Sonntag, 13. Januar 2019

Die Erderwärmung und die innere Wärme

Thomas Hübl stellt im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung die Frage nach der Lösung des Problems innerhalb des Mensch-Natur-Systems: „Unsere Lebensweise ist nicht ganz gesund, und die überhitzte Atmosphäre repräsentiert einen überhitzten Teil unserer menschlichen Erfahrung. Sie ist ein Hinweisschild, um unsere Lebensweise zu verändern oder die Form, wie wir auf das Hauptorganisationsprinzip des menschlichen Systems bezogen sind. Der Klimawandel ist ein Symptom von etwas, und wir müssen den Ursprung finden – wo ist das Feuer?“ (Übersetzung WE)

Ganz offensichtlich ist zwischen Mensch und Natur etwas gravierend ins Ungleichgewicht geraten, was sich unter anderem an der Überwärmung zeigt. Ich möchte hier den Trend zur Verbesserung des Lebens näher beleuchten, der sehr eng mit dem Menschsein und mit der Auseinanderentwicklung der Menschen von der Natur verbunden ist. Möglicherweise gibt es von dort eine direkte Verbindung zum Thema „Der Mensch und die Wärme“.


Die Verengung der Komfortzone


Der Zivilisationsprozess, der uns von der Steinzeit in die postmoderne Konsumwelt geführt hat, wird von der Idee der Optimierung des menschlichen Daseins angetrieben. Diese Idee verspricht ein Mehr an Bequemlichkeit und ein Weniger an Belastungen innerhalb unserer Komfortzone, die sich im Lauf dieses Prozesses zunehmend verengt. Angenehme Erfahrungen sollen maximiert und unangenehme minimiert werden. Das ist etwas, was wohl jeder Mensch will, um das zu belegen braucht es keine Meinungsumfragen. In der zeitlichen Dynamik entsteht dadurch eine steile, progressiv nach oben weisende Entwicklung. Das besonders Angenehme und Erstrebenswerte von vorhin wird mit der Zeit zum Selbstverständlichen und bald nachher zum Langweiligen, Unangenehmen oder zu Vermeidenden. 

Der Urlaub bei einem Badesee in der Nähe, eine Besonderheit in der Kindheit, wird zum weniger Interessanten beim Erwachsenwerden, das mehr in die Weite drängt und dort neue, weiter entfernte Orte spannend findet, während die früheren Plätze der Erholung als langweilig und uncool bewertet werden. Das Radio war für unsere Groß- oder Urgroßeltern eine Sensation. Heute ist es eine selbstverständliche und etwas antiquiert wirkende Randerscheinung in der Medienszene, die wir nur nutzen, wenn unsere visuellen Kanäle anderweitig bedient werden. Schwarz-weiß-Kino oder -Fernsehen wirkt skurril und unwirklich. Ohne HD-Farbpalette auf wandfüllendem Bildschirm fühlen wir uns visuell unterfordert und ärmlich. 

Der Zivilisationsprozess führt nicht zu einer Erweiterung und Vergrößerung der Komfortzone, sondern verschiebt sie nur nach weiter oben und verkleinert sie dabei. Wir erwerben keine höhere Toleranz für Mangelzustände, Extreme oder Notfälle, im Gegenteil, wir werden immer empfindlicher für kleine und kleinste Störungen. Wenn ein Zug oder ein Flug Verspätung hat, bekommen wir die Krise, wenn es zu stark oder zu wenig regnet, müssen Notfallpläne entwickelt werden, wenn der Sex nicht mehr unseren Bedürfnissen entspricht, müssen wir die zugehörige Beziehung beenden, wenn das Lieblingsjoghurt nicht im Regal steht, beschweren wir uns, und wenn uns die Kellnerin im Lokal unfreundlich bedient, erst recht. 

