Sonntag, 17. Mai 2015

Die Weisheit in der Wellenform

Herzschlag bei Wertschätzung (oben)
und bei Frustration/Ärger (unten)
Ich habe mich immer wieder gefragt, warum wir einfache Wellenformen angenehm und gezackte unangenehm finden. Theoretisch könnte es ja auch umgekehrt sein. Und warum ergeben physikalische Messungen bei angenehmen Gefühlszuständen einfache und bei unangenehmen unregelmäßig gezackte Kurven?

Wellenformen sind aus Messungen abgeleitet, die die Verläufe von Schwingungen aufzeichnen. Die Daten werden digitalisiert und dann in einer grafischen Form dargestellt. Dabei ergeben sich die Abbildungen, die wir gerne sehen, in Bezug auf  harmonische Verläufe in der Natur. Was sagt das über die Wirklichkeit und die Beziehung, die wir zu ihr herstellen, aus?

Wenn wir die Beziehungsstruktur, die in unserer Wahrnehmung enthalten ist, tiefer betrachten, wird  uns deutlich: Es ist unsere Wahrnehmungsform, also die Art und Weise, wie wir die Wirklichkeit erkennen, die sich in uns als Menschen entwickelt hat, gemäß den Anforderungen, die die Umwelt an uns richtet, bzw. wie wir am besten mit ihr kommunizieren können.

Wir nehmen bekanntlich die Wirklichkeit so auf, wie es unsere Wahrnehmungsorgane erlauben. Dabei steht uns nur ein begrenztes Spektrum an elektromagnetischen Schwingungen zur Verfügung, um unser visuelles Bild der Außenwelt zu formen, in der Art, wie wir es brauchen, sodass wir uns in dieser Welt orientieren können. Andere Bereiche des Spektrums können wir visuell nicht wahrnehmen, etwa im Infrarot- oder Ultraviolettbereich. Die Bezeichnungen geben genau das wieder: Unterhalb oder oberhalb unserer optischen Wahrnehmungsschwellen. Wirklichkeit ist also immer das, was durch diese Organe geliefert wird, was unser Körper an unser Vorstellungsvermögen liefert. Und daraus konstruieren wir die Wirklichkeit. Was hat das nun mit den Wellenformen zu tun?

In der Wirklichkeit gibt es dieses Wellenmuster, es ist die Art und Weise, wie die Wirklichkeit selber Information verarbeitet und wie sie kommuniziert - schon auf der physikalischen Ebene, und darum lässt sie sich auch physikalisch so darstellen. Und darum entspricht diese Darstellung einem emotionalen Wert, der wiederum dem entspricht, was da abgebildet wird.

Regelmäßigkeit und Gleichförmigkeit geben einen anderen Wirklichkeitstonus wieder als chaotische Muster und unterbrochene Formen, und das liegt nicht an den Formen selbst, sondern daran, dass die Formen tief in unserer Wirklichkeitswahrnehmung verankert sind.

Die Sinuskurve, ein Abbild des in sich harmonischen Fließens, einer Wellenbewegung, wie sie in vielen organischen Abläufen aufscheint, ist Abbild und Sinnbild zugleich von dem, wie Natur grundsätzlich beschaffen ist und sich entwickelt: Rhythmisch, variabel, kreativ, analog, narrativ, vom Einfacheren zum Komplexeren, neue Organisationsformen emergierend.

Die Verwobenheit von Wirklichkeit und Wirklichkeitskonstruktion, wie sie die Natur hervorgebracht hat, wird an dem Beispiel der Sinusform "augenfällig" deutlich. Wir bauen in uns eine Wirklichkeit auf, aus den Elementen, die uns unsere Wahrnehmung liefert, die selber ein Produkt dieser Wirklichkeit ist. Ein Prinzip dieser Verwandtschaft stellt die Analogie der Formen dar: Die sich leicht variierende Regelmäßigkeit eines Auf und Ab, die wir von der Erforschung einer optimalen Atmung und einer optimalen Herzschlagtätigkeit kennen, stellen den Grundrhythmus des Lebens dar. Dieser zeigt sich in den verschiedensten Manifestationen, z.B. im Wechsel von Licht und Dunkelheit und zugleich in den Aktivierungsniveaus der Lebewesen im Lauf des Tages, und als Bild dafür nehmen wir ebenfalls ein Naturphänomen mit variierender Regelmäßigkeit, die Welle auf einer Wasserfläche. Es ist also die Wirklichkeit selber, die Sinuskurven oder sinuskurvenähnliche Formen und Abläufe hervorbringt, in wesensähnlichen Erscheinungen, also in Analogiebildungen.

Noch ein Aspekt ist wichtig: die Unschärfe. Sie bedeutet, dass die Regelmäßigkeiten in der Natur keine Exaktheit kennen, also keine mathematische Vollkommenheit. Die Natur kennt das Konzept der Perfektion nicht. Aber sie kennt Zustände des optimalen Fließens und der Blockierung dieses Fließens. Die Unregelmäßigkeiten innerhalb der Regelmäßigkeiten haben mit der Flexibilität zu tun, welche die Natur braucht, um das Fließgleichgewicht der mannigfaltigen Ausprägungen immer wieder herzustellen. Die Natur entwickelt sich zu immer mehr Komplexität, und dieses Wachstum funktioniert nur, wenn ein Ausgleich zwischen Struktur und Variabilität gegeben ist. Starrheit ist das Gegenteil von Anpassungsfähigkeit.

Nebenbei: Deshalb mögen wir einen Life-Trommler, der seinen Rhythmus nie mit mathematischer Präzision hält, sondern in leichten Variationen, "grooves", lieber als einen von einer Drum-Machine erzeugten auf die Tausendstelsekunde exakt auf die Zählzeiten ratterndes Trommelstakkato. Wir "spüren", wo und wie das Optimum zu finden ist, d.h. wo und wie die Natur gesund sein oder werden kann.

Nebenbei 2: Wir werden Mozart, Bach und viele andere Komponisten für immer als schön hören (unabhängig davon, ob uns die Musik "gefällt"),  und Arnold Schönbergs Streichquartette als "schwierig" wahrnehmen, auch wenn manchen diese Musik gefallen wird. Dort, wo Kunst dekonstruktiv auftritt, was sie in vielfacher Weise seit dem 20. Jahrhundert tun muss, geht der an der Natur des Erlebens orientierte Schönheitsbegriff verloren, die Ästhetik wird mentaler und digitaler, auch deshalb, weil die Kunst nicht mehr die Harmonie und das Heile und Gesunde wiedergeben will, sondern das Gestörte und Verwirrte. Das Unverständnis und die Abwertung des Kunstausdrucks z.B. für die abstrakte Kunst, die mancherorts sogar aggressiv geäußert wird, zeugt nicht von intimer Naturverbundenheit, sondern von der Abwehr des vielfach zerbrochenen Verhältnisses zur Natur, wie sie im materialistischen Bewusstsein zur alles durchdringenden Realität geworden ist.

Doch kann die Distanzierung der Natur nie zur Gänze gelingen. Sie zeigt sich immer noch in den rudimentären Strukturen unseres Wahrnehmungsapparates und in die Vorgängen der inneren Wahrnehmungsverarbeitung.

In der Wirklichkeit liegt dieses Wellenmuster, es ist die Art und Weise, wie die Wirklichkeit Information verarbeitet und wie sie kommuniziert wird - schon auf der physikalischen Ebene, und darum lässt sie sich auch physikalisch so darstellen. Und darum entspricht diese Darstellung einem emotionalen Wert, der wiederum dem entspricht, was da abgebildet wird.

