Freitag, 26. Dezember 2025

Hafez und die Trunkenheit in der göttlichen Liebe

Hāfez von Schiras (ca. 1325 – 1389) war wie Rumi Dichter und Mystiker. Er verwendete gerne drastische Bilder. Er stellt z.B. die Liebe dem berechnenden Verstand gegenüber, ebenso die Trunkenheit der nüchternen Selbstkontrolle. Er lehnt die asketische Lebensform ab, sofern sie auf einen Zweck ausgerichtet ist: „Der scheinheilige Asket kennt unseren Zustand nicht; was immer er über uns sagt, verdient keine Beachtung.“ Mit der Trunkenheit (mastī) ist Loslösung von Kontrolle und zielgerichteter Selbststeuerung gemeint. Es geht dabei überhaupt nicht um eine Enthemmung bis zur Bewusstlosigkeit, wie sie der Alkoholiker sucht, sondern um die Überwindung der Begrenzungen des kontrollierenden Verstandes, der die Barriere zur Gotteserfahrung darstellt. „Die Vernünftigen sind der ruhende Punkt des Daseins, doch die Liebe weiß, dass ich in diesem Kreis trunken umherirre.“ Herumzuirren führt weiter als in den Grenzen der Vernunft zu verharren, wenn es um die Suche nach der großen Liebe geht.

Hāfez  versteht sich als Lump im Gegensatz zu den frommen Religionsgelehrten – als eine Art des erleuchteten Narrens, der sich nicht mehr um Konventionen und Reputationen zu kümmern braucht, weil er seine Freiheit schon gefunden hat. Er folgt selbst als Außenseiter, vielleicht sogar als von der Gesellschaft Verachteter offen dem Ruf des Absoluten: „Wir haben im Becher das Antlitz des Geliebten geschaut, o Ahnungsloser der Lust unseres dauernden Trinkens.“ 

Gott kann er gerade dort finden, wovon alle Rechtschaffenen mit Abscheu ihren Blick abwenden, im Becher des Trunkenbolds. Doch dieser Trinker ist berauscht vom Schauen des göttlichen Antlitzes, überwältigt von der unendlichen Liebe. Sein Getränk stammt aus einer unerschöpflichen Quelle, aus dem Zentrum des Seins. Die Gier hat er, wie viele andere Anhaftungen und Charakterfixierungen, schon längst hinter sich gelassen. Der Gewinn liegt in der Freiheit vom Weltlichen und vom Geistlichen: „Ich bin Knecht der Liebe und von beiden Welten frei; sieh, welche rohe Gier ich hinter mir ließ.“ Deshalb ist das Einzige, worum es in diesem Leben geht und was ihm Sinn gibt, die große Liebe:  „Werde Liebender – sonst endet eines Tages das Werk der Welt, und du hast den Sinn des Daseins aus der Werkstatt des Seins nicht gelesen.“ 

Es ist eine Liebe, die ohne jede Absicht wirkt und nicht auf den Gewinn achtet, den sie bringt, oder auf den Preis, den sie kostet: „Das Werk der Liebe ist ohne Rechnung und nicht vergleichbar.“

Einer Legende zufolge arbeitete Hāfez  zunächst als Brotträger in Schiras. Er verliebte sich in eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, die in der Tradition meist als Šāḫ-e Nabāt („Zweig des Zuckers“) bezeichnet wird. Es war eine Gestalt zwischen realer weiblicher Schönheit, poetischem Symbol und spiritueller Erscheinung. Die Unerreichbarkeit dieser Liebe stürzte ihn in eine existentielle Unruhe.

Daraufhin entschloss er sich zu einer strengen vierzigtägigen Nachtwache am Grab eines Heiligen. In der vierzigsten Nacht ist ihm der mystische Führer Ḫezr (al-Ḫiḍr) erschienen, der Symbolträger unmittelbarer Gotteserkenntnis jenseits von Gesetz und Lehrtradition. Ḫezr reichte ihm einen Becher Wein und eröffnete ihm damit den Zugang zur direkten Erfahrung der göttlichen Liebe. Von diesem Moment an war Ḥāfeẓ „betrunken von der Wahrheit“; seine Dichtung entsprang seither nicht mehr dem Studium oder einer Technik, sondern der mystischen Innenschau. 

Goethe und der west-östliche Diwan

Einige Jahrhunderte später las Geheimrat Johann Wolfgang Goethe die erste deutsche Übersetzung der Gedichte von Hafiz und war beeindruckt von der Intensität dieser Texte. Er erkannte einen Geistesverwandten, der ihm zeigte, wie Dichtung ohne Rücksicht auf eine konventionelle Moral möglich ist, die Erotik, Ironie und Spiritualität verbinden konnte. 

„Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis, mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns den Zwillingen gemein.“ (Goethe, West-östlicher Diwan, Buch des Hafis)

Außerdem hat Goethe die Radikalität der Absichtslosigkeit inspiriert: Im Gedicht „Selige Sehnsucht" steht:

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet;
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Die selige Sehnsucht nach dem Flammentod ist keine morbide Todessehnsucht, sondern die Leidenschaft für die innere Befreiung. Die „Menge“ wird das nicht verstehen, aber die Weisen wissen, dass die spirituelle Suche ihren Preis hat: Die Aufgabe der gewohnten Sicherheiten und angstbehüteten Erwartungen und Absichten erfordert Mut, Disziplin und Konsequenz.

Nach dem Vorbild von Hāfez dient die Erotik als Sprungbrett zur Transzendenz. In der Liebesnacht meldet sich im Kerzenschein ein fremdes Gefühl, das aus der Finsternis der Egozentrik herausführt und eine höhere Form der Liebesbegegnung ankündigt. Die Flamme der Kerze kündigt an, worum es geht: Alles zu verbrennen, was das Ich in sich selbst kreisen lässt.

Der Schmetterling steht als Symbol für die Absichtslosigkeit. Sein Flattern von Blüte zu Blüte folgt scheinbar keinem Kalkül und keinem vorgegebenen Zweck. Er ist zugleich ein Symbol des spirituellen Übersprungs vom Relativen zum Absoluten: Er begehrt einzig und allein das Licht der göttlichen Liebe und strebt zu ihm hin, um sich von ihm verbrennen zu lassen. Natürlich verbrennt „nur“ das selbstverliebte Ich, wenn der Sucher den Geliebten in der unbedingten Liebe und Schönheit erkennt. Es ist nicht ein Feuer der Zerstörung, wie es von der Begierde ausgeht, sondern das Feuer der Reinigung.

Die verbrennende Motte

Dazu schrieb Hāfez: „Der Liebende ist nicht der, der vom Feuer flieht – der Liebende ist der, der im Feuer verbrennt.“ „Was weiß der Nüchterne vom Zustand des Verbrannten? Frag den, der im Feuer war.“ Und: „Der Motte gleich geht der Liebende nur ins Feuer, weil er das Schauen begehrt.“

Und bei Rumi steht zu lesen: „Liebe ist das Feuer, und wenn sie entflammt, verbrennt sie alles außer dem Geliebten.“ „Was kümmert die Motte das Verbrennen? Sie lebt für das Licht.“ „Wenn die Motte nicht verbrennt, woher sollte Erkenntnis kommen?“

Das Feuer der Leidenschaft ist das ganz besondere Gewürz, das der Sufismus der Mystik beigegeben hat. Es symbolisiert die Radikalität, die jeder mystischen Lehre innewohnt, und die Macht der Abscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen. Verbrannt wird, was selbstschädigend ist, übrig bleibt die Einfachheit der Hingabe und Liebe. Das Feuer verbindet im Menschen den Körper und den Geist. Die feurige Leidenschaft der „körperlichen“ Begierden geht über in die ebenso feurige Leidenschaft der höchsten Form der Liebe, und selbst diese Form der Liebe ist nach dem Sufismus immer auch körperlich. Hāfez genießt sie mit einem Becher Wein, Rumi im ekstatischen Kreistanz. Goethe sitzt währenddessen in seinem Lehnsessel und freut sich an Kaffee und Kuchen, während sein Geist die nächsten Gedichtzeilen entwirft.

Zum Weiterlesen:
Rumi und die Absichtslosigkeit
Die Absichtslosigkeit bei Meister Eckhart


Dienstag, 23. Dezember 2025

Der Atem ist das Zentrum

Der Atem spielt eine zentrale Rolle in unserem Leben. Er ist unmittelbar dafür zuständig, dass wir leben. Unser Leben wäre ohne unsere Atmung sehr schnell zu Ende. Des Nachts könnten wir kein Auge zudrücken, wenn wir immer darauf achten müssten, dass wir noch atmen. Setzt die Atmung auch nur kurz aus, entstehen sofort Überlebensängste.

Sobald wir uns der lebenserhaltenden Funktion der Atmung bewusst werden, indem wir unser Atmen wahrnehmen, tritt unser Ego zurück, das sich sonst für unser Überleben zuständig fühlt. Wir erkennen, dass wir einer größeren Kraft all das schulden, was uns ausmacht, unsere Talente, unsere Stärken, unsere Potenziale. Im Bewusstsein dieser Erkenntnis wird unser Ego sofort unwichtiger, seine Ungeduld, Bedürftigkeit und Reaktivität tritt in den Hintergrund. An seine Stelle tritt fast ohne unser Zutun eine Einstellung der Dankbarkeit, Genügsamkeit und Hingabe.

In der unmittelbaren Atembewusstheit erscheint uns alles, was gerade ist, gut so, wie es ist. Denn es ist nichts zwischen uns und dem momentanen Geschehen. Wir sind in dem, was gerade geschieht, und das, was gerade geschieht, ist in uns. Es verschwindet also in diesen Erfahrungen der Unterschied zwischen Innen und Außen.

Das Gute, Wahre und Schöne

Im Bewusstsein der Akzeptanz und der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit sind wir mit den eminenten Qualitäten des Guten, Wahren und Schönen verbunden, nicht auf abstrakte Weise, sondern als implizite Erfahrung, als etwas, das der Atemerfahrung innewohnt. Denn wenn wir im Moment verweilen, ist alles da, was es braucht – Einatmen, Ausatmen. Es wird uns intuitiv klar, was gut, wahr und schön ist. In der Reflexion können wir erkennen, dass das Böse, Falsche und Hässliche nur Raum in unserem Bewusstsein einnehmen kann, wenn wir aus dieser Einheit mit dem Moment herausfallen.

