Dienstag, 27. November 2012

Einfachheit und Komplexität


Die Natur hat eine innere Richtung, die von der Einfachheit zur Komplexität führt. Ein Einzeller funktioniert einfacher als ein Vielzeller, Lebewesen mit einem Nervensystem komplexer als solche ohne. Menschen haben einen Komplexitätsgrad erreicht, der ihnen selber manchmal Komplexe macht. 

Auch in der kulturellen Entwicklung der Menschheit erkennen wir diesen Trend von der Einfachheit zur Komplexität: Stammesgesellschaften brauchen wesentlich weniger Regeln und Kompetenzen, um überleben zu können als eine moderne Großstadtgesellschaft. In meiner Jugend gab es Telefone mit Wählscheiben und Fernsehgeräte mit einem Programm, jetzt muss man das Tippen mit dem Daumen beherrschen, um Nachrichten übermitteln zu können und muss hunderte Fernsehsender unterscheiden können. Immer mehr Fertigkeiten, immer mehr Wissen wird benötigt, um die Orientierung in der Welt zu schaffen und um einen sinnvollen Beitrag zu dieser Welt leisten zu können.

Die Systemtheorie hat erkannt, dass es keine wirkliche Alternative zum Wachsen in der Komplexität gibt. Überall, wo diese Entwicklung stagniert, kommt es früher oder später zum Verkümmern und zum Absterben dieser Lebensformen. Stillstand ist gleichbedeutend mit dem Tod, der dadurch gekennzeichnet ist, dass die Zellen ihre komplexen Abläufe einstellen und sich in einfache anorganische Materie verwandeln. Daneben wächst das Leben weiter, unbesehen von Sackgassen und erfolglosen Versuchen der Entwicklung. Was sich bewährt in der Evolution, wird bewahrt und bildet die Grundlage für weitere Umgestaltung. Was weniger Überlebenswahrscheinlichkeiten ermöglicht, wird mehr und mehr an den Rand bedrängt, bis es verschwindet. Vielleicht sind deshalb die Neandertaler verschwunden, ist das römische Reich untergegangen und endeten Hitlers Größenwahnideen von einem Tausendjährigen Reich nach kurzer Zeit in der Katastrophe.

Wir müssen also wachsen, wenn wir leben wollen. In den frühen Jahren unseres Lebens spüren wir diesen Zug zum Wachsen in unserem Körper, der erwachsen werden will. Ab einem gewissen Zeitpunkt wachsen nur mehr die Haare und Nägel, und doch muss sich unser Nervensystem, und insbesondere unser Gehirn weiter entwickeln. Dieses Müssen ist ein Nicht-Anders-Können-Als. Die zunehmend komplexer werdende Umwelt fordert unsere inneren Systeme zur Differenzierung und Spezialisierung, also zum Weiterwachsen heraus.

Natürlich haben wir die Wahl, uns dem Zwang zur Komplexität zu entziehen.  Es packt uns der Wunsch, dem ganzen Wahn zu entfliehen und ein einfaches Leben zu wählen, ohne Handy und Computer, ohne High Tech und Auto. Was aber suchen wir in der Einöde? Ein tieferes Einlassen auf die Natur – und deren Komplexität? Ein ernsthafter Blick nach innen und die Entdeckung der inneren Komplexität? Jede Einfachheit, die wir uns erwerben oder gönnen, konfrontiert uns mit neuer Komplexität. 

Wenn wir nicht nicht wachsen können, heißt das auch, dass wir nicht nicht kreativ sein können. Jeder neue Moment gibt uns die Gelegenheit für eine neue Idee, eine neue Sichtweise, eine neue Erkenntnis. Kreativität ist keine auf Genies beschränkte Sondereigenschaft, sondern ist die Lebenskraft selber, die sich in jedem Wesen, und in besonderer Weise in jedem Menschenwesen äußert. Was unsere Kreativität und damit unser Wachstum zu mehr Komplexität einschränkt, sind Ängste und die damit verbundenen unbewältigten inneren Themen. Wenn uns eine Angst beherrscht, erstarren wir, und wir werden bewegungsunfähig. In solchen Zuständen stagnieren wir und bleiben an dem Punkt stecken, an dem wir uns gerade befinden. Wir drehen uns im Kreis, vor allem, wenn uns die Ängste in den Kopf gestiegen sind und zwanghafte Denkformationen auslösen, die immer nur mehr vom Gleichen produzieren. 

Lösen sich jedoch solche Angstmuster, dann erleben wir die Welt gleich anders und neu, und freuen uns am Wachsen und an der Flexibilität. Dann wollen wir mehr vom Anderen, Überraschenden, Unvorhersehbaren. Dann tauchen wir ein in das Fließen des Lebens, das uns vor immer wieder neue Situationen stellt, uns immer wieder neue Fragen stellt und uns zu immer wieder neuen Antworten anregt. Und überraschender Weise können wir aus solchen flow-Erfahrungen zu einer neuen Einfachheit finden.

Wenn wir auf einer bestimmten Stufe unserer inneren und äußeren Entwicklung einen Zusammenhang von Komplexität gemeistert haben, wenn wir also gelernt haben, souverän damit umzugehen, gewinnen wir ein neues Niveau von Einfachheit, das uns wieder motiviert, neue Situationen der Komplexität aufzusuchen. So wirken wir der Gefahr entgegen, von der Komplexität erstickt und erdrückt zu werden. Der Fluss des Lebens führt uns weiter von ruhigeren zu turbulenteren Strömungen, und wieder weiter zu Phasen des Ausruhens und Integrierens. Wir brauchen uns nur ihm anzuvertrauen, sprich von unseren Ängsten frei zu werden. Dann finden wir die Freude an der Komplexität wieder, die wir als Kinder hatten, als wir unseren Zugang zum Faszinosum dieser Welt mit Begeisterung beschritten haben.

Es lohnt sich, den Mut zu wachsen wirken zu lassen. 

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