Posts mit dem Label Karma werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Karma werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 20. Juni 2022

Die Illusion von Karma

Die Lehre vom Karma ist Teil der uralten hinduistischen Tradition. Sie fußt auf dem Glauben an die Wiedergeburt und hat ihre Absicht darin, die Menschen zu einem guten Leben anzuleiten. Denn angehäuftes schlechtes Karma wirkt sich auf schlechte Chancen für die nächste Wiedergeburt aus. Nach dem karmischen Grundprinzip hat jede Handlung eine moralisch ausgleichende Folge, also auf Gutes folgt Gutes, auf Böses Böses. Diese Folgen müssen sich nicht gleich danach, ja nicht einmal im gegenwärtigen Leben manifestieren, sondern können auch zeitverzögert, im Extremfall in einem weiteren reinkarnierten Leben auftreten. Bewertet werden dabei alle Formen des Handelns, physische wie geistige Taten (oder auch Versäumnisse), sie alle fallen unter dieses allgemeine Ursache-Wirkungsprinzip.

Bei monotheistischen Religionen gibt es oft ein Gericht, das nach dem Tod über das Leben jedes einzelnen Menschen urteilt und die individuellen Konsequenzen für das seelische Weiterleben festlegt. Im Unterschied dazu gilt das Karmaprinzip als universelles Gesetz, das unabhängig von irgendwelchen Instanzen wie ein Naturgesetz waltet.

Für das ethische Handeln ergibt sich der Appell, sein Leben danach auszurichten, möglichst wenig Karma für das nächste Leben anzusammeln, um sich damit aus dem ewigen Rad des Schicksals zu befreien. Insbesondere geht das Bestreben im Buddhismus danach, sich aus allen Versuchungen des Karmas herauszuhalten und alle Anhaftungen aus egoistischen Motiven zu überwinden. Die ersehnte Erleuchtung erfordert die vollständige Befreiung von allen Abhängigkeiten und Anhänglichkeiten an irdische und geistige Güter sowie an emotionale Muster. Sie gilt zugleich als Befreiung vom Karma und von der Notwendigkeit der Wiedergeburt.

Ich vertrete hier nun die These, dass das ethische Handeln ist in sich gut ist und von jedem bewussten Menschen als gut erkannt wird. Es ist also keine Karmalehre von Nöten, damit sich Menschen ethisch verhalten. Nur wer nicht erkannt hat, dass die Quelle der Ethik im eigenen Inneren und in den gesellschaftlichen Zusammenhängen liegt, braucht eine externe absolute Autorität (im Fall der monotheistischen Religionen) oder Konstruktionen, die als absolut gepredigt werden (im Fall der Reinkarnationslehre), um sich an ethische Regeln zu halten. Es ist in diesen Fällen nur die Angst vor Bestrafung, die dann vor unethischem Verhalten zurückschrecken lässt. Der eigenen inneren moralischen Autorität wird misstraut. 

Dieses Misstrauen hat auch seine Berechtigung. Denn diese innere Autorität kann sich nur dann ungebrochen entwickeln, wenn sie im eigenen Aufwachsen von den Eltern durch deren eigenes ethisches Verhalten gefördert wird. Hat die Entwicklung der Selbstautorität durch frühe Erfahrungen mit unethischen Autoritäten Schrammen erlitten, so wird eine äußere Autorität für die Antworten auf die großen Fragen des Lebens gesucht werden, entweder in Form einer in sich logisch erscheinenden Lehre oder in einer auf dem Glauben begründeten jenseitigen Autorität. Im Maß, in dem die eigene Integrität durch die Aufarbeitung der Verletzungen und Traumatisierungen gelungen ist, wird das Potenzial für das ethische Verhalten freigelegt und bereitgestellt. 

Dann ist gutes Handeln keine von außen aufgezwungene Anpassung an fremde Normen, sondern kommt aus dem eigenen Inneren kommende Wohlmeinen für die Mitmenschen. Mögen alle glücklich werden. Möge ich alles beiseitelassen, was diesem Glück im Weg steht, und alles in meinen Kräften Stehende tun, was dieses Glück befördert. Ethisches Verhalten hat die Belohnung in sich selbst, in der Bestärkung der eigenen Würde und Integrität und der Freude am Glück der anderen. 

