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Montag, 18. November 2024

Pränatale Wurzeln der Fremdenangst

Warum haben viele Menschen Angst vor dem Fremden? Bei Kleinkindern ist das Fremdeln eine übliche Phase, die sich dann wieder legt. Aber unter Erwachsenen ist dieses Phänomen weit verbreitet und bildet bei vielen ein Hauptmotiv bei der Wahlentscheidung in den wohlhabenden Ländern des Westens: Welche Partei schützt mich am besten vor dem (den) Fremden? Angstreaktionen, sobald etwas Fremdes auftaucht oder sobald von Fremdem die Rede ist, melden sich mit der impliziten Botschaft, dass effektive Schutzmechanismen ergriffen werden müssen. Die Gefahren sind oftmals nicht real, aber das Unbewusste suggeriert eine wirkliche Bedrohung und löst die Stressachse aus. Da sich Bürger in den demokratischen Systemen alleine hilflos und ohnmächtig fühlen, suchen sie sich Machtträger, die ihnen Schutz vor den eingebildeten Bedrohungen anbieten und die dafür notwendigen Narrative propagieren, mit denen die Bedrohtheitsgefühle verstärkt werden. Damit wollen sie ihre Macht stärken, eine Schlagseite vor allem bei rechten und rechtsextremen Politiker.  

Hier möchte ich den Blick auf die Pränatalzeit richten. In dieser Phase unseres Lebens finden wichtige Prägungen im Emotionalgedächtnis statt, die sich im späteren Leben aus dem Unbewussten heraus ins Alltagsleben und –erleben einmischen. Aus dieser Perspektive stoßen wir auf den Hinweis, dass das Fremde Angst macht, wenn die Einnistung schwierig war. Die Nidation findet zwischen dem 6. und 10. Tag nach der Empfängnis statt. Die Blastozyste fällt vom Ende des Eileiters, in dem die Befruchtung stattgefunden hat, in die Gebärmutter und sucht dort einen Platz, an dem sie sich in die Uterusschleimhaut einwachsen kann. Es ist ein neuer, fremder Ort, in dem jetzt eine Heimstatt gefunden werden muss, an dem die weitere Reifung bis zur Geburt erfolgen kann. Wenn nun der mütterliche Organismus dem Embryo mit ambivalenten Gefühlen begegnet oder ihn ablehnt, wird dieses Fremde als feindlich und unnahbar erlebt. Das werdende Menschenwesen muss selber schauen, wie es Fuß fassen und sich einwurzeln kann, um überleben zu können. Das Fremde ist das Bedrohliche, mit dem ums Überleben gekämpft werden muss, statt mit ihm zu kooperieren. Dieser Eindruck verfestigt sich im Inneren und wirkt später weiter. Die Angst und Unsicherheit bei der Einnistung wird zusätzlich bestärkt, wenn ein Kind schon bei der Empfängnis spüren musste, dass es nicht willkommen ist. 

Solche Schwierigkeiten können auch der Grund für einen Frühabgang sein, wenn der Embryo zu schwach ist, sich gegen den Widerstand einen Einnistungsplatz in der Gebärmutter zu schaffen. Ohne das Andocken an der Gebärmutterwand ist der Embryo nicht lange lebensfähig. Gelingt jedoch das Verbinden von Plazenta und Gebärmutter, dann hat das Leben eine Chance, weiterzuwachsen, auch wenn es vielleicht durch einen holprigen Beginn überschatten sein kann. 

Auf diese Verunsicherung gibt es zwei Reaktionsmöglichkeiten, die sich in unterschiedlichen Haltungen ausprägen. Zum einen gibt es Menschen, die sich nirgendwo zuhause fühlen und oft übersiedeln, weil sie sich nirgendwo sicher und vertraut fühlen. Sie können nirgends dauerhafte Wurzeln schlagen. Zum anderen verwurzeln sich Menschen besonders tief an einem Platz und wollen von dort um keinen Preis wieder weg. Dieser Platz muss auch vor allem Fremden geschützt sein, damit die einmal gewonnene Sicherheit nicht mehr verloren geht.

Das Fremde und das Lernen  

Lernen besteht darin, Fremdes aufzunehmen und zum Eigenen zu machen. Wenn wir z.B. eine Fremdsprache lernen, müssen wir uns mit deren Fremdheit anfreunden. Wir müssen zulassen, dass sie sich in unserem Inneren Platz nimmt und sich ausbreitet. Auf diese Weise verwandeln wir Fremdes in Eigenes.

