeutet, die eigenen Ansprüche und Erwartungen zurückzuschrauben. Sie umfasst die Fähigkeit, sich ohne schmerzhaften Verzicht, sondern aus Einsicht mit weniger zufriedenzugeben und die Quellen des Glücks im Inneren statt im Äußeren zu suchen. Sie beinhaltet ein erwachsenes Bedürfnismanagement: Die Unterscheidungsfähigkeit zwischen aktuellen, realen Bedürfnissen und illusionären oder eingebildeten Wünschen und Sehnsüchten sowie die Unterscheidungsfähigkeit zwischen unerfüllten Glücksansprüchen aus der Kindheit und den Notwendigkeiten der Erwachsenenwelt.

Die Bescheidenheit taugt nicht zum Vergleichen („Ich habe mehr davon als andere“) oder zum Verordnen („Du musst endlich bescheidener werden“) und auch nicht zur Selbstbeweihräucherung („Seht her, wie bescheiden ich bin“). Vielmehr muss sie selbst gefunden und entwickelt werden, eine persönliche Errungenschaft sein, damit sie in den eigenen Lebensstil inkorporiert werden kann. Sicher ist es sinnvoll, sich an Vorbildern zu orientieren. Es gibt eine Untersuchung, die festgestellt hat, dass Menschen dann aufs Fliegen verzichten (aus Gründen der Rücksichtnahme auf die Umwelt, also aus einer Haltung der Bescheidenheit), wenn sie Menschen kennengelernt haben, die diesen Schritt gemacht haben und damit gut leben können.

Die falsche Bescheidenheit

Die Bezeichnung „falsche Bescheidenheit“ weist auf einen der verschiedenen Missbräuche der Tugend hin. Sie besteht beispielsweise darin, ernst gemeintes Lob oder Anerkennung abzulehnen, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen. Auch die Zurückweisung eines Gefallens, den einen jemand erweisen möchte, zählt dazu, oder das Sich-Zieren, eine Beförderung oder Auszeichnung anzunehmen. Es handelt sich um eine Anmaßung im Kleid der Bescheidenheit: Ein Bedürfnis, als außergewöhnlich bescheiden von den anderen angesehen zu werden und damit einen besonderen moralischen Status zu bekommen. „Falsch“ ist diese Bescheidenheit auch deshalb, weil mit ihr andere Menschen getäuscht werden sollen.

Privilegien und Bescheidenheit

Wir leben mit einem hohen Grad von Luxus, als Mitglieder einer dünnen Oberschicht der Weltbevölkerung. Wir können diese privilegierte Stellung mit der Demut derer, denen ein besonderes Los ohne Verdienst zugeteilt wurde, einnehmen. Dann liegt uns die Bescheidenheit näher als Machtstreben, Überheblichkeit und Raffgier. Mit dem von der Gier angetriebenen Zwang zur Güteranhäufung machen wir uns von einem Habenmodus abhängig, der uns in die Selbstausbeutung führt. Üben wir uns statt dessen in der Tugend der Bescheidenheit, so können wir sehr viel, wenn nicht sogar Entscheidendes zur Balancierung der Ungleichheiten innerhalb der Weltgesellschaft und im Verhältnis zwischen Menschheit und Natur beitragen. Zugleich kommt auch unser Inneres zu mehr Ausgleich und Frieden, weil es nicht mehr vom Habenwollen in Geiselhaft genommen ist. 

Die Bescheidenheit beinhaltet die Wertschätzung des Kleinen, Unscheinbaren, Unspektakulären. Die kleinen Dinge schaffen kleine Freuden, doch summieren sich diese Freuden beständig. Wenn das, was sonst übersehen wird, gesehen und wertgeschätzt wird, wächst das Ausmaß an Schönheit in dieser Welt.

Sonntag, 20. November 2016

Arroganz: Der Schatten der Liberalität

Jede Perspektive auf die Welt hat einen Schatten, eine Seite, die nicht bewusst ist. Dort liegt ihre Beschränkung, die ihre eigene Wirkung auf die Realität einschränkt und manchmal sogar das Gegenteil von dem bewirkt, was sie anstrebt.

Elisabeth Raether hat im vergangenen Sommer in der ZEIT einen Essay über die „Arroganz“, die die Autoritären so stark macht, geschrieben und damit vorab ein Erklärungsmodell für den Wahlsieg von Donald Trump geliefert. Die These lautet, dass die Liberalen, also die Vertreter der Menschen- und Minderheitsrechte, die Gegner von Rassismus und billiger Politpropaganda, die Verfechter von Bildung und kulturellem Wissen eine Überheblichkeit in sich tragen. Sie sind überzeugt, dass sie die bessere Weltsicht haben, dass ihnen die Zukunft gehört und dass sie menschlicher sind. Sie glauben, dass sie genau wissen, wie die Menschen leben müssen, damit alles besser wird. Alle diese Überzeugungen sind wesentlich und aus meiner Sicht absolut notwendig, damit sich die Gesellschaft und die Menschheit insgesamt in eine konstruktive Richtung weiterentwickelt, sie unterstützen also die Evolution des Bewusstseins.