Regelmäßigkeit und Gleichförmigkeit geben einen anderen Wirklichkeitstonus wieder als chaotische Muster und unterbrochene Formen. Es ist der Tonus des gelingenden Lebens, das chaotische Muster ist das der Reduktion, Verstörung und Vernichtung des Lebens.

Noch anders ausgedrückt: Wir finden uns im Abgebildeten in einem bestimmten emotional gefärbten inneren Zustand wieder, ein Zustand, der seine objektiven Entsprechungen in den verschiedensten Gestalten im Universum hat, von einfachen elektromagnetischen Wellen bis zu hochkomplexen Lebewesen, darstellbar in abstrakter Form und dennoch in Analogie wiederfindbar.

So finden wir uns im Betrachter der einfachen Wellenform in einer innigen Weise mit der Wirklichkeit verbunden, so weit, dass wir uns eins mit ihr erleben können. Das ist dann der Fall, wenn wir uns nicht als Subjekt von einem Objekt distanzieren, sondern erleben, wie wir selber Natur sind, die Natur erfährt.

Freitag, 24. April 2015

100 Jahre Völkermord

Die schwarzen Flecken auf der historischen Weste sind immer blutige Flecken, und sie haben auch mit schmutzigen Geldspielen zu tun. Das aktuelle Beispiel bietet die türkische Republik, die nach ihrem Belieben gerade die Welt aufteilt in solche, die die Gräueltaten gegen die Armenier im damaligen osmanischen Reich, die vor 100 Jahren begannen, als Völkermord bezeichnen, und jene, die sie als bedauerliche Zwischenfälle in einer Reihe anderer schlimmen Geschichten dieser Zeit betrachten. Auf der einen Seite befindet sich die Weltgesellschaft einschließlich der dafür zuständigen Experten, der wissenschaftlichen Historiker, darunter auch Türken, und auf der anderen Seite das politische Establishment der türkischen Republik einschließlich der Teile der türkischen Bevölkerung, die sich von diesem emotionalisieren lassen.

Es ist also ein reichlich unausgewogenes Verhältnis, vor allem, weil die türkische Seite so wenig in die Waagschale werfen kann. Das Hauptargument ist, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Es darf kein Völkermord gewesen sein, weil damit auch klargestellt würde, dass die Gründungsväter der türkischen Republik als Nachfolger des osmanischen Reiches aus dem Umfeld der Drahtzieher der systematischen Ausrottung der Armenier stammten. Die Wurzeln der türkischen Republik sind also mit armenischem Blut befleckt, und gilt jede kritische Auseinandersetzung mit dem Thema als Beleidigung des Türkentums und steht unter Strafe. Würde die Republik anerkennen, dass ihre Identität zu einem Teil auf der Ausrottung einer Minderheit im eigenen Land beruht, wäre das sehr schmerzhaft (und zugleich sehr mutig). Der andere Grund ist ein banaler: Wäre die Türkei als Rechtsnachfolgerin des osmanischen Reiches dafür verantwortlich, was den Armeniern angetan wurde, müsste sie Schadenersatz leisten, Güter zurückgeben usw., was eine Menge Geld kosten würde. Deshalb ist die aggressive Selbstverteidigung der Türkei die verständliche Reaktion aus dem Gefühl der Bedrohung.

Der Preis der Einigelung und propagandistischen Abschottung ist nicht gering. Es entsteht nicht nur Schaden in den zwischenstaatlichen Beziehungen, es geht nicht nur Vertrauen in die Modernisierungsfähigkeit der türkischen Gesellschaft verloren. Noch schlimmer kann sich die Emotionalisierung auswirken: Die Türken befestigen ihre nationale Identität auf wackeligen Fundamenten gegen den Rest der Welt und fühlen sich scheinheilig als Opfer von falschen Anschuldigungen. Der Rest der Welt, vor allem in vielen europäischen Ländern, in denen vielen Menschen Probleme mit Türken oder dem Türkischen=Islamischen haben, verstärken sich Ressentiments und Aversionen. Gräben werden vertieft, Vorurteile befestigt.

Das Beispiel zeigt die Macht der Geschichte dort, wo sie nicht in ihren Schrecknissen gesehen wird, und folglich Schuld, die nicht anerkannt wird, massiv verdrängt werden muss. Verdrängte Schuld wandelt sich automatisch in Aggression um, Aggression gegen die, die an die Schuld erinnern. Sie sollen zum Schweigen gebracht werden. Dieser einfache psychische Mechanismus, der uns als Individuen ebenso im Griff hat wie Kollektive, entfaltet schnell seine destruktive Macht. Er kann nicht durch Mundhalten außer Kraft gesetzt werden, nicht durch ein schonungsvolles Verschweigen der historischen Tatsachen, weil man doch nicht gute (Wirtschafts- und Militär)Beziehungen aufs Spiel setzen will. Nur der Mut, die schwarzen Flecken zu untersuchen und sich der Verantwortung, die damit verbunden ist, zu stellen, kann aus der Geiselhaft der verdrängten Geschichte befreien.

Die Türkei hat sich in dieser Frage außerhalb der Weltgemeinschaft gestellt. Sie ist nicht der einzige Staat, der eine solche Strategie fährt, aber sie wird hier erwähnt, weil das Beispiel aktuell ist. Jedenfalls hat der österreichische Nationalrat versucht, eine höhere Ebene zu erreichen - wie auch viele andere Gremien in der westlichen Welt. In seiner Erklärung verweist der Nationalrat auf die Mitwisserschaft und damit Mitverantwortung der damaligen österreichisch-ungarischen Regierung. Statt dass die türkische Seite erkennt, dass sie eine Teilung der Schuld entlasten und ermutigen könnte, betoniert sie sich noch tiefer ein.

Die Aufklärung kann nicht mit Gewalt oder Wahrheitsverweigerung aufgehalten werden.  Die Macht der Wissenschaften, die in ihrer Offenheit und Korrigierbarkeit besteht, ist unbarmherzig. Einzelne Wissenschaftler lassen sich ideologisieren oder kaufen, aber nicht die übernationale scientific community. Selbst wenn sich einzelne Staaten und Regierungen von Drohungen der Türkei erpressen lassen, deren schwarze historische Flecken zu verharmlosen, wird die Forschung weitergehen und die Beurteilung der Vorgänge erhärten. Die Verantwortlichen sind benannt, ob ihre Nachfolger das zur Kenntnis nehmen wollen oder nicht.

So mahlen die Räder der Geschichte langsam, wieder einmal viel zu langsam, dennoch mahlen sie sicher.

Unterbrochenes unterbrechen

Zur Quelle
Was wir in einem Gespräch nicht wollen: Unterbrochen werden. Wir sind gerade dabei, unsere Gedanken zu entfalten, und der Gesprächspartner fällt uns ins Wort, oft, indem er etwas zu einem halbfertigen Satz von uns sagt, den wir ohnehin noch anders wenden wollten.

Unterbrochen werden wir auch ungern, wenn wir gerade mitten in einer Aufgabe sind. Wir wollen z.B. ein Schachrätsel lösen oder ein Tischgedeck herrichten, oder es köcheln die Bestandteile unserer Mahlzeit in einigen Töpfen und Pfannen. Wenn da das Telefon läutet oder jemand kommt und unbedingt etwas von uns will, fühlen wir uns gestört. Wir wollen den Zyklus der Aufgabe abschließen und sind erst dann wieder bereit für Neues.