Atembewusst wissen wir also, wie wir mit anderen Menschen umgehen können, damit wir uns wohl und sicher fühlen können und zugleich ihnen das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen geben. Wir wissen also, was notwendig ist und wie wir uns verhalten müssen, damit die Menschen in Respekt, Würde und Frieden miteinander leben können. Es leuchtet uns ein, was gut ist und was böse, was guttut und was Schaden anrichtet. Es wird uns klar, dass wir mit Bösem uns selbst am meisten Unheil bereiten. Wir erkennen, dass das Gute genau das ist, was wir tun wollen. Wir sehen ein, dass das gute Handeln am einfachsten ist und uns am meisten Freude bereitet.

In der Atembewusstheit sind wir mit der Wahrheit direkt verbunden. Denn der momentane Atemzug ist die wahre Wirklichkeit dieses Moments. Es gibt nichts Unwahres an einem Atemzug. Wir verstehen, dass es zu unseren Aufgaben gehört, immer wieder für die Wahrheit einzutreten. Die Wahrheit hält die Gemeinschaft zusammen, die sich in ihrem Licht über eine gemeinsame Interpretation der Wirklichkeit verständigen kann. Unwahrheiten zu verbreiten, um z.B. daraus eigene Vorteile zu ziehen, ist gemeinschaftsschädigend und damit auch selbstschädigend. 

In jedem Atemzug liegt etwas Schönes, wenn wir ihn bewusst wahrnehmen. Er bietet uns die Chance, genau diesen Moment des Lebens in seiner Schönheit zu entdecken, indem wir ihn so nehmen, wie er ist. Dann zeigt er sich in seiner Einzigartigkeit und Fülle. Indem wir einen Schritt weitergehen, werden wir uns der Schönheit in allen Menschen und Dingen bewusst. Die Kunst beginnt mit dem Einatmen. Unser erster Einatemzug war die erste Informationsaufnahme aus einer noch völlig fremden Welt, mit dem wir zu einem Teil von ihr wurden. Seit diesem Ereignis haben wir die Möglichkeit, in jedem Einatmen die Lust auf Neues und die Bereitschaft für Überraschungen zu finden, die Grundlage für Wissenschaften und Kunst. Wir sind also dank unseres Atems alle potenzielle Wissenschaftler und Künstler.

Lebensvertrauen

Der Atem gibt uns das Vertrauen ins Leben. Wenn wir uns ihm anheim geben, bemerken wir, dass er weiterfließt, was auch immer uns das Leben an äußeren und inneren Herausforderungen beschert. Manchmal stockt er vielleicht, wenn wir im Schock sind. Doch irgendwann löst sich die Blockierung wieder auf, und der Atem fließt weiter und führt uns aus der beängstigenden Situation heraus, und dann weiter, von einem Moment zu nächsten, kontinuierlich und unermüdlich. Er enthält die Botschaft, dass es immer weiter geht, auch wenn Situationen manchmal ausweglos erscheinen. Er flüstert uns zu, weiterzumachen statt aufzugeben, wenn es mühsam oder unbequem erscheint. Und er gibt uns ein Gefühl der Befreiung, wenn wir wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten.

Verbindung von Innen und Außen

Der Atem verbindet uns mit der Wirklichkeit in uns und außerhalb von uns. Mit der Atembewusstheit sind wir automatisch in unserer Innenwahrnehmung und spüren uns selbst. Wir nehmen wahr, wie es uns gerade geht, welche Gefühle da sind und welche Stimmung vorherrscht. Der Atem informiert uns zudem über die Wirklichkeit um uns herum. Wir nehmen die Temperatur auf, die Gerüche geben uns einen Eindruck über die Verfasstheit und Gestimmtheit der äußeren Realität. Atembewusst sind wir immer in der aktuellen Wirklichkeit und nicht in den Gedanken, die entweder mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft zu tun haben. 

Die Zeit des Atems

In Verbindung mit dem Fluss des Atems sind wir also in der momentanen Zeit. Der Atem zeigt uns folglich eine ganz andere Zeiterfahrung als das Denken, das zwischen Vergangenheit und Zukunft auf einer linearen Zeitachse mäandert und oszilliert. Die Atem-Zeiterfahrung ist eine, die mehr mit Ewigkeit und Zeitlosigkeit als mit Linearität zu tun hat. Denn sie ist die direkte Erfahrung der Veränderung selbst, ohne Inhalte, die sich verändern.

Wir wachsen mit in der Zeit. Jeder Atemzug macht uns reicher, reicher an Erfahrung und Einsicht. Wir erkennen, dass das Leben ein fortgesetzter Prozess des Lernens und Erweiterns ist, dass wir die Möglichkeit haben, immer mehr Aspekte der Wirklichkeit kennen- und verstehen zu lernen. Wir nähern uns also zunehmend der Wirklichkeit an, wenn wir diese Chancen ergreifen: Uns von der Wirklichkeit inspirieren zu lassen, indem wir sie neugierig einatmen. 

Der Weg zur Einfachheit

Der Atem führt uns zur Einfachheit. Es ist das Denken, das die Komplexität hervorbringt. Wenn sie uns zu viel wird, genügt die Besinnung auf den Atem, um erkennen zu können, was wichtig und was unwichtig ist, was zu tun und was zu lassen ist. Die Wahrheit des Atems ist immer einfach und zugleich einleuchtend. Wo das Denken Zweifel hervorbringt, zeigt uns der Atem die Klarheit. Wo das Denken in Verwirrung gerät, öffnet uns der Atem den Durchblick. Bewusst atmend, unterbrechen wir das wildgewordene Denken und finden zurück zu uns selbst.

Integration auf allen Ebenen

Der Atem integriert uns auf allen Ebenen unseres Seins. Er ist in alle lebenserhaltenden Funktionen unseres Körpers eingebunden. Er hält die Prozesse am Laufen, nicht nur, indem er permanent den dafür notwendigen Sauerstoff liefert, sondern auch dadurch, dass er den Körper in Bewegung hält, Tag und Nacht. Selbst wenn sich das Leben im Tiefschlaf auf sein absolutes Minimum zurückzieht, geht die Atmung weiter. Selbst wenn der Körper (mit Ausnahme der Augenbewegungen) in den REM-Phasen des Schlafes erstarrt, arbeiten die Atemmuskeln weiter. Die willentliche Beeinflussung der Atmung können wir nutzen, wenn wir unsere Gesundheit stärken wollen. Denn eine „richtige“ Atmung ist der Garant für den nachhaltig gesunden Organismus.

Der Atem begleitet und unterstützt unser Gefühlsleben. Jedes Gefühl hat sein eigenes Atemmuster, mit dem es seinen Ablauf gestalten kann. Gefühle nutzen also die Atmung, um sich zu entfalten und zu ihrem Ausdruck zu finden. Wir können zusätzlich über unsere Atmung unsere Gefühle regulieren. Einerseits hilft uns die Atmung, Gefühle, die uns wegen ihrer Heftigkeit plagen, zu beruhigen, andererseits hilft sie uns, den Zugang zu Gefühlen zu finden, die in uns verschlossen sind, aber uns dennoch belasten. Für manche ist es wichtig, den Zugang zu ihrer Wut zu finden, damit sie sich in ihrem Leben nicht mehr alles gefallen lassen müssen. Für andere ist der Zugang zu Gefühlen der Trauer und des emotionalen Schmerzes verschlossen und sie geraten in Gram und Depression; die Atmung kann sie dabei unterstützen, die Trauergefühle ins Fließen zu bringen, sich dadurch Erleichterung zu verschaffen und die Lebendigkeit zurückzugewinnen.

Das erste Tor zur geistigen Welt

Der Atem ist das erste Tor zur geistigen Welt. Jede Meditation ist bewusstes Atmen, und bewusstes Atmen ist Meditation. Die Besinnung auf den Atem ist die Besinnung auf das, was uns im Inneren ausmacht, auf das Geistige in uns. Wer wir sind, erfahren wir im Atem, immer wieder aufs Neue, sobald wir uns unseres Atems versichern. 

Der Atem selbst ist kein Ding und auch kein Prozess, sondern das, was sich im Atmen manifestiert. Wie sich der Geist in den Abläufen der Realität manifestiert, gibt sich der Atem in jedem Atemzug Gestalt. Ohne „den Atem“ ist das Atmen ein rein mechanischer Vorgang. Diese Sichtweise ist aber nur einer unbeteiligt beobachtenden Person möglich. Für die atmende Person ist es immer der Atem, der durch das Atmen aktiviert wird. Das gilt auch für den Atem einer beobachtenden Person. 

Wie es keine Materie ohne Immaterielles gibt, gibt es kein Atmen ohne den Atem. Genauer gesagt, erscheint das Materielle nur als ein Abstraktum, also als etwas Herausgezogenes, etwas, das einer Ganzheit für bestimmte Zwecke entrissen wird. Wenn wir das Atmen von einem äußerlichen Gesichtspunkt beobachten, trennen wir das Geistige daran von ihm ab, um damit Erkenntnisse zu gewinnen oder Eingriffe vornehmen zu können, die wir sonst nicht erreichen würden. Frei von jeder Zweckmäßigkeit ist es allein der Atem, der in jedem Atemzug fließt, der jeden Atemzug ausfüllt.

Der Atem spielt also eine führende Rolle auf allen Ebenen unseres Seins. Außerdem verbindet er diese Ebenen beständig, sodass sie nicht als unterscheidbare Aspekte unseres Seins auftreten, sondern als Ganzheit erlebt werden. Jeder Atemzug ist zugleich und untrennbar körperlich, seelisch und geistig. Die Atembewusstheit ist deshalb immer körperlich, seelisch und geistig. In ihr gibt es keine Unterscheidung dieser Aspekte, sie sind im Atem eins, und das heißt, wir sind im Atem eins mit uns selbst. In ihr gibt es auch keine Unterscheidung zwischen der Innenwelt und der Außenwelt, also sind wir insgesamt eins mit der Welt.

