Hāfez von Schiras (ca. 1325 – 1389) war wie Rumi Dichter und Mystiker. Er verwendete gerne drastische Bilder. Er stellt z.B. die Liebe dem berechnenden Verstand gegenüber, ebenso die Trunkenheit der nüchternen Selbstkontrolle. Er lehnt die asketische Lebensform ab, sofern sie auf einen Zweck ausgerichtet ist: „Der scheinheilige Asket kennt unseren Zustand nicht; was immer er über uns sagt, verdient keine Beachtung.“ Mit der Trunkenheit (mastī) ist Loslösung von Kontrolle und zielgerichteter Selbststeuerung gemeint. Es geht dabei überhaupt nicht um eine Enthemmung bis zur Bewusstlosigkeit, wie sie der Alkoholiker sucht, sondern um die Überwindung der Begrenzungen des kontrollierenden Verstandes, der die Barriere zur Gotteserfahrung darstellt. „Die Vernünftigen sind der ruhende Punkt des Daseins, doch die Liebe weiß, dass ich in diesem Kreis trunken umherirre.“ Herumzuirren führt weiter als in den Grenzen der Vernunft zu verharren, wenn es um die Suche nach der großen Liebe geht.
Hāfez versteht sich als Lump im Gegensatz zu den frommen Religionsgelehrten – als eine Art des erleuchteten Narrens, der sich nicht mehr um Konventionen und Reputationen zu kümmern braucht, weil er seine Freiheit schon gefunden hat. Er folgt selbst als Außenseiter, vielleicht sogar als von der Gesellschaft Verachteter offen dem Ruf des Absoluten: „Wir haben im Becher das Antlitz des Geliebten geschaut, o Ahnungsloser der Lust unseres dauernden Trinkens.“
Gott kann er gerade dort finden, wovon alle Rechtschaffenen mit Abscheu ihren Blick abwenden, im Becher des Trunkenbolds. Doch dieser Trinker ist berauscht vom Schauen des göttlichen Antlitzes, überwältigt von der unendlichen Liebe. Sein Getränk stammt aus einer unerschöpflichen Quelle, aus dem Zentrum des Seins. Die Gier hat er, wie viele andere Anhaftungen und Charakterfixierungen, schon längst hinter sich gelassen. Der Gewinn liegt in der Freiheit vom Weltlichen und vom Geistlichen: „Ich bin Knecht der Liebe und von beiden Welten frei; sieh, welche rohe Gier ich hinter mir ließ.“ Deshalb ist das Einzige, worum es in diesem Leben geht und was ihm Sinn gibt, die große Liebe: „Werde Liebender – sonst endet eines Tages das Werk der Welt, und du hast den Sinn des Daseins aus der Werkstatt des Seins nicht gelesen.“
Es ist eine Liebe, die ohne jede Absicht wirkt und nicht auf den Gewinn achtet, den sie bringt, oder auf den Preis, den sie kostet: „Das Werk der Liebe ist ohne Rechnung und nicht vergleichbar.“
Einer Legende zufolge arbeitete Hāfez zunächst als Brotträger in Schiras. Er verliebte sich in eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, die in der Tradition meist als Šāḫ-e Nabāt („Zweig des Zuckers“) bezeichnet wird. Es war eine Gestalt zwischen realer weiblicher Schönheit, poetischem Symbol und spiritueller Erscheinung. Die Unerreichbarkeit dieser Liebe stürzte ihn in eine existentielle Unruhe.
Daraufhin entschloss er sich zu einer strengen vierzigtägigen Nachtwache am Grab eines Heiligen. In der vierzigsten Nacht ist ihm der mystische Führer Ḫezr (al-Ḫiḍr) erschienen, der Symbolträger unmittelbarer Gotteserkenntnis jenseits von Gesetz und Lehrtradition. Ḫezr reichte ihm einen Becher Wein und eröffnete ihm damit den Zugang zur direkten Erfahrung der göttlichen Liebe. Von diesem Moment an war Ḥāfeẓ „betrunken von der Wahrheit“; seine Dichtung entsprang seither nicht mehr dem Studium oder einer Technik, sondern der mystischen Innenschau.
