Mittwoch, 31. Januar 2018

Am Anfang brauchen wir ein Willkommen

Wenn wir Menschen einladen und willkommen heißen, sehen wir es als unsere Aufgabe als Gastgeber, die Menschen, die da kommen, so anzunehmen, wie sie sind und uns daran zu erfreuen. Wenn Kinder auf die Welt kommen, fühlen wir uns (wenn wir ganz bei uns sind) hingerissen und begeistert von den neuen Erdenbürgern. Wir denken gar nicht daran, dass dieses winzige Wesen anders sein könnte als es ist, so vollkommen ist sein Charme.

Wann immer wir etwas Neues anfangen, braucht es dieses Willkommen. Wir brauchen das Gefühl, dass wir einen Platz bekommen, an dem wir uns sicher fühlen und von dem aus wir in das Neue hinein expandieren können. Wir brauchen die Ermutigung und Bestätigung, dass das Neue für uns gut und sinnvoll ist und dass wir am richtigen Platz angekommen sind.

Erst recht gilt dieses Bedürfnis für unseren ganz ersten Anfang, für den Moment der Empfängnis oder Befruchtung. Neues Leben entsteht, und wie die Forscher herausgefunden haben sollen, „feiert“ die befruchtete Eizelle, indem sie durch die Freisetzung von Milliarden Zinkatomen hell zu strahlen beginnt, gewissermaßen so als ob die Natur ein Feuerwerk veranstaltet, um der Welt diesen grandiosen Neuanfang kundzutun.

Doch sind nicht alle werdenden Eltern begeistert über das neue Leben, aus verschiedensten Gründen. Dadurch wird das Willkommenheißen gestört. Wie wir aus der Pränataltherapie wissen, bekommen die winzigen Lebewesen mit, wie ihre engste Umgebung auf ihre Entstehung reagiert – voll Freude und Begeisterung oder voll Sorgen oder gar Erschrecken. Die Ablehnung der Schwangerschaft, so sehr sie aus der aktuellen Lebenssituation der Eltern verständlich erscheinen mag, wirft einen Schatten auf das werdende Leben, das es in seiner Seele mitträgt und das weitere Leben belasten kann.

Das junge Leben ist auf eine sichere und zuverlässige Umgebung angewiesen, um überleben zu können. Doch ist das Überleben in Frage gestellt, wenn bei den Eltern Zweifel oder Ängste bezüglich eines Kindes bestehen, gleich ob bei Vater, Mutter oder bei beiden. Selbst die Ablehnung durch die Eltern der Eltern oder andere nahestehende Personen kann beim Kind Existenzängste auslösen. Denn es ist völlig von Wohlwollen und Gewolltsein durch seine Umgebung abhängig. Es hat keine Macht über sein Schicksal, keine Möglichkeit sich mitzuteilen und kann auch nichts gegen die eigenen Ängste vor dem Ausgelöschtwerden tun.

Nach den Forschungen der Pränatalpsychologie gibt es vor allem zwei Momente, in denen eine solche Traumatisierung erfolgen kann: Gleich bei der Empfängnis, wenn bei den Eltern die Angst vor einer Schwangerschaft in der Sexualität mitspielt, und ein paar Wochen später, wenn die Mutter die Schwangerschaft bemerkt. Natürlich wirken darauf folgende Abtreibungsversuche zusätzlich massiv belastend auf das werdende Leben.

Die für das Kind essentielle Bindung zu Mutter und Vater ist durch eine Infragestellung der Schwangerschaft, also seiner Existenz, von Anfang überschattet und verunsichert. Diese Bindungsunsicherheit kann alle weiteren Beziehungen im späteren Leben erschweren und verkomplizieren. Es kann ein grundlegendes Lebensgefühl grundgelegt werden, nicht auf diese Welt zu gehören, keinen Platz zu haben, verbunden mit der Sehnsucht, an irgendeinen wunderbaren Ort in der Fantasie weit weit weg das Glück zu finden. Die Ängste, Zweifel und Sehnsüchte werden auf Eltern, Beziehungspartner und Freunde projiziert, die für die Abdeckung der enormen Sicherheitsbedürfnisse für zuständig erklärt werden und von dieser Aufgabe meist überfordert sind. Jedes kurze Zuspätkommen bei einem Termin, jedes unerfüllte Bedürfnis kann dann schon Dramen auslösen.


