Montag, 15. Mai 2017

Sorgen entsorgen

Viele der Sorgen, die wir uns machen, zählen zu den überschüssigen und überflüssigen Gedanken, die unseren Kopf füllen und mit denen wir uns selber trefflich quälen können. Wir kennen wohl alle Zustände, in denen es im Gehirn rattert: Was ist, wenn A passiert, und dann B und dann C? Was, wenn die Weltwirtschaft zusammenbricht oder die Umwelt kollabiert? Was, wenn ich morgen nicht rechtzeitig aufwache und den Wecker überhöre? Was, wenn das Flugzeug abstürzt, mit dem ein Freund verreist? Wenn die Milch im Supermarkt schon ausverkauft ist und es regnet, wann wir die Wanderung geplant haben?

Unendlich wie die menschliche Kreativität überhaupt sind die Anlässe für Sorgen, die wir uns ausdenken. Unzählige Szenarien von Peinlichkeiten, Problemen und Katastrophen spinnt die furchtsame Maschinerie in unserem Oberstübchen, Tag für Tag. Diese Gedanken können uns mit ihrer zwingenden Macht gefangen halten, lähmen und in chronische Angst versetzen.

Wie können wir diese lästige Macht brechen, die uns so leicht in ihren Bann zieht? Es ist die Schule der Achtsamkeit, die wir für die Befreiung von Sorgen brauchen. Der erste Schritt besteht darin, zu erkennen, was wir gerade mit uns selber machen: Wir denken uns eine Zukunft aus, von der wir nicht wissen, ob sie eintreten wird. Wir machen daraus Gedankenschleifen, die unsere Aufmerksamkeit fixiert, indem wir immer wieder die angstvollen Zukunftsszenarien durchdenken und mit inneren Bildern anreichern. Wir bauen diese Schleifen noch aus, indem wir uns Sorgen von über- und übermorgen machen.

Die achtsame Reflexion macht uns klar: Wir selber sind es, die diese Gedanken und Bilder produzieren, nicht eine äußere Wirklichkeit, andere Menschen oder Mächte des Schicksals.  Wir sind also selber die Erfinder der Sorgen, wir sind es, die sie nähren und pflegen. So können wir uns als nächstes fragen, ob wir die Sorge, die uns gerade plagt, wollen oder nicht. Gibt es etwas, das wir tun können, um der Sorge abzuhelfen? Wenn ja, dann sollten wir uns sogleich aufmachen, es zu tun. Wenn nein, besteht die Aufgabe darin, die Sorge zu entsorgen, sie also aufzugeben. Wir müssen aufhören, die Sorge mit unserer Aufmerksamkeit zu füttern, indem wir z.B. die Aufmerksamkeit auf anderes richten, uns ablenken oder Tätigkeiten aufnehmen, die unsere Konzentration erfordern. Wir können auch die Angst erforschen, die hinter der Angst steckt, indem wir wahrnehmen, in welchen inneren Zustand uns die sorgenvollen Gedanken versetzen.

Wir können auch die Gegengifte zur Sorgensucht mobilisieren. Wir haben so viel Anlass für Vertrauen ins Leben: Wir haben schon so viel zuwege gebracht und geschafft in diesem Leben, so vieles ist gut gelaufen, so weit sind wir schon gekommen, und die Fehlschläge und Enttäuschungen sind dagegen nur Ausrutscher und Lernkurven auf einer Bahn, die im Großen und Ganzen in eine gute Richtung geht. Also aktivieren wir unser Lebens- und Selbstvertrauen: Wir werden auch diese Herausforderung meistern, der uns die Sorge so zaghaft gegenübertreten lässt. Verbinden wir uns mit der inneren Kraft und besinnen wir uns auf die Ressourcen, über die wir verfügen: Unsere Intelligenz, Tatkraft und unseren Lebensmut. Vergessen wir die Tugend der Leichtigkeit nicht, mit der wir die Schwere der Sorge überwinden können. Mit Flexibilität und Eleganz, mit Kreativität und Lebensfreude haben wir schon so vieles, was sich uns in den Weg gestellt hat, bewältigt und werden das in Zukunft wieder zuwege bringen.