Da mischen sich auch noch Kindheitserfahrungen ein. Wir hatten unseren Spielrhythmus und konnten nicht verstehen, warum genau jetzt spazieren gegangen werden muss (auch wenn vielleicht schon vorher angekündigt wurde, dass es in einer halben Stunde so weit sein werde).

Unterbrechungen reißen uns heraus aus einer Erfahrung des Fließens wie ein Wecker aus dem Traumschlaf. Unterbrechungen lösen die Alarmreaktion aus, wir schrecken hoch und stehen sofort unter Stress. Deshalb geraten wir dabei sofort in Gefühle, vor allem Angst und Aggression.

Verinnerlicht, wirken solche Alarmreaktionen mit der Zeit von selber, indem sie automatisiert werden. Wir reißen uns selber aus dem Fließen heraus, meist ohne es zu merken. Wir genießen den Sonnenuntergang, und plötzlich fällt uns ein, dass wir noch X anrufen müssen, die Geburtstag hat. Wir entspannen uns, und plötzlich taucht ein unangenehmer Gedanke oder ein unwillkommenes Gefühl auf. Schon sind wir aus dem Fließen heraußen und in einem Unruhezustand. Die Beziehung zu uns selbst ist dabei gekappt, wir sind von einem Teil von uns aufgesogen (z.B. von unserem Denken oder einem bestimmten Gefühl) und zugleich mehr nach außen als nach innen orientiert. Im Tieferen hat eine Angst von uns Besitz ergriffen und lässt uns nach Gefahrenquellen oder Handlungsoptionen im Außen Ausschau halten. Dieses Festgehaltenwerden schränkt unsere Lebendigkeit und unsere Freiheit ein.

Die Polyvagaltheorie benennt diesen Vorgang als Versagen der vagalen Bremse. Unser entspannter Zustand, der uns im Einklang mit der Wirklichkeit fließen lässt, wird durch alarmierende Reize unterbrochen. Das Nervensystem schaltet auf die darunterliegende Ebene, den Sympathikus, der normalerweise durch die vagale Bremse in Schach gehalten wird. So kommt es zur Stressreaktion mit ihren Automatismen.

Wir können uns nur rund und frei fühlen, wenn wir mit uns selbst verbunden sind. Deshalb ist es wichtig, einen Weg zu finden, um solche Unterbrechungen wieder aufzuheben. Der erste Schritt dabei ist, dass wir überhaupt merken, wenn wir uns selbst blockieren. Es fällt uns daran auf, dass unsere Aufmerksamkeit auf etwas fixiert ist, das sie wie ein Objekt festhält, ein Gedanke, ein Gefühl. In dieser Fixierung werden wir selber zum Objekt, weil wir uns nicht mehr frei bewegen können.

Machen wir uns diese Fesselung bewusst, so fällt es uns leichter, sie zu durchbrechen. Wir unterbrechen damit die Unterbrechung. Wir steigen aus dem Muster aus, indem wir einen Unterschied setzen. Dazu können wir z.B. aufstehen, wenn wir gerade sitzen, oder gehen, wenn wir gerade stehen, oder einen tiefen Atemzug nehmen, wenn wir gerade flach atmen. Wir verändern unsere Körperlichkeit, und damit verändert sich auch unsere Fixierung. Indem wir bewusst diesen Unterschied einführen, lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf uns selber zurück und nehmen die Beziehung zu uns selbst wieder auf. Wir kommen in Verbindung mit uns selbst und dabei docken wir wieder an das Fließen an.

Das passiert, wenn wir innehalten. Wir machen nicht weiter wie bisher, sondern legen eine Pause ein. Wir unterbrechen das Verhaltens-, Gefühls- oder Denkmuster, das das Fließen unterbrochen hat, und kommen damit wieder in die innere Freiheit. Mit jedem Schritt zu mehr Bewusstheit und mit jeder Unterbrechung von unnützen Stressmustern stärken wir die vagale Bremse, sodass wir es zunehmend schaffen, trotz Unterbrechungen bei uns bleiben zu können. Das Leben ist auch eine Schule für Gelassenheit,und jedes Lernen auf diesem Weg bringt einen Zuwachs an Lebensqualität.

Freitag, 10. April 2015

Innehalten

Um im Fluss zu bleiben, müssen wir immer wieder aus ihm heraussteigen. Unterbrechungen setzen, um zu uns selbst zu kommen. In diesen Pausen können wir uns auf uns selbst besinnen: Wie fühle ich mich gerade, was braucht mein Körper, was brauchen meine Gefühle, was braucht mein Kopf? Während sich diese verschiedenen Stimmen melden, entsteht im Hintergrund eine friedliche Stimmung.

Damit schaffen wir eine Distanz zwischen uns und dem Geschehen um uns herum. Wir gehen nicht mehr auf in der Umtriebigkeit, sondern kommen zurück zu uns selbst. Von dort aus können wir eine neue Beziehung zu uns selbst aufbauen.  Wir nehmen wahr, wie wir uns jetzt gerade fühlen, was wir brauchen und was wir wollen. 


Gerade wenn wir uns irritiert oder verwirrt fühlen, ist es wichtig, dass wir die Beziehung für die Außenwelt kurz unterbrechen, denn dort findet sich nur ein unübersichtliches Angebot an Reizen und Ablenkungen, die uns noch mehr durcheinander bringen. 


Das Innehalten kann eine regelrechte Pause sein, die wir z.B. bei einer Autoreise machen. Wir nehmen uns dabei die Zeit, aus der rasenden Geschwindigkeit auszusteigen und unser Inneres wieder ein wenig zu verlangsamen. Damit kommen wir wieder auf unseren eigenen Rhythmus zurück. 


Es kann auch ein Ändern der Haltung sein. Wenn wir zu lange sitzen, ist es gut aufzustehen und herumzugehen. Damit unterbrechen wir das, was sich beim Sitzen abgesetzt hat. Wenn wir viel Herumlaufen, tut das Sitzen wieder gut, weil wir das einsammeln können, was uns beim Laufen unterlaufen ist. 


Wir können auch eine Pause bei Gedanken oder Gefühlen einlegen. Wenn wir merken, dass wir in den selben Denkschleifen feststecken, brauchen wir nur die Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten, am besten auf unseren Atem, und nehmen damit dem zwanghaften Denken seine Macht. Wir brauchen auch nicht an Gefühlen festhalten, die immer wiederkehren, wie z.B. der Ärger über etwas, was uns passiert ist. Auch da gibt es die Möglichkeit, innezuhalten, den Ärger zu verabschieden und durch andere Gefühle zu ersetzen.


Mit dem Innehalten unterbrechen wir nur scheinbar das Fließen des Lebens. Vielmehr geben wir ihm dadurch, dass wir in Distanz gehen, eine neue Richtung oder einen neuen Geschmack. Wir unterbrechen etwas, das starr und unlebendig geworden ist, und bringen wieder einen neuen Schwung in die innere Landschaft. Wir tun dort nicht mehr mit, wo wir gar nicht mehr voll dabei sind, sondern nur mitspielen, ohne wirklich zu wollen. Damit schaffen wir Raum für neue Impulse, die uns wieder mit dem Fließen verbinden.


Denn das Fließen des Lebens heißt unablässige Veränderung. Wir neigen dazu, aus diesem Prozess der dauernden Erneuerung auszusteigen, weil wir uns darin verlieren, wenn wir nicht zugleich mit uns selbst verbunden bleiben.  Zuviel drängt sich in unsere Aufmerksamkeit, will unsere Zuwendung. So gerade wir in ein Zwischenreich, in einen Dämmerzustand, indem wir weder voll mit dem Prozess des Lebens noch mit uns selbst verbunden sind. 


