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Dienstag, 16. September 2025

Intensitätssuche und Gewalt

Manche Menschen wollen ihr Leben lang eine ruhige Kugel schieben, nach dem Motto: Nur keine Wellen. Andere suchen überall den Kick, das Herausfordernde und die Intensität. Sie geraten leicht in Langeweile, wenn nichts Besonderes passiert. Ohne Intensität wird es fad, aber zu viel Intensität erzeugt Dauerstress. Wo liegen die Hintergründe der Suche nach Intensität?

Intensive Erfahrungen führen im günstigen Fall zur Ausschüttung von Glückshormonen (Endorphine und Oxytocin) und werden deshalb immer wieder gesucht. Wir verfügen über ein Dopaminsystem, das uns nach Belohnungen Ausschau halten lässt. Es motiviert uns dazu, aus dem Alltagstrott mit seinen Routinen auszubrechen und neuartige Erfahrung zu machen. Man nennt diese Dynamik in der Psychologie die Suche nach Reizen oder Sensationen („sensation seeking“).

Psychologische Untersuchungen haben ergeben, dass dieses Verhalten besonders im Alter von 20 bis 25 Jahren auftritt, eher bei Männern als bei Frauen. Es gibt ein Kontinuum zwischen dem Suchen von Erfahrungen (experience seeking), dem Suchen nach Sensationen (sensation seeking) bis zum Suchen nach Spannung (thrill seeking). Dabei geht es in unterschiedlichen Graden darum, die Grunderregung des Nervensystems zu erhöhen. Ein niedrig erregtes Nervensystem wird von Personen, die unter Intensitätsmangel leiden, häufig als unangenehme Langeweile interpretiert.

Gewalterfahrung als Intensitätserleben

Die Suche nach Intensität motiviert dazu, Risiken einzugehen, die mit einem teilweisen Kontrollverlust verbunden sind. Der Kick besteht gerade darin, sich gefährlichen Situationen mit vielen Unwägbarkeiten auszusetzen und sich darin zu behaupten. Das Erleben von Intensität in einer sicheren Umgebung soll die Fähigkeit trainieren, den Kontrollverlust auszuhalten, als Coping-Mechanismus. 

Jugendliche, die besonders zur Intensitätssuche neigen, nutzen offenbar zunehmend die Übungsmöglichkeiten mit Intensität, die durch Online-Spiele angeboten werden. Es geht dabei um die Spannung, die im Verlauf des Spieles zu immer höherer Intensität gesteigert wird. Oft spielt die Einübung in Gewalt eine wichtige Rolle, indem im Spiel virtuelle Gegner vernichtet werden, was Erfolgs- und Lustgefühle in der Regel auslöst. Manche, die zu stark in die Trance dieser digitalen Welt eingetaucht sind, merken dann kaum einen Unterschied, wenn die Virtualität in die Realität übergeht, wie vielleicht der Attentäter von Charlie Kirk in Utah. 

Das Kennenlernen der Intensität von Gewalt ist ein wichtiger Schritt im Prozess des Erwachsenwerdens. Es geht dabei um das Sammeln von Erfahrungen mit der Täterrolle. Während in der Kindheit meist die aus der Opferrolle vorherrscht, dient die Pubertät zum Ausstieg aus der Rolle durch die Übernahme von mehr Selbstverantwortung. Wenn Eltern physische oder emotionale Gewalt ausgeübt haben, ist es schwer und zugleich besonders verführerisch, in dieser Zeit in die Täterrolle zu gehen. Das Online-Gaming kann diese Brücke bereitstellen, ohne allerdings eine adäquate Unterstützung für die Bewältigung bereitstellen zu können. Denn die Abhängigkeit von Bestätigungserlebnissen von der virtuellen Welt stellt, psychologisch betrachtet, nur eine Verlängerung der Kindheitsposition dar. 

Umso verlockender kann es sich dann dem Jugendlichen im Emanzipationsprozess darstellen, reale Möglichkeiten zur Gewalterprobung zu nutzen. Die Schwelle zur realen Gewalt wird mit Hilfe des Hasses überwunden, wie im letzten Artikel dargestellt. Das Internet bietet vielfältige Anregungen, um sich mit Opfern zu identifizieren und Hass auf die Täter aufzubauen. Die Kettenreaktion von der Frustration zum Hass und dann zur Gewalt besteht in einer Steigerung der psychischen Intensität von Schritt zu Schritt. Der Kulminationspunkt ist dann die vollbrachte Gewalttat. 

Wiederholungszwang

Die Suche nach Intensität kann leicht suchtartige Züge annehmen („Adrenalin-Junkies“). Dazu kommt es vor allem, wenn diese Suche als Wiederholungszwang von Traumen auftritt. Darauf hat schon Sigmund Freud hingewiesen. Es handelt sich um das unbewusst gesteuerte Bestreben, in einer sicheren Umgebung ähnlich intensive Erfahrungen zu machen wie im Trauma, aber im bewusst entschiedenen Wiedererleben zu lernen, das Trauma in der Wiederholungssituation zu bewältigen. Der Suchtcharakter bildet sich aus, weil es nie zu einer Auflösung des Traumas kommt, sondern nur zu seiner Reinszenierung unter scheinbar besser kontrollierten Umständen.  Da die angestrebten Intensitätserfahrungen immer auch mit einem gewissen Kontrollverlust verbunden sind, wird ein Stück des Traumas in die Gegenwart geholt, ohne bewusst durchlebt und dann integriert zu werden, wie es in einer Traumatherapie geschehen kann. Also muss diese Erfahrung immer wieder wiederholt werden, ohne reale Aussicht auf die Befreiung von der Traumalast. 

Kontrollverlust

Kontrollverlust bedeutet auch Selbstverlust – das zeitweilige Verschwinden des Selbstkontakts. In vielen Zusammenhängen wird dieser Verlust als lustvoll erlebt z.B. in der Sexualität oder in der Ekstase. Doch kann die Lust schnell in Panik umschlagen, wenn der Kontrollverlust aus einem Trauma stammt. Es gibt eine gewisse, nicht vorhersehbare Grenze, innerhalb derer noch so viel Selbstkontrolle besteht, dass die Traumaenergie in Schach gehalten werden kann. Wird diese Grenze  überschritten, dann tritt das alte Trauma mit voller Wucht in die momentane Erfahrung ein. Aus der lustvollen Entgrenzung wird ein Horrortrip. Die Dopamin-Euphorie kippt in das Überschießen der Stresshormone. Falls das Nervensystem nicht zeitgerecht in einen regulierten Zustand zurückfindet, gerät es auf der nächsten Stufe der Fehlregulation in eine parasympathische Überreaktion, die mit Erstarrung, Lähmung und Dissoziation einhergeht.

Dissoziation und Gewalt

Die Dissoziation kann sich in verschiedenen Formen zeigen:

Unter Depersonalisation versteht man einen Zustand, in dem sich die betroffene Person vom eigenen Körper losgelöst oder entfremdet vorkommt, oft verbunden mit verminderter Empfindlichkeit gegen Berührung oder Schmerzen sowie einer eingeschränkten Bewegungskontrolle.

Die Derealisation bezeichnet ein Gefühl, in dem die Welt um einen herum als nicht real erscheint. Das Erleben wird wie durch einen Schleier oder wie in einem Film empfunden, mit betäubten Gefühlen und verlangsamte Bewegungen.

Schließlich gibt es noch die dissoziative Amnesie. Es kommt dabei zu kurzen Unterbrechungen im Fluss der subjektiven Erfahrung: Es wird vergessen, was gerade passiert ist. In der Folge treten Gefühle von Orientierungslosigkeit, Verwirrung und Verlorenheit auf.

All diese Phänomene der Dissoziation dienen dem Schutz des Überlebens in äußerst bedrohlichen Situationen, die mit höchster Intensität einhergehen und an die Grenze der Existenz führen. In weiterer Folge führen sie dazu, dass unter bestimmten Umständen die Hemmungen zur Gewaltausübung überwunden werden. Manche Gewalttaten sind nur möglich, weil die Täterperson dissoziativ von sich selbst abgeschnitten ist und in gewisser Weise wie ein Roboter agiert.

Zum Weiterlesen:
Auf dem Weg zur Hassgesellschaft?
Parteilichkeit verstärkt die Gewalt
Die Wurzeln der Gewalt
Böses tun, um Gutes zu bewirken?


Montag, 14. November 2022

Die kapitalistische Trauma-Trance

„It's the economy, stupid.“

Warum ist das Wirtschaftswachstum ein derartig wirksames Totschlagargument, wenn es um Maßnahmen für den Klimaschutz geht? 

Eine einfache Erklärung würde besagen: Es gibt die Propaganda, mit der die Lobbyinginteressen von Unternehmen vertreten werden, die ihre Gewinne schwinden sehen, wenn sie ihre Produktion umstellen müssten. Davon müssten wir uns nicht beeindrucken lassen. Es gehört zum Wirtschaftsgeschehen, dass sich die Produktion laufend modernisieren muss, und wenn die Modernisierung jetzt darin besteht, klimafreundlich zu produzieren, dann ist das eben die Aufgabe, der sich das Unternehmen stellen muss.