Rituale der Rache


Diese Arroganz erzeugt allerdings als Gegenreaktion bei vielen, die sich als Opfer von Modernisierungsprozessen fühlen, eine Abneigung gegen jene, die es besser wissen, aber keine Verbesserung der eigenen Problemlage bewirken können. Diese werden als abgehobene Elite erlebt und für das eigene Unglück verantwortlich gemacht. Daraus entsteht Hass und die Identifikation mit jenen, die sich nicht von den Eliten beeindrucken lassen (nicht auf ihre “Lügen“ hereinfallen) und statt dessen die Welt in einfachen Formeln erklären können.

Die Rechnung wird von jenen, die noch ans Wählen glauben, bei den Wahlen beglichen. Viele andere gehen gar nicht mehr hin. Die Verachteten und Ausgegrenzten wählen Personen, die sie als verachtet und ausgegrenzt erleben, um es den Ausgrenzern zu zeigen. So dienen Wahlen als Ritual der Rache. Erniedrigung durch schlechte Erfahrungen im eigenen Leben werden vergolten, indem die Außenseiter die Stimme kriegen.

Die Illiberalität der Liberalen


Damit die Liberalität gegen ihre Feinde gerettet werden kann, ist es wichtig, Licht in ihren Schatten zu bringen. Denn im Schatten ist auch eine Kraft verborgen, die, solange sie im Schatten verbleibt, hinderlich wirkt, und die von großem Nutzen sein kann, wenn sie ins Bewusstsein gelangt. Die Überheblichkeit besteht nicht darin, über gute Ideen zu verfügen und eine weite und weltoffene Einstellung mit Toleranz und Respekt zu vertreten. Sie zeigt sich dort, wo alle abschätzig betrachtet werden, die nicht über diese Einstellung verfügen, weil sie auf Grund anderer Lebensumstände entweder nicht die formelle Bildung genießen konnten oder nicht in einer Atmosphäre aufgewachsen sind, in der die Bildung des Herzens möglich war. Liberalität wird dort illiberal, wo alle prä- oder antiliberalen Menschen abgewertet werden.

Diese Abwertung kann ganz einfach dadurch geschehen, das eigene Leben mit den eigenen Werten zu führen, ohne die Rahmenbedingungen zu erkennen, in denen und durch die es überhaupt möglich ist. Raether spricht von einer Klassengesellschaft, in der die einen führen und die anderen folgen. „Wenn wir über Trump und seine Melania lachen, dann entlarven wir nicht sie, sondern uns.“

„Wir“ sind dabei alle, die es besser wissen, aber nicht verstehen, dass das Schlechter-Wissen auch dazugehört und verstanden werden will. Damit bleiben wir in einem geschlossenen Zirkel, in dem jeder Platz hat, der benachteiligt ist, außer er spielt nicht nach den Regeln des Zirkels. Die Grenze des Kreises derer, die dazugehören, wird durch Verachtung gebildet: Wer im Zirkel nicht mitkann oder mitwill, ist kein Vollmensch, sondern eine Schwundstufe davon, der die notwendigen Voraussetzungen fehlen.

Geht es ohne Verachtung?


Wie aber soll der, der es besser weiß, den nicht verachten, der sich dumm, schäbig oder gewalttätig verhält? Wie kann man nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn die nunmehrige gewählte First Lady ihre Wahlrede von ihrer Vorgängerin, die noch dazu in der gegnerischen Partei verankert ist, abgeschrieben hat und sie nicht akzentfrei ablesen konnte?

Das ungläubige Kopfschütteln, das nach der Wahl vom 8. November durch die liberalen Kreise der Welt wie ein seuchenartiger Tick ging, ist Ausdruck eines verwunderten Aufwachens darüber, dass es noch etwas anderes geben kann als die heile Welt des liberalen Fortschritts. Die Verachteten sind plötzlich im Besitz der Macht und stehen strahlend im Rampenlicht, und die Liberalen drücken sich irritiert und verschämt im Hintergrund herum.

Es ist die Verwunderung und das Entsetzen darüber, dass außerhalb des Kreises des eigenen Denkens hinaus etwas entstehen kann, was Menschen mobilisiert und Partei ergreifen lässt. Menschen werden auch anders als über Vernunft und Argumente, ja sogar wider alle Rationalität politisch aktiv. Es ist die Verwunderung über die Wirkmacht des Postfaktischen, das auch ein Postrationales ist, freilich so, dass es vor allem die prärationalen Mechanismen regressiv nutzt.

All das kann aus der Position der intellektuellen und ethischen Überlegenheit konstatiert werden. Doch die Überlegenen haben solange nichts von ihrer Überlegenheit, solange sie in der Haltung der Ausgrenzung kultivieren. Denn die Mechanismen der Mediendemokratie konfrontieren sie mit der harten Realität der Unvernunft, gegen die jedes noch so geschliffene Argument und jede noch so profunde journalistische Recherche abprallt: Die Dummheit verschafft sich die Mehrheit und damit die Macht und übt sie aus, so gut oder schlecht sie kann, und die Besserwissenden müssen ohnmächtig zuschauen.

