Samstag, 29. April 2017

Grenzen und Durchlässigkeit

Das Wort „Grenze“ ist erst relativ spät (gegen Ende des Mittelalters) aus dem Polnischen in die deutsche Sprache gekommen. Dennoch ist das, worum es geht, eine wichtige Sache für unser In-der-Welt-Sein und für unser inneres Wachsen. Über Grenzen wird definiert, was eine Sache ausmacht, was zu ihr gehört und was nicht. Unsere Grenzen geben also Auskunft über unsere Identität.

Jede Zelle verfügt über eine Membran, die sie von der Umwelt trennt und mit ihr verbindet, und manche Biologen halten deshalb die Membran für den intelligentesten Teil der Zelle. Unser Körper hat vor allem die Haut als Außengrenze, darüber hinaus sprechen wir noch von der Aura, die uns als „feinstofflicher Körper“ umgibt – Schnittstellen, an denen Entscheidungen über Ich und Nicht-Ich getroffen werden.

Vermittels der Grenzen wissen wir, wer wir sind. Wir bilden durch die Unterscheidung vom Außen ein Innen, das unsere Identität ausmacht. Definieren heißt so viel wie umgrenzen, umreißen. Innerhalb unserer Grenzen haben wir das Sagen und wissen wir, was Sache ist. Wir bestimmen die Regeln, vor allem darüber, wer hereinkommen darf und wer draußen bleiben muss. Im Mittelalter konnte der Hausherr jeden töten, der in den Bereich seines Hauses eindrang. Der Ausdruck Grenz“verletzung“ weist noch hin auf die Verwandtschaft zwischen Körper und Gebiet.


Grenzen und Grenzverkehr


Die Regelung des Grenzverkehrs ist von vitaler Bedeutung. Eine Zelle kann nur überleben, wenn sie das hereinlässt, was es zum Leben braucht und sich davor schützen kann, was es schädigt. Wir sehen hier die Analogie zu all den aktuellen Grenzproblemen in der Politik, Gesellschaft und Ökonomie. Das zentrale Motiv der Brexit-Wähler war die Idee, „selber“, sprich als Einzelstaat, bestimmen zu können, was hereinkommen darf – nur Eigen-Nützliches – und was draußen bleiben muss – alles Schädliche. Also war es eine zelluläre Intelligenz, die bei dieser Frage wesentlich mitgeredet hat (und damit notgedrungen ihrer Komplexität nicht gerecht werden konnte).

Zellen können aber nur dann überleben, wenn sie nicht nur über ein solides Grenzmanagement verfügen, sondern wenn sie dazu noch ein hohes Maß an Risikobereitschaft aufweisen. Je komplexer die Außenwelt ist, desto weniger kann von vornherein klar sein, was nützlich und was schädlich ist, ähnlich wie wir nie sicher und endgültig wissen können, ob Zuwanderung einen Gewinn oder einen Verlust bringt. Lebendige Organismen benötigen Flexibilität und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, Experimente zu wagen, sonst versterben sie an ihrer eigenen Starrheit. 

Deshalb muss der Umgang mit den Grenzen fließend sein – zum einen, im Prozess des Öffnens und Schließens, und zum andern in der Ausdehnung des Gebiets, das sie umfassen. Der Realitätssinn, die detaillierte Wahrnehmung und Bewertung der Außenwelt sowie der Blick auf die inneren Ressourcen liefern die Kriterien für das Maß an Durchlässigkeit. Über diese Fähigkeiten verfügen wir, wenn wir in einem Zustand der inneren Gelassenheit, möglichst frei von Ängsten sind. Denn jede Angst engt unsere Wirklichkeitsauffassung ein und greift auf vorgefertigte Konstruktionen zurück, sodass wir dazu neigen, unsere Grenzen rigoros zu schließen, ohne dass dafür eine Notwendigkeit herrscht. Der Handel, der Austausch an Gütern, der über die Grenze hinweg stattfinden könnte, bleibt aus, das Innere verarmt.


Konfluente Grenzen


Mangelhafte Grenzverwaltung kann auch heißen, dass der Zustrom von außen nicht oder nur willkürlich geprüft wird, weil die Ressourcen und die Kriterien fehlen. Gewissermaßen gibt es zu wenige Grenzbeamte und diese sind noch dazu schlecht ausgebildet. 