Auf diese Weise können wir Sorgen in Aufgaben umwandeln, an die wir mit Konzentration und Kompetenz herangehen können. Jede bewältigte Aufgabe stärkt unser Vertrauen und reduziert unsere Neigung zum Erfinden von Sorgen.

Das hingegen, womit uns unsere Sorgen beschäftigen und was überhaupt nicht in unserer Macht liegt, können wir nur dem Vertrauen in das größere Ganze übergeben, das für diese Belange zuständig ist. Auch die Menschheit als Ganze hat schon so viele Jahrtausende auf diesem Planeten überlebt und sich als enorm anpassungsfähig und lernbereit erwiesen. Wir wissen nicht, was die Zukunft an Herausforderungen bringen wird, wir wissen aber, mit welchen Problemen die Menschheit schon fertig geworden ist. Darum können wir unser Vertrauen in uns selbst ausweiten auf die große Gemeinschaft der Menschen, von denen so viele schon so viel Gutes geschaffen haben und in jedem Moment schaffen. So viele Ideen sind schon entstanden und verwirklicht worden, die das Leben der Menschen verbessert und erleichtert haben, und das wird auch in Zukunft so bleiben.

Und dann gibt es noch einen Bereich, auf den es keinen Einfluss gibt und der uns Sorgen bereiten kann, der Bereich des Unverfügbaren. Wir können nicht mit absoluter Sicherheit verhindern, dass uns oder unseren Angehörigen eine Krankheit befällt oder ein Unfall passiert. Wir können das Unsere dazu beitragen, indem wir unser Leben bedacht und achtsam führen und das Leben anderer ebenso achtsam respektieren. Aber wir wissen auch, dass immer wieder Brüche und Diskontinuitäten im Lebensprozess geschehen und Unvorhersehbares in unser Leben hereinbrechen kann.  Auch auf diese Bereiche gilt es, unser Vertrauen auszuweiten. Was auch immer geschieht, wir werden irgendwie damit umgehen können, vielleicht besser, vielleicht schlechter. Wir wissen es nicht.

Und im extremsten Fall wird auch irgendwann einmal etwas auftauchen, was wir nicht mehr meistern können und was uns das Leben kostet. Warum sollen wir uns deshalb sorgen? Eines können wir uns sicher sein: Mit dem Tod enden alle Sorgen.

Letztlich geht es ja bei allen Sorgen darum, dass wir befürchten, unser Überleben sei gefährdet, weil ja dies oder jenes passieren könnte. Deshalb sollen wir unsere Überlebensstrategien probeweise mobilisieren, das ist es, was uns die Sorgen einreden wollen. Wenn wir uns aber vor Augen führen, dass wir über das Ende unserer Existenz keine Kontrolle haben, können wir uns in dieser Hinsicht entspannen. Warum sollten wir uns nicht jetzt schon von Sorgen befreien, die ja doch nur ein innerer Ballast sind, den wir uns unbewusst und unnötig aufladen? Jede verabschiedete Sorge schafft Raum für ein freieres und unbeschwerteres Leben, jedes Loslassen einer Sorge bereitet uns vor auf die größte Ungewissheit unseres Lebens, nämlich dessen Ende.

Zu diesen Ungewissheiten vermeldet Nestroys Knieriem im Kometenlied:
„Da wird einem halt angst und bang, Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang, lang, lang, lang, lang, lang.“

Doch nach Georg Kreisler kann man sich angesichts aller möglichen Katastrophen zumindest auf das Alpenglühn verlassen:
"Das alte Tannenwäldchen schickt die letzten Grüße
Der alte Tag geht nun zum letzten Mal vorbei
Der alte Förster wäscht zum letzten Mal die Füße
Der alte Gockel legt zum letzten Mal ein Ei
Der alte Goldfisch geht zum letzten Male unter
Der alte Jänner kommt zum letzten Mal im Jahr
Das alte Flugzeug fällt zum letzten Mal herunter –
Nur das Alpenglühn, ja, das Alpenglühn
Das alte Alpenglühn gibt's jetzt und immerdar."


Zum Weiterlesen:
Die Sorgen von übermorgen
Sorgen und Planen 

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