Donnerstag, 12. März 2015

Die sexuelle Identität

Die menschliche Sexualität ist ein wichtiger Teil der menschlichen Lebenskraft und Vitalität. Sie hat natürlich ihre Wurzeln im Fortpflanzungstrieb, und ist darüber hinaus eine wichtige Funktion in der zwischenmenschlichen Bindung. Die intime körperliche Vereinigung, die durch die Sexualität ermöglicht wird, ist die tiefste Form des Sich-Aufeinander-Einlassens und Füreinander-Öffnens von zwei Menschen, und darin liegt neben der Fortpflanzung der eigentliche Sinn der sexuellen Kraft. Manche Anthropologen sind der Ansicht, dass die Sexualität als „Dauerfunktion“ beim Menschen ausgebildet ist, weil damit die Männer mehr an die Familie gebunden sind, was wiederum notwendig ist, weil die Kinder so lange brauchen, um sich selbst auf den Beinen zu halten, und noch länger, um sich selbst versorgen zu können. Unter anderen Hormonen, die die menschliche Sexualität steuern, spielt auch das Bindungshormon Oxytocin eine wichtige Rolle, es wird vor allem in der Entspannungsphase nach dem Höhepunkt ausgeschüttet und trägt dazu bei, dass sich Mann und Frau tiefer verbinden, was gemeinhin Liebe genannt wird.

Die Sexualität ist zum Unterschied von anderen Funktionen nicht von Anfang an ausgebildet, sondern ist in ihrer Entwicklung durch eine klare Zäsur gekennzeichnet, die Geschlechtsreife. In den Stammeskulturen fällt dieser Einschnitt mit dem Erwachsenwerden zusammen und wird mit besonderen Ritualen gewürdigt. Im kulturellen Gefüge der Moderne fallen Geschlechtsreife und Erwachsenwerden immer weiter auseinander.

Die Doppelfunktion der Sexualität verleiht ihr eine besondere Macht im Gefüge der menschlichen Strebungen und Leidenschaften, da sie biologisch wie auch sozial verankert und verwoben ist. Deshalb erleben Menschen mit ihr die schönsten und die schwierigsten Momente. Deshalb wird sie in den meisten Liedern besungen und ist andererseits Anlass für viele Gewaltverbrechen. Mächtige taumeln über ihre sexuellen Eskapaden, andere nutzen ihre Affären, um nach oben zu kommen. Ohne Sexualität gäbe es nur wenige Gedichte und Romane, einschließlich Kriminalromane.

Weil die Macht der Sexualität so stark ist, dass sie Menschen um den Verstand bringt oder zumindest ihre Ratio benebelt, und weil ihre Folgen – Nachkommen, die gezeugt werden – einschneidend lebensverändernd sind, muss sie gesellschaftlich geregelt werden. Je komplexer die Gesellschaft wird, desto komplexer die Normierung und Einschränkung der Sexualität. Dadurch kommt es zu systematischer Beschädigung und Verformung. Z.B. wird die natürliche Freude und Lust an der Sexualität in vielen Kulturen mit einem Schuldkomplex überlagert. Damit  mischen sich Denkmuster, verbundenen mit hemmenden Gefühlen, in die Sexualität ein und behindern das freie Fließen, das charakteristisch für ihre ursprüngliche Form ist.


Wir sind alle tragen Spuren sexueller Störung in uns


Deshalb können wir davon ausgehen, dass wir alle sexuelle Störungen haben. Denn  die Kultur, in der wir alle, einschließlich unserer Bezugspersonen aufgewachsen sind, ist sexuell gestört. Sie hat über Jahrtausende schon kein unbefangenes Verhältnis mehr zu ihr. Beispiele für solche systematische kulturelle Deformationen der Sexualität sind die Leibfeindlichkeit im Christentum, die Beschneidung im Judentum, das rigide Patriarchat im Islam etc.

