Freitag, 16. Oktober 2020

Selbstbescheidung angesichts der ökologischen Engpässe

Das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten ist nach vielen Berechnungen unter den Bedingungen des gegenwärtigen Ersten-Welt-Konsumniveaus, das die anderen Weltteile mit Recht zunehmend für sich beanspruchen, nicht mehr lange möglich. Wir wissen nur nicht, wann und auf welche Weise sich ein Kollaps abspielen wird (beim Klima, bei der Luftqualität, bei der Wassergüte oder in anderen Bereichen) und was seine Auswirkungen sein werden.

Neben gesetzlichen Regulierungen, die auf der politischen Willensbildung beruhen, gibt es die Ebene der individuellen Verantwortung. Der ökologische Engpass, auf den wir zusteuern, ist eine Folge von unzähligen Einzelentscheidungen von Individuen, darunter wir selbst. Hier sind wir und niemand anderer gefragt, zu ändern, was zu ändern ist.

Es steht also jedem von uns offen, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu verringern und damit den notwendigen und unverzichtbaren Beitrag zu dieser persönlichen Verantwortung zu leisten. Dabei wird es nicht ohne Luxusverzicht und Konsumeinschränkung gehen – auf einem ohnehin sehr hohen Niveau, auf dem wir uns schon befinden. Um diese Verantwortung wahrnehmen zu können, brauchen wir die klare Bereitschaft für eine Willensentscheidung, die von innen kommt und bewusst getroffen werden muss. Sie bezieht sich auf das Einschränken und Zurücknehmen von nicht nachhaltigen Verhaltensweisen und Lebensformen und auf die Änderung der entsprechenden Gewohnheiten.

Die Selbstzurücknahme in der rechten Form zu vollziehen, erfordert eine gute Kenntnis der Ego-Grenzen: Wo sind es die vielfältigen Muster eines unersättlichen Egos, die das Mehr und das Weniger verlangen, die gierig nachfassen, – und wo ist die Sättigung schon erreicht, wo ist es also in Wirklichkeit schon mehr als genug – nach den Maßstäben des freien inneren Fließens von organischen und geistigen Bedürfnissen und Befriedigungserlebnissen. So oft schon haben wir die Grenzen, die unser Organismus genau kennt, durch unsere unbewusst gesteuerten Zwänge überschritten, dass wir nur mehr über eine vage Ahnung von ihnen verfügen. Ja, ja, ich sollte jetzt aufhören zu essen, ja, ja, ich sollte jetzt nichts rauchen, ja, ja, ich sollte auf dieses Gläschen verzichten, aber etwas in mir ist stärker als dieses Wissen. Unser verzweifelter Körper hat schließlich keine andere Wahl, um sich gegen das zur Wehr zu setzen, was wir ihm aufzwingen, als mit schmerzhaften Symptomen zu reagieren. So wachen wir erst dann auf, wenn die Missachtung schon passiert ist und uns die Folgen zu schaffen machen, indem z.B. unser Verdauungssystem nach einem Überkonsum rebelliert oder unser Herz-Kreislaufsystem wegen der beständigen Überlastung schlapp macht.

Konditionierungen haben sich von früh an in unseren Gehirngängen verankert und geradezu unentwirrbar in die organische Selbststeuerung eingewoben. Babys brauchen eine konkordante Form der Bedürfnisbefriedigung, um die Integrität der körperlich-seelischen Bedürfnisstruktur aufrechterhalten zu können. Mit Konkordanz ist gemeint, dass die jeweiligen auftauchenden Mangelzustände von den Betreuungspersonen in stimmiger Weise beantwortet werden, sodass ein aus dem Organismus aufsteigendes Bedürfnis stimmig befriedigt wird, z.B. wenn Hunger auftritt, wird etwas Essbares angeboten, wenn Durst gemeldet wird, gibt es etwas zum Trinken, wenn Unterhaltung gewünscht ist, ist jemand zur Stelle, der gerade spielen will. Bei der Konkordanz sind die Herzen aufeinander abgestimmt und die durch Mangelerlebnisse auftretenden offenen Gestalten werden durch die passenden Angebote wieder geschlossen. Zufriedenheit setzt ein. Durch dieses konkordante Pulsieren von Wunsch und Erfüllung entwickelt und stabilisiert sich die organische Weisheit als Grundlage für eine Persönlichkeit, die echte Bedürfnisse von konditionierten Reaktionen unterscheiden kann.

