Bei den folgenden Überlegungen handelt es sich nicht um das Erkennen von Gesetzmäßigkeiten oder von kausal gültigen Wenn-Dann-Zuordnungen. Vielmehr sollen sie dazu dienen, Formen des Umganges mit der Zeit, die sich von Mensch zu Mensch unterscheiden, mit Geburtserfahrungen zu vergleichen, sodass im Einzelfall ein Verständnis für den Ursprung von vorherrschenden Arten des Zeiterlebens gewonnen werden kann. Es werden Möglichkeiten von solchen Zusammenhängen erörtert, die im einen Fall zutreffen werden, im anderen nicht. Es ist dabei immer auch zu berücksichtigen, dass solche Muster in zwei Reaktionsformen auf das jeweilige Geburtserleben erfolgen können: Zum einen kann der Stress des eigenen Geburtserlebens in jeder Situation, in der die Zeit als begrenzt erlebt wird, reaktiviert werden. Zum anderen kann es zu einer Gegenbesetzung kommen: Es wird das gegenteilige Muster vom Erlebten umgesetzt und der Stress wird in Passivität umgewandelt.
Die Zeit als knappes Gut im Geburtsprozess
Mit dem Einsetzen des Geburtsprozesses tritt erstmals die Zeit als knappes Gut ins Leben des noch Ungeborenen. Bei einem ungetrübten, also traumafreien Verlauf der Schwangerschaft spielt die Zeit keine wichtige Rolle. Für den Fötus gibt es nichts zu tun und nichts zu versäumen. Er ist mit seinem Wachsen und Reifen beschäftigt, während er mit den Zeitrhythmen der Mutter mitschwingt, mit denen er über Atmung, Herzschlag und hormonelle Zyklen verbunden ist. Zeitdruck oder Zeitmangel kennt er allenfalls aus dem Erleben der Mutter.
Sobald aber die Geburt einsetzt, ändern sich die Bedingungen radikal. Der Wehendruck kommt in massiven Wellen und drängt das Baby vorwärts, in den Geburtskanal. Jede Wehe transportiert eine druckvolle Erwartung: Es muss etwas weitergehen, sonst wird es gefährlich, unter Umständen sogar lebensgefährlich. Die Ressourcen, vor allem Sauerstoff und Nährstoffe, die vorher im Überfluss vorhanden waren, werden knapp. Unter Umständen ist die Sauerstoffzufuhr verringert oder unterbrochen, was Überlebensängste auslöst. Die Dramatik kann sich zuspitzen, wenn es um Leben oder Tod von Mutter und Kind geht, sollte die Geburt nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gelingen. Der Fötus spürt die Macht der Zeit – reduzierte Ressourcen, während der Druck wächst und das Durchbrechen der Widerstände, die sich dem Austreten entgegenstellen, immer schwieriger wird. Die Zeit muss optimal genutzt werden, um eine Katastrophe zu vermeiden.
Aus solchen Erfahrungen entsteht die Verbindung von Zeit und Stress. Die Zeit wird als knappes Gut erfahren. Wird sie nicht ausreichend genutzt, ist das eigene Überleben bedroht. Daraus prägt sich die Grunderfahrung ein: Wenn viel Stress herrscht, ist die Zeit knapp. Das gilt auch umgekehrt: Stress bewirkt das Gefühl von Zeitknappheit. Stress entsteht bei der subjektiven Erfahrung von Bedrohung, die dann entsteht, wenn der Eindruck herrscht, dass zu wenige Ressourcen zur Verfügung stehen, um eine Bedrohung abzuwenden. Zeit wird in der Geburt zum ersten Mal zu einer lebensbestimmenden Macht, die auslaufen kann, wenn die Herausforderung nicht rechtzeitig bewältigt wird. Läuft die Zeit aus, ist das Leben zu Ende.
Die Geburt und unterschiedliche Formen des Umgangs mit Zeit
Entsprechend der jeweiligen Geburtserfahrung bilden sich unterschiedliche Persönlichkeitstypen im Umgang mit der Zeit aus. Bei Menschen, deren Geburt frühzeitig, also vor dem errechneten Zeitpunkt stattgefunden hat, können wir vermuten, dass das Ungeborene die Gebärmutter möglichst schnell verlassen wollte, eventuell, um ungünstigen oder unangenehmen Bedingungen, die dort herrschten, zu entkommen.
Es kann sich das Muster entwickeln, alle Arbeiten möglichst früh zu erledigen, weil dann später die Zeit fehlen könnte. Die Koffer müssen drei Tage vor der Abfahrt fertig gepackt sein. Solche Personen trachten danach, möglichst früh vor einem Termin einzutreffen. Die Angst führt die Regie, dass es gefährlich werden könnte, wenn zu lange zugewartet wird und man dadurch zu spät kommt.
