Auf dem Album: “Songs of Love and Hate” hat Leonard Cohen 1971 das Lied “The Avalanche” gesungen, hier der Text:
I stepped into an avalanche
It covered up my soul
When I am not this hunchback that you see
I sleep beneath the golden hill
You who wish to conquer pain
You must learn, learn to serve me well
You strike my side by accident
As you go down for your gold
The cripple here that you clothe and feed
Is neither starved nor cold
He does not ask for your company
Not at the center, the center of the world
When I am on a pedestal
You did not raise me there
Your laws do not compel me
To kneel grotesque and bare
I myself am the pedestal
For this ugly hump at which you stare
You who wish to conquer pain
You must learn what makes me kind
The crumbs of love that you offer me
They're the crumbs I've left behind
Your pain is no credential here
It's just the shadow, shadow of my wound
I have begun to long for you
I who have no greed
I have begun to ask for you
I who have no need
You say you've gone away from me
But I can feel you when you breathe
Do not dress in those rags for me
I know you are not poor
And don't love me quite so fiercely now
When you know that you are not sure
It is your turn, beloved
It is your flesh that I wear
In deutscher Übersetzung:
Ich bin in eine Lawine geraten.
Sie hat meine Seele bedeckt.
Wenn ich nicht dieser Bucklige bin, den du siehst, schlafe ich unter dem goldenen Hügel.
Du, die du den Schmerz besiegen willst, musst lernen, lernen, mir gut zu dienen.
Du triffst mich versehentlich an der Seite, während du nach deinem Gold suchst.
Der Krüppel hier, den du kleidest und fütterst, ist weder hungrig noch friert er;
Er bittet nicht um deine Gesellschaft.
Nicht im Zentrum, dem Zentrum der Welt, wenn ich auf einem Sockel stehe.
Du hast mich nicht dorthin erhoben, deine Gesetze zwingen mich nicht, grotesk und nackt zu knien. Ich selbst bin das Podest.
Für diesen hässlichen Buckel, den du anstarrst, du, die du den Schmerz besiegen willst, musst du lernen, was mich gütig macht;
Die Krümel der Liebe, die du mir anbietest, sind die Krümel, die ich zurückgelassen habe.
Dein Schmerz kann hier nicht als Legitimation dienen. Er ist nur der Schatten, der Schatten meiner Wunde.
Ich habe begonnen, mich nach dir zu sehnen, ich, der ich keine Gier habe.
Ich habe begonnen, nach dir zu frage, ich, der ich kein Bedürfnis habe.
Du sagst, du hast dich von mir entfernt, aber ich kann dich spüren, wenn du atmest.
Zieh diese Lumpen nicht für mich an, ich weiß, dass du nicht arm bist.
Du liebst mich jetzt nicht mehr ganz so leidenschaftlich. Wenn du weißt, dass du dir nicht sicher bist, dass du an der Reihe bist, Geliebte, dann ist es dein Fleisch, das ich trage.
Hier einige Gedanken zu dem Text:
Eine Lawine stellt einen überwältigenden Beweis für die Macht der Natur über den Menschen dar. Wenn sie auf uns zukommt, kann sie uns jeden Moment vernichten. Wir sind dieser Macht ausgesetzt, die sich völlig unserer Kontrolle entzieht und uns gnadenlos überrollt, wenn wir an der falschen Stelle sind.
Ebenso sind wir der Macht unseres Unterbewusstseins ausgesetzt, das wie eine Lawine unsere Seele überfluten und völlig unterwerfen kann. Wenn eine derartige Katastrophe über uns hereinbricht, geschehen oft zwei Dinge: Es entsteht eine unmittelbare und massive Angst vor dem Tod und danach ein Gefühl der Geborgenheit – so zeigen sich die beiden Seiten des Todes, der in solchen Erfahrungen anklopft: Zerstörung und Trost.
Auf einer spirituellen Ebene können wir die majestätische Welle einer Lawine mit der Metapher eines Abgrunds in Verbindung bringen, an dem die Seele mit der Forderung konfrontiert wird, das Ego vollständig loszulassen. Das Stehen an einer Grenze, an der die Entscheidung verlangt wird, ins Unbekannte zu springen oder sich fallenzulassen, ist verbunden mit immenser Angst – das Risiko, das Ego zu verlieren, das den Schutz des Überlebens darstellt, und nicht zu wissen, ob man ohne es überleben wird oder nicht. Es ist der Punkt auf der spirituellen Suche, an dem der Suchende mit der Kraft der absoluten Wahrheit konfrontiert wird. Dann hat er nur die Wahl, zurückzuweichen oder sich hinzugeben und sich von der Lawine überrollen zu lassen.
Der Bucklige symbolisiert die Lasten des Schmerzes und Leidens, die wir im Laufe unseres Lebens, insbesondere während der Kindheit, ansammeln. Oft präsentieren wir uns mit dieser Last, um einen Vorteil in Form von Mitleid von anderen zu erhalten. So begeben wir uns in eine Position der Schwäche und nehmen die Opferrolle ein. Wenn es uns gelingt, die Last zu überwinden und Zugang zu unserer erwachsenen Kraft zu finden, nehmen wir eine aufrechte Haltung ein, die Haltung der Würde. Mit diesem Schritt gelangen wir an die Pforten des Paradieses, denn wir erkennen, dass wir alles haben, was wir für unser Leben brauchen. So baden wir im Licht des goldenen Hügels. Dort können wir in völliger Unschuld einen erquickenden Schlaf finden.