Dann wird es Zeit, auszusteigen und innezuhalten. Denn in unserem Inneren ist der Angelpunkt, der uns wieder zur Klarheit führen kann. Dort finden wir eine besondere Weisheit, nämlich unsere eigene. Sie weißt, was für uns das Richtige zu tun ist, was für uns stimmig ist. Sie hat eine Antwort auf alle unsere Fragen. Wir müssen sie nur ernstnehmen und ihr die Zeit und den Raum geben, den sie braucht: Einen Raum der Stille und Konzentration, eine Zeit der Zeitlosigkeit. Dann kann sie ihre Stimme erheben, und wir können sie hören.


Wir können also die Stimme unserer Weisheit nur vernehmen, wenn es im Inneren ruhig ist. Solange da noch Lärm ist von Gefühlen oder Gedanken, können wir uns leicht täuschen. Wir hören dann oft nicht unsere innere Stimme, sondern irgendeinen anderen Anteil von uns: Unser unsicheres oder ängstliches Ich, unsere Gier oder unsere Überheblichkeit.


Wenn wir wieder zurückkommen, haben wir ein neues Verhältnis zu unserer Umgebung. Wir sehen die Welt mit neuen Augen. Wir finden andere Worte, um mit ihr zu reden und hören andere Töne. Unsere Augen sehen klarer, unsere Ohren sind offen, unser Herz schwingt sich ein auf den Gleichklang mit dem Ganzen.


Halten wir also immer wieder inne und kehren wir ein - bei uns selber.

Montag, 30. März 2015

Die erzählte Geschichte und der Moment

Leben ist Kontinuität, und menschliches Leben ist bewusst erlebte Kontinuität. Dieses Erleben der Kontinuität erfordert ein Gedächtnis, das damit ein Teilaspekt des Menschseins ist. Auf diese Weise wird Identität hergestellt. Auf diese Weise vergewissern wir uns, wer wir sind und dass wir sind.

Im Erzählen wird der Kontinuität Sinn gegeben. Damit wir uns nicht nur als existent erleben, brauchen wir den Sinn, der sich aus unserer erzählten Geschichte ergibt. Die Abfolge der Ereignisse ist kein blindes Stolpern vom Einen zum Nächsten, sondern ein sich Ineinanderfügen von Sinnerfahrungen. Dann fühlt sich ein Leben als gelungen an, als in sich stimmig. Selbst Brüche, wie sie z.B. durch Krisenzeiten entstehen, können im Durcherzählen überbrückt werden und damit innerlich zusammenwachsen. 

Kreative Geschichten sind auch nicht die Summe von historischen Fakten, sondern die Wiedergabe von lebendigen Prozessen, die selbst wieder in sich lebendig sind. Denn sie  überraschen den Erzähler und die Zuhörer. Es sind Geschichten, die ihre eigenen Wendungen nehmen, ohne nach vorgegebenen Absichten konstruiert zu werden. Damit gleichen sie sich den vom Leben selber geschriebenen Geschichten an, die im  Nacherzählen neu erschaffen und mit neuem Sinn versehen werden.

Der Zusammenhang der Geschichte


Geschichten können und müssen nie lückenlos erzählt werden. Eine Geschichte ist immer eine Auswahl aus der Fülle des Geschehenen. Der Zusammenhang ergibt sich aus der inhaltlichen Abfolge der Ereignisse, die in sich verständlich sein soll, um Sinn zu ergeben. Details, die dazu nicht notwendig sind, können weggelassen werden.

Lücken sind nur dort störend und verstörend, wo der Sinnzusammenhang unterbrochen ist. Dann bleiben Fragen offen: Warum musste dies passieren? Wie konnte mir solches zustoßen? Hier kommt es zum Hadern, Klagen und Anklagen. An die Stelle der Erzählung tritt das rekursive, auf sich selbst gerichtete Kreisen der Abwertung – von sich selbst, von anderen, vom Leben, so wie es verlaufen ist. Statt zuzulassen, dass sich die Geschichte selbst erzählt und damit immer wieder verändert, wird Geschichte festgenagelt auf eine, allzu oft negative Sichtweise und Interpretation. Der Sinn kann dann nicht mehr aus der Geschichte und der Erzählung entstehen, sondern bleibt wie die Inschrift auf einem Monument eingemeißelt.

Diese Starrheit überträgt sich auf die Identität, die aus einer solchen Geschichtslähmung ergibt. Sie wird in Teilen unbeweglich, irreversibel und ragt in die Gegenwart hinein, indem sie daran erinnert, was unabgeschlossen und unverarbeitet ist. Sie bindet Energien und Denkvorgänge, sie engt das Fließen des momentanen Erlebens ein.

Wenn die Geschichte keinen oder nur einen unvollständigen Sinn ergibt, weil die Lücken nicht aufgefüllt wurden, bleibt alles, was nachfolgt und was darauf folgt, unvollständig. Es fehlt der ganze Sinn, und ein halber Sinn grenzt schnell an Unsinn. Eine Identität, die auf einem unvollständigen Sinnerleben ruht, ist in lebendige und unlebendige Teile fragmentiert. Die unlebendigen Teile sind diejenigen, die Probleme machen und Leiden bringen.

Der Weg zur Lösung öffnet sich dort, wo wir beginnen, aktiv nach den Lücken in unseren eigenen Biographien zu forschen. Wenn wir die Schutzhüllen, die über diesen Lücken abgelagert sind, sorgfältig lüften und die darunter liegenden Inhalte freilegen, dann können wir die Erzählung dort fortsetzen, wo sie unterbrochen worden war, und sie an die schon vorliegenden Erzählstränge anhängen. Jeder weiße Fleck, der durch eine Geschichte ersetzt wird, bereichert die Wirklichkeit und macht sie vollständiger. Das Wort „heil“ hängt mit Ganzsein zusammen. Vervollständigte Geschichten sind heilsam.

Die Geschichte und der Moment


Das Unerzählte hindert uns daran, im Moment zu sein, weil es unsere Aufmerksamkeit in die Vergangenheit abzieht. Wenn wir also nicht im Moment sind, präsent mit dem, was gerade ist, dann heißt es, dass uns eine Geschichte ruft, die fertig oder neu erzählt werden möchte. Wenn wir dem Raum geben können und zulassen, dass die Geschichte ihre Form findet, gibt sie uns den Sinn, den wir brauchen, um wieder in den Moment zu kommen. Auf diesem Weg gewinnen wir immer mehr Frieden in uns selbst, der aus der Versöhnung mit unserer Geschichte erwächst.

Vgl. Erzählend sind wir und erzählt
Narrative Rekonstruktion und Traumaverarbeitung

Mittwoch, 18. März 2015

Ultra-Feinstaub-Belastung in Wien

Schlimme Zahlen zur Umweltbelastung in Wien: An dicht befahrenen Straßen finden sich über 100 000 Partikel Ultra-Feinstaub in einem Kubikzentimeter Luft, das kommt an die Werte in verrauchten Lokalen heran. Betroffen davon sind natürlich die Fußgänger, genauso aber auch die Autoinsassen. Zum Vergleich: Im Schönbrunner Schosspark, abseits des Verkehrs, beträgt die Belastung nur 5000 Partikel.

Der Schmutz stammt von älteren Dieselfahrzeugen. Erst modernere Lkws haben Partikelfilter.

