Der Atem spielt eine zentrale Rolle in unserem Leben. Er ist unmittelbar dafür zuständig, dass wir leben. Unser Leben wäre ohne unsere Atmung sehr schnell zu Ende. Des Nachts könnten wir kein Auge zudrücken, wenn wir immer darauf achten müssten, dass wir noch atmen. Setzt die Atmung auch nur kurz aus, entstehen sofort Überlebensängste.
Sobald wir uns der lebenserhaltenden Funktion der Atmung bewusst werden, indem wir unser Atmen wahrnehmen, tritt unser Ego zurück, das sich sonst für unser Überleben zuständig fühlt. Wir erkennen, dass wir einer größeren Kraft all das schulden, was uns ausmacht, unsere Talente, unsere Stärken, unsere Potenziale. Im Bewusstsein dieser Erkenntnis wird unser Ego sofort unwichtiger, seine Ungeduld, Bedürftigkeit und Reaktivität tritt in den Hintergrund. An seine Stelle tritt fast ohne unser Zutun eine Einstellung der Dankbarkeit, Genügsamkeit und Hingabe.
In der unmittelbaren Atembewusstheit erscheint uns alles, was gerade ist, gut so, wie es ist. Denn es ist nichts zwischen uns und dem momentanen Geschehen. Wir sind in dem, was gerade geschieht, und das, was gerade geschieht, ist in uns. Es verschwindet also in diesen Erfahrungen der Unterschied zwischen Innen und Außen.
Das Gute, Wahre und Schöne
Im Bewusstsein der Akzeptanz und der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit sind wir mit den eminenten Qualitäten des Guten, Wahren und Schönen verbunden, nicht auf abstrakte Weise, sondern als implizite Erfahrung, als etwas, das der Atemerfahrung innewohnt. Denn wenn wir im Moment verweilen, ist alles da, was es braucht – Einatmen, Ausatmen. Es wird uns intuitiv klar, was gut, wahr und schön ist. In der Reflexion können wir erkennen, dass das Böse, Falsche und Hässliche nur Raum in unserem Bewusstsein einnehmen kann, wenn wir aus dieser Einheit mit dem Moment herausfallen.
Atembewusst wissen wir also, wie wir mit anderen Menschen umgehen können, damit wir uns wohl und sicher fühlen können und zugleich ihnen das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen geben. Wir wissen also, was notwendig ist und wie wir uns verhalten müssen, damit die Menschen in Respekt, Würde und Frieden miteinander leben können. Es leuchtet uns ein, was gut ist und was böse, was guttut und was Schaden anrichtet. Es wird uns klar, dass wir mit Bösem uns selbst am meisten Unheil bereiten. Wir erkennen, dass das Gute genau das ist, was wir tun wollen. Wir sehen ein, dass das gute Handeln am einfachsten ist und uns am meisten Freude bereitet.
In der Atembewusstheit sind wir mit der Wahrheit direkt verbunden. Denn der momentane Atemzug ist die wahre Wirklichkeit dieses Moments. Es gibt nichts Unwahres an einem Atemzug. Wir verstehen, dass es zu unseren Aufgaben gehört, immer wieder für die Wahrheit einzutreten. Die Wahrheit hält die Gemeinschaft zusammen, die sich in ihrem Licht über eine gemeinsame Interpretation der Wirklichkeit verständigen kann. Unwahrheiten zu verbreiten, um z.B. daraus eigene Vorteile zu ziehen, ist gemeinschaftsschädigend und damit auch selbstschädigend.
In jedem Atemzug liegt etwas Schönes, wenn wir ihn bewusst wahrnehmen. Er bietet uns die Chance, genau diesen Moment des Lebens in seiner Schönheit zu entdecken, indem wir ihn so nehmen, wie er ist. Dann zeigt er sich in seiner Einzigartigkeit und Fülle. Indem wir einen Schritt weitergehen, werden wir uns der Schönheit in allen Menschen und Dingen bewusst. Die Kunst beginnt mit dem Einatmen. Unser erster Einatemzug war die erste Informationsaufnahme aus einer noch völlig fremden Welt, mit dem wir zu einem Teil von ihr wurden. Seit diesem Ereignis haben wir die Möglichkeit, in jedem Einatmen die Lust auf Neues und die Bereitschaft für Überraschungen zu finden, die Grundlage für Wissenschaften und Kunst. Wir sind also dank unseres Atems alle potenzielle Wissenschaftler und Künstler.
