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Sonntag, 29. September 2024

Fossile Propaganda und Klimazerstörung

Die jüngste Überschwemmungskatastrophe hat viel Zerstörung und Leid verursacht. Sie hat auch darauf aufmerksam gemacht, dass der Klimawandel voll im Gang ist und dass solche Ereignisse immer häufiger auftreten werden. Bei Überflutungen wird nachher immer wieder nach effektiveren Schutzmaßnahmen gerufen. Es steht zu hoffen, dass endlich starke Rufe nach effektiven Klimaschutzmaßnahmen vor der nächsten Katastrophe laut werden und von der Politik gehört und umgesetzt werden. Den Schaden nachher notdürftig zu reparieren, der vorhersehbar ist, ist nicht nur dumm, sondern auch kostspielig. Das Scheinargument, dass die Umstellung der Wirtschaft auf Nachhaltigkeit teuer ist, ist längst widerlegt. Jedes Zuwarten mit notwendigen Maßnahmen macht diese laufend teurer, kostet also Geld. Die Verzögerungskräfte bei der CO2-Steuer, bei der Bodenversiegelung, bei der Renaturierung usw., die vor allem in den konservativen und rechten Parteien maßgeblich sind, sind für diese Kostensteigerungen verantwortlich, ebenso wie für das Ausmaß künftiger Katastrophen.

Darüber gäbe es keinen Zweifel, wenn nicht seit Jahren Zweifel gesät worden wären, ob es den Klimawandel gibt, ob er menschengemacht ist, ob er überhaupt gravierende Auswirkungen hat oder nicht. Diese Diskussionen flammen immer wieder auf, unbeschadet der Tatsache, dass die Übereinstimmung in den Wissenschaften über die wesentlichen Zusammenhänge bei der Erderwärmung immer höher wird und schon bei 99,9% liegt. Es ist also vieles schon lange außer Streit, was irreführend als zweifelhaft dargestellt wird.

Säe Zweifel und die Menschen rennen dir nach

Die Zweifel an den Wissenschaften wurden systematisch verbreitet, genau von den Kreisen, die durch eine konsequente Klimaschutzpolitik auf Gewinne verzichten müssten, nämlich alle, die an der Förderung und Verbrennung von fossilen Brennstoffen verdienen. Diesen Menschen ist nichts anderes wichtig, als ihre Gewinne langfristig abzusichern, obwohl sie wissen, dass sie damit die Erdatmosphäre zerstören und viel Leid anrichten.

Christian Stöcker hat in seinem Buch: „Männer, die die Welt verbrennen“ (Ullstein 2024) die Propagandamechanismen hinter den Ablehnungskampagnen gegen die Klimaschutzpolitik beschrieben. Er hat recherchiert, wie die Lobbys der Erdölindustrie seit über dreißig Jahren systematisch Fehlinformationen, Fakenews und gefälschte Studien verbreitet haben, um die Menschen im großen Stil zu manipulieren und für die eigenen Zwecke einzuspannen. Die Erkenntnisse der Wissenschaften zum Klimawandel, die im Kreis der fossilen Magnaten bekannt waren, sollten diskreditiert werden, indem bezahlte Scheinstudien das Gegenteil beweisen sollten. Diese Ergebnisse wurden lautstark verbreitet und in den entsprechenden, dafür offenen politischen Kreisen verankert. Gefälschte Studien werden bald aufgedeckt, aber es wurde und wird damit kalkuliert, dass die Widerlegungen viel später auftauchen werden und wenig Publizität erhalten, während der Hauptzweck der Aktion schon erreicht ist: Menschen zu verunsichern und das Vertrauen in die Wissenschaften zu untergraben. Und wenn eine gefälschte Studie entlarvt wird, kann man leicht sagen: Ah, da sind sich die Wissenschaftler uneins, die einen sagen dies und die anderen das Gegenteil. Es gibt also gar keine sichere wissenschaftliche Meinung, sondern nur unterschiedliche Standpunkte. Solche Relativierungen sind für Menschen eine Erleichterung, die durch den Klimawandel beunruhigt sind, aber nichts in ihrem Leben ändern wollen. Sie können sich jetzt beschwichtigen, dass es wohl nicht so schlimm sein kann und dass man mit dem eigenen Leben so weiter machen kann wie bisher. Politikern, die über Gesetze beraten müssen, sind Ausreden willkommen, damit sie etwaige unpopuläre Maßnahmen vermeiden oder in die übernächste Legislaturperiode verschieben können.

