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Montag, 23. November 2020

Das Bewerten der Bewerter

In esoterischen oder spirituellen Kreisen ist es üblich, das Bewerten als schlimmer Verstoß gegen die Regeln der Achtsamkeit anzusehen. So lautet die Ansicht: Wer andere Menschen bewertet, verstößt gegen die universelle Menschenliebe. Er stellt sich über andere und schaut auf sie herab und begibt sich in eine Position der Überordnung, die keinem Menschen zusteht.

In hierarchischen Verhältnissen wird angenommen, dass die Bewertung eine wichtige Sache ist, um die Herrschaftsordnung aufrechtzuerhalten. Aber die Aufklärung deckte diese Ideologie und ihre machtlüsternen Grundlagen auf und propagierte stattdessen den Grundgedanken der Gleichheit aller Menschen. Auch in vielen religiösen Traditionen ist von der Gleichheit aller vor Gott die Rede. Vor diesem Hintergrund ist die Ansicht gut fundiert, dass es wichtig ist, von Bewertungen abzulassen und allen Personen die gleiche Wertschätzung zukommen zu lassen. Vor allem in einer ganzheitlichen Sichtweise, der sich spirituelle Kreise verpflichtet fühlen, ist jede Bewertung fragwürdig.

Die Bewertung der Bewerter

In einem anderen Sinn fragwürdig ist dagegen das Hervorstreichen der Bewertungsfreiheit: „Dauernd bewertest du, du solltest endlich davon wegkommen und mit dem Bewerten aufhören.“ Das Bewerten wird bewertet, ein Zirkel tut sich auf. Wie komme ich aus dem Bewerten der Bewerter heraus?

Wenn wir uns eingestehen, dass wir nicht nicht bewerten können, wenn wir Stellung beziehen, reihen wir uns ein ins Glied der Bewerter, die dennoch eine wichtige Botschaft haben, aber nicht aus einer überlegenen Position, sondern als Angebot an Gleichrangige: „Auch ich bewerte immer wieder und komme besonders dann ins Bewerten, wenn ich merke, was andere mit dem Bewerten anrichten. Ich weiß, dass ich einen Bewertungsstandpunkt einnehme, wenn ich aufzeige, was passiert, und bin bereit, anzuhören und aufzunehmen, wenn mich jemand aufs Bewerten aufmerksam macht. Wir alle können voneinander lernen.“ Selbstreflexion ist also immer wieder der Ausweg. Die „Auch-ich“-Schleife befreit uns schnell aus der Projektionsfalle: Ich habe alles in mir, was mich an anderen stört.

Die Notwendigkeit der Bewertungsbewertung

Es macht andererseits keinen Sinn, einfach nur den Mund zu halten oder den anderen blind rechtzugeben, weil man nicht bewerten will. Denn da steckt man schnell wieder in einer Arroganzfalle: „Ich bin so nobel und bewerte nie, wie es diese unbewussten Proleten dauernd machen.“ Vielleicht ist da jemand nur zu feig, seine Meinung zu sagen und versteckt sich unter dem Mantel der Bewertungsfreiheit – aber das ist natürlich auch eine bewertende Außensicht. 

Also stellt sich gleich wieder die Selbstreflexion ein und hilft uns nachzufragen, was unsere Tendenzen zur Überheblichkeit sind, denen wir immer wieder auf den Leim gehen. Niemand ist frei von solchen Versuchungen, aber jeder ist zur Selbstbesinnung fähig. Wir können diese Fähigkeit auch bei unseren Mitmenschen einmahnen, aber eben nicht aus einer lehrerhaften Position, sondern aus einer mitfühlenden Grundhaltung. 

Die Ursprünge von Bewertungen

Bewertungsneigungen stammen meist aus Erfahrungen mit unfairer Behandlung, Herabsetzung, Ignoriert- und Verletztwerden. Bewertungen dienen häufig zu Kompensation von Beschämungserfahrungen. Besonders fiese Abwertungen sind die Folge von besonders verletzenden Erfahrungen in der Kindheit.

Die Bitte um Selbstreflexion

Das Verstehen der Hintergründe enthebt uns einerseits nicht, Bewusstheit bei denen, die uns bewertend begegnen, einzufordern. Schließlich sind wir auch dazu auf der Welt, um voneinander zu lernen, wie wir bessere Mitmenschen werden können. Andererseits sollte dieses Einfordern nie mehr sein als eine Bitte zur Selbstreflexion, die es jedem freistellt, darauf einzugehen oder bei der eigenen Perspektive zu bleiben. Nur aus dieser Haltung kann die Macht der Bewertung gebrochen werden und die eigene innere Freiheit wachsen. 