Lebensvertrauen
Der Atem gibt uns das Vertrauen ins Leben. Wenn wir uns ihm anheim geben, bemerken wir, dass er weiterfließt, was auch immer uns das Leben an äußeren und inneren Herausforderungen beschert. Manchmal stockt er vielleicht, wenn wir im Schock sind. Doch irgendwann löst sich die Blockierung wieder auf, und der Atem fließt weiter und führt uns aus der beängstigenden Situation heraus, und dann weiter, von einem Moment zu nächsten, kontinuierlich und unermüdlich. Er enthält die Botschaft, dass es immer weiter geht, auch wenn Situationen manchmal ausweglos erscheinen. Er flüstert uns zu, weiterzumachen statt aufzugeben, wenn es mühsam oder unbequem erscheint. Und er gibt uns ein Gefühl der Befreiung, wenn wir wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten.
Verbindung von Innen und Außen
Der Atem verbindet uns mit der Wirklichkeit in uns und außerhalb von uns. Mit der Atembewusstheit sind wir automatisch in unserer Innenwahrnehmung und spüren uns selbst. Wir nehmen wahr, wie es uns gerade geht, welche Gefühle da sind und welche Stimmung vorherrscht. Der Atem informiert uns zudem über die Wirklichkeit um uns herum. Wir nehmen die Temperatur auf, die Gerüche geben uns einen Eindruck über die Verfasstheit und Gestimmtheit der äußeren Realität. Atembewusst sind wir immer in der aktuellen Wirklichkeit und nicht in den Gedanken, die entweder mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft zu tun haben.
Die Zeit des Atems
In Verbindung mit dem Fluss des Atems sind wir also in der momentanen Zeit. Der Atem zeigt uns folglich eine ganz andere Zeiterfahrung als das Denken, das zwischen Vergangenheit und Zukunft auf einer linearen Zeitachse mäandert und oszilliert. Die Atem-Zeiterfahrung ist eine, die mehr mit Ewigkeit und Zeitlosigkeit als mit Linearität zu tun hat. Denn sie ist die direkte Erfahrung der Veränderung selbst, ohne Inhalte, die sich verändern.
Wir wachsen mit in der Zeit. Jeder Atemzug macht uns reicher, reicher an Erfahrung und Einsicht. Wir erkennen, dass das Leben ein fortgesetzter Prozess des Lernens und Erweiterns ist, dass wir die Möglichkeit haben, immer mehr Aspekte der Wirklichkeit kennen- und verstehen zu lernen. Wir nähern uns also zunehmend der Wirklichkeit an, wenn wir diese Chancen ergreifen: Uns von der Wirklichkeit inspirieren zu lassen, indem wir sie neugierig einatmen.
Der Weg zur Einfachheit
Der Atem führt uns zur Einfachheit. Es ist das Denken, das die Komplexität hervorbringt. Wenn sie uns zu viel wird, genügt die Besinnung auf den Atem, um erkennen zu können, was wichtig und was unwichtig ist, was zu tun und was zu lassen ist. Die Wahrheit des Atems ist immer einfach und zugleich einleuchtend. Wo das Denken Zweifel hervorbringt, zeigt uns der Atem die Klarheit. Wo das Denken in Verwirrung gerät, öffnet uns der Atem den Durchblick. Bewusst atmend, unterbrechen wir das wildgewordene Denken und finden zurück zu uns selbst.
Integration auf allen Ebenen
Der Atem integriert uns auf allen Ebenen unseres Seins. Er ist in alle lebenserhaltenden Funktionen unseres Körpers eingebunden. Er hält die Prozesse am Laufen, nicht nur, indem er permanent den dafür notwendigen Sauerstoff liefert, sondern auch dadurch, dass er den Körper in Bewegung hält, Tag und Nacht. Selbst wenn sich das Leben im Tiefschlaf auf sein absolutes Minimum zurückzieht, geht die Atmung weiter. Selbst wenn der Körper (mit Ausnahme der Augenbewegungen) in den REM-Phasen des Schlafes erstarrt, arbeiten die Atemmuskeln weiter. Die willentliche Beeinflussung der Atmung können wir nutzen, wenn wir unsere Gesundheit stärken wollen. Denn eine „richtige“ Atmung ist der Garant für den nachhaltig gesunden Organismus.
