Dienstag, 25. November 2014

Wissen, Fantasie und Glaube: Was kommt nach dem Leben?

Manchmal behaupten Menschen, sie wüssten, was nach dem Tod passiert. Genauer besehen, haben sie nur einen Glauben vorzuweisen, der für sie so fix ist wie ein Wissen, obwohl die Redensart besagt: „Glauben heißt nichts wissen.“ Die beiden Kategorien werden einfach vermischt. Solche Ungenauigkeiten stehen jedem frei, wenn auch die Verantwortung für die Konsequenzen übernommen wird. Denn Ungenauigkeiten im Denken, Reden und Argumentieren stiften Verwirrung. 

Natürlich verfügen wir nur über ein Scheinwissen von dem, was „nachher“ passiert. Wissen beruht auf Erfahrung, und Erfahrungen haben wir, solange wir leben. Ob wir nachher Erfahrungen haben können, wissen wir nicht, weil wir davon eben keine Erfahrung haben, von der wir Mitteilung machen könnten. Sollte es solche Erfahrungen geben, fehlt uns die Information dazu. 

Zwar gibt es Berichte von Nah-Tod-Erlebnissen, von Menschen, die klinisch tot waren und wieder zum Leben zurückgekommen sind. Daraus haben wir eben ein Wissen über Nah-Tod-Erlebnisse, aber nicht über das, was nach dem Nah-Tod kommt, nämlich was den wirklichen Tod und das endgültige Tot-Sein anbetrifft. 

Weiters geben spiritistische Medien Informationen aus dem „Jenseits“ preis. Um solche Informationen als Wissen zu qualifizieren, muss man an die Integrität und Authentizität der Quelle sowie des Übermittlungsmediums glauben, was nicht jedermann gelingt. Nur wenige Menschen nehmen an solchen Seancen teil, und die Informationen, die sie daraus mitbringen, haben die Fragen nach dem postmortalen Weiterleben nicht geklärt. Meist sind die Informationen, die von „drüben“ kommen, erwartbar, ohne darüber hinaus irgendeine Gewissheit oder Sicherheit zu geben. 

Jenseitsfantasien in Konkurrenz 


Es sind Fantasien, die wir Lebenden uns über das bilden, was nach unserem Tod sein wird. Die unterschiedlichen Religionen haben das Jenseits unterschiedlich ausgeschmückt, vom Paradies bis zum Nirvana. Jeder Mensch hat das Recht auf seine Fantasien, soweit sie zur eigenen Erbauung und Beruhigung beitragen. Eine Fantasie wird zum Glauben, wenn sie mit einer lebenspraktischen Bedeutung gekoppelt wird: Ich glaube an das Weiterleben nach dem Tod, das ich mir in der Fantasie als „real“ ausmalen kann, weil ich dadurch angesichts der widrigen Umstände in meinem Leben Trost finden kann. 

Doch das Verallgemeinern von Fantasien nach dem Motto, was meine oder unsere Fantasie ist, muss für die anderen auch gelten, sollte mit einem dicken Fragezeichen belegt werden. Fantasien können von anderen geteilt werden, sind aber dadurch nicht allgemein-gültiger. Wie schon anderswo geschrieben, wird eine Behauptung dadurch nicht wahrer, wenn sie mehrere Leute für richtig halten. Werden die eigenen Fantasien mit der Wirklichkeit verwechselt, kommt es leicht zu heftigen und zugleich fruchtlosen Auseinandersetzungen über die Wahrheit. Denn über eine Wahrheit, für die es keine Überprüfung gibt, weil die entsprechende Wirklichkeit nicht zugänglich ist, muss mit allen Mitteln verteidigt werden. 

