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Mittwoch, 24. September 2025

Einsamkeit und Totalitarismus

Einsamkeit und Alleinsein

Die Einsamkeit ist ein schwerwiegender Leidenszustand. Sie hat nichts mit dem Alleinsein zu tun. Wer alleine ist, ist mit sich beschäftigt und kann mit sich selbst reden. Es kann ein produktiver Zustand sein, in dem neue Ideen entstehen oder einfach die Stille genossen wird. Im Alleinsein wissen wir, dass wir leicht jemanden für ein Gespräch finden können, wenn wir es brauchen. Wir fühlen uns sicher mit uns selbst und in unserer sozialen Umgebung.

Die Einsamkeit dagegen wird belastend und quälend erlebt. Denn sie ist ein Zustand der Beziehungslosigkeit, der oft mit einer gestörten Beziehung zu sich selbst einhergeht. Da wir im Gespräch miteinander kommunikative Wirklichkeiten erschaffen, führt der Mangel an solchen Wirklichkeiten zum Zweifel an sich selbst, zu einem Verlust an Wirklichkeit und damit auch an Wirksamkeit. Dazu kommt der Sinnverlust: Sinn kann nicht aus Mangel entstehen, sondern aus dem Austausch mit anderen und aus der wechselseitigen Bestätigung, die wir uns dabei geben. Oft wird also die Einsamkeit von Gefühlen der Irrealität und der Sinnlosigkeit begleitet und erzeugt Depressionen.

Verlassensein und nicht gesehen werden

Die Wurzel der Einsamkeit liegt in einem Verlassenwerden. Jemand, der einem sehr wichtig war, ist weggegangen. Diese Erfahrung müssen alte Menschen machen, die ihre Lebenspartner verlieren. Oft sterben sie bald nach dem Tod des Partners, vor allem, wenn es ihnen nicht gelingt, neue soziale Kontakte aufzubauen, die ihrem Leben Orientierung und Sinn geben. 

Die tiefere Wurzel liegt allerdings meist in sehr frühen Erfahrungen. Seit den Forschungen zur Bindungstheorie nach John Bowlby wissen wir, dass Kleinkinder verlässliche und resonante Beziehungen zu Erwachsenen brauchen, um sich sicher zu fühlen und um gesund aufwachsen zu können. Resonanz bedeutet dabei, dass die erwachsene Person die Bedürfnisse des Kindes verstehen und adäquat darauf reagieren kann. Dann fühlt sich das Kind erkannt und in seinem Sein bestätigt. Fehlt diese Resonanz, so entsteht ein Einsamkeitsgefühl, auch wenn andere Menschen da sind: „Niemand sieht mich.“ Und: „Niemand kann mich trösten.“ Diese frühe Einsamkeit ist mit Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht verbunden. Das Kind hat den Eindruck, verlassen worden zu sein, ohne Chance, die lebenswichtigen Kontakte wiederbeleben zu können. Aber auch die Scham ist eine mächtige Begleiterin dieser schlimmen Erfahrungen. Denn das Unbewusste zieht den Schluss aus dem Nichtgesehenwerden: „Ich bin so verlassen, weil ich es nicht wert bin, von anderen wahrgenommen genommen zu werden.“ Ein existenzielles schamerfülltes Unwertgefühl prägt sich in die Seele ein.

Eine noch tiefere Quelle der Einsamkeit taucht bei Menschen auf, die im Mutterleib einen Zwilling verloren haben. Sie waren von der Empfängnis an mit einem anderen Menschenwesen aufgewachsen, in einer intensiven Beziehung. Und dann ist etwas Grauenhaftes passiert – das Zwillingsgeschwister ist verloren gegangen, ist verschwunden, und plötzlich klafft ein riesiges Loch. Es kommt zu Gefühlen von Angst, Verwirrung, Wut und Scham, und schließlich bleibt nur mehr die Einsamkeit als quälender Zustand.

Die Wiederbelebung von frühen Einsamkeitserfahrungen

Verlusterlebnisse, die später im Leben auftreten, beleben solche Früherfahrungen des Verlassenwerdens aufs Neue, und all die Gefühle von Einsamkeit, Ohnmacht und Sinnlosigkeit tauchen mit voller Wucht auf und können Erwachsene aus ihrer Lebensbahn herausreißen. Oft hindert sie die aus den Mangelerfahrungen erworbene Bedürftigkeitsscham daran, therapeutische Hilfe zu suchen. Denn die Kompensation aus der kindlichen Erfahrung der Missachtung besteht darin, das Leben alleine schaffen zu müssen.

Das wichtigste Heilungsmittel, das die Psychotherapie anbieten kann, ist die bedingungslose und wertschätzende Beziehung. Sie dient dazu, den Mangel an Resonanz durch Empathie aufzufüllen und das Fehlen des Wahrgenommenseins durch aufmerksames Zuhören auszugleichen. Dadurch kann das Leiden an der Einsamkeit durch eine neue Erfahrung der zugewandten und liebevollen Präsenz überschrieben werden. Die Schamgefühle lösen sich auf, wenn das Gegenüber vermitteln kann, dass das eigene Sein geschätzt wird und dass alle Gefühle in Ordnung sind.

Einsamkeit als Wurzel für Autokratien

Die Philosophin Hannah Arendt hat den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Totalitarismus erforscht. Sie war der Auffassung, dass die Einsamkeit eine wesentliche Bedingung für die Entstehung von totalitären Regimen darstellt. Solche Herrschaftsformen entstehen auf dem Boden von gesellschaftlicher Zerrüttung, durch die Brüchigkeit von sozialen Bindungen, die durch sozioökonomische Krisen hervorgerufen werden. Wenn die Menschen den Eindruck haben, dass ihre Regierungen nicht mehr in der Lage sind, die bestehenden Probleme zu lösen, geraten sie in Zustände von Hilflosigkeit und Ohnmacht, bei denen autokratische Herrschaftsformen als einziger Ausweg erscheinen. 

Außerdem sind Menschen, wenn sie sich einsam und verlassen vorkommen, leichter manipulierbar. Es fehlt ihnen an kritischer Reflexion, die nur im Dialog entstehen kann, und an einer konstruktiven Selbstbeziehung, durch die sie ihre Werte und Einstellungen schärfen könnten. An die Stelle der autonomen Selbstbestimmung und Verantwortungsübernahme treten Ideologien, die eine Erklärung für alle Missstände anbieten und versprechen, die Einsamkeitsgefühle durch ein kollektives Wir-Gefühl („Wir sind das Volk“) zu überwinden. Der verlorengegangene Sinn wird von der Ideologie geliefert, an die bedingungslos geglaubt wird, weil sie den Anker für die eigene Daseinsberechtigung liefert.