Was aber häufig geschieht, ist, dass die ökologische Debatte dort aufhört und Klimamaßnahmen abgeschmettert werden, weil ja das Wirtschaftswachstum gefährdet würde, damit Arbeitsplätze wegfallen, die Wirtschaft schrumpft, allen geht es schlechter und schließlich und endlich bricht alles zusammen.

Der Clinton-Slogan: "it's the economy, stupid", könnte so übersetzt werden: Es dreht sich alles um die Wirtschaft, und wenn du das nicht begreifst, bist du ein Dummkopf. Oder: Die Wirtschaft ist der wichtigste Bereich, um den sich alles andere dreht und drehen muss. Oder: Die Wirtschaft betrifft die Menschen am unmittelbarsten und am wirkmächtigsten, alles andere ist dagegen sekundär.

Das Kapitalismus-Trauma

Dass wir solche Slogans verstehen und für plausibel und richtig halten, hängt mit der kollektiven Traumatisierung durch den Kapitalismus zusammen. Die Wirtschaft ist ein Teilbereich in jeder menschlichen Gesellschaft, aber seit der Einführung des kapitalistischen Wirtschaftssystems hat dieser Teilbereich die zentrale Stellung eingenommen. Diese Themenführerschaft hat sich tief in unser Bewusstsein eingegraben. Sie ist in alle Bildungs- und Ausbildungsvorgänge eingebunden und wird den Kindern und Jugendlichen von früh an eingetrichtert. Sie sollen in den Schulen „für das Leben“ fit gemacht werden, d.h. sie sollen in der Wirtschaft bestehen und sich eine „Existenz“ aufbauen können. Der Kapitalismus hat es also geschafft, die menschliche Existenz vom wirtschaftlichen Erfolg abhängig zu machen: Wenn wir es in der Wirtschaft nicht schaffen, verlieren wir unsere Existenz.

Was ist hier geschehen? Natürlich wussten Menschen immer, dass ihr Überleben davon abhängt, dass sie genug zum Essen und einen sicheren Aufenthaltsplatz haben. Aber sie wussten auch, dass sie das nie alleine schaffen können, sondern dass es nur gelingt, wenn alle zusammenhalten. 

In den Anfängen konnten und mussten unsere Vorfahren selber in ihren Gemeinschaften für alles sorgen, was zum Überleben notwendig war. Vor allem seit der jungsteinzeitlichen Revolution ist die Wirtschaft durch die fortschreitende Arbeitsteilung immer komplexer geworden. Es ist ein System von wechselseitigen Abhängigkeiten entstanden, das dann durch das kapitalistische System mit den Prinzipien von Gewinnmaximierung und Konkurrenz verschärft wurde. Während im Mittelalter geregelt war, wieviel ein Handwerker verdienen konnte, sollte im Kapitalismus jener, der am billigsten und effizientesten produziert, die anderen Mitbewerber ausstechen. Aus einem relativ ausgewogenen System von wechselseitigen Abhängigkeiten, in dem der soziale Ausgleich eine wichtige Rolle spielt, wird ein System des Konkurrenzkampfes nach dem Motto: Jeder gegen jeden. Wer zu wenig kämpft, geht unter. Stirb du, bevor ich sterbe. Die Existenzangst liefert den hintergründigen Antrieb für wirtschaftliches Handeln und wird jedem Teilnehmer an der Wirtschaft eingepflanzt. 

Wie ich schon an anderer Stelle ausgeführt habe, ist der Kapitalismus ein angstgetriebenes System, das allen eine chronische Stressbelastung auferlegt. Die versteckte Ideologie dieses Systems suggeriert, dass das Überleben permanent prekär ist. Man kann sich nie genug anstrengen, um endlich vor dem Untergehen sicher zu sein. Die Menschen werden gezwungen sich „freiwillig“ selber Gewalt anzutun, nicht mit vorgehaltener Pistole, sondern mit der implantierten Überlebensangst. 

Die Kapitalismus-Trance

Rein logisch betrachtet, hat das Umweltproblem, in das sich die Menschheit manövriert hat, den Vorrang vor den Wirtschaftsproblemen. Denn auf einem nicht mehr bewohnbaren Planeten kann auch keine Wirtschaft betrieben werden. Die Wirtschaft müsste also alles tun, was in ihren Kräften steht, um diese globale Bedrohung abzuwenden, und dazu bräuchte sie von der Politik die zwingenden Vorgaben. Aber weil im kapitalistischen Denken der kurzfristige Gewinn immer besser ist als eine langfristige Perspektive, trommeln die Vertreter der Wirtschaft ihre Parolen vom Vorrang der Wirtschaft und ihres Wachstums, gleich welche Kosten das sonst noch verursacht und welche Probleme daraus längerfristig erwachsen. Denn für Schäden aus den Wirtschaftsprozessen haftet die Allgemeinheit, bzw. der Staat, diese braucht die Wirtschaftsvertreter nicht zu bekümmern. 

Warum aber ist die Politik nicht in der Lage, der Wirtschaft die Rahmenbedingungen vorzuschreiben, die notwendig sind, damit die Umweltkatastrophe abgewendet werden kann? Offenbar steht sie, wie die meisten Menschen, genauso unter dem Druck, den die Überlebensangst, die Triebfeder des Kapitalismus, ausübt. Kollektive Traumen führen zu kollektiven Dissoziationen, und Dissoziationen führen zu Trancezuständen. Sobald von Gefahren für die Wirtschaft die Rede ist, geraten die meisten Politiker in einen Trancezustand, in dem sie alles andere vergessen, wofür sie sonst noch verantwortlich sind. 

Ein Aufwachen aus diesem entrückten Zustand gibt es für die meisten offensichtlich nur, wenn Erfahrungen auftreten, die so mächtig sind, dass sie nicht mehr ignoriert werden können. Verschwindende Gletscher oder abnorm heiße Sommer sind unangenehme Erfahrungen, aber wir können mit ihnen leben. Ein Sturm, der das eigene Haus niederreißt oder eine Flut, die alles wegschwemmt, was einem gehört, kann nicht mehr so leicht ignoriert werden. 

Die Gefahr besteht, dass wir uns langsam, so wie sich die Klimabedingungen und alle von ihnen abhängigen Phänomene verändern, an die veränderten Umstände anpassen und deshalb alles hinauszögern, was an neuen Gesetzen und an neuen Verhaltensgewohnheiten notwendig wäre. Wir verhalten uns wie die Frösche in dem Wasserglas, das langsam erhitzt wird, und wir merken die Misere erst, in der wir stecken, wenn wir schon verbrüht sind. (Die Geschichte mit den Fröschen ist übrigens ein Fake, Frösche sind nicht so blöd, sie springen aus dem Wasser, sobald es ihnen zu heiß wird.)

Wir haben die Wahl: Die Traumatrance, angetrieben vor der kapitalistischen Überlebensangst, oder das Aufwachen, angetrieben vom Überlebenswillen und von der Verantwortung für die Menschheit und den Planeten.

Zum Weiterlesen:
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine
Die kollektiven Traumatisierungen durch den Kapitalismus
Unverschämtheit, ein Merkmal des Kapitalismus
Kapitalismus und Sozialismus: Angstorientierung und Schamorientierung


Freitag, 21. Februar 2020

Die guten und die schlechten Gewohnheiten

Wenn wir uns im Bereich unserer liebgewonnenen Gewohnheiten suhlen, nennen wir das die Komfortzone. Sie wird bewacht von Ängsten und Schamgefühlen. Lieber bleiben wir als genügsame Schuster bei unserem Leisten, als dass wir Neues ausprobieren, bei dem wir uns blamieren könnten. Lieber umgeben wir uns mit Menschen, die wir seit Ewigkeiten kennen, als dass wir neue Kontakte knüpfen, von denen wir nicht wissen, ob sie uns guttun. Gewohnheiten machen das Leben bequem, aber engen es ein und bewirken Langeweile, Ödigkeit bis hin zu allen suchtartigen Verhaltensweisen. 

Gewohnheiten sind also auch die Wurzel von vielem Üblen. Die eingefleischten Hirnbahnen, die uns zu immer gleichen Handlungen treiben, von denen wir wissen, dass sie uns schaden – von Denkzwängen bis zu ungesundem Essen und Trinken, von Nörgelschleifen bis zu Drogenabhängigkeiten.


Die Wurzeln der Erforschungsambivalenz


Gewohnheiten machen uns das Leben einfacher und ersparen uns viele kleine Entscheidungen, die wir durch Routine ersetzen. Sie sind aber auch Sand im Getriebe unserer Wachstumsenergie, die Grenzen erweitern und neue Räume erschließen will. Wir sind Wesen, die immer dazu lernen wollen, bis ins hohe Alter. Die Gegner der Neugier sind Angst und Scham, verbündet mit dem Zweifel, deren kognitivem Bruder. Die Ambivalenz zwischen dem Erforscher- und Erkunderdrang und der Scheu davor geht zurück auf die sogenannte Übungsphase (nach Margaret Mahler), die mit dem Erringen des aufrechten Ganges und der verbalen Sprache um die Wende vom ersten zum zweiten Lebensjahr beginnt und ungefähr eineinhalb Jahre andauert. 