Der Umgang mit der Kraft der Sexualität erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit, und dafür gibt es in den traditionellen Kulturen keine Anleitung und Schulung. Im Gegenteil, die Einführung für junge Menschen in diesen empfindlichen und vielschichtigen Bereich beschränkt sich in vielen Fällen auf nüchterne Informationen von „offizieller“ Seite und wird ergänzt durch inoffiziellen Medienkonsum einschließlich aller Spielarten der immer leichter zugänglichen Pornografie.

Folglich war und ist es in unserer Kultur kaum mehr möglich, dass heranwachsende Jugendliche ihre eigene sexuelle Identität unbeschädigt formen und entwickeln. Prägende hemmende Einflüsse auf diese Entwicklung können im Mutterleib beginnen, unter Umständen schon mit der Zeugung, beeinflusst von den Einstellungen und Kompetenzen der Eltern in Bezug auf die Sexualität und von den Emotionen, die damit verbunden sind. In welchem Grad die Eltern in der Lage waren, respekt- und liebevoll miteinander die Sexualität zu leben, wirkt sich von früh an auf das Kind in seiner Einstellung zur Sexualität aus.

Auch im Durchgang durch den Geburtskanal, also durch die Geschlechtsorgane der Mutter werden viele Informationen übertragen, die auf die Formung der eigenen geschlechtlichen Identität einwirken. Wichtig ist dann in den frühen Jahren nach der Geburt, wie die Eltern mit dem Geschlecht des Kindes umgehen, emotional, sozial und körperlich. Dass sexueller Missbrauch zu den schwersten seelischen Zerstörungen bei Kindern führt, braucht hier nicht näher erläutert zu werden.

Später kommt dazu der Einfluss des sozialen und medialen Umfelds. Die Allverfügbarkeit der Pornografie für Kinder und Jugendliche seit nunmehr schon Jahrzehnten ist eine massive Einflussgröße auf die sexuelle Entwicklung, deren Wirkung und Auswirkung noch nicht annähernd im öffentlichen Bewusstsein angelangt ist.

Vielleicht noch mächtiger jedoch wirkt sich die steigende allgemeine Stressbelastung aus, die spätestens mit dem Schuleintritt bei vielen jungen Menschen zu chronifizierten inneren Angsthaltungen führt. Damit wird die Sexualität unweigerlich mit Anspannung statt mit Entspannung assoziiert. Der Erwartungsdruck an die sexuelle Performance ist groß und steigert sich mit jeder neuen Generation. Druck und Stress sind die wirksamsten Gegenmittel gegen eine erfüllende Sexualität.

Wie ist es also noch möglich, im Dschungel der Erwartungen, medialen Rollenbilder, elterlicher Verklemmtheit, unbenannten Ängsten und drängenden Leidenschaften eine sexuelle Identität zu entwickeln?


Sexuelle Identität


Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine eigene sexuelle Persönlichkeit in sich trägt. Sie setzt sich aus den Kernen des individuellen Wesens und den tiefsten Prägungen und Erfahrungen im Lauf der Entwicklung zusammen. Wir sind als einzigartige Wesen entstanden, und haben eine einzigartige Geschichte durchlaufen. Daraus bildet sich unsere sexuelle Identität. Dabei gilt auch, was durch die genetischen Forschungen immer deutlicher wird, dass die Zuschreibungen von männlich und weiblich auf einem Kontinuum zu sehen sind und weniger in einer Polarität. 0,1 bis 1 % der Menschen weisen Spuren oder Merkmale von  Intersexualität (sexueller Differenzierungsstörung) auf. Genetiker sprechen deshalb lieber davon, dass es eine große Vielfalt der Geschlechter gibt, mit einer nur groben Zuteilung auf männlich/weiblich, in der sich manche Menschen nicht vorfinden: „Manche Menschen offenbaren ein genetisches Mosaik: Sie entwickeln sich zwar aus einem einzelnen befruchteten Ei, doch ihre Zellen tragen eine teils unterschiedliche genetische Ausstattung. Eine der Ursachen kann sein, dass die Geschlechtschromosomen in der frühen Entwicklung des Embryos nicht gleichmäßig aufgeteilt werden.“