Vermischung von Ideologie und Religion

Besonders effektiv für diese Zwecke eignen sich Ideologien, die sich mit religiösen Glaubensformen verbinden. So wird z.B. die Putin-Ideologie von der Wiederherstellung des Sowjetimperiums von der russisch-orthodoxen Kirche unterstützt. Aktuell können wir beobachten, dass sich die rechte MAGA-Bewegung von Donald Trump von einer säkularen Ideologie zu einer sektenartigen religiösen oder pseudoreligiösen Glaubensgemeinschaft verwandelt. Die Trauerfeier für den MAGA-Propagandisten Charlie Kirk war ein religiös aufgemotztes Massenspektakel, bei dem die Grenzen zwischen Glaube und Aberglaube zum Verschwimmen gebracht wurden. 

Die Kombination von Ideologie und Religion soll die Menschen noch stärker an die Gruppe (Gemeinschaft) binden und jede Form von kritischer Reflexion überflüssig machen. Die Entindividualisierung, die in der Massenhysterie geschieht, hebt für den Moment alle Einsamkeits- und Ohnmachtsgefühle auf. Auf diese Weise werden Menschen geformt, blinden Gehorsam und kritiklose Unterordnung zu zeigen – eine gestaltbare Masse, die willenlos den Zwecken des Autokraten dient. Mit dieser Machtbasis gelingt es dann, alle, die ihre geistige Unabhängigkeit außerhalb der Ideologiegemeinschaft bewahren konnten, zu unterdrücken und mundtot zu machen. Der Einheitsstaat mit einer Ideologie, einer Glaubensform und einer einheitlich fühlenden und denkenden Bevölkerung ist der Traum aller Diktatoren, mit dem sie ihre eigenen Einsamkeitstraumen verdrängen können.

Die Geschichte zeigt, dass alle Versuche von Gemeinschaftsbildungen auf der Grundlage von autoritärer Herrschaft und religiös verbrämter Ideologie in Gewalt münden und schließlich durch Gewalt untergehen. Es scheint, dass Teile der Menschheit diese bekannten Zusammenhänge in eigenen schmerzhaften Erfahrungen erleben müssen, um von solchen Scheinhoffnungen geheilt zu werden. Der Preis ist, wie wir auch aus der Geschichte wissen, immens hoch und belastet das kollektive Gewissen auf Generationen hinaus.

Zum Weiterlesen:
Einsamkeit und Sehnsucht
Digitale Einsamkeit und Covid
Die Trennungstheorie und wie wir wieder eins mit uns werden
Essenzdenken und Gewalt
Die Verharmlosung von Diktatoren und die Demokratie


Montag, 23. Juni 2025

Das "Recht des Stärkeren"

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war geprägt von dem Bemühen vieler Politiker, die Willkür einzelner Machthaber einzugrenzen und durch übergeordnete Gesetze zu regulieren. Es ist die UNO als weltweite Organisation entstanden, der mittlerweile fast alle Staaten der Welt angehören. Die EU wurde auch als Friedensprojekt gegründet, aus der Erkenntnis heraus, dass im 20. Jahrhundert die beiden Weltkriege ihren Anfang in Europa genommen haben. Es wurde internationale Gerichtshöfe ins Leben gerufen, um Kriegsverbrechen weltweit zu ahnden. Es hat in dieser Zeit immer wieder Kriege gegeben, die durch willkürliche Machtansprüche entfesselt wurden. Doch schien ein großer Teil der Weltbevölkerung und der Staaten von der Überzeugung getragen, dass das Recht (das nationale und das Völkerrecht) der Willkür vorangeht. Mächtige haben immer wieder versucht, das Recht in ihrem Sinn zu verbiegen, doch sind sie meist über kurz oder lang gescheitert. 

Wir erleben in dieser Zeit Entwicklungen, die den Anschein erwecken, dass der Konsens jener, die für die rechtliche Regulierung der Willkür eintreten, schwindet zugunsten jener, die das „Recht“ des Stärkeren propagieren und durchsetzen. Schon bei der ersten Präsidentschaft von Donald Trump wurde dieser Schritt vollzogen, doch vor allem nur im Inneren der USA. Viele dieser Willkürakte wurden von der darauf folgenden Regierung wieder rückgängig gemacht. Die zweite Präsidentschaft hat Trump nun von Anfang an ganz offen auf vielen Ebenen durch das Prinzip des Mächtigeren und Stärkeren gegenüber dem Recht ausgerichtet. Gerichtsentscheide werden von der Regierung einfach ignoriert, Richter diffamiert oder abgesetzt. Die Exekutive stellt sich über die Legislative und über die Jurisdiktion, und damit gibt es keine Gewaltenteilung mehr. Wo die Gewaltenteilung ausgehebelt ist, ist eine Diktatur entstanden – die USA befinden sich gerade auf diesem Weg.

Die Konkurrenz der Autokratien und die EU

Die mächtigsten Staaten der Welt, USA, Russland und China, sind damit Diktaturen oder Halbdiktaturen. Sie befinden sich in fortlaufenden Konkurrenzspannungen, die manchmal zu kriegerischen Auseinandersetzungen, oft über Stellvertreter, führen. Die EU, zwar als Wirtschaftsraum mächtig, kann diesen Staaten auf militärischem Gebiet  nichts entgegensetzen. Außerdem fehlt die politische Geschlossenheit in dem Vielstaatengebilde. Aber der Grundkonsens der EU besteht nach wie vor darin, der demokratischen Willensbildung, der Gewaltenteilung und der Korruptionskontrolle den Vorrang einzuräumen, auch wenn es einzelne rechtsgerichtete Regierungen gibt, die diesen Konsens zu unterlaufen versuchen. 

