Donnerstag, 1. Januar 2026

Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen

Menschen sind soziale Wesen, und Vertrauen ist ein unabdingbares Element menschlicher Gemeinschaften. Ohne Vertrauen zerfällt ein soziales Gebilde sofort. Es ist zwar auch in gewisses Maß an Misstrauen notwendig, um Gemeinschaften lebensfähig zu halten, z.B. muss darüber gewacht werden, dass sich alle an die Regeln halten; jede Kontrolle beinhaltet ein Misstrauen. Das Misstrauen bleibt nur so lange konstruktiv, als das Vertrauen größer ist und mehr Raum in der Gemeinschaft einnimmt. Wenn aber das Misstrauen das Vertrauen überwiegt, bricht die Gemeinschaft über kurz oder lang auseinander. Denn das Misstrauen wirft die Mitglieder der Gemeinschaft auf sich selbst zurück, und der Aufwand, die Beziehungen aufrechtzuerhalten, wird immer größer. Es müssen immer mehr Sicherheitsvorkehrungen getroffen und Kontrollen eingebaut werden, damit der Austausch unter den Mitgliedern noch stattfinden kann. Misstrauen bedeutet z.B., dass jeder befürchten muss, von anderen angelogen zu werden.  Also muss er sich mit verschiedenen Mitteln versuchen, in jedem Fall den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu überprüfen. Da Wahrheit immer auch einen sozialen Aspekt hat, also von anderen Menschen abhängt, kann diese Überprüfung nie restlos gelingen. Folglich bleibt immer zumindest ein Rest an Misstrauen.

Der deutsche Soziologe El-Mafaalani geht in seinem Buch „Misstrauensgemeinschaften“ von dem Befund aus, dass Gesellschaften wie unsere, die immer komplexer werden, immer mehr Vertrauen brauchen, dass aber aus verschiedenen Gründen die Zunahme von Misstrauen wahrscheinlicher ist.

„Wer stark vertraut, verzichtet auf Kontrolle und auch auf die Vorstellung, das Vertrauen könne gebrochen werden. Man blendet Gefahren aus und entlastet sich von sozialer Komplexität. Dadurch wird man handlungsfähiger, zugleich macht man sich verletzlich, denn es ist nie ausgeschlossen, dass Vertrauen enttäuscht wird.“ (S. 19)

Der Preis und der Vorteil des Vertrauens

Vertrauen hat also immer einen Preis und enthält ein höheres Risiko. Zugleich bietet es mehr Möglichkeiten zum Handeln und dadurch zur eigenen Lebensgestaltung. Es erweitert also den Spielraum für Selbstwirksamkeit, ein wichtiges Element, um das Vertrauen in sich, in die Welt und in die Zukunft aufzubauen. Mit dem riskanten Vertrauen entsteht also ein konstruktiver Regelkreis, der das eigene Vertrauen und damit die Selbstsicherheit steigert – solange das Vertrauen nicht enttäuscht wird. In solchen Fällen kommt es darauf an, wie die Fähigkeit beschaffen ist, mit Enttäuschungen umzugehen, über wieviel Enttäuschungsresilienz ein Mensch verfügt.

Meist bedarf es einiger Enttäuschungen, bis das Vertrauen gekündigt wird; dann aber ist es oft auf Dauer verspielt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, sagt der Volksmund. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem das Vertrauen gekündigt wird. Der Weg zurück zum Vertrauen ist dann sehr aufwändig: „Während man auf dem Weg von Vertrauen zu Misstrauen eher an einen Kipppunkt gelangt, an dem es zu einer schlagartigen  Veränderung kommt, ist der Weg von Misstrauen zu Vertrauen langwierig und mühsam.“ (S. 77f) Verspieltes Vertrauen ist also nur sehr schwer wiederzugewinnen.

Diese Mechanismen kennen wir von uns selbst und von unseren privaten Beziehungen. Sie wirken aber auch in gesellschaftlichen Belangen. Die Krisen der letzten Jahrzehnte (Finanzkrise, Corona, Ukraine-Krieg, Umweltkrise) haben viele Menschen zu diesen Kipppunkten gebracht, sodass sie das Vertrauen in tragende Institutionen der Gesellschaft, z.B. zu den Wissenschaften, zum Finanzsektor, zum Gesundheitswesen, zum Bildungswesen und auch zum Staat als Ganzem verloren haben. Bei manchen betrifft das Misstrauen einzelne Bereiche, bei anderen führt es zur Ablehnung des gesamten „Systems“. 

