Montag, 2. Januar 2017

Die Unausweichlichkeit der offenen Gesellschaft

Die Offenheit einer Gesellschaftsform bedeutet, allgemein gesprochen, dass in ihr alle Lebensformen und Werthaltungen Platz haben. Es sind also die allgemeinen Freiheiten (freie Meinung, Rede, Religion, Weltanschauung, Bewegung, Berufswahl etc.) gewähleistet und es gilt das liberale Prinzip, dass alles erlaubt ist, was die anderen Mitglieder der Gesellschaft nicht in ihrer Freiheit einschränkt. Einfach gesagt, jeder kann so laut seine Musik spielen, wie sich niemand anderer dadurch gestört fühlt. Jeder kann seiner sexuellen Orientierung folgen, vorausgesetzt, dass niemand in seiner Integrität verletzt wird, wie z.B. durch erzwungenen Sex oder Sex mit Minderjährigen.

Die Vorteile einer offenen Gesellschaft liegen im Wesen der Evolution. Je unterschiedlicher und vielfältiger eine Gesellschaft ist, desto mehr Neues kann sie hervorbringen. Und das Neue ist an sich ein Evolutionsvorteil. Das, was es schon gibt, wird durch Neues nicht beeinträchtigt, sondern um weitere Möglichkeiten ergänzt. Jede Gesellschaft, die Neuerungen zulässt und fördert, kann besser mit Herausforderungen umgehen, die auftauchen. Sie verfügt über mehr Ressourcen und ist flexibler. 


Flüchtlingsbewegung und Offenheit


Ein Beispiel für diese Dynamik kann in der Flüchtlingsbewegung der letzten Zeit gesehen werden. Die Länder, die die meisten Flüchtlinge aufgenommen haben, weisen einen hohen Grad an Offenheit auf: Schweden, Deutschland, Österreich. 

Die Länder im östlichen Bereich der EU mit ihrer realsozialistischen Vergangenheit haben sich teilweise vehement und erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt, einen doch sehr ausgewogenen, auf ihre Wirtschaftsleistung bezogen verkleinerten Anteil an der Gesamtversorgung der Flüchtlinge und Asylwerber zu übernehmen. Die ungarische Regierung hat sogar in einer Volksabstimmung versucht, keine Flüchtlinge durch eine EU-Regelung übernehmen zu müssen. Dieses Phänomen mag (neben vielen anderen Faktoren) damit zusammenhängen, dass auch 27 Jahre nach dem Ende des Ostblock-Sozialismus das Vertrauen in die Offenheit dort noch sehr gering ausgeprägt ist. Über Jahrzehnte wurde in diesen Ländern das Prinzip vertreten, dass die Geschlossenheit einer Gesellschaft die beste Garantie für das Überleben und den Erfolg darstellt: die Geschlossenheit einer Ideologie. Jede Abweichung von der herrschenden Wertestruktur wurde deshalb bekämpft und unterbunden. 

Der Erfolg blieb allerdings aus, vielmehr war das Überleben der Gesellschaften bedroht, als es zunächst zur Öffnung der Sowjetunion (unter anderem mit dem Stichwort Glasnost, das mit Transparenz übersetzt wird) unter Gorbatschow und dann zur Auflösung des Ostblocks kam. Aber die Mentalität hält sich durch, vor allem, weil sich der wirtschaftliche und soziale Erfolg der Öffnung noch nicht klar abgebildet hat. Die Propaganda der Feindschaft gegen das Fremde und der Abneigung gegen die Fremden findet deshalb einen leichten Widerhall in diesen Ländern.

Nach dem Ende des realsozialistischen Experiments haben sich diese Länder die offenen Werte der EU übergestülpt, um möglichst rasch an den wirtschaftlichen Erfolgen teilhaben zu können. Die innere Entwicklung zur Offenheit hat, wie jetzt sichtbar wird, da noch viel nachzuholen und ist verständlicherweise noch nicht in dem Grad gefestigt wie in anderen Ländern mit weniger Brüchen in ihrer Geschichte.