Die politische Weltlandschaft ist also zurzeit so beschaffen, dass die EU den einzigen demokratisch funktionierenden Gegenpol zu den drei autokratisch regierten Weltmächten darstellt. Als 1945 vorgeschlagen wurde, den Papst in die Neuordnung der Welt nach dem 2. Weltkrieg einzubinden, soll Stalin gefragt haben: „Wieviele Divisionen hat der Papst?“ Ähnlich scheint es sich mit dem moralischen Gewicht, das die EU in die Machtthemen der Welt einbringen will, zu verhalten. Wer über die größere Zerstörungskraft verfügt, kann vorgeben, wo es lang geht, wer nicht mit militärischer Übermacht drohen kann, muss sich fügen. Es helfen keine frommen Gebete und moralischen Appelle, wenn die Geschütze losdonnern und die Bombenteppiche ausgebreitet werden. 

Deshalb hat die EU nur die Wahl, weltpolitisch eine nachgeordnete Geige zu spielen oder aufzurüsten, um die europäischen Werte, die der Aufklärung verdankt und verpflichtet sind, mit Gewicht in die verschiedenen Konflikte einzubringen und damit für mehr Menschlichkeit und weniger Willkür zu sorgen. Die Weltlage ist zurzeit so beschaffen, dass es keinen anderen Player gibt, der diese Aufgabe wahrnimmt.

Die Rechtlosigkeit des „Rechts des Stärkeren“

Das „Recht des Stärkeren“, das von Diktatoren und autoritären Herrschern beansprucht wird, ist allerdings kein Recht, sondern besteht in der Außerkraftsetzung des geltenden Rechts. Es ist nichts als die gewaltsame Durchsetzung eigener Willkür. Der blanke Egoismus soll mit der Überstülpung des Begriffes des „Rechts“ eine moralische Legitimation erhalten. Was Recht ist, was erlaubt und was richtig ist, wird vom Machthaber festgelegt und durchgesetzt. Moralische Überlegungen spielen keine Rolle. 

Willkürherrschaft ist ungeeignet für eine moderne Gesellschaft.

Historisch betrachtet, geht die Zurückdrängung von Willkürherrschaft einher mit der Entwicklung von Rechtsstaaten, in denen die Herrschenden auf Gerechtigkeit und Ausgleich achten, damit die immer komplexer werdende Gesellschaft mit dem technischen und ökonomischen Fortschritt mitkommen kann. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele, bei denen die Gesellschaft hinter dem Fortschritt zurückgeblieben ist, und dann kam es fast unweigerlich zu Unruhen und Aufständen. Die großen Revolutionen haben alle mit solchen Spannungszuständen zu tun. 

In einer modernen Gesellschaft ist das „Recht des Stärkeren“ dysfunktional und erzeugt massive Konflikte. Denn die Basis für die Abläufe auf allen Ebenen stellen die Werte der Aufklärung dar. Wenn diese Werte zugunsten voraufklärerischer Werte ignoriert werden, kann die Gesellschaft nicht mehr funktionieren und hat nur die Chance, sich auf eine überholte Form der Interaktion zurückzuentwickeln, wie das in autoritär geführten Staaten der Fall ist. Die Prinzipien wie Gleichheit, Rechtstaatlichkeit und Menschenrechte haben dort keinen Stellenwert. Das Leben der Individuen ist stark eingeschränkt und getragen von einem starken Risiko der Bestrafung, falls von den vorgegebenen Normen abgewichen wird.

Willkür ist untauglich, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Wenn sie überhandnimmt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder bricht die Gesellschaft irgendwann zusammen und zerfällt in voneinander abgeschottete Festungen oder die Willkür der Mächtigen wird gebrochen. Die Geschichte zeigt jedenfalls auf längere Sicht, dass die Willkür immer wieder in ihre Schranken gewiesen wird. Denn sie bedroht nicht nur die Individuen, sondern ist auch untauglich zur Regulierung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen.

Rechte werden verliehen, nicht angeeignet.

Der Terminus vom „Recht des Stärkeren“ enthält einen weiteren Pferdefuß: Recht ist nicht etwas, das sich Einzelpersonen oder Gruppen einfach nehmen, sondern es wird von der Gemeinschaft formuliert und dann Einzelnen zuerkannt oder abgesprochen. In tribalen Gemeinschaften beraten die Menschen untereinander, welche Regeln für alle gelten.  In Demokratien gibt es Parlamente, in denen diese Prozesse ablaufen. Es heißt, dass das Recht vom Volk ausgeht, also auf einer Zustimmung einer großen Mehrheit in der Gesellschaft aufbaut und auf Basis dieser Rückkoppelung laufend weiterentwickelt wird.

Die Äußerung des Obmanns der FPÖ Herbert Kickl, dass das Recht der Politik folgen muss, stellt eine Ansage für die Errichtung einer Autokratie dar. Das Recht ist der Gegenpol zur politischen Macht und setzt ihr dort Grenzen, wo die Interessen des Gemeinwohls verletzt statt gefördert werden. Zwar entsteht das Recht aus politischen Prozessen, aber wenn es in Geltung gesetzt ist, hat sich die Politik an die Gesetze zu halten und kann sie nur mit qualifizierten Mehrheiten abändern. Wenn Gesetze von Politikern willkürlich gebrochen oder ignoriert werden, müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden. Um diese Konsequenzen zu vermeiden, tendieren rechte Politiker zu autoritären Regierungsformen, in denen das Recht nicht mehr vom Volk ausgeht, sondern von den Werten und Interessen der eigenen Partei oder der Führungsperson.

Um die sozialen Rückentwicklungen, die durch die Implementierung des „Rechts des Stärkeren“ in Gang gesetzt werden, hintanzuhalten, gilt es, wachsam gegenüber allen autoritären Tendenzen zu sein und die demokratischen Grundsätze und die Menschen mit allen Mitteln zu verteidigen.