Die Allgemeingültigkeit der Ethik 


Ethisches Handeln ist grundsätzlich allgemein einsichtig und nachvollziehbar. Es ist im Wesentlichen in allen Weisheitslehren und Religionen identisch: Es sollen die egoistischen Strebungen überwunden und stattdessen das gemeinschaftsdienlichen Leben gefördert werden. Diese selbstevidenten ethischen Grundsätze erwachsen aus der geheilten Seele. Es scheint, als würden sie alle Religionen aufgreifen, um ihre jeweiligen Konzepte der Todesbewältigung daran anzuhängen: Lebe gut, dann kommst du in den Himmel. Lebe gut, dann erwartet dich ein besseres Leben im nächsten Leben. Lebe gut, dann gehst du ins Nirvana ein. In Summe: Nur wenn du dich an die Religion hältst, kannst du dich ethisch richtig verhalten. Und damit ist es allein die Religion, die dir ein diesseitig und jenseitig erfülltes Leben garantieren kann. 

Diese Schlussfolgerungen gelten nur solange, solange wir nicht erkannt haben, dass die in sich einleuchtenden ethischen Leitlinien keine Religion brauchen, um verstanden und angewendet zu werden. Dazu kommt, dass alle Religionen in ihrer historischen Praxis genügend spezielle Probleme in Hinblick auf die Anwendung der Ethik gehabt haben und haben und viele Schlupflöcher aufweisen, über die sich dann das unethische Handeln breitmachen kann, unter dem heuchlerischen Denkmantel der Frömmigkeit. Aus der Geschichte ist es schwer möglich, die Wirksamkeit der Religionen auf die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten zu begründen. Vielmehr gibt es die Phänomene, dass religiöse Inhalte als Grundlage für Ausreden bezüglich des ethischen Handelns verwendet werden. Hier ein Beispiel aus der Karma-Lehre: Es kann jemand behaupten: Mein vergangenes Leben hindert mich daran, jetzt gute Handlungen zu tun. Aufgrund meines Karmas kann ich nicht anders als anderen Menschen zu schaden. Oder im christlichen Kontext: Ich habe schon so schwer gesündigt, da macht es dann keinen Unterschied mehr, wenn ich noch ein paar Sünden anhänge.

Die universelle Gerechtigkeit und die Karma-Lehre


Die Karma-Lehre gilt bei ihren Anhängern als Garantin nicht nur für die persönliche Moral, sondern auch für eine universelle Gerechtigkeit. Manchmal fragen wir uns, warum Menschen, die offensichtlich viel Böses begehen, damit einfach wegkommen, nicht im Gefängnis landen und nach einem langen Leben einen friedlichen Tod inmitten von Reichtum sterben. Andererseits gibt es Menschen, die offensichtlich so viel Gutes tun, aber keinen Lohn ernten, sondern alle möglichen Leiden auf sich nehmen müssen. Das ist doch ungerecht: Wer Böses tut, soll dafür bestraft werden und selber leiden. Wer Gutes tut, soll ein gutes Leben haben. Laut Karma-Lehre kommt die Strafe unweigerlich, wenn nicht im aktuellen, dann in einem nächsten Leben. Das kann das Gerechtigkeitsempfinden beruhigen, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es die Reinkarnation tatsächlich gibt. Sollte sich herausstellen (und das wissen wir, wenn überhaupt, erst nach unserem Tod), dass es ein neues Leben in einem neuen Körper gar nicht gibt, schauen wir durch die Finger und das ganze Gerechtigkeitskonzept bricht in sich zusammen wie ein Kartenhaus. 

Im christlichen Weltbild tröstet die Vorstellung, dass Bösewichter in der Hölle schmoren müssen und die Braven in den Himmel kommen. Sie sorgt ebenfalls für eine ausgleichende Gerechtigkeit. Auch hier ruht die entscheidende Voraussetzung, das Weiterleben nach dem Tod und die Existenz von Himmel und Hölle, auf tönernen Füßen. Was aber haben wir wirklich davon, dass das Böse seine gerechte Strafe findet? Böses Handeln muss bestraft werden, weil es die Gemeinschaft schädigt und ein friedvolles Zusammenleben behindert. Dafür sorgen das Polizeiwesen und der Rechtsstaat. Aber deshalb müssen wir einem Übeltäter keine bösen Gedanken schicken und ihm Böses wünschen – auch wenn das eine sehr menschliche Reaktion ist, vor allem, wenn uns selber das Böse widerfahren ist. Sind wir da nicht in einem Rachedenken verfangen? Spielen wir uns da nicht als Richter über andere Menschen auf? Sind solche Anmaßungen wirklich moralisch, oder tragen sie selber wieder zu schlechtem Karma bei oder bringen uns der Hölle ein Stück näher?