Zum Weiterlesen:
Respiratorische Philosophie im Überblick
Atemerfahrungen und Kunst
Atemresilienz angesichts der Krise
Innehalten


Montag, 22. Dezember 2025

Rumi und die Absichtslosigkeit

Im Werk des persischen Dichters und Mystikers Dschalal ad-Din Rumi (1207–1273) hat die Absichtslosigkeit einen wichtigen Stellenwert. Ähnlich wie Meister Eckhart ist es Rumi um die Überwindung des „Warum“ zu tun: „Die Liebe hat kein Warum. Wer nach dem Warum fragt, hat die Liebe nicht verstanden.“ Die Liebe hat keinen Zweck und kein Ziel, sie ist einfach und wirkt, wenn alles aus dem Weg geräumt ist, was sie behindert. Absichten sind getragen von dem Wunsch, etwas zu bekommen und die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Sie sind Hindernisse für das Wirken der Liebe.

„Du suchst Gott mit Absicht und Plan. So entgeht er dir. Wenn du ihn lässt, findest du dich in ihm wieder.“ Auch Rumi geht es um die Gelassenheit im Sinn von Eckhart: Um das Weglassen der Gottessuche, die nicht mehr als eine in sich kreisende Selbstsuche ist. Alle Pläne sind Entwürfe des Ichs, das einem gegenwärtigen Mangel entrinnen und sich eine bessere Zukunft schaffen will. In der Gottesbegegnung geht es um keine Zukunft und um kein Besser oder Schlechter, sondern um die tiefste Erfahrung des Seins, frei von allen Wertungen und Vorlieben.

Die große Liebe 

Wenn Rumi von der Liebe spricht, so meint er im Grund nur die reine, bedingungslose oder auch die große Liebe. Sie stellt keine Leistung dar und kann auch nicht durch Anstrengungen oder Übungen gefunden werden. Sie wird nur in dem Maß erfahrbar, in dem die Abscheidung im Sinn von Eckhart gelungen ist. Alle Bestrebungen des Ichs (die nafs bei Rumi) zielen auf die Stärkung des Ichs. Sie drücken sich in den Absichten aus, die die Menschen in ihrem praktischen Leben verfolgen. Die Liebe finden wir auf einem gänzlich anderen Feld, in einer gänzlich anderen Landschaft: Sie ist frei von Selbstbezogenheit und Selbstsucht und offen für das Erfahren im Moment. Sie ist getragen von der Hingabe an die höhere Macht, die durch alles wirkt: 

„Ich liebe nicht. Ich werde geliebt. Und in diesem Geliebtwerden vergeht mein Ich.“ Im Überwinden der eigenen Täterschaft in der Liebe öffnet sich ein weiter Raum, in den die unermessliche Liebe einströmt. Die Erkenntnis, dass das eigene Lieben kein Verdienst und keine Leistung darstellt, sondern ein Geschenk darstellt, übersteigt die Beschränkungen des Ichs und seine kleinen Vorstellungen der Liebe. In der Erfahrung der großen Liebe hat das Ich seine Daseinsberechtigung aufgegeben.

„Als die Liebe kam, fiel mir der Verstand aus der Hand. Ich tanzte, und der Tanz wusste mehr als ich.“ Die Liebe kommt und entfaltet ihre Macht, weil sie dem Erfahrenden alles gibt, was er braucht. Der planende und absichtsvolle Verstand fällt einfach weg. Die gewaltige Welle der Liebe reißt alles mit und bringt alles in Bewegung, kein Stein bleibt auf dem anderen. Der Tanz ist größer als der Tänzer. Er reißt den tanzenden Menschen mit und führt ihn heraus aus dem Ego, wenn er sich der Bewegung voll hingibt. Die Liebe ist größer als die Liebenden. Sie trägt alles, was Menschen tun und lassen. Sie wartet darauf, entdeckt zu werden ohne sich aufzudrängen. Die Künstler, die Poeten und Musiker sind es, die ihren Ruf kennen und ihm in ihrem Schaffen folgen. Die Menschen werden selbst zu Künstlern, wenn sie von der Kraft der großen Liebe mitgetragen werden. Denn die Liebe bietet den Anreiz für jede Form von Kreativität. 

Der Atem und die Ekstase 

Für Rumi war die Begegnung mit der Liebe ekstatisch und leidenschaftlich. Sie wird in allen Schattierungen der Gefühle, in ihrer Vielfalt und Buntheit erlebt. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich von der Gelassenheit Eckharts. Wo bei Eckhart die Leere von Liebe durchflutet wird, zeigt sich bei Rumi die Fülle als göttliche Offenbarung. Wo Eckhart in die Stille eintaucht, tanzt Rumi mit aller Hingebung zu ekstatischer Musik. Der Unterschied liegt nicht in der Erkenntnis oder deren Tiefe, sondern in der Persönlichkeit und in der Tradition, den Filtern jeder spirituellen Erfahrung und ihrer Ausdrucksweise. Die Tradition des mittelöstlichen Sufismus ist feuriger und sinnlicher als die christliche Mystik des Mittelalters. Sie nimmt den Körper auf den spirituellen Weg als Kanal mit und vertraut ihn seiner Weisheit an. Tanzend und feiernd schwingen die menschlichen Körper im Rhythmus des Universums, während der Geist in Verzückung gerät: „Drehung, Atem, Hände und Füße sind eins, bis du dich selbst loslässt.“ (Dīwān-e Shams)

Die Geburt Gottes im Menschen geschieht im Überschreiten der Körpergrenzen vor allem durch rhythmisiertes, intensives Atmen und ungehemmte Bewegungen. „Mit jedem Atemzug komme ich zu deiner Seele, wie der Atem selbst in deinem Innern strömt.“ (Mathnawī, Buch I)

Das Absolute manifestiert sich in körperlicher Form, als Verkörperung des Geistes und zugleich als Vergeistigung des Körpers. Typisch für Rumi ist also die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist. Wenn sich das verkrampfte Ich auflöst, wird der Körper spielerisch, fließend und frei: „Der Körper ist wie ein Instrument, und du bist der Klang; ohne dich ist dieses Instrument nichts wert.“

„Tanze dort, wo du dich selbst zerbrichst, wo du die Watte aus deinen Ohren ziehst.“ Das zerbrochene Ich, in dem alle fixen Gewohnheiten und Neurosen zerschmettert sind, beginnt sich frei zu bewegen in einem Tanz, in dem der Tanz und nicht mehr das Ich die Bewegung führt. Dieser Zusammenbruch geschieht, wenn die Wirklichkeit unmittelbar in ihrer Pracht wahrgenommen und erlebt werden kann. Dann ist alles entfernt, was die Wahrnehmung mit den eigenen Erwartungen und Absichten vorinterpretiert und filtert. Indem sich die körperlichen Blockaden lösen, wird der Geist frei. 

Wilhelm Reich und die Körpertherapie

Einen ähnlichen Ansatz hat übrigens Wilhelm Reich (1897 – 1957) verfolgt und in die moderne Psychotherapie eingeführt: Der Körper ist der Speicher der Traumatisierungen, die sich in Verspannungen (Panzerungen) niederschlagen. Mit körpertherapeutischen Methoden können diese Blockierungen gelockert und aufgelöst werden, sodass dann die Lebensenergie, das Orgon, wieder frei fließen kann. Auch bei ihm spielt der Atem eine führende Rolle und dient zugleich als Symbol für die Befreiung: „Die Lösung emotionaler Blockaden erfolgt häufig über die Befreiung der Atmung. Wo der Atem fließt, fließt die Lebensenergie.“ (aus: Charakteranalyse, 1933) „Der Atem ist die Grundlage allen Lebens; er drückt den seelischen Zustand aus und kann ihn verändern.“ (aus: Die Funktion des Orgasmus). Bei Reich steht allerdings nicht die spirituelle Suche, sondern die Psychotherapie im Zentrum des Interesses.

Stirb bevor du stirbst

In Rumis Werk findet sich die Formel des Todes vor dem Tod (موت قبل الموت): „Stirb, bevor du stirbst, damit du vor dem Tod sicher wirst, o Wachender.“ Wenn das Ich gestorben ist, gibt es nichts mehr, was Angst machen könnte, nicht einmal der physische Tod. Jede „gestorbene“ Fixierung ist ein kleiner Tod, der einen Schritt zur Befreiung beiträgt und in das endgültige Sterben des Ichs einübt. Jeder kleine Tod konfrontiert mit Angst und ist mit ihrer Überwindung verbunden, die eine besondere Kraft freisetzt. Dadurch wächst die innere Sicherheit. Der Gedanke an die eigene Endlichkeit verliert jeden Schrecken. Gelassen leben wir unserem Ende entgegen.

Alle Zitate stammen von Rumi. 

Zum Weiterlesen: 

Samstag, 20. Dezember 2025

Die Absichtslosigkeit bei Meister Eckhart

In der mystischen Lehre von Meister Eckhart (ca. 1260–1328) nimmt die Absichtslosigkeit einen zentralen Platz ein. Sie steht in enger Verbindung mit Begriffen wie Gelassenheit, Abgeschiedenheit, Armut im Geiste und des Gottes in der Seele.

Eckhart verwendet den Terminus „Absichtslosigkeit“ nirgends. Es geht aber genau darum, wenn er fordert, dass der Mensch „ohne Warum“ handeln soll: „Der Mensch soll so ledig sein aller Dinge und aller Werke, dass er Gott wirke ohne Warum.“

Mit dem „ohne Warum (sunder warumbe)“ meint Eckhart, dass jedes Handeln, das auf Lohn, Sinn oder Heil ausgerichtet ist, nur dem Eigenwillen dient, selbst wenn es ein religiöses Mäntelchen trägt. Es hilft nicht dem spirituellen Wachsen oder dem Weg zu Gott. Weiters geht es bei der Absichtslosigkeit nicht bloß um eine Form des moralischen Altruismus, der nicht nur auf sich, sondern auch auf das Wohl der anderen schaut. Vielmehr fordert das „ohne Warum“ das Überwinden aller Zwecksetzungen und Absichtsorientierungen. Selbst die Konzentration darauf, dem Höchsten zu dienen oder ein gottgefälliges Leben zu führen, beruht auf Selbsttäuschungen. So sagt Eckhart: „Wer Gott um eines Warum willen liebt, der liebt nicht Gott, sondern das Warum.“ Wer also einen Zweck mit seiner Liebe verbindet, liebt sich im Grund nur selbst in seinem Lieben, kreist also in einer narzisstischen Schleife.