Zum Weiterlesen:
Die Unverschämten und die Korruption
Die Unverschämten und ihr Kampf gegen die Aufklärung
Die Demokratie, die Verschämten und die Unverschämten
Die Verschämten und die Unverschämten

 

Samstag, 3. Juni 2023

Die Schwäche der Demokratie angesichts der ökologischen Herausforderungen

Die Form der Demokratie, wie sie in den meisten westlichen Ländern praktiziert wird, ist nur sehr eingeschränkt dafür geeignet, die komplexen Herausforderungen der Klimakrise zu meistern. Diese Regierungsform „belohnt“ kurzfristig wirksame Maßnahmen, die bestimmte Wählergruppen begünstigen, enthält aber nur wenige Anreize für das Verfolgen langfristiger Strategien, die aktuell viel Geld kosten und deren Nutzen erst in fernerer Zukunft eintreten wird. Bei den nächsten Wahlen, die nach vier und fünf (in manchen Staaten in viel kürzeren Intervallen) stattfinden, honorieren die Wähler den für sie unmittelbar spürbaren Gewinn und nicht das Gefühl, dass für die nächste oder übernächste Generation etwas Gutes geschehen ist oder zumindest Schaden abgewendet wurde. Deshalb ist die politische Rhetorik voll von Ausreden und Selbsttäuschungen, vom Wecken illusionärer Hoffnungen und vom Verharmlosen der erwartbaren und der schon sichtbaren Folgen der Schädigungen der Erdatmosphäre. Kein Politiker wagt es, vom Ernst der Lage zu reden, obwohl allgemein bekannt ist, dass der Schaden nicht mehr abgewendet, sondern nur abgemildert werden kann; niemand will von künftigen Katastrophen hören oder jemanden wählen, der davon redet. Kein Politiker kann Wähler gewinnen, der die Menschen darauf vorbereitet, sich künftig mit verringerten Lebensmöglichkeiten zu begnügen. Vielmehr wird versprochen und versprochen, was nicht eingehalten werden kann, mit der Hoffnung, dass die Leute, sobald sie gewählt haben, vergessen werden, was ihnen verheißen wurde. 

Also wird nur allgemein mittels leerer Lippenbekenntnisse der Eindruck erweckt, dass ein paar Anpassungen des Systems (ein bisschen weniger Plastikverbrauch, ein bisschen mehr E-Mobilität usw.) und die zukünftige Technologieentwicklung dafür ausreichen würden, dass unser Leben ohne jede Einschränkung weitergehen wird und der Wohlstand beständig weiter steigen wird. Die Politiker täuschen sich selbst und ihre Wähler, die ihnen ihrerseits wieder zugutehalten, dass sie getäuscht werden. Auf diese Weise sprechen sich die Politiker selbst frei von der Verantwortung, die sie als Gesetzgeber hätten, langfristig für das zukünftige Wohl der Staatsbürger zu sorgen. Die Leute freuen sich über Ausreden, weil sie ihr Leben nicht ändern müssen, und die Politiker sind froh, weil sie keinen Mut für unpopuläre Maßnahmen aufbringen müssen. Beide Seiten sind insgeheim erleichtert, weil sie sich der Scham nicht stellen müssen, die mit dem Versäumen der Verantwortungsübernahme verbunden ist, sondern sich gegenseitig versichern, dass alles ja nicht so schlimm ist und auch nicht so bald schlimmer werden wird, dass es also keinen Grund für Schamgefühle gibt.

Das Ausspielen von Problembereichen

Viel Energie wird in den politischen Debatten damit vergeudet, Problemzonen gegeneinander auszuspielen. Es sind Kurzsichtigkeiten, die Formen der Schamabwehr darstellen: Armut gegen Klimaschutz (wir müssen zuerst die Armut bekämpfen, dann können wir uns um das Klima kümmern), Wirtschaftswachstum gegen Klimaschutz, Flüchtlingspolitik gegen Klimaschutz, Friedensstiftung gegen Klimaschutz etc. Je nach parteipolitischer Präferenz wird das eine oder das andere Thema benutzt, um die dringend notwendigen Klimaschutzmaßnahmen zurück zu reihen. Wir verstehen schon längst, dass die Klimaveränderung vor allem die sozial Schwächeren treffen wird, dass die Verknappung von Ressourcen zu Kriegen führen wird, dass das Wirtschaftswachstum die Klimafrage verschärft und dass Klimanotstände Flüchtlingsströme auslösen werden. Alles ist miteinander verflochten, und die Schädigungen, die wir den Systemen der Natur zufügen, stehen im Zentrum. Denn alle anderen Bereiche sind betroffen, wenn wir ihnen die Lebensgrundlagen entziehen.

Erst das Annehmen der Scham ermöglicht die Einsicht, dass alle Themen untereinander zusammenhängen. Jeder der politischen Krisenbereiche ist mit Schaminhalten verknüpft, und ohne diese emotionalen Gewichte anzusprechen und öffentlich zu machen, wird es in keinem der Themen zu nachhaltigen Lösungen kommen. Andererseits hat die Klimathematik den Rang einer Metakrise, die alle anderen Politikbereiche verschärft – oder, wenn es dort zu zielführenden Maßnahmen käme – erleichtert. Die Konzentration aller Kräfte auf die Schadensbegrenzung durch die Erderwärmung würde alle anderen Konfliktfelder entlasten. 

Die unentbehrliche Demokratie

Doch bei aller Mangelhaftigkeit der Demokratie in Hinblick auf die Problematik der Klimaveränderung und vieler anderer ökologischer Problemzonen verfügen wir über keine bessere Regierungsform. Manche, die eine Ökodiktatur fordern, übersehen, dass Diktaturen zu Korruption und zum Machtmissbrauch neigen und dass es im Belieben der jeweiligen Diktatoren liegt, ob sie sich für die Natur einsetzen oder nicht. Es gibt immer wieder Beispiele von Politikern, die mit liberalen Ideen angetreten sind und dann, sobald sie an der Macht waren, nur mehr illiberale Gesetze erlassen haben. Ähnlich könnten Leute, die mit ökologischen Sprüchen die Macht erringen, diese dann mit gegenteiligen Maßnahmen absichern. Statt nach „starken Männern“ zu rufen, sollten wir danach trachten, die Demokratie mit Instanzen, die für die Nachhaltigkeit zuständig sind, zukunftsfit zu machen.

Dazu gehören demokratisch besetzte Einrichtungen, die alle gesetzlichen Initiativen in Bezug auf die Auswirkungen zur Erderwärmung bewerten und z.B. Ausgleichsmaßnahmen einfordern, wenn bestimmte Gesetzesvorhaben zu einer negativen Klimabilanz führen. Das  Ziel müsste sein, dass der Überverbrauch von Ressourcen eingedämmt wird und nur mehr Maßnahmen eingeführt werden dürfen, die klimaneutral sind. Die Kreislaufwirtschaft, die unser Überleben als Menschheit auf diesem Planeten sichern könnte, kann nur demokratisch eingeführt und kontrolliert werden. 