Ethik ohne Religion


Weiters stellt sich die Frage, ob wir auch mit dem Verzicht auf die Vorstellung von universeller Gerechtigkeit im Sinn des Karmaprinzips leben können. Es könnte sich um ein Konzept handeln, das aus einer beschränkten Sichtweise auf das Gute und Böse stammt und mit Maßstäben hantiert, die aus der eigenen Lebenserfahrung stammen, aber keine absolute Gültigkeit beanspruchen können. Oder hören wir dann auf, uns ethisch zu verhalten, weil es sowieso keine Konsequenzen hat? Wäre die Ethik nur ein Unterfangen, das funktioniert, weil böse Handlungen noch bösere Folgen haben und wir uns deshalb notgedrungen für das Gute entscheiden, dann braucht es eine transzendente Absicherung. Tun wir Gutes nur, weil uns dafür eine Belohnung winkt, ist es eigentlich kein Gutes, wie uns schon Immanuel Kant gezeigt hat, und wie wir das auch intuitiv spüren. Das Gute soll aus uns selber kommen und getan werden, gleich welche Reaktionen es nach zieht, gleich, ob wir daraus einen Gewinn ziehen oder nicht. Handeln wir nur aus der Suche nach einer entsprechenden Kompensation, so geht es uns um diese und nicht um die Verbesserung der Welt und des Lebens unserer Mitmenschen. 

Dazu kommt, dass wir uns nicht anmaßen sollten, zu wissen, was es mit der universellen Gerechtigkeit auf sich hat. Unser Denken, Konzeptualisieren und Ethisieren ist immer beschränkt und nicht geeignet, Aussagen über etwas Universelles zu tätigen, weil wir viel zu stark im Relativen befangen sind. Was wissen wir wirklich über das Ausmaß des Guten und des Bösen in der Welt? Was wissen wir über das Ausmaß des Guten und des Bösen in einzelnen Menschen, uns selber mit eingeschlossen? Wenn es eine geistige Instanz hinter allem gibt, die alle Fäden in der Hand hat und die Geschicke der Welt lenkt, muss sie so unendlich sein, dass wir sie mit unserem kleinen Geist nie fassen, geschweige denn nachzeichnen könnten. Wir können fantasieren, was das Richtige und das Falsche, das Gute und das Böse wäre, aber in diese Fantasien fließen immer unsere relativen Werte und Normen, unsere selbstgestrickten und übernommenen Ansichten hinein. 

Es scheint, dass die Vorstellungen einer universellen ausgleichenden Gerechtigkeit mehr unsere narzisstische Selbstüberhöhung bestätigen als mehr zur Erkenntnis der Wirklichkeit oder zur Verbesserung der Menschheit beitragen. Vielmehr sind sie von einer grundlegenden Redundanz gekennzeichnet, in dem Sinn, dass alles, was geschieht, dadurch erklärt wird, dass es dem Prinzip entspricht. Das Prinzip stimmt immer und hat immer Recht; der Preis für diese selbstbezogene Logik ist allerdings der Verlust an Bedeutung und Sinn, sie liefert keinen Erkenntnisgewinn. Handelt jemand böse, so kommt er in einer Vorstellungswelt in die Hölle, in einer anderen muss er ein schlechteres nächstes Leben auf sich nehmen. Es könnte so sein oder auch anders, das ist alles, was wir vom Standpunkt der menschlichen Vernunft aus sagen können: Wir wissen es nicht und können nie zu diesem Wissen gelangen. Die Prinzipien sind so angelegt, dass sie nicht überprüft werden können, sondern der Willkür des Glaubens unterliegen: Jeder kann glauben, was er will. 

Schließlich dürfen wir noch die Frage stellen: Ist die Welt besser geworden, weil die Menschen für ihre Untaten möglicherweise in die Hölle kommen oder als Wurm wiedergeboren werden? Vielleicht haben die Glaubenssysteme dazu beigetragen, dass sich in voraufgeklärten Zeiten die Menschen aus Angst vor negativen metaphysischen Konsequenzen mehr dem Guten zugewandt haben, aber selbst über diese These können wir nur spekulieren und genug Gegenbeispiele zitieren. Die Menschheitsgeschichte ist voll von Verbrechen und Grausamkeiten; ob es heute weniger oder mehr sind als in früheren Zeiten, können wir nicht berechnen und werden es auch nie berechnen können. Denn Leid ist nicht in Zahlen übersetzbar und immer subjektiv. 

Wenn wir das Gute und das Böse unterscheiden, brauchen wir einen ethischen Maßstab. Jeder Maßstab ist relativ, es gibt keinen, der für ein universelles Gesetz taugt, außer er ist so allgemein formuliert wie der kategorische Imperativ und muss dann für jeden Einzelfall konkretisiert und interpretiert werden, womit unweigerlich subjektive, zeit- und sozialgebundene Einflüsse dazukommen. Deshalb wird die letztliche ethische Autorität an eine oberste Instanz delegiert, über deren Bewertungskriterien wir wiederum kein Wissen haben. Allenthalben geraten wir an Punkte, an denen wir völlig im Dunkeln tappen, und unsere Fantasieprojektionen, die wir dann entwickeln, helfen uns auch nicht weiter.