In dieser Phase entwickelt sich das explizite und lebhafte Interesse des Kindes an seiner Umwelt, die es nun viel aktiver erforschen kann. Das entdeckte Neue wird zu einer Quelle von Interesse, Freude, positivem Selbstgefühl und erwachender Selbstwirksamkeit. Das Kind kann spielerisch mit Nähe und Distanz experimentieren und erweitert damit seinen Raum für Vertrauen und Sicherheit in die äußere Welt hinein. Andererseits schwankt es zwischen Trennungsangst und Expansionslust. 

Kommt es in dieser Phase aber zu Verstörungen, die durch überängstliche und überfürsorgliche oder andererseits durch vernachlässigende Betreuungspersonen oder auch durch eine frühzeitige Überlassung an Kinderkrippen oder Zieheltern hervorgerufen werden, so ist dieser Drang nach dem Neuen von Unsicherheit und Misstrauen geprägt. Der Raum für das Experimentieren wird kleingehalten und verbindet sich mit verschiedenen Ängsten. Fixe Gewohnheiten bilden sich als Rettungsanker aus, bei denen sich sicher anfühlt, dass nichts Unangenehmes passieren kann. 

Der überfürsorgliche Erziehungsstil schränkt neben der Impulsivität auch die Kreativität ein und vermindert damit die Lebenschancen in der Gesellschaft, die kreative Kräfte braucht.  
Die überfordernden und vernachlässigenden Eltern hingegen vermitteln ihren Kindern eine Welterfahrung, in der das Kindliche nur wenig Platz erhält und in der es darum geht, dass die Kinder das Kindliche möglichst schnell überwinden und erwachsen werden. Der Bezug zum Spielerischen wird eingeschränkt und mit Scham belegt, von Erwachsenen geschätzte Kompetenzen und Leistungen stehen im Vordergrund und bekommen Lob und Anerkennung. Das Kind bildet dann seine Gewohnheiten in diesen Bereichen aus.


Krankhafte Gewohnheiten


Gewohnheiten, die eine hilfreiche Funktion in unserem Lebensalltag ausüben, erleichtern uns das Leben, weil sie uns von Entscheidungen entlasten und unsere Energien für andere Aufgaben nutzen lassen. Andere Gewohnheiten sind dagegen aus frühen Verhaltensmustern entstanden, die uns als Kleinkindern das Überleben von schwierigen Situationen ermöglicht haben. Sie können sich im späteren Leben zu Neurosen und Süchten entwickeln und das eigene Leben einschränken. Es sind Abläufe, die sich im Gehirn fest eingegraben haben und wichtige Botenstoffe monopolisieren, sodass wir meinen, nur durch solche Gewohnheiten einen Lustgewinn zu erzielen oder zumindest ein angenehmes Wohlgefühl zu finden. 

Dieser Zusammenhang führt zu den Süchten aller Art, vom Alkohol bis zum Medienkonsum, von der Streitsucht bis zum chronischen Stress. Unser Essverhalten kann davon geprägt sein wie die Zeiten unseres Schlafengehens. Zwangsneurosen und Zwangsgedanken beruhen auf ähnlichen Zusammenhängen.


Dissoziative Gewohnheiten


Eine besondere Gruppe unter den Gewohnheiten bilden jene, die auf Dissoziationen beruhen. Dieser psychische Mechanismus ist die Reaktion auf traumatische Erfahrungen und dient ursprünglich dafür, die Schmerzen und den Stress, die durch die Erfahrung ausgelöst werden, nicht spüren zu müssen. Die Situation wird so erlebt, als würde sie jemand anderem passieren. Das Gehirn verfügt über einen Vorgang, in dem es die Schmerzleitungen stilllegt und das Bewusstsein vom Körper abspaltet. Es kann sich dann der Mechanismus entwickeln, dass bei weiteren unangenehmen und belastenden Erfahrungen die Aufmerksamkeit vom aktuellen Moment und von der aktuellen Wirklichkeit verabschiedet und in einen Fantasieraum ausweicht, in dem Ruhe und Frieden herrscht. 

In der harmlosen Form betreffen uns solche Gewohnheiten immer dann, wenn wir nicht im Moment sind und keine bewusste Verbindung zu unserem Körper spüren. In der krankhaften Form können sie Gedächtnislücken bis zu Lähmungen hervorrufen.


Die Befreiung von Gewohnheiten


Wir sind nicht dazu verpflichtet, die Sklaven unserer krankmachenden Gewohnheiten zu sein. Solche Gewohnheiten sind zunächst unbewusst entstandene, aber heute selbstauferlegte Qualen, deren Wirkungen wir nicht immer gleich merken, die aber langfristige Schäden an unserem Körper und unserer Psyche anrichten können. Gewohnheiten loszuwerden ist jedoch ähnlich schwierig wie sie zu erwerben. Sie sind unter erschwerenden Umständen entstanden und hatten oft viele Jahre Zeit, um sich fest in unseren Gehirnwindungen zu etablieren. Vieles in uns wehrt sich vor allem auf unbewusster Ebene, sie zu überwinden.

Es braucht viel Konsequenz, Disziplin und Geduld, um aus der Macht dieser Gewohnheiten zu entkommen. Das sind leider Fähigkeiten, die durch solche Gewohnheiten untergraben werden, sodass die erste Arbeit darin besteht, sie wieder zu kultivieren und zu stärken. Die ersten Schritte werden klein sein, aber je mehr Anerkennung wir ihnen schenken können, desto besser werden sie sich etablieren; es ist wie die Trockenlegungsarbeit, mit der Sigmund Freud die Arbeit am Unterbewusstsein vergleicht: Stück für Stück neue Gewohnheit wird der alten abgerungen. Jeder Schritt verdient ein Quäntchen Selbstzufriedenheit und Stolz. Denn jede Selbstanerkennung wirkt als Selbstverstärkung.

Und jeder Rückschritt braucht Verständnis. Denn das innere Wachsen verläuft nicht linear nach oben. Manchmal sind die Widerstände stärker als der Wille zur Veränderung. Statt uns mit Vorwürfen zu überhäufen, ist es sinnvoller, die Macht der alten Gewohnheiten zu verstehen und mit uns selber nachsichtig und geduldig zu sein. Selbstanklagen helfen uns nicht weiter, sondern nur die Besinnung auf das, was wir wirklich verändern wollen. Aus Vorwürfen können Vorsätze werden, und aus Vorsätzen Willensentscheidungen.

Wenn wir unsere Veränderungsziele zu hoch gesteckt haben und dann gleich beim ersten Versuch scheitern, ist es besser, die Ziele auf ein realistisches Maß zu stutzen. Besser ein kleiner Schritt in die richtige Richtung als ein übermäßiger Sprung, bei dem wir uns den Knöchel verrenken. 

Hilfreich ist es auch, wohlgesonnenen Mitmenschen die eigenen Ziele mitzuteilen, damit die eigenen Absichten an die Öffentlichkeit kommen und dadurch mehr Kraft erhalten. Noch mehr wirkt eine kleine Gruppe von Leuten, die am gleichen Thema arbeiten, z.B. das Rauchen aufzuhören oder den Smartphonegebrauch einzuschränken. Der Austausch mit Gleichgesinnten motiviert zusätzlich und nutzt das Konkurrenzprinzip auf kreative Weise. 

Wir können zusätzlich regelmäßig mit der Vorstellung arbeiten, was sich alles durch das Aufgeben der alten Gewohnheit ändern wird und wie es uns dann gehen wird. Weitere Hilfen sind: Den eigenen Vorsatz durch oftmaliges Wiederholen stärken und sich klarmachen, dass es um das eigene Wollen geht, um die selbstgewählte Motivation. Wenn die Widerstände sehr stark sind, lohnt es sich, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn nachhaltig lösen sich die Hindernisse erst auf, wenn sie in ihren Wurzeln in früher Kindheit oder in der Pränatalzeit verstanden werden.

Kreativität ist der Ausdruck unseres Lebendigseins. Wenn wir unproduktive und selbstschädigende Gewohnheiten verabschieden können, öffnen wir den Raum für neue Ideen, Sichtweisen und Aktivitäten. So bereichern wir unser Leben und das unserer Mitmenschen.

Zum Weiterlesen:
Musterveränderung - aber wie?
Kreativitätshemmungen und ihre Lösung
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Selbstqual mit Selbstvorwürfen
Widerstand und Verwandlung

Sonntag, 17. Dezember 2017

Trauma und Sinnsuche in der Dissoziation

Unter Dissoziation wird die Fähigkeit verstanden, Bewusstsein und Körper zu trennen und in eine von der momentanen Realität losgelöste Erlebenssphäre abzutauchen. Es werden bei diesem Vorgang entsprechende Schaltungen im Gehirn aktiviert bzw. deaktiviert, wodurch beispielsweise der visuelle Eindruck entstehen kann, sich selber von außen zu beobachten. Missbrauchte Kinder berichten, dass sie die schreckliche Szene am Fensterbrett sitzend beobachten konnten. Folteropfer erzählen, dass sie aus ihrem gequälten Körper herausschwebten und dabei ein Triumphgefühl erlebten.