Es ist unser Ego, das unseren Schmerz gewaltsam überwinden will. Es will ihn mit allen möglichen Anstrengungen auslöschen, aber das funktioniert nicht; stattdessen verstärkt jeder Einsatz von Gewalt das Leiden. Das Ego muss lernen, zu dienen und nicht zu dominieren, denn es ist ein schlechter Herr, aber ein guter Diener. Wenn das Ego beginnt, auf das Selbst zu hören, kann es seinen Weg zu einer dienenden Position finden.
Solange das Ego seinen illusorischen Schätzen, seinem falschen Gold, nachjagt, verletzt es die Seele, denn die Seele leidet unter der Verherrlichung vergeblicher Bemühungen, die nur auf Selbsttäuschung beruhen. Wenn wir uns erlauben, die Auswirkungen der Schläge des Egos zu spüren und den Schmerz, den sie verursachen, bewusst zu erleben, können wir beginnen, die Mechanismen der Selbstverletzung und Selbsthemmung zu verstehen, die wir uns unser ganzes Leben lang zugefügt haben. Dann wachsen wir über unser verkrüppeltes Selbst hinaus zu unserer erwachsenen Kraft und Selbstbestimmung.
Der Krüppel, den das Ego nährt, ist die Karikatur des reifen Selbst. Das Selbst wird vom Ego kleingehalten, ausgehungert und der Kälte ausgesetzt. Das Ego will in seiner Anmaßung das Selbst darauf hinweisen, dass es nur von ihm heil werden kann. Aber die Seele ist weder benachteiligt noch arm, daher braucht sie für ihr Wachstum weder die Gesellschaft noch die Unterstützung des Egos.
Es gibt ein Zentrum der Welt, in dem wir den Sockel, den höchsten Punkt, einnehmen. Dieses Podest ist die Metapher für den Gipfelpunkt der Individuation, für die vollständige Verwirklichung unseres Selbst. Es ist nicht das Ego, das diesen Prozess vorangetrieben oder kontrolliert hat, sondern die innewohnende schöpferische Kraft des Selbst, die nach Reife strebt. Ein solcher Prozess kann nur gegen die Wahnvorstellungen und Widerstände des Egos erfolgreich sein. Wenn wir jedoch auf groteske Weise niederknien, indem wir die Idole der Täuschung verehren, rennen wir Fantasien und Illusionen nach und verlieren die Verbindung zu uns selbst als Zentrum unserer inneren Welt. Stattdessen werden wir zu einem Podest für andere und deren Machtmissbrauch. Wir machen uns also zu willenlosen Mitteln für die Zwecke anderer.
Das Ego mit seiner oft überbordenden Selbst- und der Fremdkritik konzentriert sich auf die Fehler der Person, auf ihre Unvollkommenheiten (den hässlichen Buckel), und zeichnet sich durch das Grübeln mit herabwürdigenden Gedanken aus. Um den Schmerz zu überwinden, ist eine freundliche und zugewandte Art gefragt, eine selbstmitfühlende Haltung gegenüber allen Unzulänglichkeiten der eigenen Persönlichkeit. Das Ego schafft es gerade einmal, Krümel der Liebe zu erzeugen, die für den Prozess der Individuation nutzlos sind und hinter sich gelassen werden. Das Leiden, das das Ego präsentiert, leitet sich aus einer erfundenen Geschichte ab, einer selbstvergessenen Erzählung der eigenen Geschichte als Opfer gemeiner äußerer Kräfte, die für alles Leiden verantwortlich gemacht werden.
An dieser Stelle wechselt die Perspektive des Gedichts explizit von der Beziehung zwischen Ego und Selbst zu einer zwischenmenschlichen Beziehung. Zugleich wird hier deutlich, dass die beiden Sichtweisen immer ineinander verschränkt sind. Innere und äußere Beziehungen sind untrennbar verflochten. Denn Inneres wird nach außen projiziert, und Äußeres wird introjiziert. Wir begegnen also unserem Ego in den anderen Menschen, die uns unsere Schattenseiten spiegeln.
Die reine Liebe ist frei von Gier, Erwartungen und Bedürfnissen. Sie streckt sich nach der geliebten Person aus und umfasst sie, selbst wenn sie geht. Die Verbindung bleibt bestehen und hat anhaltende Auswirkungen, wenn die Liebe frei von Bedingungen ist. Das Atmen, der Lebensfluss in der geliebten Person bleibt spürbar und trägt weiter.
Die reine Liebe befasst sich nicht mit den Schattenseiten oder Schwächen des anderen (in die „Lumpen“, in die sie gekleidet ist), sondern verbindet sich mit dem Reichtum und der Schönheit der geliebten Person, selbst wenn sie sich für geringer einschätzt. Die bedingungslose Liebe bleibt unberührt, selbst wenn die Liebe des anderen schwächer und geringer wird. Aber die Beziehung kann nur dann wachsen und gedeihen, wenn beide Seiten den Zugang zur Tiefe der Liebe offenhalten können, in der das Fleisch, die Lebendigkeit des anderen zu einem Gewand für sich selbst wird. Dann kann auch die Liebe Lawinen lostreten, die alles unter sich begraben, was sie beschränkt.
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