Im Moment der  Selbstbesinnung gibt es keine intentionale Ausrichtung auf etwas in der Zukunft im Sinn einer Erwartung oder einer Absicht. „Der gerechte Mensch sucht nichts, weder dies noch das, weder Gott noch Seligkeit; denn er steht frei in der reinen Gegenwärtigkeit.“ Da es über diese reine Gegenwärtigkeit hinaus nichts Wesentliches gibt, findet dort jedes Begehren,  Wollen und Suchen ein Ende.  „Der Mensch soll so beten, dass er nichts begehrt, nichts will und nichts sucht.“ Das Gebet soll also immer frei sein von Bestrebungen und Wünschen. Wenn es aus dieser Präsenz kommt, ist es kein Bitten, sondern ein Ausdruck der Dankbarkeit.

Die Gelassenheit

Die Gelassenheit besteht bei Eckhart nicht in einer emotionalen Entspanntheit wie im modernen Wortsinn. Vielmehr geht es um das radikale Loslassen und Überwinden des Eigenwillens, um durchlässig für das Absolute zu werden. Auf diese Weise gelangt man zur Absichtslosigkeit. Es geht Eckhart also nicht um die Überwindung des Egoismus und Eigennutz im moralischen Sinn wie bei seinem Nachfolger Johannes Tauler (ca. 1300–1361), sondern um die noch viel radikalere Erkenntnis, dass jede Absicht aus dem selbstsüchtigen Ich stammt und der inneren Freiheit im Weg steht. Weder Zukunftserwartungen wie z.B. die Hoffnung, noch Bindungen an die Vergangenheit wie z.B. die Reue dürfen wichtig genommen werden; einzig den Moment, das „Nun“ gibt es im Zustand der Gelassenheit. Es ist also alles, was zum Ich gehört, hinter sich zu lassen: „Der Mensch soll so ledig sein seiner selbst, dass Gott in ihm wirken kann.“ 

Die Absichtslosigkeit, wie sie Eckhart sieht, ist ein direkter Ausdruck der Absolutheit. Die Absichtslosigkeit, wie sie für praktisches ethisches Handeln als Richtschnur dienen kann, gehört zur Sphäre des Relativen und entfaltet dort ihren Nutzen. Im Absoluten haben Absichten nichts verloren, wie auch alles andere, das an das Relative gebunden ist. Selbst die eigene Persönlichkeit, der Charakter, die Ich-Identität spielt keine Rolle mehr, wenn das Absolute gegenwärtig ist.

Die Armut im Geiste

In diesem Sinn spricht Eckhart von der „Armut im Geiste“. Der Zustand der Armut ist der des Verlustes jeden Halts und jeder Form im Relativen. Reichtum und Armut gibt es nur im Relativen. Im Absoluten fällt das alles weg: Das Wollen, das Wissen, das Haben:  „Ein armer Mensch ist der, der nichts will, nichts weiß und nichts hat.“ Das Wollen dient der Selbstvergewisserung des Ichs; das Wissen der Kontrolle über die Welt und das Haben der Absicherung der eigenen Existenz. Bar all dieser Versicherungen öffnet sich der innere Raum, in den das Göttliche einfließen kann. „Je leerer der Mensch ist, desto voller ist Gott in ihm.“ 

Wenn diese Leere besteht, dann gebiert Gott seinen Sohn in der Seele, so Eckhart. Das ist der Kernpunkt seiner Mystik, der nur ungelenkt in Worten ausgedrückt werden kann. Nach der christlichen Tradition ist  klar, dass die Geburt des Sohnes Gottes auch die Geburt des Menschen ist: Gott ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt. Für den Mystiker geht es da nicht um ein historisches Ereignis vor 2000 Jahren, sondern um die Erfahrung, die geschieht, wenn der Zustand der Absichtslosigkeit, der Abgeschiedenheit und der Armut im Geist erreicht ist. Das Göttliche tritt in seiner Unmittelbarkeit auf, sodass auch die Wendung von der „Geburt Gottes in der Seele“ passt: Im tiefsten Inneren des Menschen, in dem das Relative seine Macht und seinen Einfluss verloren hat, kommt Gott zur Welt, und der Mensch steht in der Bewusstheit seiner Göttlichkeit.

Aus der Haltung der Absichtslosigkeit folgt übrigens auch, dass ein Gott nur absichtslos handeln kann. Denn  nach dem Verständnis von Eckhart ist auch Gott nicht von Zwecken geleitet, und der Mensch, der sich Gott annähert (oder: Gott in seiner Seele gebiert), muss oder wird deshalb auf seine Absichten verzichten. Im Bewusstsein des Göttlichen sind alle Absichten verschwunden, weil es nichts mehr braucht, was über den Augenblick hinausreicht.

Jenseits von Raum und Zeit

Eine weitere Bestimmung des Absoluten können wir bei Eckhart in Bezug auf Raum und Zeit finden: Es gibt keine Zeit und keinen Ort in ihm. Die Zeit bleibt stehen: „Die Ewigkeit ist ein stehendes Nun.“ Die Ewigkeit ist also nicht eine unendlich lange Zeit, sondern das Jenseits der relativen Zeit. 

Alles Zeitliche und Räumliche ist relativ; die relative Welt beginnt und endet in Raum und Zeit, bzw. mit der relativen Welt enden Zeit und Raum. Im Gewahrsein des Absoluten tritt der Mensch aus dem raum-zeitlichen Koordinatensystem heraus. „Solange der Mensch noch in Zeit und Ort steht, so lange erkennt er Gott nicht.“

Die Rückbeziehung auf die Natur

Einen weiteren Zugang zum Verständnis der Absichtslosigkeit können wir aus der Rückbezogenheit auf die Natur gewinnen. Bei Angelus Silesius steht: „Die Rose ist ohne Warum; sie blühet, weil sie blühet.“ Die Natur ist frei von Absichten, sie wächst, weil sie wächst und sie schrumpft, weil sie schrumpft. Sie entfaltet sich in einem beständigen Prozess des Werdens und Vergehens. 

Für den Menschen heißt das, dass sein Leben den Sinn in sich trägt, weil es lebt. Es braucht keinen Zweck, der ihm erst den Sinn gäbe. Vielmehr geht auf der Suche nach dem Zweck der Sinn verloren. Mit anderen Worten: Mit der Frage nach dem Zweck geraten wir von der Sphäre des Absoluten ins Relative, und im Relativen gibt es nur einen relativen Sinn. Das „Sunder warumbe“ Eckharts kennzeichnet eine Haltung, die auf jedes Beiwerk zur Ausschmückung und Rechtfertigung der eigenen Existenz verzichtet und sich auf die Einfachheit des Seins beschränkt, die frei ist vom Wollen von etwas, das nur in der Fantasie existiert.

 Jede Warum-Frage führt zu Begründungen und zu Rechtfertigungen, im Grund immer zu Erzählungen, die mit der Vergangenheit oder der Zukunft zu tun haben. Das Warum zeigt auf, dass das, was ist, bedingt ist, und die Frage zielt auf die Bedingungen. Es braucht etwas anderes, um zu sein. So sind die Zusammenhänge in der relativen Welt der Raum-Zeitlichkeit beschaffen. In der Welt des Absoluten fallen all diese Verbindungen und Abhängigkeiten zusammen in eins, in die Einfachheit des Seins.

Die Abgeschiedenheit

Werfen wir noch einen Blick auf ein Zitat von Meister Eckhart, das verwunderlich erscheint: „Abgeschiedenheit ist besser als Liebe.“ Auf den ersten Blick vermeint man eine Empfehlung für die eremitische Lebensweise mit dem asketischen Verzicht auf zwischenmenschliche Liebe zu hören. Doch geht es Eckhart mit dem Ausdruck der Abgeschiedenheit nicht um einen Lebensstil der Absonderung, sondern um einen inneren Weg, in dem es um das Abscheiden von allen Versuchungen des Egos geht. Abgeschieden (von den eigenwilligen Impulsen) ist jemand, der keine Absichten und Erwartungen hat und der seinen Eigenwillen einer höheren Lenkung überlassen hat. Die menschliche Liebe ist immer auf eine andere Person bezogen, sie beruht also auf einem Verhältnis von Subjekt und Objekt (Liebender und Geliebtes) und ist in dieser Weise Teil der Relativität. Sie kommt und geht als Phänomen persönlichen Erlebens. Sie ist emotional beladen und vergänglich.

Erst mit der vollzogenen Abgeschiedenheit kann die andere Form der Liebe auftreten, die der Impulsgeber und der Zielpunkt jeder menschlichen Liebesbemühung ist, die reine oder die göttliche Liebe. Sie ist nicht an Absichten, Erwartungen oder Bedingungen geknüpft, sondern für Eckhart nur im Zentrum der Seele, in der Gott geboren ist, erfahren werden kann. Sie ist frei von Beziehungen oder Verhältnissen, weil sie einfach ist und durch alles, was ist, hindurch wirkt.

Anmerkung: Alle Zitate stammen von Meister Eckhart, übersetzt aus dem Mittelhochdeutschen.

