Montag, 30. April 2018

Erwachsensein und Angst

Wie wir noch klein waren, hat uns Vieles Angst gemacht. Wir hatten noch so wenige Fähigkeiten, die komplexen Abläufe der Wirklichkeit zu durchschauen und Harmloses und Gefährliches voneinander zu unterscheiden. Deshalb konnte uns schnell etwas ängstigen – die Dunkelheit, fremd wirkende Menschen, abweisende Blicke des Vaters, Spinnen, das Schicksal von Märchenfiguren, der Tod eines Haustiers usw. An wichtigen Punkten unserer Entwicklung konnten uns für unsere Sicherheit entscheidende Ressourcen fehlen (z.B. die Nähe zur Mutter nach der Geburt, die Ermutigung durch die Mutter bei den ersten aufrechten Schritten, das Verständnis der Eltern bei Wutanfällen und Furcht). Wir haben immer wieder Situationen der emotionalen und kognitiven Überforderung erlebt, in denen wir uns verletzt, schutzlos, hilflos und verwirrt fühlten. 

Viele dieser Ängste haben unsere Kindheit überlebt, versteckt in unserem Unterbewussten. Als Erwachsene gibt es wesentlich weniger Notwendigkeiten, uns hilflos und schutzlos zu fühlen. Wir haben eine große Menge an Fähigkeiten und Kompetenzen erworben, um die Herausforderungen, vor die uns die Wirklichkeit stellt, zu meistern und die Prüfungen des Lebens zu bestehen. Wir haben auch die Kraft, nach Misserfolgen und Versagen wieder aufzustehen und weiterzugehen. 


Dürfen Erwachsene ängstlich sein?


Heißt nun Erwachsensein frei von Ängsten zu sein? Oft haben wir als Kinder gehört: Du bist ja schon groß, da brauchst du dich nicht mehr zu fürchten. So hat sich in uns die Annahme verfestigt, dass Erwachsensein mit Angstfreiheit verknüpft ist. Und deshalb neigen wir als Erwachsene dazu, unsere Ängste zu übersehen, zu ignorieren oder uns für sie zu schämen: Wie kann ich nur so dumm sein und mich wegen einer solchen Kleinigkeit ängstigen? 

Müssen wir als Erwachsene immer stark sein und ohne Furcht durchs Leben schreiten? Die meisten Ängste, die wir als Erwachsene erleben, sind mit Erfahrungen aus unserer Kindheit verbunden und werden aus ihnen gespeist. Diese Ängste können so stark sein, dass sie uns hindern, wichtige Ziele in unserem Leben zu erreichen und konstruktive Veränderungen vorzunehmen. Sie dienen oft dazu, dass wir in Gewohnheiten verharren, die nicht mehr sinnvoll sind, sondern uns innerlich einschränken und im Äußeren irritierende Reaktionen hervorrufen. Sie halten uns davon ab, viele der Chancen, die uns das Leben bietet, zu erkennen oder zu ergreifen. 

Erwachsene unterscheiden sich von Kindern nicht darin, dass sie keine Ängste mehr haben, sondern darin, dass sie sich von den Ängsten, die auftreten, wenn sie eben auftreten, nicht lähmen lassen. Es gibt zwar Erwachsene, die von sich behaupten, keine Ängste zu kennen, doch sind das meist solche, die ihre Ängste verdrängt und tief ins eigene Innere verbannt haben. Oft wollen sie sich durch besonders riskante Unternehmungen beweisen, wie angstfrei sie sind, während sie in Wirklichkeit dafür sorgen, dass ihre innere Angstabwehr verstärkt wird.

Vor allem Erwachsene, die sich mit ihren aus der Kindheit stammenden Ängsten auseinandergesetzt haben, lassen sich weit weniger ängstigen und können besser mit angstvollen Erlebnissen umgehen. Sie können ihre Ängste spüren und sie als Kraftquelle nutzen. Wenn sie vor neuen Situationen stehen, lassen sie sich nicht durch Furcht aufhalten, weiterzugehen und sich überraschen zu lassen. Dennoch kann auch eine gründliche Innenarbeit nicht vollständig vor allen Ängsten bewahren. Es kann im Leben immer wieder unvorhersehbare Herausforderungen geben, die unser Sicherheitsgefühl bedrohen und Ängste auslösen. 