Demokratie der Nachhaltigkeit

Es ist für eine Änderung der demokratischen Strukturen im Sinn einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Politik notwendig, dass mehr und mehr Menschen erkennen, wie zentral und fundamental die Bedrohung der Lebensbasis durch die Schädigungen der Umwelt und der Erdatmosphäre ist. Es muss das Problembewusstsein in der Bevölkerung steigen, bis eine genügend große Mehrheit das Bewältigen der ökologischen Probleme als Priorität erkannt hat, bis sehr vielen klar geworden ist, dass hier die Schlüsselstelle liegt, um die sich alles dreht und an der angesetzt werden muss. Dafür brauchen wir eine solide und breit aufgestellte Bildung, vernunftgeleitete Diskurse und viel kritische Aufklärungsarbeit, ein Durchbrechen verschiedener Ideologien und Verschwörungsmythen, ein Überwinden der Wissenschaftsskepsis und –feindlichkeit und ein Ernstnehmen der sichtbaren Folgen der Erderwärmung, die wir überall auf der Welt beobachten können. Wir brauchen auch den Mut, uns den Herausforderungen zu stellen und mit Gewohnheiten zu brechen und unsere Lebensweise den Umständen anzupassen. Diesen Mut gewinnen wir, wenn wir uns den unangenehmen Scham- und Schmerzgefühlen stellen, individuell und kollektiv. 

Zum Weiterlesen:

Klimakrise und kollektive Scham
Pubertärer Wachstumswahn und die Klimakrise
Die Wissenschaftsskepsis und das Versagen der Klimapolitik
Realoptimismus angesichts der Klimakrise


Freitag, 25. Februar 2022

Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine

Anlass für Entsetzen

Jeder Krieg ist grausam und menschenverachtend. Der vor zwei Tagen vom Zaun gebrochene Krieg ist über die Inhumanität, die mit jedem Krieg verbunden ist, hinaus Anlass für ein Entsetzen bei allen, die an die Kraft des Friedens und der gewaltfreien Konfliktbewältigung glauben und gehofft haben, dass in den Jahrtausenden an zivilisatorischem Fortschritt das primitive Recht des Stärkeren überwunden wäre. Es ist Anlass für Ernüchterung über die Macht, die Einzelpersonen, gestützt auf willfährige Eliten und inthronisiert durch Manipulation und diktatorische Tricks, im 21. Jahrhundert ausüben können. Der russische Alleinherrscher hat einen aggressiven Angriffskrieg gegen sein „Brudervolk“ entfesselt, getrieben von reiner Machtsucht und von einer nationalistischen Ideologie mit zurechtgebogenem Geschichtsbild. 

Wir fühlen uns ins 18. oder 19. Jahrhundert zurückversetzt, wo Kriege begonnen wurden, wenn ein Nachbarstaat schwach und die eigene Armee gut gerüstet war. Die Potentaten haben ihre Truppen in Marsch versetzt, um den eigenen Machtraum zu erweitern und den Ruhm zu mehren. Es waren grausliche Kriege, aber sie haben meistens die Zivilbevölkerung nur am Rande betroffen. Zum Unterschied von heute hat damals fast jeder Angriffskrieg zu Koalitionen geführt, in denen die jeweils maßgeblichen Großmächte ihre Interessen verfolgt haben. Ein weiterer Unterschied war, dass Kriege auf Schlachtfeldern und nicht in Großstädten geführt wurden.

Die russische Aggression vom 24. Februar 2022 war möglich, weil klar war, dass sich der Westen militärisch nicht einmischen will. Der europäische Kontinent hat zwei Weltkriege hinter sich und in vielen Ländern haben intensive Lern- und Aufarbeitungsprozesse stattgefunden. Die Gräuel der Kriege haben tiefe Spuren in den Seelen hinterlassen und viele Menschen zur Überzeugung gebracht, dass internationale Konflikte gewaltfrei gelöst werden müssen, ohne den Preis von Menschenleben. Die Schwelle für den Einstieg in kriegerische Handlungen liegt in funktionierenden Demokratien hoch, denn es ist vermutlich in jedem Land unmöglich, Mehrheiten für einen Angriffskrieg zu mobilisieren. 

Wie aber gehen Demokratien mit Diktaturen um, in denen ohne Rücksicht auf die eigene Bevölkerung Kriege geführt werden können? Die Reaktionsmöglichkeiten sind beschränkt auf wirtschaftliche Sanktionen und die moralische Ächtung. Die Situation erinnert an jene vor dem zweiten Weltkrieg, in dem die Diktatur in Deutschland das Zaudern der englischen und französischen Demokratien ausgenutzt hat, um in der Tschechoslowakei einzumarschieren, zunächst in die sogenannten Sudetengebiete, samt Zusicherung der Integrität der Resttschechoslowakei, nur um diese ein halbes Jahr zu besetzen. Diktatoren haben einen Handlungsvorteil vor schwerfälligeren Demokratien. Sie haben den Nachteil, dass die Entscheidungen, die getroffen werden, von den Emotionen von Einzelmenschen gesteuert werden, die hoch fehleranfällig sind.

Über kurz oder lang (eher über lang) ist das Modell der westlichen Demokratien so attraktiv, dass immer mehr Menschen, die unter anderen Bedingungen leben, danach streben. Eine Komponente des aktuellen Krieges liegt in der Angst der Diktatoren vor dieser Attraktion, die ihnen selber an den Kragen gehen würde. Putin will der Ukraine vorschreiben, welche Lebens- und Regierungsform das Land haben „will“, damit er gewissermaßen eine Pufferzone gegen die vom Westen kommenden demokratischen Bazillen, für die es auch in Russland viel fruchtbaren Boden gibt, schaffen kann. 

Beschämender Befund

Wir müssen den Zustand der Menschheit, also der Gemeinschaft der Menschen als beschämend erleben. Wie kann es möglich sein, dass ein Langzeitherrscher mit seiner Militärmaschinerie im 21. Jahrhundert einen Aggressionskrieg in Gang setzt und niemand diesem Treiben Einhalt gebieten kann? Leider sind wir noch immer weit von einer Weltordnung entfernt, in der den Staaten das Gewaltmonopol genommen ist. Es gibt keine Weltpolizei, die einzelstaatliche Gewalttäter dingfest macht und ihnen die Gewaltmittel nimmt. Einzelstaaten funktionieren nur wegen des internen Machtmonopols bei den Ordnungskräften. Wie soll eine Welt funktionieren, wenn es keine für die ganze Welt zuständige Ordnungskräfte gibt, die solche inhumanen Entgleisungen unterbinden?

Kollektive Traumen und ihre verheerenden Wirkungen

Putin hat als Kriegsgrund die Entnazifizierung und Entmilitarisierung der Ukraine genannt. Jeder weiß, dass die Ukraine nicht von Nazis regiert wird und über kein militärisches Bedrohungspotenzial für das hochgerüstete Russland verfügt. Es handelt sich also um Propagandalügen. Zugleich wird deutlich, welches Geschichtstrauma hinter der Aggression steckt. Putin hat darauf verwiesen, einen Fehler seines Vorgängers Stalin vermieden zu haben, nämlich im 2. Weltkrieg naiverweise zu glauben, von Nazideutschland nicht angegriffen zu werden. Als dann die deutschen Truppen im Juni 1941 überraschend in die Sowjetunion eindrangen und der russischen Armee eine Niederlage nach der anderen zufügten, war der Schock groß und konnte erst langsam bewältigt werden, nachdem sich die Lage ab Ende 1942 langsam zugunsten der sowjetischen Armee wendete und schließlich Deutschland 1945 besiegt wurde.

Das kollektive Trauma ist offensichtlich nicht bewältigt, und Putin sieht sich als Vollstrecker einer Opfer-Täter-Umkehr. Er findet die Nazigegner in der Ukraine und will die dortigen „Nazis“ ausrotten, bevor sie dem russischen Vaterland gefährlich werden können. Außerdem soll das ukrainische „Brudervolk“ vor deren Bosheiten bewahrt werden. 

Doch die Ukrainer leiden an einem noch früheren Trauma, dem Holodomor zwischen 1931 und 1933, der als Völkermord gelten kann. Der sowjetischen Agrarpolitik mit der Kollektivierung der Landwirtschaft sind etwa 3,5 Millionen Ukrainer zum Opfer gefallen sind. Ca. 10% der Bevölkerung wurden damals dem Hungertod ausgesetzt. Dazu kamen noch umfassende „Säuberungen“, also die Hinrichtung oder Internierung von Künstlern, Lehrern, Wissenschaftlern und Intellektuellen und auch von unteren und mittleren Parteikadern. Der Historiker Gerhard Simon schreibt dazu: „Für Stalin war der Holodomor nicht nur ein Instrument, um die Bauern zu disziplinieren, sondern auch um in der Ukraine alle Träume von Autonomie oder gar Selbständigkeit ein für alle Mal zu zerstören.“ (Hier zur Quelle

Diese Ereignisse gruben ein tiefes Loch in die kollektive ukrainische Seele. Das war auch einer der Gründe, warum sich viele Ukrainer den eindringenden deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg anschlossen, für sie kämpften und auch bei Massenmorden an Juden mitwirkten, allerdings von den deutschen Nazis angestiftet. Diese Wendung hatte wiederum den Hass vieler Russen auf die Ukrainer zur Folge.

Putin hat seinen Hitler studiert

Hier liegt auch eine Wurzel der heutigen russischen Propaganda, die der demokratisch gewählten Regierung der Ukraine Nazismus vorwirft und diese Unterstellung als Vorwand für den gewaltsamen Einmarsch ins Land dient, erfunden und vermutlich gespeist aus einer unreflektierten und unaufgearbeiteten Geschichte. Man will die Nazis, die aus Machtgier die Sowjetunion 1941 überfallen hatten, in der Ukraine bestrafen und sich an ihnen rächen – mit Tricks, die den Nazis abgeschaut wurden: Mit Fake-News ukrainische Angriffe vortäuschen, um eine Rechtfertigung für einen Angriff zu haben. Putin hat also seinen Hitler gelernt: Unterstelle dem Opfer deiner Angriffslust einen Angriff, zur Not inszeniert, dann hast du das Recht, mit deiner überlegenen Militärmaschinerie den Staat kaputt zu machen. Natürlich bedient sich Putin eines Propagandatricks, weil es keinerlei Anzeichen oder Gründe gäbe, warum die Ukraine Russland angreifen sollte.

Auch das Ziel der Demilitarisierung der Ukraine, das sich die Russen auf die Fahnen geschrieben haben, rechtfertigt sich aus der offenbar tiefsitzenden Angst vor einer Aggression von außen – nicht verwunderlich für ein Land, das in der Geschichte mehrfach aus westlicher Richtung überfallen wurde. Diesmal aber dreht sich der Spieß um und die Aggression geht von Russland nach Süden und Westen.

Wir wissen nicht, ob Putin wirklich glaubt, was er redet, in jedem Fall dient seine Propaganda den dunklen Flecken der russischen Seele, die das Denken und Fühlen vieler seiner Landsleute prägen und die wenig Ahnung von der Geschichte und ihrer Vielschichtigkeit sowie von der Wirkung von kollektiven Traumen haben. Dazu kommt, dass die eigene Bevölkerung schon lange mit Falschmeldungen und manipulativer Propaganda überschüttet wird. Diktatoren brauchen dumme Menschen als Gefolgsleute und rechnen auch mit ihrer Dummheit, das ist Teil ihrer Unverfrorenheit. 

Ernüchterung

Die ernüchternde Einsicht ist: Wir müssen uns umstellen und unsere Erwartungen an den Fortschritt der Menschheit in der Vernunft zurückschrauben. Eine von Freiheit und Selbstbestimmung geprägte Weltordnung auf den Prinzipien der Gewaltlosigkeit kann nur so weit bestehen, so weit sie von allen Beteiligten geteilt und geachtet wird. Es genügt, wenn ein Machthaber oder ein Regime diese Grundsätze nicht teilt, sondern sie dem eigenen Machtstreben unterordnet, um ihre Geltung und ihre Wirkkraft zu unterminieren. Langfristig wird die Gewaltfreiheit über die Gewalt siegen, aber mit unendlich vielen Opfern. Kurzfristig bedeutet die willkürlich erfolgte einseitige Aggression Russlands, dass die Rüstungsspirale weltweit weiter nach oben geschraubt werden muss und dass wir weiterhin ein Gleichgewicht des Schreckens brauchen, damit kein weltweiter Atomkrieg ausbricht.

In den Kampfgebieten in der Ukraine sterben nicht nur Menschen und finden nicht nur Zerstörungen von materiellen Gütern statt, sondern es wird die Wertordnung angegriffen, die sich die Menschheit mühevoll über Jahrhunderte erworben und erkämpft hat. Die Chance liegt allerdings darin, sich diese Werte bewusst zu machen und sie engagiert zu vertreten und zu verteidigen. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Niveau an Menschlichkeit, das wir erreicht haben, über den Haufen geworfen wird, indem Potentaten mit dem Pathos von Schmierendiktatoren ihre Muskeln spielen lassen und ihr zerstörtes Inneres in brutale Zerstörungen in der Außenwelt projizieren.

Die kollektive Verarbeitung von Geschichtstraumen ist eine unerlässliche Grundlage dafür, dass es Alleinherrschern unmöglich gemacht wird, auf dem Klavier unverarbeiteter kollektiver Emotionen zu spielen und diese Energien in aggressive Richtungen zu kanalisieren.

Donnerstag, 14. März 2019

Die Verharmlosung von Diktatoren und die Demokratie

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Antonio Tajani, wird aktuell gerade kritisiert, weil er über den faschistischen italienischen Diktator Mussolini, gesagt hat: „Wenn wir ehrlich sein wollen, hat er Straßen, Brücken, Gebäude, Sportanlagen gebaut. … Wenn man ein historisches Urteil fällt, muss man objektiv sein.“ (So das Zitat im Standard). 

Zunächst fällt auf, dass es sich um eine typische Verherrlichung von Machthabern handelt, wenn gesagt wird, „er“ hat alles mögliche gebaut. Damit wird die Person des Herrschers überhöht und in ein besonderes, übermenschliches Licht getaucht. In einer funktionierenden Demokratie braucht es keine solche heiligenmäßige Symbolisierungen, da ist klar, dass die Arbeit und das Geld für alle öffentlichen Investitionen von den Bürgern eines Landes kommen und der Beitrag der Politiker dazu ein relativ geringer ist. Es würde niemand auf die Idee kommen zu sagen, Präsident Van der Bellen – oder Kanzler Kurz oder Verkehrsminister Hofer – hat die Umfahrung Drasenhofen gebaut, und es würde einem seltsam anmuten, wenn in einem Nachruf zu diesen Personen gesagt würde, sie hätten diese oder jene Brücke gebaut. 


Heimliche Diktatorenverehrung


Bei Diktatoren hingegen kommt es immer wieder zu solchen Aussagen, die sie in ein besseres Licht rücken sollen, unter dem scheinbar toleranten Motto: Niemand ist nur schlecht. Damit werden allerdings die schlechten Taten relativiert, der Bösewicht ist dann nicht mehr ganz schlecht, und der Beschöniger fühlt sich auch noch im Recht, wenn er mit seiner „ausgewogenen“ Sicht menschlicher erscheint als die Schwarz-Weiß-Maler.

Die Dikatorenverehrer nutzen gerne solche rhetorischen Figuren, offensichtlich um unter dem Deckmantel einer scheinbar harmlosen Aussage die Botschaft verstecken, dass wir uns nicht allzu sehr vor Diktatoren oder vor den Bestrebungen, ein autoritäres Regime zu errichten, fürchten sollten, weil ja dort weiterhin schöne Gebäude oder vielleicht noch schönere als ohne Diktatur gebaut werden.

Es wird schon sein, dass Mussolini angeordnet hat, dass Sportanlagen oder Brücken gebaut werden – und das gehört auch zu den normalen Aufgaben von Herrschern, und es wäre eine Schande gewesen, wenn unter Mussolini in den 21 Jahren seiner Gewaltherrschaft keine Straßen oder Gebäude gebaut worden wären. Es ist also ein Nona, das da hinausposauniert wird, noch dazu dekoriert mit der personalisierten Note des Alles-Machers („Er, der Übermächtige, hat gebaut und gebaut und gebaut…“). 

Manchmal heißt es auch: „unter“ dem Diktator ist dies oder jenes geschehen. Es wird damit ausgedrückt, dass eine Person oben ist und alle anderen darunter. So wähnen sich Diktatoren, und diese Sichtweise unterstützen wir mit der Redewendung. „Unter Hitler hätte es dies oder jenes nicht gegeben“, „unter Hitler hat es eine ordentliche Beschäftigungspolitik gegeben“; solche Aussagen tauchen immer wieder auf, und neben der obskuren Sehnsucht nach der Führerfigur drücken sie auch die Ohnmacht der Untertanen aus. Unter Hitler geschah nur, was Hitler wollte. All die anderen Mitwirkenden haben dann keine Verantwortung und keine Schuld an den Gräueltaten, aber auch keinen Ruhm an den Errungenschaften und errichteten Bauwerken. Sie haben ja nur „unter“ dem Diktator, also mit minderer Verantwortung gehandelt – oder nicht einmal das: Sie haben Befehle ausgeführt. Oben wirkt ein starker Wille, und alles unterhalb führt aus, was der Wille befielt. 


Unterminierung der Demokratie


In einer Demokratie haben diese und ähnliche Meldungen keinen Platz. Es muss nicht jeder, der in einer Demokratie lebt, diese gutheißen, aber wenn jemand dem zentralen gesetzgebenden Gremium der EU vorsitzt, muss man davon ausgehen können, dass diese Person die Demokratie ganz grundsätzlich vertritt und zu ihr steht. Und das wird mit solchen Aussagen zweifelhaft.

Politiker verfolgen mit ihren Aussagen bestimmte Kalküle, sie reden, was bestimmte Wählergruppen von ihnen hören wollen. Rechtsgerichtete Politiker spekulieren, dass sie mit Aussagen, die vergangene Diktaturen verherrlichen oder zumindest relativieren, Wähler anziehen, die sich solche Regierungsformen wünschen. Dann muss aber öffentlich klar gestellt werden, dass sie sich damit gegen die Demokratie richten und dass sie deshalb in einer Demokratie kein Amt bekleiden dürfen, das sie mit der Macht ausstattet, an der Abschaffung der Demokratie selber zu arbeiten. Das wäre ein Selbstmord der Demokratie, und deshalb bedarf es des kritischen Diskurses, um solche Tendenzen aufzudecken und abzustellen. 