Geht es um eine eingeleitete Geburt, so bildet sich eine Ansicht, dass andere, fremde Personen die Zeit und damit den Stresspegel bestimmen. Daraus kann sich der dringende Wunsch entwickeln, über die eigene Zeit selbst bestimmen zu wollen; niemand soll da dreinreden. Solche Menschen tun sich schwer mit vorgegebenen Zeitplänen. Entweder neigen sie zur Übererfüllung oder zur Vernachlässigung, indem sie zu spät kommen und damit demonstrieren wollen, dass sie sich nicht nach anderen richten wollen. In der Gegenbesetzung bildet sich ein Muster, sich immer nach den Zeitplänen anderer zu richten und selbst keine Initiativen zu setzen, was die Zeitplanung anbetrifft.
Bei einer übertragenen Geburt, die also einige Zeit nach dem errechneten Termin erfolgt, kann man spekulieren, dass sich das Ungeborene die Zeit nimmt, die es noch gerne im Mutterleib verweilen möchte. Es will die Geborgenheit im Mutterleib so lange auskostet, wie es geht. Später kann sich das Zeitmuster ausbilden, bis zum letzten Moment zu warten, um z.B. zu einem Zug aufzubrechen oder einen Termin einzuhalten. Es ist das Gefühl vorherrschend, genügend Zeit zu haben und den Zeitpunkt selbst wählen zu können. Die Angst richtet sich eher darauf, etwas zu versäumen, wenn man, weil zu früh auf dem Bahnsteig, auf den Zug warten muss, oder dass man sich die Zeit im Wartezimmer des Arztes vertreiben muss. Der jeweilige Ort des Verweilens, an dem man sich gerade befindet, bietet die beste Sicherheit und Gewähr, nichts zu versäumen und keiner Gefahr ausgesetzt zu sein. Veränderungen des Orts sind hingegen mit Vorsicht zu genießen.
Bei diesem Muster werden Erledigungen oft erst zu letztmöglichen Termin ausgeführt oder so lange hinausgezögert, dass es dann irgendwann zu spät ist. Pünktlichkeit heißt hier, nicht eher als zur ausgemachten Zeit zum Treffpunkt zu kommen, keinesfalls früher, notfalls eben später.
Ähnlich wie bei einer eingeleiteten Geburt spielen auch bei einem Kaiserschnitt fremde Personen die maßgebliche Rolle bezüglich der Zeitstruktur der Geburt. Das eigene Zeiterleben wird außer Kraft gesetzt und ignoriert. Dazu kommt noch die Macht, die von diesen Menschen über die Geburt selbst ausgeübt wird. Nicht die Mutter und das Kind lenken die Geburt, sondern Ärzte und Hebammen. Beide, Mutter und Kind sind gegen deren Willen machtlos. Sie übernehmen den Prozess, sie übernehmen das Zeitmanagement. Die Zeit wird als fremdbestimmt erlebt.
Das Muster, das aus solchen Erfahrungen entstehen kann, ist die Abneigung und der Widerstand gegen jede Form der Fremdbestimmung und insbesondere der Verfügung über die eigene Zeit: Termine werden vergessen, missachtet oder großzügig ausgelegt. In der komplementären Reaktionsform kommt es dazu, sich vor allem auf die anderen zu verlassen, was das Einteilen ein Einhalten von Terminen anbetrifft, und sich allenfalls nachher aufzuregen, dass man nicht miteinbezogen wurde.
Resilienzfaktoren
Ob sich solche Muster im späteren Leben auswirken, hängt von vielen Faktoren ab. Ein wichtiges Element besteht darin, dass die Eltern zu gegebener Zeit mit dem Kind über seine Geburt sprechen. Dann kann es besser verstehen, was es geprägt hat. Dabei ist auch zu beachten, dass sich geplante Kaiserschnitte anders auswirken als Notoperationen. Wenn die Eltern Verständnis für die Unterbrechung des natürlichen Geburtsprozesses und den damit verbundenen Stress haben, hilft das dem Kind, dieses Ereignis zu verarbeiten.
Ob und wie schwer sich belastende Geburtserfahrungen auf das weitere Leben auswirken, hängt sehr davon ab, wieviel Zuwendung und liebevolle Fürsorge das Baby und das Kleinkind bekommt. Umgekehrt, wenn auf eine schwere Geburt emotional belastende Zeiten in der frühen Kindheit folgen, können die Geburtserfahrungen nicht ausgeglichen werden. In der Folge prägen sich Überlebensmuster aus, die verhindern sollen, dass sich ähnliche Erfahrungen wie bei der Geburt wiederholen.
Zum vertieften Verstehen der Geburt ist immer auch die intrauterine Vorgeschichte bis zur Empfängnis zu beachten. Der Geburtsablauf und seine Prägungen sind manchmal von diesen Früherfahrungen beeinflusst. Der Verlauf der Schwangerschaft kann Spuren im Geburtsprozess hinterlassen. Auch frühere Schwangerschaften und Geburten der Mutter spielen eine Rolle, ebenso wie Fehlgeburten oder Abtreibungen.
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