Erwachsensein ist also nicht durch die Abwesenheit von Ängsten definiert, sondern durch ein anderes Umgehen mit ihnen. Sie können auftauchen und werden dann ernstgenommen, sie müssen also nicht unterdrückt werden, vielmehr bekommen sie Aufmerksamkeit, ohne aber die Handlungsfähigkeit zu blockieren. Ein Erwachsener ist fähig, mit und trotz einer Angst in eine neue Erfahrung hineinzugehen. Er kann seiner Angst respektvoll einen Platz in sich zuweisen, von dem aus sie dazu dienen kann, dass der neuen Situation mit entsprechender Vorsicht und Achtsamkeit auf mögliche Gefahren, aber auch mit einer besonderen Entschlossenheit begegnet wird.

Jede Erfahrung, die Hand in Hand mit einer inneren Angst bewältigt werden konnte, macht stärker und kräftigt das Selbstvertrauen, das dann für künftige Herausforderungen zur Verfügung steht. Wir können uns im Vollzug der aktiven Handlung selbst davon überzeugen, dass wir Ängste für unsere Ziele nutzen können, wenn wir sie ernstnehmen, ohne ihnen die Macht über uns und unsere Handlungsfähigkeit einzuräumen. Mutig sind wir dann, wenn wir uns von unserer Angst nicht unterkriegen lassen, wenn wir also trotz „innerem Schweinehund“ tun, was zu tun ist. Wer seine Ängste kennt, ist sicherer als wer meint, von Ängsten frei zu sein.


Bewusstheit und Verantwortung


Erwachsenwerden geht einher mit Bewusstwerden. Es entsteht in uns eine Instanz, die die Vorgänge, die in uns ablaufen, erkennen und reflektieren kann. Wir lernen, uns von unseren Emotionen zu unterscheiden. Wir sind nicht mehr bloß die Angst, sondern sie ist ein Gefühl in uns, das begrenzt ist und vorübergehen wird. Auf diese Weise werden wir immer erfolgreicher darin, uns nicht von Ängsten beherrschen zu lassen, bis wir einen Weg finden, sie zu unseren Kumpanen zu machen, die wir auf unsere Reise durch die Welt mitnehmen.

Erwachsensein bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. Wir sind es, die in uns Ängste produzieren, wir brauchen nicht gegen äußere Instanzen zu kämpfen, wenn es in Wirklichkeit darum geht, die Ängste in uns zu befrieden. Wir stehen zu Ängsten, wenn sie da sind, weil wir wissen, dass wir sie aushalten und schließlich für uns nutzen können.


Integrativ mit unseren Ängsten umgehen


Reifung bedeutet also, einen integrierenden Umgang mit unseren Ängsten und unseren Angstneigungen zu entwickeln. Wir brauchen Situationen, die uns Angst machen, nicht mehr zu meiden; wir können sie, wenn nötig, mit erhöhter Vorsicht und Achtsamkeit angehen. Wir brauchen aber auch nicht angstmachende Situationen suchen, um uns und anderen zu beweisen, dass wir keine Angsthasen sind. Das Leben hat genug an Situationen für uns im Angebot, die unsere selbstgesetzten Grenzen immer wieder bereitwillig herausfordern, wenn wir nur unsere Sinne offen halten.

Persönliche Reifung ist ein lebenslanger Prozess. Wie es auch im Wort steckt, ist das Erwachsenwerden ein Wachstumsvorgang, der niemals abgeschlossen ist, sondern besonders in solchen Situationen zum Weiterwachsen gefordert ist, in denen sich eine Angst meldet. Erst der Tod ist für uns alle der letzte Wachstumsschritt, in drastischer Weise der Endpunkt und die Vollendung des Wachsens und Erwachsenwerdens.

Gibt es eine Vollendung schon vor dem Tod? Im Diskurs um die Erleuchtung als Ziel des inneren Wachsens ist oft davon die Rede. Deshalb setzen manche Autoren die Erleuchtung mit dem erreichten Erwachsensein gleich: Nicht mehr von Ängsten eingeschränkt und geblendet zu sein und damit Teile der Wirklichkeit von sich abspalten zu müssen, sondern die Wirklichkeit in jedem Moment in ihrer Gänze annehmen zu können. Andere Autoren sehen in der Erleuchtung das Wiederfinden der kindlichen Unschuld. Vielleicht besteht zwischen diesen beiden Konzepten gar kein Gegensatz, ebenso wenig, wie das Erwachsensein dem Kindsein entgegensteht: Ein Erwachsensein, das das ganze Leben in seiner Geschichtlichkeit einschließt, das mit allen Sinnen und Geisteskräften in der Gegenwart steht und das für alles, was die Zukunft bringen mag, offen ist.

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