Die unüberwindliche Beschränktheit der menschlichen Erkenntnis


Ludwig Wittgenstein hat bekanntlich seinen Tractatus mit dem Satz beendet: „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Wir können diesen Satz hier weiterspinnen: Worüber es kein Wissen, sondern nur Spekulation gibt, darüber sollten wir bescheiden den Mund halten und mit dem Vorlieb nehmen, was uns mit unserer menschlichen Beschränktheit erkennen, wissen und erspüren können. Und über alles, was darüber hinausgeht, können wir nur mit den Achseln zucken. 

Für alle, die dennoch an die Karmalehre glauben wollen, schlage ich ein kleines Experiment vor: Wann immer sich das Thema in Gedanken meldet, indem wir z.B. an Ungerechtigkeiten in der Welt und im eigenen Leben denken, kurz innezuhalten: Was ändert sich dadurch, dass ich dieses Modell beiseite lasse und stattdessen meine Erkenntnisgrenzen akzeptiere? Wird mein aktuelles Leben einfacher oder komplizierter, leichter oder schwerer? Fühle ich mich besser oder schlechter? Oder macht es überhaupt keinen Unterschied? 

Wir sind frei in dem, was wir glauben und was nicht; wirklich frei aber nur, wenn wir alle Ängste erkannt und gelöst haben, die hinter unseren Glaubensbedürfnissen stehen. Dann fällt es uns leicht, zu der Beschränktheit unserer Einsichts- und Erkenntnisweisen zu stehen und das Illusionäre an den großen Antworten auf die großen Fragen zu durchschauen. 

Zum Weiterlesen:

Montag, 17. November 2014

Kritische Fragen an die Reinkarnationstherapie


Reinkarnation ist ein Glaubenssystem, das vor allem in Asien, im Hinduismus und Buddhismus verbreitet ist. Die Reinkarnationstherapie beruht auf einer Idee, die im Zusammenhang mit der New-Age-Bewegung in den USA entstanden ist. Sie vertritt die Idee, dass die psychischen und körperlichen Leiden der Menschen auf Traumatisierungen zurückzuführen sind, die in früheren Inkarnationen erfolgt sind. Durch die Regression in diese früheren Leben können die Traumen aufgelöst werden.

Wenn wir an innerer Heilung interessiert sind, ist es notwendig, die Themen unseres
http://de.toonpool.com/cartoons/Reh-inkarnation_228073
Lebens, vor allem unserer Kindheit ebenso wie unserer Geburt und der vorgeburtlichen Zeit sowie die transgenerationalen Themen durchzuarbeiten. Wenn wir über hundert oder noch mehr Vorleben verfügen, wie behauptet wird, müssten wir auch aus diesen Leben die "karmisch" übertragenen Traumatisierungen bearbeiten, also die Kindheits-, Geburts-, Pränatal- und Generationaltraumen dieser Vorleben bearbeiten, zusätzlich noch die spezifischen kollektiven Ängste zu den jeweiligen historischen Zeiten sowie die oft besonders drastischen Traumatisierungen durch die jeweiligen Todesarten.

Wenn wir uns z.B. das Leben einfacher Menschen im Mittelalter vorstellen, und die Unsicherheiten, das Ausgeliefertsein an die Wetterbedingungen, die Grausamkeiten und willkürlichen Bestrafungen, die häufigen Kriege und Seuchen, die damals herrschten, nur annährungsweise mit den Lebensbedingungen zur heutigen Zeit vergleichen, müssen wir zugeben, dass wir heute in den wohlhabenden Ländern auf einem wesentlich niedrigerem Niveau leiden.

Wir reden z.B. seit weniger als hundert Jahren von Bindungssicherheit, deren Bedeutung für das psychische Wohlergehen und die Beziehungsfähigkeit verständlich geworden ist. In einer Zeit, in der unzählige Kinder unehelich geboren, ausgesetzt oder dem Verhungern preisgegeben wurden, können wir davon ausgehen, dass sichere Bindungen seltene Glücksfälle in generell hochgradig unsicheren Zeiten waren. 

Wenn wir nun annehmen, dass alle diese unglücklichen Kinder, bar jeder Bindungssicherheit, neue Inkarnationen gesucht haben, um ihr „Karma zu verbessern“, müssen sich all diese furchtbaren Traumatisierungen bis in die Seelen der heute lebenden Menschen übertragen haben. Wer aber von den Reinkarnationstherapeuten bearbeitet solche pränatalen oder frühkindlichen Traumatisierungen im Detail und in der notwendigen Breite, Tiefe und Intensität, wie sie bei solchen komplexen Traumatisierungen angewendet werden müsste? Da müsste die Heilung von solch einem einzigen furchtbaren Schicksal, das angeblich in der Seele abgespeichert ist, Jahre an Therapie brauchen. 

