Dienstag, 26. Februar 2019

Leben mit dem Bauchhirn

Wir sprechen davon, aus dem Bauch heraus zu entscheiden und zu handeln, weil wir davon ausgehen, dass wir in unseren Eingeweiden über ein intuitives Wissen verfügen, das dem Verstand mit seiner Fähigkeit und Unfähigkeit zum ewigen Hin- und Herdenken überlegen ist. Was hat es mit dieser Vorstellung auf sich?

Einige Fakten zum Darm


Der Darm ist 8 Meter lang und hat eine Fläche von 1qm; im Vergleich dazu: Die Haut bedeckt 2 qm; mit Falten und Zotten entsteht aber eine Oberfläche von 500 qm. Somit bildet er die größte Kontaktfläche zur Außenwelt, über die wir verfügen. 

Der Bauch ist aber nicht nur ein Verdauungs- und Ausscheidungsapparat. Er ist auch ein Intelligenzzentrum mit 200 Millionen Nervenzellen, so viele wie Hunde oder Katzen in ihren Gehirnen haben. Die enterischen Nervenzellen überziehen die Darmwand, über die gesamte Länge des Verdauungskanals. Sie ermöglichen und steuern die Verdauung, führen aber auch noch viele andere Funktionen aus, die erst zum Teil erforscht sind.

Sie können die Darmtätigkeit völlig ohne Mitwirkung des Gehirns regeln: Bei Experimenten wurden Versuchstieren das Gehirn entfernt, aber die Darmbewegungen waren weiterhin aktiv. Das enterische Nervensystem ist also weitgehend autonom, wenn es auch in engster Verbindung mit dem Gehirn und den anderen Bereichen des Körpers steht.

Eine weitere Eigenheit bilden die Billionen an Bakterien und Tausende Bakterienstämme, die nicht nur unsere Verdauung, sondern auch unsere Persönlichkeit beeinflussen. Ein wichtiger Indikator ist die Artenvielfalt in unserem Darm: Gesunde Menschen haben viele verschiedene Bakterienarten, während Parkinson-, Alzheimer- oder  MS-Erkrankte über weniger Artenvielfalt verfügen. Von Natur aus sind wir also auf Multikulturalität und Diversität eingestellt, und diese Einstellung hat viel mit Gesundheit zu tun. Andererseits finden wir in dieser Diversität unsere Individualität. Nicht nur unsere DNA unterscheidet uns grundlegend von allen anderen Menschen, sondern auch die individuelle Zusammensetzung der Bakterienwelt in uns.

Warum haben wir zwei unterschiedliche Gehirne?


Manche bezeichnen den Bauch als unser zweites Gehirn, manche aber sogar als erstes, weil es entwicklungsgeschichtlich älter ist. Zu Beginn bestanden die Mehrzeller vor allem aus einem Verdauungssystem, aus dem sich dann das untere Hirn entwickelte. Das obere Gehirn wurde erst später ausgelagert und kann sich in der Folge mit anderen Sachen beschäftigen, die im Lauf der Zeit immer komplexer wurden. Es gibt die Theorie, dass die Zähmung des Feuers vor 1,5 Mill. Jahren bei dieser Entwicklung mitgeholfen hat. Unsere Vorfahren haben das Braten und Grillen erfunden, als eine Art von Vorverdauung, sodass weniger Energie für das Verdauen nötig war. Diese Ersparnis hat zur Ausbildung eines großen Gehirns beigetragen, das immer mehr ausgebaut wurde. Beim homo ergaster (ca. 1,6 Mill) hatte das Gehirn noch ein Volumen von 700 ccm. Im Zug der Evolution kam es zu einem langsamen und stetigen Wachstum bis auf 1500 – 1600 ccm, bei einigermaßen gleichbleibender Körpergröße.

Zunehmend wanderte die Dominanz der inneren Steuerung vom Bauch in den Kopf, wodurch der enorme zivilisatorische Prozess in Gang kam, der die Erde umgestaltet hat und ihr überall den Stempel „Mensch“ aufgedrückt hat. Das Bauchhirn geriet in Vergessenheit, weil es weniger wichtig für die aufregenden kulturellen Errungenschaften war, und auch deshalb, weil seine Intelligenz vollständig im Unterbewusstsein wirkt. Das hochgepriesene Bewusstsein gibt es nur im Kopf.

Doch steht der Kopf unter starken Einflüssen durch den Bauch. Die Hauptverbindung stellt der Vagus-Nerv dar, der in beiden Richtungen die Informationen übermittelt. Allerdings herrscht ein starkes Ungleichgewicht: Es fließen wesentlich mehr Informationen von unten nach oben als von oben nach unten, im Verhältnis 10:1. Der Bauch sagt mehr, als er sich sagen lässt. Wir stehen also unter der Fuchtel unserer Eingeweide, ohne dass wir es merken.

