Montag, 17. November 2014

Kritische Fragen an die Reinkarnationstherapie


Reinkarnation ist ein Glaubenssystem, das vor allem in Asien, im Hinduismus und Buddhismus verbreitet ist. Die Reinkarnationstherapie beruht auf einer Idee, die im Zusammenhang mit der New-Age-Bewegung in den USA entstanden ist. Sie vertritt die Idee, dass die psychischen und körperlichen Leiden der Menschen auf Traumatisierungen zurückzuführen sind, die in früheren Inkarnationen erfolgt sind. Durch die Regression in diese früheren Leben können die Traumen aufgelöst werden.

Wenn wir an innerer Heilung interessiert sind, ist es notwendig, die Themen unseres
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Lebens, vor allem unserer Kindheit ebenso wie unserer Geburt und der vorgeburtlichen Zeit sowie die transgenerationalen Themen durchzuarbeiten. Wenn wir über hundert oder noch mehr Vorleben verfügen, wie behauptet wird, müssten wir auch aus diesen Leben die "karmisch" übertragenen Traumatisierungen bearbeiten, also die Kindheits-, Geburts-, Pränatal- und Generationaltraumen dieser Vorleben bearbeiten, zusätzlich noch die spezifischen kollektiven Ängste zu den jeweiligen historischen Zeiten sowie die oft besonders drastischen Traumatisierungen durch die jeweiligen Todesarten.

Wenn wir uns z.B. das Leben einfacher Menschen im Mittelalter vorstellen, und die Unsicherheiten, Grausamkeiten und Willkürlichkeiten, die damals herrschten, nur annährungsweise mit denen zur heutigen Zeit vergleichen, müssen wir zugeben, dass wir auf einem wesentlich niedrigerem Niveau leiden.

Wir reden z.B. heute von Bindungssicherheit, deren Bedeutung für das psychische Wohlergehen in den letzten Jahrzehnten deutlich geworden ist. In einer Zeit, in der unzählige Kinder unehelich geboren, ausgesetzt, dem Verhungern preisgegeben wurden, können wir davon ausgehen, dass sichere Bindungen seltene Glücksfälle in generell hochgradig unsicheren Zeiten ausmachen.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass alle diese unglücklichen Kinder, bar jeder Bindungssicherheit, neue Inkarnationen gesucht haben, um ihr "Karma zu verbessern", müssen sich all diese furchtbaren Traumatisierungen bis in die Seelen der heute lebenden Menschen übertragen haben. Wer aber von den Reinkarnationstherapeuten bearbeitet solche pränatalen oder frühkindlichen Traumatisierungen im Detail und in der notwendigen Breite, Tiefe und Intensität, wie sie bei solchen komplexen Traumatisierungen angewendet werden müsste? Da müsste die Heilung von solch einem einzigen furchtbaren Schicksal Jahre an Therapie brauchen.

Wenn die Grauen jenes Leben nun geheilt wären, öffnete sich dahinter gleich das nächste, und das könnte noch schrecklicher sein. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und die endgültige Heilung müsste wieder um ein paar hundert Sitzungen verschoben werden.

Natürlich wird es als Erleichterung erlebt, wenn die Ängste, die z.B. mit einer Verbrennung als Hexe in einem früheren Leben verbunden sind, bewältigt sind. Die Therapie heilt dabei aber nur das Problem, das sie selber aufwirft. Alle anderen Faktoren, die bei einer Therapie wirken, kommen noch dazu: Die unterstützende Umgebung, die respektvolle Zuwendung, das Verständnis und ein geteiltes Weltbild.

Die eigentlichen Verletzungen, die dieser Körper und diese Seele im Lauf dieses Lebens erfahren mussten, werden durch die scheinbaren Heilungen noch besser verdrängt. Denn es erleichtert, wenn die Wurzel des eigenen Leidens nicht in diesem Leben, in diesem Körper, sondern irgendwo in einer grauen Vorzeit und in einem völlig anderen Körper gefunden werden kann. Dann muss ich nicht tief in die Geschichte meines Leibes und meiner frühkindlichen Beziehungen eintauchen, dann brauche ich mich nicht mit den Bezugspersonen in diesem Leben auseinandersetzen, sondern verziehe mich kurzfristig in eine Vorzeit, von der ich nur ein paar Umstände erinnere.


Therapie ohne Beziehungsheilung


Reinkarnationstherapie kann keine Beziehungstherapie sein. Sie findet zwar in einer Beziehung zwischen Therapeut und Klient statt, lässt aber die prägenden Beziehungspersonen des eigenen Lebens außen vor, sodass die in der Übertragung und Gegenübertragung auftauchenden Projektionen nicht genutzt werden können. Denn die Personen, die im Vorleben gemein und böse waren, Verletzungen und Leid zugefügt haben, sind andere, als die zentralen Personen unserer Herkunft in diesem Leben – vor allem unsere Eltern. Die sind bei jeder Reinkarnationstherapie aus dem Schneider, außer sie erscheinen selber in der früheren Szenerie in anderer körperlicher Gestalt, was die Sache aber nicht einfacher, sondern noch komplizierter macht.

Denn es zählt zu den schwierigsten und schmerzhaftesten Aspekten der inneren Heilung, sich mit den Menschen, die das eigene Leben am tiefsten geprägt haben, auseinanderzusetzen. Die erwachsenen Menschen, denen wir am Anfang unseres Lebens begegneten, haben wir all unsere Liebe, Wertschätzung und Hochachtung entgegengebracht, derer wir mächtig waren. Dann zu erkennen, dass sie Menschen mit Fehlern sind, die uns Leid zugefügt haben, uns Schmerzen bereitet und Zorn und Hass geweckt haben, die uns eingeschränkt, manipuliert und kontrolliert haben, ist der zentrale Schritt zur eigenen Autonomie, und dann wieder zu einer versöhnlichen Haltung zu diesen Menschen zu finden, ist der Weg zum Frieden. Dieser komplizierte, aufwändige und anspruchsvolle Weg der Heilung wird einfach umgangen, wenn ich Vorleben nach Vorleben durchwandere und dort diese und jene Themen bearbeite.