Zum Weiterlesen:
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit
Erwartungen und Enttäuschungen
Absichtslosigkeit in der Therapie


Freitag, 19. Dezember 2025

Das Zeiterleben und die Geburt

Bei den folgenden Überlegungen handelt es sich nicht um das Erkennen von Gesetzmäßigkeiten oder von kausal gültigen Wenn-Dann-Zuordnungen. Vielmehr sollen sie dazu dienen, Formen des Umganges mit der Zeit, die sich von Mensch zu Mensch unterscheiden, mit Geburtserfahrungen zu vergleichen, sodass im Einzelfall ein Verständnis für den Ursprung von vorherrschenden Arten des Zeiterlebens gewonnen werden kann. Es werden Möglichkeiten von solchen Zusammenhängen erörtert, die im einen Fall zutreffen werden, im anderen nicht. Es ist dabei immer auch zu berücksichtigen, dass solche Muster in zwei Reaktionsformen auf das jeweilige Geburtserleben erfolgen können: Zum einen kann der Stress des eigenen Geburtserlebens in jeder Situation, in der die Zeit als begrenzt erlebt wird, reaktiviert werden. Zum anderen kann es zu einer Gegenbesetzung kommen: Es wird das gegenteilige Muster vom Erlebten umgesetzt und der Stress wird in Passivität umgewandelt.

Die Zeit als knappes Gut im Geburtsprozess

Mit dem Einsetzen des Geburtsprozesses tritt erstmals die Zeit als knappes Gut ins Leben des noch Ungeborenen. Bei einem ungetrübten, also traumafreien Verlauf der Schwangerschaft spielt die Zeit keine wichtige Rolle. Für den Fötus gibt es nichts zu tun und nichts zu versäumen. Er ist mit seinem Wachsen und Reifen beschäftigt, während er mit den Zeitrhythmen der Mutter mitschwingt, mit denen er über Atmung, Herzschlag und hormonelle Zyklen verbunden ist. Zeitdruck oder Zeitmangel kennt er allenfalls aus dem Erleben der Mutter.

Sobald aber die Geburt einsetzt, ändern sich die Bedingungen radikal. Der Wehendruck kommt in massiven Wellen und drängt das Baby vorwärts, in den Geburtskanal. Jede Wehe transportiert eine druckvolle Erwartung: Es muss etwas weitergehen, sonst wird es gefährlich, unter Umständen sogar lebensgefährlich. Die Ressourcen, vor allem Sauerstoff und Nährstoffe, die vorher im Überfluss vorhanden waren, werden knapp. Unter Umständen ist die Sauerstoffzufuhr verringert oder unterbrochen, was Überlebensängste auslöst. Die Dramatik kann sich zuspitzen, wenn es um Leben oder Tod von Mutter und Kind geht, sollte die Geburt nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gelingen. Der Fötus spürt die Macht der Zeit – reduzierte Ressourcen, während der Druck wächst und das Durchbrechen der Widerstände, die sich dem Austreten entgegenstellen, immer schwieriger wird. Die Zeit muss optimal genutzt werden, um eine Katastrophe zu vermeiden.

Aus solchen Erfahrungen entsteht die Verbindung von Zeit und Stress. Die Zeit wird als knappes Gut erfahren. Wird sie nicht ausreichend genutzt, ist das eigene Überleben bedroht. Daraus prägt sich die Grunderfahrung ein: Wenn viel Stress herrscht, ist die Zeit knapp. Das gilt auch umgekehrt: Stress bewirkt das Gefühl von Zeitknappheit. Stress entsteht bei der subjektiven Erfahrung von Bedrohung, die dann entsteht, wenn der Eindruck herrscht, dass zu wenige Ressourcen zur Verfügung stehen, um eine Bedrohung abzuwenden. Zeit wird in der Geburt zum ersten Mal zu einer lebensbestimmenden Macht, die auslaufen kann, wenn die Herausforderung nicht rechtzeitig bewältigt wird. Läuft die Zeit aus, ist das Leben zu Ende.

Die Geburt und unterschiedliche Formen des Umgangs mit Zeit

Entsprechend der jeweiligen Geburtserfahrung bilden sich unterschiedliche Persönlichkeitstypen im Umgang mit der Zeit aus. Bei Menschen, deren Geburt frühzeitig, also vor dem errechneten Zeitpunkt stattgefunden hat, können wir vermuten, dass das Ungeborene die Gebärmutter möglichst schnell verlassen wollte, eventuell, um ungünstigen oder unangenehmen Bedingungen, die dort herrschten, zu entkommen. 

Es kann sich das Muster entwickeln, alle Arbeiten möglichst früh zu erledigen, weil dann später die Zeit fehlen könnte. Die Koffer müssen drei Tage vor der Abfahrt fertig gepackt sein. Solche Personen trachten danach, möglichst früh vor einem Termin einzutreffen. Die Angst führt die Regie, dass es gefährlich werden könnte, wenn zu lange zugewartet wird und man dadurch zu spät kommt. 

Geht es um eine eingeleitete Geburt, so bildet sich eine Ansicht, dass andere, fremde Personen die Zeit und damit den Stresspegel bestimmen. Daraus kann sich der dringende Wunsch entwickeln, über die eigene Zeit selbst bestimmen zu wollen; niemand soll da dreinreden. Solche Menschen tun sich schwer mit vorgegebenen Zeitplänen. Entweder neigen sie zur Übererfüllung oder zur Vernachlässigung, indem sie zu spät kommen und damit demonstrieren wollen, dass sie sich nicht nach anderen richten wollen. In der Gegenbesetzung bildet sich ein Muster, sich immer nach den Zeitplänen anderer zu richten und selbst keine Initiativen zu setzen, was die Zeitplanung anbetrifft.

Bei einer übertragenen Geburt, die also einige Zeit nach dem errechneten Termin erfolgt, kann man spekulieren, dass sich das Ungeborene die Zeit nimmt, die es noch gerne im Mutterleib verweilen möchte. Es will die Geborgenheit im Mutterleib so lange auskostet, wie es geht. Später kann sich das Zeitmuster ausbilden, bis zum letzten Moment zu warten, um z.B. zu einem Zug aufzubrechen oder einen Termin einzuhalten. Es ist das Gefühl vorherrschend, genügend Zeit zu haben und den Zeitpunkt selbst wählen zu können. Die Angst richtet sich eher darauf, etwas zu versäumen, wenn man, weil zu früh auf dem Bahnsteig, auf den Zug warten muss, oder dass man sich die Zeit im Wartezimmer des Arztes vertreiben muss. Der jeweilige Ort des Verweilens, an dem man sich gerade befindet, bietet die beste Sicherheit und Gewähr, nichts zu versäumen und keiner Gefahr ausgesetzt zu sein. Veränderungen des Orts sind hingegen mit Vorsicht zu genießen. 

Bei diesem Muster werden Erledigungen oft erst zu letztmöglichen Termin ausgeführt oder so lange hinausgezögert, dass es dann irgendwann zu spät ist. Pünktlichkeit heißt hier, nicht eher als zur ausgemachten Zeit zum Treffpunkt zu kommen, keinesfalls früher, notfalls eben später.

Ähnlich wie bei einer eingeleiteten Geburt spielen auch bei einem Kaiserschnitt fremde Personen die maßgebliche Rolle bezüglich der Zeitstruktur der Geburt. Das eigene Zeiterleben wird außer Kraft gesetzt und ignoriert. Dazu kommt noch die Macht, die von diesen Menschen über die Geburt selbst ausgeübt wird. Nicht die Mutter und das Kind lenken die Geburt, sondern Ärzte und Hebammen. Beide, Mutter und Kind sind gegen deren Willen machtlos. Sie übernehmen den Prozess, sie übernehmen das Zeitmanagement. Die Zeit wird als fremdbestimmt erlebt.

Das Muster, das aus solchen Erfahrungen entstehen kann, ist die Abneigung und der Widerstand gegen jede Form der Fremdbestimmung und insbesondere der Verfügung über die eigene Zeit: Termine werden vergessen, missachtet oder großzügig ausgelegt. In der komplementären Reaktionsform kommt es dazu, sich vor allem auf die anderen zu verlassen, was das Einteilen ein Einhalten von Terminen anbetrifft, und sich allenfalls nachher aufzuregen, dass man nicht miteinbezogen wurde.

Resilienzfaktoren

Ob sich solche Muster im späteren Leben auswirken, hängt von vielen Faktoren ab. Ein wichtiges Element besteht darin, dass die Eltern zu gegebener Zeit mit dem Kind über seine Geburt sprechen. Dann kann es besser verstehen, was es geprägt hat. Dabei ist auch zu beachten, dass sich geplante Kaiserschnitte anders auswirken als Notoperationen. Wenn die Eltern Verständnis für die Unterbrechung des natürlichen Geburtsprozesses und den damit verbundenen Stress haben, hilft das dem Kind, dieses Ereignis zu verarbeiten.

Ob und wie schwer sich belastende Geburtserfahrungen auf das weitere Leben auswirken, hängt sehr davon ab, wieviel Zuwendung und liebevolle Fürsorge das Baby und das Kleinkind bekommt. Umgekehrt, wenn auf eine schwere Geburt emotional belastende Zeiten in der frühen Kindheit folgen, können die Geburtserfahrungen nicht ausgeglichen werden. In der Folge prägen sich Überlebensmuster aus, die verhindern sollen, dass sich ähnliche Erfahrungen wie bei der Geburt wiederholen. 

Zum vertieften Verstehen der Geburt ist immer auch die intrauterine Vorgeschichte bis zur Empfängnis zu beachten. Der Geburtsablauf und seine Prägungen sind manchmal von diesen Früherfahrungen beeinflusst. Der Verlauf der Schwangerschaft kann Spuren im Geburtsprozess hinterlassen. Auch frühere Schwangerschaften und Geburten der Mutter spielen eine Rolle, ebenso wie  Fehlgeburten oder Abtreibungen. 