Dieser Zustand wird nach einem Ausdruck aus der Gestalttherapie auch als Konfluenz bezeichnet: Es ist unklar, was innen und was außen ist. Damit steht die eigene Identität auf dem Spiel – wenn Individuen davon betroffen sind, ist das die Folge einer konfluenten Vereinnahmung durch Bezugspersonen in der frühen Kindheit. Kinder, die von ihren Eltern als Erweiterungen ihres Selbst angesehen wurden, wachsen ohne Gefühl für sinnvolle Abgrenzungen auf. Sie wissen dann nicht, wo sie aufhören und wo das Andere oder Fremde anfängt. Sie freuen sich, wenn ihnen jemand erzählt, dass ohnehin alles eins ist, das entspricht ihrer Wirklichkeitserfahrung. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine spirituelle Einsicht oder Erfahrung, sondern um die Beschreibung eines Zustandes der Unklarheit.


Rigide Grenzen


Eine starre Grenzpolitik beruht auf einem stark ausgeprägten Sicherheitsdenken, das wiederum durch vielfältige Ängste gespeist ist. Jeder fremde Einfluss erscheint bedrohlich. Die eigene Identität muss durch die Abwehr alles dessen, was von außen kommt, gesichert werden. Ich weiß, wer ich bin, indem ich weiß, wer ich nicht sein will.  

Auch für dieses Muster gibt es frühe Prägungen, die auf bedrohliche Situationen während der Schwangerschaft zurückgehen können: Wenn ich nicht starre Grenzen gegen schädliche Einflüsse von außen aufrichte, gehe ich unter. Die Grenzsicherung ist eine Überlebensnotwendigkeit. Menschen mit dieser Prägung müssen lange prüfen, ob sie sich auf etwas Neues einlassen. Sie tun sich deshalb schwer mit Veränderungen und reagieren bei unvorhersehbaren Ereignissen mit innerem Rückzug und Abschottung – mangelhafte Voraussetzungen in einer Welt, die immer mehr Unvorhersehbarkeiten produziert.


Stimmiges Grenzmanagement


Das Umgehen mit Grenzen, also ein Grenzmanagement, das darüber entscheiden kann, wann es gut ist, die Grenzen aufzumachen und wann sie besser dicht gemacht werden sollen, erfordert viel Kraft, Präsenz und Unterscheidungsfähigkeit. Die Beziehungen zwischen den Menschen sind hoch komplex, sodass das Wechselspiel von Öffnen und Verschließen von Moment zu Moment neu bestimmt werden muss. Andererseits operieren wir mit Mustern, um diese Komplexität zu verringern, und greifen da mit Prägungen aus unseren Vorerfahrungen zurück, die bis in pränatale Zeiten zurückreichen. Damit kommt es schnell zu Verwerfungen: Wir schützen uns dort, wo es gar nicht förderlich oder hilfreich ist, und wir öffnen uns, ohne zu merken, dass wir Schädliches hereinlassen.

Für dieses Wechselspiel müssen wir also auch das beständige Wechselspiel zwischen alten Ängsten und der Realität bewältigen. Dafür bedarf es eines hohen Ausmaßes an Achtsamkeit, die wir im Idealfall immer zugleich nach innen und nach außen richten: Auf das, was wir im Inneren spüren, indem wir Schutzgefühle und Wachstumsgefühle unterscheiden, und auf das, was uns von außen begegnet, ob wir es unter „vertrauenswürdig“ oder „Misstrauen erregend“ einreihen sollen. Wir schulen unsere Flexibilität durch das beständige Überprüfen der inneren und äußeren Realität, also zwischen unseren Befindlichkeiten und Bedürfnissen einerseits und den Angeboten und Anforderungen der Außenwelt andererseits. Je mehr positive Erfahrungen wir mit flexibler Grenzsetzung machen, desto mehr Möglichkeiten haben wir zur Verfügung, je nach Erfordernis der Situation Grenzen effektiv aufzurichten oder flexibel durchlässig zu gestalten.

Ein wichtiger Maßstab für das stimmige Grenzmanagement liegt darin, ob wir uns dabei entspannt und innerlich ausgeglichen fühlen. Wenn unsere Atmung ruhig und leicht fließt, können wir davon ausgehen, dass wir uns in einem guten Fließgleichgewicht zwischen Öffnung und Abschließung befinden. Wir grenzen uns dort gut ab, wo es für alle Beteiligten von Vorteil ist und öffnen uns dort, wo alle einen Gewinn daraus ziehen können und haben das richtige Gespür für alle Situationen, die zwischen diesen Extremen liegen.

Zum Weiterlesen: Innere Grenzen und ihre Erweiterung

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