Unsere Bedürfnisse und Erwartungen verästeln und erweitern sich, in dem Maß wie die Verkaufsflächen der Shopping-Centers und Supermärkte samt Riesenparkplätzen wachsen. Wir gehen nicht in eine Bäckerei, um Brot zu kaufen, sondern um unter 20 Gebäcksorten wählen zu können. Wir fahren nicht auf Urlaub, weil wir uns an einem anderen Ort entspannen können, sondern wollen eine ganze Menge von Bedürfnissen auf einmal befriedigt bekommen: nach Abwechslung, interessanter Landschaft, Sonne, Wärme, Baden, gutem Essen, freundlicher Bedienung, Faulsein, Zeithaben ohne Langeweile, usw. Wenn einer der Faktoren zu schwach vertreten ist, werden wir unzufrieden und fühlen den gleichen Mangel wie jene, die sich nicht einmal einen Urlaub leisten können.

Die Festlegung auf diesen Trend bedeutet auch, dass mit steigender Bequemlichkeit nicht notwendigerweise unsere Zufriedenheit steigt, sondern dass mit jedem Schritt zu mehr Komfort die Ansprüche nach noch mehr Komfort mitwachsen. Es ist also kein Ende des Wachstums absehbar, außer wenn sich ein Mensch mehr dem Inneren zuwendet und dort die Quelle für Zufriedenheit und Bescheidenheit sucht. Alle Ansprüche, die sich an die äußere Umwelt richten, bewirken hingegen mehr Verbrauch von Ressourcen und sind damit potenzielle Bedrohungen für das Gleichgewicht auf dem Planeten und folglich für uns selbst als Menschheit.  

Außerdem werden wir zunehmend abhängiger von äußeren Instanzen, wenn wir an die Grenzen der Komfortzone geraten. Schuld ist immer das Reisebüro, wie es in dem berühmten Sketch von Bronner und Qualtinger heißt. Verantwortlich sind jeweiligen Dienstleister, die uns mehr oder weniger gut bedienen und dafür mit null bis fünf Sternen bewertet werden. Aber dazu, dass sie besser werden, sprich unsere komplexen Bedürfnisse noch genauer befriedigen, können wir wenig beitragen. 

Zusammenfassend: Wir können uns immer weniger selbst helfen, während die Probleme, an denen wir leiden, mehr werden. So ist lautet das pessimistische Fazit dieser Beobachtungen.

Dazu kommt: Der zivilisatorische Trend zur Bequemlichkeit ist mit einem Sperrklinkeneffekt versehen: Wir wollen, dass er nur in eine Richtung geht, weil wir große Angst vor jeder Verschlechterung haben, denn sie könnte der Anfang für einen völligen Wohlstandsverlust und Bequemlichkeitsabstieg sein. Deshalb haben wir diese Richtung eindeutig definiert, nämlich als Vermehrung der Bequemlichkeit durch mehr Güter. Diese Richtung ist klarerweise mit einem verstärkten Verbrauch von Ressourcen verbunden und stresst das Mensch-Umwelt-System.


Das innere Klima


Wenn wir einen Zusammenhang zwischen der Bedürfnis- und Ansprücheevolution und der Klimaerwärmung herstellen, geht es um die Temperatur in unseren Komfortzonen. Unsere Vorfahren hatten ein anderes und direkteres Verhältnis zu Wärme und Kälte, weil die Temperatur in viel stärkerem Maß von der Natur vorgegeben war und unter die Haut gegangen sind. Das „Dach über dem Kopf“ sorgte zwar für eine gewisse Isolation, aber die damaligen Heizungssysteme, soweit sie überhaupt leistbar waren, konnten nur bei gemäßigten Außentemperaturen für eine gleichmäßige innere Raumtemperatur sorgen. Im Zug des Fortschritts in der Zivilisation sind verschiedene Schichten entstanden, die das Innen vor dem Außen abschirmen und schützen. 