Der Verkehrsclub Österreichs, der die Messungen durchgeführt hat, fordert ein schrittweises Fahrverbot für alte Lkws, kürzere Rotphasen bei Fußgängerampeln (damit diese an den neuralgischen Punkten nicht zu lang die verseuchte Luft einatmen müssen), die Umrüstung von Taxis und Firmenwagen auf Elektroautos, den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel sowie Verkehrsberuhigungsmaßnahmen.

Was bewirken die Ultra-Feinstaubpartikel? Dazu der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter: „Diese ultrafeinen Partikel beeinträchtigen nicht nur die Lunge, sondern den gesamten Körper, weil sie auch in die Blutbahn gelangen und so im ganzen Körper verteilet werden. Und Ultra-Feinstaub ist eindeutig als krebserregend klassifiziert worden. Statt dem üblichen Verantwortung-Abschieben – bei Feinstaub sind es immer die anderen, die ihn produzieren – braucht es daher verantwortungsvolles Handeln.“


Video zum Thema



Freitag, 13. März 2015

Gefühle - solche und solche

Über die Einteilung von Gefühlen

Die Fülle der menschlichen Gefühle in Kategorien zu bringen, ist ein altes Anliegen der forschenden Menschheit. Ich möchte hier nicht auf die Details dieser Bestrebungen eingehen, sondern einen Aspekt herausgreifen.

Viele Menschen verstehen intuitiv die Unterscheidung von positiven und negativen Gefühlen: Wenn es mir gut geht, wenn ich also positiv drauf bin, habe ich positive Gefühle. Wenn es mir schlecht geht, dann negative. Dann ist folgende Idee aufgekommen: Gefühle sind Ausdruck des menschlichen Organismus, in der Evolution entstanden. Deshalb müssen alle Gefühle einen Sinn haben, und deshalb kann es keine negativen Gefühle geben, sondern nur unterschiedliche. Damit ist die Abwertung bestimmter Gefühle, die uns zwar unangenehm sind, aber dennoch ihre Funktion erfüllen, vom Tisch.

Von dieser Auffassung stammen dann die Aufzählung von vier bis acht Grundgefühlen, die manchmal auch zu Anschauungszwecken mit Farben versehen in Kreisen grafisch angeordnet werden, gewissermaßen demokratisch, sodass jedes Gefühl seinen gleichen Rang hat. Dazu passen auch Sprüche wie „Wut tut gut“ oder „Wo die Angst ist, da geht es lang.“ Lebe also alle Gefühle aus, wie sie gerade kommen, alle sind gleich wichtig und richtig.



Denn die Wissenschaft belehrt uns, dass das Ausleben von Wut selbstverstärkend ist: Wutausbrüche bahnen das Gehirn, sodass Wut immer leichter zum Ausdruck kommt. Außerdem genügen fünf Minuten Wut, um die Produktion von IgA auf sechs Stunden zu stoppen – IgA (Immunglobulin A) ist ein wichtiger Baustein für die Immunabwehr. Zu verstehen, dass zuviel Angst krank macht, braucht es gar keine Wissenschaft, das leuchtet uns auch so ein.


Wachstumsgefühle und Schutzgefühle


Unzufrieden mit dieser unterschiedslosen Gleichmacherei, suchte ich meine eigene Einteilung, die ich der Zellbiologie entlehnt habe. Zellen trachten grundsätzlich danach zu wachsen, sie müssen sich zeitweise auch vor Gefahren schützen. Entsprechend müssen sie ihr Inneres jeweils der Situation angepasst umorganisieren. Das wirkt sich auf die innere Chemie aus, darauf, wie sich die Zelle „fühlt“.

Ähnliches finden wir im Bereich der menschlichen Emotionen: Es gibt welche, die uns in unserem Wachstum begleiten und unterstützen (Freude, Lust, Neugier, Interesse) und andere, die uns dabei dienlich sind, wenn wir uns in Gefahrensituationen befinden (Angst, Wut, Schmerz, Ekel). Deshalb habe ich die eine Gruppe von Gefühlen Wachstumsgefühle, und die anderen Schutzgefühle getauft. Mit dieser Einteilung verstehen wir die biologische Notwendigkeit der Gefühle, aber auch, dass wir die einen suchen und die anderen meiden.

Hier hat auch die Auffassung Platz, dass der Normalzustand des Organismus das Wachstum mit den damit verbundenen Gefühlen ist, während der Schutzzustand einen Ausnahmezustand darstellt. Wir können uns ein Leben ohne Angst, Wut und Schmerz vorstellen, und streben dies auch im Innersten an. Wir wollen uns also aus den Mustern befreien, die uns in Schutzgefühle führen, auch wenn gar keine Gefahren da sind. Und wir wollen möglichst viele von den Wachstumsgefühlen und finden ein Leben ohne sie reichlich leer und unbefriedigend. Da wir mit diesen Gefühlen innerlich wachsen, gibt es für sie keine natürliche Grenze, ähnlich, wie ein Künstler keine vorgegebene Grenze seiner Schaffenskraft kennt, sondern, wenn er im kreativen Fluss ist, immer wieder Neues erschaffen wird. Die Schutzgefühle dagegen haben eine natürliche Grenze, weil sie die körperlichen Ressourcen erschöpfen und keine neuen Energien aufbauen.

Zugleich ist mit diesem Modell der wertende Aspekt in positiv und negativ überflüssig. Alle Gefühle haben ihren Sinn und ihre Bedeutung, abhängig von der jeweiligen Situation. Dysfunktional werden Gefühle dort, wo sie mit der aktuellen Situation und ihren Erfordernissen nicht zusammenpassen. Eine Angst, der keine Bedrohung entspricht, ist unnötig. Aber auch eine übermäßige Freude, die keinen Anlass im Äußeren hat, kann der Ausdruck einer manischen Fehlregulation sein.

Das hängt damit zusammen, dass Schutzgefühle „teuer“ sind, weil sie auf Energiereserven zurückgreifen, ohne neue zu produzieren. Sie kosten also mehr als sie einbringen. Das hängt damit zusammen, dass sie immer mit Stress verbunden sind. Sie erfordern die Mobilisierung des sympathischen Teils des vegetativen Nervensystems, und das ist nun mal ein Energieräuber. Ein Zuviel an Schutzgefühlen führt irgendwann zur Erschöpfung und bildet die Basis für verschiedene Erkrankungen und Degenerationserscheinungen, wie die Stressforschung mittlerweile gut belegen kann. Deshalb wird diese Gruppe von Gefühlen auch manchmal als Minus-Gefühle bezeichnet.

Wenn wir unsere Gefühlslandschaft nach dem Gesichtspunkt von Schutz und Wachstum kartographieren, wird klar, dass nicht alle Gefühle gleichberechtigt gelebt werden sollen oder wollen. Vielmehr  ist es wichtig und im Grund auch eine tief verwurzelte Bestrebung der Menschen, von Schutzgefühlen weg zu kommen und mehr Wachstumsgefühle spüren zu können. Das Zauberwort für diesen Schritt heißt Entspannung, weil wir mit ihr in den Bereich des Parasympathikus kommen, der uns zur Regeneration und zum Aufbau neuer Energien verhilft.

Nutzen wir also den Haupt-Indikator und -Korrektor für unseren inneren Zustand, wenn wir von zehrenden und lähmenden Schutzgefühlen weg wollen, hin zu erfüllten und entspannten Stimmungen: Unseren Atem. Er zeigt uns, wo wir uns gerade befinden, und er gibt uns die Möglichkeit, von Überspannung zurück zu unserer Mitte zu finden. Entspannen wir den Ausatem!

