Mittwoch, 12. November 2014

Über den Ursprung des Bösen und des Hasses

Gibt es einfach böse Menschen oder werden Menschen böse, obwohl sie gut sein wollen? Gibt es Menschen, die aus ihrem tiefsten Wesen heraus hasserfüllt sind, oder hassen Menschen, weil sie selber abgelehnt und unterdrückt wurden?

Lange Zeit war diese Frage strittig und abhängig von der anthropologischen Grundannahme: Das Böse ist im Menschen grundgelegt, z.B. als Folge seines Aggressionstriebs bzw. eines entsprechenden Gens, oder das Bösesein ist ein Verhalten, das anerzogen oder ankonditioniert wurde.

Ich denke, dass diese Frage mit dem Fortschritt an psychologischer Einsicht, auch unterstützt durch die moderne Hirnforschung eindeutig beantwortet werden kann. Dazu stelle ich zwei Argumente vor.

Das erste Argument wurzelt tiefer und geht auf die Geschichte der Menschheit ein, von den Anfängen bis jetzt. Aggression und Gewalttätigkeit waren zu jeder Zeit die Ausnahme in Vergleich zu prosozialen Handlungen. Sonst wäre das weitere Bestehen der Menschheit gescheitert. Ohne Fürsorge und liebevolle Unterstützung kann keine Generation heranwachsen. Auch wenn in frühen Kulturen das relative Ausmaß an Gewalttätigkeit größer war als in späteren Gesellschaftsformen, wie Steven Pinker (Gewalt. Die neue Geschichte der Menschheit. Fischer: Frankfurt 2013) nachweisen konnte, gilt auch hier schon die Regel, dass prosoziales Handeln die Regel und Aggression die Ausnahme war. Deshalb kann das erste Argument so formuliert werden: Menschliche Gemeinschaften brauchen, um langfristig existieren zu können, ein hohes Maß an freundschaftlicher Zwischenmenschlichkeit, und  böses Handeln findet deshalb nur in eingeschränktem Maß in besonderen Situationen statt, das auch im Rahmen der jeweiligen Gesellschaftsordnung sanktioniert wird.

Das zweite Argument stammt aus der psychologischen Perspektive. Menschen kommen nicht als „böse“ auf die Welt. Vielmehr sind sie für das Leben nach der Geburt mit einem hohen Maß an Liebesfähigkeit ausgestattet, das sie brauchen, um die erwachsenen Menschen für sich zu gewinnen. Schließlich müssen diese für sein Überleben sorgen. Alles, was das Baby dafür einsetzen kann, ist sein Charme, der die Herzen der Großen erweichen soll und im Normalfall das Fürsorgeverhalten auslöst.

Wenn die Erwachsenen um das Baby zu selten und immer wieder falsch auf diesen Appell reagieren, wenn sie also immer wieder die Bedürfnisse ignorieren oder nur mangelhaft erfüllen, dann schwindet der Charme des Babys, und die Liebesfähigkeit schrumpft in dem Maß, in dem sie nicht erwidert wird. Statt dessen wird das innere Gleichgewicht im Baby zerstört, es verliert zunehmend die Fähigkeit, sich nach dem Stress von drängenden Bedürfnissen wieder zurückregulieren zu können. Es baut sich eine grundlegende chronische Stressbelastung auf. Diese nimmt diejenigen Bereiche in der inneren Landschaft ein, die vorher von liebevollem Verhalten besetzt waren. Gleichsam in den verwahrlosten Arealen der Seelenlandschaft machen sich Aggression und Hass breit. Meist werden diese verödeten Landstriche des Inneren versteckt und abgeschirmt von der bewussten Einsicht, aber sie machen ihren Einfluss indirekt geltend.

Menschen mit chronifiziertem Stress haben im Grund nur zwei Möglichkeiten: Aggressiv oder depressiv zu werden. Manchmal ergeben sich auch Mischtypen. Und aus der therapeutischen Praxis wissen wir, dass Depressive zumeist und vor allem unter ihrer unterdrückten Wut leiden.

Also lautet das zweite Argument: Menschen werden böse, wenn ihnen Böses zugefügt wurde. Sie sind hasserfüllt, weil ihnen Hass entgegengebracht wurde. Sie können auch als Erwachsene nicht anders, weil ihnen insbesondere in Stresssituationen die Verhaltensalternativen fehlen. Sie können auf zu wenig Ressourcen im prosozialen Verhalten zurückgreifen, sodass sie aggressiv und hasserfüllt reagieren, wenn sie in eine Notlage kommen.

Sie neigen dann dazu, das, was ihnen selber in der frühen Zeit ihres Lebens angetan wurde, auf andere Menschen, die ihnen nichts getan haben, zu projizieren. Dazu eignen sich bekanntlich Menschengruppen, die als Außenseiter definiert werden. Diese kriegen dann den Hass ab, der eigentlich den Menschen gelten sollte, die die „Täter“ einer kindlichen Unterversorgung oder eines emotionalen oder sexuellen Missbrauchs waren, die also die erwachsene Verantwortung für Traumatisierungen hatten, die den Kindern widerfahren sind.

Die „Täter“ sind geschützt durch das mangelhafte Gedächtnis für solche schlimmen Erfahrungen. Denn wir haben einen Schutzmechanismus, der uns davor bewahrt, dass wir uns immer wieder an besonders schwierige und schmerzhafte Erfahrungen erinnern. Wir können mit Hilfe dieses Mechanismus zwar weiterleben, aber mit beschränkter Lebenskraft und Lebensfreude. Statt dessen tragen wir ein Potenzial an Aggressivität, Gewaltbereitschaft und Hass mit uns herum. Dieses Potenzial kann dann jederzeit hervorbrechen und auf Unschuldigen abgeladen werden. Besonders eigenen sich für diese undankbare Rolle die eigenen Kinder, da uns deren Heranwachsen besonders an unsere eigene Kindheit mitsamt ihren Mängeln und Widernissen erinnert.

Damit kommen wir gleich zu der Erklärung, warum ich „Täter“ unter Anführungszeichen gesetzt habe. Wenn nämlich dieses Argument stimmt, dann waren Täter immer zuerst Opfer. Menschen werden nur zu bösen Tätern, wenn sie selber Böses erlebt haben und erleiden mussten. Solche Erfahrungen, die nicht verarbeitet werden konnten, reduzieren die Möglichkeiten für das Tun des Guten. Denn das Tun der Guten kann nur heranwachsen, wenn es vorgelebt und konsistent erwidert wird.

Wir brauchen also den „bösen“ Menschen kein unabänderliches Schicksal infolge einer schlechten genetischen Ausstattung, eines angeborenen mangelhaften Charakters andichten, sondern können darauf setzen, dass böses Verhalten eine Schutzhandlung darstellt, die nicht freiwillig und mit voller Verantwortung übernommen wird. Vielmehr wird sie gewählt, weil keine Alternative zur Verfügung zu stehen scheint, wenn der Stress und die innere Anspannung zu groß sind.

An anderer Stelle wurde schon dargelegt, dass es zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen der Liebe und dem Hass, kein Kontinuum wie zwischen hell und dunkel gibt, sondern dass wir das eine (das Gute) als das Normale des Menschen ansehen können, das er mehr oder weniger gut erfüllen kann, und das andere (das Böse) als die Ausnahme, die in Zuständen innerer Not gewählt wird.

Zum Weiterlesen:  
Liebe und Hass - eine Polarität?
Der Bösewicht in uns

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