Montag, 15. Dezember 2025

The Avalanche (die Lawine) - ein Text von Leonard Cohen

Auf dem Album: “Songs of Love and Hate” hat Leonard Cohen 1971 das Lied “The Avalanche” gesungen, hier der Text:

I stepped into an avalanche
It covered up my soul
When I am not this hunchback that you see
I sleep beneath the golden hill
You who wish to conquer pain
You must learn, learn to serve me well
You strike my side by accident
As you go down for your gold
The cripple here that you clothe and feed
Is neither starved nor cold
He does not ask for your company
Not at the center, the center of the world
When I am on a pedestal
You did not raise me there
Your laws do not compel me
To kneel grotesque and bare
I myself am the pedestal
For this ugly hump at which you stare
You who wish to conquer pain
You must learn what makes me kind
The crumbs of love that you offer me
They're the crumbs I've left behind
Your pain is no credential here
It's just the shadow, shadow of my wound
I have begun to long for you
I who have no greed
I have begun to ask for you
I who have no need
You say you've gone away from me
But I can feel you when you breathe
Do not dress in those rags for me
I know you are not poor
And don't love me quite so fiercely now
When you know that you are not sure
It is your turn, beloved
It is your flesh that I wear

In deutscher Übersetzung:

Ich bin in eine Lawine geraten. 
Sie hat meine Seele bedeckt.
Wenn ich nicht dieser Bucklige bin, den du siehst, schlafe ich unter dem goldenen Hügel.
Du, die du den Schmerz besiegen willst, musst lernen, lernen, mir gut zu dienen.
Du triffst mich versehentlich an der Seite, während du nach deinem Gold suchst.
Der Krüppel hier, den du kleidest und fütterst, ist weder hungrig noch friert er;
Er bittet nicht um deine Gesellschaft.
Nicht im Zentrum, dem Zentrum der Welt, wenn ich auf einem Sockel stehe. 
Du hast mich nicht dorthin erhoben, deine Gesetze zwingen mich nicht, grotesk und nackt zu knien. Ich selbst bin das Podest.
Für diesen hässlichen Buckel, den du anstarrst, du, die du den Schmerz besiegen willst, musst du lernen, was mich gütig macht;
Die Krümel der Liebe, die du mir anbietest, sind die Krümel, die ich zurückgelassen habe.
Dein Schmerz kann hier nicht als Legitimation dienen. Er ist nur der Schatten, der Schatten meiner Wunde.
Ich habe begonnen, mich nach dir zu sehnen, ich, der ich keine Gier habe.
Ich habe begonnen, nach dir zu frage, ich, der ich kein Bedürfnis habe.
Du sagst, du hast dich von mir entfernt, aber ich kann dich spüren, wenn du atmest.
Zieh diese Lumpen nicht für mich an, ich weiß, dass du nicht arm bist.
Du liebst mich jetzt nicht mehr ganz so leidenschaftlich. Wenn du weißt, dass du dir nicht sicher bist, dass du an der Reihe bist, Geliebte, dann ist es dein Fleisch, das ich trage.

Hier einige Gedanken zu dem Text: 

Eine Lawine stellt einen überwältigenden Beweis für die Macht der Natur über den Menschen dar. Wenn sie auf uns zukommt, kann sie uns jeden Moment vernichten. Wir sind dieser Macht ausgesetzt, die sich völlig unserer Kontrolle entzieht und uns gnadenlos überrollt, wenn wir an der falschen Stelle sind. 

Ebenso sind wir der Macht unseres Unterbewusstseins ausgesetzt, das wie eine Lawine unsere Seele überfluten und völlig unterwerfen kann. Wenn eine derartige Katastrophe über uns hereinbricht, geschehen oft zwei Dinge: Es entsteht eine unmittelbare und massive Angst vor dem Tod und danach ein Gefühl der Geborgenheit – so zeigen sich die beiden Seiten des Todes, der in solchen Erfahrungen anklopft: Zerstörung und Trost. 

Auf einer spirituellen Ebene können wir die majestätische Welle einer Lawine mit der Metapher eines Abgrunds in Verbindung bringen, an dem die Seele mit der Forderung konfrontiert wird, das Ego vollständig loszulassen. Das Stehen an einer Grenze, an der die Entscheidung verlangt wird, ins Unbekannte zu springen oder sich fallenzulassen, ist verbunden mit immenser Angst – das Risiko, das Ego zu verlieren, das den Schutz des Überlebens darstellt, und nicht zu wissen, ob man ohne es überleben wird oder nicht. Es ist der Punkt auf der spirituellen Suche, an dem der Suchende mit der Kraft der absoluten Wahrheit konfrontiert wird. Dann hat er nur die Wahl, zurückzuweichen oder sich hinzugeben und sich von der Lawine überrollen zu lassen.

Der Bucklige symbolisiert die Lasten des Schmerzes und Leidens, die wir im Laufe unseres Lebens, insbesondere während der Kindheit, ansammeln. Oft präsentieren wir uns mit dieser Last, um einen Vorteil in Form von Mitleid von anderen zu erhalten. So begeben wir uns in eine Position der Schwäche und nehmen die Opferrolle ein. Wenn es uns gelingt, die Last zu überwinden und Zugang zu unserer erwachsenen Kraft zu finden, nehmen wir eine aufrechte Haltung ein, die Haltung der Würde. Mit diesem Schritt gelangen wir an die Pforten des Paradieses, denn wir erkennen, dass wir alles haben, was wir für unser Leben brauchen. So baden wir im Licht des goldenen Hügels. Dort können wir in völliger Unschuld einen erquickenden Schlaf finden.

Es ist unser Ego, das unseren Schmerz gewaltsam überwinden will. Es will ihn mit allen möglichen Anstrengungen auslöschen, aber das funktioniert nicht; stattdessen verstärkt jeder Einsatz von Gewalt das Leiden. Das Ego muss lernen, zu dienen und nicht zu dominieren, denn es ist ein schlechter Herr, aber ein guter Diener. Wenn das Ego beginnt, auf das Selbst zu hören, kann es seinen Weg zu einer dienenden Position finden.

Solange das Ego seinen illusorischen Schätzen, seinem falschen Gold, nachjagt, verletzt es die Seele, denn die Seele leidet unter der Verherrlichung vergeblicher Bemühungen, die nur auf Selbsttäuschung beruhen. Wenn wir uns erlauben, die Auswirkungen der Schläge des Egos zu spüren und den Schmerz, den sie verursachen, bewusst zu erleben, können wir beginnen, die Mechanismen der Selbstverletzung und Selbsthemmung zu verstehen, die wir uns unser ganzes Leben lang zugefügt haben. Dann wachsen wir über unser verkrüppeltes Selbst hinaus zu unserer erwachsenen Kraft und Selbstbestimmung.

Der Krüppel, den das Ego nährt, ist die Karikatur des reifen Selbst. Das Selbst wird vom Ego kleingehalten, ausgehungert und der Kälte ausgesetzt. Das Ego will in seiner Anmaßung das Selbst darauf hinweisen, dass es nur von ihm heil werden kann. Aber die Seele ist weder benachteiligt noch arm, daher braucht sie für ihr Wachstum weder die Gesellschaft noch die Unterstützung des Egos.

Es gibt ein Zentrum der Welt, in dem wir den Sockel, den höchsten Punkt, einnehmen. Dieses Podest ist die Metapher für den Gipfelpunkt der Individuation, für die vollständige Verwirklichung unseres Selbst. Es ist nicht das Ego, das diesen Prozess vorangetrieben oder kontrolliert hat, sondern die innewohnende schöpferische Kraft des Selbst, die nach Reife strebt. Ein solcher Prozess kann nur gegen die Wahnvorstellungen und Widerstände des Egos erfolgreich sein. Wenn wir jedoch auf groteske Weise niederknien, indem wir die Idole der Täuschung verehren, rennen wir Fantasien und Illusionen nach und verlieren die Verbindung zu uns selbst als Zentrum unserer inneren Welt. Stattdessen werden wir zu einem Podest für andere und deren Machtmissbrauch. Wir machen uns also zu willenlosen Mitteln für die Zwecke anderer.

Das Ego mit seiner oft überbordenden Selbst- und der Fremdkritik konzentriert sich auf die Fehler der Person, auf ihre Unvollkommenheiten (den hässlichen Buckel), und zeichnet sich durch das Grübeln mit herabwürdigenden Gedanken aus. Um den Schmerz zu überwinden, ist eine freundliche und zugewandte Art gefragt, eine selbstmitfühlende Haltung gegenüber allen Unzulänglichkeiten der eigenen Persönlichkeit. Das Ego schafft es gerade einmal, Krümel der Liebe zu erzeugen, die für den Prozess der Individuation nutzlos sind und hinter sich gelassen werden. Das Leiden, das das Ego präsentiert, leitet sich aus einer erfundenen Geschichte ab, einer selbstvergessenen Erzählung der eigenen Geschichte als Opfer gemeiner äußerer Kräfte, die für alles Leiden verantwortlich gemacht werden.

An dieser Stelle wechselt die Perspektive des Gedichts explizit von der Beziehung zwischen Ego und Selbst zu einer zwischenmenschlichen Beziehung. Zugleich wird hier deutlich, dass die beiden Sichtweisen immer ineinander verschränkt sind. Innere und äußere Beziehungen sind untrennbar verflochten. Denn Inneres wird nach außen projiziert, und Äußeres wird introjiziert. Wir begegnen also unserem Ego in den anderen Menschen, die uns unsere Schattenseiten spiegeln.

Die reine Liebe ist frei von Gier, Erwartungen und Bedürfnissen. Sie streckt sich nach der geliebten Person aus und umfasst sie, selbst wenn sie geht. Die Verbindung bleibt bestehen und hat anhaltende Auswirkungen, wenn die Liebe frei von Bedingungen ist. Das Atmen, der Lebensfluss in der geliebten Person bleibt spürbar und trägt weiter.

Die reine Liebe befasst sich nicht mit den Schattenseiten oder Schwächen des anderen (in die „Lumpen“, in die sie gekleidet ist), sondern verbindet sich mit dem Reichtum und der Schönheit der geliebten Person, selbst wenn sie sich für geringer einschätzt. Die bedingungslose Liebe bleibt unberührt, selbst wenn die Liebe des anderen schwächer und geringer wird. Aber die Beziehung kann nur dann wachsen und gedeihen, wenn beide Seiten den Zugang zur Tiefe der Liebe offenhalten können, in der das Fleisch, die Lebendigkeit des anderen zu einem Gewand für sich selbst wird. Dann kann auch die Liebe Lawinen lostreten, die alles unter sich begraben, was sie beschränkt.