Donnerstag, 12. März 2015

Die sexuelle Identität

Die menschliche Sexualität ist ein wichtiger Teil der menschlichen Lebenskraft und Vitalität. Sie hat natürlich ihre Wurzeln im Fortpflanzungstrieb, und ist darüber hinaus eine wichtige Funktion in der zwischenmenschlichen Bindung. Die intime körperliche Vereinigung, die durch die Sexualität ermöglicht wird, ist die tiefste Form des Sich-Aufeinander-Einlassens und Füreinander-Öffnens von zwei Menschen, und darin liegt neben der Fortpflanzung der eigentliche Sinn der sexuellen Kraft. Manche Anthropologen sind der Ansicht, dass die Sexualität als „Dauerfunktion“ beim Menschen ausgebildet ist, weil damit die Männer mehr an die Familie gebunden sind, was wiederum notwendig ist, weil die Kinder so lange brauchen, um sich selbst auf den Beinen zu halten, und noch länger, um sich selbst versorgen zu können. Unter anderen Hormonen, die die menschliche Sexualität steuern, spielt auch das Bindungshormon Oxytocin eine wichtige Rolle, es wird vor allem in der Entspannungsphase nach dem Höhepunkt ausgeschüttet und trägt dazu bei, dass sich Mann und Frau tiefer verbinden, was gemeinhin Liebe genannt wird.

Die Sexualität ist zum Unterschied von anderen Funktionen nicht von Anfang an ausgebildet, sondern ist in ihrer Entwicklung durch eine klare Zäsur gekennzeichnet, die Geschlechtsreife. In den Stammeskulturen fällt dieser Einschnitt mit dem Erwachsenwerden zusammen und wird mit besonderen Ritualen gewürdigt. Im kulturellen Gefüge der Moderne fallen Geschlechtsreife und Erwachsenwerden immer weiter auseinander.

Die Doppelfunktion der Sexualität verleiht ihr eine besondere Macht im Gefüge der menschlichen Strebungen und Leidenschaften, da sie biologisch wie auch sozial verankert und verwoben ist. Deshalb erleben Menschen mit ihr die schönsten und die schwierigsten Momente. Deshalb wird sie in den meisten Liedern besungen und ist andererseits Anlass für viele Gewaltverbrechen. Mächtige taumeln über ihre sexuellen Eskapaden, andere nutzen ihre Affären, um nach oben zu kommen. Ohne Sexualität gäbe es nur wenige Gedichte und Romane, einschließlich Kriminalromane.

Weil die Macht der Sexualität so stark ist, dass sie Menschen um den Verstand bringt oder zumindest ihre Ratio benebelt, und weil ihre Folgen – Nachkommen, die gezeugt werden – einschneidend lebensverändernd sind, muss sie gesellschaftlich geregelt werden. Je komplexer die Gesellschaft wird, desto komplexer die Normierung und Einschränkung der Sexualität. Dadurch kommt es zu systematischer Beschädigung und Verformung. Z.B. wird die natürliche Freude und Lust an der Sexualität in vielen Kulturen mit einem Schuldkomplex überlagert. Damit  mischen sich Denkmuster, verbundenen mit hemmenden Gefühlen, in die Sexualität ein und behindern das freie Fließen, das charakteristisch für ihre ursprüngliche Form ist.


Wir sind alle tragen Spuren sexueller Störung in uns


Deshalb können wir davon ausgehen, dass wir alle sexuelle Störungen haben. Denn  die Kultur, in der wir alle, einschließlich unserer Bezugspersonen aufgewachsen sind, ist sexuell gestört. Sie hat über Jahrtausende schon kein unbefangenes Verhältnis mehr zu ihr. Beispiele für solche systematische kulturelle Deformationen der Sexualität sind die Leibfeindlichkeit im Christentum, die Beschneidung im Judentum, das rigide Patriarchat im Islam etc.

Der Umgang mit der Kraft der Sexualität erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit, und dafür gibt es in den traditionellen Kulturen keine Anleitung und Schulung. Im Gegenteil, die Einführung für junge Menschen in diesen empfindlichen und vielschichtigen Bereich beschränkt sich in vielen Fällen auf nüchterne Informationen von „offizieller“ Seite und wird ergänzt durch inoffiziellen Medienkonsum einschließlich aller Spielarten der immer leichter zugänglichen Pornografie.

Folglich war und ist es in unserer Kultur kaum mehr möglich, dass heranwachsende Jugendliche ihre eigene sexuelle Identität unbeschädigt formen und entwickeln. Prägende hemmende Einflüsse auf diese Entwicklung können im Mutterleib beginnen, unter Umständen schon mit der Zeugung, beeinflusst von den Einstellungen und Kompetenzen der Eltern in Bezug auf die Sexualität und von den Emotionen, die damit verbunden sind. In welchem Grad die Eltern in der Lage waren, respekt- und liebevoll miteinander die Sexualität zu leben, wirkt sich von früh an auf das Kind in seiner Einstellung zur Sexualität aus.

Auch im Durchgang durch den Geburtskanal, also durch die Geschlechtsorgane der Mutter werden viele Informationen übertragen, die auf die Formung der eigenen geschlechtlichen Identität einwirken. Wichtig ist dann in den frühen Jahren nach der Geburt, wie die Eltern mit dem Geschlecht des Kindes umgehen, emotional, sozial und körperlich. Dass sexueller Missbrauch zu den schwersten seelischen Zerstörungen bei Kindern führt, braucht hier nicht näher erläutert zu werden.

Später kommt dazu der Einfluss des sozialen und medialen Umfelds. Die Allverfügbarkeit der Pornografie für Kinder und Jugendliche seit nunmehr schon Jahrzehnten ist eine massive Einflussgröße auf die sexuelle Entwicklung, deren Wirkung und Auswirkung noch nicht annähernd im öffentlichen Bewusstsein angelangt ist.

Vielleicht noch mächtiger jedoch wirkt sich die steigende allgemeine Stressbelastung aus, die spätestens mit dem Schuleintritt bei vielen jungen Menschen zu chronifizierten inneren Angsthaltungen führt. Damit wird die Sexualität unweigerlich mit Anspannung statt mit Entspannung assoziiert. Der Erwartungsdruck an die sexuelle Performance ist groß und steigert sich mit jeder neuen Generation. Druck und Stress sind die wirksamsten Gegenmittel gegen eine erfüllende Sexualität.

Wie ist es also noch möglich, im Dschungel der Erwartungen, medialen Rollenbilder, elterlicher Verklemmtheit, unbenannten Ängsten und drängenden Leidenschaften eine sexuelle Identität zu entwickeln?