Der Sinn der Reaktion liegt darin, dass sich das Bewusstsein vor massiven Schmerzen und Ängsten schützen kann. Es handelt sich um einen Überlastungsschutz, ähnlich einer Sicherung, die bei einer Überbeanspruchung von Leitungen den Strom abschaltet. Die Verbindung zum eigenen Körper wird gekappt. Um die Überflutung des Bewusstseins mit Schmerzen und Stress zu bewältigen, werden viele Nervenverbindungen abgeschaltet, während andere, für die Aufrechterhaltung des Bewusstseins zuständige Gehirnregionen aktiv bleiben, sodass der subjektive Eindruck entsteht, dass sich der Geist vom Körper trennt.

Diese Fähigkeit kann, wenn sie einmal bekannt und vertraut ist, später in ähnlich belastenden Situationen aktiviert werden. Manche Menschen mit einer ausgeprägten Traumageschichte entwickeln die spezifische Fähigkeit, sich dissoziierend aus Situationen auszuklinken, die belastend und überfordernd sind, wobei diese Fähigkeit in seltenen Fällen sogar bewusst eingesetzt werden kann, während sie meistens unbewusst auftritt. Schwer traumatisierte Patienten berichten, dass sie ihre Persönlichkeit aufteilen können: Ein Teil leidet, ein anderer tröstet, ein dritter erklärt, was los ist.

Merkmale einer Dissoziation


Die dissoziative Erfahrung fühlt sich unwirklich an, fremd in Bezug auf die gerade aktuelle Realität. Der Körper kann sich abgetrennt und unlebendig anspüren. Manche berichten von dem Gefühl, neben sich zu stehen. Im Extremfall meldet sich eine Angst verrückt zu werden oder schon zu sein. In milderer Form zeigen sich dissoziative Tendenzen im geistigen Weggehen aus einer Situation, in Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeiten und Gedankenschweifen. Wir alle kennen also Dissoziationen in mehr oder weniger ausgeprägten Gestalten.

Dissoziation und Spiritualität


Dissoziation ist nicht nur eine wirksame Methode zum Überleben während eines Traumas, sondern kann darüber hinaus sinnstiftend wirken und für tiefere spirituelle Einsichten öffnen. Es gibt viele Berichte über spirituelle Erfahrungen während einer traumatischen Erfahrung, ermöglicht durch den Dissoziationsmechanismus: Lichterfahrungen, Glückseligkeitsgefühle, Begegnungen mit Geistwesen usw.

Traumatisierte Personen suchen oft ein Leben lang nach Sinn, da im Trauma die Verbindung mit dem organischen Lebensprozess unterbrochen wurde. Der Sinn ist in der schrecklichen Situation der Traumatisierung abhanden gekommen, die Folge sind Verwirrung und Verzweiflung in einer bedrohlichen Umwelt. Dagegen kann es nur ein Gegenmittel geben, die Sinnsuche in einer Überrealität. Die Dissoziation bietet sich als Methode und als Weg an. Das Herausgehen aus einem Körper, der so viel Leiden erfahren hat und in sich trägt, dient zur Kompensation. Die lichtvolle Weite, die sich jenseits des Körpers zeigen kann, wird zum Fixstern der Sehnsucht und Ausflucht aus einer Welt der Dunkelheit.


Der finstere Körper und die strahlende Entkörperung – eine schillernde Dualität, die sich in vielen leibfeindlichen Traditionen und religiösen Strömungen findet. Sie ist aus der Psyche des Traumaopfers verständlich und nachvollziehbar. Aber in der Gestalt von spirituellen oder religiösen Lehren kann sie irreführend wirken. Denn der Zugang zur Spiritualität öffnet sich nicht in der Abspaltung vom Körper, sondern aus ihm heraus, unter Einschluss aller Erfahrungsbereiche des Menschen. Spiritualität gibt es also nur als ganzheitliche Erfahrung, nicht als Resultat von Abspaltungen.

Deshalb müssen die Traumatisierungen aufgearbeitet werden, um den vollen Zugang zur Welt der Spiritualität zu gewinnen. Die Heimat muss im Körper wiedergefunden werden. Er ist das Zentrum dieser Welt, die es nur im jeweiligen Hier und Jetzt gibt.

Menschen mit heftigerer Traumaerfahrung haben denen mit geringerer Belastung voraus, dass sie sich nicht so leicht mit der relativen Gestörtheit des Alltagslebens in der Gesellschaft zufriedengeben können. Sie suchen nach einem Sinn, der früh schon verloren gegangen ist und deshalb auch in der Welt von Leistung und Konsum nicht gefunden werden kann. Die Bekanntheit mit der Dissoziation kann den Zugang zu spirituellen Methoden erleichtern und die Phänomene, die dort auftreten, vertrauter finden. Häufig verfügen sie über eine erhöhte Sensibilität und feinere Wahrnehmungen, und sie können sich leichter für andere Wahrnehmungsdimensionen öffnen, da sie das Austreten aus der aktuellen Realität schon kennen.

Andere, die weniger massiv belastet wurden, sind besser im Lebensalltag verankert und stellen seine Eigentümlichkeiten schwerer in Frage. Sie haben weniger spektakuläre Erfahrungen mit Dissoziation (Abschweifen, Gedankenverloren-Sein, Unkonzentriert-Sein statt irritierende außerkörperliche Erfahrungen) und halten sie für normale Aspekte der Lebenspraxis. Das Relative und das Absolute erscheint ihnen weniger deutlich unterschieden, und sie vermeiden eher extreme Ausgestaltungen eines spirituellen Lebens. Wenn sie auf Sinnsuche gehen, bewegen sie sich eher graduell weiter, ohne spektakuläre Sprünge oder Durchbruchserlebnisse.

Die Verantwortung des Lehrers


Spirituelle Lehrer kann man danach unterscheiden, ob sie ihre Einsichten aus der Dissoziation gewonnen haben und deshalb Prozesse unterstützen, die mit Abspaltung verbunden sind, oder ob sie ganzheitliche und dissoziative Erfahrungen auseinanderhalten können und deshalb in der Lage sind, Menschen, die zur Dissoziation neigen, in den Körper zurückzubringen und zu körperlichen spirituellen Erfahrungen zu führen.

Manche Lehrer und Gruppenleiter arbeiten mit „bewusster Dissoziation“, sie leiten also Übungsprozesse an, in denen das Bewusstsein aus dem Körper heraus in einen jenseitigen Raum steigen soll. Dort könne sie dann an Ressourcen herankommen, die sonst unzugänglich sind. Das sind harmlose Übungen, solange die übende Person „in ihrem Körper“ „aus ihrem Körper“ herausgeht. Das Bewusstsein, im eigenen Körper verankert zu sein, sollte also nie verloren gehen, wohin auch immer die innere Fantasiereise geht. Denn solche Methoden beinhalten das Risiko, Prä-Trans-Verwechselungen zu fördern statt aufzulösen: In der dissoziativen „spirituellen“ Erfahrung wird die Traumasituation wiederholt und die Abspaltung verstärkt, wodurch auf die Aufstiegserfahrungen umso heftigere Abstürze folgen können. Statt in einem Zustand der Erlösung anzukommen, wird eine unverarbeitete Angstsituation wiederbelebt.

Es ist auch wahrscheinlich, dass Schülerinnen mit starken Dissoziationsneigungen Lehrerinnen suchen, die diese Tendenzen fördern. Sie werden fasziniert sein, wenn sie Lehren hören, die die Abspaltung und den Körper-Geist-Dualismus beinhalten, wie sie in vielen esoterischen Theorien vertreten sind. Auch kann es sein, dass auf die Lehrerin die Lichtgestalt projiziert wird, die in der ursprünglichen Dissoziationserfahrung aufgetreten ist. Von ihr wird jetzt Heilung und Befreiung erwartet, und die Schattenseiten und menschlichen Schwächen werden ausgeblendet. Umgekehrt gibt es unter solchen Lehrern viele, die gerade diese Idealisierung fördern und damit indirekt die Abtrennung ihrer Schüler von ihrer eigenen Kraft und Klarheit bestärken, obwohl sie vielleicht das Gegenteil predigen.

Dagegen helfen alle Meditationsformen, die mit dem Körper verbinden, zu einem klaren spirituellen Weg. Das konsequente Wahrnehmen von Körperempfindungen, wie sie in der Vipassana-Meditation geübt wird oder die Bewusstheit auf das Atmen, die Teil vieler Achtsamkeitsmeditationen ist, sind Beispiele dafür, wie die Tendenz zum „Ausbüchsen“, zum Abheben in außerkörperliche Sphären hintangehalten werden kann. Auch „aktive“ Meditationsformen, die mit Bewegung und intensivem Atmen verbunden sind, wirken dissoziativen Tendenzen entgegen. Hier braucht es auch keine übermächtigen und angebeteten Lehrer und Meister, sondern Menschen, die kompetent und verantwortungsvoll auf dem Weg der inneren Suche begleiten können.