– Oder: Sie kämpfen: Sie bekämpfen jede Maßnahme, die die Entwicklung zurückschrauben will, sie treten gegen jede Form der Ungerechtigkeit auf und nutzen dafür alle Kanäle, die zur Verfügung stehen, shitstorms, flashmobs, Großdemonstrationen, ziviler Ungehorsam, gewaltfreier Widerstand usw.

Das ist die Kur für die Arroganz: die eigene Ohnmacht angesichts des Triumphs der Verdummung zu spüren und wieder von unten zu beginnen, den Widerstand in geduldiger Kleinarbeit und in großen Aktionen in die Öffentlichkeit einzubringen und damit die Zivilgesellschaft tiefer zu verankern: Verbunden mit den Interessen und Bedürfnisse derer, die zu kurz gekommen und unter die Räder gekommen sind und die befürchten müssen, an den Rändern der Wohlstandsgesellschaften zu verkümmern.

Das Projekt der Aufklärung steht immer wieder vor neuen Anfängen, die mit neuen Mitteln und auf neuen Wegen begangen werden müssen. Die vor allem ökonomischen Herausforderungen der Globalisierung sind gesellschaftlich noch kaum aufgefangen.  Für dieses Beginnen ist ein Schub der Kreativität von Nöten, die der populistischen Machtausübung eine offene Kultur und ein Feuerwerk von Initiativen und Projekten entgegenstellt. Die Gesellschaft muss bunt bleiben und noch bunter werden, auch wenn deren autoritäre Idole und Führungsgestalten die Schwarz-Weiß-Optik bevorzugen.

Die Überwindung der Verachtung


Im liberalen Grundkanon, der im Modell der Bewusstseinsevolution, das auf diesen Seiten immer wieder diskutiert wird, der personalistischen Stufe angehört, kommt auch der Begriff der fundamentalen Gleichheit aller Menschen vor. Menschenrechte müssen allen Menschen zukommen, um ihren Namen zu verdienen, unbesehen der Hautfarbe, des Geschlechts usw., und auch der Intelligenz und des Bildungsgrades. Deshalb widerspricht das Verachten von politischen Gegnern, mögen sie noch so peinlich auftreten und primitiv argumentieren, dem Grundrecht jedes Menschen, geachtet zu werden. Niemand darf vorverurteilt werden, aber jeder muss sich gefallen lassen, an den eigenen Handlungen gemessen zu werden.

Das ist die rationale Umgangsform mit der Verachtung. Er leitet hinüber in die systemische Bewusstseinsform.

Verachtung ist auch ein emotionaler Vorgang, dessen Entstehen primär nicht verhindert werden kann. Er taucht auf, wann er auftauchen will und hat seine Wurzel in tiefliegenden Erfahrungen des Verachtet-Werdens, Erfahrungen, die wir alle in uns tragen. Verachtung ist kein angenehmes Gefühl und schränkt das Bewusstsein und die eigenen Lebendigkeit und Kreativität ein.

Wie kann die Verachtung überwunden werden? Der erste Schritt besteht darin, sie in sich wahrzunehmen. Der vielzitierte Gutmensch ist einer, der sich schwer tut, solche Tendenzen in sich zu spüren, weil sie nicht zum Selbstbild passen. Aber auch der arrogante Liberale wird schwer zugeben, solche Stimmungen in sich zu kultivieren. Deshalb braucht es auch einen gewissen Mut, sich solchen „politisch nicht korrekten“ Mustern in sich selbst zu stellen und zu akzeptieren, dass sie da sind.

In diesem Schritt wird schon deutlich, dass wir alle Grenzen in uns tragen, innerhalb derer wir Menschen akzeptieren und achten können und dass wir darüber hinaus Schwierigkeiten haben. Daraus folgt, dass wir in uns vieles, wenn nicht alles tragen, was wir an anderen ablehnen. Auch wir sind in mancher Hinsicht dumm, ignorant, intolerant, reflexionsfaul und vorurteilssüchtig usw.

Nutzen wir die einfache Übung, in der bei jeder bemerkten Ablehnung anderer der Satz „Auch ich bin…“ vollendet wird. Also z.B. „Auch ich bin primitiv, auch ich bin intolerant…“ Wenn wir die befreiende Wirkung der Übung erfahren haben, brauchen wir keine Arroganz und keine Verachtung mehr. Der Lohn besteht in einem Zuwachs an Menschenliebe, die uns selber reicher macht. Außerdem hilft die Übung, das Vertrauen in das Fortschreiten der Menschlichkeit zu festigen und unsere Handlungsfähigkeit in dessen Dienst zu stellen.

Der Artikel von Elisabeth Raether ist am
4.8.2016 in der ZEIT erschienen und kann hier nachgelesen werden.
(Ich danke Sebastian Ehrmann für den Hinweis auf diesen Artikel.)


Vgl.  Krise der Liberalität
Faktizität und Bullshit
Dürfen wir Hofer für einen Nazi halten?