Wer misstrauisch ist, vertraut Misstrauischen

Daraus entwickelt der Autor die These: Wer misstrauisch ist, vertraut Personen, die misstrauen. Das Vertrauen zu Personen, die man gut kennt, ist verlorengegangen. Z.B. haben sich viele Menschen in der Coronazeit mit Freunden und Familienangehörigen überworfen und sind bis heute zerstritten oder voneinander isoliert. Um aber den Aufwand, den die Stabilisierung des Misstrauens erfordert, verringern zu können, werden andere Vertrauenspersonen gesucht. Das sind oft Menschen, die man gar nicht kennt, z.B. Leute, die medial auftreten, und die eigene Meinung teilen. Das Vertrauen wird oft geschenkt, also nicht näher überprüft, wenn diese Leute nur das gleiche Misstrauen aufbringen, das man selbst für gerechtfertigt hält.

Auf dieser Basis bilden sich die Blasen, die Misstrauensgemeinschaften, in denen sich Leute zusammenfinden, oft ohne persönliche Kontakte, im virtuellen Raum von bestimmten Plattformen. Es entstehen also digitale Infrastrukturen, in denen das eigene Misstrauen bestätigt und Vertrauen mit Fremden aufgebaut wird. Es gibt deshalb solche Kreise von Gleichgesinnten, die einander auf der persönlichen Ebene fremd sind, aber die gleichen Meinungen zur Notwendigkeit von Fremdenfeindlichkeit teilen. Vertraue nur jemandem, der das gleiche Misstrauen hat wie du, so lautet dann der Wahlspruch und es gibt eine Orientierungsleitlinie für das Dickicht der komplexen Gesellschaft.

Am Punkt der Vertrauensaufkündigung warten schon populistische Politiker und Verschwörungstheoretiker, um die Misstrauenden hinter sich zu scharen. Manchmal überschneiden sich die Angebote: Populisten, die zugleich Verschwörungsmythen propagieren, bzw. Verschwörungserzähler, die in die Politik gehen, manchmal nicht. Deshalb gibt es Misstrauische, die nur einzelnen Verschwörungsmythen anhängen (in den USA sind es 50%) und andere Misstrauische, die keine Verschwörungsmythen teilen, aber eine populistische Politik vertreten.

Destabilisierung durch Populismus und Verschwörungstheorien

Jedenfalls verstärken diese beiden Elemente, Populismus und Verschwörungstheorien, das Misstrauen und damit die Destabilisierung der Gesellschaft. In beiden Ansätzen ist das folgerichtig. Populisten predigen, dass der Staat oder das System nicht reformierbar ist (und sie haben dazu auch keine konstruktiven Ideen und Vorschläge), sondern dass es ganz umgekrempelt werden muss, ohne genau sagen zu können, wie es dann ausschauen soll. Z.B. wollen sie raus aus der EU oder aus der NATO oder aus dem Kapitalismus und kümmern sich nicht darum, was danach kommt, außer dass sie versprechen, dass alles besser wird. 

Verschwörungstheoretiker sehen geheime Mächte an den Schalthebeln der Gesellschaft, sodass diese durch und durch korrumpiert und unglaubwürdig ist. Also müssen diese Eliten entmachtet werden und einer neuen Gesellschaft, wie auch immer diese dann ausschaut, Platz machen. 

Die Profiteure des Misstrauens sind gar nicht an Verbesserungen interessiert, im Gegenteil, jede Verschlechterung ist Wasser auf ihre Mühlen, weil sie durch jeden Anstieg von Misstrauen an Zulauf gewinnen. Sie brauchen nichts zu tun, als alles schlecht zu reden, was verbessert wird. Alle, die sich in irgendeiner Weise benachteiligt oder unberücksichtigt vorkommen, laufen ihnen dann zu. 

An diesem Punkt ist die Unterscheidung von zwei Formen des Misstrauens wichtig. Das funktionale Misstrauen ist jenes, das die Aufgabe hat, die Abläufe in der Gesellschaft zu verbessern. Z.B. braucht jede Gesellschaft Vorrichtungen zur Bekämpfung von Korruption. Es gibt in jeder Gesellschaft Menschen, die sich Vorteile auf Kosten anderer oder auf Kosten der Gemeinschaft erschleichen wollen. Um ihnen das Handwerk zu legen, müssen Kontrollen eingebaut werden, die von Misstrauen getragen sind.

Normatives Misstrauen

Die andere Form des Misstrauens ist normativ. Sie ist gegen die Gesellschaft als Ganze oder gegen einzelne Teilbereiche gerichtet und ist von einer grundsätzlichen Ablehnung und Feindschaft getragen. Normatives Misstrauen versteht sich also nicht als Mittel zu einem Zweck, sondern als ethische Verpflichtung und neigt deshalb zu moralischer Radikalität. Sie kann sich nie mit pragmatischen Veränderungen zufriedengeben, sondern glaubt daran, dass das ganze System gekippt werden muss, damit alles besser wird. Moralische Radikalität voll von Misstrauen und Feindschaft wird von Menschen vertreten, die sich von Misstrauen und Feindschaft umgeben sehen. Häufig sehen sie keinen anderen Ausweg als Gewalt, gerechtfertigt durch die Gewalt, der sie sich ausgesetzt fühlen.

