Dienstag, 28. März 2017

Die Vorstellung von der Unsterblichkeit

Wir wissen nicht, was nach dem Tod ist und können darüber auch nichts wissen. Jeder, der behauptet, ein Wissen darüber zu haben, schwindelt. Denn Wissen erfordert authentische Erfahrung, und definitionsgemäß kann niemand, der tot ist, Erfahrungen machen und davon berichten. Tot zu sein heißt, dass alle Grundlagen für Erfahrungen, z.B. ein Nervensystem, und alle Grundlagen für Kommunikation, z.B. ein Sprachzentrum und Sprechorgane, ihre Funktionen eingestellt haben.

Wohl gibt es Nahtod- oder Fasttod-Erfahrungen, aber das sind andere Themen, weil diese Erfahrungen von Menschen gemacht wurden, die noch so weit am Leben waren, dass sie eben Erfahrungen machen konnten. Es berichtet die Bibel von Personen, die „von den Toten auferstanden“ sind, doch wissen wir nicht, ob es sich in diesen Fällen um Schein- oder Nahtote gehandelt hat, bzw. ob die Erzählung gar nicht die Absicht hatte, außergewöhnliche Fakten wiederzugeben, sondern Heilsbotschaften vermitteln wollte.


Menschen sind Empiristen


Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war (nihil est in intellectu quod non erat in sensu),  so der Grundsatz des Empirismus, der Lehre, die davon ausgeht, dass nur das als Erfahrung gelten kann, was auf Sinneseindrücken beruht. Der empiristische Grundsatz kann nicht einfach dadurch ausgehebelt werden, dass das Gegenteil behauptet wird. Die Beweislage für dieses Gegenteil ist dürftig, und jene für den Empirismus wird mit jeder neuen Entdeckung der Neurowissenschaften erhärtet. Wir verfolgen in diesem Zusammenhang  die erkenntnistheoretische Diskussion, die über den Empirismus hinaus vermutlich zum Konstruktivismus führt, nicht weiter, weil dieser Schritt zur hier diskutierten Thematik nichts Neues beiträgt.

Es gilt also festzuhalten: Wir können uns nicht einmal irgendetwas vorstellen ohne materielle, sinnlich wahrnehmbare Komponenten. Was oder wie wäre eine „rein geistige“ Vorstellung? Was immer uns dazu einfällt, was immer wir dabei imaginieren: Es zitiert immer etwas sinnlich Wahrnehmbares und ist zusammengesetzt aus Dingen, die wir in unserem Leben schon irgendwann gesehen haben. Einfaches Beispiel: Ein Engel ist eine menschliche Gestalt mit Flügeln, wie wir sie von Vögeln kennen.

Gott, soweit wir ihn uns überhaupt vorstellen dürfen – das ist ja in manchen Religionen verboten –, stellen wir uns zumeist als älteren männlichen Menschen mit Bart vor. Wir tun uns schwer, Gott als rasiert vorzustellen, so fest sind diese Stereotypen in uns verankert. Göttinnen-Vorstellungen sind zum verständlichen Ärgernis der Feministinnen und Feministen weitgehend unpopulär, und die Vorstellung von einem jugendlichen, sportlichen, intellektuellen oder, warum auch nicht, kindlichen Gott/Göttin erschiene uns kaum passend. Die Griechen und andere polytheistische Religionen hatten es einfacher, da waren im Pantheon alle möglichen Variationen der Imagination vertreten, aber eben alle mit menschlichen und allzu menschlichen Charaktereigenschaften.  Diese anthropomorphe, menschenähnliche Darstellung der Gottheiten ist eben von den monotheistischen Religionen genau deshalb kritisiert worden, und der eine Gott, der jenseits von solchen Vorstellungen gedacht wird, gilt als Fortschritt gegenüber der antiken Götterwelt.

Doch was bleibt von einem Gott ohne Bild? Die Idee? Auch diese ist nur eine Vorstellung, bedeutet doch das griechische Wort idea „Gestalt“, „Erscheinung“, „Aussehen“ oder „Urbild“, also etwas, das immer auch als gegenständlich aufgefasst wird.


Gibt es die reinen Gedanken?

 

So können wir nur noch zum „bloßen Gedanken“ Zuflucht nehmen. Der reine Begriff wäre  das vom Materiellen am weitesten entfernteste. Begriffe wie „Freiheit“, „Gerechtigkeit“ usw. können wir nur denken, weil ihnen kein sinnlich wahrnehmbares Objekt entspricht. Dennoch können wir uns dabei ertappen, dass wir auch solchen Begriffen Bilder verpassen, die aus der Wahrnehmungswelt stammen, wie z.B. wenn wir beim Begriff „Freiheit“ die Freiheitsstatue vor uns sehen. Weit entfernt heißt hier, dass die Sinnesdaten über mehrere Schritte im Denkprozess weiterverarbeitet wurden.