Die vermeintlichen Wunschkinder


Manchmal erzählen Eltern ihren Kindern, wie sehr sie erwünscht und willkommen waren. Das kann den Kindern guttun und ihre Lebenssicherheit stärken. Doch was bedeutet es, wenn Kinder die Mitteilung am Grund ihrer Seele nicht annehmen können und sich trotzdem unsicher in der Welt zu fühlen? Die wohlmeinenden Eltern sind, wie jeder Mensch, vom eigenen Unbewussten beeinflusst, meist ohne es zu merken. Kinder haben für diese Ebene ein Sensorium, ohne allerdings verstehen zu können, was da abläuft. Es kann sein, dass die Ängste der Eltern vor den Pflichten der Elternschaft verdrängt sind. Es kann auch sein, dass die Kinder mit unbewussten Erwartungen überhäuft werden, ohne dass es den Eltern bewusst wäre. Das Unbewusste der Eltern hat starke Neigungen, das neue Leben den eigenen Zwecken unterzuordnen. Ungelöste innere Konflikte, ungelebte Bestrebungen, unerreichte Ziele und Ideale werden an das Kind delegiert. Das winzige Lebewesen ist ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, das sich als Projektionsfläche für das Unbewusste der Eltern anbietet. Es saugt auf, was ihm eingeflößt wird.

Vielleicht auch wollen die Eltern mit ihrem ostentativen Willkommenheißen des Babys die eigene vorgeburtliche Bindungsunsicherheit kompensieren, sodass dieses dann die Sicherheit geben soll, die ihnen selber in ihrem frühen Leben gefehlt hat. Vielleicht wollen sie dem Kind mitteilen, dass sie es voll und ganz akzeptieren, wie sie es sich selber von ihren Eltern gewünscht haben. Vielleicht wollen sie besonders gute Eltern sein, weil sie aus der eigenen Kindheit so wenig davon mitnehmen konnten. Unzählige Varianten gibt es, die Kinder in den eigenen unbewusst agierenden Lebensplan einzubauen und sie damit für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.


Bedingungsloses Dienen


Was Kinder am Anfang ihres Lebens brauchen, um gut gedeihen zu können und von einem gesunden Fundament aus wachsen zu können, ist die bedingungslose Liebe und Akzeptanz der Eltern: Wir heißen dich genau so, wie du bist, willkommen, und wir wünschen uns, dass du so wachsen und dich entwickeln kannst, wie es deinen Anlagen und deinem Wesen entspricht, und wir versprechen, dich dabei zu unterstützen, so gut wir vermögen. Das ist die Botschaft, die Vertrauen und Sicherheit gibt, die Basis für jede weitere gute Entwicklung.

Frei von eigenen Ambitionen, Erwartungen, Projektionen sollte das Willkommen für ein neues Menschenwesen sein – ein hoher Anspruch. Denn es bedeutet, dass die Eltern, so weit es nur geht, von ihrem eigenen Ego Abschied nehmen müssen, damit dieser Anfang gelingt. Sie sollten über ihre Ansprüche Bescheid wissen. Alles, was sie aus ihrem unbewussten Inneren dem Kind auflasten wollen, sollten sie sich bewusst machen und verabschieden. Denn im Tiefsten will jeder Elternteil, dass sich das eigene Kind frei von Lasten aus sich selbst heraus frei entfalten kann.

Diese Haltung beinhaltet das weitere Programm der Kindererziehung, oder besser: der Förderung und Unterstützung der Kinder bei ihrem Aufwachsen (denn das Wort „Erziehung“ beinhaltet eine vorgegebene Richtung, in die der „Zögling“ gezogen werden soll). Dieses Programm besteht im bedingungslosen Dienen, im Geben ohne Rückversicherung, im Dasein mit und für die Kleinen. Kinder erweisen sich für alles erkenntlich, was sie bekommen, aber oft nicht in der Form, wie es die Eltern erwarten. Im Ganzen gesehen, gleich sich immer alles aus, aber nur, wenn die Haltung, die die Eltern in sich erarbeiten müssen, stimmt.

Der eigentliche Lohn des Elternseins liegt darin, die unvergleichliche Freude, die das neue einzigartige Wesen durch sein Sein als Geschenk anbietet, voll nehmen zu können.

Das meint Khalil Gibran in seinem berühmten Gedicht:


Eure Kinder sind nicht eure Kinder. sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

(Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883-1931)


Lit.: Helga Levend, Ludwig Janus (Hg.): Bindung beginnt vor der Geburt. Mattes Verlag 2011

Zum Weiterlesen:
Der Raub des Selbst

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