Samstag, 13. Dezember 2025

Die Gehirnentwicklung im Alter

Das Gehirn durchläuft nach einem wissenschaftlich umfassend belegten Modell fünf Phasen im Leben eines Menschen. Sie unterscheiden sich durch vier markante Wendepunkte und reichen von der Geburt bis ins hohe Alter. Diese Phasen sind: Kindheit (Geburt bis ca. 9 Jahre), langes Jugendstadium (ca. 9 bis 32 Jahre), Erwachsenenalter (ca. 32 bis 66 Jahre), frühes Altern (ca. 66 bis 83 Jahre) und hohes Alter (ab ca. 83 Jahre). 

Unser Gehirn ist also unser ganzes Leben lang Umstellungsprozessen ausgesetzt, die den evolutionär vorgegebenen Anforderungen des jeweiligen Alters am besten entsprechen sollen. 

  • Kindheit (Geburt bis ca. 9 Jahre): Diese Phase ist durch ein starkes Wachstum der grauen und weißen Substanz sowie durch eine anfängliche Überproduktion und anschließende Bereinigung von Synapsen gekennzeichnet.
  • Jugend und frühes Erwachsenenalter (ca. 9 bis 32 Jahre): In dieser Phase werden die Netzwerke im Gehirn effizienter, sowohl innerhalb einzelner Regionen als auch über weite Distanzen hinweg.
  • Erwachsenenalter (ca. 32 bis 66 Jahre): Dies ist die längste stabile Phase des Gehirns, in der die maximale Leistungsfähigkeit erreicht wird, bevor die Umstrukturierung beginnt.
  • Frühes Altern (ca. 66 bis 83 Jahre): In dieser Phase beginnt eine allmähliche Umstrukturierung der Hirnnetzwerke, die durch einen Wendepunkt um das 66. Lebensjahr markiert wird.
  • Hohes Alter (ab ca. 83 Jahre): Dies ist die fünfte und letzte Phase, die im Durchschnitt mit etwa 83 Jahren beginnt und durch eine Verschiebung von globalen zu lokalen Mustern gekennzeichnet ist. 

Ich gehe im Folgenden besonders auf die Veränderungen im frühen und hohen Alter ein, also auf die Umstrukturierungen, die mit dem Alterungsprozess verbunden sind. Es ist dabei die „normale“ Entwicklung von alterstypisch krankhaften Entwicklungsstörungen (Alzheimer, Demenz etc.) zu unterscheiden.

Die  Phase des frühen Alters (ab ca. 66)

1. Strukturelle Veränderungen

Es kommt zu einem nichtpathologischen Rückgang des Volumens. Das Gehirnvolumen nimmt in vielen Kortexarealen kontinuierlich ab (0,2–0,5 % pro Jahr). Besonders betroffen sind: der präfrontale Kortex, der Hippocampus und die Basalganglien, während die sensorischen Areale relativ stabil bleiben.

Weiters verändert sich die Weißsubstanz. Das sind jene Bereiche im Gehirn, die vor allem aus myelinisierten Nervenfasern bestehen, also aus Nerven, die von einer Fettschicht umgeben sind, um die Impulse schneller übertragen zu können. Die Myelindicke geht im Alter zurück, und damit steigt die Anfälligkeit für „white matter hyperintensities“. Darunter versteht man hellere Signale im MRT, die auf winzige Veränderungen im Hirngewebe hinweisen, die durch Störungen in den Blutgefäßen entstehen. Sie können durch chronisch hohen Blutdruck, Diabetes, Atherosklerose und durch die altersbedingte Abnahme der Flexibilität der Blutgefäße entstehen. 

Dazu kommt, dass die Langstreckenverbindungen im Gehirn an Effizienz verlieren, während Kurzstreckenverbindungen relativ gut erhalten bleiben. 

All diese strukturellen Veränderungen bedeuten nicht zwangsläufig, dass sich die kognitiven Leistungen verschlechtern, vielmehr kennzeichnen sie eine Verschiebung der Netzwerkarchitektur, also eine Umschichtung der Prioritäten und die Bereitstellung von Ressourcen für das Umgehen mit Alterungsprozessen in den Blutgefäßen und Nerven des Gehirns.

2. Funktionelle Reorganisation 

Darunter fallen Prozesse der Kompensation und der Entdifferenzierung, die zu einer Umschichtung der Zuständigkeiten im Gehirn führen. Unterschieden werden mehrere Anpassungsvorgänge:

Die Abnahme der hemisphärischen Spezialisierung: ältere Erwachsene nutzen beide Hemisphären, wo früher eine Seite genügte. Vermutlich sollen möglichst viele Ressourcen zur Verfügung stehen, wenn irgendwo in einer Hemisphäre Schwächen oder Störungen auftreten. (HAROLD-Modell)

Die Verschiebung von vielen Aktivitäten aus posterioren in anteriore Hirnregionen, d.h. eine Verlagerung von „hinten“ nach „vorne“: Die präfrontalen Bereiche übernehmen exekutive Kontrollfunktionen, um die Wahrnehmung und das Gedächtnis zu stabilisieren. (PASA-Effekt)

Ältere Menschen setzen früher (bei geringerer Belastung) zusätzliche Aktivierungsareale ein. Damit wird die Leistung bis zu einer „Ressourcengrenze“ gesichert, also bis zu dem Punkt, an dem das Gehirn überfordert ist. (CRUNCH-Modell)

3. Neurochemische Veränderungen

Der Rückgang der dopaminergen Transmission erstreckt sich über das ganze Leben und verstärkt sich ab der Mitte des Lebens: ca. −10 % pro Lebensdekade weniger Dopamin steht ab 40 zur Verfügung. Die Folgen sind, dass im Alter die Lernkurven flacher sind, die Sensitivität für positive Feedbacksignale geringer wird und die Motivation abnimmt. Weiters laufen Entscheidungen langsamer ab und die kognitive Dynamik ist geringer, die Bewegungsfluidität ist herabgesetzt, ebenso die Feinmotorik. Handlungen oder Bewegungen werden verzögert eingeleitet und die Haltungskontrolle ist reduziert (damit ist die verminderte Fähigkeit, sowohl im Stehen als auch in der Bewegung die Körperhaltung aktiv zu stabilisieren und feinzusteuern gemeint).

Weniger stark ist die Reduktion bei Serotonin und Acetylcholin. In Bezug auf die NMDA (Glutamat-) und GABA (Gamma-Aminobuttersäure)-Rezeptorbalance geht zwar die Plastizität zurück, dafür ist die Stabilität höher. Eine stabile Balance ist entscheidend für optimale Informationsverarbeitung, synaptische Plastizität und Netzwerkstabilität.

4. Kognitive Merkmale dieser Phase

Zu Abnahmen kommt es in Bezug auf die Verarbeitungsgeschwindigkeit, das episodische Gedächtnis und die selektive Aufmerksamkeit. Eine Abnahme des episodischen Gedächtnisses, insbesondere der Einspeicherung, beschreibt die altersbedingte oder pathologische Verminderung der Fähigkeit, neue Ereignisse und Erfahrungen bewusst zu speichern und später wieder abrufen zu können. Das episodische Gedächtnis ist der Teil des deklarativen Gedächtnisses, der das „was, wann und wo“ von persönlichen Erlebnissen kodiert. Eine Abnahme betrifft vor allem die Anfangsphase der Gedächtnisbildung – die Enkodierung – also die effektive Aufnahme und Speicherung von Informationen.

Stabil oder verbessert sind in dieser Phase folgende Funktionen: Das semantische Wissen, Wortschatz, emotionale Regulation, ganzheitliche Problemlösung („crystallized intelligence“) und  sozial-kognitive Kompetenzen (Theory of Mind, Konfliktvermeidung). Mit der „Theory of Mind“ ist die Fähigkeit gemeint, mentale Zustände anderer Menschen – wie Überzeugungen, Absichten, Wünsche, Wissen oder Emotionen – zu erkennen, zu verstehen und vorherzusagen. Sie ermöglicht es, das Verhalten anderer in sozialen Interaktionen korrekt zu interpretieren und darauf zu reagieren. Die Theory of Mind ist zentral für Empathie, Kommunikation, Kooperation und komplexe soziale Interaktionen.

5. Die Bedeutung von Neuroplastizität im höheren Alter

Wichtig ist zu verstehen, dass die Phase 4 keine degenerative Phase ist, sondern dass es sich um eine Phase der Plastizität unter veränderten Rahmenbedingungen handelt.

Was können wir tun, um im Alter gehirnfit zu bleiben? Der Schlüsselwert heißt BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor), also ein neurotropher Wachstumsfaktor im Gehirn. Eine BDNF-Erhöhung bedeutet, dass die Konzentration dieses Proteins im Gehirn oder im Blut ansteigt, was positive Effekte auf die Gehirnfunktion hat. 

Der BDNF wird durch physische, kognitive und soziale Faktoren stimuliert. Aktuell gut belegt sind positive Effekte durch:

  • Körperliches Training (v. a. Ausdauertraining) führt zur deutlichsten und gut belegten Erhöhung
  • Kognitive Stimulation (Lernen, komplexe Aufgaben)
  • Meditation und Achtsamkeitstraining
  • Soziale Interaktion und emotional positive Erfahrungen
  • Ernährung: Omega-3-Fettsäuren, Polyphenole, Flavonoide
  • Schlafqualität: ausreichender Tiefschlaf fördert BDNF
  • Soziale Verbundenheit
  • Lebenssinn 
  • Anti-Stress-Faktoren (Cortisolreduktion)

Das Gehirn verändert sich also weiter — langsamer, aber hoch funktional. Und es erfreut sich an kognitiven Herausforderungen, gesunder Nahrung, ausreichendem Schlaf, viel Bewegung und guten sozialen Kontakten.

Die Phase des hohem Alter (ab ca. 83 Jahre) 

Dies ist die fünfte und letzte Phase der Gehirnentwicklung, die im Durchschnitt mit etwa 83 Jahren beginnt und durch eine Verschiebung von globalen zu lokalen Mustern gekennzeichnet ist. 

Die Veränderungen in dieser Phase haben wieder nichts mit pathologischen Prozessen (wie Demenz) zu tun, sondern mit den natürlichen Endstadien der Hirnentwicklung im höheren Alter. Viele Menschen bleiben trotz dieser Veränderungen funktional relativ stabil, vor allem wenn die kompensatorischen Netzwerke und kognitiven Reserven hoch genug sind.