Lernhemmungen entstehen dort, wo das Fremde, das gelernt werden soll, abgelehnt wird, weil alles Fremde als feindlich erlebt wird – die Wiederspiegelung eines Einnistungstraumas. Die Neugier wird in diesem Fall von der Angst unterbunden. Neues wird mit Misstrauen beäugt. Beim Lernen kann es sein, dass sich der von der Angst geleitete Widerstand unbewusst so auswirkt, dass das Fremde nicht behalten werden kann und immer wieder vergessen wird.

Die Fremdenfeindlichkeit

Auch das Phänomen der Fremdenfeindlichkeit, das in der Politik eine wichtige Rolle spielt, können wir als Ausdruck dieser Früherfahrung verstehen. Eine Gebärmutter, in deren Wand die Einnistung stattfinden muss, damit das Überleben gewährleistet ist, und die als ablehnend und abweisend erlebt wird, führt zu dem Eindruck, dass dem Fremden grundsätzlich nicht vertraut werden kann. Es gibt keine Basis für einen Vertrauensvorschuss, der notwendig wäre, um das Fremde näher kennenzulernen. Das Vertrauen kann nur in sich selber aufgebaut werden, und das Fremde muss draußen bleiben. Es bedroht die innere Sicherheit. Deshalb kann man sich nur möglichst lückenlos davon abschotten. 

Das Fremde wird also nicht als Feld des Lernens und der Erweiterung des Horizonts genutzt, vielmehr wird es als Gefahrenquelle gesehen. Daraus entsteht die Überzeugung, dass das eigene Überleben nur dann gesichert werden kann, wenn dem Fremden misstraut wird. Für die eigene Existenzsicherung muss man aus eigenen Kräften sorgen. 

Schon während der Schwangerschaft hat diese Überzeugung zu Dauerstress geführt, der oft noch weit darüber hinaus gewirkt hat. Jede neue Begegnung mit etwas Fremdem kann dann die alte Angst und Stressreaktion auslösen. 

Mit diesem Verständnis der Fremdenangst wird auch klar, warum Fremdenfeindlichkeit dort am größten ist, wo am wenigsten Fremde leben, ähnlich wie der Antisemitismus dort am stärksten verbreitet ist, wo am wenigsten Juden leben. Der Kontakt mit dem Fremden verändert notgedrungen die Perspektive und ermöglicht neue Einsichten. Das ist wie bei jeder Angst: Wenn wir uns mit ihr auseinandersetzen, ihr ins Auge schauen, wird sie kleiner; wenn wir uns vor ihr verstecken oder von ihr abtrennen, wenn wir sie also aussperren, wird sie mächtiger.

Zum Weiterlesen:
Die Höhenangst und ihre pränatalen Wurzeln
Das volle Boot und die Angst vor Überflutung

  


Donnerstag, 25. April 2024

Die Höhenangst und ihre pränatalen Wurzeln

Vielen geht es so, dass sie eine eigentümliche Angst empfinden, wenn sie vor einem Abgrund stehen: Es ist nicht nur die Angst vor der Tiefe, die sich vor einem auftut, sondern die Angst, die Kontrolle zu verlieren, sodass ein unbeherrschbarer innerer Impuls plötzlich das Kommando übernimmt und befiehlt, sich hinunterzustürzen. Es handelt sich also um eine Angst vor einem Kontrollverlust, die im Gegensatz zur Realwahrnehmung steht, nach der der eigene Körper auf einem sicheren Grund steht und es keinen Impuls gibt, den Schritt in den Abgrund zu setzen. 

Woher könnte dieser seltsame Angstgedanke kommen? Wir haben alle schon in unserem Werdegang ähnliche Situationen erlebt. Die eine hat sich noch vor der Befruchtung abgespielt, als die Eizelle, aus der wir entstanden sind, aus dem Verband der Eizellen in den Eileiter „gesprungen“ ist – der sogenannte Eisprung. Die andere hat sich in der ersten Zeit der Schwangerschaft ereignet: Beim Übergang vom Eileiter in die Gebärmutter, also vor der Einnistung.

Der Eisprung (Ovulation)

In den Eierstöcken reifen nach jeder Monatsblutung Eizellen in mehreren Eibläschen (Follikeln) heran. Etwa 10 bis 14 Tage vor der nächsten Monatsblutung kommt es in der Regel bei einer der Eizellen zum Eisprung. Das Eibläschen platzt und gibt die Eizelle frei. Sie wird vom trichterförmigen und beweglichen Ende des Eileiters aufgefangen. Muskelbewegungen und feine Härchen (Zilien) transportieren die Eizelle dann im Eileiter langsam weiter, wo sie dann auf Samenzellen wartet.