Außerdem müssen die konkurrierenden Wahrheiten angegriffen werden, um sie unschädlich zu machen. Für den Streit gibt es keine mögliche Lösung. Erst wenn ein Loslassen stattfindet, wenn also die Frage als unlösbar und nicht wahrheitstauglich erkannt wird, kann die Auseinandersetzung beendet werden. Glaubenskriege hören dort auf, wo der religiöse Glaube als wirklichkeitsbildende Macht an Einfluss verliert. In Mitteleuropa könnte sich heute niemand vorstellen, dass Katholiken und Protestanten mit kriegerischen Mitteln versuchen, ihre jeweilige Wahrheit durchzusetzen. In anderen Weltgegenden bekämpfen sich bis heute Menschen mit ähnlicher Heftigkeit und Brutalität wegen solcher Fragen, wie das bei uns über Jahrhunderte hinweg geschehen ist. 

Die Haltung des Nichtwissenkönnens 


Es hilft die Klarheit darüber, was wegen fehlendem Wirklichkeitsbezug außer Streit gestellt werden kann. Sie lässt frei, wo vorher ein Anklammern und Festhalten war. Worüber wir keine Übereinstimmung finden können, weil es keine Erfahrungsgrundlagen gibt, auf die wir zurückgreifen können, darüber müssen wir schweigen. Schweigen heißt dabei, auf Wahrheitsansprüche zu verzichten, die nicht belegt und argumentiert werden können und statt dessen die Beliebigkeit der Spekulationen zuzugeben. 

Diese Haltung trifft sich mit der Bescheidenheit des Nichtwissens aus intellektueller Redlichkeit nach Thomas Metzinger: Der Begriff bedeutet, „dass man nicht vorgibt, etwas zu wissen oder auch nur wissen zu können, was man nicht wissen kann, dass man aber trotzdem einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt.“

Wir können das Menschensein auch so definieren: mit Grenzen leben, deren Unüberwindlichkeit uns bewusst ist. Oder auch: Leben mit dem Bewusstsein von Grenzen und der Möglichkeit, diese gedanklich überwinden zu können - und der Versuchung, diese gedankliche Überwindung für eine Realität zu halten. 

 In solchen Gedankensprüngen machen wir uns zu Kontrolleuren und Verwaltern unseres eigenen Lebens, eine Funktion, die uns weder zusteht noch die wir tatsächlich ausüben könnten. Systeme, die zugleich kontrollierende Systeme ihrer selbst sind, kontrollieren sich zu Tode. Den beschränkten Einfluss, den wir bewusst auf unser Leben und seine Gestaltung ausüben können, sollten wir nicht verwechseln mit der Macht über das Ganze unseres Lebens, über die wir aus guten Gründen nicht verfügen und nie verfügen werden. Eine Spezies, die die Grenzen ihrer Überlebensfähigkeit selber definieren könnte, wäre nicht überlebensfähig. Der Selbstmörder verfügt nicht über das Ganze seines Lebens, sondern handelt aus einem eingeschränkten verzweifelten Teil seines Selbst. Er setzt die Macht seines Denkens gegen den ihm mitgegebenen Lebenswillen und handelt aus der Zwanghaftigkeit des Verstandes, der keinen anderen Ausweg aus den Ängsten sieht als den Freitod.   
 
Die meisten freilich ringen um eine Verlängerung des eigenen Lebens. Mit allen verfügbaren Mitteln soll das Altern hinausgezögert und die Jugend erhalten bleiben. Was auch immer wir in unserem strebenden Bemühen versuchen, um die zeitlichen Grenzen unseres Lebens auszuweiten und auszudehnen - die Grenzen bleiben bei jeder Erweiterung erhalten. Viele der angeblich Hunderte von Jahren alten Yogis in Indien sind schon verstorben. Die, die noch leben, beweisen dennoch nicht, dass es eine körperliche Unsterblichkeit geben kann. Sie werden nur älter als der Durchschnitt.
Wenn wir diese conditio humana, diese Grundbedingung des Menschseins akzeptieren, brauchen wir keine Glaubenssysteme mehr, die uns ein Weiterleben nach dem Tod in dieser oder jeder Form anbieten. Wir können uns statt dessen voll auf die Belange dieses Lebens einlassen und von Augenblick zu Augenblick das Beste daraus machen. 

Vgl. Theologie und Mystik zur Frage nach dem Weiterleben
 Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Die zwei Wahrheiten und die Religionen 
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele 

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