Das Säen von Lügen und Desinformationen ist also ein Mittel der Machtpolitik, bei der es darum geht, das, was den Interessen der eigenen Profitsteigerung im Weg steht, zu eliminieren oder zu schwächen, und das ist erstaunlich gut gelungen. Immer mehr Menschen neigen der Wissenschaftsskepsis zu, indem sie glauben, dass wissenschaftliches Wissen genauso relativ ist wie jedes andere Wissen. Die Wissenschaftsfeindlichkeit, die in der Coronazeit bei vielen Leuten aufgetaucht ist, war nur auf der Grundlage des Vertrauensverlustes in die Wissenschaften, der schon länger systematisch von einschlägigen Kreisen vorangetrieben wurde, möglich.

In den USA gibt es eine regelrechte Tradition von Kampagnen zur Manipulation der Öffentlichkeit für plumpe wirtschaftliche Eigeninteressen und gegen das Allgemeinwohl. Die Tabakindustrie hat lange Zeit die Schädlichkeit des Rauchens heruntergespielt und entsprechende Studien kleingeredet oder durch getürkte Gegenstudien relativiert. Es hat sehr lange gedauert und viele Menschenleben auch von Nichtrauchern gefordert, bis endlich das, was man schon lange wusste, gegen viele Widerstände zum Schutz der Nichtraucher gesetzlich beschlossen wurde.

Ähnlich ist die Zuckerindustrie vorgegangen. Als durch wissenschaftliche Studien klar wurde, dass Zuckerkonsum zur Gewichtszunahme führt, wurde eine riesige Kampagne entfesselt, in der das Fett als Dickmacher herausgestellt wurde. Auch in diesem Bereich wurden Untersuchungen gefälscht, um die Harmlosigkeit des Zuckers zu belegen und die Gewinne der Unternehmen in diesem Bereich nicht zu schmälern. In der Folge wurde Zucker in immer mehr Lebensmittel vor allem bei Fertiggerichten, Soßen, Getränken usw. hinzugefügt, sodass die Konsumenten zur Zuckersucht konditioniert werden konnten.

Eine Achse des Bösen

Die „Achse des Bösen“ reicht vom Koch-Netzwerk (rechtsextreme Ölmilliardäre, die verschiedene Desinformationsinstitute gegründet haben) über das Murdoch-Imperium (rechtsgerichtete Medien, z.B. der republikanische Propagandasender Fox) bis in die konservativen, liberalen, rechten und rechtsextremen Parteien in Europa. Die Hauptvertreter der FPÖ z.B. wiederholen die Propagandaformeln dieser Desinformationsnetzwerke , als hätten sie die Wahrheit und als gäbe es keine Wissenschaften, die in Tausenden Studien das Gegenteil nachgewiesen haben: Den Klimawandel gibt es nicht („Es kommt eine neue Eiszeit); wenn es ihn gibt, dann ist er nicht menschengemacht („Es war früher auch schon wärmer“), es ist nicht das CO2 schuld („Das brauchen ja die Pflanzen“), es sind die Sonneneruptionen, die zu Klimaschwankungen führen, und die „Klimahysterie“ führt nur dazu, dass ein „wohlstandvernichtender Ökosozialismus“ eingeführt wird. 

Mehr von rechtskonservativer Seite kommen die Argumente: Wir tun schon so viel, aber die Chinesen, Inder, usw. verursachen viel mehr Treibhausgase.  Oder: Wir tragen so minimal zu den CO2-Emissionen bei, dass es keinen Unterschied machen würde, wenn wir den CO2-Ausstoß auf null reduzieren würden. Die Rechtsextremen leugnen oder bezweifeln den menschengemachten Klimawandel, während die rechtsgerichteten Konservativen die Klimapolitik auf minimaler Sparflamme halten wollen. Beide Richtungen ziehen deshalb den Karren der Ölmagnaten und spannen ihr Wahlvolk zusätzlich ein.