Heute gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass uns eine konstante Wohlfühltemperatur mit minimalen Abweichungen nach oben und unten zusteht und gebührt. Deshalb gibt es Zentralheizungen, die bei Außenkälte jeden Raum einer Wohnung oder eines Hauses mit dem gleichen und gleichbleibenden Wärmegrad versorgen, und Klimaanlagen, die bei Außenhitze für die gleichmäßige Innenwärme sorgen.

Die Erfindung und Verbreitung der Zentralheizungen und Klimaanlagen haben allerdings automatisch zu einer Einengung der Komfort- und Toleranzzone geführt, was die Temperaturempfindlichkeit anbetrifft. Wir werden unweigerlich weniger kälte- und hitzeresistent und damit klimasensitiver, weil wir unserem Körper kaum mehr Möglichkeiten bieten, sich auf extremere Temperaturen einzustellen. Viele Menschen kommen mit der wirklichen Außentemperatur nur mehr in den Zwischenräumen in Kontakt, wenn sie von einem klimatisierten Bereich in einen anderen wechseln, und viele Menschen versuchen zusätzlich bewusst, diese Zwischenbereiche zu verringern. Autos brauchen beheizbare Sitze, damit der Kälteschock zwischen dem Verlassen des Wohn- oder Bürobereichs und dem Einsteigen ins Auto möglichst winzig bleibt. Beheizte Kleidungsstücke erlauben die ununterbrochene Behaglichkeit. Öffentliche Räume müssen beheizt werden, damit ja niemand frieren muss, der sich von A nach B bewegt. Einkaufszentren werden klimatisiert, damit es niemandem beim Shoppen zu heiß wird. Wir erweitern nicht unsere Komfortzone, sondern verbrauchen Energie, um sie im eingeengten Rahmen erhalten zu können, so, wie sie ist.


Die Kälte und der Mensch


Den meisten von uns geht es so gut, dass sie nicht erfrieren müssen. Viele leben aber am oberen Ende der Behaglichkeitszone, eine Lebensweise, die mit hohem Energieverbrauch verbunden ist. Ein Grad weniger Raumtemperatur spart 6 % bei den Energiekosten. Wir können auch unter tieferen Temperaturen ressourcenschonender leben, wenn wir dafür die Verantwortung übernehmen und uns darum bemühen. Wir können lernen, statt uns vor der Kälte zu schützen, sie als Freund zu gewinnen, indem wir uns viel mehr und viel öfter der wirklichen Außenluft aussetzen und uns bewusst damit auseinandersetzen. Wie mit allen anderen Phänomenen unserer Erfahrung, können wir auch mit der Kälte kommunizieren. Anstatt innerlich einzufrieren, wenn es außen kalt ist, können wir kreativ mit der Herausforderung umgehen. Wenn wir gelernt haben, Kälte achtsam und bewusst zu erleben, fällt es uns leichter, die Kälte im Außen zu belassen und die Wärme im Inneren zu behalten. 

Der Kältemeister Wim Hof hat in einem wissenschaftlich begleiteten Experiment bewiesen, dass das geht: Er saß 80 Minuten in Wasser mit 1 Grad Celsius, ohne dass sich seine innere Temperatur veränderte. Unser Stoffwechsel ist in der Lage, unsere innere Wärme stabil zu halten, unabhängig von der Außentemperatur. Was wir dafür brauchen, ist Übung und Konzentrationsfähigkeit. Wenn wir achtsam und bewusst mit Kälte umgehen, wird sie von der Feindin, vor der wir uns schützen müssen, zur Freundin, mit der wir spielen können. Auf diese Weise erweitern wir unsere Komfortzonen aktiv und werden damit handlungsfähiger und flexibler. Zugleich wird die Abhängigkeit von äußerer Versorgung mit Wärme reduziert.


