Montag, 1. Mai 2017

Ist Achtsamkeit ein Tranquilizer?

In einem Interview in der Wiener Zeitung geht der britische Historiker Theodore Zeldin auf die Themen „Achtsamkeit und Meditation“ ein. Wer meint, dass ein Historiker nicht unbedingt ein Experte für Achtsamkeit sein muss, wird in diesem Artikel eines Besseren nicht belehrt. Denn Zeldin greift im Wesentlichen nur das uralte Nabelschau-Vorurteil gegen Meditierer auf: Wer sich hinsetzt und die Augen schließt, vergisst die Welt, kümmert sich nicht mehr um sie und wird zum selbstsüchtigen Solipsisten.

In den Worten von Zeldin: „Man hat die Alternative: Man kann hinausgehen, um die Welt zu verbessern. Oder man kann meditieren und sich vor der Welt und ihren unerwünschten Effekten verstecken.“ Dieses Zitat lässt sich auch umdrehen: Man kann versuchen, die Welt zu verbessern, um sich vor sich selbst und den unerwünschten Themen in sich zu verstecken. Oder aber man kann meditieren, um Klarheit und Kraft für die Verbesserung der Welt zu gewinnen. Wir können auch fragen: Wie soll jemand, der nicht meditiert, überhaupt sinnvoll die Welt verändern können und sich sicher sein, Weltverbesserung nicht mit dem Ausagieren des eigenen Unbewussten zu verwechseln? Hitler und Stalin wollten auch die Welt verbessern, Erdogan und Trump haben dasselbe im Sinn, und jedem, der sich heutzutage politisch engagiert, geht es genau um das. Die Unterschiede liegen allerdings darin, welche Züge die verbesserte Welt aufweisen soll: rechts- oder linksextreme, liberale, konservative usw. Wo, wenn nicht in uns selber, liegt der Schlüssel dafür, zu erkennen, was für uns eine wirkliche Verbesserung der Welt ausmacht und was bloß in versteckter Form der Sicherung von Eigeninteressen dient? Solange die selbsternannten Weltverbesserer von unbewussten Ängsten und egomanischen Impulsen angetrieben sind, kann die Welt nur schlechter werden.

Wir haben nicht die Alternative, die Welt zu verbessern oder zu meditieren. Beides lässt sich verbinden, und beides sollte verbunden werden, zum Nutzen beider und zum Wohl des Ganzen. Die Meditation kann enorm dabei helfen, nicht nur die Motivation zum Weltverbessern in sich zu klären, sondern auch die eigene Kompetenz darin. Gelassene Menschen können mehr zum Weltfrieden beitragen als gestresste.

Ich gebe Zeldin darin recht, dass Bildung einen wichtigen Beitrag für den gesellschaftlichen Fortschritt leistet. Doch warum sollten meditierende Menschen kein Interesse an Bildung haben? Meditation fördert die Konzentration, wie viele Studien belegen, fördert also auch den Erwerb von Wissen und Kompetenzen. Wenn wir entspannt sind, können wir besser Neues aufnehmen und lernen.

Wir werden auch kreativer durch das Meditieren. Zeldin meint zwar, dass die Meditation nichts zur Kreativität beiträgt: „Die Idee, dass Menschen in einem Sessel sitzen und kreativ werden können, ist falsch. Menschen werden schöpferisch durch Interaktionen mit anderen Menschen, wenn sie sich Wissen außerhalb ihres Bereiches aneignen.“ Er hat natürlich darin recht, dass die Meditation keinen unmittelbaren kreativen Output hat und keinen dialogischen Austausch enthält. Wir sitzen, um uns innerlich zu entspannen und den Moment in seiner Ganzheit wahrzunehmen. Doch wissen wir aus vielen Beispielen, beginnend mit Archimedes, und aus vielen Ergebnissen der Kreativitätsforschung, dass die besten kreativen Ideen in Phasen der Entspannung auftauchen. Außerdem tun wir uns leichter, kreative Ideen zu verwirklichen, wenn wir an sie mit der Haltung der Gelassenheit statt der Überlastetheit und Gehetztheit herangehen. Und wir sind offener und kompetenter im Austausch mit anderen Menschen, wenn wir aus der Meditation kommen.