Therapie und Meditation


Die Stärkung der Verankerung in der gegenwärtigen Wirklichkeit schafft Vertrauen und Sicherheit. Die Aufarbeitung der Traumatisierungen ist dennoch notwendig, aber die Erfahrungen in der körperzentrierten Meditation helfen in der Traumatherapie, die damit auf eine wichtige Ressource zurückgreifen kann. Umgekehrt erlauben die aufgearbeiteten Traumen weitere Fortschritte auf dem inneren Weg der Befreiung. In jedem Trauma sind besondere Kräfte gebunden, die das Überleben dieser Situationen ermöglicht haben. Sie stehen wieder zur Verfügung, wenn die Ängste und Schmerzen durchlebt sind. Die Arbeit lohnt sich, die dissoziativen Tendenzen im Alltag werden weniger, die Präsenz steigt und damit wird das Leben in seiner lebenswerten Seite offenbar, und die spirituellen Erfahrungen beschränken sich nicht mehr auf die Retreats und Seminare, sondern werden zur tragenden Schwingung des tagtäglichen Lebens.

Zum Weiterlesen:

Dissoziative Weltbilder
Prä- und transrationale Erfahrungen unterscheiden

Montag, 17. November 2014

Kritische Fragen an die Reinkarnationstherapie


Reinkarnation ist ein Glaubenssystem, das vor allem in Asien, im Hinduismus und Buddhismus verbreitet ist. Die Reinkarnationstherapie beruht auf einer Idee, die im Zusammenhang mit der New-Age-Bewegung in den USA entstanden ist. Sie vertritt die Idee, dass die psychischen und körperlichen Leiden der Menschen auf Traumatisierungen zurückzuführen sind, die in früheren Inkarnationen erfolgt sind. Durch die Regression in diese früheren Leben können die Traumen aufgelöst werden.

Wenn wir an innerer Heilung interessiert sind, ist es notwendig, die Themen unseres
http://de.toonpool.com/cartoons/Reh-inkarnation_228073
Lebens, vor allem unserer Kindheit ebenso wie unserer Geburt und der vorgeburtlichen Zeit sowie die transgenerationalen Themen durchzuarbeiten. Wenn wir über hundert oder noch mehr Vorleben verfügen, wie behauptet wird, müssten wir auch aus diesen Leben die "karmisch" übertragenen Traumatisierungen bearbeiten, also die Kindheits-, Geburts-, Pränatal- und Generationaltraumen dieser Vorleben bearbeiten, zusätzlich noch die spezifischen kollektiven Ängste zu den jeweiligen historischen Zeiten sowie die oft besonders drastischen Traumatisierungen durch die jeweiligen Todesarten.

Wenn wir uns z.B. das Leben einfacher Menschen im Mittelalter vorstellen, und die Unsicherheiten, das Ausgeliefertsein an die Wetterbedingungen, die Grausamkeiten und willkürlichen Bestrafungen, die häufigen Kriege und Seuchen, die damals herrschten, nur annährungsweise mit den Lebensbedingungen zur heutigen Zeit vergleichen, müssen wir zugeben, dass wir heute in den wohlhabenden Ländern auf einem wesentlich niedrigerem Niveau leiden.

Wir reden z.B. seit weniger als hundert Jahren von Bindungssicherheit, deren Bedeutung für das psychische Wohlergehen und die Beziehungsfähigkeit verständlich geworden ist. In einer Zeit, in der unzählige Kinder unehelich geboren, ausgesetzt oder dem Verhungern preisgegeben wurden, können wir davon ausgehen, dass sichere Bindungen seltene Glücksfälle in generell hochgradig unsicheren Zeiten waren. 

Wenn wir nun annehmen, dass alle diese unglücklichen Kinder, bar jeder Bindungssicherheit, neue Inkarnationen gesucht haben, um ihr „Karma zu verbessern“, müssen sich all diese furchtbaren Traumatisierungen bis in die Seelen der heute lebenden Menschen übertragen haben. Wer aber von den Reinkarnationstherapeuten bearbeitet solche pränatalen oder frühkindlichen Traumatisierungen im Detail und in der notwendigen Breite, Tiefe und Intensität, wie sie bei solchen komplexen Traumatisierungen angewendet werden müsste? Da müsste die Heilung von solch einem einzigen furchtbaren Schicksal, das angeblich in der Seele abgespeichert ist, Jahre an Therapie brauchen. 

Wenn die Grauen jenes Leben nun geheilt wären, öffnete sich dahinter gleich das nächste, und das könnte noch schrecklicher sein. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und die endgültige Heilung müsste wieder um ein paar hundert Sitzungen verschoben werden.

Natürlich wird es als Erleichterung erlebt, wenn die Ängste, die z.B. mit einer Verbrennung als Hexe in einem früheren Leben verbunden sind, bewältigt sind. Wahrscheinlich heilt dabei die Therapie aber nur das Problem, das sie selber aufwirft. Das Erleichterungsgefühl kann einfach auf all die anderen Faktoren zurückgeführt werden, die üblicherweise bei einer Therapie wirken: Die unterstützende Umgebung, die respektvolle Zuwendung, das Verständnis und ein geteiltes Weltbild. 

Die eigentlichen Verletzungen, die dieser Körper und diese Seele im Lauf dieses Lebens erfahren mussten, werden durch die scheinbaren Heilungen noch besser verdrängt. Denn es erleichtert, wenn die Wurzel des eigenen Leidens nicht in diesem Leben, in diesem Körper, sondern irgendwo in einer grauen Vorzeit und in einem völlig anderen Körper gefunden werden kann. Dann muss ich nicht tief in die Geschichte meines Leibes und meiner frühkindlichen Beziehungen eintauchen, dann brauche ich mich nicht mit den Bezugspersonen in diesem Leben auseinandersetzen, sondern verziehe mich kurzfristig in eine Vorzeit, von der ich nur ein paar Umstände erinnere. Einfacher ist es, böse Eltern aus einem früheren Leben anzuklagen als die realen Eltern im jetzigen Leben.

Reinkarnationstherapie kann keine Beziehungstherapie sein. Sie findet zwar in einer Beziehung zwischen Therapeut und Klient statt, lässt aber die prägenden Beziehungspersonen des eigenen Lebens außen vor, sodass die in der Übertragung und Gegenübertragung auftauchenden Projektionen nicht genutzt werden können. Denn die Personen, die im Vorleben gemein und böse waren, Verletzungen und Leid zugefügt haben, sind andere, als die zentralen Personen unserer Herkunft in diesem Leben – vor allem unsere Eltern. Die sind bei jeder Reinkarnationstherapie aus dem Schneider, außer sie erscheinen selber in der früheren Szenerie in anderer körperlicher Gestalt, was die Sache aber nicht einfacher, sondern noch komplizierter macht.                                                                        

Therapie ohne Beziehungsheilung


Reinkarnationstherapie kann keine Beziehungstherapie sein. Sie findet zwar in einer Beziehung zwischen Therapeut und Klient statt, lässt aber die prägenden Beziehungspersonen des eigenen Lebens außen vor, sodass die in der Übertragung und Gegenübertragung auftauchenden Projektionen nicht genutzt werden können. Denn die Personen, die im Vorleben gemein und böse waren, Verletzungen und Leid zugefügt haben, sind andere, als die zentralen Personen unserer Herkunft in diesem Leben – vor allem unsere Eltern. Die sind bei jeder Reinkarnationstherapie aus dem Schneider, außer sie erscheinen selber in der früheren Szenerie in anderer körperlicher Gestalt, was die Sache aber nicht einfacher, sondern noch komplizierter macht.

Denn es zählt zu den schwierigsten und schmerzhaftesten Aspekten der inneren Heilung, sich mit den Menschen, die das eigene Leben am tiefsten geprägt haben, auseinanderzusetzen. Die erwachsenen Menschen, denen wir am Anfang unseres Lebens begegneten, haben wir all unsere Liebe, Wertschätzung und Hochachtung entgegengebracht, derer wir mächtig waren. Dann zu erkennen, dass sie Menschen mit Fehlern sind, die uns Leid zugefügt haben, uns Schmerzen bereitet und Zorn und Hass geweckt haben, die uns eingeschränkt, manipuliert und kontrolliert haben, ist der zentrale Schritt zur eigenen Autonomie, und dann wieder zu einer versöhnlichen Haltung zu diesen Menschen zu finden, ist der Weg zum Frieden. Dieser komplizierte, aufwändige und anspruchsvolle Weg der Heilung wird einfach umgangen, wenn ich Vorleben nach Vorleben durchwandere und dort diese und jene Themen bearbeite.

Wir bewegen uns also reinkarnationstherapeutisch immer auf doppeltem Boden, die realen Themen aus einem realen Leben werden auf frühere Leben projiziert, dort therapeutisch bearbeitet und sollen dann wieder ins jetzige Leben zurück transferiert werden, das ja das einzige ist, für das eine Heilung Sinn macht. Warum nicht gleich in diesem bleiben und dorthin zurückgehen, wo die Ursprünge des Leidens sind? Wir müssen dazu nur auf die durch nichts beweisbare Glaubensannahme verzichten, dass unsere seelischen Probleme ihre Wurzeln in früheren Leben haben. 