Natürlich sind all die Argumente von rechtsextrem bis rechts nichts als billige Ausreden, die leicht widerlegbar sind. Außerdem sind sie zynisch, weil das Klimaproblem die gesamte Menschheit betrifft und alle ihren größtmöglichen Beitrag bringen müssen, wenn die ärgsten Auswirkungen vermieden werden sollen. Außerdem sind, historisch betrachtet, die jetzt reichsten Länder des Westens seit zwei Jahrhunderten die Vorreiter der Anreicherung der Atmosphäre mit Kohlendioxid, dass dieser Vorsprung in der Täterschuld lange nicht von anderen Ländern aufgeholt werden kann.

Mit solchen Kurzschlüssen, Dummheiten oder Naivitäten arbeiten diese Parteien den Großverdienern in der Fossilbranche in die Hände, und vermutlich fließt über irgendwelche Kanäle die entsprechenden Belohnungen. Jedenfalls sahnen sie ihre Wählerstimmen im Feld der Skeptiker und Verunsicherten ab, indem sie ihnen als Heilmittel den schamlosen Zynismus schmackhaft machen: Angesichts der sich häufenden Klimakatastrophen bestürzt zu sein und stur zu behaupten, dass es nichts zu ändern oder zu lernen gibt.

Die erwähnte Achse kann als böse benannt werden, weil sie dazu dient, ob wissentlich oder unwissentlich, dass der Menschheit massiver Schaden zugefügt wird, bzw. dass alle Maßnahmen zur Verhinderung des Schadens torpediert werden , nur um die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen und dort zu mehren. Es sind also blanke Egoismen, die, mit viel Geld in der Hinterhand, im großen Stil gegen die Menschlichkeit und Vernunft kämpfen. Sie sind aktiv gegen das Gemeinwohl gerichtet, denn die vom Klimawandel ausgelösten Lebensveränderungen betreffen alle und besonders jene, die zu den Schwächeren und Ärmeren in der Gesellschaft gehören.

Diese Strategien waren sehr erfolgreich und haben dazu beigetragen, dass die Bereitschaft für die kritiklose Übernahme von „alternativen“, in Wirklichkeit aber gefälschten und manipulierten Fakten in weiten Bereichen der Gesellschaft gewachsen ist und zunehmend von der fossilen Wirtschaft für die eigenen Zwecke genutzt werden kann. Es gelang, eine Armee von nützlichen Idioten zu erschaffen, die nichts an den Kampagnen verdienen, aber dennoch in Gesprächen und in den sozialen Medien bereitwillig mithelfen, Unwahrheiten zu verbreiten, Menschen zu verunsichern und die Klimaschutzpolitik in Misskredit zu bringen und zu blockieren.

Zum Weiterlesen:
Petromaskulinität und toxische Männlichkeit

Mittwoch, 8. Mai 2019

Links-Rechts – Versuch einer Unterscheidung

Die Etikettierung “links” und “rechts” wird immer wieder in der politischen Diskussion vorgenommen, in letzter Zeit verschärft um die Variante “linkslinks” (gerne von rechter Seite für die Wochenzeitung “Der Falter” verwendet). In diesem Artikel soll es darum gehen, ein paar Aspekte dieser Gegenüberstellung näher zu beleuchten. Es ist klar, dass es bei dieser Erörterung nicht ohne Pauschalierung geht; es mag “Rechte” oder “Linke” geben, die sich in dieser Charakterisierung nicht wiederfinden. Es gibt Rechte und Linke, die sich selber nicht so einschätzen, aber von vielen anderen so wahrgenommen werden, und es gibt auch das Gegenteil. Ich verhehle nicht, dass ich mehr Sympathien für die linke als für die rechte Orientierung empfinde, aber keinen Bedarf habe, mich irgendwo einzuordnen. Ein Resümee dieser Überlegung liegt darin, dass beide Seite lernen müssen, kognitiv und emotional, wenn sie daran interessiert sind, die Gesellschaft insgesamt zu verbessern, und dass jedes Mitglied der Gesellschaft lernen muss, von beiden Seiten. 