Weiters gibt es das Phänomen des „Mikrochimärismus “, das entstehen kann, wenn Stammzellen des Kindes in den Organismus der Mutter kommen oder umgekehrt Stammzellen der Mutter im kindlichen Organismus aufgenommen werden. Diese Stammzellen können erstaunlich lang leben und bewirken, dass Männer Zellen ihrer Mütter in sich bergen und Frauen nach Geburt eines Jungen männliche Zellen in sich tragen. (Quelle)

All diese Varianten zeigen, dass die gesetzlich vorgeschriebene Einordnung des Geschlechts nichts mit der sexuellen Identität zu tun hat und dieser eigentlich widerspricht. Diese Identität ist nicht durch einen Geburtsschein definiert, sondern durch unsere innere Beziehung zu uns selbst, zu unserem Persönlichkeitskern. Wir können uns dieser Identität nur bewusst werden, wenn wir den Kontakt zu unserem inneren Sein nicht verloren haben und uns unserer Prägungen bewusst sind.

Da diese Prägungen wohl immer mit Verletzungen und Traumatisierungen verbunden sind, ist es wichtig, einen therapeutische n Prozess zu durchlaufen, um Schicht für Schicht der anerlernten Ängste, Schuldgefühle, Lusterwartungen und Stereotype loszuwerden, die sich über das, was unsere Sexualität ausmacht, darübergelegt haben.

Die sexuelle Identität ist die einzigartige Ausprägung der Sexualität, die jedem Menschen eigen ist, jenseits von Vor- und Zuschreibungen durch Eltern, Erziehung, Medien etc., hinter allen Klischees und Konzepten, Normierungen und Klassifikationen. Wenn wir die grundsätzliche Individualität der sexuellen Identität anerkennen, wie sie unserer Natur und unserer Geschichte entspricht, dann haben auch alle sexuellen Orientierungen den gleichen Rang und die gleiche Berechtigung. Maßstab ist einzig und allein der Respekt und die Achtung zwischen den Partnern, in der gelingt dort, wo Bewusstheit mit der Lebens- und Liebeskraft der Sexualität verbunden ist.

Menschliche Sexualität kann dort gelingen und glücklich machen, wo sich zwei Menschen intim begegnen, die weitgehend die Wunden ihrer sexuellen Entwicklung geheilt und ihre individuelle geschlechtliche Identität entfaltet haben und in die Begegnung einbringen können. So wird sie ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht und trägt dazu bei, die Menschheit ausgeglichener und friedlicher zu gestalten. 


Vgl. Animus und Anima im 21. Jahrhundert

Kommentare:

  1. Lieber Wilfried,

    diesen Artikel finde ich interessant und gedanklich anregend. Ich möchte aus meiner Sicht noch etwas hinzufügen:

    In der Dualität dieser Welt hat die Polarität von Mann und Frau (mitsamt ihren Zwischentönungen) durchaus einen markanten, vielschichtigen Stellenwert, der von reiner Triebgesteuertheit bis hin zu einer großen psychisch-geistig-
    spirituellen Tiefe reichen kann. Dennoch bin ich - nach allem, was mir in meinem bisherigen Leben begegnet ist - der festen Überzeugung, dass wir alle auf einer sehr tiefen Ebene geschlechtsneutrale Wesen sind.

    Ein paar Begründungen:

    Von einer etwas simplen Warte aus gesprochen könnte man sagen: Da der Mensch prinzipiell beide Anlagen ins sich trägt - sowohl materiell-biologisch als auch psychologisch - könnte bzw. müsste es "irgendwo" einen "Punkt Null" geben. Von hier aus würde sich ab der Zeugung, bei der Reifung im Mutterleib oder zum Zeitpunkt der Geburt der "Zeiger der Geschlechtlichkeit" bis zu einem gewissen Punkt der sexuellen Identität bewegen, was die Basis anbetrifft.