Goethe und der west-östliche Diwan
Einige Jahrhunderte später las Geheimrat Johann Wolfgang Goethe die erste deutsche Übersetzung der Gedichte von Hafiz und war beeindruckt von der Intensität dieser Texte. Er erkannte einen Geistesverwandten, der ihm zeigte, wie Dichtung ohne Rücksicht auf eine konventionelle Moral möglich ist, die Erotik, Ironie und Spiritualität verbinden konnte.
„Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis, mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns den Zwillingen gemein.“ (Goethe, West-östlicher Diwan, Buch des Hafis)
Außerdem hat Goethe die Radikalität der Absichtslosigkeit inspiriert: Im Gedicht „Selige Sehnsucht" steht:
Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet;
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.
In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.
Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Die selige Sehnsucht nach dem Flammentod ist keine morbide Todessehnsucht, sondern die Leidenschaft für die innere Befreiung. Die „Menge“ wird das nicht verstehen, aber die Weisen wissen, dass die spirituelle Suche ihren Preis hat: Die Aufgabe der gewohnten Sicherheiten und angstbehüteten Erwartungen und Absichten erfordert Mut, Disziplin und Konsequenz.
Nach dem Vorbild von Hāfez dient die Erotik als Sprungbrett zur Transzendenz. In der Liebesnacht meldet sich im Kerzenschein ein fremdes Gefühl, das aus der Finsternis der Egozentrik herausführt und eine höhere Form der Liebesbegegnung ankündigt. Die Flamme der Kerze kündigt an, worum es geht: Alles zu verbrennen, was das Ich in sich selbst kreisen lässt.
Der Schmetterling steht als Symbol für die Absichtslosigkeit. Sein Flattern von Blüte zu Blüte folgt scheinbar keinem Kalkül und keinem vorgegebenen Zweck. Er ist zugleich ein Symbol des spirituellen Übersprungs vom Relativen zum Absoluten: Er begehrt einzig und allein das Licht der göttlichen Liebe und strebt zu ihm hin, um sich von ihm verbrennen zu lassen. Natürlich verbrennt „nur“ das selbstverliebte Ich, wenn der Sucher den Geliebten in der unbedingten Liebe und Schönheit erkennt. Es ist nicht ein Feuer der Zerstörung, wie es von der Begierde ausgeht, sondern das Feuer der Reinigung.
Die verbrennende Motte
Dazu schrieb Hāfez: „Der Liebende ist nicht der, der vom Feuer flieht – der Liebende ist der, der im Feuer verbrennt.“ „Was weiß der Nüchterne vom Zustand des Verbrannten? Frag den, der im Feuer war.“ Und: „Der Motte gleich geht der Liebende nur ins Feuer, weil er das Schauen begehrt.“
Und bei Rumi steht zu lesen: „Liebe ist das Feuer, und wenn sie entflammt, verbrennt sie alles außer dem Geliebten.“ „Was kümmert die Motte das Verbrennen? Sie lebt für das Licht.“ „Wenn die Motte nicht verbrennt, woher sollte Erkenntnis kommen?“
Das Feuer der Leidenschaft ist das ganz besondere Gewürz, das der Sufismus der Mystik beigegeben hat. Es symbolisiert die Radikalität, die jeder mystischen Lehre innewohnt, und die Macht der Abscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen. Verbrannt wird, was selbstschädigend ist, übrig bleibt die Einfachheit der Hingabe und Liebe. Das Feuer verbindet im Menschen den Körper und den Geist. Die feurige Leidenschaft der „körperlichen“ Begierden geht über in die ebenso feurige Leidenschaft der höchsten Form der Liebe, und selbst diese Form der Liebe ist nach dem Sufismus immer auch körperlich. Hāfez genießt sie mit einem Becher Wein, Rumi im ekstatischen Kreistanz. Goethe sitzt währenddessen in seinem Lehnsessel und freut sich an Kaffee und Kuchen, während sein Geist die nächsten Gedichtzeilen entwirft.
Zum Weiterlesen:
Rumi und die Absichtslosigkeit
Die Absichtslosigkeit bei Meister Eckhart

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