Wenn die Grauen jenes Leben nun geheilt wären, öffnete sich dahinter gleich das nächste, und das könnte noch schrecklicher sein. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und die endgültige Heilung müsste wieder um ein paar hundert Sitzungen verschoben werden.

Natürlich wird es als Erleichterung erlebt, wenn die Ängste, die z.B. mit einer Verbrennung als Hexe in einem früheren Leben verbunden sind, bewältigt sind. Wahrscheinlich heilt dabei die Therapie aber nur das Problem, das sie selber aufwirft. Das Erleichterungsgefühl kann einfach auf all die anderen Faktoren zurückgeführt werden, die üblicherweise bei einer Therapie wirken: Die unterstützende Umgebung, die respektvolle Zuwendung, das Verständnis und ein geteiltes Weltbild. 

Die eigentlichen Verletzungen, die dieser Körper und diese Seele im Lauf dieses Lebens erfahren mussten, werden durch die scheinbaren Heilungen noch besser verdrängt. Denn es erleichtert, wenn die Wurzel des eigenen Leidens nicht in diesem Leben, in diesem Körper, sondern irgendwo in einer grauen Vorzeit und in einem völlig anderen Körper gefunden werden kann. Dann muss ich nicht tief in die Geschichte meines Leibes und meiner frühkindlichen Beziehungen eintauchen, dann brauche ich mich nicht mit den Bezugspersonen in diesem Leben auseinandersetzen, sondern verziehe mich kurzfristig in eine Vorzeit, von der ich nur ein paar Umstände erinnere. Einfacher ist es, böse Eltern aus einem früheren Leben anzuklagen als die realen Eltern im jetzigen Leben.

Reinkarnationstherapie kann keine Beziehungstherapie sein. Sie findet zwar in einer Beziehung zwischen Therapeut und Klient statt, lässt aber die prägenden Beziehungspersonen des eigenen Lebens außen vor, sodass die in der Übertragung und Gegenübertragung auftauchenden Projektionen nicht genutzt werden können. Denn die Personen, die im Vorleben gemein und böse waren, Verletzungen und Leid zugefügt haben, sind andere, als die zentralen Personen unserer Herkunft in diesem Leben – vor allem unsere Eltern. Die sind bei jeder Reinkarnationstherapie aus dem Schneider, außer sie erscheinen selber in der früheren Szenerie in anderer körperlicher Gestalt, was die Sache aber nicht einfacher, sondern noch komplizierter macht.                                                                        

Therapie ohne Beziehungsheilung


Reinkarnationstherapie kann keine Beziehungstherapie sein. Sie findet zwar in einer Beziehung zwischen Therapeut und Klient statt, lässt aber die prägenden Beziehungspersonen des eigenen Lebens außen vor, sodass die in der Übertragung und Gegenübertragung auftauchenden Projektionen nicht genutzt werden können. Denn die Personen, die im Vorleben gemein und böse waren, Verletzungen und Leid zugefügt haben, sind andere, als die zentralen Personen unserer Herkunft in diesem Leben – vor allem unsere Eltern. Die sind bei jeder Reinkarnationstherapie aus dem Schneider, außer sie erscheinen selber in der früheren Szenerie in anderer körperlicher Gestalt, was die Sache aber nicht einfacher, sondern noch komplizierter macht.

Denn es zählt zu den schwierigsten und schmerzhaftesten Aspekten der inneren Heilung, sich mit den Menschen, die das eigene Leben am tiefsten geprägt haben, auseinanderzusetzen. Die erwachsenen Menschen, denen wir am Anfang unseres Lebens begegneten, haben wir all unsere Liebe, Wertschätzung und Hochachtung entgegengebracht, derer wir mächtig waren. Dann zu erkennen, dass sie Menschen mit Fehlern sind, die uns Leid zugefügt haben, uns Schmerzen bereitet und Zorn und Hass geweckt haben, die uns eingeschränkt, manipuliert und kontrolliert haben, ist der zentrale Schritt zur eigenen Autonomie, und dann wieder zu einer versöhnlichen Haltung zu diesen Menschen zu finden, ist der Weg zum Frieden. Dieser komplizierte, aufwändige und anspruchsvolle Weg der Heilung wird einfach umgangen, wenn ich Vorleben nach Vorleben durchwandere und dort diese und jene Themen bearbeite.