In jedem Fall trägt jede Steigerung des Misstrauens dazu bei, dass die Gesellschaft unsicherer wird. Misstrauen, das zusätzlich noch für das Erlangen von politischer Macht gesät wird, erzeugt noch mehr Verunsicherung. Und mehr Verunsicherung lässt mehr Leute misstrauisch und feindselig werden. 

Wie können diese Teufelskreise durchbrochen werden? Diese Frage ist essenziell für den Fortbestand der liberalen Demokratie und Marktwirtschaft. Was wir bisher wissen, bringt es nichts, wenn moderate politische Kräfte radikale populistische Forderungen aufgreifen. Zunehmend orientieren sich konservative Parteien in Rhetorik und Thematik an rechten und rechtsextremen Parteien, nur um noch mehr Stimmen an diese zu verlieren. Außerdem lassen sich radikale Forderungen im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung nicht umsetzen, sodass Widersprüche zwischen großmäuligen Ankündigungen und fehlender Umsetzung auftauchen, die wiederum Misstrauen erzeugen.

El-Mafaalani weist darauf hin, dass viel Sorgfalt und Sensibilität aufgebracht werden muss, um die Kommunikationsprozesse von den Entscheidungsträgern zu den Betroffenen offen und transparent zu halten. „Misstrauen wächst insbesondere dort, wo Austausch unterbleibt, Öffentlichkeiten parallel verlaufen, Kommunikation sehr asymmetrisch organisiert ist oder Konflikte unterdrückt werden.“ (84f) Förderlich ist auch eine öffentliche Konfliktkultur, in deren Rahmen konstruktiv gestritten wird. Missstände sollen aufgezeigt und unterschiedliche Positionen zur Sprache gebracht werden. Die Diskurse sollten möglichst viele Menschen einschließen, die dann eventuell auch in Entscheidungen eingebunden werden. 

Der Autor geht auch auf Kinder und Jugendliche ein, die in polarisierten und unsicheren Zeiten aufwachsen, „wodurch für sie der Ausnahmezustand der Normalzustand ist, ohne dass ihre Interessen angemessen berücksichtigt werden oder adäquate Beteiligungsmöglichkeiten bestehen. Daher überrascht es nicht, dass das Vertrauen in andere Menschen und Institutionen bei Jugendlichen geringer ausgeprägt ist.“ (85)

Der Staat sollte seinen Mitgliedern gegenüber mehr Vertrauen zeigen. Statt immer mehr Berichtspflichten und Kontrollen einzubauen, sollte er sich auf seine zentralen Aufgaben konzentrieren und mehr auf die Selbstverantwortung der Bürger und Bürgerinnen setzen.

Versprechen für die Zukunft

Die Strömungen, die die liberale Demokratie gefährden (Populismus, Verschwörungstheorien und libertäre Bestrebungen zur radikalen Demontage des Staates), sind aus dem Misstrauen vieler gespeist. Es ist zu befürchten, dass die destabilisierenden Kräfte bei einer weiteren großen Krise, die in der Zukunft auftauchen kann, noch mehr Zulauf bekommen und die Gesellschaft noch mehr polarisieren. Deshalb scheint es eine zentrale Aufgabe zu sein, positive Zukunftsideen zu verbreiten, die zu positiven Zukunftserwartungen führen, „die wie ein Kompass auch in krisenhaften Zeiten wirken und Vertrauen stärken.“(88) Positive Zukunftsaussichten haben mit Versprechen zu tun, die in der Vergangenheit in Bezug auf Wohlstand, Fortschritt und Sicherheit erfolgt sind. Offenbar bedarf es neuer und realistischer Zukunftsbilder, die das Vertrauen stärken können.

Aber was kann einer Generation versprochen werden, die mit den Folgen der Erderwärmung konfrontiert ist und dazu noch mit der Infragestellung der Weltordnung der letzten 80 Jahre beschäftigt ist und all die Herausforderung an die liberale Demokratie, dem politischen Erfolgsmodell dieser Zeit meistern soll?

Das Buch endet noch vor dieser Frage. So überzeugend und gut belegt die Analyse der Misstrauensgemeinschaften dargestellt wird, so dünn wird die Suppe, wenn es um die Gegenmittel geht. Deshalb gehe ich in den nächsten Artikeln auf dieser Seite noch mehr auf diese Frage ein.

Quelle: Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025

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