Andere Länder hingegen, die schon länger von der Öffnung der Gesellschaft profitieren, haben eine offenere Einstellung gegenüber dem Fremden, das kommen will. Wieder spielen unterschiedliche Motive eine Rolle, z.B. Flucht vor Krieg und Überlebensunsicherheit, Flucht vor dem Mangel an wirtschaftlichen Perspektiven, Flucht vor Unterdrückung von Freiheitsrechten. Die starke Anziehungskraft gerade der Länder mit offenerer Einstellung zeigt eine wechselseitige Dynamik: Offene Gesellschaften "wissen", dass sie Zuzug brauchen und dass ihnen Zuzug auf Dauer evolutionäre Vorteile bringt; Emigranten "wissen", dass sie gerade in solchen Ländern gebraucht werden und Neues beitragen können. 


Grenzen der Öffnung sind Grenzen der Offenheit


Diese Dynamik darf allerdings auch die bestehenden inneren Grenzen der Offenheit nicht überfordern. Das Erstarken rechter, d.h. öffnungsfeindlicher Gruppierungen in den genannten "offenen" Ländern ist ein Ausdruck der inneren Grenzen der Offenheit, also ein Indikator für den Grad an Offenheit, der tatsächlich besteht, und nicht nur jener, der von führenden politischen Sprechern, Intellektuellen oder Kunstschaffenden vertreten und verlautbart wird. 

Die Rede vom "vollen Boot", das nicht mehr überladen werden darf, um nicht unterzugehen (ein meist unbewusst verwendeter Hinweis auf tatsächliche Erfahrungen der meisten Flüchtlinge, die über den Seeweg nach Europa gekommen sind), bezieht sich nicht auf Fakten oder Zahlen darüber, was eine Gesellschaft sozial und finanziell an Integration von Fremdem leisten kann. Es ist Ausdruck eines kollektiven Gefühls, Ausdruck diffuser Ängste, die die Kehrseite der offenen Gesellschaft darstellen. 

Das Gefühl der Überforderung, das viele Regierungen auch in den "offenen" Ländern dazu bringt, die Grenzen abzuschließen, reagiert auf diese diffusen Ängste. Angst ist das Gegengefühl zu Vertrauen und im Zweifelsfall immer mächtiger, weil die Angst immer darauf verweisen kann, wie eng sie mit dem Überlebenswissen verbündet ist. Dieses Bündnis ist aber deshalb illusionär, weil das Überlebenswissen meist veraltet ist und deshalb auf die jeweils aktuelle Realität nur sehr bedingt angewendet werden kann.

Auf dem Klavier der kollektiven diffusen Ängste spielen die genannten rechtslastigen Propagandisten, die erstaunlich wenig zukunftsfähige Ideen und statt dessen Angstparolen präsentieren und deshalb ein Mehr an Geschlossenheit einfordern: Geschlossenheit nach innen mit der Ideologie der nationalen Gemeinschaft und Geschlossenheit nach außen mit realen oder legistischen Mauern und Zäunen. Sie sprechen jene in der Gesellschaft an, denen der Wert der Offenheit nicht bewusst ist, sei es, dass sie persönlich davon zuwenig profitiert haben ("Modernisierungsverlierer", "Globalisierungsverlierer"), sei es, dass sie die bestehende Offenheit für selbstverständlich nehmen samt den positiven Auswirkungen, von denen sie profitieren, z.B. ein liberales Bildungssystem, eine freie Marktwirtschaft, Meinungsfreiheit usw. und nicht erkennen, dass diese Offenheit nur weiterbestehen kann, wenn sie wächst und dazu Neues integriert.


Die Scheinalternativen 2016


Das eben zu Ende gegangene Jahr hat uns eine scheinbare Alternative vorgeführt: Wir können zwischen Geschlossenheit und Offenheit wählen. Manche Länder wählen die Geschlossenheit (z.B. USA, UK, Polen, Ungarn, Russland ...), andere die Offenheit (z.B. Österreich mit einem Präsidenten aus der Grünbewegung, Deutschland mit einer starken politischen Mitte ...). Diese Wahlmöglichkeit ist aus meiner Sicht deshalb scheinbar, weil es keine Alternative zur Öffnung gibt, sondern nur einen Einfluss auf ihr Tempo. 