Zeldin behauptet, dass die Beschäftigung mit Achtsamkeit narzisstisch sei. Als Begründung für diesen pathologisierenden Verdacht gibt er an: „Das Ziel von Achtsamkeit ist es, mehr über sich selbst zu erfahren, und nicht über andere.“ Es mag schon stimmen, dass wir in der Achtsamkeitsmeditation mehr über uns selbst erfahren wollen, aber das hat nichts mit Narzissmus zu tun. Vielmehr heißt achtsames Nach-Innen-Schauen, im Inneren alles anzunehmen, was da ist, und in seinem Kommen und Gehen wahrzunehmen, Angenehmes und Unangenehmes gleichermaßen akzeptierend. Körperempfindungen und Gefühle haben dabei den Vorrang vor Gedanken. Der Begriff des Narzissmus macht in diesem Zusammenhang keinen Sinn, weil sich dieses Muster nicht im Erfahren des Moments auf der Empfindungs- und Gefühlsebene zeigt, sondern in Größenfantasien und Selbstidealisierungen, Tendenzen, gegen welche die Achtsamkeitsmeditation ein effektives Gegenmittel darstellt. Die Achtsamkeitsmeditation schwächt also tendenziell narzisstische Charakterzüge. Sie bringt den Praktizierenden dazu, sich auf einer tieferen Ebene selbst anzunehmen, mit den eigenen Stärken und Schwächen, und fördert damit ein realistisches Selbstbild, an dem es gerade einem Narzissten mangelt.

Die Praxis der Achtsamkeit kann sich nicht auf Meditation beschränken. Viele Achtsamkeitslehrer schließen in die Achtsamkeitsübungen Themen wie „Achtsame Kommunikation“ oder „Achtsamer Umgang mit Ressourcen“ ein. Deshalb ist Achtsamkeit kein Gegensatz zum Interesse an anderen Menschen, im Gegenteil, Menschen mit Training in Achtsamkeit sollten bessere Kommunikatoren sein, weil sie gelernt haben, gut zuzuhören und die eigenen Worte sorgsam zu wählen. Außerdem lernen sie, wie sie sich in jeder Situation besser entspannen können, und sie sind deshalb insgesamt angenehmere Mitmenschen, da sie nicht so leicht aus der Fassung geraten.

Wie schaut es mit dem Glück aus? Finden wir es nur in der Innenschau oder gerade dort nicht? Zeldin meint dazu: „Wenn man sich nur um sich selbst kümmert, ist man ein Dummkopf. Wenn man sein eigenes Glück sucht und die Welt dabei vergisst, läuft etwas falsch.“ Die Crux dieser Aussage liegt im „nur“, und nur in dieser Ausschließlichkeit hat der Historiker wohl recht. Die Frage ist freilich, ob damit eine relevante Aussage gelungen ist: Gibt es überhaupt außer ein paar „Dummköpfen“ oder Spinnern Menschen, die sich nur um sich selber kümmern? Sicherlich gibt es Egoisten und Isolationisten, die kaum Kontakte zu anderen haben. Aber ich möchte in Zweifel ziehen, dass sich diese Menschengruppe mit derjenigen der Meditierer in nennenswerter Weise überschneidet. Wenn jemand, der den Kontakt zu anderen Menschen scheut oder aus anderen Gründen nur für sich selber lebt, auch dazu noch meditiert, dann dürfte es sich um eine Ausnahmeerscheinung handeln; jedenfalls bleibt Zeldin in dem Interview jeden Beleg für seine These schuldig.

In den ehrwürdigen Traditionen der Meditation z.B. in asiatischen Klöstern ebenso wie in westlichen Klöstern galt es als Teil der spirituellen Praxis, für andere Menschen zu sorgen, sei es durch Heilkunst oder Seelsorge. Der bekannte vietnamesische Achtsamkeitslehrer Thich Nhat Han verbindet in vielen seiner Bücher und in seiner Lehre die Achtsamkeit mit gesellschaftlichem Engagement.

Eine solipsistische Meditationspraxis ohne sozialen Bezug ist auch deshalb schwer vorstellbar, als Meditation immer in einem sozialen Kontext gelehrt und gelernt wird. Allein die Tatsache, dass meditierende Menschen meistens die Augen schließen, bedeutet nicht, dass sie sich damit aus dem zwischenmenschlichen Bereich ausklinken, es kann vielmehr auch sein, dass sie in der Meditation ihre Mitmenschen liebevoll bedenken, wie es bei manchen Methoden der Meditation nur darum geht, wie z.B. bei der tibetanischen Tonglen-Meditation, bei der das Leid anderer Menschen eingeatmet und Liebe für diese Menschen ausgeatmet wird.

Der Gegensatz von Meditation und sozialer Einbindung kann ein individuelles Problem sein, besteht aber nicht im Grundsätzlichen noch in der gängigen Praxis. Insofern scheint es, als hätte der Oxford-Professor ein Scheinthema konstruiert und eine Kritik formuliert, die ihren Gegenstand in der Wirklichkeit kolossal verfehlt.

1 Kommentar:

  1. Großartige Replik auf einen wirklich unterirdischen Artikel!
    Vielen Dank für die Mühe- sie hat sich gelohnt!
    <3

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