Je mehr wir davon für uns gewonnen haben, desto geringer fällt die emotionale Reaktion aus, die wir als Adressaten von abwertenden Bemerkungen erleben. Desto schwächer wird auch die Neigung sein, uns aggressiv, lehrerhaft, arrogant oder verächtlich für die Bewertung zu revanchieren. Wenn wir besonders gut gelaunt sind, wird uns der Humor zur Seite stehen, um die Macht der Bewertung zu entschärfen. Dem heiteren Lachen hält keine noch so gemeine Abwertung stand. 

Zum Weiterlesen:
Bewertungsfreiheit als Geschenk
Bewertung: Anmaßung und Beziehungsstörung
Bewertung im bewertungsfreien Bereich


Samstag, 10. November 2018

Die Demut und das Ego

Wie jede innere Bewegung, die zur Befreiung führen kann, steht auch die Öffnung für die Demut in der Gefahr und Verlockung, von unserem Ego für seine Zwecke genutzt zu werden. Wann immer wir Schritte setzen, um uns seiner Macht zu entziehen, können wir mit Gegenmaßnahmen auf der unbewussten Ebene rechnen, in denen sich unaufgelöste Ängste auf subtilere Weise Geltung verschaffen und die innere Veränderung abschwächen oder sogar ins Gegenteil verkehren wollen.   

Beim Thema Demut begegnen wir dabei einem interessanten Erfahrungsfeld. Ich habe schon in einigen früheren Beiträgen auf die zentrale Bedeutung dieser Haltung für den inneren Weg hingewiesen. An der aktiven, frei gewählten Haltung der Demut bricht das Ego. Sobald wir erkannt haben, dass wir weder größer noch kleiner sind, als wir sind, sondern genau so groß, wie wir eben sind – in jeder Hinsicht –, und dass das auch gut so ist; sobald wir aufhören, uns mit anderen zu vergleichen, muss das Ego seine Ansprüche und Erwartungen aufgeben, die entweder von Größenfantasien oder Minderwertigkeitsgefühlen gefüttert sind. Unser Ego will uns immer anders haben als wir sind. Es nörgelt und kritisiert an uns herum, bewertet und vergleicht uns und ist nie zufrieden. Es zweifelt und macht uns Vorwürfe. Wenn es etwas von Demut hört, kriegt es Angst und bewirkt, dass jeder Schritt in diese Richtung unterlaufen wird. 

Auf diese Weise entstehen Demutsposen, die sich selbst widersprechen, oft ohne dass es den betreffenden Personen auffällt. Es sind Kompromisse zwischen einem mentalen Konzept, in dem klar geworden ist, dass Demut eine gute Sache ist, und den Bedürfnissen des Egos, das sich gegen seine Entmachtung sträubt.  

Die hochmütige Demut 


Manchmal begegnen wir einer großspurigen Demut, die jeden direkt oder indirekt wissen oder spüren lässt, wie wichtig und vorbildhaft sie ist. Jemand, der diese Einstellung pflegt, fühlt sich besser als die anderen, die noch weniger demütig sind, und schaut auf sie herab. Die echte Demut hingegen ist bescheiden, ohne sich zu beschneiden. Sie weiß, dass sie nur durch Handlungen und nicht durch zur Schau getragen Posen wirken kann. Denn sie hat nichts, was sie sich auf irgendeine Fahne heften könnte, nichts, was sie vor sich hertragen könnte mit der Aufforderung: „Sieh mal, was ich da Tolles habe, sieh mal, wer ich bin!“

Demut, die zur Schau getragen wird wie ein neues prächtiges Kleid, das alle bewundern sollen, kommt als hochmütige Überheblichkeit an und ist unglaubhaft, weil sie nur den Narzissmus füttert. Häufig verbindet sich diese Haltung mit dem Drang, andere manipulativ zu beeinflussen, damit sie die Selbstbestätigung liefern, die jemand braucht, der sich selbst in seiner Demutshaltung idealisiert.

Die unsichere Demut 


Das Gegenteil ist die selbstunsichere Demut. Sie will Verständnis und Mitgefühl dafür, dass sie gerne noch demütiger wäre, aber noch lange nicht so weit ist. Wenn wir diese Tendenz in uns entdecken, können wir uns darüber klar werden, dass sich die echte Demut nicht klein macht, sondern zu sich steht; nicht, weil es nach irgendeinem Maßstab so sein sollte, sondern weil es sich für einen selber genau so richtig und stimmig anfühlt. Demut ist erst dann verwirklicht, wenn sie einfach da ist, und nicht dann, wenn sie sich als Ergebnis eines Übungsprogramms oder einer Erbauungsbelehrung wie ein Ideal im Kopf eingenistet hat. 

