Montag, 6. März 2017

Der Verlust des inneren Spürens

Manchmal sagt jemand: Wenn ich in mich hineinhorche, spüre ich nichts. Meist sind das nüchterne und trockene Menschen, die sich für ausgeglichen halten und von anderen für langweilig oder farblos eingeschätzt werden. Sind solche Menschen einfach so, oder drückt sich in dieser Charakterverfestigung ein Thema aus, mit dem sich mehr oder weniger jeder Mensch im Zug seines Aufwachsens in der einen oder anderen Weise auseinandersetzen muss?

Die Bedürfnismanipulation


Es gibt einen einfachen und nachdrücklich wirksamen Ablauf, der solche Muster prägen kann. Von Anbeginn sind die Menschenwesen mit der Fähigkeit ausgestattet, ihre Bedürfnisse zu spüren und zu wissen, worin die Befriedigung besteht. Diese Fähigkeit ist zentral dafür, überhaupt über- und weiterleben zu können. Dennoch passiert es häufig, dass Bedürfnisse von den zuständigen Personen, meistens den Eltern, „falsch gelesen“ werden, also missverstanden werden. Dann werden die kindlichen Bedürfnisse entweder gar nicht, unzureichend oder auf anderer Ebene befriedigt. Für den letzteren Fall ist das klassische Beispiel, dass auf das Bedürfnis nach Zuwendung als Befriedigung Nahrung angeboten wird.

Ein zweiter Prozess aktiviert sich nun: Wenn etwas nicht stimmt, wenn sich also die Bedürfnisbefriedigung mangelhaft oder falsch anfühlt, nehmen Kinder an, dass es an ihnen liegt. Sie haben einen Fehler gemacht, es können ja nicht die allmächtigen und allwissenden Erwachsenen sein, die sich irren. Also gelangen sie zu dem Schluss: Es ist nicht die Bedürfnisbefriedigung, die fehlerhaft ist, sondern das Bedürfnis. Damit entwickeln sie ein Misstrauen in die eigenen Bedürfnisse im Speziellen und in das eigene Spüren des Inneren im Allgemeinen.

Auf diese Weise fangen Kinder an, sich über die Großen zu erleben und zu definieren. Sie müssen ihre eigenen Bedürfnisse so definieren, dass sie die größtmögliche Chance haben, befriedigt zu werden. Dazu müssen sie die „Befriedigungsmechanismen“ der Eltern studieren und die eigenen Reaktionen darauf abstimmen. Diese hohe Anpassungsleistung macht es möglich, dass Kinder auch unter emotional kärglichen und desorganisierten Umständen aufwachsen können.

Der Preis liegt in der Überbetonung der äußeren Sinne gegenüber der inneren. Vertrauen können wir hinfort nur dem, was wir sehen, hören und angreifen können. Hingegen was wir in unserem Inneren spüren, ist immer zweifelhaft, gibt uns keine Sicherheit, könnte so oder auch anders sein. 

Denn wir haben gelernt, dass wir unsere Wahrnehmung primär darauf richten müssen, was um uns herum vorgeht, und nach diesen Gegebenheiten müssen wir unser Verhalten ausrichten. Wir lernen, wachsam zu sein und unsere Außenwelt daraufhin zu interpretieren, ob und wann sie uns wohlgesonnen und wann sie bedrohlich ist. Wir werden nach außen hin hypersensibel und nach innen taub, oder, im noch schlimmeren Fall, wissen wir nicht, wie wir diese beiden Kanäle voneinander unterscheiden könnten. Wir wissen nicht, was kommt von innen und was von außen.

Außerdem baut sich durch dieses Muster der Bedürfnismanipulation und der Bedürfnisinterpretations-Manipulation eine subtile, aber wirksame Abhängigkeit von den Eltern auf, die weit über das notwendige Alter hinaus prägend wirkt. Als Kinder haben wir aufgenommen, dass sie uns mitteilen, wie es uns selbst geht, und was für uns gut ist zu bekommen und zu tun. Sie wissen besser, was in uns los ist, nicht wir selber. Deshalb vertrauen wir später mehr auf das, was uns andere sagen, als auf das, was wir selber spüren, so wir überhaupt noch etwas spüren. Unbewusst übertragen wir ihnen eine Deutungsmacht über unser Leben, die schwer zu durchschauen und abzuschütteln ist, weil sie in vielen Facetten unterschwellig unser Wahrnehmen und Verhalten prägt.