Der Klassiker unter den früh geprägten Korruptionen der organischen Weisheit ist der Ersatz von Liebesbedürfnissen durch Essbares. Das Kind wünscht sich emotionale Aufmerksamkeit und Zuwendung und erhält statt dessen Nahrung. Die Betreuungsperson interpretiert das Bedürfnis des Kindes falsch und reagiert aufgrund dieser Interpretation mit der Überzeugung, das Richtige zu tun. Das Kind ist enttäuscht, weil es nicht bekommt, was es eigentlich braucht, aber auch erfreut, weil das Essen schmeckt. Die erwachsene Person freut sich, weil scheinbar das Bedürfnis befriedigt ist, und diese emotionale Bestätigung verstärkt die Konditionierung bei ihr wie beim Kind: Das Bedürfnis nach Liebe kann durch Essen gestillt werden.

Auf diese Weise wird nicht nur eine Grundlage für spätere Ess- und Suchtstörungen gelegt, sondern dazu noch das Vertrauen in die organische Selbstregulation und in die Bedürfnisstrukturen des eigenen Körpers geschwächt. Einfache organische Bedürfnisse werden in komplexe emotionale Regelwerke übersetzt, aus denen sich Erwartungskoglomerate und Identitäten ableiten. Wir können nicht mehr spüren, was uns guttut und was uns schadet. Wir haben keinen inneren Sinn für die Grenzen, an denen wir ein bestimmtes Konsumverhalten beenden sollten. Die Selbstentfremdung und innere Selbstverwirrung wird zum Normalzustand, in den sich die Ansprüche und Angebote der Konsumwirtschaft ohne Gegenwehr einnisten können, um die Illusion immer wieder zu bestätigen, dass mit einem stetig ansteigenden Konsum alles immer besser wird. Schon längst haben sich verschiedene Selbstaspekte in uns gebildet, Persönlichkeitssektionen, die sich dafür verantwortlich erklärt haben, die die Körperempfindungen und Gefühle an die vielfältigen äußeren Erwartungen anzupassen.

 

Solange wir uns in diesem Kontext befinden, kann eine bewusste Selbstzurücknahme nur als Selbstaufopferung oder als Selbstidealisierung verstanden werden. Beides ist mit starken inneren Widerständen verbunden. Die Konditionierungen sind zu fixen Bestandteilen der Ego-Struktur geworden, die sämtliche Abwehrmechanismen zu ihrer Verfügung hat. Das Gespür dafür, wo irrationale Ängste, die hinter jeder Form von Gier und Statussucht stecken, Bedürfnisse erzeugen – und wo das Leben in uns aufzeigt, was es zu seinem Wachsen und Gedeihen braucht und was es dabei behindert und schädigt, ist verloren gegangen. Denn der Kontakt zum Lebensprozess und seinen inneren Zusammenhängen ist durch Störgeräusche überlagert, sodass die Botschaften nur verzerrt übermittelt werden.

Jede Form von Selbstkasteiung, die die Grundbedürfnisse übergeht, führt zum inneren Kampf und Krampf, wodurch wiederum nur Ego-Ängste gegen den Organismus und seine Bedürfnisse angefacht werden. Die Beschränkung, die einem Ideal entspringt, das in der Gruppe oder in der Gesellschaft vorherrscht, wird bekämpft, bis dieses verkümmert. Diese Beschränktheit kann sich im maßlosen manischen Konsum ebenso äußern wie in der militanten Konsumverweigerung (die manchmal zusätzlich noch mit der moralischen Keule auch von anderen Mitmenschen den gleichen Entbehrungsweg einfordert).

Doch bringen wir den Ausweg nur zustande, wenn wir an einer der Grenzen eine klare Entscheidung fällen, die bereit ist, mit den Mustern zu brechen und die Konsequenzen zu tragen. Muster können nur durch Disziplin und beständiges Dranbleiben überwunden werden. Außerdem wirken solche Schritte nur dann nachhaltig, wenn die Disziplin von innen kommt, also in keiner Weise von außen aufgezwungen ist, wie z.B. durch die Erwartungen anderer Personen, durch gesellschaftliche Normen oder Idealvorstellungen. Dazu ist es erforderlich, die inneren Zwänge und die in ihnen enthaltenen Ängste aufzuarbeiten und aufzulösen, die die Verhaltensmuster aufrechterhalten.

Auf diese Weise gelingt es, die alten Konditionierungen aufzubrechen und damit die Kommunikation mit der organischen Weisheit wieder herzustellen, sodass der Kontakt zu den Selbststeuerungs- und Selbstheilungskräften des Körper-Seele-Systems ins Fließen kommt und zur Selbstverständlichkeit wird. Das ist die Grundlage für jene Formen der Selbstzurücknahme, die autonom entschieden werden, unter Berücksichtigung der genuinen körperlichen Bedürfnisse, und nach der Entmachtung der künstlichen Konditionierungen. All dies steht im Dient der Wiederherstellung unserer körperlich-seelischen Einheit, ein anderes Wort für Gesundheit in einem umfassenden Sinn.

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