Wir bewegen uns also reinkarnationstherapeutisch immer auf doppeltem Boden, die realen Themen aus einem realen Leben werden auf frühere Leben projiziert, dort therapeutisch bearbeitet und sollen dann wieder ins jetzige Leben zurück transferiert werden, das ja das einzige ist, für das eine Heilung Sinn macht. Warum nicht gleich in diesem bleiben und dorthin zurückgehen, wo die Ursprünge des Leidens sind? Wir müssen dazu nur auf die durch nichts beweisbare Glaubensannahme verzichten, dass unsere seelischen Probleme ihre Wurzeln in früheren Leben haben. 



Reinkarnation und Dissoziation


Wie an anderer Stelle ausgeführt, könnte es sein, dass die Idee der Reinkarnation auf traumatische Dissoziationen zurückgeht. Wir kommen deshalb auf die Idee, dass die Seele vom Körper getrennt sein könnte, weil wir in einer Traumasituation diese Erfahrung scheinbar gehabt haben. Tatsächlich ist ja die Dissoziation ein Vorgang, den unser Gehirn produziert.

Der doppelte Boden, auf dem die Reinkarnationstherapie arbeitet, ist dann nichts anderes als eine traumabedingte Dissoziation. Wenn das stimmt, kann die Traumaerfahrung nie in der Reinkarnationssituation aufgelöst werden, weil diese nur durch die therapeutisch herbeigeführte Dissoziation zugänglich ist. Jede Regression in ein Vorleben ist damit eine Retraumatisierungserfahrung, die immer nur eine scheinbare Lösung einer Thematik bewirken kann, also im besten Fall Symptome verbessern, aber nie eine grundlegende Heilung erreichen kann.



Reinkarnation als Ego-Erweiterung


Dazu mag die folgende Überlegung dienen: Die Erweiterung der Seele über die Lebensdauer des Körpers hinaus ist eine Größenfantasie des Egos, das sich nicht mit seinem Begrenztsein abfinden kann. Es brüstet sich seines immateriellen Seins und meint, dass es nicht auf einen Körper, auf etwas Festes und Vergängliches angewiesen ist, sondern dass es über den Grenzen und über den Gesetzen der Festkörper steht. Es behauptet von sich, etwas grundlegend anderes zu sein als dieser Körper. Das ist es natürlich, weil es nicht körperlich ist. Zugleich ist es aber ohne Körper nicht erlebbar, denkbar, vorstellbar. Es lebt nur, weil es mit und in einem Körper existieren kann.

Das Ego identifiziert sich dabei mit der Seele, nimmt sie gewissermaßen in Besitz und tut ihr dafür den Gefallen, sie für unsterblich zu erklären – ein Teufelspakt gewissermaßen: Ich verspreche dir ewiges Leben, wenn du dich mir ganz unterwirfst. Du brauchst keine Angst mehr zu haben vor dem Ende dieses Körpers, du kannst immer wieder in neue Formen hineinschlüpfen, auf diesem Weg reifer und reifer werden und irgendwann ins Nirvana eingehen. So bleibt das Ego unangefochten in seiner sicheren Position, die Befreiung von ihm ist in weite Ferne gerückt – sicher nicht mehr in diesem Leben.



Integrierende Sichtweise als Alternative


Vertreten wir eine integrierende Sichtweise, so wird klar, dass das Materielle nur durch Immaterielles materiell sein kann, und das Immaterielle nur durch das Materielle immateriell. Wenn wir sagen, dass diese beiden Aspekte aufeinander angewiesen sind, so ist die Formulierung insoferne missverständlich, als sie eine Abhängigkeit suggeriert. Denn der Begriff einer Abhängigkeit macht dort keinen Sinn, wo Dasein nur ist, wenn beides ist. Damit etwas existieren kann, braucht es das Materielle und das Immaterielle. Sobald etwas ist, ist es materiell und immateriell. Vorher und nachher ist nichts.

Dazwischen, im Reich des untrennbar Einen, ist jede Fantasie möglich, und jede von diesen ist wiederum zugleich immateriell (die fantasierten Bilder) und materiell (die für die Entstehung der fantasierten Bilder notwendigen neuralen Aktivitäten). Und sie ist immer in diesem Hier und in diesem Jetzt und dient uns für unsere Zwecke hier und jetzt.

Wenn wir therapeutisch arbeiten, müssen wir immer den Weg von der Fantasie in die Realität, vom assoziativen Denken in die Gefühle und in den Körper gehen. Fantasieren können wir immer, das kann lustig und kreativ sei. Genießen wir unser Fantasieren und bleiben wir uns dabei bewusst, was es ist: Das Schaffen einer irrealen Welt im Kopf. Das wird aber nicht reichen, wenn wir die Befreiung von unseren Beschränkungen finden wollen. Dafür brauchen wir den Aufputz von bunten früheren Leben nicht.


Wer dennoch Reinkarnationstherapeut werden will, findet im Internet Angebote  ab drei Tagen Ausbildung: Zitat: "Bei uns lernst Du die wahrscheinlich einfachste und wirksamste Art der Reinkarnationstherapie im deutschen Sprachraum. Deine Erfolge werden uns recht geben! Kompakt– Einfach – Wirksam – Erfolgreich. Diese Ausbildung erstreckt sich über 3 Seminartage." Kosten: € 990,-.

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