Reinkarnation und Dissoziation


Wie an anderer Stelle ausgeführt, könnte es sein, dass die Idee der Reinkarnation auf traumatische Dissoziationen zurückgeht. Wir kommen deshalb auf die Idee, dass die Seele vom Körper getrennt sein könnte, weil wir in einer Traumasituation diese Erfahrung scheinbar gehabt haben. Tatsächlich ist ja die Dissoziation ein Vorgang, den unser Gehirn produziert.

Der doppelte Boden, auf dem die Reinkarnationstherapie arbeitet, ist dann nichts anderes als eine traumabedingte Dissoziation. Wenn das stimmt, kann die Traumaerfahrung nie in der Reinkarnationssituation aufgelöst werden, weil diese nur durch die therapeutisch herbeigeführte Dissoziation zugänglich ist. Jede Regression in ein Vorleben ist damit eine Retraumatisierungserfahrung, die immer nur eine scheinbare Lösung einer Thematik bewirken kann, also im besten Fall Symptome verbessern, aber nie eine grundlegende Heilung erreichen kann.


Reinkarnation als Ego-Erweiterung


Dazu mag die folgende Überlegung dienen: Die Erweiterung der Seele über die Lebensdauer des Körpers hinaus ist eine Größenfantasie des Egos, das sich nicht mit seinem Begrenztsein abfinden kann. Es brüstet sich seines immateriellen Seins und meint, dass es nicht auf einen Körper, auf etwas Festes und Vergängliches angewiesen ist, sondern dass es über den Grenzen und über den Gesetzen der Festkörper steht. Es behauptet von sich, etwas grundlegend anderes zu sein als dieser Körper. Das ist es natürlich, weil es nicht körperlich ist. Zugleich ist es aber ohne Körper nicht erlebbar, denkbar, vorstellbar. Es lebt nur, weil es mit und in einem Körper existieren kann.

Das Ego identifiziert sich dabei mit der Seele, nimmt sie gewissermaßen in Besitz und tut ihr dafür den Gefallen, sie für unsterblich zu erklären – ein Teufelspakt gewissermaßen: Ich verspreche dir ewiges Leben, wenn du dich mir ganz unterwirfst. Du brauchst keine Angst mehr zu haben vor dem Ende dieses Körpers, du kannst immer wieder in neue Formen hineinschlüpfen, auf diesem Weg reifer und reifer werden und irgendwann ins Nirvana eingehen. So bleibt das Ego unangefochten in seiner sicheren Position, die Befreiung von ihm ist in weite Ferne gerückt – sicher nicht mehr in diesem Leben.


Integrierende Sichtweise als Alternative


Vertreten wir eine integrierende Sichtweise, so wird klar, dass das Materielle nur durch Immaterielles materiell sein kann, und das Immaterielle nur durch das Materielle immateriell. Wenn wir sagen, dass diese beiden Aspekte aufeinander angewiesen sind, so ist die Formulierung insoferne missverständlich, als sie eine Abhängigkeit suggeriert. Denn der Begriff einer Abhängigkeit macht dort keinen Sinn, wo Dasein nur ist, wenn beides ist. Damit etwas existieren kann, braucht es das Materielle und das Immaterielle. Sobald etwas ist, ist es materiell und immateriell. Vorher und nachher ist nichts.

Dazwischen, im Reich des untrennbar Einen, ist jede Fantasie möglich, und jede von diesen ist wiederum zugleich immateriell (die fantasierten Bilder) und materiell (die für die Entstehung der fantasierten Bilder notwendigen neuralen Aktivitäten). Und sie ist immer in diesem Hier und in diesem Jetzt und dient uns für unsere Zwecke hier und jetzt.

Wenn wir therapeutisch arbeiten, müssen wir immer den Weg von der Fantasie in die Realität, vom assoziativen Denken in die Gefühle und in den Körper gehen. Fantasieren können wir immer, das kann lustig und kreativ sei. Genießen wir unser Fantasieren und bleiben wir uns dabei bewusst, was es ist: Das Schaffen einer irrealen Welt im Kopf. Das wird aber nicht reichen, wenn wir die Befreiung von unseren Beschränkungen finden wollen. Dafür brauchen wir den Aufputz von bunten früheren Leben nicht.


Wer dennoch Reinkarnationstherapeut werden will, findet im Internet Angebote  ab drei Tagen Ausbildung: Zitat: "Bei uns lernst Du die wahrscheinlich einfachste und wirksamste Art der Reinkarnationstherapie im deutschen Sprachraum. Deine Erfolge werden uns recht geben! Kompakt– Einfach – Wirksam – Erfolgreich. Diese Ausbildung erstreckt sich über 3 Seminartage." Kosten: € 990,-.

Sonntag, 26. Oktober 2014

Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele

Wie kommen wir überhaupt auf die Idee, dass Körper und Seele nicht ein und dasselbe sind, sondern zwei verschiedene Entitäten, die zwar immer wieder zusammen sind, dann aber wieder auseinandergehen können? Viele Menschen glauben daran, dass es nach dem Tod endgültig auseinandergeht und das kurzfristige Zusammensein von Körper und Seele ein für allemal vorbei ist. Viele Menschen glauben auch daran, dass es vor dem Beginn der eigenen Existenz schon die selbständige Seele gegeben hat, die dann in den neu entstehenden Körper „hineinschlüpft“.

Deshalb sind auch häufig Sätze zu hören wie: „Ich passe nicht in dieses Leben“, oder „Dieser Körper ist mir fremd oder zu eng“, „Ich gehöre nicht auf diesen Planeten“ usw. Der Glaube an das Getrenntsein von Körper und Seele bietet eine Erklärung für solche Aussagen, hinter denen häufig eine innere Verzweiflung steckt. Er kann beruhigend und versöhnlich wirken: Jetzt muss ich das noch aushalten, und irgendwann finde ich meinen Frieden wieder, wenn ich diesen Körper verlassen kann.

Außerdem bietet der Glaube Trost bei der Vorstellung des eigenen Todes. Wenn nur ein Teil des eigenen Selbst vergeht, ist die Aussicht auf das Sterben nicht so furchterregend als wenn wir uns darauf einstellen müssen, dass mit dem Tod „alles vorbei“ ist. Wir können also die Angst vor dem Nichts ein Stück bannen.

Wenn jemand seinen Glauben mit der Erlaubnis verbindet, diesen unter Anwendung von Gewalt zu verbreiten, dient dieser Aspekt des Glaubens dazu, den eigenen Tod in Kauf zu nehmen in der Erwartung, auf der Seelenebene dafür entlohnt zu werden, das umso mehr, je mehr „Ungläubige“ oder „Andersgläubige“ durch die eigene Tat in den Tod gerissen werden. Die Idee, auf die man in diesem Zusammenhang ja auch kommen könnte, dass sich etwa die Seelen der unschuldig in die Luft gesprengten Opfer der eigenen Gewalttätigkeit auf der Seelenebene dann rächen möchten, wird tunlich vermieden und kommt in der entsprechenden Propaganda nicht vor. Vielmehr werden ungetrübte paradiesische Freuden versprochen, die dann auf ewig anhalten.

Es sind also nicht nur harmlose Selbstberuhigungen von verzweifelten Seelen, die mit Hilfe dieser Glaubensform dem inneren Frieden dienen sollen. Denn ein Gutteil der Brutalität, mit denen um Glaubensfragen gekämpft wurde und gekämpft wird, kann dem dualen Körper-Seelen-Modell zugerechnet werden. Die Todesverachtung der „Gotteskrieger“ lebt von dem Glauben, dass es die beste Investition in das eigene Seelenheil ist, für ebendiesen Glauben zu sterben – ein geschlossenes System, das unendlich viel Unheil auf dieser Welt verursacht oder zumindest mitbewirkt hat.


Das analytische Denken


Fragen nach dem Anfang und dem Ende stehen nicht am Anfang unseres Lebens. Dazu brauchen wir eine weitentwickelte Denkfähigkeit, die sich langsam im Lauf der Kindheit entwickelt. Vorher vollzieht sich unser Leben, ohne dass wir es in einem größeren Zusammenhang einordnen können. Sobald aber unser Denken die Zeitfunktion so weit ausdehnen kann, dass der eigene Anfang und das eigene Ende in den Blick kommen, beginnen wir die Deutungsangebote zu verstehen, die unsere Kultur für diese Themen entwickelt hat, z.B. die Deutung, dass die Seele nach dem Tod des Körpers weiterleben wird, oder dass sie vor der Geburt schon bestanden hat und dann, nach dem eigenen Lebensende, wieder in einem neuen Körper eine neue Chance erhält.

Mit der Entwicklung unserer Denkfähigkeit erhalten wir also die Möglichkeit, Zusammengehöriges als Unterschiedenes zu erleben. Das nennt man das analytische Denken, das etwas Ganzes virtuell in seine Teile zerteilen kann. Z.B. können wir die Platte eines Tisches als unterschieden von seinen Beinen wahrnehmen. Der Tisch bleibt zwar ein Ganzes, aber unser Denken bringt einen Unterschied in ihn hinein.