Die Dominanz der äußeren Sinne, die sich auf der Unsicherheit gegenüber den inneren Sinnen entwickelt, erweitert sich zur Dominanz der Dritte-Person-Perspektive, die wir in allen Ebenen der Gesellschaft wahrnehmen können: die Deutungsmacht der Wissenschaften, die Bedürfnismanipulation durch das Konsumangebot und die Gefühlssteuerung durch die Unterhaltungsindustrie.


Postfaktische Vernebelung


Kein Ausweg ist es, die Macht dieser Wirklichkeitsdefinitionen mit Vernebelungstaktiken zu diskreditieren, nach der Art: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Es gibt Täuschung und Betrug in der Außenwelt, aber es gibt auch Korrektur und Aufklärung. Der Erfolg der Dritte-Person-Perspektive beruht auf den Selbstreinigungskräften, die mit dieser Einstellung möglich sind und darauf achten, dass die Wirklichkeitskonstruktionen soweit zuverlässig sind, dass wir uns in der Welt zielgerichtet bewegen können.

Die Konjunktur des Postfaktischen oder besser Prä- oder Antifaktischen, also die systematische Diffamierung jeder Objektivität in der Wirklichkeitsdarstellung  begünstigt nicht die Erste-Person-Perspektive und sorgt nicht für einen Ausgleich des Einflusses beider Perspektiven. Vielmehr geht es bei der Enthebelung des Faktischen zugunsten unbewiesener und unbeweisbarer Fantasien, die im Dienst politischer Propaganda betrieben wird, darum, den Unterschied zwischen der Innen- und der Außenwelt zu verwischen. Es geht also um die Förderung von psychotischen Wirklichkeitsproduktionen und psychotischen Strukturen in der Gesellschaft wie in den Individuen, mit der Hoffnung, in diesem Sumpf der erzeugten Verwirrungen für sich selber Macht und Ressourcen zu maximieren. Wo es keine Faktenbasis für die Unterscheidung von Richtig und Falsch mehr gibt, fehlt auch jede Grundlage für die Unterscheidung von Recht und Unrecht.


Die Reanimation des inneren Sinnes


Der Weg des Ausgleichs zwischen Innen- und Außenorientierung besteht in der Reanimierung und Verfeinerung des inneren Sinnes, in der Öffnung für die Signale unseres Körpers und unserer Seele. Das Wissen und die Intelligenz unserer Innenwelt gibt uns Aufschluss darüber, was stimmig ist, d.h. mit unserem Wesen im Einklang ist und was nicht. Es gilt also, dieses ursprüngliche Vertrauen auf die Weisheit des Organismus im erwachsenen Körper mit dem ausgereiften Gehirn zu nutzen. So gewinnen die äußeren Eindrücke ihre Farbigkeit, die sie lebendig und beweglich macht. Und so wächst auch die Sicherheit, dieses primäre organische Spüren von abgeleiteten Fantasien zu unterscheiden, die das Gehirn produziert.

Für die Erschließung dieses Weges ist die Arbeit an den inneren Mustern wichtig, die im Verlauf der Bedürfnismanipulation und der Abgabe der Deutungsmacht entstanden sind. In dem Maß, wie wir deren Macht abbauen können, gewinnen wir einen authentischen Zugang zu unserem Inneren, wir öffnen den Kanal, der uns klare Informationen und Bewertungen liefert. Mit diesem Rüstzeug können wir die äußeren Wahrnehmungen nutzen, um die inneren auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen, und die inneren dazu, den Augenschein der äußeren Wirklichkeit zu durchleuchten. Im Zusammenspiel beider Wahrnehmungsformen verbindet sich das Innere und das Äußere zu einer fließenden Ganzheit und Einheit, die sich weder täuschen noch verführen lässt.


Vgl. Der Vagus und die Selbstheilkraft
Funktional und fließend wahrnehmen
Das innere Wissen

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