Der Blick auf die Geschichte zeigt den unaufhaltbaren Fortschritt des Prinzips Öffnung. Kleines Beispiel: Die Freiheit der Bewegung. Vor 200 Jahren war der Lebens- und Bewegungskreis fast aller Menschen auf 30 Kilometer im Umkreis beschränkt; heute kann jeder fast jeden Punkt auf der Erde erreichen, das Weltall zum Teil schon mit eingeschlossen. Alle, die mangels Geld daran nicht teilhaben können, wünschen sich diese Freiheit und werden sie nutzen, sobald es die finanziellen Mittel erlauben.

Jedes der zahlreichen Gegenbeispiele, die die Geschichte auch kennt, erweist sich als temporäres Hemmnis, als Bremsmanöver, das dann, wenn es überwunden ist, oft zu einem besonders starken Anstieg der Offenheit führt (z.B. die extreme Geschlossenheit, die der Nationalsozialismus erzwungen hat, mündete nach seinem Ende zu einer noch stärkeren Öffnung der Gesellschaft in Deutschland und Österreich und vielen anderen Ländern, die einen Höhepunkt in der sozialen Revolution in Folge der 68er Bewegung fand, ein Öffnungsschub, von dem wir im Grunde heute noch zehren).

Es bleibt auch noch abzuwarten, ob das Vereinigte Königreich nach seinem Ausscheiden aus der EU nicht eine Form der Offenheit eine andere austauscht. England ist ein Vorzeigeland für Offenheit, das sein Heil seit Jahrhunderten in der ökonomischen Expansion im Außen vollzogen hat, in deren Folge es zu einem intensiven Austausch mit dem Neuen gekommen ist. Die Rede ist ja davon, nach dem Verlust der Handelsbeziehungen zu Europa die Wirtschaftsbeziehungen zum mittel- und ostasiatischen Raum zu verstärken; die Folge kann sein, dass dann die Immigranten weniger aus Rumänien und mehr aus Malaysia oder Vietnam nach England drängen, zum Leidwesen der Brexit-Befürworter.


Austausch ist Öffnung


Diese Welt ist eine; die Menschheit ist auf den Erdball beschränkt und muss immer wieder Wege finden, um mit dem zur Verfügung stehenden Raum und den vorhandenen Ressourcen zurecht zu kommen. Das Zauberwort dafür heißt Kommunikation oder Austausch. Bei jeder Form des Austausches begegnet das Eigene dem Fremden, und es entsteht ein gemeinsames Drittes, etwas Neues, das dann die Entwicklung weiterbringt. Die Begegnung mit neuen kulturellen Elementen, wie sie dort stattfindet, wo Flüchtlinge auf Einheimische treffen, bewirkt für beide eine innere Öffnung, stärker für jene, die kommen, aber auch wichtig für jene, die schon da sind. Vorausgesetzt ist nur, dass diese Begegnungen gewaltfrei stattfindet, und wenn das sichergestellt werden kann, können sie nur für beide Seiten fruchtbringend sein.

Wir brauchen zweierlei, um mit diesen Herausforderungen gut umgehen zu können: Die Bereitschaft und das Vertrauen, uns auf Neues einzulassen und daraus neue Wege zu entwickeln, und das Verständnis für jene, die das Vertrauen nicht aufbringen können. Auch zwischen diesen Positionen muss die Kommunikation weitergehen, damit die Spaltung der Gesellschaft in einen Teil, der die Öffnung weitertreiben, und in einen anderen, der sie zurückschrauben will, vermieden wird. Wir müssen also verhindern, dass sich Parallelgesellschaften bilden, die nur intern ihre Vorurteile austauschen und bestärken. Wo die Ängste auf offene Ohren stoßen, kann Vertrauen wachsen. Wo Vertrauen wächst, öffnen sich Menschen für Neues.

Vgl. Toleranz und ihre Grenzen

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