Überhitzung und Überatmung


Der irische Buteyko-Lehrer Patrick McKeown schreibt in seinem Buch: The Oxygen Advantage: The Simple, Scientifically Proven Breathing Techniques for a Healthier, Slimmer, and Fitter You:
„Wir nehmen an, dass der Körper reflexiv weiß, wieviel Luft er zu jeder Zeit braucht, aber leider ist das nicht der Fall. Über die Jahrhunderte haben wir unsere Umwelt so dramatisch verändert, dass viele ihre angeborene Atemform vergessen haben. Der Prozess des Atmens wurde verzogen durch chronischen Stress, sitzender Lebensstil, ungesundes Essen, überhitztes Wohnen und Mangel an Fitness. Alle diese Faktoren tragen zu schlechten Atemgewohnheiten bei. Diese wiederum bewirken Lethargie, Gewichtszunahme, Schlafprobleme, Atembeschwerden und Herzkrankheiten.“ (Übersetzung WE)

Die Vertreter der Buteyko-Atemschule nehmen an, dass wir als Abwehr gegen eine bewusst gar nicht mehr wahrgenommene Überhitzung anfangen, schneller als notwendig zu atmen. Dadurch atmen wir zu viel Kohlendioxid aus, was unser Blut in den alkalischen Bereich bringt. Als Folge dieser physiologischen Veränderungen treten verschiedene Probleme auf, ohne dass wir merken, wo die Ursachen liegen. Eine davon sind überhitzte Wohn- und Arbeitsräume, die nicht unseren körperlichen Möglichkeiten, sondern unseren angewohnten Komfortzonen entsprechen. 

Ebenso wie andere Atemschulen, empfiehlt die Buteyko-Schule tägliches kaltes Duschen, um den Körper wieder an seine Möglichkeiten zu erinnern, Kälte ohne Abwehr zu erleben und die entsprechende Komfortzone zu erweitern. Das bewusste Atmen hilft uns, über den reflexiven Widerstand gegen die Kälte hinauszugehen. Mit dieser Kompetenz können wir, abgesehen von vielen gesundheitlichen Vorteilen, mehr Handlungsfreiheit Im Temperaturbereich gewinnen und werden unabhängiger von äußerlich vorgegebenen Bedingungen. Zusätzlich steigen wir aus dieser Schiene der Überhitzungsdynamik aus.


Die Hitze und der Mensch 



Was die Hitze anbetrifft, kommen wir im Zug der Erderwärmung mehr und mehr an den Rand einer Grenze, die uns unser Körper setzt. Kein Mensch kann auf längere Zeit unter Hitze bei hoher Luftfeuchtigkeit überleben: Bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und 40 Grad Lufttemperatur würde ein menschlicher Körper innerhalb von Stunden zu Tode gekocht, von innen wie von außen. Vor allem in Großstädten wird sich die Situation zuspitzen. Aber auch ganze Regionen, die jetzt dicht besiedelt sind, werden als Folge der prognostizierten Temperaturanstiege in Zukunft unbewohnbar, außer es werden dort die Innenräume mit enormem Energieaufwand gekühlt, was natürlich wiederum die Erderwärmung insgesamt anheizt. 

Die Hitze macht uns darauf aufmerksam, dass wir auf der Temperaturskala nach oben hin begrenzt sind. Symbolisch bedeutet das Oben ein Mehr, eine Steigerung, einen Fortschritt. Wir erkennen jetzt, dass diese Richtung zur Überhitzung führt, die in absehbaren Zeiträumen menschliches Leben unmöglich macht. Wir sägen also an dem Ast, auf dem wir sitzen, und wir sägen fleißig und kommen uns dabei auch noch produktiv vor, wenn wir vor Anstrengung schwitzen. Wollen wir im gemäßigten Bereich bleiben, müssen wir die suggestive Kraft der Idee des unbegrenzten Wachstums und Fortschritts in Bezug auf die Güteranhäufung verabschieden. 

Güter machen uns nicht glücklich, sie heizen uns nur auf, und diese Hitze wollen wir dann mit weiteren Gütern eindämmen. So kann es nicht gehen. Das Gegenmittel ist einfach: Glück und Lebenszufriedenheit sind nur im Inneren zu finden. Dort ist es immer warm genug.

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