Die klassische Zuordnung und die aktuelle Problematik


Seit der französischen Revolution gibt es die Unterscheidung von links und rechts im Spektrum der politischen Orientierungen. Linker Veränderungswille gegen rechten Wunsch zur Bewahrung des Bestehenden – diese Zuordnung stand am Anfang. Gilt sie auch heute noch?  

Ich schlage hier eine Neudefinition von links und rechts vor, bei der es um die aktuellen Debatten um die weitere Entwicklung der westlichen Gesellschaftsordnungen geht, also in jenen Ländern, die die reichsten der Welt sind. Die Wohlstandssättigung ist zwar relativ, denn nach oben gibt es immer noch Zuwachsmöglichkeiten. Dennoch ist in diesen Ländern der Wohlstand bei so vielen Menschen angekommen wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Dazu kommen noch die hohen sozialen Standards in den west- und mitteleuropäischen Ländern und die weitgehende öffentliche Sicherheit. Was hat die Unterteilung der politischen Landschaft in links und rechts unter diesen Umständen noch zu sagen? 

Links bedeutete seit dem 18. Jahrhundert, auf der Seite der sozial Benachteiligten zu stehen und sich für eine sozialen Ausgleich einzusetzen. Im 19. und 20. Jahrhundert ging es dabei vor allem um die Verbesserung der Rechte der Lohnarbeiter. Je nach Spielart ging es um die Verstaatlichung der Produktionsmittel oder zumindest um eine hohe Besteuerung der Kapitalisten. Die Linken glaubten an den Fortschritt und an eine bessere Zukunft. Rechts war, wer Gott und Vaterland ehrte, alte Werte, Sitten und Hierarchien bewahren wollte, dem Fortschritt nicht traute und sich lieber auf die gute alte Zeit berief und deshalb auch keine grundlegende soziale Veränderung wollte. Dann gab es noch den Liberalismus, der mehr Freiheitsrechte für die Staatsbürger, für die Wirtschaft und die Nationen einforderte. Der Nationalismus, der die eindeutige Zuordnung von Sprach- und Kulturgemeinschaft und Staatsgebiet vertrat, wanderte schon im 19. Jahrhundert von den Liberalen zu den Konservativen und fand dann nach dem 1. Weltkrieg in den faschistischen Bewegungen eine gewaltbereite Form, die in den 2. Weltkrieg mündete. Scheinbar hatte damit der Nationalismus an Anziehungskraft verloren. Ein neuer Konservativismus konzentrierte sich auf den Wiederaufbau und das Vergessen der Schrecknisse und Brutalitäten. Der Liberalismus orientierte sich zunehmend über die Einzelstaatlichkeit hinaus zur Überstaatlichkeit (Gründung der europäischen Gemeinschaft) und wirtschaftlichen Globalisierung. 

Mittlerweile haben sich die Bedeutungen der politischen Zuordnung neulich gewandelt. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari schreibt in seinem Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ davon, dass sämtliche seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlichen „Erzählungen“, also die vorherrschenden Ideologien, ausgedient haben: Die nationalistisch-faschistische hat sich mit dem Nationalsozialismus, dem Holocaust und den Trümmern des 2. Weltkriegs diskreditiert, die kommunistische ist 1989 in sich zusammengebrochen und die liberale hat durch die Abspaltung der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin und schließlich durch die Erfolge des Populismus verloren.  