Sexuelle Identität


Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine eigene sexuelle Persönlichkeit in sich trägt. Sie setzt sich aus den Kernen des individuellen Wesens und den tiefsten Prägungen und Erfahrungen im Lauf der Entwicklung zusammen. Wir sind als einzigartige Wesen entstanden, und haben eine einzigartige Geschichte durchlaufen. Daraus bildet sich unsere sexuelle Identität. Dabei gilt auch, was durch die genetischen Forschungen immer deutlicher wird, dass die Zuschreibungen von männlich und weiblich auf einem Kontinuum zu sehen sind und weniger in einer Polarität. 0,1 bis 1 % der Menschen weisen Spuren oder Merkmale von  Intersexualität (sexueller Differenzierungsstörung) auf. Genetiker sprechen deshalb lieber davon, dass es eine große Vielfalt der Geschlechter gibt, mit einer nur groben Zuteilung auf männlich/weiblich, in der sich manche Menschen nicht vorfinden: „Manche Menschen offenbaren ein genetisches Mosaik: Sie entwickeln sich zwar aus einem einzelnen befruchteten Ei, doch ihre Zellen tragen eine teils unterschiedliche genetische Ausstattung. Eine der Ursachen kann sein, dass die Geschlechtschromosomen in der frühen Entwicklung des Embryos nicht gleichmäßig aufgeteilt werden.“

Weiters gibt es das Phänomen des „Mikrochimärismus “, das entstehen kann, wenn Stammzellen des Kindes in den Organismus der Mutter kommen oder umgekehrt Stammzellen der Mutter im kindlichen Organismus aufgenommen werden. Diese Stammzellen können erstaunlich lang leben und bewirken, dass Männer Zellen ihrer Mütter in sich bergen und Frauen nach Geburt eines Jungen männliche Zellen in sich tragen. (Quelle)

All diese Varianten zeigen, dass die gesetzlich vorgeschriebene Einordnung des Geschlechts nichts mit der sexuellen Identität zu tun hat und dieser eigentlich widerspricht. Diese Identität ist nicht durch einen Geburtsschein definiert, sondern durch unsere innere Beziehung zu uns selbst, zu unserem Persönlichkeitskern. Wir können uns dieser Identität nur bewusst werden, wenn wir den Kontakt zu unserem inneren Sein nicht verloren haben und uns unserer Prägungen bewusst sind.

Da diese Prägungen wohl immer mit Verletzungen und Traumatisierungen verbunden sind, ist es wichtig, einen therapeutische n Prozess zu durchlaufen, um Schicht für Schicht der anerlernten Ängste, Schuldgefühle, Lusterwartungen und Stereotype loszuwerden, die sich über das, was unsere Sexualität ausmacht, darübergelegt haben.

Die sexuelle Identität ist die einzigartige Ausprägung der Sexualität, die jedem Menschen eigen ist, jenseits von Vor- und Zuschreibungen durch Eltern, Erziehung, Medien etc., hinter allen Klischees und Konzepten, Normierungen und Klassifikationen. Wenn wir die grundsätzliche Individualität der sexuellen Identität anerkennen, wie sie unserer Natur und unserer Geschichte entspricht, dann haben auch alle sexuellen Orientierungen den gleichen Rang und die gleiche Berechtigung. Maßstab ist einzig und allein der Respekt und die Achtung zwischen den Partnern, in der gelingt dort, wo Bewusstheit mit der Lebens- und Liebeskraft der Sexualität verbunden ist.

Menschliche Sexualität kann dort gelingen und glücklich machen, wo sich zwei Menschen intim begegnen, die weitgehend die Wunden ihrer sexuellen Entwicklung geheilt und ihre individuelle geschlechtliche Identität entfaltet haben und in die Begegnung einbringen können. So wird sie ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht und trägt dazu bei, die Menschheit ausgeglichener und friedlicher zu gestalten. 


Vgl. Animus und Anima im 21. Jahrhundert

Dienstag, 10. März 2015

Was ist dran an der „Weizenwampe“?

Ich bekam das Buch von William Davis „Weizenwampe“ geschenkt. Da mir der Schreibstil und die Argumentationsweise des Buches nicht gefällt, habe ich es nur überflogen und mich anderweitig über das Thema informiert. Hat schon das Lesen in dem Buch meinen Magennerven nicht besonders gut getan (und weniger wegen den Horrormeldungen, die darin vorkommen, als in der reißerischen und aggressiven Art des Schreibens), so erst recht ein Vergleich mit dem, was Wissenschaftler und erfahrene Praktiker zu dem Thema sagen.

Zunächst die These: Davis behauptet, dass der Konsum von Weizen an vielen Erkrankungen ursächlich beteiligt ist und dass die Abkehr davon nicht nur Gewichtsprobleme reduziert, sondern auch die meisten Gesundheitsprobleme löst. So wird ein Kapitel übertitelt: „Runzelig, buckelig und halb erblindet“, so endet der Weizenesser, und natürlich stirb er früher als die Weizenverzichter. An anderer Stelle wird Weizenessen mit Rauchen und Drogenkonsum verglichen, Weizen habe „in der ganzen Welt eine Spur der Verwüstung hinterlassen.“

Wie schaut es in Wirklichkeit aus? Wie bei jeder Polemik und Wahrheitsverzerrung gibt es einen Kern, der stimmt. Es gibt Menschen mit Zöliakie (gluteninduzierte Darmerkrankung), für die es wichtig ist, auf Gluten und Weizen zu verzichten. Aber glücklicherweise sind davon nur ca. 0,3% der Weltbevölkerung betroffen. Dazu gibt es andere Krankheitsbilder oder Allergien, bei denen der Weizen eine Rolle spielt. Für mindestens 95% der Bevölkerung gelten die Aussagen nicht, für sie ist der Verzehr von Weizen unproblematisch und bietet viele gesundheitliche Vorteile (Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe).

Dass eine glutenfreie Ernährung zur Gewichtsabnahme führen könnte, wie Davis behauptet, ist nirgends belegt. Das Buch strotzt leider von unzulässigen Verallgemeinerungen, ungenau oder falsch zitierten Studien und nicht bewiesenen Behauptungen.

Wer Probleme mit seiner Gesundheit, und insbesondere mit der Verdauung hat, tut gut daran, abzuklären, ob sein Körper autoimmune, intolerante und allergische Reaktionen zeigt. Bei einigen Menschen wird es dazu führen, auf Weizenprodukte zu verzichten. Daraus aber eine Untergangs- und Erlösungstheorie für die gesamte Menschheit zu basteln, ist unverantwortlich. Ängste zu schüren, statt fundiert aufzuklären, mit enormem Werbeaufwand (facebook etc.) Verunsicherung in die Köpfe der Konsumenten zu pushen,

Haben wir nicht schon genug Verschwörungstheorien? Ist es wirklich sinnvoll, ein Produkt der Natur, das im Lauf der Menschheitsgeschichte Milliarden von Menschen das Überleben ermöglicht hat, zu dämonisieren? Ich stelle mir gutmeinende Eltern vor, die nach dem „Verzehr“ des Buches mit ihren Kindern durch die Felder spazieren und ihnen erklären: „Schau, ein Weizenfeld, da wird eine schädliche Pflanze angebaut.“



Und sicher: Wir sollten uns nicht ausschließlich von irgendwas ernähren, auch nicht von Weizen, und wir sollten darauf achten, dass die Vielfalt der Arten erhalten bleibt und die Züchtungen nicht in Sackgassen führen. Wir sollten organischen Anbau vor industriellem bevorzugen und durch unseren Konsum fördern. Und wir sollten Horrormeldungen, auch wenn sie in einem weißen Mantel und mit dem Anschein der Seriosität vorgetragen werden, überprüfen und uns selber ein Urteil bilden.

Wir sind noch immer die ersten und hauptsächlichen Experten unserer eigenen Gesundheit durch unseren direkten Draht zu unserem Körper. Pflegen wir diese innere Kommunikation, tun wir mehr für unser Wohl als durch die Lektüre von polemischen Büchern und durch die Verbreitung der damit verbundenen Vereinfachungstheorien.

Statt „Weizenwampe“ empfehle ich als Lektüre ein Interview mit dem Gastroenterologen, Diabetologen und Internisten Prof. Holtmeier.

Freitag, 27. Februar 2015

Stressansteckung und die Pflicht zum Entspannen

Stress, so scheint es, ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. Chronischer Stress, das wurde schon öfters auf diesen Seiten erörtert, ist der Hintergrund vieler Erkrankungen und Leidenszustände. Die Voraussetzungen für die Chronifizierung von Stress liegen nicht nur in den Umständen unserer Gesellschaft, sondern auch in den frühen Lebenserfahrungen, die , wenn sie ungünstig waren, eine latente Stresserwartung aufgebaut haben, die dann von den vielfältigen Angeboten der modernen Gesellschaft aktiviert wird.