Der Atem begleitet und unterstützt unser Gefühlsleben. Jedes Gefühl hat sein eigenes Atemmuster, mit dem es seinen Ablauf gestalten kann. Gefühle nutzen also die Atmung, um sich zu entfalten und zu ihrem Ausdruck zu finden. Wir können zusätzlich über unsere Atmung unsere Gefühle regulieren. Einerseits hilft uns die Atmung, Gefühle, die uns wegen ihrer Heftigkeit plagen, zu beruhigen, andererseits hilft sie uns, den Zugang zu Gefühlen zu finden, die in uns verschlossen sind, aber uns dennoch belasten. Für manche ist es wichtig, den Zugang zu ihrer Wut zu finden, damit sie sich in ihrem Leben nicht mehr alles gefallen lassen müssen. Für andere ist der Zugang zu Gefühlen der Trauer und des emotionalen Schmerzes verschlossen und sie geraten in Gram und Depression; die Atmung kann sie dabei unterstützen, die Trauergefühle ins Fließen zu bringen, sich dadurch Erleichterung zu verschaffen und die Lebendigkeit zurückzugewinnen.
Das erste Tor zur geistigen Welt
Der Atem ist das erste Tor zur geistigen Welt. Jede Meditation ist bewusstes Atmen, und bewusstes Atmen ist Meditation. Die Besinnung auf den Atem ist die Besinnung auf das, was uns im Inneren ausmacht, auf das Geistige in uns. Wer wir sind, erfahren wir im Atem, immer wieder aufs Neue, sobald wir uns unseres Atems versichern.
Der Atem selbst ist kein Ding und auch kein Prozess, sondern das, was sich im Atmen manifestiert. Wie sich der Geist in den Abläufen der Realität manifestiert, gibt sich der Atem in jedem Atemzug Gestalt. Ohne „den Atem“ ist das Atmen ein rein mechanischer Vorgang. Diese Sichtweise ist aber nur einer unbeteiligt beobachtenden Person möglich. Für die atmende Person ist es immer der Atem, der durch das Atmen aktiviert wird. Das gilt auch für den Atem einer beobachtenden Person.
Wie es keine Materie ohne Immaterielles gibt, gibt es kein Atmen ohne den Atem. Genauer gesagt, erscheint das Materielle nur als ein Abstraktum, also als etwas Herausgezogenes, etwas, das einer Ganzheit für bestimmte Zwecke entrissen wird. Wenn wir das Atmen von einem äußerlichen Gesichtspunkt beobachten, trennen wir das Geistige daran von ihm ab, um damit Erkenntnisse zu gewinnen oder Eingriffe vornehmen zu können, die wir sonst nicht erreichen würden. Frei von jeder Zweckmäßigkeit ist es allein der Atem, der in jedem Atemzug fließt, der jeden Atemzug ausfüllt.
Der Atem spielt also eine führende Rolle auf allen Ebenen unseres Seins. Außerdem verbindet er diese Ebenen beständig, sodass sie nicht als unterscheidbare Aspekte unseres Seins auftreten, sondern als Ganzheit erlebt werden. Jeder Atemzug ist zugleich und untrennbar körperlich, seelisch und geistig. Die Atembewusstheit ist deshalb immer körperlich, seelisch und geistig. In ihr gibt es keine Unterscheidung dieser Aspekte, sie sind im Atem eins, und das heißt, wir sind im Atem eins mit uns selbst. In ihr gibt es auch keine Unterscheidung zwischen der Innenwelt und der Außenwelt, also sind wir insgesamt eins mit der Welt.
Zum Weiterlesen:
Respiratorische Philosophie im Überblick
Atemerfahrungen und Kunst
Atemresilienz angesichts der Krise
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