Wir verwechseln also gerne einen schwachen Selbstwert mit Demut. Jemand gibt sich schüchtern und zurückhaltend, weil sie über sich denkt, dass sie nichts wert ist oder nichts zu bieten hat. Das hat nichts mit Demut zu tun, sondern mit einem blockierten Zugang zur eigenen Kraft. Die echte Demut erwächst aus der inneren Stärke, die es sich erlauben kann, sich selber nicht so wichtig zu nehmen.

Die geheuchelte Demut 


Die geheuchelte Demut macht sich und anderen eine Haltung vor, die gar nicht gelebt wird. Sie will ein Ziel erreichen, um z.B. nach einem Misserfolg wieder Sympathie zu bekommen. Da die Haltung der Demut bei anderen Menschen Vertrauen erweckt, weil sie sich nicht vor einem Angriff fürchten müssen, kann sie auch strategisch eingesetzt werden, um als fairer Verlierer gut anzukommen. 

Mit Heucheln wollen wir Eindruck schinden, bei den anderen und auch bei der kritischen Instanz im eigenen Inneren. Auch hier spielt ein Ideal, dem wir entsprechen sollen, aber eigentlich nicht wollen, die tonangebende Rolle. Die Aufgabe, das Ideal zur Realität werden zu lassen, wird gerade durch diese Rolle behindert. Denn das Ideal täuscht und kann mit scheinbaren Gewinnerfahrungen mit der Täuschung zur Gewohnheit werden. 

Authentische Demut beginnt erst dort, wo kein Beweis und keine Bestätigung von außen notwendig ist. In dieser Haltung folgen wir keinem Ideal, sondern dem, was sich für uns selber als stimmig anfühlt. Was aus dieser Haltung heraus geschieht, hat kein Ziel und keinen Zweck und ist nicht von den Reaktionen der anderen Menschen abhängig.Thérèse von Lisieux schrieb: „Wir müssen unsere Unvollkommenheit annehmen und lieben und nicht länger daran arbeiten, Heilige zu werden, sondern nur uns mühen, Gott Freude zu machen."

Die verlegene Demut 


Sie verwechselt Demut mit übertriebener, weil selbstverleugnender Bescheidenheit. Sie tut sich schwer, Lob und Anerkennung anzunehmen. Ihr Ideal erlaubt nicht, herauszuragen und andere zu übertreffen. Wenn sich jemand für eine gute Tat bedankt, wirkt eine Person mit dieser Einstellung verlegen und abwehrend: "Was ich getan habe,  ist ja nicht der Rede wert”. Es handelt sich also um eine Spielart der unsicheren Demut, die es peinlich findet, im Rampenlicht zu stehen, und sei es auch nur in kleiner Runde, wenn jemand lobend erwähnt, was gemacht wurde.  

Zwar ist die echte Demut nicht auf Lob und Anerkennung angewiesen, aber sie kann sich freuen, wenn andere Menschen die eigene Leistung erkennen und bestätigen. Es ehrt Menschen und ist Ausdruck ihrer Demut, wenn sie andere Menschen für ihr Tun bestätigen und loben. Sich zu bedanken für etwas, was man empfangen hat, zeigt von Herzlichkeit und Großmut und erfordert das offene und dankbare Annehmen von der Person, die bedankt wird. Jeder Akt, der aus Demut geschieht, verdient Dank, und jeder Dank, der gegeben wird, verdient seine Annahme und Anerkennung. 

Die belehrende Demut 


Die zumutende Demut will bei anderen die eigene Einsicht einfordern: Nimm dein Schicksal demütig an, dann bist du so glücklich wie ich. Deine Leiden stammen aus deiner Unwilligkeit zur Demut. Also bemühe dich mehr, deinen Hochmut zurückzudrängen. 

Belehrung kommt immer aus einer überlegenen Position. Wer sich in der Haltung der Demut befindet, gibt gerne sein Wissen und seine Erfahrungen weiter, will aber niemanden zum eigenen Weg überzeugen, weil klar ist, dass jeder Weg zur Befreiung individuell ist. Gelehrte Demut baut ein Ideal im Kopf der Belehrten auf und muss von diesen in ihrer Art erst in die Praxis umgesetzt werden. Beim Belehren müssen wir immer mit Widerständen rechnen, so gut auch die Absicht ist.  

Wir alle brauchen Impulse von außen, wenn wir im Inneren weiter wachsen wollen. Am besten lernen wir durch die Vorbildwirkung, die im Fall der Demut dann besonders gut ankommt, wenn sie uns ganz still und unprätentiös begegnet, ohne jede Absicht, uns zu verändern. 