Neurotransmitter


Beide Gehirne nutzen über ihren Kommunikationskanal Vagus die gleichen Neurotransmitter. Diese chemischen Verbindungen namens Dopamin, Endorphin, Serotonin, GABA usw. sind die Grundlage der Sprache, in der die Neuronen beider Gehirne miteinander kommunizieren. Im Darm werden 40 verschiedene Neurotransmitter hergestellt. Er ist also auch ein vielfältiges Sprachlabor.

Ein Beispiel ist das Serotonin: Es bewirkt im Kopfgehirn ein angenehmes Wohlbefinden; im Bauch, wo 95 Prozent des Hormons gebildet werden, hilft es bei der Regulation des Immunsystems und der Verdauungsrhythmik. Es wird über die Blutbahn transportiert, im Gehirn wirkt es auf den Hypothalamus, der für die Gefühle zuständig ist. 

Der Reizdarm


Die Botschaften, die eigentlich für den Bauch gedacht sind, können allerdings im Gehirn zu Missverständnissen führen. Nicht nur beeinflussen die Gefühle den Bauch, sondern auch umgekehrt. Wie überall, ist es meist der Stress, der hier für Durcheinander sorgt.

Ein Beispiel dafür ist das Reizdarmsyndrom, das auch als Kommunikationsproblem zwischen Gehirn und Bauch verstanden werden kann. Die Frage ist, wer die falschen Botschaften schickt. Die Ursache liegt in der Darmwand, die in der Lage ist, starke Gefühle von Wohlbefinden aber auch von schweren Schmerzen im Gehirn auszulösen. Ein übersensibles Nervensystem im Bauch neigt zu solchen Überreaktionen und Fehlinformationen, und diese Empfindlichkeit ist das Resultat von Stress oder traumatischen Erlebnissen. Der Darm schickt also Signale an das Gehirn, und dieses bewertet sie und findet sie aufgrund von Vorerfahrungen unerträglich und erzeugt den Druck, dass etwas getan werden muss, um dem Übelstand abzuhelfen.

Forscher haben die große anatomische Ähnlichkeit der beiden Gehirne festgestellt und es wird untersucht, ob die Ursachen für Parkinson und Depressionen im Bauch zu finden sind. Parkinsonerkrankungen sind häufig mit Verdauungsbeschwerden verbunden. Die neuronalen Abbauprozesse sind nicht nur in der Substantia nigra im Gehirn zu beobachten, sondern auch den Darm. Vielleicht beginnt die Krankheit tatsächlich schon an der Peripherie, so die Symptome anfangs noch diffus sind, und erreicht dann langsam das Gehirn. Denn die Schäden der Nervenzellen sind im Bauch gleich wie im zentralen Nervensystem. Die Störungen im Bauch können aber schon 20 Jahre vorher beobachtet werden.

Das Mikrobiom


Wir haben zehn mal mehr Bakterien im Bauch als Zellen im Körper. Damit verfügen wir über mehr bakterielle DNA als menschliche DNA. Die Bakterien tragen 1 – 2 Kg zu unserem Körpergewicht bei und erzeugen 30% unserer Kalorien. Wir können einen großen Teil unserer Nahrung (30 Tonnen Nahrung, 50 000 Liter Flüssigkeit im Lauf des Lebens) ohne Bakterien nicht verdauen. Wir nutzen dann die Energie aus der Arbeit, die sie verrichten. Sie helfen uns zu ermitteln, was brauchbar und unbrauchbar, was giftig und ungiftig ist. Das größte Immunsystem unseres Körpers befindet sich im Darm:  70% der Immunabwehr erfolgt dort. Wenn es uns in diesem Bereich nicht gut geht, leidet nicht nur unsere Verdauung, sondern es ist auch unser gesamtes Immunsystem geschwächt.

Die Bakterien heben die Trennung zwischen Ich und Außenwelt auf: Statt einer Dualität herrscht die Kontinuität. Die Bakterien verarbeiten die Informationen, die wir über die Nahrung zu uns nehmen und stellen sich darauf ein. Wenn wir z.B. Reisen in andere Länder, wo es andere Nahrungsmittel, Hygienevorstellungen und Zubereitungsarten gibt, muss sich unser Mikrobiom umstellen, was wir an Veränderungen in der Verdauung bemerken können. Sobald wir über die Umstellungen unserer Bakterienkulturen die neue äußere Kultur verinnerlicht haben, fühlen wir uns wohl und können die neuen Eindrücke genießen.