Ein Phänomen dabei ist die Ansteckung mit Stress. Was wir im Großen von Massenpaniken kennen, die glücklicherweise nicht allzu oft vorkommen, spielt sich im Kleinen in vielen täglichen Begegnungen ab. Die eine Person ist entspannt, die andere angespannt. Selbst wenn die Begegnung nur oberflächlich und kurz ist, wie auf einer Rolltreppe, kann sich schnell der Stress übertragen. Z.B. beginnt sich die entspannte Person über die hektische Person zu ärgern, die sie rempelt. Schon ist die Entspannung weg, und der Stress hat sich schon übertragen, wie ein Grippevirus durch das Husten.

Unsere Ansteckungsfähigkeit hängt ab vom Grundzustand unseres Stress-Immunsystems. Ähnlich wie beim Abwehrsystem des Körpers gegen Krankheitskeime, das andauernd aktiv ist, sodass wir nur dann krank werden, wenn es überfordert oder überlastet ist, hängt auch unsere Stressabwehr von aktuellen und „konstitutionellen“ Faktoren ab. Akute Anstrengungen und Leistungsanforderungen machen uns reizbarer und empfindlicher. Zu den „konstitutionellen“ Faktoren zählen die Stresserfahrungen aus den Früherfahrungen, ihre Intensität und ihre Dauerhaftigkeit, die die Robustheit oder Anfälligkeit unserer Stressabwehr beeinflussen.


Projektion und Stressübertragung


Was passiert, wenn sich Stress überträgt? Es läuft ähnlich wie bei Projektionen. Bei Projektionen wird ein Trauma innerlich aktiviert. Ein wichtiger gefühlsmäßiger Anteil daran wird nicht wahrgenommen und statt dessen abgespalten und bei anderen Menschen wahrgenommen. Wir reagieren emotional auf das Verhalten dieser Personen, mit Furcht, Verletztheit oder Ärger. Und wir bemühen uns, die anderen Personen dazu zu bringen, ihr Verhalten, das uns so aufregt, abzustellen und sich in unserem Sinn zu ändern. Jedoch haben wir meist nur einen beschränkten Erfolg. Auch wenn sich die andere Person bemüht, ihr Verhalten zu ändern, kommt es immer wieder zu Rückfällen. Es kann aber auch sein, dass sich im Maß unserer Bemühungen, die andere Person zu ändern, deren Verhalten sogar verstärkt.

Wir müssen erst einmal einsehen, dass es unser Unterbewusstsein ist, das andere Menschen zu dem Verhalten einlädt, damit wir das eigene Trauma nicht spüren müssen. Dann können wir in uns an der Aufarbeitung des Traumas arbeiten und werden erkennen, wie wir aufhören, auf das Verhalten der anderen Person, das uns früher so störte, emotional zu reagieren. Wir bleiben gelassen. Meistens führt es dazu, dass die andere Person ohne jede Aufforderung und ohne jeden Druck von unserer Seite mit ihrem Verhalten „von selber“ aufhört. Die unbewusste Einladung ist nicht mehr da, deshalb macht das Verhalten keinen Sinn mehr.

Mit Stress verläuft es ähnlich: Wenn sich eine Person im Stress fühlt, versucht sie unbewusst, andere Menschen anzustecken, damit sie sich in ihrem Stressmuster bestätigen kann. Stress wird durch Angst ausgelöst, und unbewusst suchen wir in der Angst Verbündete, die die Angst teilen. Wir erzählen deshalb anderen Menschen, wenn uns etwas Schreckliches passiert ist oder droht, und wollen, dass sich diese genauso aufregen wie wir selbst. Hilft das nicht, dann werden wir aggressiv auf die andere Person: Du verstehst mich nicht, du willst nur beschwichtigen, du ignorierst die Gefahr etc., bis wir die andere Person in einen Stresszustand versetzt haben. All das läuft natürlich nur in seltenen Fällen bewusst und geplant ab (z.B. bei politischer Propaganda), meist sind unbewusste Mechanismen am Werken. Je weiter wir in die Fänge dieser Abläufe geraten, desto schwerer ist der Weg wieder heraus zu finden.

Wenn also andere Personen auf die eigene Stress-Schwingung ansprechen und entsprechend reagieren, geraten sie, ohne es zu merken, in Stress. So bauen sich Stressfelder auf. Jede Person, die neu dazukommt, wird von immer mehr Menschen angedockt, sodass es immer schwerer wird, sich von der Ansteckung fern zu halten. So kann sich Stress wie eine Seuche ausbreiten, historische Beispiele gibt es genug, noch mehr zu denken geben sollten uns allerdings die Alltagsszenen, weil wir von diesen unmittelbar selber betroffen sind.

Paradox erscheint in diesem Zusammenhang, dass das rasante Ansteigen von nichtansteckbaren Krankheiten (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Asthma, usw.) möglicherweise gerade durch Ansteckung mit Stress hervorgerufen oder begünstigt wird. 


Stressresilient werden


Zu lernen, trotz Stressangebot entspannt zu bleiben, ist eine wichtige Voraussetzung nicht nur für Berufe, die mit Notsituationen zu tun haben, sondern für alle Menschen einer stressanfälligen Gesellschaft. Auf der Ebene des Nervensystems formuliert, geht es darum, die Leistungsfähigkeit des Parasympathikus zu steigern. Dazu dienen alle Formen des Entspannungstrainings und der Meditation. Dazu gilt es, die Quellen der chronifizierten Stresserwartungen aufzuspüren und mit Hilfe von Therapie zu heilen.

So bauen wir eine Stresskompetenz auf, die uns hilft,

  • Entspannung in uns zu kultivieren
  • Stressangebote zu erkennen
  • Auf Stressangebote nicht zu reagieren
  • Bei Reaktion auf das Angebot schneller wieder in die Entspannung zu kommen.

Mit verbesserter Stresskompetenz tun wir uns selber viel Gutes: Bekanntlich ist unser Immunsystem stressabhängig, ergo bleiben wir gesünder, wenn wir uns gut entspannen können. Wir leben ausgeglichener, kreativer und leistungsfähiger, zugleich sozial offener.

Wir tun aber auch anderen viel Gutes: Wir helfen ihnen, aus dem eigenen Stressmuster schneller auszusteigen, wenn wir entspannt auf Stressangebote reagieren. Wir reduzieren damit den allgemeinen Stress in unserem Umfeld und setzen Domino-Effekte in der anderen Richtung in Gang: Menschen, die sich in unserer Gegenwart entspannen, entspannen Menschen, mit denen sie in Kontakt kommen.

Wenn wir den Weg der Meditation und Therapie gehen, die aus meiner Sicht in Kombination die wichtigsten Hilfsmittel zum Aufbau von Stressresilienz sind, leisten wir einen nicht unbeträchtlichen Teil zur Ausbalancierung einer Stressgesellschaft. Dafür können wir uns auch anerkennen. Wir können aber auch, angesichts der Offensichtlichkeit der hier angesprochenen Zusammenhänge, einen ethischen Imperativ formulieren, der lauten könnte: Handle so, dass du die anderen Menschen so gut du es vermagst, in einen Entspannungszustand versetzst, indem du alles, was in deinen Möglichkeiten liegt, tust, um dich zu entspannen.

Beginne damit, deinen Ausatem zu entspannen…


Vgl. Ansteckender Stress