Reue und Demut 


Wenn wir etwas, was wir getan haben, bereuen, weil es jemand anderem geschadet hat oder Verletzungen bewirkt hat, dann kommen wir in die Haltung der Demut. Wir erkennen und anerkennen die Grenzen unseres Gutseins und die Diskrepanz zwischen Absichten und Ergebnissen. Wir gestehen uns ein, dass unser Unbewusstes seine weiterwirkende Macht hat und uns zu Handlungen führt, von denen wir nachher einsehen, dass sie falsch und schädlich waren. Wir erkennen, dass wir unvollkommen und fehleranfällig sind und unsere Schwächen haben, und dass wir aus dieser Mangelhaftigkeit heraus anderen Schaden zufügen können.  

Die Demut nach der Reue steht in einem sozialen Funktionszusammenhang. Sie ist nicht von Dauer, denn sie verschwindet, wenn die betroffene Person eine Entschuldigung annimmt. Aber wir können über die Reue mehr über das Wesen der Demut erfahren und verstehen.  Wir erkennen, dass wir mit dem demütigen Eingestehen unserer Schwachstellen und Persönlichkeitsmängel mit anderen wieder in Gleichklang kommen können und damit Konflikte lösen können.  

Die authentische Demut 


Die wirkliche Demut, die auch die ist, die als einzige Gutes in der Welt schafft, ist selbstbewusst und kräftig, klar und kompetent. Sie steht ganz in der Welt und ist voll aktiv in ihr. Sie ist nur von den eigenen Ambitionen losgelöst. Die authentisch demütige Person braucht sich ihre guten Taten nicht mehr selber zuzuschreiben und sich damit brüsten. Vielmehr kann sie sich als „Handlanger“ einer höheren Macht verstehen und dafür dankbar sein. Sie ist nicht von Anerkennung und Bestätigung abhängig.  

Authentische Demut entsteht, wenn jemand ein gerades Verhältnis zur eigenen Wertigkeit hat und weder einem narzisstischen Hochmut unterliegt noch an sich selbst zweifelt oder verzweifelt. Eine ausgereifte Selbstakzeptanz ist der Schlüssel für eine echte Haltung der Demut, die sich daraus wie von selbst ergibt. Denn man muss niemandem irgendetwas noch beweisen, sondern kann seine Handlungen an der Übereinstimmung mit den eigenen Werten ausrichten. 

Die aktive und authentische Demut ist nicht an vorhergehende Fehler oder an emotionale Schwächen geknüpft. Sie sucht nicht einen Ausweg aus einer verfahrenen Situation, sondern weiß um die grundlegende Unvollkommenheit des Menschseins. Wie schon Immanuel kant gemeint hat: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.” 

Oft ist diese Demut mit Humor und Selbstironie verbunden, mit einer barmherzigen Einstellung sich selbst und den anderen gegenüber. Ein demütiger Mensch kann über die eigenen Schwächen schmunzeln oder lachen und tut sich deshalb auch leicht mit den Schwächen der Mitmenschen. Fehler und Unachtsamkeiten passieren unter Menschen, Mängel sind unser Wesenszug. Da können wir schon mal über die Unzulänglichkeiten von uns und unseren Mitmenschen lächeln, anstatt uns zu ärgern und uns selber oder andere zu kritisieren und abzuwerten. Wie sagt die Volksweisheit: „Auf Erden lebt kein Menschenkind, an dem man keinen Mangel find’t.”

Zum Weiterlesen:
Passive und aktive Demut
Demut als spirituelle Haltung
Demut und Mitmenschlichkeit
Reich und arm, Demut und Würde
Die Gleichberechtigung des Seins                                                                           

Freitag, 23. Januar 2015

Religiöse Gefühle und Humor in der offenen Gesellschaft

Ein Leser dieser Blogseiten hat mir dankenswerter Weise den Hinweis auf eine Stellungnahme des Papstes zu den Themen Meinungsfreiheit und religiöse Gefühle geschickt.

Meinungsfreiheit hat nach Ansicht von Papst Franziskus Grenzen - dann, wenn sie religiöse Gefühle anderer verletzt. „Viele Menschen ziehen über Religion her, das kann passieren, hat aber Grenzen. Jede Religion hat eine Würde, und man kann sich darüber nicht lustig machen“, sagte der Papst mit Blick auf die Terroranschläge auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ auf dem Flug zur die philippinische Hauptstadt Manila.
Er fügte hinzu: „Wenn Dr. Gasbarri (der Reiseorganisator des Papstes), mein lieber Freund, meine Mama beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag. Denn man kann den Glauben der anderen nicht herausfordern, beleidigen oder lächerlich machen“, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa am Donnerstag das Oberhaupt der Katholiken weiter. Gleichzeitig betonte der Papst, dass man im Namen Gottes nicht töten dürfe.
Soweit der Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Nicht überraschend ist die traditionelle Sichtweise eines Religionsvertreters zur Ablehnung von religiösen Gefühlsverletzungen. Überraschend, seltsam, lustig oder interessant, je nachdem, kann man das Beispiel finden, das dem Papst dazu einfällt. Es geht mir im folgenden nicht darum, am Papst und seinen vielleicht nicht voll durchdachten Interviewäußerungen herumzukritisieren oder in sie hineinzuinterpretieren, sondern sie zum Anlass zu nehmen, weitere Aspekte des Themas näher zu beleuchten.