Die reife Eizelle muss sich also auf einen Sprung ins Unbekannte einlassen. Es gibt eine Kraft, die zu diesem Schritt drängt und vermutlich eine Kraft, die zurückhält, die Angst vor der Ungewissheit. Die weitertreibende Kraft setzt sich durch, sonst könnte es zu keinen Schwangerschaften kommen. 

Die Einnistung (Nidation)

Die Einnistung geschieht zwischen dem 5. und 10. Tag nach der Empfängnis. In dieser Zeit hat sich der Embryo entwickelt und zum Ende des Eileiters bewegt. Er verfügt bereits über eine Plazenta, die dann die Aufgabe der Einnistung übernimmt und anfangs stärker wächst als der Fötus. 

Zilien (Flimmerhaare), Muskelkontraktionen und peristaltische Prozesse sorgt dafür, dass der Transport und der Zeitablauf stimmen. Die Bewegung erfolgt dabei nicht linear und zielstrebig, sondern zeigt Kreisbewegungen und zeitweiliges Steckenbleiben an Verengungen des Eileiters. Falls die Reise des Embryos im Eileiter aufhört, entwickelt sich eine Eileiterschwangerschaft, die der Embryo nicht überleben kann und die auch viele Risiken für die Mutter mit sich bringt. 

Auch hier können wir von zwei widerstrebenden Kräften ausgehen. Einerseits will die Lebenskraft den für die erfolgreiche Fortpflanzung notwendigen Schritt bewirken, andererseits besteht die Angst vor dem Fallen mit einem ungewissen Ausgang. Wenn kein geeigneter Platz zum Einnisten gefunden werden kann, bedeutet das den Tod. Wir können spekulieren, dass der Embryo den nächsten Schritt seiner Reise hinauszögert, weil er sich in der Gebärmutter nicht willkommen fühlt. Dann gibt es nur die Möglichkeit, dass die Weiterentwicklung im Eileiter stattfindet, wo aber der Platz viel zu klein ist und bald platzt, was dann zu massiven Bedrohungen für die Mutter führt und die Schwangerschaft beendet, oder dass der Embryo gleich abstirbt.

Wird aber der Schritt vollzogen, und das ist bei jeder gelungenen Schwangerschaft der Fall, dann setzt sich die vorwärtstreibende Kraft des Lebens gegen die Angst durch, und das Leben entwickelt sich nach Plan weiter.

Die Höhenangst und ihre Überwindung

Wir können nun annehmen, dass wir uns an diese Momente (vor dem Eisprung und vor der Einnistung) erinnern, wenn wir vor einem gähnenden Abgrund oder auf dem Dach eines Hochhauses stehen. Wir erleben eine Kraft, die uns vorwärts drängt – es ist die Lebenskraft, die uns in den frühen Momenten unseres Lebens zum Weitergehen motiviert hat. Sie war damals notwendig, um unsere Entstehung, unser Überleben und unser Wachstum zu gewährleisten. Jetzt, in der Erfahrung am Rand eines Steilhangs, ist sie fehl am Platz. Sie kommt aus den unbewussten Tiefen unseres Angstgedächtnisses, in dem die frühen Entwicklungsmomente abgespeichert sind. Sie stößt im aktuellen Erleben auf die reale Angst, die uns davor warnt, in den Abgrund zu stürzen. Sie setzt sich immer durch, außer es mischen sich in diese Situation suizidale Impulse ein, die aus dunklen Quellen von Scham und Verzweiflung herrühren. Im Normalfall weiß unser Körper, dass er auf einem sicheren Boden steht und dass ihm nichts passieren kann. Es ist nur der Gedanke, der uns Angst macht und der wieder verschwindet, sobald wir uns von dem Blick in die Tiefe gelöst haben. Wir vergessen in diesem Moment auf unseren Körper und seinen festen Stand sowie auf unser Lebensvertrauen, das den verhängnisvollen Schritt nie zulassen würde, weil wir von einer alten, unbewusst aufbewahrten Erinnerung übermannt werden.

Wenn wir uns diese Zusammenhänge bewusst machen, kann es uns helfen, die Erfahrung des Stehens an Abgründen im direkten und übertragenen Sinn in unserem Leben besser zu ertragen und ohne Angst zu erleben. Es zeigt uns auch, dass wir schon Momente überstanden haben, in denen eine Überlebensangst aufgetaucht ist, die wir aber mit Hilfe unseres Lebensvertrauens überwunden und bewältigt haben.

In der akuten Situation können wir die auftauchende Angst beruhigen, indem wir uns auf unsere Füße fokussieren und den sicheren Untergrund wahrnehmen, auf dem sie stehen, unsere Atmung spüren und uns kognitiv klarmachen, dass alles in Ordnung ist und dass wir die volle Kontrolle über unsere Impulse haben.