Zudem ist zu berücksichtigen, dass das Denken immer abhängig von materiellen Vorgängen ist, also von neuronalen Prozessen, die im Gehirn ablaufen. Wir merken das daran, dass wir im Tiefschlaf, aber auch bei einem Blackout nichts denken können, auch wenn wir wollten, weil unser Organismus es nicht zulässt. Wir haben in solchen Situationen nicht nur keine Gedanken, vielmehr ist das Denkvermögen als solches ausgeschaltet.

Nicht einmal die so „reine“ und prinzipiell gegenstandslose Mathematik schafft es, in uns ohne Vorstellung zu existieren. Selbst wenn wir die völlig abstrakte Operation einer Rechnung durchführen, sehen wir im Inneren die Zahlen vor uns; in der Geometrie gibt es ja das Beispiel der Linie, die als mathematische Linie gar nicht sichtbar sein sollte, weil sie nur eine Dimension hat, und jede gezeichnete Linie streng genommen ein Quader mit ganz minimaler Breite ist. Sobald wir von Linie reden, sehen wir einen derartigen Strich, während wir die abstrakte eindimensionale Linie nur als Denkmöglichkeit verstehen können und bei dieser Vorstellung innerlich immer mit dem Kopf schütteln, weil sie unserem so stark auf die Imagination vertrauenden Verstand absurd vorkommt.


Bilder vom Weiterleben


So sind sie beschaffen, die Vorstellungen von der Unsterblichkeit: Ob Paradies oder Hölle, ob Bardo-„Raum“ oder Reinkarnations-Warteraum, alles beinhaltet Bilder aus unserer jetzigen Erfahrungswelt, und ohne diese gibt es auch keine Vorstellung vom Weiterleben nach dem Tod. Wir können die Negationsfunktion unserer Sprache nutzen, um eine adäquate Beschreibung dieser Denkmöglichkeit zu liefern, indem wir z.B. sagen: Nicht so wie unsere sinnliche Welt, nicht so wie die Fantasien, die wir in unserem Kopf produzieren etc. Aber diese Denkoperation mittels Negation demonstriert wiederum nur unsere fundamentale Abhängigkeit von der sinnlichen Wahrnehmungswelt und liefert uns keinerlei Informationen im positiven Sinn, also darüber, wie oder was da in dem Sein nach dem Tod geschehen wird. Alles, was uns bleibt, ist das bescheidene Eingeständnis, dass wir darüber nichts wissen und nichts wissen können, und dass jede Vorstellung, die wir davon bilden, auf reiner Fantasie beruht, also Eigenproduktion ohne äußeren Wirklichkeitscharakter ist.


Über den Sinn des Imaginierens


Vorstellen hat auch seinen Sinn, es kann unsere Angst vor dem Sterben und vor dem eben Unvorstellbaren des Nicht-mehr-Existierens lindern. Es ist aber dennoch immer das Verwenden einer Illusion, die wir uns da aufbauen, und wenn wir uns der Angst in uns wirklich stellen, merken wir vielleicht, dass wir die Illusion nicht mehr brauchen und dass wir es doch schaffen, mit einer absoluten Grenze unseres Wissens und unserer Sicherheit leben zu können, die mit dem Tod markiert ist.


Mystik und Unsterblichkeit


Jetzt lebe ich, und wozu sollte ich mich damit beschäftigen, was nach dem Ende dieses Lebens sein wird, noch dazu, wo ich erkannt habe, dass es nur Spekulationen und Fantasien sind, die uns von religiösen und esoterischen Predigern  angeboten werden und  von denen wir uns aussuchen können, was uns gefällt? Begräbnisinstitute haben verschiedene Angebote: Bestattung mit/ohne Messe, mit/ohne Kränze usw. Der Jahrmarkt der Weiterlebenslehren erinnert daran: Wollen Sie nach christlicher, buddhistischer, hinduistischer, synkretistischer oder esoterischer Lehre nach Ihrem Tod weiterleben? Sie werden doch nicht einfach ins Nichts eingehen wollen bei so vielen verlockenden und interessanten Angeboten?