Wir bewegen uns also reinkarnationstherapeutisch immer auf doppeltem Boden, die realen Themen aus einem realen Leben werden auf frühere Leben projiziert, dort therapeutisch bearbeitet und sollen dann wieder ins jetzige Leben zurück transferiert werden, das ja das einzige ist, für das eine Heilung Sinn macht. Warum nicht gleich in diesem bleiben und dorthin zurückgehen, wo die Ursprünge des Leidens sind? Wir müssen dazu nur auf die durch nichts beweisbare Glaubensannahme verzichten, dass unsere seelischen Probleme ihre Wurzeln in früheren Leben haben. 


Reinkarnation und Dissoziation


Wie an anderer Stelle ausgeführt, könnte es sein, dass die Idee der Reinkarnation auf traumatische Dissoziationen zurückgeht. Wir kommen deshalb auf die Idee, dass die Seele vom Körper getrennt sein könnte, weil wir in einer Traumasituation diese Erfahrung scheinbar gehabt haben. Tatsächlich ist ja die Dissoziation ein Vorgang, den unser Gehirn produziert.

Der doppelte Boden, auf dem die Reinkarnationstherapie arbeitet, ist dann nichts anderes als eine traumabedingte Dissoziation. Wenn das stimmt, kann die Traumaerfahrung nie in der Reinkarnationssituation aufgelöst werden, weil diese nur durch die therapeutisch herbeigeführte Dissoziation zugänglich ist. Jede Regression in ein Vorleben ist damit eine Retraumatisierungserfahrung, die immer nur eine scheinbare Lösung einer Thematik bewirken kann, also im besten Fall Symptome verbessern, aber nie eine grundlegende Heilung erreichen kann.


Reinkarnation als Ego-Erweiterung


Dazu mag die folgende Überlegung dienen: Die Erweiterung der Seele über die Lebensdauer des Körpers hinaus ist eine Größenfantasie des Egos, das sich nicht mit seinem Begrenztsein abfinden kann. Es brüstet sich seines immateriellen Seins und meint, dass es nicht auf einen Körper, auf etwas Festes und Vergängliches angewiesen ist, sondern dass es über den Grenzen und über den Gesetzen der Festkörper steht. Es behauptet von sich, etwas grundlegend anderes zu sein als dieser Körper. Das ist es natürlich, weil es nicht körperlich ist. Zugleich ist es aber ohne Körper nicht erlebbar, denkbar, vorstellbar. Es lebt nur, weil es mit und in einem Körper existieren kann.

Das Ego identifiziert sich dabei mit der Seele, nimmt sie gewissermaßen in Besitz und tut ihr dafür den Gefallen, sie für unsterblich zu erklären – ein Teufelspakt gewissermaßen: Ich verspreche dir ewiges Leben, wenn du dich mir ganz unterwirfst. Du brauchst keine Angst mehr zu haben vor dem Ende dieses Körpers, du kannst immer wieder in neue Formen hineinschlüpfen, auf diesem Weg reifer und reifer werden und irgendwann ins Nirvana eingehen. So bleibt das Ego unangefochten in seiner sicheren Position, die Befreiung von ihm ist in weite Ferne gerückt – sicher nicht mehr in diesem Leben.


Integrierende Sichtweise als Alternative


Vertreten wir eine integrierende Sichtweise, so wird klar, dass das Materielle nur durch Immaterielles materiell sein kann, und das Immaterielle nur durch das Materielle immateriell. Wenn wir sagen, dass diese beiden Aspekte aufeinander angewiesen sind, so ist die Formulierung insoferne missverständlich, als sie eine Abhängigkeit suggeriert. Denn der Begriff einer Abhängigkeit macht dort keinen Sinn, wo Dasein nur ist, wenn beides ist. Damit etwas existieren kann, braucht es das Materielle und das Immaterielle. Sobald etwas ist, ist es materiell und immateriell. Vorher und nachher ist nichts.

Dazwischen, im Reich des untrennbar Einen, ist jede Fantasie möglich, und jede von diesen ist wiederum zugleich immateriell (die fantasierten Bilder) und materiell (die für die Entstehung der fantasierten Bilder notwendigen neuralen Aktivitäten). Und sie ist immer in diesem Hier und in diesem Jetzt und dient uns für unsere Zwecke hier und jetzt.

Wenn wir therapeutisch arbeiten, müssen wir immer den Weg von der Fantasie in die Realität, vom assoziativen Denken in die Gefühle und in den Körper gehen. Fantasieren können wir immer, das kann lustig und kreativ sei. Genießen wir unser Fantasieren und bleiben wir uns dabei bewusst, was es ist: Das Schaffen einer irrealen Welt im Kopf. Das wird aber nicht reichen, wenn wir die Befreiung von unseren Beschränkungen finden wollen. Dafür brauchen wir den Aufputz von bunten früheren Leben nicht.