1. Strukturelle Veränderungen

Akzentuierter Volumenverlust

  • Beschleunigter Rückgang im Hippocampus, entorhinalem Kortex und in den frontalen Arealen. Der entorhinale Kortex spielt eine Schlüsselrolle bei Gedächtnis, räumlicher Orientierung und der Kopplung von Wahrnehmung und Erinnerung. Im Kontext des alternden Gehirns besitzt er besondere Bedeutung, da er eine der frühest betroffenen Regionen bei altersassoziierten und neurodegenerativen Prozessen ist.
  • Die kortikale Dicke nimmt zunehmend ab; die Areale für die sensorische Integration werden teilweise dünner.

Markanter Rückgang der Weißsubstanzintegrität

  • Beachtet wird die Zunahme von White Matter Hyperintensities und die Abnahme der Axonleitfähigkeit und der Konnektivität großer Netzwerkverbünde (Default Mode Netzwerk, Frontoparietales Netzwerk). Diese Veränderungen führen zu einer reduzierten Effizienz bei langen Ketten der Informationsverarbeitung.

2. Die Netzwerkdynamik: 
Der Verlust von Flexibilität und reduzierte Kompensation

Die Kompensationsmodelle der Phase 4 (HAROLD, PASA, CRUNCH) funktionieren weiterhin, werden jedoch begrenzter in ihrer Wirkung.

  • Die beschriebene präfrontale Zusatzrekrutierung ist schwerer aufrechtzuerhalten.
  • Das Gehirn erreicht häufiger einen Ressourcenplafond („resource ceiling“): eine zusätzliche Aktivierung bringt keine Leistungssteigerung mehr.
  • Der Netzwerkwechsel (switching) verlangsamt sich.
  • Das Verhältnis zwischen Netzwerken niedrigerer Ordnung (sensorisch-motorisch) und höherer Ordnung (frontal-parietal, DMN) verschiebt sich. Sensorisch-motorische und visuelle Netzwerke bleiben überraschend robust. Ihre interne Konnektivität sinkt nur leicht und sie verlieren weniger Volumen und myelinbezogene Struktur.
  • Das DMN bleibt länger aktiv, wenn eine Aufgabe beginnt (Persistenz). Es verliert seine Kohärenz zwischen posterioren und anterioren Regionen.
  • Das exekutive Netzwerk braucht mehr Zeit, bis es vollständig aktiviert ist.
  • Die Übergänge zwischen Netzwerken sind weniger abrupt, wodurch die Flexibilität herabgesetzt ist.
  • Das Salienznetzwerk wird weniger effizient als „Umschaltinstanz“.

Im alternden Gehirn bezeichnet das Salienznetzwerk ein zentrales Kontrollnetzwerk, dessen altersbedingte strukturelle, funktionelle und neurochemische Veränderungen zu einer verminderten Fähigkeit führen, relevante Reize effizient zu erkennen und zwischen innerer und äußerer Verarbeitung (CEN und DMN) flexibel umzuschalten. Diese Veränderungen tragen wesentlich zu typischen kognitiven und affektiven Alterungsphänomenen bei.

Diese Verzögerungen korrelieren eng mit:

  • reduzierter Verarbeitungsgeschwindigkeit
  • verlangsamter Reaktion
  • verringerter kognitiver Flexibilität 

In der Folge sinkt der Einfluss höherer Netzwerke auf die Gesamtsteuerung:

  • Weniger top-down-Kontrolle
  • Weniger effiziente Aufgabenpriorisierung
  • Erhöhte Ablenkbarkeit
  • Aber auch: größere emotionale Gelassenheit, da das DMN weniger stark im Grübeln verfangen bleibt.

3. Neurochemische Veränderungen

Diese Entwicklungen sind alterstypisch und nicht krankhaft:

  • Dopamin: der weitere Abfall betrifft v. a. Exekutivfunktionen und die Motivation.
  • Acetylcholin: die leichte Reduktion hat Auswirkungen v. a. auf Aufmerksamkeitskontrolle und Gedächtnis.
  • Serotonin: die Abnahme der Rezeptordichte kann emotionale Schwankungen fördern.
  • Glutamat/GABA-Balance: allgemeine Reduktion synaptischer Plastizität.

4. Kognitive Charakteristik 

Abnahmen

  • episodisches Gedächtnis (Abruf geht leichter als Enkodierung)
  • Arbeitsgedächtnis
  • Multitasking / kognitive Flexibilität
  • Verarbeitungsgeschwindigkeit
  • räumlich-visuelle Funktionen

Stabil oder langsam veränderte Bereiche

  • Das semantische Wissen bleibt erstaunlich gut erhalten.
  • Die sprachlichen Kompetenzen bleiben relativ stabil.
  • Das Emotionswissen und die pragmatische Urteilskraft bleiben oft robust.
  • Die sozial-emotionale Expertise (Konfliktvermeidung und die prosoziale Vernunft) bleibt vorhanden.

5. Sinngebung, Emotionsverarbeitung und psychosoziale Dimension

Neuroimaging-Studien zeigen:

  • stärkere Aktivität im ventromedialen präfrontalen Kortex bei Entscheidungen mit persönlicher Bedeutung
  • verstärkte Integration autobiografischer Netzwerke, Tendenzen zu Lebensrückblicken
  • erhöhte Priorität auf emotional positive Reize 
  • bessere Impulskontrolle trotz reduzierter Verarbeitungsgeschwindigkeit

Dies erklärt, warum viele ältere Menschen emotionale Stabilität und Gelassenheit entwickeln, während rein kognitive Aspekte langsamer werden.

6. Plastizität bleibt bestehen, aber mit veränderten Parametern

Auch jenseits von 80 ist Plastizität nicht verschwunden, sondern:

  • benötigt mehr Wiederholungen
  • reagiert stärker auf motivationale und soziale Faktoren
  • hängt deutlich von körperlicher Fitness und Gefäßgesundheit ab
  • ist vulnerabler gegenüber Stress, Entzündungen und Schlafmangel.

7. Übergang in pathologische Entwicklungen 

In der Phase 5 ist zwar das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen erhöht, diese Erkrankungen müssen aber nicht eintreten. Ein normales, gesundes Gehirn kann bis sehr spät:

  • die autobiografische Kohärenz
  • eine stabile Persönlichkeit
  • eine relativ gute Entscheidungsfähigkeit und
  • sinnstiftende, emotional regulierte Beziehungen

aufrechterhalten.

Zusammenfassung

Die Phase 5 der Gehirnentwicklung ist gekennzeichnet durch:

  • erhöhte strukturelle Vulnerabilität
  • reduzierte Netzwerkflexibilität
  • Grenzen kompensatorischer Aktivierung
  • verlangsamte Verarbeitung
  • stabile semantische und emotionale Systeme
  • weiter bestehende, aber verlangsamte Plastizität

Sie markiert die Endphase der Lebensspannenentwicklung, in der das Gehirn gleichzeitig fragiler und emotional konsolidierter wird.

Hier eine Übersicht über polyphenol- und flavonoidreiche Nahrungsmittel, die zur Gehirngesundheit beitragen:

Kategorie

Lebensmittel & Menge

Hauptwirk-stoffe

Hinweis zur Zubereitung / Aufnahme

Beeren

Blaubeeren, Himbeeren, Brombeeren, Erdbeeren (ca. 100–150 g)

Anthocyane, Flavonole, Phenolsäuren

Frisch oder tiefgefroren; nicht stark kochen, um Wirkstoffverlust zu vermeiden

Äpfel & Birnen

1 Stück täglich

Quercetin, Flavonole

Schale essen, da dort die meisten Polyphenole sitzen

Zitrus-früchte

Orange, Grapefruit, Zitrone (1 Stück oder 200 ml Saft)

Flavanone (Hesperidin, Naringenin)

Saft möglichst frisch, nicht pasteurisiert

Kräuter & Gewürze

Petersilie, Thymian, Oregano, Kurkuma

Flavone, Curcumin

Kräuter frisch oder getrocknet; Kurkuma mit Fett und Pfeffer für Bioverfügbarkeit

Grünes Blatt-gemüse

Spinat, Grünkohl, Brokkoli, Lauch (150–200 g)

Flavonole, Kaempferol, Quercetin

Kurz dämpfen oder roh essen, um Polyphenole zu erhalten

Kakao & dunkle Schoko-lade

20–30 g (>70 % Kakaoanteil)

Flavanole, Catechine

Nicht zu stark erhitzen; kleine Portion täglich

Grüner Tee

2–3 Tassen / Tag

Catechine, EGCG

Nicht kochend heiß aufgießen, 2–3 Minuten ziehen lassen

Sojapro-dukte

Tofu, Edamame, Sojamilch (ca. 100–150 g)

Isoflavone

Günstig in Kombination mit Gemüse, um die Nährstoffaufnahme zu erhöhen

Trauben & Rotwein

1 Handvoll Trauben / 1 Glas Rotwein (optional, moderat)

Resveratrol

Rotwein nur in Maßen; Trauben frisch oder getrocknet

Nüsse & Samen

Walnüsse, Mandeln, Haselnüsse (20–30 g)

Polyphenole, Vitamin E

Roh oder leicht geröstet, nicht gesalzen


Praktische Tipps für eine maximale Wirkung:

1.      Farbenmix: Jede Farbe steht für unterschiedliche Polyphenole. Deshalb ist die Farbvielfalt wichtig.

2.      Die Kombination mit gesunden Fetten: z. B. Öl, Avocado oder Nüsse → verbessert die Aufnahme lipophiler Polyphenole (Curcuma, Resveratrol).

3.      Die Regelmäßigkeit: Wirkung auf BDNF und Plastizität steigt bei täglicher Aufnahme über Wochen/Monate.

4.      Frisch und minimal verarbeitet: Frische oder tiefgekühlte Beeren oder kurz gedämpftes Gemüse sind optimal.

5.      Die Kombination mit Bewegung und kognitiver Aktivität ergibt synergistische Effekte auf den BDNF und die neuronale Netzwerke.