    Es spielen dann sicher auch die Erziehungs- und Umfeldeinflüsse eine Rolle, die dann den sexuellen Entwicklungsgang mit seinen vielen Facetten, einschließlich Bi-Sexualität, prägen.

    Ein noch viel einfacherer Hinweis ist der auf die Arbeit eines männlichen Gynäkologen, der, wenn er seine Arbeit ehrenhaft ausführt, nur daran interessiert sein kann, dem Menschen im weiblichen Körper zu helfen. Er muss die Sexualität in diesem Moment- sowohl seine eigene als auch die der Patientin - beiseite stellen und deren Körper vollkommen neutral betrachten (so, wie es eigentlich alle Ärzte prinzipiell tun müssen, ob männlich oder weiblich). Das geht aber nur von einem ebenso neutralen inneren Beobachterposten aus.

    Dann gibt es auch Menschen, die über lange Zeit oder auch ein Leben lang keinen Partner finden. Sie können ihre Sexualität nicht ausleben, so, wie sie es sich vielleicht wünschen würden. Deswegen können sie aber dennoch ein sehr inhaltsreiches Leben führen. Darüber hinaus gibt es auch Menschen, die ganz bewusst ohne Partnerschaft leben, weil sie sich selbst genügen.

    Mehr philosophisch betrachtet erkenne ich, dass alle Menschen dieselben Grundbedürfnisse haben. Beide Geschlechter haben gleichermaßen dieselbe Sehnsucht nach Glück, bedingungsloser Liebe, Achtung, Harmonie, Selbstverwirklichung. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein männlicher oder ein weiblicher Körper Träger dieser Wünsche und Hoffnungen ist. Auf dieser Ebene sind Mann und Frau grundsätzlich gleich und ist die geschlechtliche Polarität zusammengeführt, die Spannung aufgehoben.

    Abgesehen davon, dass in lebensbedrohlichen Situationen die Sexualität zugunsten des Überlebensinstinktes vom Körper heruntergefahren wird, können auf psychisch-geistiger Ebene in extremen Lebenssituationen - wenn Menschen sich dabei gegenseitig zur Seite stehen - auch immer wieder das rein Humane und das Mitgefühl zum Tragen kommen ohne Berücksichtigung des Geschlechtes.

    Trotz der äußerlichen Geschlechtlichkeit, die allerdings wie gesagt tiefreichende Schichten hat, ist der Mensch also in der Lage in seiner tiefsten Tiefe mit sich selbst Eins zu sein. Er braucht dann sozusagen keine "zweite Hälfte" zur Ergänzung. Das ist ja auch das, was viele spirituelle Lehren erkennen.

    Dass dieses alles überhaupt möglich ist, weist für mich darauf hin, dass auch die Bewertung der Geschlechtlichkeit wie alles in dieser Welt relativ ist und beim derzeitigen Stand der menschlichen Bewusstseins-Evolution noch überbewertet wird. Der Mensch kann sich von seinem geistigen Standpunkt aus bewusst entscheiden, wie er mit seiner Geschlechtlichkeit umgehen will.
    Tiere dagegen sind hier rein instinktgesteuert.

    Die Verteufelung der Sexualität und die Körperfeindlichkeit durch die Kirche, etc., steht auf einem anderen Blatt.

    Ein lieber Gruss
    Ruth

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  2. Ich kann dem ganz zustimmen. Schließlich ist ja Gott auch nicht männlich, welches Geschlecht also sollte dann das Göttliche in uns haben?
    Ich glaube auch, dass der Mensch in der Tiefe die Einheit mit sich finden kann. Wenn es um Kommunikation zwischen Menschen geht, so finde ich, dass die Sexualität hier einen Sonderstatus hat, mit dem wir sehr achtsam umgehen sollten und der kulturell sehr stark verunstaltet ist.

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