Die Bauchatmung


Die Bauchatmung ist der einzige Weg, über den wir bewusst und direkt auf unser enterisches Nervensystem Einfluss nehmen können. Sie verbindet uns mit der Intelligenz und Weisheit unseres Bauches. Wenn wir unser Zwerchfell rhythmisch von oben nach unten und in die Seiten bewegen, wird der gesamte Bauchraum mit all seinen Organen und Geweben in Schwingung versetzt. Wir können damit die autonome Rhythmik im Verdauungskanal unterstützen und dem gesamten Bereich unsere besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen. Der Lohn ist ein angenehm strömendes Bauchgefühl, das uns das Leben voll genießen lässt. 

Unser Bauchbereich ist auch über Hypnose und Selbstsuggestion beeinflussbar, wie Beispiele aus der Hypnotherapie und dem Autogenen Training belegen. Zu den Standardformeln dieser Entspannungsmethode gehört der Satz: „Das Sonnengeflecht ist strömend warm“. Die „Sonne“, die wir dabei im Bauch spüren und visualisieren können, ist unser geschätzter Nervus Vagus.

Von der Hypnose ist bekannt, dass sie in einigen Hirnregionen auf die Schmerzempfindung lindernd einwirken kann. Bei Schmerzen wird der Thalamus, der Hirnstamm, der Inselkortex, der anteriore zinguläre Kortex und der Frontallappen aktiviert. Die hypnotische Suggestion wirkt auf diese Zentren und verringert den Schmerz. Die Botschaft wird an den Bauch zurückgeschickt, dass die Gefahr nicht so groß ist.

Beeinflussung von oben nach unten


Alle Vorgänge, die die Einflussnahme von oben, also vom Haupthirn, nach unten, also zum Bauchhirn stärken, können uns helfen, unsere Selbstheilungskapazitäten zu steigern.  Jeder Ausbau der Top-down-Kontrolle stärkt unsere Autonomie und Freiheit. Wir können bewusster wahrnehmen, was uns guttut und entsprechend handeln.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dorthin stellt die achtsame Bewusstheit dar. Wir können unseren Eingeweiden immer wieder unsere Aufmerksamkeit widmen, damit wir sie nicht nur dann bemerken, wenn sie Alarm schreien. Auch Kindern sollten wir uns immer wieder zuwenden, nicht nur, wenn sie in Not sind. Die liebevolle Hinwendung zu diesem wichtigen Bereich unseres Körpers kann unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden nur zuträglich sein. 

Die achtsame Beschäftigung mit unserem Bauch kann auch unser Verhalten in sinnvoller Weise beeinflussen, indem wir uns z.B. mehr mit der Weisheit und Erfahrung unserer Bauchorgane beraten, wenn es um die Gestaltung unserer Speisepläne und um die Mengen der Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, geht. Unsere Essgewohnheiten sind im Kopf entstanden, der entscheidet, was wir essen. Der Darm hat sich diesen Vorgaben angepasst und wirkt dann verstärkend auf die Gewohnheiten zurück: Wenn die Belohnungssysteme in unserem Großhirn auf bestimmte Nahrungsmittel konditioniert sind, z.B. zuckerhältige Softdrinks, dann stellen sich die Darmbakterien auf das Angebot ein, indem spezialisierte Bakterienkolonien gebildet werden. Diese verlangen dann nach der entsprechenden Zufuhr und signalisieren Unruhe ans Gehirn, wenn sie ausbleibt.

Umgekehrt unterstützt uns das Mikrobiom im Darm, wenn wir aus Gesundheitsüberlegungen bestimmte Nahrungsmittel nicht mehr zu uns nehmen. Die darauf spezialisierten Darmkulturen werden abgebaut, das Verlangen nach den entsprechenden Substanzen schwindet und wird durch Abneigung und Ekel ersetzt. Viele Vegetarier berichten, dass sie nach Beendigung des Fleischkonsums eine Zeitlang mit dem Verlangen nach Fleisch konfrontiert waren, aber mehr und mehr durch Neutralität und schließlich durch Abneigung ersetzt wurde – in dem Maß, in dem sich die Bakterienwelt im Darm umgestellt hat.

Schließlich ist die Innewendung und das Gewahrwerden auch der Weg zur Nutzung der Intelligenz und der Weisheit unserer Eingeweide. Auf diese Weise lernen wir zu hören, zu fragen und zu informieren. Wir verstärken den Kommunikationskanal in beide Richtungen: Wir lernen die Signale von unten besser zu verstehen und wir verschaffen uns mit unseren Intentionen Gehör im unteren Bereich. Wie wir die Freundschaften im zwischenmenschlichen Bereich pflegen und vertiefen, können wir auch die Freundschaft mit dem ältesten Intelligenzzentrum unseres Inneren ausgestalten.

Zum Weiterlesen:
Unsere Identität und die Mikrobiome
Aus der zuckersüßen Welt

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