Die „Sieger“ dieser Bewegung, der US-Präsident Trump, der russische Präsident Putin und die Brexiteers haben zwar wichtige Machtpositionen gewonnen, sie können aber keine Erzählung vorweisen, außer die der Korruption, Selbstbereicherung und Machtgier. Sie haben keine Visionen für die Zukunft mit ihren Verteilungs- und Nachhaltigkeitsproblemen und für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit. Sie bedienen Emotionen, die die Probleme mit einem einfachen „Raus“ lösen wollen: Raus aus der EU, ohne zu wissen, was dann kommt, raus mit den Ausländern, ohne zu wissen, wie das Bevölkerungsproblem gelöst werden kann, raus mit den Liberalen, ein Hauptanliegen des ungarischen Ministerpräsidenten, raus mit den 68ern, ein Hauptanliegen der europäischen Rechtsparteien, usw. Die Idee dabei ist es, dass wenn das „Raus“ gelungen ist, alles besser wird. In Hinblick auf den Brexit ist es mittlerweile für jeden Beobachter einsichtig, welche Chaotik mit einer blinden, verantwortungslosen und kurzsichtigen Entscheidung, hinter der keine Strategie und keine Vision steckt, anrichtet werden kann. Und die Demagogen in all den anderen Ländern, in denen sie an die Macht gekommen sind, haben außer patzigen Reden und Besetzen von einflussreichen Posten keine besonderen politischen Erfolge noch inspirierende Zukunftsvisionen vorzuweisen. 

Psychologie der einfachen Rezepte 


Die Psychologie findet ein reichhaltiges Betätigungsfeld in diesem komplexen Szenario. Allein die Narzissmusforschung bekommt tagtäglich neues Futter durch die Äußerungen und Taten der diversen Potentaten. Nicht selten gehen Menschen in die Politik, um ihre Komplexe ausagieren zu können. 

Hier ein weiteres Beispiel zum Verständnis der “Raus”-Dynamik: Die Vorstellung, etwas, was da ist und den eigenen Vorstellungen im Weg steht, zu beseitigen, um damit Freiheit zu gewinnen, ist emotional einleuchtend und psychologisch verständlich. Vergegenwärtigen wir uns einfach diesen Zusammenhang: Wir alle haben eine Geburt hinter uns und wollten da natürlicherweise die Probleme, vor allem die räumliche Enge gegen Ende der Schwangerschaft, durch das Raus aus der Enge der Gebärmutter lösen. Wir haben uns nicht überlegt, wie es dann weitergeht, warum auch. Wenn wir dieses simple Muster nun auf die komplexen Situationen der Erwachsenenwelt umlegen, können wir nur Schiffbruch erleiden. Denn zum Unterschied von der Geburtssituation haben wir eine Verantwortung für das, was nach unseren Entscheidungen kommt und sollten uns vorher überlegen, was die Resultate sind. Schnellschüsse gehen meist nach hinten los, vor allem wenn sie von Emotionen angetrieben sind. 

Prä- und Postfaschisten 


Der Faschismus markiert aus vielen Gründen eine Zäsur in der europäischen Geschichte. Ich schlage deshalb die folgende erneuerte Unterscheidung von links und rechts vor, in Hinblick auf die Geschichtstherapie, die auf diesen Seiten mehrfach angesprochen wurde. Geschichtstherapie heißt, dass das Potenzial zur Gestaltung der Zukunft aus der Aufarbeitung der kollektiven Traumatisierungen und Belastungen aus der Vergangenheit erwächst. Es geht in unserer Geschichte bei der Einteilung von links und rechts im politischen Sinn vor allem um die Aufarbeitung der Erfahrungen des Faschismus vor 80 Jahren: Links sind Menschen, die eine postfaschistische Gesellschaft wollen und rechts die, die eine präfaschistische Gesellschaft wollen. An den Extremen gibt es dann Auffassungen, die entweder eine neue Form des Faschismus propagieren und die alte verherrlichen oder die Sehnsucht nach der Rückkehr einer kommunistischen Diktatur. Das sind Randphänomene, die aus eben diesem Grund verstärkt zur Gewalt als Mittel der Durchsetzung ihrer Ideen setzen, nach allen Statistiken der letzten Jahre weitaus häufiger auf der rechten als auf der linken Seite. 