Wer dennoch Reinkarnationstherapeut werden will, findet im Internet Angebote  ab drei Tagen Ausbildung: Zitat: "Bei uns lernst Du die wahrscheinlich einfachste und wirksamste Art der Reinkarnationstherapie im deutschen Sprachraum. Deine Erfolge werden uns recht geben! Kompakt– Einfach – Wirksam – Erfolgreich. Diese Ausbildung erstreckt sich über 3 Seminartage." Kosten: € 990,-.

Donnerstag, 25. August 2011

Die Begnadeten und die Benachteiligten

„Bei manchen Menschen wirkt es so, als hätten sie erschwerte Anfangsumstände. In östlichen Traditionen würde man dazu sagen, sie haben eine Menge Karma mitgebracht, das sie behindert. Eckhart Tolle würde sagen, dass ihr Schmerzkörper stark ausgebildet ist. Wie auch immer wir es bezeichnen wollen: Es sieht so aus, als seien manche Menschen nicht so gesegnet bei ihrer Geburt wie andere.“ (Thomas Hübl, Sharing the Presence. Bielefeld: Kamphausen 2009, S. 267)

Bei diesem Zitat aus dem schönen, tiefgehenden und umfangreichen Buch von Thomas Hübl bin ich hängengeblieben. Viele Fragen finden in diesem Buch eine verständliche Antwort, diese jedoch nicht. Der Absatz endet mit dem Zitat und im nächsten wird ein anderes Thema besprochen. Und es ist keine unwichtige Frage: Wieso haben es manche Menschen schwerer als andere? Weshalb ist Gott offensichtlich so ungerecht? Wieso werden die Lasten und Leiden so ungleich verteilt und kriegen die einen so viel zu tragen, während es die anderen um soviel leichter haben?

Die Erklärungsversuche mit dem Karma, mit dem Schmerzkörper oder mit dem Segen, liefern keine Antwort auf die Frage, sondern verschieben sie nur weiter: Warum haben die einen mehr behinderndes Karma als andere? Weil sie in einem Vorleben Schlechtes getan haben. Warum tun die einen Schlechtes und kriegen deshalb ein schlechtes Karma und die anderen nicht? Weil sie im Vorleben.... Und schon dreht sich die Scheinantwort im Kreis.
Der Schmerzkörper ist bei den einen stark ausgebildet und bei den anderen schwach. Die einen sind nicht so gesegnet wie die anderen. Die einen fahren nach Paris und die anderen nach Schruns-Tschagguns, so Josef Hader. Das ist die Bestandsaufnahme und Situationsbeschreibung. Was hilft zu mehr Verständnis? Wie können wir menschlicher werden, wenn wir diese Befunde kontemplieren?

Schauen wir uns an ein paar Beispielen an, was gemeint ist. Ein beliebtes Beispiel für einen begnadeten Menschen ist Wolfgang Amadeus Mozart, der einen großen Schatz in seine Wiege gelegt bekommen hat, hochbegabt und enorm kreativ, von Kindesbeinen an ein Kanal für wunderbare Musik, dem auf diesem Gebiet alles leicht fiel, wofür andere unendliche Mühen auf sich nehmen und doch nie dorthin kommen, wo er schon als Zehnjähriger war.

Nun ist die Frage, wie er selber sein Leben erlebt hat. Wir wissen ja, dass alles, was wir gut können, zur Selbstverständlichkeit wird und nicht genug für unsere Zufriedenheit ist. Es gibt immer noch andere Bereiche, die wir nicht gemeistert haben und wo wir auf Mängel stoßen, die uns zu schaffen machen. Offenbar war es im Leben von Mozart nicht anders, sein Umgang mit Geld z.B. war alles andere als meisterhaft, und seine Spielsucht nicht gerade ein Zeichen seiner Begnadung. Im Alter von 34 sterben zu müssen, stellen wir uns nicht als erfülltes Leben vor.

Stellen wir uns ein Gegenbeispiel vor, ein Straßenkind in einem afrikanischen Bürgerkriegsgebiet, geboren in einem Elendsviertel, die Eltern und Geschwister in einem Massaker umgekommen, alle Verwandten tot, jeder Tag eine Herausforderung zu überleben. Die Wahrscheinlichkeit, bald zu verhungern oder einer Krankheit zu erliegen, ist sehr hoch, und im besten Fall gelingt es vielleicht, irgendeine mühselige Arbeit zu finden, die gerade ein ärmliches Überleben sichert, oder in der Kriminalität oder Prostitution zu landen. Ein Leben ohne Begnadung, Aussicht, Hoffnung. Nichts, was wir daran bewundern könnten, nichts, was uns als Vorbild dienen würde, nichts, was anderen Freude schenkt – ein sinnlos gefristetes Leben? Ein winziges Flämmchen, das kurz aufflackert und wieder verlischt?