Jede Religion hat eine Würde, auch wenn in ihrem Namen Verbrechen begangen werden. Jeder Mensch hat eine Würde, auch wenn er Verbrechen begeht. Das sollte im Sinn eines Grundkonsenses von Menschen- und Bürgerrechte außer Zweifel stehen. Klar sollte auch sein, dass die Würde eines Einzelnen oder einer Institution nicht durch andere Menschen und deren Aktionen außer Kraft gesetzt werden kann. Sie besteht einfach weiter, was auch immer einem Menschen oder einer Institution angetan wird: Ob ihre Angehörigen vertrieben und verfolgt werden, oder ob sich jemand über sie lustig macht. Die nächste Frage ist, wie jemand reagieren soll, wenn jemand anderer die eigene Würde oder die einer für wichtig erachteten Institution "angreift" oder "verletzt".

Die deutsche Bild-Zeitung bezeichnet die Aussage von Papst Franziskus als scherzhaft. Sicher wollte er der Presse nicht mitteilen, dass er schnell mit Faustschlägen bei der Hand ist, wenn ihm etwas nicht passt. Und das Scherzen sollte auch in diesen Fragen erlaubt sein. Zugleich sollte es erlaubt sein, scherzhafte Stellungnahmen ernsthaft zu betrachten, nämlich in Hinblick darauf, was mit ihnen zum Ausdruck gebracht werden soll. Denn das Scherzen enthebt nicht der Aufgabe, auf der gedanklichen Ebene klar zu bleiben und die Rolle der involvierten Emotionen zu reflektieren.


Selbstverständlichkeiten?


Da erstaunt erstens die Selbstverständlichkeit, mit der das katholische Kirchenoberhaupt mitteilt, dass Beleidigungen der eigenen Mutter sofort geahndet werden müssen/können/sollen. Wenn eine Beleidigung boshaft und gemein ist, kann man sie auch anders zurückweisen und nicht weiter wichtig nehmen. Wenn eine Aussage über die eigene Mutter (oder über sonst wen, der einem wichtig ist), zwar scharf formuliert ist, aber z.B. eine Unvollkommenheit dieser Person anspricht, kann das wichtige Informationen enthalten, die überlegt und genauer erörtert werden könnten.

Jedenfalls ist die gewalttätige Reaktion (Faustschlag) auf eine Beleidigung keine Selbstverständlichkeit, weil es auch noch eine Reihe anderer Reaktionsmöglichkeiten gibt, die uns vielleicht nicht alle in jeder Situation verfügbar sind, insbesondere dann nicht, wenn in uns starke Emotionen ausgelöst werden. Doch wenn wir aus der Distanz über Fragen wie die Meinungsfreiheit reden, sollten wir neben den schwächsten, impulsgesteuerten Reaktionsmöglichkeiten auch die im Sinn der Vernunft stärkeren Möglichkeiten ebenfalls zur Diskussion stellen.

Insoferne sind die Aussagen des Papstes in diesem Punkt nicht nur mangelhaft, sondern auch erstaunlich kurzschlüssig. Sie konterkarieren zudem in ganz eigentümlicher Weise eine Dynamik in den Vorfällen, die diese Fragen wieder in die öffentliche Diskussion gebracht haben.


Der Scherz und die Satire


Jemand macht einen Scherz in der Öffentlichkeit, geht also unter Verwendung von Humor mit einem heiklen Thema um. Satire wäre in diesem Fall zu viel gesagt. Aber die Verwendung von satirischen Mitteln in der Karikatur sind ja genau der Gegenstand des Hasses vieler Menschen vor allem in der moslemischen Welt. Über Religion zu scherzen, bringt bekanntlich Menschen dazu, extrem gewalttätig zu werden.

Satire heißt, mit künstlerischen Mitteln menschliche Schwächen zu übertreiben und lächerlich zu machen. Andere Menschen sollen also über die Schwächen von Menschen und ihren Institutionen lachen, damit sollen diese ihre Schwächen einsehen und wenn möglich verbessern. Z.B. eine Kirche, die sich in ihrer Würde selbst zu wichtig nimmt, kann den Spott der Menschen auf sich ziehen, und gerade dieser Papst hat nicht nur in Worten erklärt, dass es ihm um nicht um eine Kirche der Selbstüberheblichkeit, sondern der Bescheidenheit geht.