Linke sind in der politischen Diskussion jene Menschen, die für eine tiefgehende Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit eintreten, damit die Gesellschaft frei wird von den Lasten der Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft, die zu mehr Gerechtigkeit und Gleichheit führen soll. Rechte sind solche, die eine Aufarbeitung der Vergangenheit für unnötig halten und ihren Sprachschatz aus dieser Zeit beziehen und deren Ideen für die Gestaltung der politischen Ziele nutzen. Von ihrer Seite ist häufig zu hören, man solle endlich aufhören, in der Vergangenheit herumzugraben; andererseits werden die Rechten immer wieder dabei ertappt, dass sie sich genau dieser Vergangenheit im Denken und Reden bedienen. Abgeändert auf die aktuelle Situation, werden die alten Vorurteile des Antisemitismus auf den Islam übertragen, dessen Vertreter mit einem Hass und einer Angstmache bedacht werden, der jenem ähnelt, der die Juden in Nazi-Deutschland der Vernichtung auslieferte. Feindbilder werden aus solchen Ängsten abgeleitet und aufgebaut, um der Politik die Kampfziele vorzugeben. 

Die Einseitigkeit des Diskurses 


Der eklatante Mangel an Intellektualität auf der rechten Seite macht die Linke hilflos, weil es keine ebenbürtige Diskursebene mit den Rechten gibt. All ihre Überzeugungskraft, all ihr humanistisches Engagement trifft auf keine Resonanz, die Antworten kommen statt dessen oft unter der Gürtellinie. Die Linke kann sich auf eine lange Tradition von Dichtern und Denkern berufen, und auf die Nähe zu den Liberalen, mit denen “ein Stück des Weges” gemeinsam gegangen werden kann. Die Linke hat viele wegweisende Intellektuelle hervorgebracht, und viele prominente Intellektuelle hegten und hegen Sympathien für die Linke. Dennoch kann sie dieses geistige Potenzial nicht für Erfolge bei der Masse der Wähler nutzen. 

Auf der rechten Seite herrscht eher gähnende Dumpfheit in diesem Bereich. Manche der Rechten berufen sich auf Friedrich Nietzsche als Ahnherrn für ein rassistisches Denken und müssen bei näherer Beschäftigung mit dem Philosophen des Hammers schnell die Segel streichen. Die Identitären beziehen sich auf Carl Schmitt, einen nationalsozialistischen Staatsrechtler, und Ernst Jünger, einem nationalistischen Schriftsteller der Zwischenkriegszeit. Auch Antonio Gramsci, ein italienischer marxistischer Schriftsteller, der von den Faschisten eingesperrt wurde, wird mit seiner Theorie der kulturellen Hegemonie verwendet, aus der die in vielerlei Hinsicht absurde Idee der völkischen Einheit destilliert werden soll. Auf diesen Zusammenhang möchte ich noch in einem späteren Blogbeitrag eingehen. 

Dieser traurige Befund des Denkmangels in der rechten Theorielandschaft führt zu einem Ungleichgewicht. Die Linken argumentieren und streiten über Argumente, die Rechten einigen sich hinter vereinfachenden und emotionalisierten Feindbildern: “Wir sind alle gegen ...”, “Wir wollen alle, dass endlich...”, denn: ”Wir sprechen für das Volk”.  

Gefühlsmenschen gegen Denkmenschen? 


Die unvermeidliche Position der linken Überlegenheit in Theorie und Reflexion wird von den Rechten als Arroganz wahrgenommen, der mit Emotionen begegnet wird. Dort, wo Rechte an der Macht sind, beginnt sehr schnell ein Kulturkampf, indem mit gewaltsamen Mitteln der “linken Ideologisierung” Einhalt geboten werden soll, sei es, indem kritische Medien zuerst als links gebrandmarkt und dann stillgelegt, Bücher verbrannt oder einfach alle Gebildeten umgebracht werden. Die Intellektuellen zu vernichten, war das erste Ziel der Nazis im besetzten Polen. Die kritischen Journalisten mundtot zu machen, wird heute in Polen ebenso wie in Ungarn versucht. Die Rechte in Österreich versucht sich ebenfalls an dieser Front. Wo die Argumente fehlen, wollen die Machthaber die öffentliche Meinung ans Gängelband nehmen, notfalls mittels Fake-News und Social-media-Shitschwemmen. Die simple Argumentation der Rechten: Recht hat, wer die Mehrheit mit welchen Mitteln auch immer hinter sich versammeln kann. Die Macht definiert richtig und falsch. 