Diese Funktion ist in vielen Bereichen sehr nützlich, weil sie uns z.B. die Konstruktion von neuen Wirklichkeiten ermöglicht. Ich kann einen Tisch nur fertigen, wenn ich bei einem Tisch die Platte von den Beinen unterscheiden kann. Das analytische Denken zerlegt die Wirklichkeit, sodass wir sie wieder neu zusammensetzen können.

Diese Form des Denkens hat allerdings ihre Grenzen dort, wo es um unser Leben als Ganzes geht. Wir können zwar unsere eigene Lebendigkeit analysieren, also in ihre Teile zerlegen und reflektieren, und das kann manchmal hilfreich sein, z.B. wenn wir einen körperlichen Schmerz spüren, aber uns nicht ganz von ihm ergreifen lassen, damit wir handlungsfähig bleiben. Dem Geheimnis des Lebens – unseres Lebens – kommen wir damit nicht auf die Spur.

Bei der Frage nach dem Verhältnis von Körper und Seele leistet uns eben das analytische Denken keine Hilfe. Es kann uns wohl klar machen, was wir wissen können: z.B. dass wir keine Kenntnis und keine Erfahrung über ein seelisches Bewusstsein haben, ohne dass ein Körper daran beteiligt wäre. Alles, was wir erleben, erfahren, denken setzt diesen Körper voraus. Dieser Bedingungszusammenhang ergibt sich aus den analytischen Untersuchungen, wie sie in wissenschaftlichen Forschungen angewendet werden.

Wie also kommen wir auf die Idee, unseren Körper und unsere Seele auseinander zu denken? Wir können das deshalb, weil wir über Erfahrungen mit dieser Trennung schon gemacht haben. Wenn wir in eine traumatische Situation geraten, spaltet sich unser Bewusstsein vom Körper, der z.B. gerade unerträglichen Belastungen ausgesetzt ist. Das Bewusstsein fühlt sich in dieser Situation frei und gelöst an, und damit ist es möglich, die Situation zu bewältigen, ohne dass alle inneren Systeme zusammenbrechen. Dieser Vorgang der Dissoziation ist uns allen vertraut, weil wir alle derartige traumatische Situationen zu bewältigen hatten. 

Aus diesen Erfahrungen nehmen wir das Gefühl mit, dass es befreiend ist, sich vom Körper zu lösen und vergessen leicht die belastenden Umstände ringsherum. Vielmehr speichern wir ab: Wenn es gefährlich, unangenehm, schmerzhaft oder lebensbedrohlich wird, haben wir die Möglichkeit, uns von uns selber zu trennen und an einen Ort der Sicherheit und Geborgenheit flüchten zu können, wo uns nichts passieren kann.

Deshalb erscheint es uns natürlich und vertraut, wenn uns jemand auf die kindliche Frage, was denn nach dem Tod sei, erzählt, dass die Seele aus dem Körper entweicht und an einem wunderschönen Platz weiterleben wird, oder dass sie sich dann einen neuen Körper suchen wird, den sie dann wieder eine Zeitlang beleben wird. 


Trauma und Dissoziation


Deshalb können wir davon ausgehen, dass die dualistischen Weltbilder dissoziative Weltbilder sind. Sie stellen Versuche dar, die Welt mit Hilfe einer Traumaerfahrung zu erklären und auf diesem Weg „Heilung“ in die Welt zu bringen. Sie ziehen ihre Plausibilität aus der Tatsache, dass vermutlich alle Menschen über solche Traumaerfahrungen verfügen. Sie beruhen allerdings auf einer Illusion und sitzen einer Täuschung auf: Die dissoziative Trennung ist ja keine reale, sondern eine eingebildete. Ein spezieller Schutzmechanismus, den uns die Natur zur Verfügung stellt, bewirkt, dass wir die Illusion bekommen, als wäre die Seele vom Körper getrennt. In Wirklichkeit findet dieses Erleben nach wie vor im Körper, im eigenen Gehirn statt.

Doch ist die Plausibilität so groß und die Bedeutsamkeit der dahinterliegenden Erfahrungssituation so gravierend, dass wir bereit sind, den Glauben über die unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit zu stellen, sodass wir schließlich Körper und Seele als getrennt „erleben“ (wohlweislich durch das traute Zusammenwirken dieses Körpers und dieser Seele).

Dazu wirkt die pragmatische Wirkung verstärkend, weil wir einen Trost für vieles im Leben haben, was uns schwerfällt zu akzeptieren. Was hilft, muss auch wahr sein, und jeder rationale Zweifel daran muss unterdrückt werden, damit diese Hilfsfunktion nicht verloren geht.


Das Ende der Illusionen


Freilich können Illusionen keine Heilung bewirken, sondern nur eine teilweise Erleichterung. Die Ängste, die auf die Traumatisierungen zurückreichen, bleiben erhalten und reduzieren die kreativen Kräfte und binden die Quellen der Lebensfreude. Erst wenn es gelingt, diese Ängste in einer schützenden Umgebung zu durchleben, wird es möglich, die Seele wieder in ihrer Gänze als mit dem Körper verbunden zu erleben. Dann findet die wirkliche „Inkarnation“, die Vergeistigung des Körpers und die Verkörperlichung des Geistes ins unmittelbare Erleben Eingang. Dann wird jeder Glaube an eine Trennung von Körper und Seele überflüssig und nutzlos. Was immer schon eine Einheit war, wird solange eine Einheit bleiben, solange es die Kräfte des Körpers erlauben. Mit ihnen nehmen auch die Kräfte des Geistes ab, wie wir immer wieder beobachten können. Was passiert, wenn sich das Leben aushaucht, wissen wir nicht und brauchen es auch nicht zu wissen, solange wir dem Leben im Augenblick vertrauen.

Wenn wir uns der tröstenden Wirkung des Glaubens an eine Trennung von Körper und Seele hingeben wollen, sollten wir uns bewusst sein, dass wir uns einer Illusion bedienen. Sollten wir denn den Mut finden, nach den Wurzeln unserer Verzweiflung und unserer Ängste zu forschen, so ist uns der Lohn schon in diesem Leben gewiss, und damit schwindet die Gier auf weitere Leben oder auf paradiesische Freuden in einem postmortalen „Leben“. Wir gehen in diesem Lebensmoment auf, der uns schon alles schenkt, was wir zur Erfüllung brauchen.


Vgl. Außerkörperliche Erfahrungen und die Leib-Seele-Dualität
Allerfahrung und Nicht-Dualität
Sind wir zwei oder eins?

Dienstag, 19. November 2013

Prä- und transrationale Erfahrungen unterscheiden

Nach dem Modell von Ken Wilber gilt alles als prärational, was vor der Entwicklung der rationalen Fähigkeiten, also vor der Ausbildung des Großhirns, vor allem des präfrontalen Kortex geschehen ist sowie auch alle Inhalte des Bewusstseins, die zwar später auftauchen können, aber die Form des Prärationalen haben. Diese Form ist gekennzeichnet durch  eine assoziative, bildhafte und emotionale, in Bezug auf das Gehirn also eine dominant rechtshemisphärische Informationsverarbeitung. Sie kennt weder die verbale Sprache noch die Gesetzmäßigkeiten der Logik.

Die prärationale Phase der frühen Kindheit wird im Lauf des Aufwachsens durch die rationale ergänzt und weitgehend abgelöst, die durch eine Dominanz des logischen und abstrakten Denkens gekennzeichnet ist und das Vorherrschen der linken Gehirnhemisphäre anzeigt.

Dann zeigen sich in der Weiterentwicklung des Bewusstseins die transrationalen Bereiche, die durch Weite, Offenheit, innere Freiheit, vernetztes und systemisches Denken gekennzeichnet sind. Solche Zustände sind frei von Angst und Kontrolle, und sie können nur auftauchen, nicht gemacht werden. Psychodynamisch betrachtet, beruhen sie auf der erfolgreichen Auflösung von Traumatisierungen. Jedes aufgearbeitete und integrierte Trauma bringt einen Zugewinn an innerer Freiheit.

Prärationale Trans-Erfahrungen


Das Modell der Peakstates-Therapie nach Grant McFetridge relativiert dieses einfache Stufenmodell von Ken Wilber mit folgender Grundannahme: Peakstates, also Gipfelzustände, wie sie für die transrationale Erfahrungswelt kennzeichnend sind, sind nicht nur spätere Errungenschaften durch meditativen Übungen usw., sondern sie sind zuallererst der ursprüngliche Zustand des prärationalen Bewusstseins, der allerdings dann fast immer durch Traumatisierungen im Lauf der organischen und psychischen Entwicklung blockiert wird. Also gibt es nach diesem Modell weit zurück im prärationalen Bereich die Erfahrungsformen des Transrationalen, und was wir dann später als transrational erfahren, ist eigentlich „nur“ eine Wiederherstellung ursprünglich zugänglicher Gipfelzustände. Das deckt sich mit der von mir vertretenen Gefühlstheorie: Gipfelzustände sind Erlebensformen des Wachstumszustands und deshalb mit Wachstumsgefühlen (Glück, Lust, Freude etc.) verbunden. Im Schutzzustand, der vor allem durch Angst und andere “negative” Gefühle gekennzeichnet ist, sind sie allerdings blockiert. Traumatisierungen chronifizieren den Schutzzustand und führen dazu, dass wir den Schutzzustand als normal und den Wachstumszustand als Besonderheit oder Absonderheit erleben.