Der Scherz ist ein gutmütigeres und schwächeres Mittel des Humors. Humor empfinden wir als gut, solange er nicht die eigenen Themen berührt. Ich darf mich lustig machen, mich und andere auf die Schaufel nehmen. Bei heiklen Themen hört sich der Spaß auf. Wo aber und wann ist dieser Punkt erreicht ? Hier gibt es keine objektiven Kriterien, sondern die Grenze setzt der individuell bzw. kulturell definierte Spielraum der Toleranz. Verletzt sind Menschen dort, wo etwas in Frage gestellt wird, was sie zu ihrer persönlichen oder sozialen Identität rechnen.

Offenbar wollte der Papst mit jener scherzhaften Aussage um Verständnis für eine menschliche Reaktionsweise werben: Beleidigung hat "spontane" Gewalt zur Folge. Wie oben gesagt, erschreckt die Selbstverständlichkeit, mit der diese primitive Reaktionsweise einfach stehengelassen wird. Der Schreck lässt leicht den Scherz vergessen.


Humor und Gewalt


Nächstes Element: Die Anspielung auf Gewalt im Scherz. Die prototypische antiwestliche Argumentation aus islamischer Sicht lautet: Beleidigung der Religion und ihrer Repräsentation ist eine gegen alle Gläubigen gerichtete Gewalt, und niemand dürfe sich wundern oder beklagen, wenn Gewalt dann mit Gewalt beantwortet wird.

Im Scherz des Papstes folgt die gewalttätige Reaktion auf die Beleidigung; das Scherzhafte daran ist, dass sich niemand den Papst als Schlägertypen vorstellen kann, noch dazu gegen einen Freund. Unterstellt wird aber, dass die Reaktion mit der Faust selber weder unverständlich noch moralisch anfechtbar ist. "Das versteht doch jeder: Wenn die Mutter beleidigt wird, muss man auszucken." Der Sprung zu selbsternannten Killern im Namen des großen Gottes ist natürlich groß, die Analogie ist aber nicht allzu weit hergeholt, weil es bei der Gewalt gegen Körper eine Kontinuität gibt: vom Faustschlag bis zur Tötung. Denn das ist es, was die Gewalt in jeder Form letztendlich anstrebt: Dass solches nie mehr passiert, dass jemand für immer mund-tot gemacht wird. Das Nie-mehr und Für-immer ist das Ziel, das sich Menschen setzen, die Gewalt als Mittel wählen.

Worte hingegen, so beleidigend auch immer sie sein können, führen nicht zu körperlichen Schäden und deshalb auch nicht zum Tod. Selbst auf die schlimmsten Worte lassen sich andere schlimme Worte finden. Es wird also mit stärkerer Munition zurückgeschossen, als der Angriff beinhaltete, wenn auf Worte die Faust folgt. Damit wird eine Eskalation der Gewalt in Kauf genommen , die dort ihren entscheidenden Anfang nimmt, wo die verbale Auseinandersetzung zur körperlichen wird. Das ist genau der Vorgang, den wir mit Besorgnis beobachten. 


Körper und Geist


Was wird in dem Beispiel über das Verhältnis von Körper und Geist ausgesagt? Jemand, der zu Aggressionen neigt, kann leicht so reagieren: Wenn jemand etwas oder jemanden beleidigt, der oder das mir wichtig ist, dann kriegt er eine drauf. Eine verbale Beleidigung, nicht einmal gegen die eigene Person, verglichen mit Körperverletzung - was wiegt mehr?

Es zeigt vielleicht, dass manche Kirchenvertreter in guter alter Tradition den Geist höher stellen als "das Fleisch". Wer den Geist verletzt, hat dann mehr angerichtet, als jemand, der den Körper verletzt. Die Gotteslästerung als Herabwürdigung des höchsten geistigen Prinzips ist dann das Schlimmste überhaupt, was Menschen anrichten können, viel ärger als Massenmord. Im Mittelalter haben deshalb Ketzer eine besonders grausame Form der Todesstrafe erhalten. In Saudi-Arabien z.B. werden Andersgläubige und Andersdenkende grausam bestraft. Davon sollten wir aber in unserem Moral- und Rechtsempfinden schon weit entfernt sein.

Wie schon in einem früheren Beitrag ausgeführt, ist es übertrieben und irreführend, Beleidigung als Gewaltausübung zu verstehen, weil das zu einer willkürlichen Verallgemeinerung des Gewaltbegriffes führt und die Selbstverantwortung für die eigenen Gefühle außer Acht lässt. Es gibt keine automatische Beleidigung, vielmehr wird die Beleidigung vom Beleidigten zu einer solchen gemacht. Bei einer anderen Person in der gleichen Situation würde die Beleidigung u.U. unter die Kategorie "Lappalie" fallen.

Niemand kann über die eigene Person hinaus schließen, was Gefühle verletzt, weil jeder Mensch über ein anderes Maß dafür verfügt. Jemand kann sich schon verletzt fühlen, wenn jemand anderer die Nase über ein religiöses Symbol rümpft, oder einen Witz über Petrus an der Himmelstür macht. Jemand anderer, genauso gläubig, aber charakterlich weiter entwickelt, kann die bissigste Religionskritik gelassen von sich weisen. 


Immer wieder in die gleiche Kerbe


Wenn schon bekannt ist, was Menschen verletzt, sollte man aus Gründen der Menschlichkeit und Rücksichtnahme aufhören, in die schon bekannte Kerbe zu schlagen. So wird jetzt öfter argumentiert, wenn es um islamkritische Publikationen im Westen geht. Wir vermeiden das ja auch in unseren persönlichen Beziehungen. Wenn wir wissen, was jemand anderen, der uns wichtig ist, verletzt und ärgert, dann reiten wir nicht darauf herum oder bohren noch tiefer in die Wunde.

Auf der Ebene der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Auseinandersetzungen gelten andere Gesichtspunkte. Hier werden, wie schon erwähnt, bei religionskritischen Fragen im allgemeinen nicht einzelne Menschen angegriffen, sondern Glaubenslehren, Glaubensinhalte und historische Repräsentanten der Religion. Wie oben gesagt, geht es in der Kritik darum, blinde Flecken in der öffentlichen Darstellung der Religionen aufzuzeigen, wie z.B. Überheblichkeiten oder inhaltliche Widersprüche, Gegensätze zwischen Theorie und Praxis usw. Die Dynamik der Auseinandersetzung in einer offenen Öffentlichkeit bewirkt, dass sie nur dann aufhört, wenn sich der Gegenstand der Kritik so ändert, dass die Kritik nicht mehr trifft, oder wenn sie unterbunden, unterdrückt und verboten wird. Dann ist allerdings die Öffentlichkeit nicht mehr offen, sondern lädiert. Und das ist für eine post-aufklärerische Gesellschaft wichtiger als die Folgen von tatsächlichen oder vermeintlichen Beleidigungen und Kränkungen.

Übertreibungen und Unverschämtheiten, unfaire und haltlose Kritiken sowie inhaltsleere Polemiken fallen der Selbstkorrektur einer offenen Öffentlichkeit anheim. Sie weist mit argumentativen Mitteln alles zurecht, was anmaßend gegen Anmaßung und hinterhältig gegen Hinterhältigkeiten vorgehen will.


Persönliche Betroffenheit und Identifikation


Es ist zwar selbstverständlich, dass das Oberhaupt der Katholiken für die Würde der Religionen eintritt und Herabwürdigungen deshalb nicht gutheißen kann. Aber jede persönliche Betroffenheit, wie sie im Beispiel der Beleidigung der eigenen Mutter ausgedrückt wird, zeugt von einer persönlichen Identifikation, die schon an anderer Stelle genauer beleuchtet wurde. Nicht einmal das Oberhaupt einer Kirche muss in der Weise mit der eigenen Institution identifiziert sein, dass eine Kritik an ihr zu einer persönlichen Verletzung führt. Wenn die Unterscheidung zwischen der Institution und der eigenen Person klar ist, kann die Reaktion auf eine Grenzüberschreitung flexibler und menschenwürdiger ausfallen, als sie ein Faustschlag darstellt. 


Die Selbstverständlichkeit des Glaubens


Glaube und Religion haben im Westen die Aufklärung durchlaufen oder durchlitten, je nachdem. Durch diese Geistesströmung, die auch eine Weiterentwicklung des Bewusstseins mit sich brachte, hat sich der Anspruch der Religionen auf alleinige oder letztgültige Welt- und Daseinserklärung relativiert. Andere Instanzen wie z.B. die Wissenschaften sind als Konkurrenten aufgetaucht. Die Glaubensinhalte und Glaubensgemeinschaften haben in den nach-aufklärerischen Gesellschaften ihre Selbstverständlichkeit verloren. Sie mussten sich von geschlossenen zu offenen Systemen weiterentwickeln. Auf diesem neu gewonnenen Boden der Grundfreiheiten gedieh auch eine neue Form der radikalen Religionskritik, wie sie z.B. im 19. Jahrhundert bei Feuerbach, Marx und Nietzsche nachgelesen werden kann. Die pluralistische Welt der Moderne ist gekennzeichnet durch ein Nebeneinander unterschiedlicher Sinnangebote, die sich gegeneinander durch kritische Auseinandersetzung abgrenzen.