Die Geschichte und das moralische Urteil


Dies gesagt, möchte ich auf eine weitere Frage eingehen, die oft mit solchen Aussagen verquickt wird. Man muss ja Gerechtigkeit walten lassen, so heißt es, es war nicht alles schlecht, bloß weil einiges schlecht war. Tajani spricht von einem „objektiven“ historischen Urteil und meint damit offensichtlich eine Nebeneinanderstellung des „Guten“ und des „Bösen“ im historischen Rückblick auf das Wirken eines Menschen. Objektives Wissen dieser Art ist relativ belanglos, weil dann sofort die Frage auftaucht, in welchem Verhältnis beides zu gewichtigen wäre. Da hat jemand den Bau von Kindergärten angeordnet und Kinder von Juden ermorden lassen. Was wiegt schwerer? Kann das Gute das Böse aufwiegen? Offensichtlich nicht, jedes moralische Gefühl würde sich gegen diese Möglichkeit sperren. Es ist und bleibt abgrundtief böse, die Ermordung von Kindern anzuordnen und gutzuheißen, gleich wievielen anderen Kindern der Täter ein Lächeln oder ein Spielzeug geschenkt hat.

Wir kommen bei der Betrachtung der Vergangenheit nicht um ein moralisches Urteil herum, die „objektiven“ Fakten liefern dafür keinen Maßstab. Sie können keine Schuld ausgleichen oder sühnen. Es trägt nichts zur Objektivierung der Vergangenheit bei, Gutes gegen das Böse zu stellen. 

Keine Person ist in sich lückenlos böse, Menschen können Unmenschen werden, aber nie zur Gänze, sondern in weiten Bereichen ihres Handelns. Selbst im Bösesein können Menschen keine Vollkommenheit erlangen. Zu dem kommt, dass viele Bösewichter meinen, sie würden mit ihren Taten eigentlich dem Gutem zum Durchbruch verhelfen. Sie wähnen sich also subjektiv auf der guten Seite.

Bei der Erforschung der Geschichte brauchen wir moralische Urteile, weil die Geschichte unsere Gegenwart beeinflusst. Alles, was in der Geschichte nicht durch die Klärung der Faktenlage, der Beleuchtung der Zusammenhänge, der Zuordnung von Verantwortung und der moralischen Bewertung aufgearbeitet wurde und der Öffentlichkeit bewusst gemacht wurde, wirkt unterschwellig weiter und arbeitet auf dieser Weise, wie innerpsychisch das Verdrängte, auf seine Wiederholung hin. 

Das moralische Urteil, das in der historischen Reflexion unabdingbar ist und das wir der Weiterentwicklung der Freiheit und gesellschaftlichen Offenheit schuldig sind, hat eine Grenze, wenn es um die Person selbst geht. Das historische Urteil erstreckt sich auf alle Taten und Unterlassungen, die einer Person zugeordnet werden können. Sie müssen gemäß dem kategorischen Imperativ daraufhin untersucht werden, ob sie als Grundlage eines demokratischen Gemeinwesens dienen können oder nicht. Doch ist die Person noch einmal von ihren Handlungen zu unterscheiden. Eine Person als solche zu beurteilen oder zu verurteilen, so schlimm und abgründig deren Handlungen sein mögen, steht uns nicht zu. Wir haben dafür keinen Standpunkt, weil wir uns nicht über einen anderen Menschen stellen können, sondern weil wir fundamental alle gleich sind. Menschsein ist Menschsein, und es gibt kein Mehr- oder Besser-Menschsein. 

In diesem Sinn verdient der elendste Bösewicht einen grundlegenden Respekt, wie verwerflich seine Taten auch immer sein mögen und auch als solche geahndet werden müssen. Erst so werden wir einem Menschen „gerecht“, nicht, indem wir die guten gegen die bösen Taten stellen und irgendeiner Waage anvertrauen, sondern indem wir von seinem Tun absehen und verstehen, wie er in die Tragik des Lebens eingebunden ist, die ihn einmal zum Opfer und dann zum Täter gemacht hat. 

Es gibt eine Ebene, die wir für die Gestaltung und Absicherung unseres Zusammenlebens brauchen. Auf dieser Ebene muss es eine klare Zuordnung von Personen und Handlungen geben, und dieser Zusammenhang wird durch Verantwortung hergestellt. So werden Personen „zur Verantwortung gezogen“, wenn sie unverantwortlich handeln. 


Liebe ist größer als Urteilen


Auf einer anderen Ebene sind wir alle gleichermaßen schuldig oder unschuldig. Da spielt das moralische Urteil keine Rolle mehr. Jeder gibt das, wozu er in der Lage ist, vermag manches besser und anderes schlechter. Die Liebe, die wir einander schulden, darf dort nicht haltmachen, sondern wirkt eigentlich erst dann im vollen Sinn, wenn sie vom Guten und Bösen absehen kann und den Menschen meint, der hinter allem Tun steckt. 

Das ist die Ebene, die wir nur mit äußerster Vorsicht und Achtsamkeit betreten dürfen. Auch sie kann missbraucht werden, indem jemand in der Öffentlichkeit mit dem Pathos der „Gerechtigkeit“ auftritt und in Wirklichkeit eine politische Absicht damit verfolgt. Sobald wir anfangen, die zwei genannten Ebenen durcheinander zu bringen, stiften wir Verwirrung und Verunsicherung, die günstigsten Bedingungen für Manipulation und Machtspiele. Wir brauchen also ein klares Urteil und eine Liebe, die größer ist, und die Kraft der Unterscheidung, was wann notwendig ist.

In diesem Zusammenhang hier das noch immer lesenswerte Gedicht von Bert Brecht:

Fragen eines lesenden Arbeiters 

Wer baute das siebentorige Theben?  
In den Büchern stehen die Namen von Königen.  
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?  
Und das mehrmals zerstörte Babylon,  
Wer baute es so viele Male auf ? In welchen Häusern  
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?  
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,  
Die Maurer? Das große Rom  
Ist voll von Triumphbögen. Über wen  
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz  
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis  
Brüllten doch in der Nacht, wo das Meer es verschlang,  
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.  
Der junge Alexander eroberte Indien.  
Er allein?  
Cäsar schlug die Gallier.  
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?  
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte  
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?  
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer  
Siegte außer ihm?  
Jede Seite ein Sieg.  
Wer kochte den Siegesschmaus?  
Alle zehn Jahre ein großer Mann.  
Wer bezahlte die Spesen? 
So viele Berichte,  
So viele Fragen.