Und unser Leben irgendwo dazwischen, bei weitem nicht so armselig wie das von vielen Millionen anderen Menschen auf dieser Erde, bei weitem nicht so genial wie das von einigen wenigen. In diesem Dazwischen bewegen wir uns, mal ein Stückchen rauf, mal ein Stückchen runter. Wir vergleichen uns gerne und, je nachdem, ob wir gerade gut drauf sind oder frustriert, fühlen wir uns besser als andere oder werden leicht grünlich vor Neid. Da gibt es immer noch jemanden, der ein größeres Stück vom Kuchen erwischt hat und sich vor unseren Augen daran genüsslich sättigt.

Was passiert, wenn wir dieses Szenario von etwas oberhalb betrachten, von einem Standpunkt der Desidentifikation, d.h. wo wir so tun, als hätte das alles gleichermaßen mit uns selbst zu tun, ohne dass wir an dem bestimmten, unseren Lebensschicksal festkleben. Wir sind also gleichzeitig ein Genie, ein Straßenkind, ein Durchschnittsmensch westlichen Zuschnitts. Gefragt, welches Leben wir wählen würden, wäre die Entscheidung wohl nur zwischen Genie und Durchschnittsmensch. Also müssen wir eine andere Frage suchen. Welches dieser Leben ist menschlicher? Können wir da anders antworten, als zu sagen, dass alle diese und auch noch die Milliarden anderen gleich menschlich sind? Menschen, die geboren wurden und aus ihrem Leben das Beste machen, was ihnen möglich ist, bis sie sterben, so gut es ihnen möglich ist? Welchen Sinn hat es da noch, das eine Leben als wertvoller als irgend ein anderes zu klassifizieren?

Aus unserer Durchschnittsperspektive ist es klar, dass ein Leben wie das von Mozart wertvoller und wichtiger ist als das eines Bettlers zu seiner Zeit. Sobald wir uns aber aus dieser Ebene lösen, wird offensichtlich, dass all die Bewertungsmaßstäbe, die wir ansetzen können, um den Wert menschlichen Lebens abzuschätzen, furchtbar relativ und willkürlich sind. Es gibt eine Perspektive, aus der alle diese Wertzuschreibungen selbst wertlos werden. Wenn wir dort angekommen sind, gilt uns alles gleich, und wir sehen nur Menschen, die auf ihrem Lebensweg fortschreiten, die einen schneller, die anderen langsamer, die einen zielstrebiger, die anderen ausschweifender, die einen kraftvoller, die anderen schwächer, die einen intelligenter und die anderen naiver usw. Was dabei gelingt, was misslingt, was zur Freude beiträgt und was zum Leiden, ist uns aus dieser Sicht gleich-gültig.

Stellen wir uns Gott als voll von Liebe vor und nicht als moralischen Zumesser von Glücksquanten je nach „Verdienst“, also eher wie eine Mutter, die viele verschiedene Kinder und alle gleich gern hat, dann kann die obige Perspektive der göttlichen nahe kommen. Jedes Leben hat die Gnade, die es mit der Geburt bekommt, ein Leben zu sein, und es enthält darin einen unschätzbaren Wert, der weit über das hinausreicht, was einzelne Gnaden ausmachen können. Jedes Leben ist also begnadet. Insoferne lenkt der Blick auf das Karma und auf andere Konzepte von einer universalen Gerechtigkeit nur davon ab, dass wir die unermessliche Liebeskraft des Göttlichen erahnen. Die Schöpferkraft, die wir darin sehen können, ist frei von Bewertungen, wie sie aus unserem menschlichen Verstand entspringen. Sie sorgt für eine unermesslich große Variabilität an Formen der Natur und der Menschenwesen.

In jedem dieser Wesen gibt es ein Quantum oder Quäntchen des Guten und des Schlechten, wenn wir es durch unsere Bewertungsbrille betrachten. Doch kann das nicht der Weisheit letzter Schluss sein, denn unsere Bewertungen können sich schnell ändern, z.B. wir begegnen dem Straßenkind und sehen ein ganz besonderes Leuchten in seinen Augen und fühlen uns tief berührt. In diesem Moment ist der Bewertungsraum verschwunden und wir befinden uns auf einer anderen Ebene. Sobald wir wieder zurück in unserer Alltagsmentalität sind, kann sich unser Maßstab verändert haben, und wir haben einen neuen Blick auf Armut, Benachteiligung und Ungerechtigkeit und unser Potenzial für Mitgefühl hat sich erweitert. Wir sind noch ein Stück menschlicher geworden, was soviel heißt, dass wir uns ein Stück mehr der Göttlichkeit genähert haben.