Die Kirchen mussten ihren Platz in der Gesellschaft neu definieren. Wie schon ausgeführt, konnten sie in der „Verletzung religiöser Gefühle“ als strafrechtlichem Tatbestand in einigen Staaten eine Sonderstellung aus der vormodernen Epoche herüberretten.

Die Länder des nahen, mittleren und fernen Ostens sowie Nordafrikas, also die Länder, in denen der Islam vorherrscht, haben die Geistesströmung der Aufklärung nur ansatzweise und oft kontrovers durchlaufen. Aufklärung wurde in vielen Fällen mit Kolonialismus zusammengebracht und deshalb abgelehnt. Die große Mehrheit der dortigen Gesellschaften ist von der voraufklärerischen Einstellung zur Religion gekennzeichnet: Religion ist ein selbstverständlicher unhinterfragbarer Teil des Lebens. Die Inhalte des Glaubens gelten selbstverständlich. Wer sie in Frage stellt, stellt sich außerhalb der Selbstverständlichkeiten und muss deshalb ausgegrenzt werden. Wer die Selbstverständlichkeiten von außen kritisiert, muss zum Schweigen gebracht werden.

Im Interview des Papstes kommt diese Selbstverständlichkeit ebenfalls vor: Die Mutter muss in jedem Fall vor Beleidigung geschützt werden. Das vierte Gebot schreibt vor, Vater und Mutter zu ehren, also in ihrer Würde zu achten. So wie dieses Gebot ganz grundsätzlich gilt (es sorgt ja dafür, dass es uns „wohlergehe auf Erden“), gilt auch die Einstellung Gott gegenüber grundsätzlich, wie sie in den ersten drei Geboten angeordnet wird. Es geht dabei nicht um den Inhalt: Kinder sollen ihre Eltern ehren und würdigen.

Die Form der absoluten Geltung ist das aus der nach-aufklärerischen Sicht problematische: Schon was die Eltern anbetrifft, sagen Kinder, die auf eine Geschichte von Missbrauch und Vernachlässigung zurückblicken, dass sie keinen Grund sehen, ihre Eltern zu ehren. Diesen Menschen ergeht es nicht wohl, weil sie von ihren Eltern nicht geehrt wurden, und nicht, weil es ihnen an Wertschätzung für sie gemangelt hätte. Wir können verstehen und nachvollziehen, dass nur Eltern die Ehre verdienen, die auch Ehre geben können.

Wir können deshalb aus der modernen Sicht den Respekt der Kinder ihren Eltern gegenüber nicht einfordern oder als unverrückbare Notwendigkeit darstellen. Vielmehr sehen wir, dass dieser Respekt ganz von selber entsteht, wenn die Eltern den Kindern geben, was diese zum Aufwachsen benötigen, und dass er dann nicht gedeihen kann, wenn die Eltern, aus welchen Gründen auch immer, den Kindern die Eltern schuldig bleiben.

Die Gleichsetzung der Würdigung der Mutter mit der Würdigung der Religion fußt offensichtlich auf dieser Selbstverständlichkeit der Geltung. So wie die Mutter geehrt und vor Beleidigung geschützt werden muss, so muss die Religion gegen entehrende Angriffe verteidigt werden. Beides kann das nach-aufklärerische Denken nicht mehr als Selbstverständlichkeit hinnehmen, sondern als Maxime, die in jedem Fall überprüft werden muss und aus unterschiedlichen Blickpunkten unterschiedlich bewertet werden kann.


In Kommunikation bleiben


Dann können die Brücken der Kommunikation und des Dialogs aufrecht bleiben. Der, der sich beleidigt fühlt, kann mit der Person, die das ausgelöst hat, in Kontakt und im Austausch bleiben. Auf diese Weise entsteht ein Verständnis, das es dem Kritiker ermöglicht, das Objekt der Kritik mehrdimensionaler und offener wahrzunehmen. Der Kritisierte vermag, differenzierter mit der Kritik umzugehen und für sich zu entscheiden, was an der Kritik berechtigt und deshalb hilfreich und was an ihr unfair ist oder aus Missverständnissen oder Vorurteilen stammt. So kann eine Geschichte nach dem Muster: Beleidigung gefolgt von gewalttätiger Reaktion zu einer Geschichte des Lernens und Reifens für alle Beteiligte werden. Wo sich Lernfelder öffnen, wird die Welt weiter und vielfältiger, wo Gewalt angewendet wird, wird sie enger und düsterer.


Vgl. Meinungsfreiheit und religiöse Gefühle 
Die Freiheit der Kunst und religiöse Gefühle 
Was heißt: Ein religiöses Gefühl verletzen? 
Religiöse Gefühle versus Meinungsfreiheit