Damit wird das Modell von Wilber als Entwicklungslogik, die strukturelle Abläufe untersucht und die Phänomene nach ihrem Gehalt und ihrer Form einordnet, in seiner zeitlichen Struktur in Frage gestellt. Phänomene, die eigentlich erst nach der rationalen Phase auftauchen können, gibt es im Erleben schon vor ihr, sie werden nur im Wiedererleben nach der Traumalösung in einer mit der Erwachsenenrealität und ihren rationalen Strukturen verträglichen Form neu wahrgenommen. In der Bewusstseinsrekonstruktion können wir erkennen, dass aus dem Wiedererleben und Heilen von Traumatisierungen an Entwicklungspunkten, dass Gipfelzustände und damit transrationale Erfahrungen zum ursprünglichen Repertoire des Bewusstseins gehören. Prärationale Gipfelzustände unterscheiden sich von den transrationalen darin, dass sie ohne Rationalität und verbale Sprache auskommen. Sie benötigen nicht mehr als eine einfache Körperform wie die befruchtete Eizelle, um sich entfalten zu können. Also benötigen sie weder eine fortgeschrittene Zelldifferenzierung noch ausgeprägte Strukturen des Nervensystems, geschweige denn ein voll entwickeltes Großhirn als Grundlage. Deshalb sind prärationale Trans-Zustände in ihrer Struktur ganz einfach und haben keinen Bezug zur Paradoxie, die erst in der Spannung von Rationalität und Transrationalität entsteht.

Prärationale Gipfelerfahrung versus dissoziative Zustände


Allerdings, und da meldet sich wieder die Wilber’sche Prä-Trans-Schere, müssen prärationale Gipfelzustände von prärationalen dissoziativen Zuständen unterschieden werden. Denn gerade traumatische Erfahrungen hinterlassen die starke Neigung zu dissoziativen Abspaltungen. In der Dissoziation können wir Phänomene erleben, die Erfahrungen, wie wir sie aus der transrationalen Bewusstseinswelt kennen, „zum Verwechseln“ ähnlich sind. Ein Beispiel ist die Erfahrung von Leere: Sie kann die Folge einer Erfahrung des Abgeschnittenseins sein, wenn etwa eine werdende Mutter dem fötalen Leben keine Aufmerksamkeit und Zuwendung geben kann. Diese prärationale traumatische Erfahrung wird als Leere aus Mangel erlebt, häufig verbunden mit einem Gefühl der Einengung, mit Angst und Grauen. Die transrationale Leereerfahrung dagegen ist verbunden mit einem Gefühl der inneren Freiheit. Sie ist keine Mangel- oder Verlusterfahrung, sondern  die Befreiung von Ballast, unnützen Gedanken usw.

So ist also tatsächliche die prärationale Landschaft gekennzeichnet von heil gebliebenen Inseln der Freude und Glückseligkeit und von dissoziativen Bruchstücken.

Wenn wir die Phänomene der Dissoziation betrachten: Ihrem Sinn nach dienen sie dazu, das Bewusstsein vom körperlichen Erleben, das im Trauma von massivem Schmerz überwältigt wird, abzutrennen, um in einen Bereich der Schmerzfreiheit und Gelöstheit zu gelangen. Das Bewusstsein trennt sich also vom Körper, um sich zu schützen.

Wenn wir solche Zustände wiedererleben, ist die Erfahrung der Körperlosigkeit, des Aus-dem-Körper-Gehens typisch. Die innere Verbindung zum körperlichen Dasein ist abgeschnitten. Ähnlich wie bei Nahtoderfahrungen kann der eigene Körper nur von außen wahrgenommen werden, es gelingt aber nicht mehr, mit der Aufmerksamkeit in ihm drinnen zu sein.

Deshalb sind solche Erfahrungsräume durch eine scharfe Außengrenze geschützt, und wenn sie überschritten wird, (z.B. durch eine Störung von außen), bricht der Zustand ab und es kommt zu einer tiefgreifenden Irritation und Verwirrung, bis erst nach einiger Zeit wieder der Kontakt zur Realität hergestellt werden kann. Es gibt also keine graduellen Übergänge, kein langsames Auftauchen aus der Erfahrung, sondern das Gefühl, herausgerissen zu werden und darauf mit einem Schock zu reagieren. Äußere Störungen wirken also als Zerstörungen des Bewusstseinszustandes und lösen Angst oder Aggressionen aus.

Typisch für solche dissoziativen Erfahrungen ist demnach das Fehlen von Empfindungen, oft sind auch die Gefühle nur vage, es besteht keine Verbindung zur Sprache. Der Kontakt nach außen, also zur umgebenden Realität oder zu anwesenden Menschen ist kaum oder gar nicht vorhanden. Dazu kann ein Gefühl der Unwirklichkeit kommen, das sich auf das eigene Selbst oder auf die Außenwelt bezieht. Statt dessen tritt das Erleben eines mentalen Zustandes, in dem Bilder und assoziativ ablaufende Filme sowie traumartige Sequenzen vorkommen können.

Da die Sensibilität für die Innen-Außenunterscheidung verlorengeht, verschwimmt das Innere und das Äußere. Deshalb können Innenerfahrungen leicht mit Außenerfahrungen verwechselt werden, was ja auch eine Form der Prä-Trans-Verwechslung darstellt und zu den Vorformen von Psychosen gerechnet werden kann.

Im Modell der Peakstates-Therapie, sind Gipfelzustände, zum Unterschied von Dissoziationen, durch die Buchstaben „CPL-BL“ gekennzeichnet: Calm, Peace, Light, Bright, Large. Gipfelzustände fühlen sich also ruhig und friedlich an, leicht, unbeschwert, sowie hell und weit. Diese Merkmale bezeichnen einen traumafreien Zustand. Solange noch eine Spannung im Körper wahrgenommen wird, handelt es sich nicht um einen transrationaler Zustand. Vielmehr ist es ein Hinweis darauf, dass das Trauma noch nicht gelöst ist.

Wenn uns Prä-Trans-Verwechselungen begegnen


Wie können wir bei anderen Menschen unterscheiden, ob das, was sie uns mitteilen, aus einer dissoziativ-prärationalen oder aus einer transrationalen Quelle stammt? Zu dieser Frage ein paar Beispiele:

Manche Menschen neigen dazu, ihre Lehrer oder Gurus zu idealisieren, und so erzählen sie von ihren Erfahrungen und von dem Wissen, das sie davon mitnehmen, ohne rationale Distanz und Differenzierung. Es wird deutlich, dass sie sich keine eigene Meinung mehr erlauben. Vielmehr neigen sie dazu, sich einem fremden Wissen unterzuordnen, das sie selber nicht prüfen, sondern ihm wie einem Dogma folgen. Damit verzichten sie auf ihre eigene erwachsene Rationalität und erfüllen sich als Ersatz ein narzisstisches kindliches Bedürfnis nach Klarheit und Sicherheit. (vgl. Narzissmus)

Wenn sich Menschen bei der Begründung ihrer Ansichten, Einsichten oder Entscheidungen auf eine Eingebung aus einer höheren Quelle berufen und, so kann es sich zwar um Informationen des inneren Sinnes handeln, der Zugang zum eigenen Unbewussten hat. Wenn sie dabei allerdings die Frage nach rationalen Begründungen aggressiv abwehren, kann das ein Hinweis sein, dass die Einsichten weniger mit einer höheren Realität oder einer tieferen Erkenntnis über die Zusammenhänge der äußeren Realität oder mit verlässlichen Prognosen für die Zukunft zu tun haben, sondern dass es um Verschlüsselungen oder assoziativ symbolisierten Erfahrungen aus unbewältigten Erfahrungen der eigenen Lebensgeschichte geht, die in spirituellem Gewand ihren Ausdruck suchen und mit Hilfe von Aggressionen verteidigt werden müssen.

Die Quellen der menschlichen Fantasie können unbegrenzt sprudeln. Für viele Menschen war von früher Kindheit an die Flucht ins Reich der Fantasie ein Ausweg aus Situationen des Unverstandenseins, der Hilflosigkeit und Verzweiflung. Damit wird die Fantasie zu einer vertrauten Ressource, die jederzeit mobilisiert werden kann, um sich tieferen inneren Konflikten nicht stellen zu müssen. Solche Tendenzen können die Verunsicherungen und Störungen im Realitätsbezug und im Selbstbezug verstärken, was den Hintergrund für die Attraktivität von esoterischen Angeboten der Welterklärung abgeben kann. Modelle, wie sie z.B. in esoterischen Geschichtsdarstellungen oder Zukunftsszenarien angeboten werden, spiegeln diese verschwommene Unterscheidung von Fantasie und Realität wider.

Da solche Modelle in rational strukturierten Kreisen auf Ablehnung und Unverständnis stoßen, bestätigt sich das Gefühl des Unverstandenseins, was wiederum die Fluchttendenz verstärkt und die pseudospirituelle Welterklärung noch vehementer vor rationaler Überprüfung und Infragestellung abschottet.