Die Kehrseite liegt in der Verachtung der Linken gegenüber den beschränkten Rechten. Beides, die Verachtung auf der einen und die Minderwertigkeitsgefühle auf der anderen Seite können sich zu Hass auf die Gegenseite auswachsen. Eine sinnvolle Auseinandersetzung oder gar ein Dialog wird dadurch nicht mehr möglich. 

Geht es also um die Konfrontation zwischen Denkmenschen und Gefühlsmenschen? Und wer soll die Richtung in der Politik vorgeben und damit die Zukunft der Gesellschaften gestalten? Sollen wir uns nach dem Denken oder nach den Gefühlen orientieren? 

Lernen auf beiden Ebenen von beiden Seiten 


Wie stets, geht eines ohne das andere nicht. Wir können keine ausgedachte und durchgeplante Welt gestalten, sie muss uns auch gefallen, und dafür brauchen wir die Gefühle. Und wir brauchen ein tiefgreifendes Verständnis für die Emotionen, die den Veränderungen im Weg stehen, die nach aller Vernunft schon längst hätten stattfinden müssen. 

Gefühle spielen die Hauptrolle bei unseren Entscheidungen, gerade deshalb müssen wir unsere Gefühlswelt genauso weiterbilden wie unsere kognitiven Fähigkeiten. Viele unserer Gefühlsmuster und emotionalen Gewohnheiten stammen aus unserer Kindheit; wie sollen wir aber mit dieser Ausstattung in einer Erwachsenenwelt leben? Die Herrschaft der Gefühle bedeutet dann nur, dass kindliche Antriebe, Bedürfnisse und Frustrationen maßgeblich sind, und mit diesem Repertoire können keine der Herausforderungen der Menschheit gemeistert werden, vielmehr kommen viele, wenn nicht alle unserer Probleme aus der kindlichen Gefühlswelt der Menschen - Ängste, Gier, Arroganz, Hilflosigkeit, Machtstreben. Eine ausreichende “Bildung des Herzens” ist die Voraussetzung dafür, dass Gefühle einen konstruktiven Platz in der politischen Arena einnehmen können. Erwachsene Gefühle sind mit Selbstverantwortung verbunden; aus dieser Perspektive wissen wir, wie sehr die emotionale Ebene auf das Denken mit seinem Abwägen von Risiken und Chancen angewiesen ist.  

Unser Lernen, das wir brauchen, um die Gesellschaft menschenwürdig und naturachtend weiterzuentwickeln, muss auf beiden Ebenen erfolgen. Wir brauchen ein elaboriertes Denken, das die wissenschaftlichen Befunde und die ethischen Imperative in planerische Szenarien einbinden kann, und ein bewusstes Fühlen, das die Entscheidungen treffen und in Handlungen umsetzen kann. Wir brauchen die vorausschauende und historisch erfahrene Intelligenz der Linken und ein Verständnis für die Emotionalität der Rechten. Dazu muss die linke Seite ihr Besserwissen, ihre Überheblichkeit und Verachtung überwinden und lernen, die Menschlichkeit im politischen Feind zu erkennen und zu verstehen.  

Entscheidend wird sein, ob es nicht nur den Linken, sondern einer noch breiteren Öffentlichkeit gelingt, den Ängsten, die von den Rechten verbalisiert werden, so viel Verständnis und Sicherheit zu vermitteln, dass sich diese Gefühle in konstruktive und verantwortungsvolle Impulse umwandeln können.  

Natürlich darf in diesem Zusammenhang der geniale Dichter Ernst Jandl mit seinem Gedicht „lichtung“ nicht fehlen: 

manche meinen 
lechts und rinks 
kann man nicht velwechsern 
werch ein llltum 

Zum Weiterlesen: