Die Offenheit einer Gesellschaftsform bedeutet, allgemein gesprochen, dass in ihr alle Lebensformen und Werthaltungen Platz haben. Es sind also die allgemeinen Freiheiten (freie Meinung, Rede, Religion, Weltanschauung, Bewegung, Berufswahl etc.) gewähleistet und es gilt das liberale Prinzip, dass alles erlaubt ist, was die anderen Mitglieder der Gesellschaft nicht in ihrer Freiheit einschränkt. Einfach gesagt, jeder kann so laut seine Musik spielen, wie sich niemand anderer dadurch gestört fühlt. Jeder kann seiner sexuellen Orientierung folgen, vorausgesetzt, dass niemand in seiner Integrität verletzt wird, wie z.B. durch erzwungenen Sex oder Sex mit Minderjährigen.
Die Vorteile einer offenen Gesellschaft liegen im Wesen der Evolution. Je unterschiedlicher und vielfältiger eine Gesellschaft ist, desto mehr Neues kann sie hervorbringen. Und das Neue ist an sich ein Evolutionsvorteil. Das, was es schon gibt, wird durch Neues nicht beeinträchtigt, sondern um weitere Möglichkeiten ergänzt. Jede Gesellschaft, die Neuerungen zulässt und fördert, kann besser mit Herausforderungen umgehen, die auftauchen. Sie verfügt über mehr Ressourcen und ist flexibler.
Flüchtlingsbewegung und Offenheit
Ein Beispiel für diese Dynamik kann in der Flüchtlingsbewegung der letzten Zeit gesehen werden. Die Länder, die die meisten Flüchtlinge aufgenommen haben, weisen einen hohen Grad an Offenheit auf: Schweden, Deutschland, Österreich.
Die Länder im östlichen Bereich der EU mit ihrer realsozialistischen Vergangenheit haben sich teilweise vehement und erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt, einen doch sehr ausgewogenen, auf ihre Wirtschaftsleistung bezogen verkleinerten Anteil an der Gesamtversorgung der Flüchtlinge und Asylwerber zu übernehmen. Die ungarische Regierung hat sogar in einer Volksabstimmung versucht, keine Flüchtlinge durch eine EU-Regelung übernehmen zu müssen. Dieses Phänomen mag (neben vielen anderen Faktoren) damit zusammenhängen, dass auch 27 Jahre nach dem Ende des Ostblock-Sozialismus das Vertrauen in die Offenheit dort noch sehr gering ausgeprägt ist. Über Jahrzehnte wurde in diesen Ländern das Prinzip vertreten, dass die Geschlossenheit einer Gesellschaft die beste Garantie für das Überleben und den Erfolg darstellt: die Geschlossenheit einer Ideologie. Jede Abweichung von der herrschenden Wertestruktur wurde deshalb bekämpft und unterbunden.
Der Erfolg blieb allerdings aus, vielmehr war das Überleben der Gesellschaften bedroht, als es zunächst zur Öffnung der Sowjetunion (unter anderem mit dem Stichwort Glasnost, das mit Transparenz übersetzt wird) unter Gorbatschow und dann zur Auflösung des Ostblocks kam. Aber die Mentalität hält sich durch, vor allem, weil sich der wirtschaftliche und soziale Erfolg der Öffnung noch nicht klar abgebildet hat. Die Propaganda der Feindschaft gegen das Fremde und der Abneigung gegen die Fremden findet deshalb einen leichten Widerhall in diesen Ländern.
Nach dem Ende des realsozialistischen Experiments haben sich diese Länder die offenen Werte der EU übergestülpt, um möglichst rasch an den wirtschaftlichen Erfolgen teilhaben zu können. Die innere Entwicklung zur Offenheit hat, wie jetzt sichtbar wird, da noch viel nachzuholen und ist verständlicherweise noch nicht in dem Grad gefestigt wie in anderen Ländern mit weniger Brüchen in ihrer Geschichte.
Andere Länder hingegen, die schon länger von der Öffnung der Gesellschaft profitieren, haben eine offenere Einstellung gegenüber dem Fremden, das kommen will. Wieder spielen unterschiedliche Motive eine Rolle, z.B. Flucht vor Krieg und Überlebensunsicherheit, Flucht vor dem Mangel an wirtschaftlichen Perspektiven, Flucht vor Unterdrückung von Freiheitsrechten. Die starke Anziehungskraft gerade der Länder mit offenerer Einstellung zeigt eine wechselseitige Dynamik: Offene Gesellschaften "wissen", dass sie Zuzug brauchen und dass ihnen Zuzug auf Dauer evolutionäre Vorteile bringt; Emigranten "wissen", dass sie gerade in solchen Ländern gebraucht werden und Neues beitragen können.
Grenzen der Öffnung sind Grenzen der Offenheit
Diese Dynamik darf allerdings auch die bestehenden inneren Grenzen der Offenheit nicht überfordern. Das Erstarken rechter, d.h. öffnungsfeindlicher Gruppierungen in den genannten "offenen" Ländern ist ein Ausdruck der inneren Grenzen der Offenheit, also ein Indikator für den Grad an Offenheit, der tatsächlich besteht, und nicht nur jener, der von führenden politischen Sprechern, Intellektuellen oder Kunstschaffenden vertreten und verlautbart wird.
Die Rede vom "vollen Boot", das nicht mehr überladen werden darf, um nicht unterzugehen (ein meist unbewusst verwendeter Hinweis auf tatsächliche Erfahrungen der meisten Flüchtlinge, die über den Seeweg nach Europa gekommen sind), bezieht sich nicht auf Fakten oder Zahlen darüber, was eine Gesellschaft sozial und finanziell an Integration von Fremdem leisten kann. Es ist Ausdruck eines kollektiven Gefühls, Ausdruck diffuser Ängste, die die Kehrseite der offenen Gesellschaft darstellen.
Das Gefühl der Überforderung, das viele Regierungen auch in den "offenen" Ländern dazu bringt, die Grenzen abzuschließen, reagiert auf diese diffusen Ängste. Angst ist das Gegengefühl zu Vertrauen und im Zweifelsfall immer mächtiger, weil die Angst immer darauf verweisen kann, wie eng sie mit dem Überlebenswissen verbündet ist. Dieses Bündnis ist aber deshalb illusionär, weil das Überlebenswissen meist veraltet ist und deshalb auf die jeweils aktuelle Realität nur sehr bedingt angewendet werden kann.
Auf dem Klavier der kollektiven diffusen Ängste spielen die genannten rechtslastigen Propagandisten, die erstaunlich wenig zukunftsfähige Ideen und statt dessen Angstparolen präsentieren und deshalb ein Mehr an Geschlossenheit einfordern: Geschlossenheit nach innen mit der Ideologie der nationalen Gemeinschaft und Geschlossenheit nach außen mit realen oder legistischen Mauern und Zäunen. Sie sprechen jene in der Gesellschaft an, denen der Wert der Offenheit nicht bewusst ist, sei es, dass sie persönlich davon zuwenig profitiert haben ("Modernisierungsverlierer", "Globalisierungsverlierer"), sei es, dass sie die bestehende Offenheit für selbstverständlich nehmen samt den positiven Auswirkungen, von denen sie profitieren, z.B. ein liberales Bildungssystem, eine freie Marktwirtschaft, Meinungsfreiheit usw. und nicht erkennen, dass diese Offenheit nur weiterbestehen kann, wenn sie wächst und dazu Neues integriert.
Die Scheinalternativen 2016
Das eben zu Ende gegangene Jahr hat uns eine scheinbare Alternative vorgeführt: Wir können zwischen Geschlossenheit und Offenheit wählen. Manche Länder wählen die Geschlossenheit (z.B. USA, UK, Polen, Ungarn, Russland ...), andere die Offenheit (z.B. Österreich mit einem Präsidenten aus der Grünbewegung, Deutschland mit einer starken politischen Mitte ...). Diese Wahlmöglichkeit ist aus meiner Sicht deshalb scheinbar, weil es keine Alternative zur Öffnung gibt, sondern nur einen Einfluss auf ihr Tempo.
Der Blick auf die Geschichte zeigt den unaufhaltbaren Fortschritt des Prinzips Öffnung. Kleines Beispiel: Die Freiheit der Bewegung. Vor 200 Jahren war der Lebens- und Bewegungskreis fast aller Menschen auf 30 Kilometer im Umkreis beschränkt; heute kann jeder fast jeden Punkt auf der Erde erreichen, das Weltall zum Teil schon mit eingeschlossen. Alle, die mangels Geld daran nicht teilhaben können, wünschen sich diese Freiheit und werden sie nutzen, sobald es die finanziellen Mittel erlauben.
Jedes der zahlreichen Gegenbeispiele, die die Geschichte auch kennt, erweist sich als temporäres Hemmnis, als Bremsmanöver, das dann, wenn es überwunden ist, oft zu einem besonders starken Anstieg der Offenheit führt (z.B. die extreme Geschlossenheit, die der Nationalsozialismus erzwungen hat, mündete nach seinem Ende zu einer noch stärkeren Öffnung der Gesellschaft in Deutschland und Österreich und vielen anderen Ländern, die einen Höhepunkt in der sozialen Revolution in Folge der 68er Bewegung fand, ein Öffnungsschub, von dem wir im Grunde heute noch zehren).
Es bleibt auch noch abzuwarten, ob das Vereinigte Königreich nach seinem Ausscheiden aus der EU nicht eine Form der Offenheit eine andere austauscht. England ist ein Vorzeigeland für Offenheit, das sein Heil seit Jahrhunderten in der ökonomischen Expansion im Außen vollzogen hat, in deren Folge es zu einem intensiven Austausch mit dem Neuen gekommen ist. Die Rede ist ja davon, nach dem Verlust der Handelsbeziehungen zu Europa die Wirtschaftsbeziehungen zum mittel- und ostasiatischen Raum zu verstärken; die Folge kann sein, dass dann die Immigranten weniger aus Rumänien und mehr aus Malaysia oder Vietnam nach England drängen, zum Leidwesen der Brexit-Befürworter.
Austausch ist Öffnung
Diese Welt ist eine; die Menschheit ist auf den Erdball beschränkt und muss immer wieder Wege finden, um mit dem zur Verfügung stehenden Raum und den vorhandenen Ressourcen zurecht zu kommen. Das Zauberwort dafür heißt Kommunikation oder Austausch. Bei jeder Form des Austausches begegnet das Eigene dem Fremden, und es entsteht ein gemeinsames Drittes, etwas Neues, das dann die Entwicklung weiterbringt. Die Begegnung mit neuen kulturellen Elementen, wie sie dort stattfindet, wo Flüchtlinge auf Einheimische treffen, bewirkt für beide eine innere Öffnung, stärker für jene, die kommen, aber auch wichtig für jene, die schon da sind. Vorausgesetzt ist nur, dass diese Begegnungen gewaltfrei stattfindet, und wenn das sichergestellt werden kann, können sie nur für beide Seiten fruchtbringend sein.
Wir brauchen zweierlei, um mit diesen Herausforderungen gut umgehen zu können: Die Bereitschaft und das Vertrauen, uns auf Neues einzulassen und daraus neue Wege zu entwickeln, und das Verständnis für jene, die das Vertrauen nicht aufbringen können. Auch zwischen diesen Positionen muss die Kommunikation weitergehen, damit die Spaltung der Gesellschaft in einen Teil, der die Öffnung weitertreiben, und in einen anderen, der sie zurückschrauben will, vermieden wird. Wir müssen also verhindern, dass sich Parallelgesellschaften bilden, die nur intern ihre Vorurteile austauschen und bestärken. Wo die Ängste auf offene Ohren stoßen, kann Vertrauen wachsen. Wo Vertrauen wächst, öffnen sich Menschen für Neues.
Vgl. Toleranz und ihre Grenzen
Toleranz ist ein hoher Wert in einer freien und offenen Gesellschaft und ein wichtiger Garant für ihren Fortbestand. Gerade deshalb können sich in ihrem Schatten Menschen frei tummeln und Gruppen bilden, die intolerante Meinungen vertreten und bereit sind, diese Meinungen in freiheitsbedrohende Handlungen umzusetzen. Wie soll also eine tolerante Gesellschaft mit intoleranten Menschen, Meinungen und Handlungen, die diese Toleranz bedrohen, umgehen? Ist jede Einschränkung der Toleranz schon intolerant?
Der Begriff der Toleranz markiert den Ausgang aus gesellschaftlicher und kultureller Unterdrückung. Über Jahrtausende mussten Menschen ihre persönlichen Werte und Überzeugungen an die vorherrschenden Ideologien und religiösen Systeme anpassen. Abweichende Meinungsäußerungen wurden meist konsequent und brutal verfolgt. In den Zeiten der europäischen Glaubenskriege wurde z.B. die Praxis verfolgt, dass Menschen zur Auswanderung gezwungen wurden, die sich einer religiösen Richtung nicht anschließen wollten, die in ihrem Gebiet die Macht hatte: Wenn du nicht den Mehrheitsglauben teilst, kannst du ja gehen. Diese Praktik stellte zwar einen Fortschritt dar im Vergleich zur grausamen Ausrottung Andersgläubiger, ging aber immer noch von der Ansicht aus, dass es unmöglich wäre, wenn in einem Haus an die Wirkmacht von sieben Sakramenten und im Nachbarhaus nur von zweien geglaubt wurde, so als müsste man sich wegen solcher Auffassungsunterschiede notgedrungen die Schädel einhauen.
Öffnung der Identität
Ein paar Jahrhunderte später wissen Menschen, die nebeneinander wohnen, nur in Ausnahmefällen von den jeweiligen Glaubensrichtungen. Das Thema hat in den meisten westeuropäischen Ländern jegliche Sprengkraft für den sozialen Zusammenhalt verloren. Und das ist eine Folge der Aufklärung, die sich die Toleranz auf die Fahnen geheftet hat.
Die europäische Geschichte, die auch eine Geschichte zur Ausformung der Toleranz darstellt, in dieser Hinsicht gekennzeichnet durch eine zunehmende Öffnung der individuellen und der kollektiven Identität. Im Mittelalter waren die meisten Menschen in engen Lebensformen eingebunden und eingeordnet. Es gab für Angehörige des Bauernstandes (und das waren fast alle Menschen damals) keine Alternative zum Bauer-Sein, zur Mitgliedschaft in der Kirche und zum Leben im dörflichen Verband. Alternative gesellschaftliche Entwürfe standen nicht zur Verfügung. Die vorgefertigte Identität war seit Jahrhunderten unverändert in Geltung, und deshalb konnte auch die Zukunft nichts anderes bringen.
Eine kurze Geschichte der Aufklärung
Mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, deren Wurzeln bis tief ins Mittelalter zurückreichen und die auch wesentliche Impulse aus dem Christentum aufnahm, werden neue Horizonte geöffnet. Die eingeschränkten traditionsgebundenen Identitäten werden sukzessive aufgebrochen. Parallel dazu entstanden neue wirtschaftliche Möglichkeiten und Notwendigkeiten, viele Menschen gingen vom Land in die Städte, von der Landwirtschaft zur Industrie. Zentral für diese Entwicklung ist auch das Bildungssystem, das zunehmend die Vermittlung von modernem Wissen (Alphabetismus, Mathematik, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften) mit modernen Ideen verknüpfte. Bildung beinhaltet immer auch das Denken in Alternativen und verhilft dazu, Identitäten leichter wechseln und verändern zu können.
Einen weiteren Bereich für die Ausbildung der Toleranz bildet die Emanzipation der Kunst, die sich vor allem im 19. Jahrhundert vollzog und ungebrochen weiter wirkt. Bis dahin war die Identität der Kunst durch die vorherrschende Gesellschaftsform vorgegeben, z.B. in der Musik durch die Adelsgesellschaft und die Kirchenorganisation. Nun nahmen sich die Künstler die Freiheit, aus der eigenen Kreativität heraus schöpferisch zu werden, ohne Rücksicht auf bestehende Standards und Konventionen. Die Kunst wurde damit zum Dynamit für alle ideologischen Meinungen und Lebensformen. Schriftsteller griffen sie in ihren Werken direkt und die anderen revolutionären Künstler (Maler, Bildhauer, Musiker usw.) indirekt an.
Dementsprechend heftig war der Kampf zwischen der modernen Kunst und den traditionellen Weltbildern bis zu den Bücherverbrennungen und Kunstverboten der Nationalsozialisten, und das Unvermögen der Rechtsparteien, die Symbolkraft der emanzipativen Kunst zu verstehen, legt noch immer Zeugnis von dieser Spannung ab. Kunst in ihrer nachmittelalterlichen Form ist ein unversiegbar sprudelnder Quell von Diversität, von der Differenzierung und Dekonstruktion der existierenden Formen, der von sich aus permanent und unüberhörbar zur Toleranz aufruft.
Zusammen bilden diese Strömungen eine starke Kraft der Veränderung zur Toleranz, der sich nichts entziehen kann. Die Widerstände waren und sind zahlreich, aber sie werden von dieser Dynamik der Emanzipation, der Befreiung des Individuellen unweigerlich unterschwemmt und schließlich irgendwann weggespült. Toleranz ist ein Megatrend in der Entwicklung der Moderne, der nicht rückgängig gemacht werden kann, sondern immer mehr Bereiche des Lebens zu mehr Offenheit und Respekt vor dem Anderen herausfordert.
Denn Toleranz wünscht sich jeder Mensch, sobald er seiner eigenen Individualität bewusst wird: Ich bin radikal anders als alle anderen Menschen. Versuche ich, mich an sie anzupassen, verbiege ich mich und schade mir selbst. Ich kann nur aus dieser Quelle der eigenen Einzigartigkeit heraus leben. Wenn ich dafür keine Duldung bei den anderen finden kann, gerate ich in einen massiven inneren Widerspruch.
Zur logischen Notwendigkeit von Toleranz
Toleranz ist also eine Konsequenz der Tatsache, dass die Natur nicht in der Lage ist, identische Lebensformen hervorzubringen, und weiters der Einsicht, dass trotz radikaler Unterschiedlichkeit die Menschen ihre Angelegenheiten nur im Zusammenwirken gestalten und verbessern können. Daraus folgt notwendig, dass die Unterschiedlichkeit, die Diversität geduldet und, so weit wie möglich, geschätzt werden muss.
Toleranz ist also kein Luxus, den sich eine Gesellschaft mit ausreichenden Ressourcen gestattet, sondern eine Grundbedingung des menschlichen Lebens. Insoferne bedroht jede Form der Intoleranz dieses gemeinschaftlich verfasste menschliche Leben.
Zwei Grenzen der Toleranz
Der deutsche Philosoph Michael Schmidt-Salomon spricht von zwei Grenzen der Toleranz. Die erste "verläuft zwischen dem, was toleriert werden muss, und dem, was nicht mehr toleriert werden darf." Hier geht es z.B. um das Ende der Toleranz dort, wo anderen Menschen Schaden zugefügt wird, z.B. durch das Ausüben von Gewalt. Eine Gesellschaft kann nicht bestehen, wenn sie das toleriert, was ihre Grundlagen angreift.
Dazu kommt noch eine zweite Grenze: „Sie markiert den Unterschied zwischen dem, was toleriert werden muss, und dem, was akzeptiert werden kann.“ Es gibt Phänomene, die z.B. im Sinn der Meinungsfreiheit toleriert werden müssen, aber nicht akzeptiert werden können, wie z.B. rassistische Aussagen, die das Gleichheitsprinzip der Gesellschaft aushebeln wollen.
Schmidt-Salomon: „Wir haben es also mit drei unterschiedlichen Bereichen zu tun: dem Akzeptablen, dem Nur-Tolerablen und dem Nicht-mehr-Tolerablen. Diese unterschiedlichen Bereiche müssen auch unterschiedlich behandelt werden. Als grobe Marschrichtung kann dabei gelten: Was in einer offenen Gesellschaft zu akzeptieren ist – etwa das Ideal der Gleichbehandlung aller Bürgerinnen und Bürger -, muss gestärkt, was nur zu tolerieren ist – zum Beispiel schwulenfeindliche Ressentiments -, geschwächt, und was nicht mehr zu tolerieren ist – etwa Gewaltaufrufe gegen Schwule -, strikt unterbunden werden.“
Es genügt also nicht, eine klare Abgrenzung zwischen dem, was geduldet werden kann, und dem, was nicht geduldet werden kann, zu ziehen. Das sollte im Rahmen jeder Rechtsordnung klar definierbar und mittels der Rechtsprechung durchsetzbar sein. Die Aufgabe hier liegt darin, die Rechtsnormen beständig entsprechend der gesellschaftlichen Veränderungen neu zu bestimmen, gewissermaßen upzudaten, wann und wo immer neue Störprogramme gegen die Toleranz auftauchen.
Der Einsatz für die offene Gesellschaft geht alle an
Der andere Bereich betrifft die Politik und noch mehr die Zivilgesellschaft: Im Rahmen der Toleranz alles, was nicht akzeptiert werden kann, weil es die Werte der Toleranz unterminiert, mit allen Mitteln der öffentlichen Meinungsbildung und der reflektierten Argumentation zu bekämpfen. Intolerante Wertsetzungen dürfen nicht ohne Widerspruch bestehen bleiben, es braucht massive und entschiedene Gegenstimmen und Erwiderungen. Ein Beispiel dafür bildet das Institute for Strategic Dialogue, das u.a. Gegennarrative zu den Strömungen der fundamentalistischen Propaganda entwirft und publiziert.
Wir sollten eine Gesellschaft sein, die kollektiv aufschreit, sobald gegen die Werte der Toleranz Stellung bezogen oder gehandelt wird: Ein Schrei, der aus der Verletzung des Menschlichen kommt, denn jeden, der sich der eigenen Menschlichkeit bewusst ist, sollte im eigenen Mark getroffen sein, wenn die Toleranz angegriffen wird. Ein solches Aufschreien sollte es nicht erst geben, wenn Dutzende Menschen auf einem Weihnachtsmarkt umgebracht werden.
Wir leben in einer Welt allgegenwärtiger Medien, indirekt vermittelte Informationen bestimmen in großem Ausmaß unsere innere Wahrnehmungswelt und beeinflussen unsere Werte. Darum sollten wir, Mitglieder der Zivilgesellschaft, an dieser medialen Öffentlichkeit teilnehmen, nicht nur als passive Konsumenten, sondern auch als aktive Gestalter, die ihre Meinung zur Vielfalt der Meinungen beisteuern, wo immer es geht. Damit tragen wir aktiv zur Verbreitung von Toleranz bei.
Unsere Verantwortung geht noch weiter: Wir sollten uns auch als Wächter für die Offenheit der Gesellschaft verstehen und gegenüber allen Bedrohungen wachsam sein. Wir alle sind Hüter eines kostbaren Gutes, das wir nicht für etwas Selbstverständliches vergessen sollten, sondern als einen Schatz, den wir stärken und vermehren sollten, damit er lebendig bleibt. Und das Lebendige ist allemal stärker als das Tote.
Interview mit Michael Schmidt-Salomon
Vgl. Die Unausweichlichkeit der offenen Gesellschaft
Toleranz ist ein relativer Wert