Die verschiedenen Angebote dürften nicht einmal einen Preisunterschied aufweisen, weil sie alle gleich viel wert sind: Gut für einen Trost und für die Verdrängung der Todesangst, auch für den Zeitvertreib und die Unterhaltung, siehe unten. Schlecht sind sie allesamt für die Angstlösung und innere Befreiung. Sie alle bauen, wie gute Marketingstrategien überhaupt, auf Ängsten auf und verstärken diese mit ihrem Produkt. Die Angst vor dem Ungewissen, das am Ende des Lebens lauert, ist nicht einfach zu verdauen. Da ist es bequemer, eine der Lehren, die ewiges Heil in der einen oder anderen Form versprechen, zu adoptieren.

Der Mystiker geht den unbequemeren Weg und konfrontiert sich direkt mit den Ängsten. Was wäre, wenn es nichts, überhaupt nichts mehr gäbe nach dem Tod, wenn alles, was wir jetzt sind, vergehen und verschwinden würde, unser Körper, unsere Seele, unser Geist? Wie würde ich mich jetzt fühlen? Was für einen Unterschied würde es für die Qualität meines Lebens im Jetzt machen?

Ein Zen-Meister wird gefragt: "Meister, sag mir, was nach dem Tod sein wird." Er antwortet: "Was fragst du mich jetzt? Jetzt lebe ich noch."

Zum Abschluss dieses ernsten Themas noch ein Witz, deren es aus verständlichen Gründen gerade in diesem Zusammenhang nicht wenige gibt.

Im Himmel drohte Überfüllung. Deshalb entschied der Heilige Petrus, nur Menschen hineinzulassen, die einen wirklich schlimmen Todestag hatten. Am ersten Morgen dieser neuen Politik sagte Petrus zum ersten Mann in der Schlange: „Erzähl mir über den Tag, an dem du gestorben bist.“
Der Mann sagte: „Ach, das war schrecklich. Ich war mir sicher, dass meine Frau eine Affäre hatte. Deshalb kam ich vorzeitig von der Arbeit nach Hause. Ich suchte überall in der Wohnung, konnte aber den Liebhaber nicht finden. Schließlich ging ich auf den Balkon, wo ich den Mann fand, der sich gerade noch mit den Fingern am Rand des Balkons festhielt. Ich holte einen Hammer und schlug ihm auf die Finger. Er fiel hinunter, aber landete auf einem Busch und kam davon. Also ging ich nochmals hinein, holte den Kühlschrank und hievte ihn über das Balkongitter. Er zermalmte ihn, aber wegen der Anstrengung mit dem Kühlschrank bekam ich einen Herzinfarkt und verstarb.“
Petrus konnte nicht leugnen, dass das ein schrecklicher Tag war und dass es sich um ein Verbrechen aus Leidenschaft handelte, so ließ er den Mann in den Himmel. Dann fragte er den nächsten in der Reihe.
„Nun, bei mir war es schrecklich. Ich machte Aerobic auf dem Balkon meiner Wohnung und rutschte dabei über die Balkonkante. Ich konnte mich gerade noch am Rand des Balkons der Wohnung unterhalb anklammern, aber dann kam ein Wahnsinniger heraus und schlug mit einem Hammer auf meine Finger ein! Ich fiel, aber landete im Gebüsch und lebte. Doch dann kam dieser Typ erneut heraus und warf einen Kühlschrank auf mich! Das reichte dann.“
Sankt Peter schluckte ein wenig und ließ ihn in den Himmel. „Erzähl mir von deinem letzten Tag“, sagte er zum dritten Mann in der Schlange.
„Gut, stellen Sie sich das vor: Ich bin nackt, sitze in einem Kühlschrank …“

Und zu ganz guter Letzt noch einer:

André hatte es in den Himmel geschafft. Er fragte, ob er seinen alten Freund Pierre in der Hölle besuchen könnte. Der Wunsch wurde ihm gewährt, und der Teufel höchst persönlich führte ihn zur privaten Suite seines Freundes.
Da saß Pierre in einem Liebesstuhl mit einer tollen nackten Frau am Schoß, einem Tablett mit Vorspeisen auf dem Tischchen neben ihm und einer Champagner-Flöte in der Hand. André konnte seinen Augen nicht trauen. „Das ist die Hölle?“ rief er aus.
„Aber ja“, seufzte Pierre. „Diese Frau, sie ist meine erste Gattin. Der Käse kommt aus Belgien. Und dieser  ‚Champagner‘  – was soll ich sagen? – der ist nicht einmal echt, der kommt aus Kalifornien!“


Vgl. Theologie und Mystik zum Weiterleben 
Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Was kommt nach dem Leben? 
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele 

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